Auf Erden und am Himmel
Die nächsten fünf Tage sah der neue König sein Heer zusammenschmelzen, wie vorher die Liga das ihre. Marschall Epernon, vor kurzem eine Stütze des Königreiches, stritt sich absichtlich mit Biron, damit er sagen konnte, ein Mann wie er werde nicht Krieg wie ein Strauchdieb führen unter einem solchen König. Sprach es und zog ab nach seinem Königreich, der Provence. Jeder hatte sein kleines Königreich, das er sich aus den Provinzen des großen herausgeschnitten hatte: dahin zog er ab, mit sich nahm er seine Edelleute und alle Truppen. Der neue König hatte kein Mittel, sie aufzuhalten. Sich bekehren? Dieselben Menschen hätten ihn um so sicherer verlassen. Erworben hätte er nur die Verachtung seiner eigenen Gefährten, Glaubensgenossen und seiner fremden Freunde. Kein Geld und keine Soldaten mehr aus England oder Deutschland.
Mit seinem Mornay verfaßte er während dieser verzweifelten Tage eine Erklärung, darin wurde jeder der beiden Religionen ihr bisheriger Bestand zugesichert. Sich selbst behielt er vor, überzutreten zu dem Bekenntnis, das nun einmal die Mehrheit seiner Landsleute teilte. Er sagte nicht ganz deutlich: wann; aber er wußte es. Wenn das Königreich mitsamt der ungefügigen Hauptstadt fest in seiner Hand wäre, nur dann und nur aus seinem freien Willen. Als unbestrittener Herr des Königreiches wollte er seinen alten Glaubensgenossen ihre volle Gewissensfreiheit geben, so war sein Vorsatz: ob er ihn faßte um ihretwillen oder aus Selbstachtung, damit er nicht selbst ins Gesicht schlüge allem, was er gewesen. Er ist der König, der das Edikt von Nantes erlassen und die Freiheit verteidigen wird mit seiner ganzen Macht. Dies beschließt er und sieht es voraus während der fünf Tage, in denen die meisten ihm fortlaufen, und ein anderer wäre ihnen nachgelaufen.
Die Hauptstadt inzwischen, die er immer noch belagerte, ließ sich dem äußersten Zustand ihrer gestörten Vernunft. Es ging so weit, daß die wenigen Nüchternen sich den abgegangenen Führer zurückwünschten. Seine Hinterlassenschaft übertraf alles, was er bei seinen Lebzeiten fertiggebracht hatte. Verglichen mit seiner Schwester Montpensier war Guise ein Weiser gewesen. Sie raste im Jubel, dem Boten mit der Nachricht vom Tode des «Tyrannen» sprang sie an den Hals. Ihr Schmerz war nur, daß der sterbende Valois vielleicht nicht mehr erfahren hatte, von wem der Braune geschickt war. Guise hat aus dem Grab seine Hand gestreckt und dich getroffen!
Die Herzogin ließ ihre Mutter, die Mutter der beiden ermordeten Guise, von einem Altar herab zum Volk sprechen, und diese brachte es wirklich außer sich mit ihrem Geschrei. Denn aus der Greisin schrie das ganze Haus Lothringen, seine Ruchlosigkeit, Grenzenlosigkeit und der versteckte Irrsinn, der es antrieb zu allen seinen Taten. Die Herzogin wollte unverweilt ihren Bruder Mayenne zum König ausrufen lassen, da bekam sie es aber mit dem Gesandten Spaniens zu tun. Sein Herr, Don Philipp, sah Frankreich endgültig für eine spanische Provinz an; seine Truppen besetzten Paris. Den Gebieter im Rücken, durfte die Liga sich ihren Ausschweifungen ergeben. Die Mutter des Jakob-wo-bist-Du wurde aus ihrem Dorf geholt und als heilige Jungfrau verehrt. Der braune Junge in Nachbildung wurde auf einem Altar, zusammen mit den beiden Guise, der öffentlichen Inbrunst dargeboten. Selten in ihrer Geschichte hatten Volk, ehrbare Leute und besonders die hochherzige Jugend solche Tage genossen, da ihnen ganz herrlich der Kopf durchgehen durfte. Nur gut, daß sie, bei allem Mißbrauch der Religion, keinen ernsten redlichen Glauben hatten: dann geht das alles nicht, weder Tollheit noch Rausch — so wenig als diese statthaft sind, wenn man nachdenkt.
Es waren dieselben Tage, als vor den verschlossenen Toren Henri, dem alle fortliefen, dennoch fest blieb in seinem Entschluß, die Vernunft zu retten und die Freiheit zu verteidigen. Zuerst soll das Königreich befreit werden von dem Griff des Weltbeherrschers. Henri wird weder bis in die Gascogne zurückweichen noch über die Grenze Deutschlands flüchten. Er kennt Stimmen, die ihm das eine oder andere raten; sie hören sich an wie die des gesunden Menschenverstandes, in einer Lage, die ohne Ausweg erscheint. Er allein weiß einen, der heißt: fest bleiben. Kühnheit erwirbt Vertrauen, Vertrauen gibt Kraft, diese ist die Mutter der Siege, mit ihnen sichern wir unser Reich und Leben.
Am achten August brach er sein Lager ab. Die Hülle des verstorbenen Königs geleitete er nur ein Stück Weges: die Umstände erlaubten noch nicht, sie feierlich beizusetzen. Hierauf teilte er sein Heer. Von fünfundvierzigtausend Soldaten waren übrig zehn- oder elftausend. Mit je drei- bis viertausend Mann schickte er den Marschall d’Aumont und seinen Protestanten La Noue an verschiedene Abschnitte der Ostgrenze, damit sie das Königreich deckten gegen einen neuen Einbruch spanischer Truppen. Er selbst mit seinen dreiundeinemhalben Tausend Arkebusieren, siebenhundert Reitern, beschloß, die ganze Macht des Feindes, soviel von ihr schon im Land stand, auf sich zu ziehen — dorthin, wo er bestimmte.
Er nahm aber den Weg nach Norden, dem Kanal entgegen, in der Hoffnung auf die Königin, die als erste den Weltbeherrscher getroffen hatte. Wäre nicht die Hilfe Elisabeths immer möglich gewesen, Henri hätte nicht damit rechnen dürfen, daß die Stadt Dieppe sich ihm ergäbe. Am sechsundzwanzigsten war er vor Dieppe, das ihm auch sogleich sein Tor aufmachte. Diese Schnelligkeit war ein Kind der Sorge. Hier zeigt sich, herverschlagen aus verdächtiger Ferne, der Hauptmann einer Räuberbande, was ist er denn mehr. Nennt sich König und hat kein Land; Feldherr und keine Soldaten. Sogar seine Frau ist ihm entlaufen. Indessen weiß niemand, wann die ordentliche Heeresmacht des prächtigen Mayenne zur Stelle sein wird und was noch geschehen kann. Von der See werden vielleicht englische Schiffe die arme Stadt beschießen, auf der Landseite setzen schon jetzt die Hugenotten ihr zu. Sie ergibt sich in ein Unheil, das hoffentlich das kleinere ist, und öffnet. Die großen Schlüssel in den Händen kniender Ratsherren, auch Salz und Brot, nebst dem Pokal, der zur Not vergiftet sein könnte: nichts fehlt. Der Räuberkönig hebt aber einen dicken alten Mann vom Pflaster auf, als wog er wie eine Feder, und zu allen spricht er: «Liebe Freunde, nur kein Getue! Mir langt’s, wenn wir nett sind. Gutes Brot, guter Wein und freundliche Gesichter!»
Den Becher trank er nicht, was sie übersahen in ihrer Verwunderung, ihn unbesorgt und leicht zu finden. Sie waren Normannen mit schwererem Blut als das seine. Ihre Stadt lag gefährlich, diese Bürger begegneten häufigen Verhängnissen mit hartem Mut. Aber auch noch gut gelaunt sein? Einem jungen Mädchen die Rose aus der Hand nehmen, scherzen und jedem etwas versprechen? Was hat er denn ernstlich zu verschenken? Sie zählen doch seine geringe Schar, die paar Ritter, das arme Fußvolk. Sie denken und fragen einander: «Nicht möglich, damit will er das Herzogtum Normandie erobern?» Es stand nun derart, daß er «damit» das Königreich ganz und gar erobern wollte. Das hörten die Leute nicht einmal, wenn er es laut verkündete: der Gegensatz war zu augenscheinlich für Köpfe ohne Phantasie.
Wie die Leute von Dieppe verhielt sich die große Mehrzahl im Königreich — insofern sie nichts voraussahen, nicht einmal die nächste Stunde Wirklichkeit, dessen ungeachtet alle für Menschen der Wirklichkeit gelten wollten. Sie bemerkten bis zuletzt nicht, daß ihr geistiges Gefüge ein wüster Traum war anstatt Wahrheit. Die Liga, so großmächtig sie umging, tat es doch nur wie ein Nachtgespenst, der Sonne gegenwärtig, um sich aufzulösen. Merkwürdig, das entging ihnen; vielmehr begegneten sie der aufgehenden Wahrheit, die ihr neuer König war, mit Sorgenfalten. Sicher ist, daß sie viel mehr Mißtrauen als Haß fühlten, nicht allein die von Dieppe, sondern alle Leute. Angst meldete sich wohl auch bei ihnen, eine heimlich wühlende Ahnung: diese könnte das Gewissen selbst sein. Wie? «Damit» will er das Herzogtum Normandie erobern? Nicht möglich. Als er dann gesiegt hat — nur eine einzige gewonnene Schlacht, und plötzlich wissen sie: er wird das Königreich haben. Wissen bis an das andere Ende des Königreiches, daß erschienen ist ein langerwarteter Tag.
«Was Dieppe!» rief Agrippa d’Aubigné und war nicht weit davon, ein Gedicht zu machen. «Wir sind keineswegs nur vor Dieppe, auf dieser nebligen Ebene zwischen Waldhügeln und dem Fluß Bethune, wo wir Verschanzungen aufwerfen, und ich habe die Schuhe ausgezogen bei der heißen Arbeit. Dies ist zwar unsere leibliche Gegenwart. Wir Erdenwürmer, nackt wühlen wir uns durch Lehm, werfen zwei Schanzen auf, eine hinter der anderen, damit wir standhalten, wenn von vorn über die Ebene der böse Feind heranfährt. Gedenken uns nach aller menschlichen Kunst zu decken und anzuklammern an diesen Erdenfleck. Im Rücken haben wir das Dorf Arques und über ihm die Burg. Noch weiter hinten soll die Stadt Dieppe uns bergen, wenn wir zurückgehen müßten, und sogar auf die englischen Schiffe hoffen wir.»
«Wo denkst du hin, Agrippa», sagte Rosny. «Wir gehen nicht zurück.»
Du Bartas warf ein: «Vielleicht werden wir es nicht mehr können, weil unsere Füße still auf diesem Felde liegen.»
«Meine Herren!» Es war Roquelaure, der sie ermahnte. Agrippa indessen blieb bei seinen Gedanken oder bei seinem Gedicht. «Unsere leibliche Gegenwart ist allerdings auf diesem Feld von Arques, links der Fluß, rechts buschige Hügel, grau vom Nebel, und darin eingesenkt der Weiler Martinglise.»
«Mit einer Schenke und gutem Wein. Ich habe Durst», verkündete Roquelaure.
«Weil unsere Füße still auf diesem Felde liegen», wiederholte Du Bartas für sich allein und zählte die Silben.
Agrippa: «Wo aber sind wir im Geist? Weder in einer Schenke noch tot zwischen anderen Toten. Wir sind im Geiste schon nach der Schlacht, nach dem Sieg. Wer weiß denn nicht, daß wir siegen sollen! Sogar der Feind hat davon Kunde. Mayenne und seine Überzahl sind im Anzug, rücken eilends vor und wollen nicht anders, als von uns geschlagen werden.»
«Das wäre!» meinte Rosny, kühl und verständig. «Mit solchem Vorhaben bemüht Mayenne sich nicht her zu uns, sondern um den König zu fangen: er hat es selbst gesagt; meint auch, er habe groß Macht und viel List.»
Agrippa: «Dennoch wünscht er in einer Falte seines Herzens dasselbe, was die ganze Welt ersehnt, nicht nur Dieppe und das verwirrte Königreich. Wir sollen sie erretten vor Spanien und vor ihnen selbst. Wir sind das Heilmittel gegen den Weltbeherrscher. Wir bekämpfen nicht sie.»
«Sondern ihre Blindheit und Schlechtigkeit», ergänzte Du Bartas.
Agrippa, im gehobenen Ton: «Freunde! Auf unseren Sieg wartet die Menschenwelt, bis in die fernsten Länder blicken auf uns alle, die Verfolgung leiden. Unser sind die Gebete der Bedrängten, Mißachteten, und auch das Gewissen der Denkenden spricht für uns.»
Gerade Rosny bestätigte dies. «Wir sind im Einverständnis mit den Humanisten des ganzen Erdteils. Das wäre noch nichts, gesetzt, die Humanisten hätten nur denken gelernt, nicht aber auch reiten und zuschlagen.»
«Sie können es», versicherten Roquelaure und Du Bartas.
Weiter berichtete Rosny: «Mornay hat in allen Königreichen und Republiken bekanntgemacht, daß wir es sind, die den Weltbeherrscher zu Fall bringen sollen. Er läßt Fama dahinfliegen und blasen über die Lande, daß wir kämpfen für Recht und Freiheit: diese sind unsere Heiligen. Daß wir auftreten anstatt der Tugend, Vernunft und Mäßigung, die unsere Engel sind.»
Roquelaure fragte herausfordernd: «Glauben Sie es nicht, Herr de Rosny?» Der antwortete: «Glauben will ich dies und noch mehr. Haben möchte ich nur einige tausend Pfund aus dem Gepäck des dicken Mayenne.»
Du Bartas begann kraft sicherer Erkenntnis zu sprechen — in einem merkwürdigen Tonfall: ein Gast, der von anderswo Nachricht bringt und früh wieder dorthin aufbrechen soll. «Noch nicht auf diesem Felde werden meine Füße still liegen. Es ist verbürgt. Wir alle sollen aus diesem irdischen Nebel in einen Ausschnitt des Himmels blicken. Besiegt von uns die zehnfache Übermacht, da hör ich aufatmen die Völker, und die Gesandten der Republiken setzen sich in Bewegung, zu huldigen unserem König und mit ihm Bündnisse zu schließen.»
Rosny hätte eingewendet: das ist zu weit gegangen. Ein kleiner Sieg, viertausend Soldaten, die sich gerade noch halten am äußersten Rande des Festlandes und dieses Königreiches: nach menschlichem Ermessen könnten sie nichts entscheiden. ‹Mein König wäre darum mehr als ein König ohne Land? Die Gesandten brächen zu ihm auf? Was denn wohl. Aber Fama!› dachte er dagegen selbst. ‹Aber die bereitwillige Erwartung der Welt! Aber dieser König!› Sein Blick traf den des Herrn de Roquelaure, der ihm zunickte, wortlos, der Sache gewiß. Für diese alle, Erdenwürmer, wie sie sich genannt hatten, Arbeiter an Erdwerken, in denen sie hafteten mit nackten Füßen, war die Wahrheit sichtbar geworden, so undurchsichtig um sie her die Luft hing. Als erste und als große Ausnahme kannten sie die nächste Stunde der Wirklichkeit.
Agrippa brauchte nur noch zu sprechen, was sich ihm inzwischen gefügt hatte: sie waren vorbereitet.
«Erscheine! Zwischen uns und Gottes Angesicht
Schiebt sich die Wolke fort. Sein Panzer ist das Licht.
Der neue Himmel hallt vom Wogen der Gesänge,
Die Luft strahlt weiß: das ist von Engeln ein Gedränge.»
Hier angelangt, brach der Sprecher ab, denn wahrhaftig, der Nebel zerteilte sich ihnen zu Häupten, ein Ausschnitt des Himmels ging eiförmig auf, quoll über vom Licht, und mit ihren Augen sahen sie — niemand gestand nachher, was. Es waren aber die Heiligen und Engel, deren Namen sie vorher erwähnt hatten. Standen all in dem Ei aus Licht. Von Angesicht, Kleidung, Bewaffnung glichen diese den schönsten und tapfersten Gottheiten der Alten. Aus ihnen hervor aber trat hüllenlos Herr Jesus Christus als der Mensch selbst.