Kapitel 10

Das war nun allerdings das stärkste Stück, das der hohe Rath jemals dem Teutavolke geboten.

Die vergnügte Zarathustra-Feier mußte verschoben werden auf unbestimmte Zeit, um der großen Trauerkundgebung willen zu Ehren des Minus, und die Trauerkundgebung konnte nicht stattfinden, weil sich der Leichnam der verstorbenen Hoheit aus dem Staube gemacht. Fabelhaft!

Man fand nicht einmal Zeugen, den Tod des Minus festzustellen.

Der die erste Nachricht vom Tode des hohen Oberlehrers dem obersten Diplomaten überbrachte, war allerdings eine vertrauenerweckende amtliche Person, Soundso.

Aber als Soundso als einziger Augenzeuge über die näheren Umstände des überraschenden Todesfalls vernommen werden sollte, war er verschwunden. Und als man die Leiche zu einer imposanten Trauerkundgebung verwerthen wollte, war von ihr nirgends eine Spur zu entdecken.

Konnte die Erscheinung des Todtenantlitzes im Fernseh-Spiegel des hohen Rathes auf Täuschung beruht haben? Oder auf Suggestion oder sonst einer Betrügerei?

Alle diese so schwer genommenen Vorgänge spielten sich natürlicher Weise nur im engsten Kreise von drei oder vier Personen des hohen Rathes und der Aeltesten ab.

Das Volk wußte auch nicht eine Silbe davon, oder wenigstens nicht mehr, als man für gut fand, ihm direkt oder indirekt mittheilen zu lassen.

Unanfechtbar waren bloß zwei Thatsachen: Titschi lag im Bett und redete sich auf die Folgen der Ueberanstrengung ohne nähere Begründung hinaus, und Soundso vermochte trotz der eifrigsten Bemühungen nicht zur Stelle gebracht zu werden.

Und ein Todtenpomp als Ersatz für die diesmalige Zarathustra-Feier erwies sich als unmöglich, da nicht der geringste passende Leichnam aufzutreiben war. Die Ungeheuerlichkeit einer großartigen öffentlichen Leichenfeier ohne Leichnam konnte nicht einmal mehr von dem Oberpriester Ao ernsthaft in Erwägung gezogen werden.

Der Oberrichter Kaspe strengte sich scheinbar auf’s Aeußerste an und ließ alle Minen seines ausgezeichneten Späherdienstes springen. Vergeblich.

— Ihr seht, ich bin so perplex wie ihr, piepste er.

Der Oberdiplomat kroch immer tiefer in’s Bett und konnte mit nichts als mit virtuosen Redensarten und Trugschlüssen dienen.

So fiel Alles auf den unglückseligen Oberpriester zurück. In seinem Gehirn preßte sich die ganze Thatsachenreihe zu einer einzigen Halluzination zusammen. Bald trat ihm der heiße Schweiß auf die Stirn und seine Glatze dampfte, bald fror ihn, daß er sein

Schädeldach wie eine Eisdecke fühlte, die vor Frost zu bersten droht.

— Kinder, legt mir die Zwangsjacke an, ich bin verrückt. Ich werde tobsüchtig, es geschieht ein Unglück. Ach, ich ärmster Ao!

Titschi wälzte sich im Bette und versicherte, daß es ihm große Freude mache, von seinem hohen Kollegen so aufopfernd getröstet zu werden.

Kaspe lächelte säuerlich und erklärte alle Welt für Uebelthäter, denen man beim besten Willen nichts mehr recht machen könne. Nicht einmal zum Einfangen seien sie mehr zu haben. Alle Liebesmüh’ sei umsonst. Diese unnahbar edlen Spitzbuben!

Wahrhaftig, Ao, der würdige Oberpriester, schnitt jetzt Grimassen wie ein Verrückter.

— Nimm sie beim Kragen, hollah, da sind sie! rief er mit schiefgezogenem Munde dem Oberrichter zu. Dabei schlug er mit der Faust auf die eigene Brust.

— Wer denn? Wo denn?

— Grege hier, Soundso hier, Minus hier, die Lebendigen und die Todten, Alle durcheinander, die Aeltesten dazu, seid Ihr denn blind? Alle sind sie in mich hineingeschlüpft. Ich beherberge sie. Ich bin ihr Schlupfwinkel, ihr Diebsnest, ihr Hehler. Greif zu, Oberrichter!

Und er wand und krümmte sich wie eine getretene Schnecke.

— Du machst Deine Sache sehr gut, Oberpriester! rief Titschi und streckte seinen Diplomatenkopf aus der Bettdecke hervor. Ich wünschte, daß ganz Teuta dieses

Schauspiel sähe. Beim heiligen Bimbam, das genügte als Ersatz für das Zarathustra-Fest. Du bist ein großer Künstler, Ao! Herrlich, herrlich!

— Zu Eurem Narren habt Ihr mich gemacht, stöhnte Ao mit geiferndem Munde und brach in den Polstern zusammen.

— Der arme Mensch hat wieder seinen Anfall, flüsterte Kaspe. Soll ich vielleicht den Bim herbeirufen?

— Verschon’ mich mit diesem Querkopf. Aos Anfall, nein, es lohnt nicht der Mühe. Der Gute krabbelt sich von selbst wieder in die Höhe. Bliebe er einmal unten, he, Kaspe, was denkst Du von der Führung der obersten Geschäfte?

Ein fahler Blitz zuckte über des Oberrichters verlederte Mienen. Mit gedämpfter Stimme meinte er, ein wenig zurückhaltend:

— Wie denkst Du darüber? Deine Meinung ist mir werthvoll.

Titschis scharfes Auge hatte das Mienenspiel bemerkt. Er wollte schweigen. Die Sache war noch nicht reif. Der ehrgeizige Kaspe!

Aber der Oberdiplomat konnte sich das Vergnügen nicht versagen, dem Streber nach dem Vorsitz im hohen Rathe ein höhnendes Hoffnungsalmosen hinzuwerfen:

— Sei getrost, Kaspe, wenn ich wieder gesund bin, werde ich mich für Dich in’s Zeug stürzen. Auch meine Agenten werden für Dich Stimmung machen. Aos Fall ist Deine Erhöhung. Das Volk wird ihm’s nie verzeihen, daß es unter seinem Regiment so wenig Vergnügen gehabt. Ruhe, Stille, Ordnung — lächerlich:

Vergnügen will das Volk haben, Feste, Apotheosen! Und nun geht unter Aos genialer Führung sogar die Zarathustra-Feier, das glänzendste Narrenfest der Welt, in die Brüche. Kaspe, mein Kompliment! Das hast Du gut eingefädelt!

Der Oberrichter neigte leicht den Kopf wie zu gnädigem Danke. Es hatte ihn jedesmal, so oft Titschi herausfordernde Andeutungen dieser Art gemacht, das Gefühl beschlichen, als sollte er vergiftete Pillen schlucken.

Endlich rührte sich Ao wieder. Sein Aussehen war erbarmungswürdig.

— Bim — ruft mir den Bim, ich bitte. Ich habe Vertrauen zu Bim. Er kann mir helfen. Ich bin ja so krank. Merkt Ihr denn nichts? Gar nichts?

— Ja, hoher Oberpriester, wenn Du Vertrauen zu Bim hast! Mit Vergnügen! Ich bin für Deine Anregungen immer empfänglich.

Titschi streckte sein langes, dünnes Bein aus dem Bette — die Bewegung sah drollig aus, aber Niemand schien Sinn dafür zu haben — und mit der großen Zehe drückte er auf den Knopf des Tastwerks, und auch die übrigen Zehen begannen zu spielen.

— Du sollst gleich Deinen Bim haben, Ao. Hast Du sonst noch Wünsche?

— Hunger hab’ ich, guter Titschi, Hunger.

— Hunger? Da sieh einmal. Vielleicht auch Durst? Die Lebensgeister sammeln sich. Du brauchst nur zu befehlen, Oberpriester.

— Ja, auch Durst. Ach, mir ist noch immer elend. Ihr habt mich verrückt und elend gemacht.

Titschi spielte wieder mit dem Fuße auf dem Tastwerk. Bald öffnete sich die Wand und ein Tischchen glitt herein, mit winzigen Schüsselchen und Fläschchen.

— Mische Dir selbst Dein Labsal, Unüberwindlicher!

Ao mischte sich mit zitternder Hand Festes und Flüssiges und führte es zum Munde.

— Was habt Ihr inzwischen beschlossen? Hab’ ich lange geschlafen, Freunde?

Sein wässeriger Blick ging vom Einen zum Andern, während sein Mund kaute.

— Hast Du gut geschlafen, Ao? fragte Kaspe.

— Ja, geschlafen und geträumt. Nach dem schlimmen Anfall oder mitten hinein.

— Hast Du Schönes geträumt? fragte Titschi.

— Wie man’s nimmt. Ich hatte etwas Blühendes und Duftiges in der Hand. Dann verwandelte sich’s in schwarzen Staub mit schlechtem Geruche. Ich glaube, Deine Luft ist nicht gut, Titschi.

— Ich fürchte, Du thust meiner Luft Unrecht. Ist meine Luft nicht köstlich? Bezeuge Du’s, Oberrichter Kaspe.

— Ja, die Luft Titschis ist gut.

Ao wischte sich den Mund: Mag sein. Wir werden ja Bim’s Urtheil hören. Was habt Ihr beschlossen, Freunde?

— Wir haben beschlossen, daß Alles nach Deinem

allweisen Willen gehen soll, erwiderte Titschi mit halbabgewandtem Gesicht.

— Wo ist mein Wille? Wo habt Ihr meinen Willen?

— Das mußt Du Bim fragen. Er wird gleich erscheinen.

Richtig, Bim, der Oberphysikus, erschien, eilfertig, mit dienstbereiter Miene. Sein Auge strahlte, seine Stirn leuchtete, als käme er direkt aus der Sonnenhöhe der Weisheit niedergefahren.

Gewiß, so dachte er, würden ihn die hohen Freudespender und Volksregenten von Teuta so schleunig in ihre Mitte fordern, um von seiner neuesten wissenschaftlichen Entdeckung zu hören. Und nun war er da, gewappnet mit seiner Gelehrsamkeit, umgürtet mit seinem Tiefsinn, ein Held des Geistes, der treffliche Oberphysikus. Und er fühlte sich begrüßt und beglückwünscht durch ihr schweigsames Erwarten. Die guten Leute müssen’s doch ahnen —

Offenbar: Alle schwiegen, Alle erwarteten, Alle ahnten.

Nur Ao ächzte leise und machte ein gequältes Gesicht.

— Jawohl, Hoheiten, die That ist mir gelungen, begann Bim.

— Hast Du ihn gefunden? fiel ihm Ao gleich in’s Wort.

— Ich habe ihn gefunden und halte ihn fest, er wird mir nimmer entwischen.

Aller Augen rundeten und befeuerten sich und drangen auf den gewaltigen Bim ein.

Er hat ihn gefunden! Unglaublich!

— Leicht war’s ja nicht, Hoheiten, fuhr er mit Selbstgefühl fort. Leicht war’s ja wahrhaftig nicht. Die Zahl der Hemmnisse und Irrwege war erstaunlich groß. Aber nun halt’ ich ihn. Er entschlüpft mir nicht mehr. Er ist kein Schemen, er ist ein Sichbethätigendes, ein Wesen, welches die ganze, weite Schöpfung in sich trägt und die Bedingung ihrer Erscheinung ist, er ist das Urleben, die Urkraft des Weltalls selbst.

— Mit Vergunst, von wem sprichst Du, hoher Oberphysikus? unterbrach Titschi den Strom der Rede.

— Einen Augenblick, ich bin gleich zu Ende. Es bedarf nicht vieler Worte. Die Wahrheit ist groß, aber einfach. Nachdem ich ihn — —

— Namen nennen! rief Kaspe dazwischen. Namen! Denn es sind leider Viele flüchtig.

— Unterbrecht ihn nicht, bat Ao. Seine Hülfe ist so werthvoll.

— Nachdem ich ihn, nein, bitte, stört mich nicht, Alles hängt am richtigen Wort, wie Minus sagt.

— Minus! Ihn hast Du?

Der Oberrichter konnte seine Neugier nicht mehr zügeln. Seine Erwartung war auf’s Aeußerste gespannt. Er litt förmlich unter der Erregung. Der Bauch that ihm weh vor Ungeduld.

— Nachdem ich das Atom — —

— Das Atom! Hört, hört!

— Das Atom!

— Das Atom?

Eine solche Enttäuschung. Man hätte sich’s im Voraus denken können. Aber immer auf’s Neue fiel man bei dem gediegenen Oberphysikus und Welträthsellöser Bim darauf herein. Ein solcher Blender!

Titschi, halb hämisch, halb sich belustigend: — Hoheiten, das Atom ist der Anfang aller Dinge, lassen wir’s dem guten Bim, damit er auch an das Ende der Dinge gelange, die uns heute beschäftigen.

Bim ließ sich nun aber mit Fleiß nicht mehr aus dem Konzept bringen. Nicht um eine Welt. Und wenn sie bersten sollten.

— Was ich vorhin definirte, war der neue Begriff des Raumes, des Weltraumes. Und das ist meine eigenste Entdeckung. Nachdem ich das Atom als das durch seine Bewegung den Raum Erfüllende, durch seine Verkettung zu Molekülen Körperbildende erkannt, lautet meine Antwort auf die Frage: Was ist Materie? konsequent: Die Materie ist der Ausdruck der Selbstbewegung des Raumes, nicht Geschöpf, sondern Funktion des Raumes.

Ao hielt sich die Ohren zu, Kaspe schüttelte den Kopf, Titschi kroch unter die Bettdecke.

— So, Hoheiten, habe ich den neuen Begriff des Weltraums und seiner Bedeutung gefunden. Nehmt ihn hin, meinen Fund.

— Und Du verzichtest, uneigennützig, wie immer, auf den Finderlohn, musterhafter Gelehrter. Etwas Anderes wäre uns zu dieser Stunde lieber gewesen. Aber man muß Deiner Wissenschaft für Alles danken.

Sieh hier unsern hohen Titschi, er ist leidend, sieh hier unsern unersetzlichen hohen Ao, er ist krank, und ich selbst — —

Ao lächelte schwermüthig: — Was mich betrifft, ich fühle mich nicht mehr krank. Bim besitzt eine seltene Kraft. Aber im Anderen wünschte ich jetzt seine Hülfe zu haben. Was nützen neue Begriffe!

Titschi kroch aus dem Bette: — Weißt Du, was inzwischen in Teuta und seinem hohen Rathe vorgegangen ist, während Du bei den Atomen im Weltraum weiltest?

— Nun?

— Weißt Du uns des Minus Hingang und Verbleib zu definiren?

— Minus? Er ist eingetreten in’s große Mysterium? Ist er das?

— Woher weißt Du das, Bim?

— Minus hat mir sein Wort gegeben, daß er das thun werde. Also hat er sein Versprechen erfüllt.

— Ja, das hat er.

Nun wurde Kaspe aufmerksam. Endlich ein Körnchen im Bimschen Spreuhaufen, das auf eine Spur leiten könnte. Kaspe stellte die Zwischenfrage:

— Welcherlei Art war das Versprechen, Bim?

— Seinem Alter und seiner Gebrechlichkeit zuvorzukommen und ein Ende zu machen.

— Wie konntest Du ein solches Versprechen annehmen? fragte Titschi.

— Es war mir wissenschaftlich interessant, sonst nichts.

— Sonst nichts? fragte Ao, seine Kaubewegungen unterbrechend.

— Nein, hoher Oberpriester.

— Und alles Drum und Dran des Vorgangs? warf wieder Kaspe im Kreuzverhöre ein.

— Wenn die Sache geschehen ist, werde ich das Material für meine Forschungen zu sammeln suchen. Meine Schüler werden mir an die Hand gehen. Minus ist mir stets ein interessanter Fall gewesen.

Bim schlug befriedigt die Beine übereinander, kreuzte die Arme und legte sich in die Polster zurück. Es war doch eine Lust zu leben, so lange das Dasein an merkwürdigen Versuchen so reich war. Daß Minus nun selbst noch ihm in die Schlinge gegangen war, erfüllte ihn mit innigem Behagen. Was kümmerten ihn die Sorgen der Andern? Sie werden auch noch an die Reihe kommen, diese widerborstigen Herrschaften. Er nahm sich fest vor, sie Alle zu überleben. Ihm mußte der Sieg bleiben. Der Sieg über ihre wissenschaftliche Stumpfheit wie über ihr hochfahrendes Wesen. Der Stärkere war er, so wenig sie’s auch merken mochten. Das hatte ihm wieder diese Unterredung bestätigt. Hat nicht auch Minus die Waffen vor ihm gestreckt, der unheimliche Oberlehrer, dieser Abgrund verschlagener Weisheit?

Und er stierte lächelnd vor sich hin, keine Notiz mehr von den Andern nehmend und ihren rathlosen Mienen, ganz in seinen Selbstgenuß versunken.

— Das Fest! das Fest! murmelte apathisch Ao.

— Beruhige Dich, Oberpriester, das Teutavolk

führen wir auch über die festlose Zeit hinweg, prahlte der Oberrichter mit piepsender Stimme und mit einem schiefen Blick nach Titschi.

— Natürlich führen wir’s drüber hinweg. Worüber führten wir’s nicht hinweg? Laßt mich nur erst wieder aus dem Bette sein!

Ao war in seiner kummervollen Erschöpfung eingeschlafen. Was half ihm Bim?

Es herrschte tiefe Stille.

— Bei den ewigen Atomen! schrie mit einem Male Bim aus seinen Gedanken auf.

Todtenbleich tauchte Minus am Eingang aus der Wand hervor, auf seinem Fahrstuhl liegend.

— Lebendig und todtbeglückt grüß’ ich Euch.

Hinter ihm erschien Soundso, pfiffig lächelnd.

— Gespenster! piepste der Oberrichter schreckensvoll.

— Das überleb’ ich nicht, röchelte Ao.

Sogar dem kühlen Oberdiplomaten erschien das unvermuthete Bild ein starkes Stück.