Kapitel 8
Nein, dieser Bim. Teuta hatte noch keinen aufdringlicheren Oberphysikus erlebt. Was ihm nur plötzlich durch’s Gehirn gestiegen sein mochte, daß er jetzt Projekt auf Projekt thürmte? Das ist ja unheimlich. Dieser Narrentanz senilen Ehrgeizes und Erfinder-Wahnsinns. Teuta, ruhig und glücklich, so zu behelligen!
Ao war entschlossen, seine Hand nicht dazu zu bieten. Diese wissenschaftlich-technischen Neuerungen sind gefährlicher Unsinn.
Der Oberpriester warf noch einen Blick auf Bim’s Blätter und Tafeln, dann schob er sie ärgerlich bei Seite.
— Ewig diese sogenannte Wissenschaft! Wird man nie Ruhe vor ihr haben? Hypothetisches Helium, Linie D 3 Sonnenspektrum, Wellenlänge 587,74. Zweimal diese Galgenziffer neben einander. Wo er das nur wieder gestohlen hat! Eine neue Beleuchtung — nein, ich mag nicht mehr. Teuta ist hell genug. Was meinst Du, Minus?
— Zumal jetzt, Ao, wo uns diese Flucht-Geschichte auf den Nägeln brennt. Mir ist wahrhaftig Amt und Leben verleidet. Der ganze Kram ist mir zuwider. Ich kann nicht mehr. Alles bricht mir zusammen.
Ao kniff die wässerigen Augen ein und seufzte:
— Mir auch, mir auch, Minus. Ach, ach, Theuerster!
— Jala ist aus Deiner Sippe. Mit allem schuldigen Respekt, Oberpriester, Herrlicheres habt ihr nie hervorgebracht.
— Sag’ Unglückseligeres. Könnten wir einen Schleier darüber breiten! Wir haben schon so Vieles vertuscht, zum gemeinen Wohl, ließe sich nicht auch dieses vertuschen? Denk’ nach, Minus!
— Wenn uns nicht zugleich dieser Grege abginge. Das Volk ist erregt. Er war sein Liebling. Soundso nährt die Gährung. Er läßt durchblicken, wir hätten diesen letzten königlichen Sproß beseitigt. Und es giebt kein Fest, wenn das Volk nicht dem Grege in’s Antlitz sehen kann.
Ao machte ein bekümmertes Gesicht.
— Können wir für ihn nicht einen Anderen unterschieben? Sag’, Minus, ginge das nicht? Es kommt doch nur auf die Illusion an. Nur auf die Illusion. Auf das Bild, das sich die Leute machen, suggestiv.
— Es giebt nicht seines Gleichen im Lande. Keiner ist so schön gewachsen wie er. Oder weißt Du Einen? Sein still gefaßter Geist ist so harmonisch entwickelt, wie seine Muskulatur. Mag hier ein Wunder der Vererbung vorliegen oder nicht, es ist so. Er überragt. Mag’s zum Grundgesetz unserer Weltgleichheit stimmen oder nicht, die Thatsache ist unfehlbar. Sag’ ich zuviel? Keiner hat seine heldische Würde, seinen Liebreiz, seinen Zauber, Ao. Er und Jala! Ist es nicht wie ein Symbol, daß Beide gleichzeitig verschwunden?
— Laß jetzt Jala aus dem Spiel. Die war keine öffentliche Person, keine Staatseinrichtung, sozusagen, aber Grege, freilich, der war Schauspiel von Staatswegen und Augenweide für Alle.
— Das Volk hatte seinen Narren an ihm gefressen.
— Ja, ja, Minus, das Volk! Es frißt auch wieder an einem Andern seinen Narren. Es will seine Komödie haben, das ist Alles.
— Und eben die spielte ihm Grege mit seinen ausgezeichneten körperlichen Gaben zum Entzücken vor. Die Leute waren aufgelöst in Wonne. Ihr Zwerchfell war erschüttert wie ihr Herz, wenn er in seinem königlichen Komödiantenpomp hervortrat und die höfischen Zeremonien aus der alten Zeit vorspielte. Er war ihr Gott und Fürst und Hanswurst in diesem Augenblick in einer Person. Eine Art künstlerischer Dreieinigkeit zum Gaudium der Massen. Das war sein großer Erfolg. Ich glaube nicht einmal, daß ihm die Sache persönlich Spaß machte. Aber daran liegt nichts. Die schaulustige Menge amüsirte er königlich.
Ao stimmte bei und wackelte mit seinem glänzenden Fettkopfe. Dann flüsterte er mit speckiger Stimme:
— Minus, unter uns: das entscheidet in der Welt, wer der größte Komödiant ist. Der größte Komödiant wird immer das Herz des Volkes für sich haben.
— Das ist das Furchtbare in der Welt, daß sie im Grunde schrecklich und doch ohne Ernst ist. Drum hat auch das lächerliche Wort Uebermensch so viel Glück gemacht. Und das Zarathustra-Fest alle Feste besiegt.
Und Grege alle andern Volksbelustiger in den Schatten gestellt.
— Das Zarathustra-Fest gipfelte in diesem Uebermenschen. Weiß denn Bim nicht Rath?
— Geh’ mir mit Bim!
— Immer quält er uns mit seinen Entdeckungen und Erfindungen. Kann er denn da nichts machen?
— Das ist ja lauter dummes Zeug, was er macht. Du hast’s vorhin selbst gesagt. Linie D 3, Sonnenspektrum, Wellenlinie — läßt sich daraus ein Grege fabriziren, Ao? Oder eine Jala?
— Sprich mir nicht von Jala. Sie gehört nicht hierher. Das ist Deine persönliche Kümmerniß, Minus. Leider. Ein Mann in Deinen Jahren und Würden sollte darüber hinaus sein, erlaube das harte Wort. Ein Weib geht uns, als Gefühlsgegenstand, so wenig an wie das hypothetische Helium.
— Du thust Dich leicht, Ao.
Der Oberpriester blies die Backen auf und machte die Augen rund wie Glaskugeln:
— Das Gesetz ist da. Teutas unverbrüchliches Gesetz: Hänge Dein Herz an kein Weib!
— Soll ich’s an Bims Helium hängen? Das Herz ist eben auch da.
Ao machte sich kleiner und senkte den Kopf zwischen die fetten Schultern.
— Für das Gemeinsame, Minus, nur für das Gemeinsame. Ach, muß ich die Rebellion an den Besten erleben! Zerbrich Dein Herz, Mann vom hohen Rath, fügt sich’s nicht in’s Gesetz!
— Ich bitte Dich, Oberpriester, was redest Du!
— So lange ich das erste Wort im Lande habe, weiß ich kein anderes, darf ich kein anderes wissen. Drücke mich nicht mit Deinem unrechtmäßigen Begehr. Ich kann nicht mehr. In Teuta ist kein Raum für leidenschaftliche Ueberschwänglichkeiten. Darum reinliche Scheidung zwischen Mann und Weib und strengste Regelung des Verkehrs. Keinen Mischmasch der Gefühle. Ich erliege der Last des Regiments, wenn sich solche Dinge häufen. Wie ruhig und glatt ging Alles die vielen schönen Jahre her, und nun auf einmal steigt mir ein Wirrsal um’s andere auf den Nacken. Ach, ach . . . .
— Gut, ich werde ein Ende machen.
— Ja, thue das. Nimm Vernunft an, Du mein Bester. Entsage dem thörichten Weiblichen. Mach’ ein Ende. Du bist zu alt zum Tanzen. Mach’ ein Ende.
— Noch vor dem Zarathustra-Fest.
— Recht so. Noch vor dem Zarathustra-Fest. So bist Du Deiner würdig. Teutaland wird Dir’s danken. Und wegen Greges will ich die Aeltesten vom Festbund vernehmen. Es sind kluge Leute. Die werden uns heraushelfen. Um Jala wollen wir jetzt nicht weiter jammern. Mach’ ein Ende. Mach’ Frieden mit Deinem Herzen.
— Gewiß, das will ich.
— Gut, Minus, ich habe Dein Wort. Nun sollst Du auch wissen, daß Du damit dem hohen Rath einen Stein des Aergernisses aus dem Wege räumst. Kaspe und Titschi hatten Wind von Deiner Sache und
nahmen Anstoß daran. Allerlei Schwierigkeiten, Du verstehst mich.
— Ja, ich verstehe Dich, guter Ao.
— Und nun verlaß’ mich. Morgen wirst Du dem hohen Rath eine Erklärung geben. Ich bin todtmüde. Mich verlangt nach Ruhe. Ganz Teuta peinigt die Sehnsucht nach Ruhe. Dich nicht auch?
— Mich auch. Leb’ wohl, Ao, leb’ wohl.
Minus kämpfte schwer.
Sein Wille wurde, soweit er zurückdenken mochte, seiner Neigungen nicht Herr. Seine Nerven ließen sich nicht an die Ordnung binden. Sein Blut wollte sich keinem Zuspruch fügen. Alles war Widerstreit in ihm, Alles lag sich in den Haaren. Sein Befinden hatte sich dabei bis zur Unerträglichkeit verschlechtert.
Ewig sich selber Feind und Kriegsschauplatz sein und vor der Welt den sanften Meister der geistigen Zucht spielen? Den lächelnden Herrscher, der nur auf Siege blickt und auf Ruhmesbahnen schreitet, während er thatsächlich von Niederlage zu Niederlage taumelt und voll ist bis zum Halse von bitterem Ekel über sich und seine Mitwelt?
Fürwahr, eine plumpe Lügenpeterei war dieses ganze Leben, zu dem er sich als Angehöriger des Teutavolkes verdammt sah. Ein Genist von Ungeheuerlichkeiten der ganze Verkehr von Mensch zu Mensch. Nirgends Zug und Schwung, ein ewiges Hinkriechen und Beiseiteschleichen. Die Dümmsten die Verhätscheltsten, die Aberwitzigsten die Belobtesten.
Und diesen müffigen Lebensbrei auslöffeln, mit zugehaltener
Nase, Tag für Tag, bis endlich die Sickerquelle des Bewußtseins und Begehrens im elenden Hinsiechen sich von selbst verstopft?
Da war noch ein bleicher Schimmer von Glück in einer ungewöhnlichen Holdseligkeit des Weibes. Er ist erloschen. Da war noch eine schwache Betäubung im Verkehr mit den Ausnahmegeistern der Vergangenheit. Gespensterspiel, nichts weiter. Was blieb? Nichts, was die Persönlichkeit über den Verdruß mit sich selbst hinaushebt. Nichts, was zu einer äußersten Kraftprobe befeuert. Nichts, was die verpönten Laster Verachtung, Zorn, Haß, Rache zu geheiligten Tugenden umwandelt. Eine einzige Nichtigkeit Alles. Und nun schleicht das Alter heran, die Verstumpfung der letzten kümmerlichen Daseinsreize, die Verzweiflung, die nicht einmal sich selbst mehr ernst nehmen kann.
— Minus, verkadavere Dich, endgiltig, bevor es zu spät ist. Sogar der hohe Rath, der lächerliche hohe Rath, hat Wind . . .
Sein Auge glühte, sein Gesicht bedeckte tiefe Blässe.
Sein Fahrstuhl hielt vor der Thür seines Gemaches. Wie ein Schatten war er durch die lange Kreisbahn gehuscht, die aus der Tiefe der Beamten-Region zur oberen Schicht führte. Hier lag die Wohnung im neunundneunzigsten Bezirk, dicht an der Grenze der Männerhauptstadt.
Eine Mauer mit vielen Thoren, die mystische Inschriften trugen — wie: Wille zur Macht, Selbstverneinung, Bejahung des Lebens, Nullpunkt der Gefühle, Schwelle des Unbewußten — trennte die Männerhauptstadt
vom Jenseits der Frauenhauptstadt. Denn das war der Triumph der moralischen Entwickelung in Teuta: Anerkennung der Gleichheit in der Trennung, Freiheit in der Bethätigung des Sonderwesens als Gattung, Mechanisirung der Empfindung bis zur Vernichtung der persönlichen Wahltriebe.
Vom Diesseits der Männer zum Jenseits der Frauen waren die Verkehrswege streng geregelt. Es gab offene Zeiten und geschlossene Zeiten.
Jetzt war geschlossene Zeit. Drum fiel es Minus auf, daß eine vermummte, zierliche Gestalt, aus dem Jenseits kommend, in später Nacht, ohne Fahrzeug sich herübertastete, mit kleinen, unsicheren Schritten, im Schein des verminderten Lichts.
— Wer da? rief Minus und öffnete seinen Mantel, um durch seinen purpurnen Talar als Mann vom hohen Rat sich auszuweisen und in Respekt zu setzen.
Die zierliche Gestalt schlug die Kapuze zurück und erwiderte lächelnd:
— Soundso grüßt Minus, Hoheit.
— Ach, Soundso, Du, auf Schleichwegen?
— Auf Schleichwegen, ja, wenn Du willst. Im Späherdienst.
— Kehr’ ein bei mir, auf eine Minute. Du bist mir ein willkommener Zeuge.
— Wenn ich dienen kann, gern, auf eine Minute. Kaspe erwartet mich, bei Titschi.
— In diplomatischer Sendung versäumst Du auch bei mit Deine Zeit nicht. Du kannst dann übrigens den Hoheiten Schönes von mir melden.
Beide traten ein. Ein weites Gemach, durch verstellbare Schirmwände in mehrere kleine Räume geteilt, empfing sie. Minus bewegte mit dem Fuß einen Knopf am Boden, sofort ward milde Dämmerung.
— Laß Dich hier nieder, Soundso, Du wirst ermüdet sein.
Minus ging bis zur nächsten Abtheilung.
Von dort aus führte er, ungesehen, das Gespräch.
— Darf ich Mitwisser sein, Soundso?
— Bis zu einem gewissen Punkt, gewiß! antwortete Soundso, den Flüsterton etwas erhöhend.
— Bist Du durch das Thor des siebenfachen Schweigens gegangen?
Soundso blieb stumm.
— Und durch das Thor der sieben Seligkeiten?
Soundso seufzte wollüstig.
— Sahst Du auch die Ecke links vom Thor zum süßen Salböl, wo die apokalyptischen Leuchter stehen?
Soundso schnalzte leise mit der Zunge: Ich habe den Kopf durchs Gitter gesteckt, das Thor war verschlossen und Blut auf der Schwelle.
— Die alte, ewig junge Geschichte. Ach, glückliche Jugend . . . . Und hat das Mondlicht Dich wonnig umflossen?
Soundso schwieg, erinnerungstrunken lächelnd. Wenn der Esel Minus wüßte . . .
— Also reden wir vom Dienst, Soundso. Ist Dir’s gefällig?
Soundso räusperte sich. — Kann ich leise sprechen, hörst Du?
— Ich verstehe Dich gut. Wem galt Deine Auskundschaftung?
— Einer Entwichenen. Einer Künstlerin der schön gemessenen Bewegung . . .
— Wenn Du den Namen verschweigst, denk’ ich an Jala. Einverstanden?
Soundso schwieg. Er zog die Kapuze wieder über, bis an die Stirn.
— Hat man Spuren? Nähere Umstände?
— Man weiß den Tag und vermuthet die Richtung.
— Die Richtung des untergehenden Gestirns. Ist’s so?
— Du sprichst im Bilde, Minus.
— Und sonst? fragte Minus mit merklich erregter Stimme.
Soundso schwieg.
— Hat man Hoffnung auf Wiederkehr?
— Einer ist mit ihr gegangen, Einer ist geblieben.
— Schließt das die Hoffnung aus? Ist der Gebliebene verdächtig? Möchtet ihr seiner los sein?
Soundso schwieg.
Lauschende Stille. Soundso glaubte, Minus athmen zu hören.
Die Pause verlängerte sich.
Soundso schlug die Kapuze zurück. Ein kaum vernehmbares Geräusch wie von sich entfernenden schleichenden Schritten.
Dann stockendes Leben in vollkommener Ruhe. Soundso hörte nur noch seinen eigenen Athem.
Schwül beklemmender Duft dickte die Luft.
— Minus, ich denke die Audienz ist zu Ende. Entlasse mich mit gütigem Gruß, bitte.
Eine Weile tödtliche Stille.
— Grüße Du mich! kam es verröchelnd aus dem Hintergrunde.
Soundso verzog das Gesicht. Das ist mir schlechter Geruch und unerfreulicher Ausgang, dachte er.
— Aber man kann ja sehen, sagte er halblaut und machte wenige Schritte gegen den Hintergrund.
— War das Dein letztes Wort, Hoheit? rief er stehen bleibend. Kann ich mich zurückziehen?
Es ward ihm keine Antwort.
Im Umdrehen kam er mit dem Fuß an den Knopf am Boden.
Plötzlich stand er im Dunkeln.
— Ich bedanke mich, der Narr eines Verrückten zu sein, ich werde meine Maßregeln ergreifen, daß mir Keiner zuvorkommt, murmelte er. Jeder geht seine eigenen Wege schließlich.
Und er tastete sich schleunig zum Ausgang. Er glaubte genug zu wissen. Und er versprach sich Nutzen von diesem Wissen.