2. In der Talmühle.
Noch lag am nächsten Morgen mattes Dämmerlicht über dem Städtchen und seiner Umgebung, da ward es schon auf allen Pfaden, die nach Norden zu hinab ins Tal führten, lebendig. Und als die Sonne endlich emporstieg, herrschte auf der großen Wiese, wo man sonst allerlei ländliche Feste zu feiern pflegte, ein buntes, reges, aber ach, so trauriges Leben. Kein Lachen, Singen und Jauchzen war zu hören; wohl aber brach hier und da ein gequältes Herz in lauten Jammer aus. Tröstend, ordnend und ermahnend gingen ernste, rüstige Männer zwischen den Betrübten umher, und allmählich bildete sich der Zug. Auf hochbepackten, von Pferden oder Kühen gezogenen Wagen führte man allerlei Hab und Gut mit sich; auch die Kranken und Schwachen hatte man darauf gebettet und so gut wie möglich vor der Kälte geschützt. Da gab es Kindlein, die vielleicht erst gestern das Licht der Welt erblickt, Greise, die wohl kaum noch einige Wochen zu leben hatten; alle wurden erbarmungslos hinausgejagt in die rauhe, kalte Welt.
„Wo ist Vater Andreas?“ fragte der Pate Rudi, der bleich, matt und sehr gealtert unter dem leinenen Schutzdach eines Wagens lag. „Hier wäre noch ein Plätzchen für ihn und meinen Liebling, den Friedel.“
„Er wird wohl unter denen sein, die dort schon den breiten Pfad entlang ziehen. Er ist ja überall mutig voraus! Legt euch nur wieder nieder und versucht ein wenig zu schlummern. Am nächsten Ruheorte treffen wir wohl den Andreas.“
Bald war alles in Bewegung, und der traurige Zug verschwand allmählich hinter einer vorspringenden Anhöhe. Weinen und Klagen war verstummt, aber durch die klare Winterluft schallten die Töne eines frommen Pilgerliedes:
„In Gottes Namen scheiden wir;
Sein göttlich Wort bekennen wir
Und seiner Gnad’ begehren wir,
Des rechten Glaubens leben wir. Kyrieleis!
Freund’ von Freunden geschieden sind;
O HErr, bewahr’ die armen Kind’
Und all’, die hier vorhanden sind,
Vor Unglück und vor böser Stund’! Kyrieleis!
Geleit uns Gott in Ewigkeit
Durch seine groß’ Barmherzigkeit.
Der geb’ uns heut ein gut Geleit,
Mit Leib und Seele Sicherheit. Kyrieleis!“
Während nun unter diesen grausam Vertriebenen kein Wort des Grimmes oder der Rache laut ward, trug der Morgenwind den Schall der Glocken zu ihnen herüber, die den Dankgottesdienst einläuteten, den der Erzbischof halten ließ, weil die Stadt und Umgegend von den „greulichen Ketzern“ befreit war. Der Papst aber rühmte gewaltig die große Heldentat des Tyrannen. –
Pate Rudi hoffte vergebens, seinen alten Freund am nächsten Rastorte zu finden. Etliche meinten, er sei wohl schon voraus; andere, er habe sich der kleinen Schar angeschlossen, die einen etwas weiteren, aber bequemeren Weg talabwärts eingeschlagen hatte, um sich erst später dem Zuge anzuschließen. An Warten oder Nachforschen war nicht zu denken; mußte man doch eilen, für die nächste Nacht ein Städtchen oder größeres Dorf zu erreichen.
Ach, wo war der müde Greis und der hilflose Knabe? In der Morgendämmerung hatten sie die schützende Höhle verlassen; Friedel ganz frisch und munter, Andreas aber krank und elend. Sein Kopf schwindelte, die Glieder zitterten, sein Auge war matt, und seine Gedanken unklar. Die Nachtkühle hatte ein Fieber zum Ausbruch gebracht, das dem durch Angst und Kummer geschwächten Körper schon lange drohte. Mühsam schleppte er sich vorwärts, und das Bündel auf seinen Schultern drückte schwerer und schwerer. Da konnte es geschehen, daß er den schmalen, versteckten Pfad, den man einschlagen mußte, um zur Talwiese zu kommen, versah, und nach und nach in der sehr einsamen Gegend gänzlich in die Irre geriet.
„Großvater“, sprach Friedel endlich, „der Weg kommt ja gar nicht; wir wandern schon lang. Die Welt sieht heut so anders aus als sonst. Ich möcht’ auch was essen!“
„Armes Kind! Ich vergaß ganz, wie hungrig du sein mußt. Dort unter der breitästigen Tanne ist ein guter Ruheplatz. Gott wird uns dann schon den Weg zeigen.“
Sie ruhten lange. Die Sonne schien freundlich und schmolz bald den leichten Schnee; es war nicht sehr kalt. Friedel sprach dem Brot und Käse tapfer zu; Andreas konnte nichts essen, schlummerte aber, an den Baumstamm gelehnt, ziemlich lange. Dann machten sie sich wieder auf.
Es war nun Mittag vorüber und gar keine Hoffnung mehr, den Zug zu erreichen. Aber ein Obdach für die nächste Nacht mußte sich ja finden, sei es auch nur in einer einsamen Jäger- oder Köhlerhütte. Sie wanderten kreuz und quer, aber die Gegend blieb einsam und ward Schritt zu Schritt rauher und wilder. Auch Friedels Mut fing an zu sinken, und seine Kraft war erschöpft. Weinend schmiegte er sich an den Großvater, als sie wieder einmal ruhten. Es war mitten im Walde am Ufer eines Baches, der über Steingeröll hüpfend in schäumenden Wellen bergab eilte.
„Fürchte dich nicht, mein Kind!“ sagte der Alte mit matter Stimme. „Gott ist bei uns; er verläßt uns nicht. Und selbst wenn er mich zu sich holen würde, und du allein bliebest, verzage nicht! Weißt du noch den schönen Vers, den du neulich lerntest: ‚Unverzagt –‘?“
„Ja, Großvater“, erwiderte das Kind, tapfer seine Tränen trocknend:
„Unverzagt und ohne Grauen
Soll ein Christ, wo er ist,
Stets sich lassen schauen. –
Horch! Bellt da unten im Walde nicht ein Hund? Jetzt wieder! O komm, Großväterle! Versuch’ doch aufzustehen! Wo ein Hund ist, ist wohl auch ein Mensch!“
Mühsam erhob sich der Alte; ganz pfadlos gingen sie am rauhen, steinigen Ufer des Baches hin, der schnell breiter und reißender ward. Aber schon nach wenig Minuten verließen den Alten die Kräfte; zwischen den feuchten Steinen sank er zusammen und vermochte sich nicht wieder zu erheben. Mit Mühe schob ihm der Knabe sein eigenes kleines Bündel unter den Kopf und versuchte ihn etwas bequemer zu legen.
„Wart’ nur ein ganz klein Weilchen“, tröstete er; „ich lauf’ schnell und hol’ gute Leute, die uns helfen.“
„Gott geb’s, mein armes Kind!“ flüsterte der Greis. „Küsse mich noch einmal. O, Gott erbarme sich deiner, mein Liebling!“
Wieder und wieder küßte der Knabe das kalte, bleiche Antlitz des Liegenden. Es ward ihm gar so schwer, ihn zu verlassen; das liebe Gesicht sah so verändert aus. Aber er mußte ja Hilfe haben; Großvater sollte bald einen Trunk heiße Milch haben und vielleicht auch ein warmes Lager.
Tapfer drang er vorwärts. Dichtes Dorngestrüpp versperrte ihm oft den Weg, riß ihm die Hände blutig und manches Loch in sein Röcklein. Oft war er nahe dran, entmutigt umzukehren, aber das Bellen des Hundes lockte ihn immer wieder vorwärts. Da plötzlich, als er sich durch eine Reihe dichter niedriger Nadelholzbäume gedrängt, war er am Ziel. Ein freier ebener Platz lag vor ihm, ringsum dichter Wald. In raschen Wellen eilte der Bach hindurch, und an seinem Ufer stand ein Häuschen, der lieben heimatlichen Hütte ganz ähnlich, von rohen Steinen gebaut, mit weit vorstehendem Dach, niederer Tür und kleinen blanken Fenstern. Daneben aber klapperte, vom strömenden Wasser getrieben, lustig ein Mühlrad.
Mit raschem Blick hatte der Knabe das langersehnte Bild geschaut. O weh! Da kam mit wütendem Gebell ein großer zottiger Hund auf ihn zugestürzt. Sollte er fliehen? Ach nein; Großvater mußte Hilfe haben! Tapfer trat er dem Tier entgegen, den kleinen Wanderstab drohend erhoben. Da öffnete sich die Tür des Häuschens, und ein Mann trat heraus, dessen Anblick ihn noch mehr erschreckte als der des Hundes. Ach, er sah aus wie die Riesen, die die alte Zenzi so schrecklich zu schildern verstand!
Groß und stark, mit struppigem, langem schwarzen Haar und Bart, war er nur mit einem Kittel bekleidet, der aus dem Fell eines Bären gemacht war. In der Hand einen langen dicken Stock, trat er mit wilder Gebärde und zornigem Blick auf den kleinen Eindringling zu. Der aber hatte sich bereits gefaßt. Sobald der Hund auf den Ruf des Mannes von ihm abließ, faltete er die Hände und sprach laut:
„Unverzagt und ohne Grauen
Soll ein Christ, wo er ist,
Stets sich lassen schauen.“
„Ist das dein Gruß?“ fuhr ihn der Fremde an. „Wie wagst du in meinen Zauberkreis zu dringen?“
„Ich hab’ nicht gewußt, daß es ein Zauberkreis ist“, erwiderte Friedel. „Aber ich bitt’ Euch, wenn Ihr ein guter Riese seid, so helft doch meinem Großvater! Er liegt oben im Walde und kann nimmer aufstehen.“
„Was treibt ihr euch im Wald umher, ein Alter und ein Kind?“
„Wir wären ja gern im Hüttli geblieben, aber der Erzbischof Firmian hat uns in die Welt hinausgejagt.“
„Warum?“
„Weil wir allein zum Himmelsvater beten und zum Heiland, und weil wir den Papst nicht mögen.“
„Es ist genug! Du bist ein tapferer Bub! Ich hätt’ dir kein Leid getan, auch wenn du aus Vorwitz hergekommen wärst. Aber da der Firmian dein Feind ist, bin ich dein Freund und will dir helfen!“
Er legte die Finger an den Mund und tat einen lauten Pfiff. Alsbald trat hinterm Hause ein Männlein hervor, klein und bucklig, eine spitze Mütze auf dem runden Kopf, die grobe Kleidung ganz von Mehl bestäubt. Ja, es war kein Zweifel: Friedel war in Zenzis Märchenland geraten, denn zu dem Riesen kam nun auch ein Zwerg.
„Tobi“, gebot der Riese, „laß dir drinnen die Flasche mit Lebenswasser geben und komm! ’s liegt einer droben im Walde elend. Wir wollen ihn herholen.“
Verwundert blickte das Männlein auf; es hatte freundliche, sanfte blaue Augen. Ohne ein Wort zu erwidern, horchte es, und sogleich waren die drei auf dem mühsamen Weg die Schlucht hinauf. Schwanzwedelnd umhüpfte sie jetzt der Hund. Es begann schon zu dämmern, als sie die Stelle erreichten, wo der Arme lag. Schon von weitem hatte Friedel fröhlich gerufen: „Wir sind gerettet, Großväterle! Gute Männer kommen! Bald sollst du warm und sicher liegen.“ Aber kein Gegenruf war erschollen.
Nun warf sich das Kind bei dem Geliebten nieder und küßte seine Stirn, um ihn zu wecken. Aber erschrocken fuhr es auf: „Hu, wie kalt ist mein lieb Großväterle! Wie eisig kalt!“ Der kleine Mann beugte sich herab, um dem Kranken einige Tropfen des starken Getränkes einzuflößen, richtete sich aber sogleich wieder empor und sprach leise: „Der ist ja tot!“
Die Worte waren wohl nur für den großen Mann bestimmt, doch Friedels feines Ohr hatte sie auch vernommen. „Tot?“ rief er. „Mein einzig Großväterle ganz tot?“ Laut aufschluchzend warf er sich über den Leichnam hin. Die lang angespannte Kraft versagte plötzlich; das Bewußtsein schwand. Er lag in tiefer Ohnmacht.
Wie lange er ohnmächtig gelegen, wußte er später nicht mehr. Wohl fühlte er, daß man ihn forttrug, war aber nicht imstande, zu sprechen oder zu widerstreben. Auch als jemand ein warmes Getränk an seinen Mund hielt, nahm er ein paar Schlucke, ohne die Augen zu öffnen, und sank gleich wieder in Betäubung zurück.
Endlich aber ward daraus ein langer, fester Schlaf, aus dem er gesund erwachte. Sein Lager war warm und weich, ringsum alles still. So meinte er, alles, was er in der letzten Zeit erlebt, sei nur ein böser Traum gewesen, und er läge im lieben Hüttli an des Großvaters Seite.
„Ist’s schon Tag, Großväterle?“ fragte er schlaftrunken.
„Schon längst!“ sprach eine helle, feine Kinderstimme.
Da fuhr er empor und blickte in ein Gesichtchen, so hold und lieblich, wie er’s nimmer geschaut. Augen, so blau wie Vergißmeinnicht, Wangen wie zarte Röslein, Lockenhaar wie fein gesponnenes Gold.
„Bist du ein Englein?“ fragte er, sich plötzlich besinnend und die Hände faltend. „Bin ich auch schon tot und im Himmel? O, wo ist der Großvater? Wo ist der HErr JEsus? Ich möchte zu ihnen!“
„Ich bin ja kein Englein“, war die Antwort. „Du bist nicht im Himmel! Schau doch auf; du bist in der Talmühle, und ich bin des Talmüllers Ännchen.“
Friedel erhob sich und sah verwundert umher in einem sauberen, aber ärmlichen Gemach.
„Aber mein Großvater, wo ist er? Was haben sie mit ihm gemacht?“
„Er war ja eingeschlafen“, sagte das Kind, die Händchen faltend. „Da haben sie ihn zu Bett gebracht draußen im Walde, wo es still und friedlich ist. Dort schläft er, bis ihn der Himmelskönig weckt, wenn er wiederkommt am Jüngsten Tage.“
„Wer sagte dir’s!“
„Die Mutter.“
Erstaunt und noch halb träumend schaute Friedel das Englein im geflickten Zwillichröckchen an, das so zuversichtlich große Worte sprach. Aber ach, als der Bann des Schlafes sich allmählich löste, ward es ihm klar, daß er ja nun ganz, ganz allein sei auf der Welt. Den Großvater hatte man im wilden Walde begraben, die Freunde und Glaubensgenossen waren weit fortgezogen; er aber in der Gewalt der märchenhaften Gestalten, die er am Abend zuvor gesehen, hilflos zurückgeblieben. Da machte sich sein starkes, feuriges Gemüt in wildem Schmerze Luft.
„Großvater! O Großvater!“ schrie er händeringend. „Nimm mich mit in den Himmel! O, HErr JEsu, komm doch gleich jetzt zum Jüngsten Tag und weck’ mir den Großvater! Sonst will ich auch sterben, jetzt gleich! O, ich kann, ich kann nicht leben so ganz allein!“ Heiße Tränen stürzten dabei über seine Wangen.
Tief erschrocken stand das Mägdlein dabei und wagte nicht so großen Jammer zu stören. Endlich faßte sich’s ein Herz, legte die kleine Hand auf die Stirn des Gastes und sprach leise:
„Ich hab’ dich schon lieb; da bist du nicht ganz allein. Und Mütterle hat gesagt, ich soll dich nicht weinen lassen. Du sollst essen, wenn du aufgewacht bist.“
Das Händchen war so weich und warm, die Stimme so sanft und das Wort „essen“ brachte ihn plötzlich auf andere Gedanken. Er fühlte ja einen nagenden Hunger, hatte seit gestern mittag nichts mehr genossen. Halb widerwillig trocknete er seine Tränen und schaute zu, wie das Kind vorsichtig ein dampfendes Schüsselchen vom Herd nahm und auf den Tisch stellte, einen Löffel und ein großes Stück Brot dazulegte und ihm freundlich winkte. Er folgte, und die Natur behauptete ihr Recht; es schmeckte köstlich! Dienstfertig brockte Ännchen das Brot in die fette Ziegenmilch und sah befriedigt zu. Als die Schüssel leer war, hielt der Gast Umschau in dem niedrigen, aber geräumigen Gemach. Es sah ganz ähnlich drin aus wie daheim im Hüttli: der schwarze Rauchfang überm Herd, die Bank längs der Wand, ein paar Schemel, zwei buntbemalte Truhen, schlichtes Hausgerät auf Wandbrettern. In der besten Ecke hing ein kleines Kruzifix; ein abgegriffenes Büchlein lag darunter, dicht davor stand ein schmuckes Spinnrad.
„Das ist Mutters Winkel“, erklärte Ännchen; „sie lehrt mich auch beten, lesen und spinnen.“
„Aber das?“ fragte Friedel, auf ein prächtiges Hirschgeweih zeigend, das über der Tür befestigt war.
Da legte Ännchen den Finger auf den Mund und warnte: „Frag’ nicht danach! Es gehört dem Vater. Was Vater hat und tut, davon spricht man nicht.“
„Ist der Riese dein Vater oder der Zwerg?“
„So heißt es nicht! Der große Mann ist mein Vater; der kleine ist Tobias, der Mühlknecht. Ich habe ihn sehr lieb.“
„Er sieht häßlich aus“, bemerkte Friedel.
„Das schadet nichts, sagt Mutter, denn sein Herz ist schön. – Wo mag nur Mutterle bleiben? Komm, laß uns ausschauen; sie ist oben in der Kammer.“
In einer Ecke der Stube führte ein schmales steiles Treppchen empor ins winzige Dachkämmerlein. Leise stieg Ännchen hinauf; Friedel folgte und blickte über ihr blondes Köpfchen in den niederen Raum, gefüllt mit allerlei Werkzeug und Hausrat. Auf dem kalten Boden saß eine bleiche blonde, überaus liebliche Frau in dürftigem Zwillichgewand, umgeben von allen den Sachen, die der Großvater im schweren Bündel getragen. Die alte vielgebrauchte Bibel lag in ihrem Schoß, und sie war so vertieft ins Lesen, daß sie die Kinder erst gewahrte, als Ännchen die Arme um ihren Hals schlang. Da fuhr sie auf und sah auch den Knaben.
„Du bist wahrlich ein Engel von Gott gesandt“, rief sie, ihn an sich ziehend, „daß du mir ins Haus gebracht hast, wonach mein Herz sich schon lange sehnte! Es ist ja das Buch, das uns den Weg zum Himmel zeigt aus diesem Elend! Als ich’s aufschlug, fand ich gleich so trostreiche Worte, die der Heiland gesprochen. O, wieviel, wieviel werd’ ich noch finden, wenn du bei uns bleibst!“
„Du darfst heute darin lesen, soviel du willst“, sagte Friedel bedächtig, „aber morgen muß ich wandern, immer nach Mitternacht zu bis ins Preußenland, wo mein Pate Rudi und die andern Getreuen hingezogen sind. Alle diese Sachen will ich euch lassen; nur die Bibel steck’ ich noch in mein kleines Bündel. Ich soll sie nicht hergeben, sagte Großvater.“
„Du kannst unmöglich allein wandern, armes Kind!“ erwiderte die Frau. „Du bist viel zu klein und schwach dazu.“
„O nein! Alle nennen mich groß und stark“, entgegnete der Junge, sich streckend.
Lächelnd strich ihm die Frau übers wirre Haar. „Kommt herab“, sprach sie; „es ist hohe Zeit, den Männern das Essen zu kochen. Sie fällen Holz im Walde.“
„Ich mag nicht essen, auch die Männer nicht sehen. Ich bleibe hier bei Großvaters Sachen.“
Sie ließen ihn allein. Traurig ließ er alles durch die Hände gleiten, was ihm daheim so lieb gewesen. Das kleine Ledersäckchen mit Geld und einigen alten Silbermünzen mit seltsamen Gepräge, die ihm der Großvater manchmal gezeigt, suchte er vergebens. Hatten’s wohl die Männer behalten oder dem Toten mit ins Grab gegeben? Nun, er brauchte es nicht; sein Essen würden ihm gute Leute schon umsonst geben! Ach, wenn er nur schon heute wandern könnte! Aber er war noch so müde, so sehr müde von allem, was er erlebt, legte endlich den Kopf auf Großvaters Sonntagsrock und schlief wieder ein.
Gegen Abend weckte ihn Ännchen und führte ihn hinunter in die Stube. Da saßen sie alle ganz zutraulich um den Herd, auf dem ein helles Feuer brannte. Die Frau spann, Tobi flickte seine Jacke, der Riese schnitzte irgendein Gerät aus Holz.
„Nun“, sprach er, „hast du ausgetrauert und ausgeschlafen? Gönn’ dem armen Alten die Ruhe! Die Welt ist bös! Du bleibst bei uns. Wo vier essen, ißt auch der fünfte.“
„O nein! Ich kann nicht bleiben!“ begann der Knabe.
„Du mußt!“ rief der Mann, und warf ihm einen so wilden Blick zu, daß er erschrak und schwieg.
Aber das Wörtlein „muß“ war dem Friedel verhaßt. Nur vom Großvater hatte er’s geduldet. Er fühlte sich stark und gewandt und mochte keinen Zwang leiden. „So gut ich aus dem Kloster floh, entflieh’ ich auch aus der Talmühle“, dachte er, und setzte sich still neben Ännchen auf die Bank im Winkel. Leise plauderte sie ihm vor von verstecktem Spielzeug im Schrein, das die Mutter nur Sonntags herausgebe, von Braten und Kuchen am Christfest, von Blumen und Beeren im Sommer und von einem zahmen Rehlein hinten im Stall. „Bleib’ doch gern bei mir“, bat sie, sich an ihn schmiegend; „dann sind wir Brüderchen und Schwesterchen, wie in den Märlein, die Tobi erzählt.“
Als die Abendsuppe, die im Kessel brodelte, fertig war, setzten sich alle fünf um die große Schüssel und löffelten sie einträchtig aus, aber ganz stille, denn der finstere Blick des Talmüllers hielt sie alle im Bann. Nachher aber, als sie wieder am Feuer saßen, fing er plötzlich an, den Friedel auszufragen, wie es zugegangen bei der Vertreibung der Evangelischen. Zuerst antwortete der Knabe einsilbig und schüchtern, geriet jedoch bald in Erregung und beschrieb die Leiden der Gefangenen und Kranken gar beweglich.
Aber was ging das alles den Talmüller an, der doch gewiß nicht zu ihnen gehörte? Warum blitzten seine schwarzen Augen so zornig? Warum ballte er die nervigen Fäuste wie in ohnmächtiger Wut? Dem Knaben ward unheimlich dabei zumute.
Die Mutter bemerkte es wohl, legte sanft ihre Hand auf des Mannes Schulter und sprach: „Laß es gut sein, Christoph. Gott wird alles richten; wir aber sollen vergeben! Es ist spät; laß uns beten und zu Bett gehen.“
Da standen sie alle auf, falteten die Hände und beteten laut und andächtig das Vaterunser. Was murmelte doch der Talmüller nach der fünften Bitte? Klang es nicht wie: „außer dem Firmian“?
Nun nahm Tobi den Gast an die Hand und führte ihn zur Hintertür hinaus über einen kleinen Hof in die Hütte, wo das Mahlwerk stand. Dort war ein Kämmerlein abgeteilt. Eine Truhe und ein Schemel stand darin, und ein hohes Heulager war aufgeschüttet mit dicker Wolldecke; Friedels Bündel lag daneben.
„Dies ist mein Revier“, sagte der kleine Mann, „und du bist mein Schlafgenoß. Nun noch ein Wort zur Gutenacht. Bleib’ in Frieden hier und folg’ dem Talmüller! ’s wird dein Schaden nicht sein. Goldtreu ist er als Freund, schrecklich als Feind!“
Der Knabe antwortete nicht, und beide streckten sich aufs Lager. Nach einer Weile fragte er leise:
„Wo habt ihr meinen Großvater begraben?“
„Morgen will ich dir’s zeigen. Auf einer Waldlichtung links ab von der Mühle, nach Mitternacht zu. Gute Nacht.“ –
Beim allerersten Morgengrauen des andern Tages öffnete sich leise, ganz leise das Pförtchen des Mahlwerks, und Friedel, sein Bündel auf der Schulter, den Wanderstab in der Hand, schlüpfte heraus, lief über den offenen Grund und verschwand im Walde. Das Glück war ihm günstig; er fand bald die Waldlichtung und den frischaufgeworfenen Grabhügel, mit großen Steinen beschwert, um das Waldgetier am Aufwühlen zu hindern. Er kniete dabei nieder, küßte die kalte, feuchte Erde, bezwang aber tapfer den aufsteigenden Jammer. „Gute Nacht, Großvater“, flüsterte er. „Ich gehe ins Preußenland zum Paten Rudi. Ich will fromm sein; im Himmel komm ich wieder zu dir!“
Unwillig die großen Tränen von den Wangen wischend, erhob er sich und wanderte rüstig weiter durch dichten Wald, immer in nördlicher Richtung. Nach und nach ward es hell, aber der Grund ward rauher. Felsstücke und Gestrüpp hemmten seinen Weg; nur langsam kam er vorwärts. Plötzlich hörte der Wald ganz auf. Er trat heraus, prallte aber gleich erschrocken zurück, denn vor ihm fiel eine steile graue Felswand ab, und tief unten schimmerte im milden Morgenglanz ein See. Zur Rechten stürzte der Mühlbach brausend hinab. Nirgends eine Spur von Weg und Steg; keine andere Möglichkeit als Umkehr! Dazu blies der Novemberwind so stark, daß der Knabe sich an einen Baumstamm halten mußte. Leider fing es an zu schneien. Ach, er fühlte plötzlich, daß er doch nur ein Kind war! Sollte er umkehren? Würden sie ihn nun nicht hart behandeln? Die Frau war engelsgut, das Ännchen hatte er schon lieb, aber vor dem Talmüller fürchtete er sich.
Da legte sich eine schwere Hand auf seine Schulter. Erschrocken fuhr er auf und sah ihn hinter sich stehen, in Jägerkleidung, die Flinte über der Schulter, einen geschossenen Rehbock auf dem Rücken.
„Törichtes Kind!“ sprach er. „Siehst du nun, daß aus meinem Zauberkreis kein Entrinnen ist? Hier der See, dort steile Felswände; nach Morgen zu die Schlucht, die Wolf, der Hund, streng bewacht. Warum vertraust du mir nicht, da ich doch dein Freund bin? Bleib’ ruhig bei mir, bis du herangewachsen bist; dann magst du wandern, wohin du willst. Ich selbst zeige dir dann den Weg. Deine Freunde sind zwei Tagereisen voraus; du würdest sie nicht mehr erreichen, selbst wenn wir wüßten, welchen Weg sie eingeschlagen haben. Der Winter ist nahe; es gibt noch Wölfe und Bären in den Bergen. Möchtest du einem begegnen?“
Da wagte der Knabe dem seltsamen Manne ins Antlitz zu blicken. Er sah jetzt nicht furchtbar aus; sein Auge blickte freundlich. Er war doch ein schöner Mann, und das Jägerkleid stand ihm gut. Woher kam’s wohl, daß er den Rehbock schießen durfte, was sonst streng verboten war? Aber Ännchens Warnung fiel ihm ein; er schwieg und ließ sich willig zur Mühle zurückführen.
Dort stand die Morgensuppe auf dem Tisch. Niemand erwähnte seine Flucht. Nach dem Essen sprach Tobias: „Ich will heut noch das letzte Mehl zu Tal bringen; morgen möchte der Pfad verschneit sein. Es ist für den Franzl am Stein; das ist nicht weit. Vor Abend bin ich wieder hier. Ich bring’ gleich alles mit, was der Franzl auf dem letzten Markt für uns besorgt hat zur Winternotdurft. Wer weiß, ob ich wieder hinabkann! Ich denke, es gibt bald Schnee.“
Friedel sah aufmerksam zu, wie Tobi einen Esel mit den Säcken belud, ihn vor sich her über den rohgezimmerten Steg trieb, der unterhalb der Mühle über den Bach führte und im Walde verschwand. Der Müller erriet seine Gedanken.
„Gib dich zufrieden; du kannst ihm nicht folgen. Sein Weg führt nicht nach Preußen zu“, sprach er lächelnd.
„So will ich hier bleiben, bis ich groß bin“, rief der Junge plötzlich entschlossen; „das dauert ja nicht mehr lang!“
Ännchen umhüpfte ihn fröhlich; die Mutter küßte ihn auf die Stirn. Der Mann war hinters Haus gegangen, sein Reh abzuziehen.