Kapitel 11

Nicht weniger fremd, als die Luftregion der Polargegend, war Grege, als er zu Bewußtsein kam, die Landschaft, in der er sich nach dem Absprung aus der Luftgondel fand.

Aber er war auf fester Erde und ganz allein, und diese Thatsache dünkte ihm vorerst köstlich genug, ein wahres Himmelsgeschenk.

Schon daß der Absprung ihm nicht den Tod gebracht, empfand er nach wieder erlangtem Bewußtsein und kritischer Untersuchungsfähigkeit, als eine Wiedergeburt zu neuem Leben.

Von dem Falle her schmerzte ihn eigentlich nichts außer dem Fußgelenke. Erst wie er sich erheben und auf die Beine stellen wollte, fühlte er, daß nicht Alles unbeschädigt geblieben.

Auch die Wunde zwischen dem Knöchel und der Fußsohle schien wieder aufgebrochen und blutete ein wenig.

Als er die kleinen rothen Tropfen auf der Haut gewahrte, stand ihm wie eine Vision der blaßrothe Blutstern an Jalas Handfläche vor Augen, und aus dem blaßrothen Blutstern wuchs wie eine lichte Erscheinung die ganze Gestalt des geliebten fernen Weibes.

Jala! Die Seelen grüßten sich.

An ein Weiterschreiten war vorerst nicht zu denken. So ließ er sich wieder auf den gastlichen fremden Boden sinken, den ein reichlicher Gras- und Mooswuchs wie ein weiches Polster überdeckte.

Nie hatte er im Teutalande, dem steinigen und sandigen, Gras und Moos von solcher Dichtigkeit und Weichheit gesehen. Wie auf einem guten Bette ruhte der Körper.

Dämmernder Abend verhüllte die Ferne. Alles war geheimnißvoll, still, fremd, beschwichtigend.

Schrecken- und Angstgefühle wie weggeblasen. Keinerlei Furcht. Dafür eine herrlich erhebende Empfindung durch Seele und Leib von Hoffnung und Zuversicht. Förmlich athmen und schwelgen konnte Grege in dieser Alles durchdringenden Empfindung wie in einer neuen, wunderkräftigen Luft.

— Jala, wo weilest Du? Wo ich?

Er lag auf dem Rücken, die Glieder ausgestreckt, und starrte in den Himmel.

Stern um Stern trat hervor, und in ihrem zarten Glitzerschein entdeckte er schwebende Punkte, aber in solcher Höhe, daß kein Luftfahrer im Stande sein konnte, den an die weiche, wohlige Erde geschmiegten Körper auch nur zu ahnen. Grege lächelte.

Freiheit! Hoffnung! Jala!

Wo er auch weilen mochte, der Boden, der seinen Körper so fest und weich trug, wie in Liebesarmen, konnte nur einem edlen, gastlichen Lande gehören.

Freiheit! Hoffnung! Jala!

Wie süße Musik sang in seiner Seele und in seinen Nerven die Hoffnung.

Und gewiß, er konnte ihr vertrauend lauschen. Wie aus den Schatten der Nacht die glänzenden Sterne, die Morgenröthe und der lichte Tag, so werden aus dem Unglück die Freuden geboren und die Tröstungen der Freiheit. Wie der Wanderer in den Thälern der Trübsal die sonnigen Höhen der Befriedigung, wie der Held im Kampfgetümmel die Wonnen des Sieges ahnt, so wähnt sich der Hoffende jeder Gefahr entronnen.

— Jala!

Erst ganz langsam wuchs in Grege die Empfindung, so sicher und herrlich stehe es mit seiner Befreiung doch nicht, wenn er hier auf dem Boden der räuberischen Angelos raste, denn wie solle ihm, dem Fremdling ohne jeden Ausweis, ein volles Recht unter diesem übermüthigen und gewaltthätigen Volke werden? Und wie würde er seinen Weg hinausfinden, aller Mittel entblößt, sich die Gunst der Leute zu erkaufen?

— Jala!

Nun stieg ein Zweifel in ihm auf, der seiner Hoffnung Kraft lieh und sein Siegesbewußtsein zu lodernden Flammen anblies: Muß dieser Boden das Land der Angelos sein? Kann sich der Mann im steuerlosen Fahrzeug, das ein Spiel allen Launen der Winde und magnetischer Strömungen gewesen, nicht im letzten Augenblick noch im Wege getäuscht haben? Möglich war Eins und das Andere, entschieden Nichts.

Also Grund genug zum Zweifeln und kein Grund zum Verzweifeln.

Aus luftiger Höhe gesehen und im Wirbeltanze steuerloser Fahrt, im Her und Hin, im Auf und Nieder der zufälligen Lenkung, wer will die nordischen Länder unterscheiden und eins mit Bestimmtheit nennen? Zwischen Meere von gleicher Farbe gebettet, in Wiederholung der Insel- und Halbinselform sich alle gleichend im Zuschnitt, jedes mit mächtigen Felsen, die starr aufragen in wilder Gebirgsart — —

Grege kam aus dem erwägenden und in Bildern malenden Denken wieder in den Zustand des Traumlebens, Gesicht und Gehör empfingen ferne Bilder, die sich zum vollen Wirklichkeitseindruck verdichteten, während sein Leib unbeweglich auf dem Boden ausgestreckt blieb.

— Grege! Grege!

Es war Jala’s Stimme. Wahrhaftig, sie war’s. Ihr Ruf hallte über Berg und Thal und über das stille Meer. Süß, schmeichelnd, flehend, bebend wie Flötenton.

— Grege, wo bist Du? Wo bist Du? Ich bin hier, siehst Du mich nicht? Ich suche dich, Grege, Grege!

Wahrhaftig. Und nun sah er Alles. Sie war ausgegangen in die Weite, ihn zu suchen. Am Meere hin führte sie der Weg, dann über Schluchten, auf steile, bleiche Felsen kletterte sie und hing sich mit blutenden Fingern an die Gipfel, an die Wolken — —

— Grege! Zu Hilfe! Rette mich!

— Jala, hier! Was willst Du in der fernen Höhe? Hier bin ich, hier, Du wirst stürzen, ich beschwöre Dich! Siehst Du mich denn nicht? Hier,

Jala, hier bin ich. Wende Dein Gesicht, meine Arme sind Dir geöffnet, so komm’ doch, komm’ — — komm’ herab zu mir — — —.

Er konnte nicht mehr. Das Entsetzen nahm ihm die Stimme. Er fühlte nur, wie ihm die Augen aus dem Kopfe traten, mit aller Gewalt den Blick der Verschwindenden nachzusenden, ihre letzten Züge im Verschweben in unmeßbarer Ferne einzufangen. Er fühlte nur, wie krampfhaft lauschend sein Ohr sich anstrengte, noch einen Laut, noch ein verschwimmendes Zittern ihrer Stimme durch den himmelweiten Luftraum zu erhaschen.

Vergebens.

Schrecken und Sehnsucht im fiebernden Gehirn, im stürmisch pochenden Herzen ließen ihn noch einmal herausschreien: Sprich, sprich, Jala, sprich!

Noch einmal war’s ihm, als vermöchte er ihre Züge zu sehen, in ihr verrinnendes Angesicht zu blicken, die gleitenden Umrisse ihrer schönen, hoheitsvollen Gestalt zu erkennen in den schrecklich fernen Aetherweiten der Unendlichkeit. Dann löste sich Alles in gleichmäßig helles, unbestimmt zitterndes Licht, von feinen Silberwölkchen durchzogen, ferner, immer ferner und lautlos verschwindend hinter dicht heranziehenden schwarzen Purpurwolken, die allmählich den ganzen Himmelsraum erfüllten in majestätisch düsterem Gewoge.

Grege mußte lange in starrer Bewußtlosigkeit gelegen haben. Sein Leib war steif und durchkältet, als sich die Besinnung wieder einstellte, sein Gehirn von einer unsäglichen Müdigkeit.

Nur mit harter Mühe konnte er sich entschließen, die Augen zu öffnen und den Kopf ein wenig zu erheben, mit heftigen Schmerzen im Nacken, als die kitzelnden Betastungen an seiner Nase, seinem Munde und seinen Ohren nicht nachließen. Auch an den inneren Handflächen und zwischen den Fingern hatte er die Empfindung, als ob eine lange leckende Berührung mit einem feinborstigen, nervös warmen Gegenstande von kräftiger Lebendigkeit stattgefunden.

Durch die Lidspalte gewahrte er ganz nahe seinem Gesicht eine mächtige Hundeschnauze. Das heißt: er rieth auf eine Hundeschnauze, denn in Teuta hatte er nie diesen braven Vierfüßler gesehen, in seinem thierfeindlichen Lande war die Bekanntschaft mit dem edlen Thierleben nur aus alten Erzählungen und Bildern zu schöpfen. Teutas alleinseligmachende, unvergleichliche Musterkultur hatte ja alle Hausthiere verbannt und seit Jahrhunderten nur den reinen Staatsmenschen als einzig würdiges Material für die Darlebung der höchsten Vernunft gezüchtet.

Durch die Lidspalte gewahrte Grege jedoch nicht bloß die mächtige Hundeschnauze, sondern auch ein scheinbar unmittelbar der Erde entströmendes vibrirendes Flimmerlicht, das nach der überstandenen so intensiv durchlebten Vision einen schmerzlichen Reiz auf seine Sehnerven ausübte. Erst wie er merkte, daß dieses Licht nicht an etwas Einzelnem haftete, sondern gleichmäßig ausgegossen, wie eine helle Luftschicht über dem Boden schwebte, öffnete er ohne Furcht vor neuen

Visionen und Schmerzen weit das Auge und versuchte, sich emporzurichten.

Fröhlich bellend umsprang ihn der große, zottige, goldbraune Hund. Wie ein Gruß neuen Lebens klang ihm die merkwürdige nie gehörte Stimme. Es lag so viel Aufmunterndes, Liebreiches in diesen schallenden Lauten, eine reizvolle Naturfrische in den Intervallen, daß Grege bis in’s Innerste davon getroffen war.

Der Hund machte noch einmal die tanzenden Bewegungen unter freudigem Gebell, dann stellte er sich straff wie ein Wächter zwischen die Beine Greges und faßte den halbaufgerichteten Fremdling fest in’s Auge.

Grege nickte ihm zu.

— Ja, wer bin ich, mein Thier? Und wer bist Du, daß Du mich so herzlich begrüßt hast? Du nimmst wohl Interesse an dem seltsamen Gast? Oder haben Dich die Angelos geschickt, mich aufzuschnüffeln und zu wecken? Oder schickt Dich Jala mir als Bote?

Der Hund beschnupperte ihn die Brust hinauf bis in’s Gesicht, schüttelte eifrig den buschigen Wedel und begann wieder zu bellen und zu springen, als wollte er sagen: Was weiß ich? Du gefällst mir und das Weitere wird sich finden. Mach’ nur, daß Du endlich vom Fleck kommst, Du langer Schläfer und Faulpelz. Daß ich Deinem guten Geruch vertraue, siehst Du wohl, also vertraue auch mir. Erhebe Dich, komm! Mach’ Sprünge wie ich! Und hinter Dir steht noch Jemand erwartungsvoll, nein, bist Du aber schwerfällig — siehst Du denn nicht?

Den Bewegungen des lustigen Thieres folgend, wendete Grege den Oberleib und blickte rückwärts.

— Ach, ein Weib! stieß er überrascht hervor und stützte die Hände auf den Boden, um sich besser zu drehen und deutlicher zu sehen.

Sie saß fünf, sechs Schritte hinter ihm auf dem Boden. Lächelnd stand sie auf, die eine Hand auf dem Kopfe des großen Hundes, mit der andern eine grüßende Geste machend. Von Gestalt mäßig hoch, doch kräftig. Lichtblondes Haar, in schönen Zöpfen, die ihr über die Schulter hingen. Den jugendlichen Leib in einem festen, wenig faltenreichen, ärmellosen Gewand, von einem Gürtel umspannt, die Füße nackt, wie die Arme. Die ganze Erscheinung strammer, frischer, kerniger als Jala, die Züge gewöhnlicher, aber in Allem eine große Kraft und ungezwungene Herzlichkeit. Ach, die großen dunklen Feueraugen voll sprühender Gewalt!

— Angelos? Wohnen hier Angelos?

Das Weib trat mit dem Hunde einen Schritt näher und schüttelte lächelnd den Kopf. Der Hund sah neugierig zu ihr auf, als wollte er ihre Blicke und Worte auffangen.

— Mein Name ist Maikka. Hier sind keine Angelos.

Der Hund stellte sich bellend auf die Hinterbeine und legte ihr die mächtigen Pratzen auf die Schultern.

— Maikka? Keine Angelos? Ich danke Dir.

— Du bist groß, blond, stark, wie unsere Männer, aber ich merke, daß Du fremd bist. Ist Dir etwas Schlimmes widerfahren? Du siehst verstört aus. Lange

lagst Du regungslos. Mir bangte um Dich, bis Dich mein Hund weckte.

Sie war noch einen Schritt näher getreten. Der Hund lief von ihr zu Grege und berührte ihm mit dem Kopfe liebkosend die Schulter.

Grege verharrte sinnend in der Betrachtung der beiden gütigen Wesen. In dem allgemeinen Lichtscheine, der die freie weite Nachtlandschaft erfüllte, gewann das Weib in dem schlichten weißen Gewande etwas so Vergeistigtes, daß Grege sich fragte, ob er nicht wieder dem Zauber einer Vision oder sonst einem Spuke zum Opfer gefallen. Die Stimme klang so schmelzend und doch so bestimmt und war so voll Seele und Natürlichkeit, wie das Bellen des Hundes.

— Komm, Maikka, berühre mich wie Dein Hund.

— Hier! Sie reichte ihm die Hand. — Warum erhebst Du Dich nicht? Bist Du müde von der Wanderung? Welches Weges bist Du gekommen?

Nun erschien Grege erst recht Alles wie ein Traum. Welches Weges er gekommen! Durch die Luft!

Aber kaum hatte er zu erzählen begonnen, da unterbrach ihn Maikka.

— Seltsames ist Dir begegnet. Die Erzählung wird lange werden nach dem abenteuerlichen Anfang. Hast Du hier kein Heim, so folge mir in das meinige. Auch scheinst Du erschöpft zu sein und noch der Ruhe zu bedürfen. Dein Gewand ist auch nicht im besten Zustand. Hast Du mit den Elementen gekämpft?

— Ja, Maikka, das hab’ ich. Aber glaube mir,

ich bin ein friedsamer Mensch und trage keinen Streit in die Welt.

Maikka reichte ihm lachend auch die andere Hand Und an ihren beiden Händen sich fassend, sprang Grege vom Boden auf, mit so leichtem Schwunge, daß ihm selbst die Freude wieder kam über die Tüchtigkeit seines Leibes.

— O Du hast eine tapfere Gestalt, gut für den Streit und schön für den Frieden. Warum verhehlst Du mir Deinen Namen?

— Grege heiß’ ich und komme aus Teutaland, ein Flüchtling. Nun weißt Du’s. Ich habe nichts Uebles gethan, ich bin nur mir selbst nachgegangen, nur meiner Freiheit hab’ ich mich gewehrt.

— Aus Teutaland bist Du geflohen? Allein?

— Jala floh mit mir, mein Weib. Wo ist sie nun? Wo bin ich nun? Sprich, gütige Maikka, in welchem Lande begrüßest Du mich?

Maikka lachte: — Du verstehst die Worte zu setzen wie ein Dichter. Nordika heißt das Land. Ist Dir das fremd? Du sprichst seine Sprache, ein wenig anders zwar, doch verstehen wir uns. Wir sind verwandt. Teuta freilich, o Teuta!

Und sie schüttelte ihm beide Hände und lachte frisch, recht von Herzen, aber doch nicht in einem unzarten Tonfall. Auch der Hund tanzte und schlug seine vergnügtesten Töne an.

— Teuta macht Dich lachen, Maikka. Kennst Du Teuta?

— Davon und von vielem Anderen später. Willst

Du mein Gast sein? Ich führe Dich eine Straße, die ist so grasig wie eine Parkwiese. Kannst Du schwimmen?

Grege nickte. Die einzige Leibesübung, die den Teutaleuten als vornehm-menschlich und staatserhaltend galt, war das Schwimmen. Das Schwimmen in großen unterirdischen Bassins.

— Gut, dann kannst Du über den See schwimmen. Das wird Dich von Deiner Starrheit erholen. Willkommen in Nordika noch einmal. Du wirst ein schönes Land kennen lernen, Teutamann Grege.

— Gute Leute hoffe ich.

— Gewiß.

— Was lieben die Leute in Nordika?

— Nichts, Grege, und Alles — was Liebe verdient.

— Ich will sagen: wofür haben sie die meiste Neigung? Oder: wovor haben sie Respekt?

— Vor nichts, Grege, und vor Allem — was Respekt verdient.

— Merkwürdig, Maikka.

— Jawohl, Du wirst schon sehen.

Unter diesem Gespräche hatten sie bereits eine Strecke auf der grasigen Straße zurückgelegt. Grege fühlte sich wunderbar stark, obwohl er Hunger spürte.

Der Hund kürzte sich den Weg durchaus nicht. In weitem Bogen umkreiste er die Herrin und ihren Gast. So oft er eine dichtere Lichtbahn kreuzte, machte er einen hohen Satz.

— Die Beleuchtung in hiesiger Art ist mir neu und überraschend. Man watet hier förmlich in feinem Licht. In Teuta kennt man das nicht.

— In Teuta!

Maikka lachte wieder. Fest und geschmeidig, in anmuthigen Schritten und Bewegungen ging sie voraus, zuweilen stehen bleibend, bis der Gast an ihrer Seite war. Aber ihre Lebhaftigkeit ließ sie gleich wieder den Vormarsch nehmen.

— Wir lassen die Erde selbst leuchten, ohne viel Künstelei. Der Boden ist hier so reich an Leuchtstoff. Man brauchte nur sinnreich dem Magnetismus die Bahn freizumachen. Das ist unser Nordlicht, nur daß es nicht in hohem Bogen steigt. Sieh, wie der Himmel sich sammetdunkel über die lichte Erde spannt. Man merkt nur am Mond und an den Sternen, daß es Nacht ist.

Sie blieb vor Grege stehen und blitzte ihn mit leuchtenden Augen an.

— Ueber dem See ist geringerer Schimmer, da muß Deine Haut leuchten! Bist Du sehr geübt in Muskelarbeit?

Grege mußte beschämt verneinen. Obwohl er daheim in natürlichem Drange mancherlei Uebungen gemacht, ganz insgeheim, da sie wider die öffentliche Ordnung verstießen, fühlte er doch, daß er als Angehöriger eines Volkes von Rutschern, Hockern und Liegern mehr verweichlicht war, als sich mit einer kräftigen Ausbildung von Muskeln und Sehnen verträgt.

— Ich habe ein kleines einsitziges Boot am Ufer. Wenn Du willst, kannst Du rudern und ich schwimme hinterdrein mit meinem Fox. Wir sind Luft-, Land- und Wassermenschen, nach Belieben, Grege.

Und wieder klang ihr frisches, seelenvolles Lachen in die stille schimmernde Nacht.

All’ seinen Lebtag hatte Grege kein solches Lachen in Teuta gehört. Lautes Lachen vertrug sich dort überhaupt nicht mit der staatlichen Wohlanständigkeit. Nur an den hohen Feiertagen bildete das Lachen einen Bestandtheil der offiziellen Freude, eine anerkannte Programm-Nummer sozusagen.

— Rudern? fragte Grege. Und nun wollte er auch mit einer Ueberlegenheit aufwarten, denn es berührte ihn peinlich, auf diesem fremden Boden einer wenn auch verhaltenen, so doch offenbar systematischen Geringschätzung seines Teutalandes zu begegnen.

— Ja, rudern! Rudert man bei Euch daheim nicht, Grege?

— Darüber sind wir längst hinaus. Auf unsern unterirdischen Seen gehorchen unsere Fahrzeuge einem Druck mit dem Finger, so wunderbar ist der Mechanismus unserer elektrischen Einrichtungen.

— Das haben wir auch, das hatte man, wenn auch gröber und umständlicher, schon vor tausend Jahren. Aber das Rudern ist noch viel älter, und deswegen nicht weniger schön, zur Abwechslung. Es stärkt die Brust, man muß breit ausathmen, alles hat einen so poetischen Takt, und man bekommt prachtvolle Arme. Da fühl’ einmal her!

Maikka hielt ihm beide Arme hin. Grege griff danach. Fox deutete das als Aufforderung zu einem Hochsprung. Kaum hatte Grege seine Hände um die herrliche Rundung des prallen Fleisches gelegt, da

sauste zwischen den Köpfen und über die ausgestreckten verbundenen Arme auch schon Fox mit mächtigem Sprung durch die Luft.

— Hier ist der See und dort das Boot! rief die lachende Maikka.

Fox plätscherte bereits geräuschvoll schnaufend im Wasser.

Grege stand unentschlossen.

— Nun? Mein Gast hat die Wahl!

— Schade, daß das Boot nicht zweisitzig ist, bemerkte Grege galant ausweichend.

Maikka schlagfertig: — Aber das Wasser ist für zwei Schwimmer. Wenn Du darauf hältst, schwimmen wir Seite an Seite um die Wette und stoßen das Boot noch vor uns her. Mir nach!

Damit hatte sie schon den Gürtel gelöst, Ober- und Untergewand abgestreift und in das Boot geworfen, die Zöpfe hoch um den Kopf gesteckt — und platsch! tauchte ihr schimmernder Leib im kräuselnden Wasser auf und nieder. Wie ein Fisch in seinem Elemente, so sicher und schön war jede Bewegung.

— Herrlich, herrlich! Flink, Grege!

Wie von physischem Zwang erfaßt, entledigte sich Grege seiner Kleidung, sie flog wie von selbst ins Boot, und halb taumelnd fiel er ins Wasser. Fast besinnungslos arbeitete er mit Armen und Beinen. Er hatte nur das eine Gefühl, daß er auf Tod und Leben etwas Unerhörtes ausführe. Seine Schläfen pochten, seine Lunge schwoll, sein Athem prustete gewaltsam. Und neben ihm kicherte und schlängelte,

wogte und wiegte die Nixe in den schönsten Schwimmkünsten, das Boot mit einzelnen, kräftigen Armstößen vor sich hertreibend.

Einmal war sie ihm so nahe, daß er ihren Ellbogen und Fuß an seinem Leibe spürte. Dann war’s ihm wieder, als schlüpfe sie unter ihm durch oder gleite über seinen Rücken hinweg. Dann wieder, als sitze sie rittlings auf ihm. Dann wieder, als walle der See auf in einem Getümmel von weißen Frauenleibern und jeder Wassertropfen sei erfüllt von Kichern und Lachen und aus der Tiefe breche heißer Phosphorglanz.

Das Ufer, endlich! Grege war nicht wenig erstaunt, es heilen Leibes erreicht zu haben. Er sah sich schon als Leiche angeschwemmt, von zärtlich würgenden Nixenarmen erstickt.

Fox war der Erstangekommene. Er schüttelte sich — und sein Bellen schallte wie Siegesruf.

Auf seinen Appell kamen zwei Dienerinnen an das Ufer geeilt, die Herrin zu empfangen. Sie schienen nicht sonderlich überrascht, auch noch einen nackten Mann zu finden. In behender Dienstfertigkeit verrichteten sie das Zweckmäßige.

Bevor Grege die neue Situation zu überschauen vermochte, steckte er schon in den warmhüllenden Kleidern, und Maikka stand lächelnd vor ihm, als hätte sie ein Zauber von einem Ufer unverändert zum andern gehoben. Nur ihre Wangen schienen etwas blässer und ihre großen Augen glühten dunkler.

— Und nun rasch in’s wohnliche Gemach, mein tapferer Gast! Ist Alles bereit?

Die Dienerinnen bejahten. Grege wandelte wie im Traum, den lebhaften Schritten Maikkas folgend.

Was war das für eine Welt?

In Teuta gab’s für den Mann vom Jünglingsalter an keinen freien, offenen Verkehr mit dem Weibe. Hier die Männerstadt, dort die Frauenstadt. Die Thore wurden von Staatswegen geschlossen und geöffnet. Nur in der „offenen Zeit“ gab’s Verkehr zwischen Mann und Weib, nach strengen offiziellen Regeln. Auch bei festlichen Aufzügen konnten Männergruppen mit Frauengruppen verkehren, nicht anders jedoch, als nach der Anweisung der Festordner. Sonst im gesammten Leben stand der Mann für sich, das Weib für sich. Die Kinder waren den Weibern zur Aufzucht zugetheilt, bis man sie mit dem fünfzehnten Jahr gleichfalls nach dem Geschlechte trennte.

Grege war aus Teuta entwichen, weil er ein geliebtes Weib für sich, für sich ganz allein, haben wollte. Und weil er nicht heimlich sündigen wollte. Denn das wußte er, heimlich gesündigt wurde in Teuta. Thore thaten sich heimlich auf, die geschlossen sein sollten. Aber es stand Strafe darauf, wenn Einer in der Frauenstadt betroffen wurde, der nicht von Amtswegen dort zu thun hatte.

Und alles Uebrige, was so einengend und häßlich war, und trotz aller Vererbung und Gewöhnung einzelnen Naturen bis auf’s Blut zuwider. Aber was wollten die Ausnahmen gegen die Regel! Und das

Volk pries sich frei und glücklich unter der aufgezwungenen Regel — und sich zu preisen schätzte es nicht als seinen geringsten Stolz, sich zu preisen und zu rühmen als das bevorzugteste Volk der Zivilisation!

Was war das für eine Welt nun, in die Maikka, die Zauberhafte, ihren Gast Grege führte?

In einem Föhrenhain stand das Haus und in dem Hause war ein hohes Gemach, reich geschmückt mit allerlei Bildwerk und entzückend traulich zugleich in all’ seiner Einrichtung. Schönheit, Lust, geistige Kraft — wie schmolz das ineinander und schuf eine Luft, in der die freie Seele athmete wie in einem Himmelreiche!

Die Dienerinnen kamen und brachten in künstlerisch gearbeiteten silbernen Gefäßen, Krügen und Schüsseln allerlei Labung, dazu Obst, Backwerk, süße Säfte die Fülle. Die Dienerinnen, hübsche, junge Mädchen, verschwanden schweigend, auf einen Wink der Herrin, und ließen diese mit ihrem Gaste allein.

— Es sind meine Schülerinnen, Grege, darum dienen sie mir so folgsam und bescheiden. Wenn sie in die Jahre kommen, wo die Lehrzeit überstanden, sind sie frei, wie ich. Du bist in einem freien Lande, bei freien Menschen, in Nordika, Grege. Und nun setz’ Dich zu mir und iß!

Maikka legte ihm vor, warme Speisen aus den verdeckten Schüsseln.

Grege saß wie betäubt. Er schüttelte endlich den Kopf, griff nach den Früchten, einem Stückchen Backwerk

und schänkte sich von dem süßen Saft einen Schluck in sein Glas.

— Warum nimmst Du nicht von den warmen Pastetchen? Sie sind köstlich. Sieh, wie sie mir schmecken! Ist es wider die Teuta-Regel?

— Allerdings. In diesem Falle ist die Regel wie ein geleisteter Schwur.

Maikka, obwohl sie im Hause ernster schien, als im Freien, lachte laut auf und rückte ihren Sitz näher dem seinigen.

— Merke dies, mein Gast: Teuta-Schwüre gelten in Nordika nicht. Jetzt bist Du ein freier Mann in einem freien Lande.

— Aber noch kein neuer Mensch, Maikka. Das Alte lastet.

— Der neue Mensch wird die alte Last abschütteln.

Aus einem Nebengemach tönte lieblicher Mädchengesang.

— Das ist das Nachtlied, Grege. Gleich werden meine Dienerinnen erscheinen, Dich zu Deinem Lager zu geleiten. Schlaf wohl! Ich will noch nach Fox und meinen Thieren sehen.

— Noch ein Wort, gütige Maikka: Du sprachst vorhin von Schülerinnen. Also bist Du Lehrerin?

— Ja, Grege, das bin ich. Gut Nacht. Deine persönlichen Erlebnisse erzählst Du mir morgen.