Mornay oder die Tugend
Sehr früh am Morgen ging Mornay in den Park La Garenne. Noch waren keine Wachen angestellt. Wenn der König kam, konnte ihre Zusammenkunft von niemand beobachtet werden, und was sie sprachen, blieb unbekannt. Mornay hoffte, daß der König die bedeutende Gelegenheit wahrnähme und daß er allein käme. Mornay hatte keinen geringen Begriff von seiner Einmischung, wo immer er sie unternahm, in England, Flandern, bei Geschäften des Krieges oder während der Herstellung des Friedens. Da er warten mußte im Park La Garenne, bedachte er beim Zwitschern und Trillern der frühen Vögel der Herrlichkeit Gottes, der es zuließ, daß die unschuldigste Natur unmittelbar rührte an die abscheuliche Welt; und durch seinen Sohn hatte der Herr beides vereinigt, denn in Schweiß und Blut war Jesus dahingegangen wie wir, und auch wie wir hatte er den Gesang der Erde, nur noch rührender, in sich getragen. Mornay schrieb dies auf seine Täfelchen, für seine Frau Charlotte Arbaleste. Seit drei Jahren waren sie verheiratet, aber oft und lange getrennt worden durch die Reisen des Mannes, durch die Aufträge der Fürsten, ihnen Geld, immer wieder Geld zu verschaffen. Mornay war genötigt, mehr Berechnungen von Schuld und Zins aufzusetzen als Reden über Leben und Tod. Diese hatte er dennoch verfaßt auf Verlangen seiner Verlobten, als sie zu Sedan im Herzogtum Bouillon, einer Freistatt für Flüchtlinge, einander gefunden hatten.
Ihre Begegnung war geschehn im strengsten Ernst des Lebens und des Todes, zwei Jahre nach der Bartholomäusnacht, und dieser war jeder von ihnen nur entgangen, um arm und verfolgt weiter zu bestehen zur Ehre Gottes. Die Güter Charlottes waren beschlagnahmt, denn sowohl ihr Vater als auch ihr erster Gatte hatten der Religion angehört. Seine Freunde rieten dem jungen Mornay damals zu einer vorteilhafteren Verbindung; er dagegen sagte, Geld und Gut wären das letzte, woran man denken dürfte bei einer Heirat: Hauptsache wären das sittliche Verhalten, die Gottesfurcht und der gute Ruf. Dessen allen erfreute sich Charlotte, sie hatte einen klaren Kopf und trieb Mathematik, ein sicheres Auge und malte. Sie war mildtätig für Arme und sogar von den Großen gefürchtet wegen ihrer Unerbittlichkeit gegen das Schlechte. Lieber als alles betätigte sie ihren glühenden Eifer für Gott und seine Kirche. Dies, und nicht Geld und Gut hatte sie in die Ehe mitgebracht. Mornay fühlte sich reich, als sie ihm erzählte, daß schon ihr Vater einst in Straßburg habe Meister Luther disputieren gesehen mit anderen Doktoren. Nun war Luther niemals in Straßburg gewesen: Mornay erkundigte sich hierüber. Wenn aber ein Bericht ihres Vaters sich in ihrer Erinnerung verklärt hatte, dann sollte Charlotte ihre schöne Begeisterung behalten, und Mornay schwieg. Dies war seine Ehe mit der Hugenottin.
«Sie haben mich verstanden und sind früh auf», sagte auf einmal Henri — war ungesehn in die Laube getreten und setzte sich zu Mornay. Er fragte sogleich: «Wie finden Sie meinen Geheimen Rat?»
«Er ist zu wenig geheim — und zu laut», antwortete Mornay, ohne mit dem Lid zu zwinkern, wie Henri es ihm vormachte.
«Über Marschall Biron ist viel Unsinn geredet worden. Wie? Der ist mein ehrlicher Freund. Das ist gewiß Ihre Meinung?»
«Sire! Wenn er Ihr Freund wäre, hätte der König von Frankreich ihn nicht ernannt. Aber sogar ein ehrlicher Freund würde es nicht lange bleiben als Ihr Stellvertreter.»
«Ich sehe, daß Ihr Verstand nicht überschätzt wird», sagte Henri hierauf. «Wir haben viel lernen müssen, wie, Mornay? Sie hatten es nicht gut in der Verbannung.»
«Und Sie im Louvre nicht.»
Beide bekamen starre Augen. Es war gleich vorbei; Henri fuhr fort: «Ich muß mich hüten, der Hof will mich nochmals gefangensetzen. Lesen Sie!» Er zog das gestrige Schriftstück hervor: Macht und Befugnis für den Marschall von Biron –
«In Abwesenheit des Königs von Navarra», sprach Mornay laut nach.
«In meiner Abwesenheit», wiederholte Henri und schüttelte einen Schauder ab. «Nicht noch einmal!» beteuerte er. «Zwölf Pferde ziehen mich nicht nach Paris.»
«Sie werden es wieder betreten als König von Frankreich», versicherte Mornay — mit einer Handbewegung, kein Höfling hätte sie vollendeter abgerundet. Henri zuckte die Schultern.
«Guise ist zu stark mit seiner Liga. Ich will mich Ihnen anvertrauen: er ist sogar dem König von Spanien schon zu stark, so daß Don Philipp, als Sicherheit gegen Guise, mir versteckte Angebote machen läßt. Er will meine Schwester Kathrin heiraten, nicht mehr und nicht weniger. Ich selbst soll eine Infantin bekommen. Von der Königin von Navarra läßt er mich einfach scheiden — in Rom, wo es für ihn kein Hindernis gibt.» — Mornay sah ihn an, mit dem Blick der Gewissenserforschung.
«Was bleibt mir übrig», äußerte Henri gedrückt. «Ich werde annehmen müssen. Oder wissen Sie einen Ausweg?»
«Ich weiß den», entschied Mornay, streng aufgerichtet, «daß Sie niemals vergessen, wer Sie sind: ein französischer Fürst und Verteidiger der Religion.»
«Dann sollte ich das schöne Angebot des mächtigsten Herrschers einfach zurückweisen?»
«Nicht einfach zurückweisen sollen Sie es, sondern es weitermelden an den König von Frankreich.»
«Gerade das hab ich getan!» rief Henri, lachte und sprang auf. Das Gesicht des Hugenotten verklärte sich; einen Augenblick später lagen sie einander an der Brust.
«Mornay! Du bist der alte geblieben. Einst in dem berittenen Haufen! Du liebtest das Äußerste und den Aufruhr, du hieltest Reden vom Moder und Grand im Purpur der Könige. Unbesonnen warst du selbst damals nicht und sagtest dem Glück nicht nein, als du fortkommen konntest aus der Bartholomäusnacht.»
Er schlug ihn vor den Bauch, als Zeichen der Anerkennung und Freude. «Dem Tod ausweichen, damit fängt alle Diplomatie an — und auch die Kriegskunst.» Gleichzeitig faßte er ihn beim Arm und entführte ihn mit seinen langen Schritten, von denen dieser Parkweg viertausend mißt.
Henri und sein Gesandter trafen einander noch öfter früh und ungesehn. Der wahre Grund, weshalb der König den Rat des Gesandten immer wieder hören wollte, blieb unbekannt, sogar wenn jemand ihnen heimlich gefolgt wäre. Mornay hielt Henri für den künftigen König von Frankreich, das war es; hatte aber mehr als nur die Beweise des inneren Bewußtseins, die einzigen, die Henri klar waren. Eine unverkennbare Weltlage sprach dafür, daß dieses Königreich, und im ganzen Abendland grade dieses, müßte fest vereint werden in der Hand eines Prinzen von Geblüt. Nicht Frankreich allein: die Christenheit «seufzt nach einem Fürsten». Dies war nicht mehr der verfallende Philipp mit seinem zusammengewürfelten Weltreich, im Niedergang wie er. Solche Reiche können nicht auskommen, ohne fortwährend Unternehmungen ins Werk zu setzen gegen die Freiheit der wenigen Nationen, die noch frei sind. Damit aber beschleunigen sie nur ihr eigenes Ende. Mornay verhieß dem bis jetzt furchtbaren Philipp vor seinem Tode, der schimpflich wäre, die schärfsten Züchtigungen von der Hand Gottes. So drückte er es nicht aus, das dachte er nur. Kühl stellte er fest, daß die wahllose Ausdehnung einer Macht und ihre Begierde nach Vorherrschaft unweise wären. Ein Königreich wie dieses im inneren Zerwürfnis erhalten zu wollen — Mornay nannte es weder gottlos noch sträflich, obwohl er dies meinte. Dagegen sprach er von der Logik der Dinge und von der Wahrheit; denn die Wahrheit braucht nur zu erscheinen und siegt auch schon.
Alles in allem war Mornay bemüht, daß Henri nicht nur durch das Gefühl, sondern klar und verständig seine eigene Zukunft für groß hielte. Er sollte sich im Bunde wissen mit der Wahrheit, der wirklichen und der sittlichen: eine kommt nicht vor ohne die andere. Denn wir sind als Menschen erschaffen worden von Gott, sind das Maß der Dinge, und nichts ist wirklich, als was wir anerkennen nach eingeborenem Gesetz. Eine derart hohe Vernunft, hoch und tief wie eine Mystik, mußte wohl reizen und verführen, besonders den Fürsten, der selbst ihr Mittelpunkt war. Voraussagen der Zukunft locken immer an, sogar um sechs Uhr früh in einem Park, der noch fröstelt; und andernfalls hätte Henri vier volle Stunden länger geschlafen, denn gewöhnlich endeten seine leichten Abenteuer spät in der Nacht. Er kam aber, um vernünftig Erkanntes über sich selbst und seine Feinde zu hören.
Seinen Weg zum Thron, so hörte er, sollte er merkwürdigerweise beschreiten als Verbündeter, ja als Retter des letzten Valois, der ihn bis jetzt doch haßte. Mornay aber hielt sich hier an das Wort «Liebet eure Feinde» — das zwar nicht überall gelten kann, es wäre gegen unsere menschliche Bestimmung. Man muß nur das Auge haben für die Fälle, in denen es wirklich gilt. Henri war nach seiner eigenen Natur durchaus bereit, seine Feinde zu lieben, sie für sich zu gewinnen und sie seinen Freunden sogar vorzuziehen. Vielleicht trug er daher das Bündnis mit dem letzten Valois als Vorgefühl hier schon in sich und dachte nur später, nach vollzogener Tatsache, Mornay hätte so früh die Dinge beim genauen Namen gekannt. Auch den Untergang der spanischen Armada vor der Küste Englands erfuhr Henri auf die Weise zehn Jahre zuvor. Als es geschehn war, meinte er wahrhaftig, das Ereignis wäre ihm wörtlich angekündigt worden im Park La Garenne von Mornay. Der Gesandte hatte möglichenfalls das Wort Untergang gebraucht, ob er es nun bezogen hatte auf eine Flotte oder auf ein Weltreich. Das Leuchten seiner Rede war aber erhalten geblieben in Henri. Denn es ist die Erkenntnis ein Licht und wird ausgestrahlt von der Tugend. Schurken wissen nichts.
Henri ließ durch Mornay die Tugend zu sich sprechen.
Das ist angenehm, solange sie sagt: Du bist jung und von Natur ausersehn. Die schönen Gelegenheiten begegnen deinen schönen Anlagen, für dich sind sie geboren. Bis die Stunde der größeren Taten schlägt, mach dich zum unbestrittenen Herrn dieser Provinz und deiner Partei. Laß die Zeit, hier ist der Himmel hell, zehn Jahre sind wie ein Tag. Soweit sprach die Tugend angenehm.
Indessen fiel es ihr ein, zu sagen und als Denkschrift zu überreichen, daß der König von Navarra spätestens um acht Uhr morgens könne angekleidet sein und seinen Geistlichen das Gebet abhalten lassen. Dann sollte er in sein Arbeitszimmer gehn und dorthin nacheinander zum Bericht bestellen alle, die er mit seinen Geschäften betraut hatte. Kein lärmender Geheimer Rat mehr, wo man lachte, Geschichten erzählte und Streit anfing. Mornay wollte, daß Henri von seinen Räten nur die tugendhaften bei sich behielt: wer wäre da übriggeblieben außer ihm selbst? Henri persönlich aber sollte ein Beispiel geben seinem Hause, und nicht nur seinem Hause, sondern dem Königreich Navarra, und nicht nur diesem, sondern der Christenheit. Mornay ertrug an dem Fürsten, den er sich erwählt hatte, nichts Tadelnswertes. Jeder sollte bei ihm finden, was er am meisten ersehnte, aber niemals erlebte: die Fürsten — Brüderlichkeit, die Gerichte — Rechtssinn, das Volk — die Sorge, ihm Lasten abzunehmen. Der Fürst sei bedacht, aufzutreten mit Würde, ja mit Glanz; besonders aber gebe er niemandem Gelegenheit, ihn zu verleumden. Nicht einmal sein gutes Gewissen darf ihm genügen. Das weitere wurde ganz verfänglich. Dieses Ratsmitglied, das seinen Titel ernst nahm, fing von den Sitten des Fürsten an.
«Verzeihen Sie Ihren treuen Dienern noch ein Wort, Sire. Die offenkundigen Liebschaften, denen Sie so viel Zeit schenken, sind nicht mehr an der Zeit. Heute will es die Stunde, Sire, daß Sie eine Liebschaft haben mit der ganzen Christenheit und im besonderen mit Frankreich.»
‹Wie Kathrin!› dachte Henri. ‹Ich will dich mahnen, daß du Gott liebst, anstatt die Frauen›: das waren ihre Worte. Auch der andere Hugenott lag ihm jetzt damit in den Ohren. Nein, die Tugend sprach nicht mehr angenehm. Es ist wahr, daß sie zu früh kam und verlangte von dem jungen Fürsten eine Wohlanständigkeit — weder ihm noch dem Zustand seines verwilderten Ländchens hätte sie gegenwärtig entsprochen. Aber dieser Punkt, fast nur dieser, blieb immer verwundbar bei Henri. Als er schon der anerkannte Erbe der Krone Frankreichs war, meldete sich die hartnäckige Tugend des Herrn de Mornay mit denselben Empfehlungen, und sie kamen wieder ungelegen, reizten zum Ärger, zum Spott; und endlich verstummten sie dann auch. Das Leben geht weiter ungewarnt, die Tugend verzichtet, und der Alternde sinkt unter sich selbst herab durch Leidenschaften, mit denen er sich noch einmal Jugend vortäuscht. So wird es kommen, Henri. Jugend und Liebe werden einst die Irrtümer eines noch immer ungestillten Herzens geworden sein; dazu wird sogar dein Mornay schweigen. Sei froh, daß er heute redet!
Statt dessen rächte er sich dafür. In seinem Geheimen Rat, den er übrigens ließ, wie er war, äußerte der König bei Anwesenheit des Gesandten Mornay: den Katholiken schuldete er mehr Dank als den Hugenotten. Wenn diese ihm dienten, wäre es Eigennutz oder Eifer für die Religion. Die anderen hätten davon keinen Vorteil, und um seiner Größe willen schadeten sie ihrem eigenen Glauben. So ungerecht war der Vergleich, daß die katholischen Herren ihn selbst nicht ruhig hinnahmen. Henri vergaß aber sogar die persönliche Schonung und Barmherzigkeit; bei Anwesenheit seines Gesandten machte er einen Raben nach. Die von der Religion heißen allerdings Raben, weil sie sich dunkel kleiden, viel Psalmen krächzen und angeblich sehr auf Beute aus sind. Als der König zu dieser augenscheinlichen Beleidigung überging — er tat es immer noch verstohlen in einer Ecke —, da wollte niemand es gesehen haben, und gerade die katholischen Herren verdeckten den Vorfall mit lauten Gesprächen. Henri selbst war alsbald verschwunden.
Draußen weinte er — aus Scham und Erbitterung über sein Verhalten zu der Tugend, die verkörpert war in dem Hugenotten Mornay. Er versteifte sich wohl, er empfing den Gesandten nicht mehr allein, besonders nicht im Park La Garenne um sechs Uhr früh, da er um zehn erst aufstand. Das konnte nicht hindern, daß er an Philipp Mornay denken mußte, wenn er ihn nicht sah, und neben allen anderen am Hof hielt er ihn, meist ohne Nutzen für diese. Er behauptete: Ein ganz anderer Freund ist d’Aubigné, der mich zur Flucht aus dem Louvre gedrängt hat. Ein ganz anderer Freund ist Du Bartas: der hat mir das Leben gerettet in dem gemeinen Wirtshaus — nicht zu reden von dem schmerzlich vermißten d’Elbeuf, der mich beschützt hat auf Schritt und Tritt. Was waren sie aber? Kriegsmänner, und die Tapferkeit war etwas Selbstverständliches, von ihr machte niemand Aufhebens, sie rührte nicht einmal an den äußersten Bereich der Tugend. Jetzt nehme man einen der nächsten hier, der besten im Rat: was blieb übrig von ihnen, wurden sie verglichen mit Mornay? Allen hafteten Untugenden an, manch häßliche sogar, und um so lieber verzieh Henri sie. Die Freundschaft und das Königtum haben die Macht, auszulöschen. Keiner aber verfügte über das Wissen, das hohe und tiefe Wissen des großen Hugenotten. Unwissenheit ist nicht auszulöschen.
Agrippa, der alte Freund, nahm die Freigebigkeit des Fürsten in Anspruch wie nur einer; der Rechnungskammer in Pau war sein Name am besten bekannt. Einmal sprach er zu einem anderen Edelmann über den König, laut genug, daß Henri es hören mußte. Der andere hatte nicht aufgepaßt, und Henri selbst wiederholte: «Er sagt, daß ich ein Geizkragen bin, und kein Mensch auf Erden strotzt so wie ich von Undank.» Eines anderen Tages wurde dem König ein halbverhungerter Hund gebracht, er hatte das Tier geliebt und dann vergessen. Auf seinem Halsband war eingeritzt ein Sonett von Agrippa; es begann:
«Der treue Citron lag in bessern Tagen auch
Auf deinem heiligen Bett: jetzt schläft er auf den Steinen.
So geht’s dem treuen Hund, er lernte wie die Deinen,
Was bei dem Freund und was beim Undankbarn der Brauch.»
Die Anwendung kam am Schluß:
«Ihr Herrn vom Hof, die ihr mit stolzen Blicken streift
Den Hungerhund, wie er verjagt durch Straßen schweift,
Erhofft für eigene Treu nur keinen andern Lohn!»
Henri wechselte die Farbe, als er dies las. Die Erkenntnis selbst begangenen Unrechts erfaßte ihn immer sehr schnell und heftig, wenn er es nachher auch wieder vergaß. Eher fand er für die Vergehen anderer eine Entschuldigung. Dem armen Agrippa rechnete er seine Verdienste an, nicht aber die Reizbarkeit seiner dichterischen Natur. Der junge Rosny liebte das Geld noch viel mehr: er gab es nicht aus, er sammelte es. Er hatte inzwischen seinen Vater beerbt, war Baron und besaß die Güter dort oben am Saum der Normandie. Als Henri seine Soldaten bezahlen mußte, verkaufte Baron Rosny einen Wald, und zwar entschloß er sich hierzu, damit die glücklichen Feldzüge des Königs von Navarra das geliehene Geld verzehnfachten. Er baute sich in Nérac, jenseits der alten Brücke, ein Haus, denn gute Geschäfte verlangen Weile. Übrigens durfte sein Fürst ihm nicht zu nahe treten, nicht einmal nach schweren Fehlern: dann brauste Rosny auf. Er wäre weder sein Vasall noch sein Untertan, sagte er Henri ins Gesicht, und er könnte auch gehn — woran in Wirklichkeit kein Gedanke war, schon wegen des Hauses. Henri antwortete scharf, der Weg steh ihm offen, er selbst fände bessere Diener — was ebenso wenig ernst gemeint war. Wie Rosny nun eben geraten war, gehörte er zu den besten: sogar, wenn er für einige Zeit nach Flandern abreiste zu einer Erbtante, der er um des lieben Geldes wegen vormachte, er wäre katholisch.
Von zwei Fräulein wählte er die weniger schöne, aber reichere und heiratete sie. Seine junge Frau holte der Baron aus seinem Schloß im Norden, während dort die Pest hauste. Die Frau saß mitten im Wald in ihrem geschlossenen Wagen und wollte ihren Mann, aus Angst vor Ansteckung, nicht zu sich lassen. Den Baron focht nichts an. Die Pest und alle anderen Hinterhalte, er ging hindurch mit seinem stürmischen Stolz. Nach überstandener Gefahr legte er den Panzer ab und nahm Rechnungen vor. Mit seinem König schlug er alle Schlachten. Als das Königreich aber zusammengebracht war, hatte Henri einen großen Finanzminister.
Hier sind beide noch jung und am Anfang, erobern gemeinsam kleine böse Städte, setzen ihr Leben aus wegen einer Fahne und eines sumpfigen Grabens — der glückliche Rosny kommt dennoch immer auf seine Kosten. Wenn endlich geplündert wird, wer verdient viertausend Taler auf einmal und rettet dafür noch ihren vorigen Besitzer, einen alten Mann, vor den grausamen Soldaten? Henri kannte den Jungen. Der liebte den Ruhm, die Ehre — und fast so sehr das Geld. Dagegen vertröstete Henri einmal auch Mornay auf Zeiten, da sie beide reich sein würden. Er tat es absichtlich, um ihn in Versuchung zu führen. Mornay sagte einfach: «Ich dien und bin schon reich.»
Mit gewollter Härte erwiderte hierauf Henri: «Ich achte Ihrer Opfer nicht, Herr de Mornay. Ich denk an meine eigenen.»
«Wir bringen alles nicht Menschen, sondern Gott dar.» Diese Antwort war demütig und war doch eine Zurechtweisung. Henri wechselte die Farbe.
Kurz danach wurde ihr kleiner Trupp aus einem Gehölz heraus angefallen, und zwar von Reitern des Marschalls Biron, die zahlreicher waren. Dem König von Navarra und seinen paar Begleitern blieb nur übrig, zu wenden und das Weite zu suchen, verfolgt von Schüssen. Als sie anhalten konnten, war zu sehen, daß dem König die Schuhsohle unter dem Fuß weggeschossen war. Der König streckte den ganz unverletzten Fuß hin, damit jemand ihm einen anderen Stiefel darüberzöge. Der es tat, war Mornay. Henri sah sein Gesicht nicht; Mornay stand gebückt, und vom Hals rann ihm, in einem Bach, das Blut. «Mornay! Sie sind verwundet.»
«Ein Nadelstich — wenn ich die Gefahr erwäge, der Eure Majestät entgangen ist. Ich bitte um eine Belohnung, Sire. Setzen Sie Ihr Leben nicht noch einmal unbedacht aus!»
Henri erschrak. Die erste Belohnung, um die Mornay bat, war diese. Jetzt erhob er auch das Gesicht, es erschien vom Blut überlaufen und schon bleich. «Wir waren über die schlimmen Absichten des Marschalls Biron einer Meinung, Sire.» Sonst nichts; Henri vernahm gleichwohl: als Sie mich noch empfingen allein und vertraut im Park La Garenne — sein Herz fing davon an zu klopfen. Leise sagte er:
«Morgen, am gleichen Ort, zur selben Stunde.»