Kapitel 9
Der Oberpriester hatte sein Schläfchen genossen. Ganz so erquickt wie sonst fühlte er sich nicht.
Er rieb sich die Augen und die brummenden Unterschenkel. Er schien nicht ganz bequem gelegen zu haben. Dann wischte er sich die Mundwinkel aus, die im Schlafe stets ein wenig geiferten.
Ja, ja, so ein Schläfchen, das ist doch das Beste. Man ist wie im Paradiese. Nun heißt es wieder an die rauhe Wirklichkeit denken und die Sorgen des Amtes herantreten zu lassen, eine nach der andern.
Was denn zunächst? Ja, was denn? Und er sann. Da drohte ihn noch einmal der Schlummer zu überfallen. Die dicken Augenlider wollten nicht halten. Ach, das viele Denken.
Er ächzte. Er gähnte und ächzte wieder. So ein oberstes Wächteramt, das lastet schwer, selbst auf den Stärksten. Diese ganze Menschheit zu behüten vor Schwankungen und Störungen ihres Glückes, daß Alles stets seinen rechten Weg gehe, daß die Maschine nicht nothleide — das strengt an, kein Wunder. Und als Aufseher der Aufseher, in dieser etwas bunten Mischung der Charaktere, da galt es doppeltes Gehirnschmalz aufwenden, wenn Alles klappen sollte. Und
das war sein Ehrgeiz, daß unter seinem Regiment Alles schön klappte.
Bis jetzt, in allen Hauptsachen wenigstens, klappte Alles. Dies Verdienst konnte ihm Niemand schmälern. O, er verstand zu führen, zu richten und zu schlichten.
Und er gähnte und lächelte. Eine Ehrentafel war ihm sicher. Eine glänzende Ehrentafel. Keinem seiner Vorgänger stand er jemals nach, keinem. Bei der nächsten Wahl wird man ja sehen. In ganz Teuta findet man keinen Besseren. Da können sie in alle Winkel leuchten.
Was denn nun zunächst? Und er kämpfte einen neuen Gähnanfall muthig nieder.
Eine feine Klingel ertönte, musikalisch abgestimmt, in rhythmisirter Kadenz. Eine ganze Arie.
Ao wälzte sich in Positur.
Er spitzte die Ohren. Er las die Klänge, ohne sie sich zu übersetzen. Sein Gehirn arbeitete noch ganz wunderbar mechanisch.
— Titschi will mir seinen Soundso zu einer Meldung schicken. Ach so. Die Geschichte mit Minus, Grege und so weiter. Nein, jetzt nicht. Ich will erst die Aeltesten hören, die guten, klugen, vergnügten Leute vom Festbund. Titschi ist ja eine gewiegte, zuverlässige Kraft.
Er bewegte sich auf seinem schwingenden Polster an den kleinen Mitteltisch mit dem Tastwerk.
— Titschi ja, aber mit seinem Soundso soll er mir vom Halse bleiben.
Er nahm seine Amtsmiene an und ließ seine dicken Finger würdevoll auf den Tasten spielen.
— So, jetzt kann’s losgehen. Minus interessirt mich jetzt nicht, er soll mit sich selbst fertig werden. Grege und Jala, was sie nur forttrieb? Besser finden sie’s doch nirgends. Aber wo der tolle Eigenwille anfängt, da ist kein Halten mehr.
Wieder ertönte eine Klingel. Diesmal für den Hör- und Sprechapparat.
— Na, na, na. Das ist ja keine Musik, das ist Sturmläuten. Was? Minus ist mit sich fertig geworden? Um so besser. Hab’s ihm eindringlich genug gerathen. Ueber das Weitere kann er mir morgen persönlich Bericht erstatten. Ich lasse Minus grüßen.
Er machte eine Pause, sich von der Anstrengung ein wenig zu erholen.
Dieser Minus, so stolz und eigenwillig, wahrhaftig, das war ein schmeichelhafter Erfolg für die Beherrschungsgabe Aos: Minus nimmt Vernunft an, Minus bringt dem oberpriesterlichen Hüter der Gesetze ein Herzensopfer!
Ao lächelte und tippte mit dem kleinen Finger auf eine zierliche Flasche. Sofort antwortete ein duftiger Sprühregen. Ao hielt seine Glatze vor, das flüssige Aroma aufzufangen. Das süße Bad floß ihm über Stirn und Nase.
— Aber, aber! Schon wieder? Ich kann nicht mehr, die Aeltesten erwarten mich im Berathungssaal. Wie? Falsch verstanden, ich? Minus — was? Feierlicher Abgang, eigenhändig? Das wär’ gegen alle Verabredung.
Soundso bezeugt’s? Dabeigewesen? Das lass’ ich mir doch nicht aufbinden. Hat keine Wahrscheinlichkeit für sich. Minus wird den Soundso als Augenzeugen zu sich einladen, um diesem vorwitzigen Jüngling so etwas vorzumachen, Verzeihung, Titschi, das glaubt Dein Scharfsinn selbst nicht. Wie? Bis morgen. Der Irrthum wird sich aufklären. Ich hab’ jetzt wirklich an Anderes zu denken, wie gesagt, Die Aeltesten erwarten mich. Ich kann mir nicht Alles durcheinander bringen lassen. Eins nach dem Andern. Also bis morgen. Schluß.
Ao zog sich die Hörröhrchen aus den Ohren. Gut, nun würde er morgen Gelegenheit haben, diesen aufdringlichen Soundso einmal gründlich aufsitzen zu lassen. Der blinde Uebereifer verdient die Lektion.
Mit liebevoller Umständlichkeit ordnete der Oberpriester seinen weitläufigen Leib in die Polster des Fahrstuhls, drückte auf eine Klappe, schloß die Augen und ließ sich in sanftem Gleiten in den Berathungssaal befördern.
Die Aeltesten waren bereits zur Stelle. Sie hatten sich inzwischen die Zeit mit der gelehrten Untersuchung einer Frage vertrieben, die jüngst ein spitzfindiger Schüler aufgeworfen: Wenn ein Gesetzesbeschluß zu Stande käme, daß die Teutaleute statt zu gehen auf allen Vieren kriechen müßten, wie lange bliebe dies ruhig geübtes Recht? Und sie kamen überein, daß sich der Zeitraum nicht übersehen ließe. Die heilige Macht des Gehorsams wäre stark genug, eine Gewohnheit zu schaffen, daß die herrlichen Teutaleute schließlich nur
mit neuem Zwang davon abzubringen wären, auf allen Vieren zu kriechen. Es läge sicher ein wonniger Reiz in dem Bewußtsein jedes richtigen Teutamenschen, eine gesetzliche Bewegungsart zu pflegen, die von keinem anderen Volke angenommen wäre. Bei festlichen Aufzügen könnte das Kriechen vor dem Gehen überdies ungewöhnliche Pikanterien voraushaben und die positiven Lustgefühle vermehren. Aus diesem Grunde habe man schon im deutschen Alterthume, wie zuverlässige Sagen melden, sogenannte Spring-Prozessionen gehabt, das heißt religiöse Aufzüge, die nicht feierlich geschritten, sondern gehüpft wurden. Dergleichen auf allen Vieren zu machen, sei aber entschieden noch sehr viel aparter und anregender.
Plötzlich war Ao hereingehuscht.
Die Aeltesten verneigten sich. Ihr Sprecher begann:
— Deine Hoheit hat gewünscht, uns hier zu sehen. Wir sind zur Stelle.
— Seid gegrüßt, Freunde! Wählt Euch bequeme Plätze, der Anlaß unserer Begegnung zwingt uns wohl zu längerer Unterredung. Euer Befinden ist gut?
— Wie das ganz Teuta’s. Das Volk ist glücklich. Es sieht unserem schönsten Feste mit gehobenem Gemüthe entgegen.
— Und doch scheint mir diesmal nicht Alles in glatter Ordnung, und die Vorbereitungen zum Zarathustra-Feste erfüllen mich mit einiger Sorge. Drum ließ ich Euch hierher bitten.
Wieder verneigten sich die Aeltesten. Ihr Sprecher
tauschte mit ihnen einen orientirenden Blick, dann nahm er, als Ao nachsinnend schwieg, das Wort:
— Von unserer Seite wurde nichts versäumt, dem Feste den gewohnten Glanz zu bewahren. Wir haben vorhin sogar eine kleine Neuerung erwogen, die eine pikante Abwechslung in die Sache zu bringen nicht ungeeignet sein dürfte.
— Beim großen Mysterium, liebe Freunde, sprecht mir nicht von Neuerungen, noch von Pikanterien. Nur das bewährte Alte hält uns auf der Höhe. Im Neuen liegt meist eine Gefährdung der Sicherheit. Nur nichts, was unsere gewohnte Ruhe erschüttern könnte, ich beschwöre Euch. Stört die anmuthigen Kreise des Ueberlieferten nicht in unserem Staate.
Der Sprecher lächelte und blickte auf die Spitze seines vorgestreckten, leise wippenden Fußes.
Ao folgte seinem Blick und sein Auge haftete mit Ueberraschung an dem leise wippenden Fuße. Nun sahen auch die Uebrigen forschend auf den nämlichen Punkt.
— Ei, ei, ich gewahre eine Spitze, wo männiglich seither eine Rundung zu sehen die liebe Gewohnheit hatte. Seit wann trägt man denn die Fußbekleidung gespitzt?
Alle neigten die Köpfe und blickten schärfer hin. Richtig, der Sprecher trug Filzschuhe wie alle Welt in Teuta, nur erschienen sie, abweichend vom allgemein üblichen Muster, nach vorn weniger gerundet, als vielmehr in einer Spitze verlaufend. Und die Aeltesten, mit Ausnahme des Sprechers, nickten dem Oberpriester
beifällig zu, seiner außerordentlichen Beobachtungsgabe ihre Bewunderung auszudrücken.
— O, ich bitte, es ist nicht der Aufmerksamkeit werth, kam es entschuldigend von den Lippen des Sprechers. Es ist nichts, als ein Versuch, mir mit dem Fuße das Tasten zu erleichtern. Meine Zehen sind seit einem kleinen Unfalle etwas empfindlich geworden, und die Jahre haben das Licht meiner Augen geschwächt.
— Es handelt sich also um keine absichtliche Neuerung im Schuhschnitt, mein Freund? Um keine eitle Modelaune, die von unseren Gesetzen, wie Ihr Alle wißt, verpönt ist?
— Keineswegs, Hoheit. Wie sollte ich mir in meinen alten Tagen solche Extravaganzen erlauben, die dazu noch gegen das gemeine Gesetz verstoßen! Nein, nein, nein, Hoheit. Nur aus persönlicher Nothdurft hab’ ich mir diese Abweichung gestattet.
Ao nickte befriedigt, und die Aeltesten nickten befriedigt mit.
— Du wirst wieder zur runden Form zurückkehren, sobald Deine Zehen gekräftigt sind? fragte Ao liebreich.
— Gewiß, das werde ich.
— Gut, ich habe Dein Wort. Und nun laßt uns, nach diesem glücklich erledigten Zwischenfall, unserer Tagesordnung die gebührende Aufmerksamkeit zuwenden.
Die Aeltesten legten sich in ihre Polster zurück.
— Wie gesagt, meine Freunde, die Vorbereitungen zum Zarathustra-Feste, die Eurer Obhut vom Volke
unterstellt sind, erfüllen mich, gelinde ausgedrückt, mit einiger Sorge.
Alle schwiegen ein wenig beklommen, denn der Ton des Oberpriesters schien wirklich überraschende Dinge von zweifelhafter Annehmlichkeit anzukündigen. Auch war’s, als suche er mühsam nach dem Worte.
— Wir werden nichts versäumen, Deine Sorgen zu zerstreuen, oder, sollte uns dies nicht gelingen, sie Dir tragen zu helfen, unterbrach der Sprecher die Stille. Denn die Miene des Oberpriesters machte den Eindruck, als ob er das rechte Wort immer noch nicht gefunden habe.
— Es ist mir in der That diesmal nicht leicht, meine Freunde, Euch die Sache so vorzutragen, daß Ihr sofort und ohne Beängstigung ein klares Bild von der Lage bekommt, in die uns ein noch nicht genügend aufgeklärtes Ereigniß versetzt hat.
— Ein Ereigniß? Ein uns noch unbekanntes Ereigniß? In unserem still geordneten, glücklichen Teuta? fragten vier Stimmen durcheinander.
Die Aeltesten blickten ahnungsvoll vor sich hin.
In diesem Augenblicke ertönte der Silberton der Klingel.
Der Oberpriester setzte die Hörröhrchen ein und lauschte lange mit gesenktem Kopfe.
Endlich seufzte er auf:
— Zwei Ereignisse.
— Zwei sogar? Das ist viel auf einmal.
— Fast zuviel, meine Freunde. Ich bitte um Eure Diskretion. Es stehen hohe Dinge auf dem Spiel.
Nun will Alles doppelt sorgsam überlegt und behandelt sein. Kommt näher, seid gefaßt, wir werden gleich sehen.
Seiner Handbewegung folgend, schwangen sie sich näher, Allen voran der Sprecher, so daß sie von hinten um den Oberpriester gruppirt mit diesem zugleich in den Spiegel des Fernsehapparates blicken konnten.
— Geduldet Euch, das Bild wird gleich erscheinen.
Alle starrten auf den Spiegel, dessen leere blitzblanke Fläche sich allmählich mit den Zügen eines Menschengesichtes zu beleben begann, bis das Bild mit fast plastischer Deutlichkeit den Rahmen füllte.
— Ein Todtenantlitz! rief der Sprecher. Ein Todtenantlitz, fürwahr, täuschen mich meine schwachen Augen nicht.
— Sie täuschen Dich nicht. Seht Ihr, meine Freunde? Kennt Ihr ihn?
— Minus? fragte Einer verzagt. Ist’s nicht Minus?
Und wie aus einem Munde, Alle zugleich: — Minus!
— O weh! Dann müssen wir das Fest absagen. Trauer im Volke läßt kein Freudenfest zu! entfuhr’s dem Sprecher in der ersten Erregung.
— Das wäre die beste Lösung, dachte Ao, halblaut murmelnd, und warf dem Sprecher einen dankbaren Blick zu.
Aber der Anblick des Todtenantlitzes hielt die Aeltesten noch gebannt.
— Minus vom hohen Rath! bemerkte der Eine mit kläglicher Stimme. Man sieht’s ihm gar nicht an.
— Ja, man sieht’s ihm gar nicht an, wiederholte der Zweite.
— Wahrhaftig, Du hast recht, fiel der Dritte ein.
— In der That, es ist so, der Vierte.
— Ich bitte Euch, meine Freunde, was meint Ihr? Was ist in der That und wahrhaftig so, daß man’s ihm gar nicht ansieht, unserm Minus vom hohen Rath? Sprecht Euch deutlicher aus, was meint Ihr? Sprecher, sprich Du, was meint man? Ist Euch etwas kund, das mir verborgen geblieben? Wißt Ihr eine besondere Ursache seines plötzlichen Todes? Sprecht Euch umständlich aus, ich bitte Euch. Er rührt sich nicht mehr, er sieht und hört Euch nicht mehr. Sein schönes, kluges Antlitz starr und bleich wie Wachs, und einst in der sprudelnden Lebhaftigkeit seiner Einfälle so beweglich.
— Beweglich, das ist das Wort, Hoheit, athmete der Sprecher auf.
— Beweglich! fielen die Anderen mit eindringlicher Betonung im Chore ein. Beweglich!
Ao bewegte die Hand, das Bild im Spiegel verschwand.
— Beweglich? Ihr sprecht in Räthseln, Freunde.
— Er galt doch als der Beweglichste im hohen Rath? fragte der Erste, seine Mitältesten der Reihe nach anblickend.
— Das war im Volke sein Ruf, Hoheit. Minus galt als der Beweglichste, bestätigte der Sprecher mit Kennermiene.
— Als der Beweglichste im hohen Rath, intonirte der Chorus zur Bekräftigung.
— Soll damit eine Kritik ausgesprochen sein? fragte der Oberpriester, seine Stimme erhöhend, daß sie scharf und spitz klang.
— Mit Verlaub, Hoheit, Beweglichkeit ist an und für sich wohl nichts Kritisches, begann der Sprecher und ließ durchmerken, daß in dieser plötzlich sich aufbauenden Diskussion die weisen Aeltesten so gut ihren Mann zu stellen fähig wären, wie irgend einer vom hohen Rath.
— Unser Sprecher drückt unser gemeinsames Empfinden aus, Beweglichkeit ist an und für sich nichts Kritisches.
— So lange der Gegenstand nicht kritisch als ein kritischer festgestellt ist, auf den sich die Beweglichkeit bezieht, erklärte der Sprecher mit einer Deutlichkeit, die von seinen Mitältesten als äußerste in diesem Augenblick erlaubte Grenze des Aussprechbaren empfunden wurde.
— Diese Feststellung steht heute wohl nicht auf der Tagesordnung, lenkte der Zweitälteste ein.
— Es stände uns auch nicht zu, diese Feststellung festzustellen. Wir sind kein Todtengericht. Wir sind die Vertreter vom Festbunde, bemerkte der Sprecher wie zur Selbstbelehrung.
Endlich griff Ao wieder ein, nachdem er schnell die eigenthümliche Stimmung, die ihm befremdend aus den versteckten und doch so hartnäckigen Wechselreden der Aeltesten entgegenschlug, sich deutlich zu
machen versucht hatte. Er fühlte, daß das Ueberraschende des Ereignisses geeignet sein mußte, die Leute zu plötzlichen und unüberlegten Gefühlsausbrüchen zu drängen. Mit ruhiger Güte und Geduld war daher der Wurzel dieses sonderbaren Verhaltens wohl näher zu kommen.
— Ihr seid mir als liebe, kluge, verständige Leute bekannt, ich begreife, daß Euch das plötzliche Ableben eines so hohen und verdienten Vertreters unseres Volkes erregen muß. Wer schätzte Minus nicht, den geehrten Meister und Hüter des Wortes und des Geistes, der im Worte wohnt? Den Verwalter und Aufseher unseres heiligen Sprachschatzes? Wer liebte ihn nicht? Und jetzt ist er todt. Nicht wahr, meine Freunde, wer liebte ihn nicht?
— Und wen liebte er nicht, nicht wahr, Hoheit? Er war so beweglich, der gelehrte Minus.
Schon wieder dieses thörichte, aufreizende Wort.
— Beweglich? Im Angesichte des Todes frag’ ich Euch, wollt Ihr mit der Sprache herausrücken oder nicht?
Der Oberpriester sprach langsam, mit vibrirender Stimme und gab seinem Gesicht einen ungewöhnlichen Ausdruck erhabener Würde.
Das schien zwar den Aeltesten nicht übermäßig zu imponiren, doch konnten sie sich des Gefühls nicht erwehren, daß jetzt wohl nicht der geeignete Augenblick und hier auch nicht der rechte Ort sei, ihre versteckten Angriffe gegen den verstorbenen Minus fortzusetzen. Es mußte also ein Abschluß gefunden werden.
— Nun, Sprecher, führe Deine Sache offen! fuhr der Oberpriester fort.
— Minus hat sich einen hohen Ruf in seinem Amte erworben. Neben seinem Amte pflegte er jedoch Liebhabereien, die im Volke nicht immer günstig beurtheilt wurden. Aus der Frauenstadt sind oft seltsame Gerüchte über seine dortigen Besuche zu uns gedrungen. Beweglich war er in seinen Neigungen, schroff, wenn ihm eine Herzensgeschichte nicht nach Wunsch glückte. Das, Hoheit, ist die Meinung im Volke. Anderes wollten auch meine Mitältesten nicht andeuten.
— Habt Ihr Beweise?
Der Sprecher, die ermuthigenden Blicke seiner Mitältesten gewahrend, nahm sich kein Blatt vor den Mund.
— Hoheit, Beweise? Es kommt darauf an, was man als Beweise gelten lassen will. Zum Beispiel geht seit einigen Tagen das Gerücht, Minus habe eine Person aus der Frauenstadt an sich gelockt und für seine Privatzwecke versteckt. Jedenfalls ist die Person seitdem nicht mehr zum Vorschein gekommen. Du selbst, Hoheit, kennst die Person.
— Ich kenne keine Person, auf welche diese Andeutung paßt.
— Dann kennst Du Jala nicht?
— Jala? Was geht Euch Jala an?
— Jala, die Tänzerin, geht uns so viel und so wenig an, wie jedem Unbetheiligten an der Geschichte. Aber Thatsache ist, daß Jala verschwunden ist. Und
Volkes Stimme sagt: Minus’ Hand hat sie verschwinden gemacht. Sein Zauber hat sie beseitigt.
— Ebenso gut könntet Ihr behaupten, Minus habe Grege beseitigt. Denn auch Grege ist verschwunden.
— Wer? riefen Alle zugleich. Grege? Die Hauptperson unseres Zarathustra-Festes? Der unvergleichliche Uebermensch?
— Jawohl, Grege ist vom Schauplatz verschwunden.
Erst ging ein lebhaftes Murmeln und Geberdenspiel durch die Gruppe der Aeltesten, dann aber trat der Sprecher mit dem entschiedenen Worte auf:
— Fehlt uns Grege, so hat auch ihn Minus beseitigt. Minus hat ihn gemeuchelt.
Und die Anderen unterstützten ihn mit dem einhelligen Ruf: Das ist Minus’ Werk! Keiner ist listiger, als er.
Ao war außer sich. Sind das die guten, klugen, vergnügten Aeltesten vom Festbund? Das sind Empörer, Verleumder, Verschwörer. Aber er nahm all’ seine Kraft zusammen. Wenn je, so galt es jetzt, den Leuten Ueberlegenheit zu zeigen und sich die Zügel nicht entschlüpfen zu lassen. Das war ja einfach unheimlich, dieses Aufbäumen, diese Selbstherrlichkeit, dieses Losgehen auf eigene Faust. Wo wollte denn das hinaus? Was war in der Welt von Teuta vorgegangen?
Der Berathungssaal mit seinem gedämpften Licht, seinen stillen, tiefen Farben, seiner ruhigen, milden
Luft hatte selten so viel Aufregung zu schlucken gehabt, wie heute.
Von der Decke, aus den Ecken, aus jeder Falte der Tapeten und Teppiche schien dem Oberpriester der Widerhall des Widerspruchs in die Ohren zu klingen. Schlechte Musik fürwahr.
— Habt Ihr Euch ausgetobt, meine Freunde? Seid Ihr im Stande, ein Wort aus weisem Munde zu vernehmen?
Da hob der Sprecher an: Wer tobt hier, Hoheit? Man ruft uns hierher und tischt uns die unglaublichsten Ereignisse auf. Das Zarathustra-Fest steht vor der Thür, und wir haben seinen geheiligten programmgemäßen Verlauf zu verantworten, wie alljährlich. Minus ist aus dem Lande der Lebendigen geschieden und mit ihm Jala und Grege. Wie wollen wir da Feste feiern? Wie wollen wir uns vor dem Volke verantworten?
— Begreift Ihr denn nicht? Darum hab’ ich Euch ja berufen lassen, daß wir uns über den planmäßigen Festverlauf verständigen, in dieser wirrsalreichen Zeit. Das Volk soll sein Fest und seine ungeschmälerte Freude haben. Mehr denn je brauchen wir öffentliche Heiterkeit. Es war des edlen Minus letzter Gedanke, dem Volke ein Freudenbringer zu sein. Ihr verkennt ihn, liebe Freunde, Ihr mißdeutet seine Handlungen. Freiwillig ist er aus dem Leben gegangen —
— Freiwillig? Ist das möglich? Freiwillig einer vom hohen Rath?
— Jawohl, staunt, freiwillig ist er aus dem Leben gegangen, damit der störenden Reden ein Ende werde. Er hat sein Leben seinem geliebten Volke zum Opfer gebracht, damit neue Freuden daraus erblühen.
Der Sprecher rückte einen Schritt zurück. Dann begann er kopfschüttelnd:
— Wir fassen das nicht. Sein Tod macht das schönste Fest zur Unmöglichkeit, denn er hat nicht nur den Zwang zur Trauer im Gefolge, er hat auch das Wiedererscheinen Greges und Jalas vernichtet. Wo sollen wir die Verschwundenen suchen, vorausgesetzt, daß sie überhaupt noch am Leben sind? Oder sollen wir für das Fest anderweitig Ersatz schaffen?
Ao athmete auf.
— Ich danke Dir, Sprecher. Das ist das Problem. Du hast den Kern der Sache getroffen. Nun können wir rasch vorwärts schreiten in der Verständigung. Erstens: Ist das Fest möglich, wenn wir den Tod des edlen Minus geheim halten? Außer Titschi und Soundso haben wir zunächst keine Mitwisser. Und das sind Meister der Diplomatie. Zweitens: Wißt Ihr Ersatz für Grege? Denn Grege ist verschwunden, ohne das nachweisliche Verschulden des Minus.
Die Auseinandersetzung des Oberpriesters wurde abgebrochen durch erneutes lebhaftes Ertönen der Klingel.
Kaspe, der Oberrichter meldete sich. Er habe mit Ao dringend zu sprechen. Die Späher hätten wichtige Nachrichten gebracht. Es bestehe gegründeter Verdacht,
daß Soundso den Tod des Minus herbeigeführt. Soundso sei zur kritischen Stunde beobachtet worden, wie er unter erschwerenden Umständen das Gemach des Minus verlassen. Soundso habe zweifellos ein Verbrechen begangen in der Absicht, das Zarathustra-Fest zu stören und das Volk gegen den hohen Rath aufzuwiegeln.
— Ich bitte Euch, liebe Freunde, wo steht mir der Kopf? jammerte der Oberpriester.
— Da ist eine Schraube im Weltmechanismus los, rief ein Aeltester.
— Dergleichen Dinge sind unerhört, einfach unerhört, fiel entrüstet der Sprecher ein. Der Glanz Teutas trübt sich.
Kaspe erschien, schmächtiger als je, fieberhaft aufgeregt.
— O, Du Unglücksbote! wimmerte ihm der Oberpriester entgegen. Beim heiligen Mysterium, wer bringt Ordnung in diese tolle Welt? Ich weiß nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Und diese guten Leute wissen es auch nicht. Oberrichter, Kluger der Klügsten, konntest Du nicht vorbauen?
— Was verlangt Ihr nicht Alles von meiner Wenigkeit. Ich thue, was meines Amtes ist. Die Ereignisse dieser Tage entzogen sich menschlicher Berechnung. Meine Häscher sind ausgesandt, Soundso aufzujagen und zu fangen.
— Ist denn der auch fort? fragte der Oberpriester bestürzt.
Kaspe nickte. Man wisse noch nichts Genaues.
Jedenfalls halte er sich versteckt. Titschi selbst habe ihn seit der Todtmeldung des Minus nicht mehr gesehen und vergeblich allerorts nach ihm gefragt. Seine Spur verliere sich in der Frauenhauptstadt, wohin er sich in Verkleidung begeben habe. Das sei die letzte sichere Nachricht, die man über den Verdächtigen erhalten.
Die Aeltesten steckten in heimlichen Reden die Köpfe zusammen.
Dann müsse man sich an Titschi halten. Der sei unter allen Umständen für seinen Gehilfen haftbar, meinte der Oberpriester. Sofort müsse er eingeladen werden, hier zu erscheinen. Und der Oberpriester ließ seine Hand auf dem Tastwerke spielen.
Ob ihre Anwesenheit jetzt noch nothwendig sei? fragte der Sprecher im Namen der Aeltesten. Ob man sie nicht zu einer späteren Stunde wieder herbescheiden wolle?
Ao antwortete nicht. Er lauschte mit eingesetzten Hörröhrchen.
— Wir müssen wegen des Zarathustra-Festes zu einem Beschlusse kommen, meine Freunde, verweilt noch.
— Wegen des Festes? zirpte Kaspe. Da ist nicht viel zu beschließen, dünkt mich, Hoheit Operpriester. Wir verkündigen dem Volke stille Zeit und verschieben das Fest. Von Staatswegen, Punktum.
— Das war auch mein erster Gedanke, bemerkte der Sprecher bescheiden. Und meine Mitältesten theilen ihn. Nur können wir die Verantwortung nicht tragen.
Das Volk erwartet von uns Vergnügen, nicht Entsagung und Trauer.
— Das Volk! Das Volk! zirpte Kaspe mit bitterem Lächeln. Soll’s das Volk besser haben, als wir vom hohen Rath? Das Volk wird sich in seine Rolle finden müssen, wie wir uns in die unserige finden. Suggerirt ihm das Zweckentsprechende, und es wird sich zufrieden geben. Es empfindet weiß oder schwarz, je nachdem es ihm vorgestellt wird.
Titschi ließ melden, er könne jetzt leider nicht abkommen, er habe alle Hände voll zu thun. Die Beschlüsse des Oberpriesters mache er unbesehen zu den seinigen.
— Auch der läßt uns im Stiche, jammerte der Oberpriester. Hörst Du, Kaspe, ich solle beschließen! Beim heiligen Mysterium, was soll ich denn beschließen?
Und sein Gesicht nahm einen bis zum Komischen dummen Ausdruck an.
Nun machte der hohe Oberrichter den Schlagfertigen, wie stets bei feierlichen Anlässen.
— Beschließe eine ergreifende Trauerkundgebung großen Stils für den herrlichen Minus! Zwar sei sein Tod geheimnißvoll, aber unwiderruflich, er soll den Leuten leid thun, aber sie nicht in allzutiefe Kümmerniß stürzen.
Der Sprecher der Aeltesten lächelte. Er nahm sich die Freiheit.
— Gefällt Dir meine Formel nicht? Sie ist überraschend, findest Du? Gerade das ist ihr Werth. Das Volk wird zur Abwechslung im Gefühle der Ueberraschung
sein Behagen finden und uns Zeit lassen, Alles auf’s Beste zu ordnen. Ich bitte Euch, Ihr Aeltesten, da Ihr nun doch eingeweiht seid, unterstützt uns und haltet reinen Mund über alles Unaufgeklärte. Sucht auch aus der Trauer Genuß und Kurzweil für das gute Volk zu schlagen.
— Ach, das Volk, wer hält uns das Volk vom Leibe! Dieses nimmersatte Ungeheuer! ächzte der Oberpriester.
Die Aeltesten aber grinsten dem Oberrichter freundlich zu.
— Gefällt Dir mein Vorschlag, Hoheit?
— Ach, Oberrichter, mir gefällt Alles, was Ordnung schafft und Ruhe stiftet.
Sein verzweifelt dummes Gesicht glänzte wieder in einem Schimmer intelligenter Zuversicht.
— Lasse das meine Sorge sein, Ao.
— Ich danke Dir, Oberrichter. Ich danke auch Euch, Ihr Aeltesten, treue Freunde. Beliebt es Euch, daß wir uns zurückziehen? Die nächste Stunde wird Alles in die rechten Wege leiten. Oberrichter, ich bitte um Deine Begleitung. Laß’ uns Titschi aufsuchen.
— Wenn wir ihn nicht gerade im Bette antreffen, ist’s möglich, daß wir ihm nicht unwillkommen sind. Aber ich folge Dir gern zum hohen Diplomaten, obwohl ich mich gern selbst ein wenig auf die faule Haut legte.
Ao überfiel bei diesen Worten des Oberrichters die Angst des Nichtbegreifens. Wie konnte nur Kaspe so im Handumwenden diesen gleichgiltigen Ton anschlagen?
Stand denn nicht Alles auf dem Spiele? Hatten sich nicht unglaubliche Dinge ereignet? Und nun that Kaspe, als handle sich’s um irgend eine Verabredung zum Frühstück.
Titschi empfing die hohen Amtsbrüder richtig im Bett. Er habe seinen faulen Tag, sagte er aufgeräumt. Und das Lustigste von Allem sei, daß man den Leichnam des Minus nicht auffinde. Sogar die Todten flüchteten aus Teuta!