Abschied von Margot
Ihre kummervollste Zeit brach an, und doch versäumte Margot nichts, um das Unheil aufzuhalten, als sie es kommen sah. Lange bemerkte sie es nicht: sie hatte sich in Nérac an das Glück gewöhnt und rechnete mit keinem Wechsel mehr. Sie wollte zuerst nicht glauben, als Rebours ihr hinterbrachte, daß es tatsächlich geschehen wäre zwischen Henri und Fosseuse. Diese war doch «Töchterchen» für Margot wie für Henri, ein schüchternes kleines Wesen, die Ergebenheit selbst. Rebours im Gegenteil verzehrte sich vor Neid auf jede andere, die von Henri bemerkt wurde; denn sie selbst, Rebours, hatte ihm zu Anfang gefallen, aber da sie erkrankte, ging für sie der günstige Augenblick vorbei.
Jetzt rächte sie sich und entwendete die Rechnungen des Apothekers Laianne, um sie ihrer Herrin zu zeigen. Da stand verzeichnet: «Für den König, als er sich bei den Mädchen der Königin im Zimmer aufhielt, zwei Schachteln Marzipan. Nach dem Ball, Gläser Zuckerwasser und Schachteln Marzipan für die Mädchen der Königin.» Das ging noch alle an, das folgende betraf nur Fosseuse. «Für Fräulein Fosseuse ein Pfund Zuckerwerk, vierzig Groschen. Für dieselbe: Bonbons und Rosenkonfekt, Eingemachtes, Fruchtsäfte, Marzipan» — allein für Fosseuse. — «Sie wird sich den Magen verderben», sagte Margot im Ton der Besorgnis; die neidische Rebours sollte nicht behaupten können, sie hätte Eifersucht bemerkt bei der Königin. Rebours indessen hatte das Schlimmste noch aufbewahrt. Die letzte Rechnung lautet: «Für den König, in das Zimmer des Fräulein Fosseuse gebracht, ein und dreiviertel Pfund Marzipan mit vier Unzen Fruchtsaft, zwei Taler drei Pfund.»
Aus diesen genauen Angaben des Apothekers ersah die arme Margot, was tatsächlich geschehen war. Ihr geübtes Gesicht verriet ihren Schrecken nicht der neidischen Rebours, und mit der schuldigen Fosseuse verfuhr sie um so vertraulicher, erbat auch, wie bisher, ihre guten Dienste beim König. «Fosseuse, mein Töchterchen, ruf mir meinen geliebten Herrn! Sag ihm, ich wüßte ihm Neues zu melden über meinen königlichen Bruder von Frankreich. Du möchtest es wohl wissen. Mein Bruder hat einen bösen Traum gehabt, meine Mutter hat ihn mir beschrieben. Ihm hat von reißenden Tieren geträumt, Löwen und Tiger fraßen ihn auf, und in Schweiß gebadet ist er erwacht. Da hat er befohlen, daß alle Bestien seines Zwingers erschlagen würden. Geh, berichte es unserem Herrn, und daß ich noch viel mehr weiß.»
Absichtlich sagte Margot: unserem Herrn — Fosseuse sollte glauben, daß sie nichts ahnte, nichts bitter empfand und ihr den erlaubten Platz des Töchterchens gut und gern gönnte. Fosseuse aber kehrte von diesem Weg nicht zurück, blieb vielmehr mit Henri; und da sie ihm den Auftrag nicht ausrichtete, ging er zu Margot an dem Tage nicht. Das war das Geständnis des Mädchens, und von jetzt an wich sie der Königin aus, wurde verstockt, dreist und nahm den König gegen sie ein. Margot dagegen, im Gedanken an die glücklichen Jahre, die nicht aufhören sollten, hütete sich, etwas Unwiderrufliches zu tun. Sie hoffte, daß ihr lieber Herr auch Fosseuse einmal satt bekäme wie jede andere. Inzwischen unterhielt und spannte sie ihn mit ihren Nachrichten aus dem Louvre. Er bezog selbst welche durch seinen Rosny, der am Hof von Frankreich zwei Brüder hatte. Die Gatten kamen zusammen, um zu vergleichen und auszutauschen: das war jetzt noch ihre sicherste Gemeinschaft.
«Der König von Frankreich erhebt immer neue Steuern für seine Lieblinge», begann der eine. Der andere versicherte: «Beim Volk heißt er nur noch der Tyrann.» Darauf beide durcheinander: «Es kann nicht mehr lange gut gehen. Der Liebling, der jetzt Joyeuse heißt, hat eine Schwester der Königin und ein Herzogtum bekommen; das verzeiht der Adel dem König nicht. Das Volk wieder vergißt nie, daß ein Mensch dieser Art und Herkunft bei seiner Hochzeit, die alle bezahlen mit ihren Steuern, gekleidet sein konnte wie der König selbst. In Frankreich war ein so großer Aufwand noch nicht gesehen worden. Siebzehn Festmähler, alles von den Steuern; Maskeraden, Turniere, und auf der Seine fuhren vergoldete Schiffe mit nackten Heiden — kein Anblick für das Volk, das wir so wenig als möglich erinnern sollten an seine Lasten.»
«Sondern wir müssen sie ihm abnehmen», sagte Henri. «Es kostet nicht viel, Wein aus dem Faß zu zapfen: weniger, als Blut aus den Menschen.»
Die verwöhnte Prinzessin von Valois, einst berühmt und besungen wegen ihres nahezu vermessenen Auftretens bei Prozessionen, senkte bescheiden die Stirn. Ihr ganzer Ehrgeiz war, die ländliche Fürstin zu bleiben wie bisher. Für ihren lieben Herrn wollte sie mehr, war seit langem einig mit ihm über seine Berufung — nur hätte sie diese gern hinausgeschoben. Ihr königlicher Bruder, den sie nicht liebte, konnte einen Erben bekommen: dann starb ihr Haus nicht aus. Oft fühlte Margot mit ihrem Bruder, nicht mit Henri; daher begriff sie, warum er seinen Lieblingen, die nichts weiter waren als schädliche kleine Abenteurer, dennoch Wohltaten zuwendete wie seinen eigenen Kindern. Er wollte sie dafür halten und sie dazu machen, damit er nicht unter den reißenden Tieren seines Traumes ganz allein wäre. Margot verstand ihn zuzeiten: das war, sooft sie allein saß und sann. Jetzt hat er auch den Bruder dieses Joyeuse zum Herzog erhoben und ihm die zweite Schwester der Königin gegeben. Er bezahlt nicht einmal mehr seine Soldaten; er sagt: «Wenn erst alle meine Kinder verheiratet sind, werde ich vernünftig.» Margot sann: ‹Seine Kinder!› Lange seufzte sie, versank in den Kerzenschein und bemerkte nicht, daß die Blätter ihres Buches sich wendeten vom Lufthauch.
Eines Tages war sie durch Nachrichten sehr erregt, auf der Stelle verlangte sie nach Henri, aber er war ausgeritten. Statt seiner erschien Fosseuse, die schlecht aussah, bleich, das Gesicht in die Länge gezogen und übellaunig. ‹Bald wird es zwischen ihm und ihr vorbei sein›, dachte Margot flüchtig; aber überwältigend war ihr Drang, sich mitzuteilen, war es dem Mädchen, das an seiner Brust gelegen hatte wie sie. «Fosseuse!» rief die arme Margot und umarmte sie vor Bewegung — keine Gelehrte mehr, keine Prinzessin mehr, eine hilfesuchende Frau.
«Fosseuse, es ist komisch, wenn es auch furchtbar ist: sie wollen meinen Bruder, den König von Frankreich, ins Kloster sperren, weil seine Ehe unfruchtbar bleibt. Er kleidet sich aber von selbst schon wie ein Mönch, hat seine Schleifen und Federn wieder einmal abgelegt, seine Lieblinge fortgeschickt, und mit der Königin ist er gewallfahrtet, damit sie fruchtbar wird und ihm den Dauphin gibt. Er hatte nachher die Füße voller Blasen, die Königin aber bleibt unfruchtbar. Ist das nicht zum Lachen: Ja gewiß, es ist lächerlich, etwas so Einfaches nicht fertigzubringen, wie es das Gebären ist. Man bietet ein Schauspiel dem ganzen Hof, der den Leib der Königin spöttisch abschätzt. Den König aber sehen sie gähnen von seinen vergeblichen Anstrengungen, um Vater zu werden, und alle gähnen mit ihm. Ein lustiger Hof, ha, ha!»
Während ihres schwachen Versuches zu lachen, glitten ihre Hände an Fosseuse herab: so entdeckte Margot durch ein zufälliges Tasten, was sie noch früher erkannt hätte, wenn sie es hätte wissen wollen. ‹Die andere, Fremde, soll ein Kind bekommen von Henri. Ich nicht, ich habe etwas so Einfaches wie das Gebären nicht fertiggebracht. Anstatt den König und die Königin, verhöhne ich mein eigenes Geschick.› Sie fingerte an dem fremden Leib, bis das Mädchen böse wurde. «Was fällt Ihnen ein, Madame», keifte Fosseuse. «Das sag ich dem König, daß Sie sich an mir vergreifen.»
«Töchterchen, sei gut, wie könnt ich seinem Kinde weh tun!» — «Madame, auch noch Beleidigungen!»
Die ehemals Sanftmütige erstickte vor Zorn, ihr Hals lief blau an. «Wenn er nicht ausgeritten wäre, sollt er mir gleich bezeugen, daß ich fälschlich verdächtigt werde. Madame, alle will ich Lügen strafen. Madame, Sie mögen mich nicht und wollen mich stürzen», schrie Fosseuse, da sie wieder bei Atem war. Margot sprach um so leiser.
«Uns muß nicht jeder hören. Töchterchen, vertrau mir doch. Ich meine es mit dir wie eine Mutter. Wir beide können zusammen fortgehn, ich will dir selbst beistehn und Hilfe leisten.»
«Madame, Sie wollen mich töten lassen. Was Sie sich einbilden, ist nicht wahr.»
«Hör mich nur an. Wir nehmen als Vorwand unserer Reise die Pest, denn wirklich ist sie aufgetreten in einem Hause nah von hier, das dem König gehört.»
«Der König!» kreischte die Wütende, da sie Hufschläge hörte, stürzte aus dem Zimmer, stolperte und wäre zu Fall gekommen. Margot hielt sie aufrecht um seines Kindes willen. Kurz darauf aber trat er selbst bei ihr ein und zeigte sich erbittert gegen die arme Margot. Ihr glaubte er nicht, wie genau sie ihm alles erklären mochte. Er glaubte der albernen kleinen Lügnerin. Daran erkannte Margot zum erstenmal deutlich, daß ihr Glück zu Ende war. Sie verlor ihr Selbstvertrauen, das stolz gewesen war die Zeit über am Hof von Navarra. Mit der gesicherten Zukunft gab sie alsbald auch ihre Haltung auf und ließ ihre Natur ausschweifen wie nur jemals in Schloß Louvre.
Ihr geliebter Bruder d’Anjou, früher d’Alençon, traf etwas später zu Verhandlungen ein, und mit ihm sein schöner Oberstallmeister. Kaum erblickt, überwältigte dieser Edelmann die arme Margot und wurde der Herr ihrer Gedanken. Gegen ihren Bruder verstellte sie sich nicht. Als Mann und häßlich wie er, wäre sie ungefähr das gleiche geworden, ein Irrwisch, und hätte ihr Leben ganz vergeudet, anstatt nur Teile davon. «Champvallon ist der schönste Mann seit dem Altertum!» beteuerte Margot.
«Schneid ihm den Kopf ab», schlug ihr Bruder vor. «Balsamier ihn, setz ihm Edelsteine ein und führ ihn mit dir über Stock und Stein: das ist das Sicherste, wie du aus Erfahrung weißt, liebe Schwester.»
«Er ist die einzige Sonne meiner Seele! Mein schönes Herz, mein alles, mein Narziß!»
«Jedes Wort bestell ich ihm», versprach ihr Bruder, und tat es gern. «Deinem Hahnrei Navarra wird es eine Lehre sein. Er hat mich der Engländerin verleidet, und sie brachte mir doch jeden Morgen selbst die Schokolade. Nannte mich ihr Italienerchen und wollte immer fühlen, ob ich keinen geheimen Höcker hätte. Ha ha!» Das Lachen hatte er wie seine wohlgebildete Schwester — weich wie der Strich auf dunklen Geigen. Leider wurde der schöne Ton unheimlich, da er aus dem kleinen Körper kam.
«Mir ist, als würde ich eine gewisse Königin, die ihren Hof höchst satt hat, bald in Paris wiedersehen», sagte er später zum Abschied und fuhr dahin mitsamt der unvergleichlichen Antike, die ihm als Oberstallmeister diente. Margot aber reiste in ein Bad, nur ihre Mädchen und Edelleute begleiteten sie, nicht Henri. Er brachte Fosseuse in ein anderes Bad. Vorher hatte er sich dringend bemüht, damit beide Frauen dasselbe aufsuchten. Er hoffte, die Liebe zu ihm würde sie versöhnen — welchen Irrtum beide ihm übelnahmen, obwohl es der gewöhnlichste Irrtum ist. Henri beging ihn eigentlich wegen seines mitfühlenden Herzens, da er die arme Margot viel weinen sah. Nun weinte sie gewiß, weil Fosseuse ein Kind bekommen sollte und sie nicht, weinte über sich, die ihr Glück verloren hatte durch ihre Unfruchtbarkeit — beweinte ihre Unrast, der sie wieder verfallen war, und die neu hereingebrochenen Abenteuer. Aber auch dem Abenteuer, der schönen Antike, schickte sie Tränen nach; und es entschädigte sie, daß wenigstens diese Trauer ihr eigenes Werk und keine Demütigung durch andere war.
‹Wenn du wüßtest!› dachte sie in ihrem gequälten Herzen, weil Henri sie drängte, mit ihm und Fosseuse in dasselbe Bad zu kommen. ‹Ich hasse dich und liebe nur meinen Narziß!› So war es nicht; Margot haßte Henri hier noch durchaus nicht; durch Bemühungen aber, die man zuerst selbst nicht ernst meint, kann es schließlich wahr werden. Da Henri wählen mußte, entschied er sich für seine Geliebte anstatt für seine beste Freundin und führte sie oberhalb von Pau in das Gebirge, Eaux-Chaudes heißt der Ort. Er war einsam und schwer zugänglich. Vor der Ankunft bei den Bädern mußte man durch eine der gefährlichsten Stellen der Pyrenäen, «das Loch» genannt, und dies mit einer Frau in den Umständen wie Fosseuse.
Hier kam denn auch die neidische Rebours dahinter: solange hatte sie noch an ein Magenleiden geglaubt, infolge zu vieler Süßigkeiten. Sie behielt ihre Kenntnis für sich allein und benutzte sie nur, um die verhaßte Geliebte zu ängstigen, sooft sie allein waren. Die arme Margot konnte sich nichts Besseres wünschen. Grade darum hatte sie Rebours den Reisenden mitgegeben; ihr Geist weidete sich wenigstens an dieser einzigen Rache, wenn sie badete, allein und verlassen in Bagneres. Das Städtchen liegt an flacheren Abhängen, im Lande Bigorre, nicht in dem hugenottischen Bearn, das zu betreten Margot verschworen hatte, seitdem sie in Pau beleidigt worden war wegen der Messe.
Die arme Margot, sie verließ ihr Gefolge, irrte durch Wälder, und da sie zu ihrem Schutz einen Dolch bei sich trug, ritzte sie Worte in die Felsen. Zuerst war es der Name ihrer verlorengegangenen Antike, ihres Narziß, ja, seine körperlichen Vorzüge fügte sie im Umriß hinzu. Dabei weinte sie alle Tränen ihres Leibes, bis sie selbst nicht mehr sah, was sie tat. Als sie ihre Augen getrocknet hatte, las sie die zuletzt geschriebenen Buchstaben, und diese ergaben: Henri. Die arme Margot wurde wütend, sie setzte dahinter ein Kreuz. Dann weinte sie um so heftiger.
In Eaux-Chaudes inzwischen war alles eifrig beim Genuß der Natur und ihrer wunderbaren Kräfte. Eine Frau besonders, die sich in die heißen Quellen legt, ist sicher, glücklich niederzukommen. Andererseits ist dieses Wasser wirksam für die Heilung aller Verwundungen und gegen die Schmerzen, die verursacht sind durch häufiges Nächtigen im Freien auf kaltem Erdboden sowie durch alle übrigen Mühen des Krieges. Beide, Fosseuse und Henri, benutzten das Bad viele Stunden lang. Lauben aus Blättern faßten es ein, und diese waren eigens angefertigt für den Aufenthalt und den Arbeitern bezahlt mit sechs Pfund. Unter jeder Laube badete ein kranker Offizier oder sonst ein Gast, dem Henri alle seine Kosten vergütete, damit in der Welt die Rede wäre von den Quellen der Pyrenäen. Dichter wie Du Bartas verfaßten Verse auf sie und empfingen gleichfalls den Lohn. Den Weg herauf mitsamt seinen Gefahren machten daher viele Leute: der König von Navarra war immer umringt. Seine Schwester, die während seiner Abwesenheit in Pau das Land verwaltete, schickte ihm Berichterstatter auf Maultieren. Auch schwankten die steilen Pfade hinan Maultiere mit Schläuchen voll Wein. Tätigkeit und geselliger Eifer belebten das Hochgebirge.
Margot, dort unten, bewohnte eine bequeme Stadt, Bagneres, mit gutgehaltenen Thermen: schon die Damen und Herren des Altertums haben dort gebadet und den Sprudel getrunken. Die besten Häuser waren alle belegt mit der Begleitung der Königin von Navarra; um sie her schwirrte man, duftete, und redete ihr zu Ehren gut. Sie aber bedachte unablässig, was alles ihr geliebter Herr dort oben aufwendete an Mühen, Aufmerksamkeiten und Geduld — für Fosseuse, die seinen Sohn im Schoß trug. Die unfruchtbare Margot war alleingelassen. Sieh selbst zu, ob dieses Gewässer auch dich endlich fruchtbar macht. Solange bleibt dein geliebter und gehaßter Herr bei der anderen, die das Kind schon im Schoß trägt!
Trank sie den heißen Quell und legte sich hinein, dann war es ihr, als tränke sie das Nichts, läge in der steinernen Zelle wie eine Entschlafene. Schnell mußten laute, frohe Reden angestimmt werden durch die offenen Türen der Badestuben, längs des geweißten Ganges. Sie wollte Verse und ihre eigene klangreiche Stimme hören. Was sie überdies anhörte und täglich verschlang, inbrünstiger als das Heilwasser, war die heilige Messe, war der Zuspruch durch den Priester und das Gebet um das Kind. ‹Es wird sein: ich fühl es, es ist verheißen. Ich werd in meinem Schoß seinen Sohn tragen: dann verstößt er mich nicht und nimmt nicht Fosseuse. Ich muß ihn nicht hassen. Er soll König von Frankreich sein, ich seine Königin, der Dauphin wird geboren aus meinem Schoß. Das Glück ist erreicht, eingetreten ist die Ruhe. Nicht vergeblich war unsere große Liebe, die Blutschuld, wir beide soviel umgetrieben. Ruhe, Ruhe, und das Glück!›
Als die arme Margot zurück nach Nérac fuhr, glaubte sie fest, sie wäre vorbereitet. Nun zog ihr geliebter Herr eines Morgens den Vorhang von ihrem Bett; angstvoll und verlegen bat er um ihren Beistand für Fosseuse. Sie möge ihm verzeihen, daß er bis jetzt verheimlicht hatte, was geschehen war. Darauf sagte sie: Soviel ihr von ihm auch immer käme — und konnte nicht weitersprechen. Ging aber in das Zimmer der Wehmutter, nachdem sie alle fortgeschickt hatte, denn bis zuletzt hatte Fosseuse die anderen getäuscht — und dort half Margot, die hier die Demut erreicht hat, ein Mädchen zur Welt zu bringen. Es war kein Sohn, die Gefahr war überstanden, Fosseuse sollte sie nie verdrängen. Henri ließ sogar zu, daß Margot die Abgedankte mit an den Hof von Frankreich nahm, als sie dorthin aufbrach. Das war ein bequemer Abschluß für Henri und erleichterte ihn.
Für Margot war es mehr. Sie reiste, zuerst um ihrer Würde willen; denn wäre sie nicht die Schwester des Königs von Frankreich, die sich herabgelassen hatte zu Henri, bevor sie für ihn sogar die Demut erlernte — ist sie doch immer eine Frau. Zwar bleibt sie unfruchtbar, hofft auf den Sohn nicht mehr, und auch nicht mehr auf Ruhe. Sie entfernt sich im Grunde, damit der Kampf zwischen ihr und ihrem geliebten Herrn nicht ausbricht, während sie noch beisammen sind, und nicht der Haß, solange sie noch Bett an Bett liegen. Nichts anderes bewegte sie anfangs; aber natürlich wurde Margot benutzt für die gewohnten Pläne, den König von Navarra an den Hof von Frankreich zu ziehen — als ob die Gefahren dieses Hofes ihr weniger bekannt gewesen wären als ihm. Indessen leugnete sie alle und beschrieb in ihren Briefen seine Feinde als ganz heruntergekommen, Guise gealtert, sein Bruder Mayenne entsetzlich fett. Warum tat die arme Margot es? Sie schrieb: «Wären Sie hier, Ihnen würden alle sich anbieten. In acht Tagen bekämen Sie mehr Freunde, als Ihr Leben lang dort unten.» Und das schrieb sie, weil sie es wünschte, stolz wie sie war auf ihren Herrn. Es konnte sogar die Wahrheit sein, oder die eine Seite der Wahrheit. Die andere dagegen blieb, daß ihr Herr den Guise verhaßt und bei ihrem königlichen Bruder nicht beliebt war. Da die Bartholomäusnacht von Karl dem Neunten nicht aufgehalten worden war, was konnte wohl sein Nachfolger verhindern. Schwach war dieser; so ungleich, verstört, gehetzt und alleingelassen war kein König gewesen. Die Herren von Lothringen sahen in Wirklichkeit anders aus, als Margot sie beschrieb. Die Stadt war voll ihrer Reiterei: sie ernannten, hoben Steuern ein und befahlen, nicht aber der König. Hätte Henri sich hinbegeben in die Mörderhöhle, die er kannte, der König von Frankreich begrüßte ihn vielleicht dennoch als seinen Retter, aber die Guise? Navarra, der einzige, der ihren Plänen noch im Wege war, wie sie dem König von Spanien ausdrücklich meldeten, was hätten sie getan mit Navarra? Man tötet nicht mehr eigenhändig, wenn schon gleich der Thron erreicht ist. Das war zur Zeit des Admirals Coligny. Jetzt veranstalteten Guise und seine Liga, sooft sie wollten, eine Volksbewegung: darin wäre, wie zufällig, Navarra umgekommen.
In Nérac bestand hierüber kein Zweifel; der Geheime Rat erwog es, Mornay setzte es auf. Las nun Henri die Briefe der armen Margot, dann hielt er sie für Verräterei, er konnte gar nicht anders — und sie waren einesteils wohl auch das. Abgesehen davon sprachen ihre ehrlichen Herzenswünsche für die Größe ihres Herrn. Da es aber mit ihr dahin kommen soll, verwirrt und entwertet Margot selbst ihr Verdienst, und Henri erkennt es nicht mehr.
Ihre doppelsinnigen Einladungen beantwortete er mit einer offenen Kränkung. Er verlangte, daß sie Fosseuse nicht fortschickte, sondern immer um sich behielt: damit beendete er absichtlich den gütlichen Verkehr. Übrigens dachte er damals schon nicht mehr an Fosseuse. Er war inzwischen von einer neuen Frau beglückt und hingerissen worden. Keine leichte Zärtlichkeit spielte sich diesmal ab und noch weniger eine Leidenschaft, dunkel wie Schicksal oder wie Blut. Als Henri diese Dame aus Bordeaux näher kennenlernte, gefiel ihm ihr selbstgewählter Name Corisande, der sie zu einem erlesenen Geschöpf wie aus romantischen Dichtungen machte. Ihn überraschte ihr phantastischer Aufzug, ein kleiner Narr, ein langer Mohr, Papageien, Affen und anderes mehr, womit umgeben sie zur Messe ging. Die Gräfin von Gramont war klug, sie war wohlredend und besonders war sie reich. Anstatt anderer Schönheiten hatte sie eine sehr weiße Haut. Da sie eine Freundin seiner Schwester war von Kindheit auf, hatte Henri sie auch früher schon gesehen. Jetzt auf einmal große Liebe, oder was er dafür hielt.
Zweifellos hat vom ersten Tage an die Dame ihn mehr geliebt als er sie. Sie hat ihn sogar vorher unbekannt erträumt, und ihr ganzer Aufzug war bestimmt, ihm aufzufallen. Er geisterte durch ihre Nächte, seitdem Fama seinen Namen ausrief, und sie hatte sich vorgesetzt, seine Muse zu sein. Die Muse eines großen Fürsten und Soldaten wird ihm Regimenter aufstellen mit ihrem Geld, nach Schlachten und Siegen wird sie ihm ihre weißen Arme öffnen. Besonders wird sie ihn schreiben lassen, Briefe und kein Ende; bei ihr wird er der unvergleichliche Schriftsteller sein. Das wird dauern die ganzen Jahre, bis der Ehrgeizige sich ausgestürmt hat. Dann wird es aufhören auch darum, weil das Antlitz der Muse nicht mehr blendend, sondern rot gefleckt ist. Diese wird, wie jede andere, enttäuscht und bitter sein, uneingedenk der erfüllten Aufgabe, die selbst erwählt war wie der Name Corisande.
All und jedes liegt verschieden bei Margot. Er schreibt ihr keine schönen und meisterhaften Briefe. Sie ist da, wenn ihr Körper da ist. Unverlierbar ist sie nicht, das ist keine; sie aber hat seine Jugend durch und durch geformt, mit Zauber und mit Fluch: beides geht ans Leben, anders als bei edlen Musen. Sie wird keine Regimenter aufstellen für ihren einzig geliebten Herrn, wird eher gegen ihn die Truppen schicken. Denn sie ist die unfruchtbare letzte und soll ihn vergeblich aufzuhalten suchen auf seinem Weg zum Thron. Sogar mit der Liga des Guise und des Teufels selbst wird sie sich zuletzt noch verbünden gegen ihr eigenes Haus, nur aus Haß gegen ihren geliebten Herrn. Als ihr Bruder Irrwisch tot ist, wird sie verstört umherfahren statt seiner, wie man sich benimmt beim Einsturz des Hauses; und gehetzt von dem Haß ihres Bruders König verschwindet sie schließlich als eine Frau allein — konnte nicht einmal mehr schaden, so allein, und verschwindet. Margot!
Noch ist sie im Louvre und will Henri dorthin locken mit den Beschreibungen der Feste. Natürlich weiß sie, daß er eine neue Freundin hat: darüber schweigt sie, aber sie rächt sich. Leider heiratet der unvergleichliche Narziß, sie ersetzt ihn bald und reichlich. Ihr königlicher Bruder wirft ihr, auf offenem Hofball, alle Namen ihrer Liebhaber ins Gesicht. Nächsten Tages muß sie fort, entehrt, verlassen, ja, noch auf ihrer Rückreise nach Süden wird sie plötzlich aufgehalten von Offizieren des Königs und durchsucht wie eine Diebin. Wer aber reitet ihr entgegen und nimmt sie mit sich in sein Schloß, zeigt sich mit ihr am Fenster? Wer ist gut für Margot, umarmt sie wortlos, damit sie weiß: einer leidet mit ihr, schämt sich auch mit ihr?
Am Abend saß sie neben Henri, der sich zum Schein unterhalten ließ von seinen Edelleuten: nur, damit er nicht viel sprechen mußte, besonders nicht zu Margot. Ihr wäre die Stimme erstickt, man sah sie wortlos weinen. Das waren Freudentränen, weil er gut war. Hinein mischten sich Tränen der Erbitterung über ihre eigene Ohnmacht. ‹Er liebt, und diesmal ernstlich! Ich bin allen im Wege, seiner Geliebten mit dem lächerlichen Namen, die mich noch vergiften wird, und darum ihm selbst. Was hilft gut sein. Ich bin schon nicht mehr da.›
Gerade in diesem Augenblick suchte er unter dem Tisch ihre Hand und drückte sie. Zuerst erschrickt sie. Befangen in ihren Ängsten, denkt sie schon: ‹Abschied von Margot!› Dann erschrickt sie nochmals, aber vor Freude, weil es soweit nicht ist, und das Schlimmste ist noch aufgeschoben. Das Blut strömt ihr zum Herzen; schnell, heimlich beugt sie sich über seine Hand und küßt sie. Nachher hält sie sich im Gegenteil sehr gerade, weint nicht mehr, blickt niemand an — hat begonnen, sich im voraus zu entfernen von hier, fühlt es, will sich selbst zurückrufen, findet keine Wiederkehr. Margot! Nie mehr? Wende dich her, wenn du kannst! Du kannst nicht? Mußt verblassen, mußt entschwinden? Margot!