Der Vorabend
Wie froh ist eine aufgeregte Stadt! Hier ist immer noch Hochzeit, und ständig Stärkeres wird geboten nicht nur dem Hof, auch dem Volk und den ehrbaren Leuten Überraschungen, erstaunliche Vorkommnisse, die wie unentgeltliches Theater sind! Fast stündlich wird jedem ein Wunsch erfüllt, denn wer hätte nicht eigentlich immer Unheil geplant, wenn auch zitternd: jetzt aber kommt es von selbst. und er selbst ist ausgenommen — er genießt nur den Schauder. Mehr Schauder! Immer noch mehr!
Der König der Banditen hat unsere Prinzessin geheiratet, und auf den andern Ketzer ist geschossen worden. Ist eins wie’s andere. Drunter und drüber, nur so fort! Jetzt zieht um sein Haus eine starke Wache auf. Hin und nachsehn, ob es seine Richtigkeit hat mit den fünfzig Arkebusieren. Hoho! Nicht stechen, nicht schießen! Wir sind Volk und ehrbare Leute. Sieh selbst, es ist, wie ich sagte. Der alte Ketzer hat Furcht bekommen seit gestern und hat den König um seinen Schutz gebeten. Schütz dich selbst, König, wenn erst die Guise anrücken! Da ist er ja, unser schöner Herzog! Er zeigt sich dem Volk und besonders den Frauen. Hoch Guise! Wie denn aber? Du Held unserer Träume läufst vor den Hugenotten weg?
So war es. An diesem dreiundzwanzigsten ging es zuerst nicht gut für den volkstümlichen Guise. Die kupferne Kugel aus der Arkebuse hatte am Ende noch ihn selbst getroffen, so gestaltete es sich. Er selbst, sein Bruder und der Kardinal von Lothringen waren verdächtig und nur bis jetzt in Freiheit. Verhaftet waren ihre Leute im Kloster Saint-Germain, die Justiz nahm ihren Lauf, der König schwor, daß er auch sie selbst werde zu finden wissen, wenn sie schuldig wären. Vorerst entfernten sie sich vom Hof, mit glänzender Bedeckung verließen sie Paris, aber es war Schein und Trug. Jederzeit blieben sie erreichbar, wenn Madame Catherine sie rief.
Madame Catherine war an diesem Tage im Nachteil, wenn nur die äußeren Tatsachen sprachen. Überlegen war Madame Catherine den Tatsachen durch ihre Gefaßtheit und ihr Selbstvertrauen; und dieses bestand ganz aus der Gewißheit, daß das Leben böse war und daß sie selbst mit dem Leben ging, die anderen aber dagegen. Ihr Astrologe hatte sie übrigens unterrichtet, wie es käme.
Sie sah, solange es Tag war, noch alles mit an: die starke Wache in der Straße Dürrer Baum, und nicht nur das. Ihr armer Sohn hatte alle Häuser der Umgebung mit hugenottischen Herren belegt. Unaufhörlich ließ er sich erkundigen nach dem Befinden des Kranken. Daran beteiligte sich auch seine Mutter, und keineswegs aus leerer Heuchelei. Sehr folgenschwer war, ob es sich besserte mit dem Admiral Coligny. Sie hörte: Ja, und dachte bei sich, das wäre schlimm für ihn. Grade wegen ihrer geheimen Gedanken veranlaßte sie ihre Tochter, die junge Königin von Navarra, ihn zu besuchen.
Margot war nicht nur gelehrt aus Büchern: auch von Menschen hatte sie das meiste schon begriffen, besonders aber in dieser letzten Zeit. Inzwischen wußte sie, daß die Hugenotten, so ungebärdig sie sich stellten, dennoch unschuldig und wehrlos waren wie die Lämmer. So hatte ihr Gott sie gemacht, weil er ihnen das Gewissen gegeben hatte, und dieses war zu ihrem Unglück noch ihre größte Bemühung. Gehorsam tat Margot, was ihre furchtbare Mutter ihr befahl.
Madame Catherine war ihr früher alltäglich erschienen, wenn auch Beherrscherin eines Alltages, der etwas gefährlich aussehn konnte. Seitdem Margot liebte, nahm ihre Mutter andere Züge an, und eine Stimme, die Stimme ihrer Liebe, versuchte es, sie zu fragen, ob sie Madame Catherine noch immer guthieß. Eine Antwort bekam die Stimme nicht. ‹Das wäre hugenottisch!› dachte Margot. ‹Aber wir begeben uns in das Haus des Herrn Admiral, wir sehen nach, wie es um ihn steht, und dann berichten wir Mama, daß er stirbt: berichten dies auf alle Fälle. Das wird das Sicherste sein.›
Nun trafen sie den Kranken in voller Besserung. Er wollte sogar aufstehn, um die Königin von Navarra zu empfangen. Sie ließ es nicht zu — aber als der Geistliche einen Dankespsalm anstimmte und die paar bescheidenen Menschen in dem strengen und schmucklosen Zimmer hinknieten, um mitzusingen, da kniete auch sie hin und stimmte auch sie mit ein. Ihr klopfte das Herz dabei. Aber erstens war ihr Gefolge drunten geblieben, Fenster und Türen waren geschlossen; und dann, mit diesen Lämmern hier! Die gingen nicht und verrieten sie.
Einen Auftrag seiner Mutter bekam auch d’Anjou; infolgedessen richtete er es ein, daß die Wache Colignys unter den Befehl seines besonderen Feindes, eines gewissen de Caussens, kam. Der König von Navarra stieß von diesem Augenblick nur auf Schwierigkeiten und mußte den ganzen Tag über eingreifen. Wegen jeder Waffe, die sie in das Haus schaffen wollten, bekamen die Edelleute des Admirals mit de Caussens Streit. Seine Haltung war der Anstoß, daß nochmals die Fortbringung des Herrn Admiral verlangt wurde. Dagegen stimmten dieselben wie bei der ersten Beratung: er selbst und sein Schwiegersohn, Condé und Henri von Navarra. Noch immer vertrauten sie auf Karl — mit dem inzwischen Ungeahntes sich vollzog.
Zuerst sah man noch nichts, der König ging zu Bett in Gegenwart vieler Herren: auch Navarra hielt dabei aus, obwohl ermüdet von seinen vielfältigen Bemühungen um die Sicherheit des Herrn Admiral. Gleich nachher suchte er sein eigenes Lager auf. Seine Edelleute begleiteten ihn. Seine Königin war noch nicht da; bald erfuhr er, daß sie in ihrem Studierzimmer beten sollte. Das hätte allen auffallen müssen, besonders aber ihm: Margot, betend für sich allein, unter dem großen Auge Gottes. Ihr Sinn war schwer und verhängnisvoll. Sie hatte den Abend bei ihrer Mutter verbracht, hatte auf einer Truhe gesessen und versucht zu lesen wie sonst.
Ihre Mutter hatte Besuch empfangen, zuerst ihren Bruder d’Anjou, und später erschienen noch mehrere: nur einer war Franzose, ein Herr de Tavannes. Die anderen drei stammten aus Italien; und die Prinzessin von Valois begriff, daß ihre Versammlung ein Vorzeichen ungewöhnlicher Ereignisse sein mußte. Plötzlich erinnerte sie sich an gleiche, früher gemachte Beobachtungen, die sie einfach hatte auf sich beruhen lassen. Das konnte sie jetzt nicht mehr. Auf ihrer Truhe am anderen Ende des Zimmers spitzte sie die Ohren, und zum Schein in ihre Folianten versunken, erlauschte sie dennoch einige gezischelte italienische Worte. Sie bedeuteten nichts Gutes. Der Admiral Coligny sollte sterben, und alle, die hier waren, voran ihre Mutter, wollten ihren Bruder, den König, dahin bringen, daß er es zuließ.
Die arme Margot geriet in eine solche Verwirrung, daß sie, anstatt ihre Augen zu verstecken, den Blick der Mutter suchte. Kaum aber war sie ihm begegnet, da fuhr Madame Catherine sie grob an. Sie, die sonst den Ton nie erhöhte und sogar schlagen konnte, ohne sich merklich aufzuregen, sie beschimpfte auf italienisch die Tochter, rief ihr ein Wort zu, das «Hure» bedeutete, und befahl ihr, sich davonzuscheren. Daher dann das ratlose Gespräch der Armen mit Gott. Sie wußte zuviel, und nur dem Allwissenden durfte sie es sagen. Als ihr lieber Herr nach ihr schickte, was sie so lange machte, da folgte sie seinem Ruf sogleich und fand ihn im Bett, umringt von gewiß vierzig Hugenotten. Die meisten kannte sie noch gar nicht, so kurz vermählt wie sie war. Alle redeten durcheinander über den Unglücksfall des Herrn Admiral. Immer wieder wurde beschlossen: sobald es Tag würde, ihr Recht gegen Herrn von Guise sollte der König ihnen geben, sonst nähmen sie es sich! So verging die Zeit, und niemand schloß ein Auge.