Das Mordgeschrei

Bei Morgengrauen sagte der junge König von Navarra zu seiner Frau, die neben ihm lag, und zu seinen vierzig Edelleuten, die das Bett umringten: «Schlafen lohnt nicht mehr. Ich will Ball spielen, bis König Karl aufsteht: dann erinnere ich ihn dringend an seine Versprechungen.» Dies schien der Königin Marguerite sehr willkommen, denn sie war erschöpft und hoffte endlich zu schlafen, wenn alle die Männer draußen wären.

Bei Morgengrauen, eigentlich noch während der früh erhellten Sommernacht, standen in einem Zimmer des Louvre, das auf Platz und Gassen hinaussah, Karl der Neunte, seine Mutter Madame Catherine und sein Bruder d’Anjou. Sie sprachen nicht, denn sie horchten, wann der Pistolenschuß fiele. Dann würden sie wissen, was geschehen wäre, und wollten zusehn, was weiter vorging. Der Schuß fiel — da hatten sie plötzlich nichts so eilig, wie einen Boten zu schicken nach der Straße Dürrer Baum, mit dem Befehl für Herrn von Guise, er sollte nach Hause gehn und nichts unternehmen gegen den Herrn Admiral. Natürlich wußten sie, daß es zu spät war, und entsandten den Edelmann auch nur, damit sie es nachher bei den deutschen Fürsten und der Königin von England vorschützen konnten zur Verminderung ihrer Schuld. Dennoch trafen sie ihre unnützen Anstalten mit einem unverstellten Eifer, ganz, als ob noch etwas zu hoffen wäre. Madame Catherine und ihr Sohn d’Anjou verfielen wohl eher einer verspäteten Panik: es mißlingt uns noch! Karl allein bebte sinnlos der Botschaft entgegen: nichts sollte geschehen sein, er hatte alles nur geträumt.

Die vorauszusehende Antwort traf ein, da flüchtete Karl unvermittelt zurück in seinen freiwilligen Wahnsinn. Mit dem Gebrüll, das allen seinen Zustand deutlich machte, suchte er sein eigenes Zimmer auf und befahl stürmisch, Navarra und Condé sollten zu ihm gebracht werden — auf der Stelle hergeschleppt! Was sich erübrigte, sie waren von selbst schon unterwegs.

Auf ihrem Wege hörten sie durch ein offenes Fenster eine Glocke, die Sturm läutete. Sie blieben stehen, und niemand von ihnen allen wagte zu sagen, was er dachte, bis Henri selbst es aussprach. «In der Falle.» Er setzte hinzu: «Aber wir können noch beißen.» Denn vor und hinter sich hatte er seine Edelleute, der Gang zwischen den Zimmern war voll von ihnen. Er hatte ihnen aber grade erst Mut gemacht, da öffneten sich alle Türen vorn, rückwärts, auf beiden Seiten und spien Bewaffnete aus. Als erste wurden niedergemacht Teligny, der Schwiegersohn des Admirals Coligny, und Herr de Pardaillan. Henri sah nicht mehr als dies, er wurde weitergestoßen. Jemand faßte ihn am Arm und zog ihn zu sich hinein. Condé kam mit, denn in dem Gedränge hatten sie sich Schulter an Schulter gehalten, ihrer Verteidigung wegen. Als er sie drinnen hatte, schloß Karl selbst die Tür ab. Sie waren bei ihm, in seinem Schlafzimmer.

Die drei hinter dieser Tür horchten auf die Geräusche draußen, das Mordgeschrei, auf den Anprall von Waffen, Sturz von Körpern, das Röcheln und das Mordgeschrei. Als in der Nähe alle Getöteten ausgeseufzt hatten, verzog sich das Geschrei weiterhin. Seine Bedeutung war: «Es lebe Jesus!» Seine Bedeutung war auch: «Tod! Tod! Alles totschlagen!» — und heulend zog es in die Ferne. «Tue! Tue!» — ein heulender Laut. Er strich in wechselnder Stärke durch Gänge und Säle hin und her, kreuz und quer. Wer horchte, glaubte das Schloß Louvre weit und breit von bösen Geistern besetzt, anstatt von Edelleuten und ihren Truppen. Das Menschenwerk, das hier verrichtet wurde, glich einer grausigen Fopperei. Man war versucht, hinauszusehn aus dieser Tür: wahrscheinlich geschah in Wirklichkeit nichts. Nur das Dämmern des Augustmorgens breitete sich aus, und das einzige echte Geräusch waren die Atemzüge Schlafender.

Aber niemand sah hinaus. Alle, Karl so gut wie seine beiden Gefangenen, klapperten mit den Zähnen und verheimlichten einander ihre Gesichter. Der eine drückte es in seine Hände, der andere kehrte es der Wand zu, der dritte beugte sich tief. «Euch scheint wohl auch, daß es nicht wahr sein kann?» sagte Karl einmal. Er war nicht im geringsten mehr toll, seitdem sie es draußen allzu gründlich waren. «Aber es ist wahr», erklärte er eine Weile später, und zugleich fiel ihm etwas ein, das er sagen sollte. «Ihr habt selbst die Schuld an allem. Wir mußten euch zuvorkommen, da ihr eine Verschwörung angezettelt hattet gegen mich und mein ganzes Haus.» Da hatte er es zum erstenmal von sich gegeben, wie seine Mutter, Madame Catherine, es ihm vorgesprochen hatte, und bei der Erklärung blieben sie. Condé erwiderte heftig: «Dich hätte ich längst umbringen können, wenn ich gewollt hätte, und achtzig protestantische Edelleute, die wir im Louvre waren, brauchten keine große Verschwörung, um euch alle zu erschlagen.»

Henri sagte: «Meine Verschwörungen finden gewöhnlich im Bett statt, bei deiner Schwester.» Er zuckte die Achseln, als ob sich über die Zumutung schwer reden ließe. Er verzog sogar den Mund: in der gegebenen Lage wäre es nützlich gewesen, es wäre geradezu eine Art von Ausweg gewesen, wenn auch Karl ihn jetzt verzogen hätte. Karl indessen wurde lieber wütend, schon wegen der weiteren Eröffnungen, die er seinem Schwager Henri zu machen hatte. Der wußte ja noch nicht einmal vom Ende des Admirals! Daher erhob Karl die Stimme und behauptete, Pardaillan, der Edelmann aus Navarra, der draußen tot lag, hätte vorzeitig den Plan verraten. Er hätte laut hinausgerufen: für den Arm des Admirals würden vierzigtausend abgeschnitten werden.

Hierauf steigerte Karl sich noch, damit es womöglich wie die Rede eines Unverantwortlichen klänge, und derart erfuhren sie das Ende des Admirals Coligny. Sie sahen, beide kalt überlaufen, einander an und nicht mehr auf Karl, der für sich allein weiterbrüllen mußte, bis ihm die Töne ausgingen. Er beschimpfte den Admiral als einen Betrüger und Verräter, nur bedacht auf das Verderben des Königreichs und der furchtbarsten Rache wert im Übermaß. Mit den Worten, die reichlich hervorstürzten, kam unvermeidlich auch der gute Glaube. Karl versetzte sich in Haß und Furcht. Zuletzt hielt er in seinen zuckenden Händen einen blanken Dolch. Den aber bemerkten die beiden nicht, ihnen erschienen andere Gesichte.

Sie sahen den Feldherrn aus seinem Zelt treten, das Heer ringsum, und sie selbst hielten ihre Pferde schon am Zügel. Sogleich wurde in den Kampf und dem Feind entgegengeritten, fünfzehn Stunden ohne abzusitzen, herrlich, unermüdlich, wir fühlen den Körper nicht. Der Wind nimmt uns auf, wir fliegen, die Augen werden immer heller und schärfer, wir sehen so weit wie nie vorher, weil wir jetzt einen Feind haben. Dem Feind entgegenreiten, völlig schuldlos, rein und neu, während jener voll Sünden ist und bestraft werden soll! Das und nichts anderes war für sie der Admiral Coligny in der Stunde, da sie seinen Tod erfuhren. Henri dachte daran, daß seine Mutter Jeanne vertraut hatte auf den Herrn Admiral, jetzt aber lebten weder er noch sie. Da ließ Henri den tollen Karl toben, bis ihm die Stimme versagte, er aber setzte sich auf eine Truhe.

Karl wurde heiserer, herein drang, wie vorher, das heulende Mordgeschrei. Als Karl sich endlich in gewöhnlicher Stärke verständlich machen mußte, befahl er ihnen, ihren Glauben abzuschwören: nur so könnten sie ihr Leben retten. Condé rief sofort, daran wäre kein Gedanke, und der Glaube zählte höher als das Leben. Henri winkte ihm ungeduldig und beruhigte Karl: darüber ließe sich reden. Der Vetter indessen wollte durchaus den bisher versäumten Widerstand nachholen. Er riß das Fenster auf, damit das Sturmgeläut eindränge, und dahinein verschwor er sich, die Welt könnte untergehn, er aber bliebe dennoch treu der Religion.

Henri schloß das Fenster wieder; von dort ging er zu Karl, der mit seinem Dolch in der Hand vor einem festungsartigen Schrank stand: Querbalken, Kanonenkugeln aus schwarzem Holz und eiserne Beschläge. Henri näherte sich dem Tollen ruhig, aber fest, und sagte ihm ins Ohr: «Toll ist der da, mit seiner Religion. Sie, Sire, sind gar nicht toll.» Karl hob den Dolch, aber Henri schob seinen Arm beiseite. «Das laß nur, mein Herr Bruder!» Wie kam er grade auf das Wort? Karl, es hören, und er verlor den Dolch, der fiel und fortsprang. Die Arme um den Nacken des Freundes, Vetters, Schwagers oder Bruders schluchzte der Arme: «Ich hab es nicht gewollt.»

«Das kam ich mir denken», sagte Henri. «Aber wer hat es dann gewollt?» Antwort gab nur, aus unbestimmter Entfernung, das heulende Mordgeschrei. Karl machte, mitten in seinem Weinkrampf, dennoch eine Bewegung nach einer der Wände, als ob sie Ohren hätten. So stand es, und auch diesmal mochte seine Mutter Madame Catherine ein kleines Loch gebohrt haben, nach ihrer Gewohnheit, um hier hereinzuspähn. Wahrscheinlich aber lauschte sie dem Mordgeschrei, denn man konnte nicht anders, ausgenommen war nicht einmal eine abgehärtete Mörderin. Sie watschelte und irrte durch ihre Zimmer, ihr Stock tastete unsicherer als sonst nach dem Boden. Sie prüfte die Festigkeit der Türen, sie schielte an ihren breiten, unerschütterlichen Wachen hinauf, wie lange die sie schützen würden. Verzweifelte Hugenotten, und wären es die letzten gewesen, kamen vielleicht auf den Gedanken, einzudringen und ihr noch schnell das teure alte Leben zu nehmen, bevor auch sie hinunter mußten. Das große, fahle Gesicht blieb ausdruckslos, die Augen ohne Glanz. Einmal trat sie zu einem Kasten und überzeugte sich, daß Pülverchen und Fläschchen in Ordnung wären. Die List blieb immer noch übrig, und selbst Leute, die eindrangen, um zu töten, ließen sich am Ende bereden, vorher eine Erfrischung anzunehmen.

Henri lachte, er kicherte in sich hinein: das war unaufhaltsam wie das Schluchzen Karls. Das Komische wird durch Grausen noch komischer. Im Ohr hat man das heulende Mordgeschrei, vor dem Geist aber erscheinen die Schuldigen mit ihren Häßlichkeiten und Gebrechen. Das ist eine große Wohltat, denn am Haß würde man ersticken, könnte man nicht lachen. Henri erlernte in dieser Stunde zu hassen, und es war ihm dienlich, daß er sich über das Verhaßte lustig machte. Dem düsteren Vetter Condé rief er zu: «He! Stell dir d’Anjou vor. Heult Tue! und kriecht dabei unter den Tisch.» Was zwar den Vetter düster ließ wie vorher, nicht aber Karl; dieser forschte begierig: «Wahr und wahrhaftig? Mein Bruder d’Anjou kriecht unter den Tisch?»

Das hatte Henri gewollt, mit den Gefühlen Karls für den Thronerben hatte er gerechnet. Es war gut, ihn auf den ungeliebten Bruder abzulenken, damit er vergaß, daß er hier seine hugenottischen Verwandten in seiner Gewalt hatte und daß er toll war. Besonders gegen dringende Gefahren ist das Komische gut: die Vorstellung lächerlicher Dinge kann Gefahren wenigstens vermindern. Henri, der in dieser Stunde den Haß erlernte, begriff zugleich den vollen Wert der Heuchelei. So rief er offen und ehrlich: «Ich weiß wohl, mein Bruder, daß ihr alle es im Grund nicht böse meint. Ihr wollt euch die Zeit vertreiben wie in einem Turnier oder Ringelspiel. Tue! Tue!» machte er nach und heulte auf eine Art, daß jedem die Lust vergehen mußte.

«Das ist deine Meinung?» sagte Karl auf einmal ganz erleichtert. «Dann will ich es dir nur gestehn: ich bin nicht toll. Sie lassen mir nur keinen anderen Ausweg. Bedenke, daß meine Amme eine Hugenottin ist und daß ich seit Kindesbeinen eure Lehre kenne. D’Anjou will mich töten», kreischte er, die Augen rollend, plötzlich wieder verdächtig nahe seiner Tollheit, ob sie nun echt oder unecht war. «Sterbe ich aber, dann räche mich, Navarra! Räch mich und mein Königreich!»

«Wir machen gemeinsame Sache», bestätigte Henri ihm nachdrücklich. «Du wirst toll sein, wenn du mußt, und ich ein Narr, weil ich es wirklich bin. Soll ich dir gleich ein Kunststück zeigen? Ein hübsches Kunststück?» wiederholte er zögernd wegen seines geheimen Zweifels, ob dies gut verlaufen würde. Im Rücken Karls hatte der festungsartige Schrank, Querbalken, Kanonenkugeln aus schwarzem Holz und Eisenbeschläge, sich unmerklich geöffnet: nur Henri sah es, und soeben erkannte er die beiden Gesichter, die hervorlugten. Er bedeutete ihnen durch Blicke, noch zu warten. Inzwischen machte er für Karl Hokuspokus mit den Händen, wie die Betrüger auf Jahrmärkten. «Du glaubst natürlich», redete er im aufschneiderischen Ton solcher Leute, «wer tot ist, ist tot. Aber nicht wir Hugenotten: mit uns ist es nicht so schlimm. Sei beruhigt, Herr Bruder! Achtzig Edelleute habt ihr mir alles in allem umgebracht im Louvre, aber die ersten zwei sind schon wieder lebendig geworden.»

Er bewegte seine Hände, die zehn Finger schlängelnd, von oben nach unten über den Schrank hin, und dies aus einigem Abstand, um nicht zu nahe zu sein an dem Zauber, der vorgehn sollte. Auch Karl trat zurück, die Mienen voll Mißtrauen und Furcht. «Hervor!» rief Henri, weit auf sprang der Schrank, und schon lagen vor Karl auf allen ihren vier Knien d’Aubigné und Du Bartas. Es ging sehr schnell, der erste Schrei eines neuen Anfalles konnte so eilig nicht aus der Kehle Karls; darum schwieg er und sah sie sich an, die Stirn in Falten. Sie lagen auf den Knien, der Rumpf des einen reichte um die Hälfte höher als der des anderen, aber beide hielten die Hände flach gegen die Brust, wie es sich geziemt für arme Vertriebene, die sich erlauben wiederzukehren aus Bezirken, woher es nicht erlaubt ist. Mit dumpfen Stimmen sprachen beide auf einmal: «Verzeihen Sie uns, Sire, daß wir das Reich Plutos verlassen haben! Üben Sie auch Nachsicht mit dem Nekromanten, der uns dazu bewog!»

Karl gab den Vorsatz, toll zu werden, für diesmal auf. Er setzte sich und sagte: «Ihr habt mir grade noch gefehlt. Steht meinetwegen auf, aber was fang ich mit euch an? Es ist scheußlich.» Dies war sein vernünftigster Augenblick; alles Geschehene und was noch kommen sollte, widerte ihn einfach an und war ihm peinlich — wie es ihm auf seinem Bild gewesen wäre. Ein König aus ermüdetem Geschlecht, weiße Seide, der Seitenblick voll Argwohn und Überdruß, aber der Fuß wird angesetzt wie im Ballett. Karl der Neunte wendet die Hand halb um, die Fläche nach oben: damit gab er allen die Freiheit.

Sogleich machten sie von ihr Gebrauch. Du Bartas ging und schloß die Tür auf. D’Aubigné winkte nach einem der Fenster, wohinein jetzt heller Tag schien. «Unser Glück, daß es offen stand in der Nacht und daß niemand hier war.»

Von der Tür kehrte Du Bartas schnell zurück: er hatte hinausgesehn. Dann bewegte sie sich.