Nacht mit dem Mörder

Als der letzte Valois aus seinem Schloss Louvre flüchtete, dachte er an seinen Vetter Navarra und wünschte ihn herbei. ‹Wenn ich ihn hier hätte, sollte Paris wohl etwas kleiner werden, so viele würden wir köpfen. Diese Stadt ist zu groß, man muß ihr Blut abzapfen. Ich, der einzige König, der sie immer bewohnt und mit seinem Hof bereichert hat. Die öffentliche Hinrichtung des Guise soll ein Volksfest werden.› Heiß und erbittert, konnte der arme König dennoch in Muße seine Gedanken verfolgen. Guise hatte ihm einen Ausgang heimlich offengelassen, er flüchtete mit Zustimmung seines Feindes, der ihn los war und in der Hauptstadt das Regiment ergriff. Vor der Karosse des Königs gingen seine Garden, im Schritt fuhr er nach seinem nächsten Aufenthalt, seine Gedanken aber verließen niemals ganz den Vetter Navarra. ‹Hätte ich ihm Joyeuse und meine schönste Armee entgegengeschickt, nicht, damit er sie schlug, sondern vereint hätten sie gegen Paris ziehen müssen, mich zu befreien!›

Bei einiger Vertiefung in den Gedanken erkannte er die Unmöglichkeit. ‹Seine katholische Armee hätte dem Befehl nicht gehorcht. Gelangte andererseits der protestantische Vetter bis nach Paris — dann wär’s um meinen Thron geschehen›, entschied Valois, obwohl er zweifelte. Er war nur zu unglücklich, um grade jetzt sein Mißtrauen aufzugeben. Er hielt daran fest, als an seiner einzigen Stärke. ‹Auch um mein Leben wär’s geschehen›, behauptete er aus Trotz.

Henri hatte selbst die größte Furcht vor Gift, und dies schon zwei Monate, seit dem Tode seines Vetters Condé. Der Prinz von Condé war vergiftet worden: von seiner eigenen Frau, wie Henri glaubte. Sofort hielt er auch seine arme Margot dazu fähig, aus dem Gleichgewicht wie sie war, eine Beute ihres unsinnigen Hasses. Der eßlustige Henri, überall im Lande hatte er sich unbesorgt zu Gast geladen, plötzlich wurde bei ihm gekocht in der verschlossenen Küche, unter Aufsicht. Vetter Condé hatte eine ganze Nacht erbrochen. Am zweiten Morgen danach frühstückt er stehend, will Schach spielen, wieder ist ihm sehr übel, und er stirbt: schon wird die Haut schwarz. ‹Ich trauere um ihn wegen dessen, was er mir hätte sein sollen. Wie er war, das betrauere ich nicht.›

Vierundzwanzig Mörder wurden in dieser Zeit ausgeschickt gegen den König von Navarra. Was der arme Valois sich heimlich wünschte: sein Vetter möchte ihm zu Hilfe kommen, andere befürchteten es und wollten es abwenden. Man sagte ihn tot, wie gewöhnlich die tun, deren Vorteil es wäre, und einige sind sogar in der Lage, Genaues darüber zu wissen. Der Herzog von Guise hat sich bei dem König von Frankreich dringend erkundigt, ob es wahr ist. Der König konnte nur hoffen, daß sein Vetter Navarra lebte; nach dem Tode des Prinzen von Condé hatte er ihm Gesandte geschickt, besonders Herrn de Montmorency. Dies war wirklich der letzte seiner Versuche, den Übertritt zur katholischen Kirche zu erreichen bei dem einzigen überlebenden Haupt der Protestanten. Nachher war Henri der unanfechtbare Erbe der Krone. Niemand glaubte, daß seine Protestanten noch von ihm abfallen könnten seit dem Verschwinden des Mitbewerbers um ihre Führung. Doch: Henri kennt sie. Er weiß auch, daß er auf gradem Wege bleiben muß, solange das Abweichen nach Schwäche aussähe. Seine innere Festigkeit kann Untreue nicht brauchen und verwirft ein vorzeitiges Gelüst. Wenn das Königreich kämpfend erworben und zusammengebracht ist nach allen weiter bevorstehenden Mühen des Lebens, ergraut, von erprobter Macht und Gewalt: um ihretwillen wäre es durchaus nicht mehr nötig, dann, aus freien Stücken wird er zur Messe gehen. Vorher nicht. Um nur geduldet zu werden, niemals.

Der tapfere Henri aber fürchtete Gift und Messer, weil diese nicht erlauben, daß man sich wehrt, wie ein Soldat und wie das Gewissen sich wehren. ‹Das Messer ist noch schrecklicher als das Gift, es droht nicht nur beim Essen. Überall unter Menschen kann mir über den Rücken Kälte laufen, weil ich nicht sehe, was hinter mir einer aus dem Ärmel zieht. Ein kleines Messer ist bald versteckt, sehr leicht im weiten Ärmel eines Mönches. Zu mir kam aber ein feiner Edelmann, kannte die Sprache nicht, sogar Lateinisch nicht, und hatte sein Anliegen auf einem gerollten Pergament, das er aus dem Futteral zog: der Dolch glitt ihm dabei von selbst in die Hand. Ich mußte erstaunlich schnell zufassen und ihm das Gelenk umdrehn! Den Hauptmann Sacremore dagegen haben meine Leute abgefangen. Beweise sind da, es stimmt, er ist mir auf die Spur gesetzt. Sonst hätte ich es nicht geglaubt von einem so mutigen Offizier. Mörder sind feige — ich aber soll sie immerfort fürchten? Endlich will ich mit einem von ihnen Wein trinken und mich an seine Art und Anblick gewöhnen.›

Das war im Schloß zu Nérac. Am Abend schickte er alle fort, ließ den Gefangenen hereinbringen, ihm die Fesseln abnehmen, und blieb mit seinem Mörder allein, zwischen beiden nur der Tisch.

«Hauptmann Sacremore, ich will von Ihnen wissen, wie das Töten ist. Getötet werden — auch das soll ich vielleicht erfahren, aber nicht durch Sie. Von dem feigen Mord sprechen Sie mir, als Soldat und brav. Nun?»

Der Mann hatte böse Augen, sonst war er schön in der Art von verwüsteten Einzelgängern. Saß in gefälliger Haltung, ein Edelmann aus italienischem Haus: die tiefe Ironie der Züge hätte ihn allein schon kenntlich gemacht. Er antwortete nicht. Henri schob ihm Wein hin, dafür dankte er wohlerzogen und trank das Glas leer. «Sie könnten vergiftet sein, Hauptmann Sacremore.»

Hierüber wunderte der Mörder sich höflich. «Sire! An Todesarten für mich fehlt es Ihnen nicht.»

«Welche, glauben Sie, werde ich wählen?»

«Sire, die ehrenhafteste, den Zweikampf», sagte der Mörder und gab seine List für Leichtsinn aus.

«Herr Charles de Birague, ich scherze nicht. Sie sind ins Land gekommen mit dem früheren Kanzler, der unsere Grundbesitzer im Gefängnis erdrosselte, damit die alte Königin erben konnte. Ihnen sind versprochen, wenn Sie mich töten, viele goldene Pistolen spanischer Prägung. Sie haben im Feld als Glückssoldat den Namen Sacremore erworben, bleiben aber ein Birague.»

«Sire, Sie wollen mich beschimpfen. Ich dagegen biete Ihnen an, daß wir uns ehrlich schlagen. Ich als Ihr Mörder bin Ihnen gleich geworden, darum sitzen Sie mit mir auf, hier in totenstiller Nacht.»

«Das weiß ich», sagte Henri. «Für diese Stunde sind Sie mir gleich. Was hätten Sie übrigens getan, wenn es Ihnen gelungen wäre?»

«Ich wäre in Diensten des Königs von Frankreich geblieben, und der hat mich auch abgeschickt.»

«Sie lügen — würden lügen, selbst wenn das Gold in Ihren Taschen nicht spanisch gewesen wäre.»

«Gut», gab Birague zu. «Aber in diesem Königreich wäre ich wirklich geblieben, denn es ist das schwächste, das beste für meinesgleichen. Es müssen die Einwohner mit aller Welt und unter sich zerfallen sein, dann sind sie meine Volksgenossen und machen mein Geschäft. Sire, ich weiß, daß Sie das ändern werden, wenn Sie am Leben bleiben. Darum hab ich mich an Ihnen versucht, hätte es sogar ohne Lohn getan.» Da sah Henri in der Schurkerei den graden Weg und die Festigkeit; er hätte es nicht geglaubt. «Sacremore, Ihr Kriegsname ist verdient oder fast.» Hiermit legte er seinen Dolch mitten auf den Tisch. «Wer schneller zufaßt, Sacremore!»

Kaum ausgesprochen, schon schnellte die Hand des Mörders ab, stieß aber auf die andere. Beide feindlichen Hände zogen sich zurück bis hinter den Tischrand. Nur die Augen hielten einander fest, sie bewachten einander sprungbereit, schaudernd und mit Hochgenuß. Henri indessen erdachte eine Überraschung. «Sacremore, erwarten Sie kein Geld mehr aus Spanien. Ich habe dort wissen lassen, daß Sie verraten haben und arbeiten künftig für mich.»

Dies hören, und der Mörder fletschte die Zähne, er war in seinem Haß kein schöner Mann mehr. Seine glühende Fratze erregte unbedingt Schrecken, vielleicht hieß er grade ihretwegen, wie er hieß; und so bekam er Zeit, um den Dolch an sich zu reißen. Henri konnte einzig noch den Tisch umstoßen, das tat er. Der Tisch war schwer; damit er nicht erschlagen wurde, gebrauchte der Mörder seine beiden Hände, dabei verlor er den Dolch. Als er vom Boden aufgekommen war, entsprang er durch die Tür, und den offenen Wandelgang dahin flüchtete er, leicht wie ein Mädchen.

«Sacremore! Bleiben Sie. Für Sie ist Geld bei mir zu verdienen.»

Piff paff, und ein Sturz von der Treppe. Der Wachtposten im Hof hat geschossen: kein Sacremore mehr.

Schade. Tapferer Kerl, und ich hätt ihn ehrlich gemacht. Durch Zufall umzukommen — nach einer solchen Nacht! Henri vergaß ganz, daß er selbst die Nacht und die Probe bestanden hatte. Man muß auch vor dem Mörder nicht zittern.