Der Hass bringt nahe
Dieses nächtliche Vorhaben ging kläglich aus und hatte hauptsächlich zur Folge, daß Henri und sein Freund Agrippa eine Zeitlang einander böse waren. Sie schlichen, als noch Dunkel lag, hinab in den Brunnen des Louvre; dort warteten sie mit anderen vermummten Gestalten, die lieber unerkannt blieben, denn jeder mißtraute dem Nächsten. In der Wache unter dem Torbogen schlummerte rötliches Licht, und mehrmals schlug eine tiefe, summende Glocke, die allen zu gut im Ohr lag noch aus der Mordnacht. Vielleicht rettete diesmal ihr Geläute die wenigen Hugenotten, so daß sie sich nicht zeigten und nicht unter das Gewölbe traten. Hauptmann de Nançay mußte selbst hervorkommen, als es dämmerig wurde im Hof. Sein Genosse de Caussens war mit ihm, und zuerst ließen sie sich von d’Aubigné den Beutel mit Geld zustecken. Dann erklärten sie, die Pferde ständen bereit hinter dem Tor: die Herren möchten ihnen voran auf die Brücke gehen.
Henri wollte trotz allem nicht vor ihnen her unter die enge Wölbung, sie sah ihm nach Hinterhalt aus. Die beiden Verräter mußten sich zuerst in Bewegung setzen: da vertrat ihnen aber einer den Weg. «Meine Herren de Nançay und de Caussens, ich verhafte Sie. Der Augenschein hat bewiesen, daß Sie bestochen sind und die Hugenotten entfliehen lassen wollten.» Sofort entstand ein Handgemenge, ungewiß im schwachen Licht zwischen wem und wem — bis dem König von Navarra jemand in den Arm fiel: d’Elbeuf. Dieser junge Edelmann aus dem Hause Lothringen war es auch, der soeben die Verhaftung ausgesprochen hatte. Den König von Navarra beschwor er: «Denken Sie daran, daß ich Sie einst aus dem Tor ziehen wollte — rechtzeitig.» — ‹Allerdings. Die Bartholomäusnacht hätte niemals ausbrechen müssen, wenn ich ihm gefolgt wäre. Diesmal bin ich gewarnt!› So bedenkt Henri und glaubt der Freundschaft, obwohl sie ihm angeboten wird von einem Verwandten der Guise. Schiebt den Arm unter den des neuen Freundes. Der Freund Agrippa hinkt nach, denn in dem Handgemenge hat er etwas abbekommen. Henri weist hinter sich. «Das ist der Schlaukopf, der mich in die Falle gelockt hat. Das Geld wird er mit den beiden Schachern geteilt haben. Ich kenne die Hugenotten.»
«Besonders die hugenottischen Fürsten sind treulos und undankbar!» bestätigte der arme Agrippa, von der ungeheuren Verdächtigung getroffen bis ins Innerste. Auf der Stelle blieb er stehen und ließ die beiden weiterziehen.
«Sire», mahnte d’Elbeuf, während Henri in seinem Arm hing. «Lassen Sie Ihren Zorn nicht siegen über Ihr besseres Wissen. Ihr armer Agrippa hat übereilt gehandelt und war vertrauensvoll. Beides ist künftig verboten, sowohl Ihnen als Ihren Freunden und darum auch mir. Täglich werden wir Unheil abwenden müssen von Ihrem Haupt. Für dieses Mal ist es geglückt. Sonst hätten die beiden Verräter Sie auf der Brücke gefangengenommen unter großem Lärm und Geschrei. Sie haben gehofft, die Königinmutter würde ihnen verzeihen, daß sie so gute Dienste getan haben in der Mordnacht, ja, sie könnten ihr eigenes Leben retten.»
«Es ist wahr», erkannte Henri. «Jeder im Louvre hat nur die Wahl, wie er sich erhalten will: die Flucht, oder indem er mich ausliefert. Das müssen wir unausgesetzt im Gedächtnis haben.»
«Unausgesetzt», wiederholte d’Elbeuf.
An diesem Tage bemerkte Henri, daß d’Alençon ihm auswich. Ein mißlungener Fluchtversuch, und unter den Vermummten im Brunnen war sicher auch der Mann mit den zwei Nasen gewesen. Um so irrwischhafter benahm er sich. ‹Sehe jeder, wo er bleibe, und nicht auf meine Kosten.›
Die Herren von Montmorency waren Verwandte des Admirals Coligny, aber Katholiken und daher mächtig genug bei Hof, um noch jetzt die Schonung der Protestanten, ihres Lebens und ihres Glaubens anempfehlen zu können. Gemäß der gegebenen Lage taten sie denn auch das Mögliche. Der Grund, den der Marschall anführte, war immer die Meinung der Welt über die nun einmal stattgehabte Bartholomäusnacht. Diese Rücksicht dauerte notwendig nur so lange, als man ohne Nachricht aus Europa war, und dann allenfalls noch während des ersten Sturmes von Entrüstung. Er bewegte indessen mehr die fernen Länder, wie Polen, und die schwachen: protestantische deutsche Fürstentümer. Elisabeth von England dagegen bewies eine Sachlichkeit, die nicht ohne Verständnis schien. Madame Catherine machte sich ihretwegen schon bald keine Sorgen mehr. Halb ernst und halb im Übermut riet sie der guten Freundin, doch dasselbe Gemetzel zu veranstalten auf ihrer Insel — dort natürlich unter den Katholiken.
Madame Catherine fing demgemäß auch wieder an, sich ihrem ganzen Hof zu zeigen. Ihre Gestalt legte etwas von ihrem Geheimnis ab, sie wurde vertraut. Die Mutter vereinigte um sich die Kinder, alle ohne Ausnahme, wie zu allen Zeiten ihr inniges Bestreben war. «Auch nur einer von euch draußen, und ich wäre nicht mehr ruhig», sagte sie ihnen in ihrer behäbigen Art; kein Spott war ihr nachzuweisen. Wie natürlich, ja gutmütig musterte sie eines Tages Navarra und Condé, die sie bisher übersehen hatte. Henri erschrak und nahm sich in acht. Sie fragte die beiden, wie es mit ihrem Unterricht in der wahren Lehre stände. «Gut», erklärte Henri. «Soviel wie mein Lehrer weiß ich auch schon. Der gute Pastor hat sich selbst erst zum katholischen Glauben bekehrt, als er die Bartholomäusnacht kommen fühlte. Glücklich, wer richtig rechnen gelernt hat.»
«Lernen Sie es auch!» meinte Madame Catherine. Sie musterte ihn ganz und sagte: «Zaunkönig!» Dies vor ihrem Hof — und Henri verneigte sich denn auch zuerst vor ihr, dann vor ihrem Hof, der lachte: teils aus Albernheit. Manche aber begriffen schaudernd die Lage Navarras und machten sich nur lustig um ihrer eigenen Haut willen. Madame Catherine verriet sich hier. Sie hielt den «Zaunkönig» heimlich im Auge die ganzen Tage, obwohl sie ihn scheinbar nicht beachtet hatte. Diesmal bewegte sie die Hand, davon zog alles um ihren hohen Sessel her sich zurück, und Henri allein stand vor ihr.
«Sie haben gleich den zweiten Tag einen Fluchtversuch gemacht. Die Herren de Nançay und de Caussens sind für ihre Wachsamkeit von mir belohnt worden.»
«Ich habe keinen Fluchtversuch gemacht, Madame. Aber ich freue mich für die beiden Herren.» Er nickte ihnen zu, denn er entdeckte ihre bös grinsenden Gesichter.
«Sie werden mir noch viel zu schaffen geben. Als Ihre Mutter und gute Freundin warne ich Sie.» Das sagte Madame Catherine wahrhaft mütterlich, wie alle feststellen konnten. Navarra aber schluchzte auf, bevor er herausbrachte: «Nie, Madame, möchte ich mich entfernen aus der Nähe einer Herrscherin, die mich an die größten Frauen der römischen Geschichte erinnert.»
So endete die schöne und treffende Unterredung. Sie hatte das Bild des jungen Navarra um etwas gehoben, ihn umgab im Augenblick weniger Geringschätzung. Indessen ändert sich ein Bild von Tag zu Tag, wenn jemand zu vielen verschiedenen Arten der List muß seine Zuflucht nehmen. Zur Abwechslung stellte er sich folgsam, aber unbegabt. Ihm wurde zugemutet, er sollte einen Brief schreiben nach der protestantischen Festung La Rochelle, an den Bürgermeister und die Schöffen, damit sie weit das Tor öffneten für den Kommandanten, den der König von Frankreich ihnen schickte. Er verfaßte etwas überaus Treuherziges, auf das sie, nach ihrer Kenntnis seiner Natur, unmöglich hineinfallen konnten. Daher kam es denn auch nach einigen Monaten zur Belagerung der protestantischen Festung, und dem ganzen Königreich wurde sichtbar, was die Bartholomäusnacht genützt hatte. «Feinde umlegen ist einfach; aber man muß wissen, ob sie nicht stärker wieder aufstehen.» Dies oder etwas Ähnliches sagte Karl der Neunte — oder stotterte es vor sich hin, bei den schlechten Nachrichten aus dem Lande.
Karl war zum Sterben traurig. Des Nachts erschienen ihm Geister, er hörte wieder die dumpfe Glocke der Mordnacht, und Gestöhn antwortete vom Fluß her. Seine Amme, eine Protestantin, trocknete ihm den Schweiß, aber dieser war blutig: so wollte man wissen in Schloß Louvre. Den armen König tröstete einzig sein gutgelaunter Vetter Navarra. «Wer wird sich graue Haare wachsen lassen, lieber Bruder. Hier in Schloß Louvre ist etwas Platz geworden letzthin, und wir leben vertrauter. Die sich haben erwischen lassen, waren dumm. Ich hab schon alle vergessen. Deine Schwester setzt mir Hörner auf, wenn mir recht ist; aber ich habe reichlich Gelegenheit, es ihr zu vergelten.» Schnippte mit den Fingern und schwang sich herum auf den Absätzen, die er etwas höher trug als üblich.
Indessen legte er sich selbst zu Bett, mit dem Vorgehen eines starken Unwohlseins, war auch wirklich feucht und hitzig. Die Ärzte, die namens Madame Catherine ihn untersuchten, stellten es fest, obwohl mit Kopfschütteln. Man kann aber das Fieber bekommen, nur weil man nicht zur Messe gehen will — noch nicht, um Gottes willen! ‹Wenn es denn einmal sein muß, einen Aufschub doch wenigstens, lieber Gott! Laß mich ernstlich erkranken, schicke auch mir blutigen Schweiß oder sogar Geister! Ich will, daß meine erschlagenen vierzig Edelleute um mein Bett stehen sollen. Lieber das, als zur Messe gehen!›
Jeder Tag nähert sich dennoch, und plötzlich erhebt sich der gefürchtete. Dann verlassen wir unsere Zuflucht und fühlen auf einmal die Kraft, ihm zu begegnen. Es war der neunundzwanzigste September, geweiht dem heiligen Michael, dessen Ritter ihren Ordensfreund Navarra umringten auf dem Weg zur Kirche. Er hielt die Augen gesenkt und nahm auch in seinem Herzen nicht Kenntnis von der Menge, die umherstand und ihn begaffte, mißachtete, vielleicht beweinte. Verkleidete Hugenotten verfolgten seinen schweren Gang und verbreiteten nachher im Lande die entsetzliche Bedrängnis ihres geliebten Führers. Er selbst dachte die ganze Strecke an seine Mutter und an den Admiral.
Er dachte: ‹Meine liebe Mutter, sie setzen mir zu, und nicht lange, so werde ich den Befehl und den Auftrag erteilen müssen in unserem Lande Bearn, daß es deinen Glauben soll abschwören. Vertreiben muß ich deine Pastoren, und das ist, als vertriebe ich mit eigener Hand dich selbst, meine liebe Mutter! Herr Admiral, jetzt sind Ihre Söhne und Neffen geflüchtet unter Verkleidungen. Ihre Gemahlin wird gefangengehalten in Savoyen. Wie lange kann es dauern, bis das Gericht Ihre Güter für verfallen und Ihr Andenken für nichtswürdig erklärt. Glaubt nicht, Herr Admiral und liebe Mutter, daß ich euch verrate, wenn ich jetzt dennoch zur Messe gehe. Ihr wißt: ich habe so viele Tage gewonnen, als irgend möglich war, nämlich siebzehn. Mein Vetter Condé, der anfangs viel wilder tat als ich, ist zur Messe gegangen schon vor siebzehn Tagen. Rechnet mir, bitte, zu meinen Gunsten mein geschicktes Hinhalten an, liebe Mutter und Herr Admiral!› So sprach er zu ihnen wie zu Lebenden, was sie gewiß waren, und hörten ihn. Dort, wo sie waren, vernimmt man so innige Gedanken.
Als der feierliche Übertritt zu der andern Religion, das viertemal in seinem Leben, vollzogen war, empfing er viel Umarmungen und Küsse, erwiderte sie auch guten Mutes. Die Königinmutter erwies ihm ihrerseits die Ehre; sie erwartete den Jungen, der jetzt endlich ganz allein stand, denn verloren hatte er sogar die Geister seiner Toten, wie sie meinte, und seinen guten Ruf. Daher empfing sie ihn mit einem belustigten Lächeln, ja, während der Umarmung tastete sie ihn aus lauter Wohlwollen ab wie einen künftigen Braten. Was fühlte sie da? Alle Lustigkeit verging ihr. Unter seinen Kleidern trug er einen Panzer, hatte ihn angehabt, indes er abschwur seine vorige Gemeinschaft. Ein schlimmes Vorzeichen; Madame Catherine wollte sich eilig entfernen an ihrem Stock. Er erlaubte sich aber, sie bei der Hand zurückzuhalten und ihr neckische Kosenamen zu geben. Was tut eine unbeholfene Frau in geschlossenem schwarzem Kleid und mit Witwenhaube, wenn ein gar zu stürmischer junger Herr ihre Nase rühmt, die doch auffallend dick ist. Seine Lippen haschen nach ihr, er will sie auf die Nase küssen. Schließlich trifft sie ihn mit dem Stock: scheinbar nur im Scherz, wegen der Zuschauer. Sofort spielt er den kleinen Hund, springt bellend um sie her auf allen vieren und schnappt nach ihren Beinen. Da flüchtet Madame Catherine. Ihr Oberkörper möchte schneller sein als die Füße. In zwei Teile zerlegt, strebt sie von dannen, auf ihre Kosten lacht der Hof.
Ihre Rache folgte alsbald. Nicht nur den Erlaß wegen der Protestanten in Bearn mußte Henri schreiben, auch an den Papst ging ein Brief; der übertraf alles andere an Selbstverleugnung, und sie ließ ihn verbreiten. Während einer ihrer gegenseitigen Neckereien fiel ihr plötzlich ein, sich nach seiner Gesundheit zu erkundigen. Er war doch ein schwächlicher Junge? Kein rechter Mann, wie? Den Keim eines frühen Todes hatte seine Mutter Jeanne ihm vermacht!
Er öffnete den Mund, um scherzweise zu sagen: «Den Keim haben Sie, Madame, ihr in das Glas geschüttet.» Denn so vertraut standen sie in dieser ersten Zeit, der auf die Leimrute gegangene Vogel und die Besitzerin des Käfigs. Der Haß bringt nahe. Da hörte er sie sprechen: «Ich muß doch meine Tochter nach Ihren Fähigkeiten fragen.» Sofort begriff er, was sie vorhatte: ihn unfähig erklären lassen und in Rom die Trennung der Ehe durchsetzen. Ihn töten, lohnte nicht mehr. Um so eher wünschte sie loszuwerden, was nicht mehr schaden noch nützen konnte — und Margot gewinnbringend wieder zu vergeben. Immer hatte Madame Catherine den Kopf voll von Heiratsplänen für ihre Kinder.
Diesen Abend lag er wieder im Ehebett.