Kapitel 7

Auf geheimnißvollen Pfaden flog das Fahrzeug weiter.

Nach unten war nichts zu sehen als ein riesiges Wolkengeschiebe, ein Zug von grauen Ungethümen, die die Erde verhüllten. Die Luft voll Salz.

Grege fühlte sich zum ersten Mal wieder als ganzer Mann, seit er die ihm aufgedrungene Fehde mit den Angelos so tapfer ausgefochten. Es war eine neue Kräftespannung in ihm geboren, er fühlte sich so frei und gehoben.

Hei, das war ein wirkliches Erlebniß, an dem er muthvollen, redlichen Antheil hatte. Den Einen beseitigt, den Andern zusammengehauen, das war ein Weg zur Klärung der dunklen Verhältnisse von Mann zu Mann.

Nun hieß es noch Ausdauer den unsichtbaren Mächten des Luftreiches gegenüber bewähren. Zähe auf der Hut sein! Mit der dumpfen Ergebung und wehmuthsvollen Beschaulichkeit war gebrochen.

Achtung, daß sich kein neues Unheilgespinnst um die Seele legt! Daß der Feind dich nicht mit Ränken umgarnt!

Der gezüchtigte Angelo gewann überraschend schnell seinen Gleichmuth wieder.

An den empfangenen Streichen hatte er einen Maßstab für die Leistungsfähigkeit seines Gegners gefunden.

Das war seine Erleuchtung, daß er an dem Teutamann nicht mehr einen Gefangenen, sondern einen erprobten Gegner hatte.

Mit der Vergewaltigung eines Schwächeren war’s vorbei.

Grege verhehlte sich’s nicht, daß die neue Seite des Lebens in ihrer Mischung von Brutalität und Bosheit, so sehr sie auch allen Lehren und Sitten der Teutaleute daheim wider den Strich ging, ein nicht zu unterschätzendes Gefühl der Frische und Behaglichkeit in ihm geweckt habe. Die Gefahr selbst, die seine Nerven unausgesetzt gestrafft hielt, empfand er als eine Bereicherung seiner Männlichkeit.

Ja, er empfand es als angenehmen Kitzel, seinem Gegner mit scharfgespitzten herausfordernden Fragen auf den Leib zu rücken.

— Möchtest Du’s noch einmal mit mir versuchen? Meinst Du, allein Fäuste und das Recht zu haben, sie gegen den Mitmenschen zu erheben? Meinst Du, daß von Dir zu mir ein anderes Gesetz gilt, als von mir zu Dir?

Und als der Angelo stirnrunzelnd schwieg, fuhr Grege beherzt fort:

— Sag’ jetzt, wie willst Du Dein Verhalten vor mir rechtfertigen?

— Die Antwort eilt mir nicht, entgegnete der Angelo trutzig. Gieb mir von Deiner Speise, wenn Du noch Vorrath hast, der Hunger frißt mich.

Grege fand in seiner Tasche noch einige Surro-Kugeln, davon reichte er ihm eine.

— Da, nimm und wohl bekomm’s! Wir müssen den Rest eintheilen.

— Ich hoffe, daß wir heute noch zu Speise und Trank kommen.

— Warum hoffst Du das?

— Sieh dort hinüber, die lichten Punkte! Wir haben guten Kurs, endlich!

In der That bemerkte jetzt Grege zu seiner freudigen Ueberraschung, daß sich auf der nämlichen Luftlinie in nicht allzu weiter Entfernung zwei andere Fahrzeuge hielten.

— Sobald Anruf möglich, können wir uns Anknüpfung suchen. Geht’s gut, werden wir uns schleppen lassen.

— Und dann?

— Dann kehren wir heim.

— Wie verstehst Du das?

— Wir haben bewohntes Land unter uns. Das Inselreich der Angelos ist nicht fern. Dort ist unser Ziel.

Grege stutzte. Also in’s Land der Feinde, unentrinnbar, in die Gefangenschaft.

— Unser Ziel? Was hast Du mit mir vor? fragte er und faßte den Mann kühn in’s Auge.

— Ich werde Dich absetzen, lautete die Antwort mit gespielter Harmlosigkeit.

— Was heißt das, mich absetzen? Heraus mit Deinem letzten Gedanken!

— Du wirst unser Gast sein.

— Grege schüttelte den Kopf. Alles bäumte sich in ihm auf.

— Und wenn mir das nicht behagt?

— Es wird Dir behagen. Man wird Dich mit offenen Armen empfangen.

— Wenn ich aber nicht empfangen sein will?

— Man wird Dir die Ehre anthun, Dich als ein seltsames Kulturwunder zu feiern. Ist Dir das zu wenig?

Grege sann nach, wie er mit einem schlagenden Wort wie mit einem Hieb die unsichtbare Fessel zu durchhauen vermöchte, an der dieser freche Mensch ihn noch in Unterthänigkeit zu halten wähnte. Aber er fand es nicht. Innerlich stand ihm nur dies fest: keine Ueberrumpelung durfte mehr glücken, keine weitere Entziehung der Freiheit mehr möglich sein, um keinen Preis. Das Entsetzliche durfte sich nicht vollenden.

Endlich sagte er entschlossen: Wenn wir am Lande sind, werde ich frei meiner Wege geh’n, als Niemandes Knecht.

— Vergiß nicht, daß vor Allem noch eine Rechnung zu begleichen ist.

— Was für eine Rechnung?

— Mit einem Kameraden zog ich aus, ohne ihn

kehr’ ich heim. Durch Deine Schuld. Du hast Ersatz zu bieten. Die Rechnung ist einfach.

— Die Rechnung ist falsch! Ich erkenne sie nicht an, der Schuldige bist Du!

— Das wird sich zeigen, ereifere Dich nicht.

Heiß stieg’s in Grege auf. War das nicht empörend, so allen Thatbestand und Sachverhalt zu verkehren und gegen ihn zu wenden? Er der Schuldige, weil er als der Angegriffene in verzweifelter Nothwehr gehandelt?

Aber er fühlte sofort, daß da mit Gründen und Erklärungen nichts mehr zu richten sei. Nur eine That konnte aus dieser ruchlosen Verstrickung retten. Die That des Stärkeren. Nur Gewalt konnte ihm Recht bringen.

Also mußte er der Gewaltthätige sein, wollte er nicht dem Unrecht unterliegen. Das war das Gesetz, das außerhalb der Bannmeile von Teuta galt: Schaffe Dein Recht aus eigener persönlicher Macht, wende Gewalt an!

Nun erst wurde ihm der tiefe Sinn und die unbewußte Verantwortung seiner Flucht aus Teuta klar.

Was hatte ihn gegen die Gemeinschaft der Teutaleute empört, was hatte ihn aus ihrer Gesellschaft in die Flucht gejagt? Ein Gefühl und ein geheimer Bund mit dem Weibe. Jetzt setzte sich ihm in lichte Erkenntniß und Pflichtbewußtsein um, was bisher nur dunkler Drang in ihm gewesen. Jetzt galt’s die Probe auf die Berechtigung seiner Selbstbestimmung.

Seine Flucht vor denen, die hinter ihm sind, verwandelte sich in Kampf gegen die, die vor ihm sind.

Die stille That wird zum hellen Aufruhr, zum lauten Kampf. Nicht mit den Beinen ist die Freiheit zu erlaufen, nicht als Geschenk des Zufalls wird sie eingeheimst. Als Siegespreis will sie erstritten sein.

Grege’s Augen leuchten. Er strich sich die Haare aus der heißen Stirn. Er drückte die Hand auf die pochende Brust.

Er brauchte nur den Arm auszustrecken, so stieß er auf den Feind. Er brauchte nur unbedacht den Rücken zu wenden, so war seine eigene Niederlage besiegelt. Das ganze Luftreich stille, starre, theilnahmslose Natur. Und setzte er den Fuß auf die Erde, so wuchsen ihm zu dem einen Feind eine Legion aus dem Boden.

Sogar daheim fahnden sie nach ihm als Einen, der das Staats-Gesetz gebrochen und den Gesellschafts-Vertrag verletzt.

Das war jetzt sein Weltbild: Feindschaft ringsum. Seine Welterkenntniß: Teuta, aller Weltwirklichkeit entfremdet, vegetirte im Irrwahn. Die Teutaleute spielten eine traurige Rolle in der Weltgeschichte. Sie zehrten vom Gnadenbrot ihrer Nachbarn. Der nächste Sturm konnte das Kartenhaus ihres eingebildeten Glücks über den Haufen blasen.

Er wünschte, das ganz Teuta bei ihm in der Gondel säße und sein Geschick seit dreimal vierundzwanzig Stunden theilte. Diese Lektion könnte genügen. Sogar für die Weisesten im hohen Rath.

— Wie war das mit dem Weibe, Grege? Zogst Du wirklich hinter einem Weibe her, als wir Dich einluden, in unser Fahrzeug zu steigen? fragte der Angelo mit boshaftem Lächeln.

— Habe ich je nach Deinem Weibe gefragt? entgegnete Grege kurz.

— Warum hast Du nicht gefragt? Deiner Wißbegierde sind keine Schranken gesetzt, junger Mann. Willst Du meine Leibspeise wissen? Willst Du den Stand meiner Sippe kennen? Willst Du wissen, woraus ich mein bestes Vergnügen ziehe? Oder interessirt Dich meine Hausnummer? Frage frisch drauf los. Spute Dich. Ich verhehle Dir nichts. Nicht einmal meinen Namen.

— Dein Name ist Schurke! Wie ihn auch Deine Zunge aussprechen möge, Schurke immer und ewig.

— Tobe Dich aus, bevor’s zu Ende geht mit unserer Luftfahrt und Du unter gesittete Menschen kommst, Grege. Wonach gelüstet Dich? Versage Dir nichts, ich bitte Dich.

Grege’s Blicke irrten unstät. Der maßlos kalte Hohn preßte ihm das Herz zusammen. Eine rettende Eingebung, Jala!

Merkte er, wie die Erde näher stieg? Wie auf wenige Hundert Meter eine weite Wiesenlandschaft sich dehnte? Wie ein anderer Geruch die Luft durchdrang, deren Salzgehalt ihm so lange fremdartig die Nase gekitzelt?

Er achtete nicht der halb gierigen, halb befriedigten

Späherblicke seines Feindes. In einem einzigen Gedanken konzentrirte sich ihm Alles.

Ohne den Kopf auffällig zu wenden, hielt der Angelo scharf Auslug und berechnete bereits die Minute und den Platz, wo sich die Landung ermöglichen ließ. Uebermäßig günstig schätzte er zwar den Ort nicht, aber er war geübt genug, alle Vortheile rasch zusammen zu fassen — jedenfalls würde er auch hier Mittel finden, seine Beute auf den Boden und in Sicherheit zu bringen.

Und im feurigen Ueberschlag der Ergebnisse war’s ihm jetzt ein geschäftlich verdammt angenehmer Gedanke, daß er ohne Theilhaber von dem abenteuerlichen Beutezug heimkehrte. So floß der Gewinn ganz in seine eigene Tasche. Die ethnographische Menschengarten-Gesellschaft für vergleichende Rassen- und Sittenforschung mußte ihm sogar noch ein Uebriges zulegen für dieses lang gesuchte vollkommene Teuta-Original in Anbetracht der überwundenen Gefahren. Vielleicht ließe sich auch sonst noch Erkleckliches aus dem Kerl schlagen. Zum Beispiel im aristokratischen Damen-Klub für sexuelle Experimentir-Physiologie und Hypnose. Auch der Sportverein für Züchtung reiner Menschenrassen, dem sämmtliche königliche Prinzen angehörten, könnte für diesen rasseechten Versuchs-Mann interessirt werden. Kurz und gut — Kalkulation und kein Ende.

Da — alle Wetter!

Grege, wie von unsichtbaren Händen hinausgeschleudert, baumelt am Anker.

Eins, zwei, drei liegt er in der geringen Tiefe. Eilig sinkt mit ihm die Erde.

Das Fahrzeug nimmt einen neuen, überraschend schnellen Aufstieg. Jede gesunde Möglichkeit ist vorbei, dem Flüchtling wieder nahe zu kommen. Ihm nachstürzen, wär’ sicherer Todessprung.

— Alle Wetter! Verdammt, verdammt! So als Angelo überlistet und betrogen!