Zueinander streben
Der ist schon längst nicht aufzuhalten. Henri in seinem Kleinkrieg reitet bei starkem Frost, erstarrt in seinem Panzer; muß absitzen und sich heftig bewegen, seiner Erwärmung wegen. Wenig später, nach dem Essen, ergriff ihn eine außerordentliche, sonderbare Kälte. Er bemerkte deutlich, daß an ihm die Reihe war, mit hineingezogen zu werden in den Tanz. Wirklich fand man eine Lungenentzündung. Das geschah in einem kleinen Dorf, und so heftig war die Krankheit, daß sie ihn dort im Gutshaus mußten liegen lassen. An den Scheiben klirrte der Frost, sein Fieber stieg, bis keine Hoffnung auf Leben mehr übrig schien: nur er selbst behielt sie. Er sprach zu sich: «Ich will’s vollbringen. Soll nicht alles vergebens gewesen sein.» Er meinte laut zu reden, flüsterte aber nur: «Dein Wille geschehe!» Der Wille des Herrn war zuversichtlich, daß Henri kämpfte und daß er’s vollbrachte — mochte er heute nur gewendet werden mit seinem Leinentuch wie Lazarus; und die Krise, die ihn noch retten konnte, war eine Frage von Stunden.
Indes er mehrmals den Himmel offen sah, ging es in dem Königreich wahrhaftig zu, als wiederholten sie, vor dem Anbruch reinerer Jahrhunderte, noch einmal im Abriß eine ganze gräßliche Vorzeit: Totentanz, Veitstanz und Kinderkreuzzug, Pest, tausendjähriges Reich samt weiß verdrehten Augen, die auch zeitweilig erblindeten aus bloßer Einbildung. Da ging es zu. Hei, sagte die hochherzige Jugend nach der Art des Jakob, wo bist du? Endlich läßt sich mit Menschen umspringen. Zu lachen gibt es nichts hierorts. Wer vergnügt gewesen ist am Faschingsdienstag, dem soll das Lachen vergehen. Hütet euch, aus der Kirche fortzubleiben. Aber vom Prediger mit Namen genannt zu werden, bedeutet: du kommst nicht mehr lebend nach Haus. Anzeigen, angeben, ausliefern, an den Galgen bringen, hei. Als Belohnung für die Belastung eines anderen tritt man in sein Amt oder Geschäft: so hat man jetzt üblicherweise zu sein. Darum sind die ehrbaren Leute für diesmal Schurken. Zu anders eingerichteter Zeit werden sie höchst wohlanständig sein, an ihnen soll es nicht liegen. Sie sind, was man grade zu sein hat, diesmal verwahrloste Schurken. Beileibe haben sie es nicht aus sich selbst und ihrem eigenen Mittelpunkt. Fragt sich, wo der liegt.
Überaus verhaßt bei einer Masse mit weiß verdrehten Augen ist das geordnete Denken. Ein unpromovierter Student, der aber die geforderten Meinungen hat, dringt in den Hörsaal des Professors, tritt ihn auf beide Füße, läßt ihn einsperren und wird statt seiner ernannt. Der junge Arzt beseitigt den älteren, der ihm im Weg ist: hat nicht richtig gegrüßt, der Professor die Waschfrau. Desgleichen verfährt ein Unterbeamter: erfrecht sich, je demütiger er sonst war, gegen die hohen Richter des Königlichen Parlaments. Sie müssen mit ihm kommen und das Recht im Namen des totalen Volkes sprechen, da ein Volk erst nach der Abschaffung des Denkens wirklich total werden kann. Wie denn vorher. Dementsprechend tanzen ihre Weiber im Hemd durch die Straßen.
Der Gerichtspräsident in Toulouse wurde vom Volk getötet. Zuerst Barrikaden, nachher ein Galgen für den toten Richter, droben hing schon die Puppe des Königs. Der Richter hatte der Absetzung des Königs widerstanden, dafür hängten sie einen zum anderen. Der letzte Valois war ein armer, schwacher Mensch gewesen, auch in Verbrechen hineingezogen. Dennoch widerfuhr ihm am Ende seiner Tage die hohe Ehre, gehaßt zu werden nicht wegen des Schlechten, sondern aus der Feindschaft verwilderter Massen gegen Vernunft und Menschenwürde — als ihr Sinnbild, so unzulänglich es auch war.
Er geisterte in seinem violetten Rock, die Farbe der Trauer, er trug sie um seines Bruders und seiner Mutter willen. Aber er schien sie in Wahrheit zu tragen für Guise, den er selbst getötet hatte. Dem Toten war er nicht gewachsen. Erst seine Tat, seine einzige, hatte ihn recht entwaffnet. Einen anderen als den letzten hätte sie auf alle Fälle vorwärts gestoßen. ‹Jetzt das äußerste, jetzt Schrecken verbreiten, damit er nicht über mich kommt. Was Mut, was Überlegung, ich hab die Wahl nicht. Soldaten herzu, und bevor die erste Betäubung meiner Feinde vorbei ist, müssen sie niedergeschlagen sein. Herbei Navarra!›
Valois in seinem violetten Rock, bleich und schweigsam, dachte keinen Namen so häufig. Er geisterte durch sein Schloß in Blois, allein und verlassen, abgesetzt vom Thron durch die Kirche selbst, kein Treueid, der sein Volk noch band. Die Abgeordneten der Ständeversammlung reisten nach den Städten des Königreiches. Ihn hätte seine Hauptstadt nicht eingelassen, eher hätten sie ihn dort gefangen und getötet — dies aber, wie er sehr wohl wußte, infolge eines Zustandes der Menschen, der eigentlich Schwäche war. Wütende Schwäche. Valois verstand sich aus eigener Natur darauf, sie zu unterscheiden von gesunder Tatkraft. Die war in einem anderen Lager. ‹Navarra›, dachte er hinter dem verschlossenen Gesicht; rief nicht, wagte nicht zu rufen. Den Hugenotten, gegen seine katholische Hauptstadt, er selbst der Mann der Bartholomäusnacht! Navarra hätte ihn wohl in den Louvre zurückgeführt, dafür bekäme er Krieg mit der Weltmacht, die furchtbar blieb wie je.
Als die Armada untergegangen war, hatte nur ein Blitz den dunklen Himmel des letzten Valois zerrissen. Er wird nicht mehr Zeit haben, zu erkennen, daß die Weltmacht selbst tödlich getroffen ist. Das geht seinen Erben an. Der Erbe seiner Krone wird am Anfang seines Reiches ohne Land, ohne Geld, beinahe ohne Heer sein; aber er braucht nur zu siegen in einer einzigen unbedeutenden Schlacht über die Söldner und Knechte Spaniens: was geschieht? Ein Aufatmen rauscht durch alle Völker.
Für Valois bleibt es dunkel, jeder Laut erstickt. Um ihn niemand mehr, der Navarra ruft. Draußen niemand, der vor der Ankunft Navarras zittert: wie hätten sie sich sonst erdreistet, dem armen König die letzten Einkünfte zu streichen, und das nach seiner ungeheuren, einzigen Tat. Im Zimmer war es kalt, der König kroch ins Bett. Er hatte Schmerzen, lächerliche Schmerzen, von Hämorrhoiden; seine übrigen paar Edelleute lachten ihn aus, weil er weinte.
‹Navarra! Komm! Nein, komm nicht. Ich wein nicht wegen meines Hintern, sondern meine einzige Tat war zwecklos. Jetzt wärest du daran, zu zeigen, was du kannst. Wird auch nicht mehr sein. Doch. Ich weiß, du bist der Mann, dir will ich mich ergeben. Dich anerkenn ich als Erben der Krone, und hätt ich zehnmal abgeschworen. Das Königreich hat nur noch dich: ich habe bezahlt dafür, daß ich es weiß. Sieh mich, Navarra, in meinem Elend. So groß und tief war es nie, wie seit meinem vergeblichen Versuch, mich zu befreien. Nach meiner Tat rief ich: Der König von Paris ist tot, endlich bin ich König von Frankreich! Nenne mich nicht so, ich bin’s nicht. Ruf mich Lazare, wenn du anrückst, Navarra. Nein, komm nicht. Doch. Komm.›
Beide, durch den größten Teil des Königreiches getrennt, waren übel dran. Henri indessen überstand die Krise und war alsbald gesund — verlor sich auch niemals wieder an die mörderischen Vorstellungen, die seine schwere Krankheit angekündigt hatten. Mit Zurückhaltung sprach er von dem Ende der Herren von Guise: «Ich hatte gleich vorausgesehen, ein solches Unternehmen würden die Herren von Guise nicht wälzen können, noch damit zu Rande kommen ohne Fährnis ihres Lebens.» Das war sein Nachruf, und zu ihm stimmte sein Verhalten: es wurde noch umsichtiger, manchem erschien es zu bescheiden. Will er denn gar nicht mehr den großen Zug tun und Valois heraushauen unter seinen Feinden, die allerdings zwischen ihnen beiden liegen die ganze Strecke hindurch? Seine Freunde hatten ihn als den Halsbrecher gekannt, und das in kleinen Dingen. So gemessen, Sire, bei diesem großen?
Er erriet die Mißbilligung seiner alten Freunde. Die ältesten Hugenotten, vom Vater auf den Sohn gewohnt, für die Religion zu sterben: dieselben, die bei Coutras zum Gebet hingekniet waren, und grade deshalb fiel nachher Joyeuse, sie murrten jetzt, selbst wußten sie noch nicht genau, weshalb. Dem katholischen König zu Hilfe kommen, das wollten sie, obwohl sie es schwerlich geglaubt und zugestanden hätten. Henri hielt dafür, die Menschen müßten ganz reif werden, dann wär es auch die Gelegenheit. Bei Valois stand es nicht anders, wie ihm zugebracht wurde. Der traurige letzte hatte seine vorige Zuflucht verlassen und war aufgenommen von der Stadt Tours, die zwischen Getreidefeldern auf beiden Ufern der Loire liegt, der besonders maßvolle Mittelpunkt seines stürmischen Königreiches. Valois hoffte dort auszuharren, bis genug seiner Edelleute sich wieder auf ihn besonnen hätten. Sein überlebender Günstling, Epernon, sammelte ihm inzwischen Fußvolk. Es könnte gleichwohl so ausgehen, daß seine Feinde ihn noch vorher überraschen und fangen. Sicher wäre allein Navarra: wo bleibt er? ‹Ich, der katholische König› — denkt Valois, dem man mühselig eine Truppe anwirbt; ‹liefe mir nicht doch mein Heer auseinander, wenn ich den Hugenotten riefe?›
Henri dachte: ‹Er wird mich rufen, wenn seine Leute dessen gesonnen sind, und vorher wär’s zu früh. Mich drängt es zu dir aus tiefstem Innern, Valois.› Das hielt er geheim, ließ aber nur deswegen an diesem ersten Märztag zu sich seinen Mornay kommen. Es war in einer kleinen Stadt, die er nicht hatte erobern müssen, sondern aufgetan hatte sie sich ihm. Sie bewegten sich hin und her durch einen offenen Gang in der Frühlingssonne, und niemals hatte diese sie so neu und hoffnungsvoll beschienen.
Henri sagte: «Etwas hat sich verändert, jetzt rufen sie mich von allen Seiten. Die Städte streiten sich um mich, welche sich mir früher ausliefern darf. Sind die guten Leute verrückt geworden, oder macht es der Frühling?»
«Sire, es könnte auch sein, daß man will, Sie sollen Ihre Zeit verlieren.»
«Wofür brauche ich sie so eilig?» fragte Henri, und ihm schlug das Herz schneller: dies aber, weil er wohl wußte, welche Sache dringend zu tun war, und im letzten Augenblick scheute er. Sehr lange hat er gearbeitet, hat sich Schritt für Schritt und im Schweiße seines Angesichts herangearbeitet an das Ziel. Es ist in Sicht, er könnte zuspringen: da schwankt er, seine letzte Bewegung bleibt aus, er findet plötzlich nicht die Sicherheit aller früheren. Das Glück wird weniger selbstverständlich, als man gemeint hat, da es noch weit war und man tief verwickelt war in Mühen. Prinz von Geblüt, aber die Füße sind von Erde schwer. Soll ein anderer sprechen, entscheide doch Herr Du Plessis-Mornay, wozu wäre er tugendhaft und klug.
«Sire, Sie haben nicht mehr zwei Monate zu verlieren mit hübschen Einzelheiten. Jetzt retten Sie Frankreich, sonst geht es unter. Sie müssen mit allem, was Sie aufbringen an Kräften, nach der Loire vorrücken.»
«Dort steht der König», sagte Henri, sein Herz sprang hoch.
«Grade darum.»
«Ich soll ihn angreifen, Mornay?»
«Sire, Sie sind sein Freund, er wird der Ihre sein, nachdem zehn seiner Heere Sie nicht haben vernichten können.»
«Waren es zehn, Mornay? So viel Müh und Arbeit? Wahrhaftig, und jetzt hat Valois kein einziges mehr, die Liga wird ihn lebendig verschlingen. Sie sagen, Herr Du Plessis, daß ich ihm soll zu Hilfe kommen? Es könnte mir gefallen. Will’s doch überlegen.»
Die Folge des Gespräches war, daß er eine Stadt am Wege kaufen wollte, um mit etwas weniger Kampf durch das Königreich zu gelangen: er, der hundertmal sein Leben ausgesetzt hatte, als unmerklich Geringes dabei zu gewinnen war. Jetzt war das Königreich zu gewinnen. Indessen: Mauern berennen, Häuser einäschern und Leichen auf den Straßen lassen, der König, der er sein will, hat davon zu viel hinter sich, zu gern sähe er davon ab. Statt dessen kauft er die Städte, die sich nicht von selbst ergeben, wird später sogar die Provinzen kaufen, muß aber zuerst noch mehr Schlachten gewinnen und alt werden in der Rüstung, ob er will oder nicht. Sonst läßt sein Königreich sich nicht einmal für Geld vernünftig, wohlhabend und stark machen.
Solche traurigen Wahrheiten bewegte der lustige Henri Navarra in sich, wären sie ihm bewußt gewesen oder ahnte er sie nur. War wohl reichlich jung für sie, doch gründlich auf sie vorbereitet. Welch ein Glück, neben sich hatte er Mornay, einen heiligen Mann. Dies ist im vollen Ernst ein Mann, der gläubig bleibt in aller eigenen Klugheit und trotz der Bosheit vieler Begegnenden. Er glaubt an die Macht des Wortes, das von Gott ist. Wir müssen es nur erhalten, wie es zuerst aus ihm hervorging, klar und wahr: dann wird es unfehlbar sein. Daher verfaßte Mornay im Namen seines Fürsten einen Aufruf an alle im Königreich. Die Franzosen sollten einträchtig und einig sein.
Er fragte: Was ist wohl erreicht worden mit all den erbärmlichen Kriegen, den Gewalttaten, der Million Menschen, die um ihr Leben kamen, und mit so viel verschwendetem Gold, wie ein ganzes Bergwerk nicht hergibt? Er antwortete, ließ aber eigentlich seinen Leser antworten: Die Verarmung des Volkes ist erreicht worden. Daß der Staat todkrank im Fieber liegt. Unheil ohne Ende. Er fragte: Und wie wird es aussehen, wenn es so weitergeht? Er fragte zuerst den Adel und die Bürger, gab auch gleich die Antworten, die ihr eigener Vorteil ihnen vorschrieb. Dann erhob sich sein Ton, er sprach zum Volk, nannte es die Kornkammer des Königreiches, des Staates Fruchtfeld, seine Arbeit nährt die Fürsten, sein Schweiß stillt ihren Durst. Zu wem wirst du deine Zuflucht nehmen, Volk, wenn der Adel dich mit Füßen tritt?
Mornay sagte, und Henri durch ihn: Mit Füßen tritt. Von den Bürgern der Städte behauptete er, daß sie das Volk aussaugen würden. Auf diese beiden Stände ist kein Verlaß: das Volk hat nur den König, Ruhe und Sicherheit sind allein im König — herauszuhören war, in welchem. Der König der Verfolgten und der Armen, der Sieger über silberne Ritter und Steuerpächter. Da aber gerade in seinem Namen der Aufruf erging, versäumte Mornay nicht, ihn dem König von Frankreich geloben zu lassen, er werde treu sein. Hätte Henri von Navarra dereinst unter dem Segen Gottes seinen Plan zu Ende geführt, dann wollte er Gehorsam erweisen dem König. Sein eigener Lohn sollte sein gutes Gewissen sein. Er wollte sich zufriedengeben mit der Freiheit der Wohlgesinnten.
So der Aufruf, der mit Vorsicht hinwegging über die einzige Klasse der Bevölkerung, bestrebt, sie nicht zu reizen, aber ohne viel Hoffnung, sie zu versöhnen. Mit der Geistlichkeit war nichts anzufangen, und die blinde Kraft des Hasses, hier Liga genannt, kann nicht auf einmal aufgehalten werden, auch durch die Wahrheit nicht. Dennoch, weithin erkannte man diese in den Worten Navarras. Der Glaube seines Mornay wurde vollauf gerechtfertigt. Die Wahrheit verbreitete ein unverhofftes Leuchten: man glaubte es kaum. Dann dürfen wir einträchtig und einig sein? Das war sonst noch nie erlaubt. Was ist geschehn? Auch die beiden Könige staunten, so sehr sie doch zueinander strebten. Die Hindernisse sind nicht fortgeräumt; Navarra denkt an keinen Wechsel der Religion, nur um ein Königreich zu erben. Valois steht, wie immer, in Verhandlungen mit der Liga. Dennoch ließ er Mornay wissen, daß er bereit wäre, und zu Navarra schickte er seine natürliche Schwester, Madame Diana.
Ein einjähriger Waffenstillstand wurde abgeschlossen zwischen den beiden Königen, beide aber waren gesonnen, daß er für alle Zeiten wäre. Inzwischen hatte Henri sich aufgemacht mit seinem Heer, und da die Städte unterwegs ihn willig einließen, rückte er schnell gegen Tours. Der König hatte dort sein Parlament versammelt. Diese Juristen waren vernünftig, und je näher Navarra kam, um so mutiger wurden sie auch: zuletzt trugen sie den Vertrag unter die Gesetze des Königreiches ein. Das geschah am neunundzwanzigsten April. Am dreißigsten erschien Navarra mit seinem Heer.
Es war ein Sonntag hell und klar. Dem armen Valois schien es, er stände von den Toten auf. Zum erstenmal verließ ihn die Furcht, daß die Liga ihn fing und mitnahm. Von der anderen Seite nahte sein Bruder Navarra. Der König war in der Messe, als beide Heere aufeinander trafen am Ufer eines Baches drei Meilen vor der Stadt: die Edelleute des Königs von Frankreich, mit ihren Truppen, und drüben die alten Hugenotten. Sie hielten nicht an, das wäre nicht gut gewesen, sondern vermischten sogleich ihre Reihen, zäumten gemeinsam ihre Tiere ab und tränkten sie in demselben Gewässer. Diese Beschäftigungen verhüteten, daß sie unnütz sprachen und einander müßig ins Gesicht sahen. Erblickt hätten sie gealterte Gesichter, Leiber voller Narben; hätten vielerlei Elend erkannt bei dem anderen wie bei sich selbst, und wären erinnert worden an ihre verbrannten Häuser, getöteten Familien, an zwanzig Jahre Bürgerkrieg. Unmöglich konnten sie während ihres ersten friedlichen Wiedersehens der Bartholomäusnacht vergessen, das konnten weder die Täter noch die Opfer. Geraten war es, Halfter zu lösen und Pferde in den Bach zu reiten. Der König von Navarra wartete dort hinten und ließ sie machen; nach vorn schickte er den Generalobersten seines Fußvolkes.
Vorn am Wasser sagten sie: «Herr de Châtillon», und wollten es nicht glauben. Dennoch war ein Sonntag hell und klar, der Sohn des Admirals Coligny ging allein auf den Marschall d’Aumont zu und umarmte ihn. Ein freier Raum entstand um diese Herren, und Köpfe wurden entblößt. Dies einmal geschehen und im Herzen aufgefaßt, verbrüderten sich beide Heere.
Die Könige folgten ihrem Beispiel. Es wäre nicht gut gewesen, den Heeren die Versöhnung vorzumachen. Die Heere vielmehr mußten vorangehen und noch erstaunt sein, was sie sich erlaubten. In Schloß Du Plessis, jenseits des Flusses, erwartete der König von Frankreich den von Navarra, er ließ ihn bitten, hinüberzusetzen. Aus dieser Zumutung war zu ersehen, daß Valois vom Unglück noch nicht genug gelernt hatte, man hätte denn böse Absichten bei ihm vermutet. Bei Schloß Du Plessis fließen Loire und Cher zusammen. Wer hier übersetzt, ist ungedeckt, von allen Seiten kann der verräterische Schuß fallen, auf der Landzunge aber wird er schutzlos in der Gewalt des Valois sein. Mehrere der Seinen rieten Henri dringend ab; er ließ sich nicht beirren, stieg ins Boot mit einigen Edelleuten und Leibwachen, ja behielt auch seinen weißen Federbusch und sein rotes Mäntelchen. Jeder sah von weitem, wer er war.
Er kam glücklich an, weil Gott es wollte, und auch wegen der Sehnsucht, die Valois nach ihm fühlte; er erkannte sie an seiner eigenen, war ihrer darum versichert. Drüben führten Herren des Königs ihn nach dem Schloß, der König indessen erwartete ihn im Park — war eine Stunde früher angekommen, war unruhig im Innern, nach außen wie ein Schlafender und wagte nicht zu fragen: Wo bleibt er? Ihn hat doch kein Unfall betroffen? Von zurückgekehrten Höflingen umringt, fragte er keinen das, was ihn bewegte. Er hörte aber sagen, Navarra wäre im Schloß; da vergaß er sich und lief. Einige Schritte lief Valois, bevor er sich seiner Majestät entsann und sie öffentlich darstellte. Der Park war voll von Menschen, Hof und eingedrungenes Volk. Der König von Frankreich machte den halben Weg, den anderen halben machte der von Navarra.
Er stieg die Stufen hinunter vom Schloß in den Park. Man sah ihn gekleidet als Soldat, das Wams stark abgenützt vom Panzer auf den Schultern und an den Seiten. Die anliegenden Hosen waren aus Samt, in der Farbe welken Laubes, der Mantel scharlachrot, am grauen Hut der große weiße Busch und eine sehr schöne Medaille. Das alles sahen Hof und Volk genau. Außerdem bemerkten mehrere, wenn auch weniger eifrig, daß sein Bart schon ergraute. Ob in Henri Tränen aufstiegen, blieb unbeachtet, so leicht es bei ihm vorkam, wie alte Bekannte noch wissen konnten. Aber auch für sie kaum wiederzuerkennen war das abgemagerte Gesicht, schmaler als alle gewohnten. Um so größer erscheint die tief herabgedrückte Nase; in ihre Wurzel schneidet eine runde Falte; die Brauen sind angestrengt erhoben. Das Gesicht war nicht einfach: nur seine Entschlossenheit machte aus ihm das Soldatengesicht. An den angekränkelten Gefangenen des Louvre durfte niemand denken. Dieser Navarra ging fest in den Hüften dem König entgegen.
Halbwegs werden beide getrennt durch einen Schub Menschen. Die beiden stehen, suchen einander in den Lücken der Menge, sie grüßen, sie strecken nacheinander die Arme aus. Sie sind blaß und tiefernst. Diesen Augenblick streben sie noch zueinander: im nächsten soll alles neu sein. Fried! Fried! — und endlich der feierliche Augenblick des Rechten und Guten.
«Platz! Der König!» riefen die Wachen, die Menge teilte sich, und da nun der König von Navarra hintrat vor Seine Majestät, verneigte er sich, und der König umarmte ihn.