4. Wie’s dem Talmüller ergangen war.

Nicht lange nach diesem Gespräch führte Friedel eines Morgens das Eselein aus dem Stalle. Ganz sauber hatte er sein graues Fell gebürstet und das Zaumzeug schön geputzt. Es war noch viel zu zeitig zum Ausziehen. Frau Marie kochte eben erst die Morgensuppe, und der Talmüller schlief noch fest. Aber Ännchen stand schon bei dem Knaben und zupfte ihm den nagelneuen Kittel zurecht, den sie selbst hatte nähen helfen.

„Ich bring’ dir auch was mit aus der Welt draußen“, versprach Friedel. „O wie mein Herz klopft! Was werd’ ich sehen? Wohin wird der Weg führen?“

Die Mutter rief zum Essen; doch nahm Friedel nur ein paar Löffel von der guten Suppe und steckte das Brot in die Tasche. Nun waren sie bereit; Tobi freute sich, den Knaben, den er sehr liebte, zum Gefährten zu haben, aber Christoph war nicht zu sehen. Als die beiden, den Esel vor sich hertreibend, über den Steg gingen und Ännchen ihnen noch ein Lebewohl nachrief, guckte der Mann verstohlen zur Dachlucke heraus.

„Da zieht er hin, der treue, liebe Junge, der mir Frieden und Hoffnung gebracht hat durch das herrliche, göttliche Buch!“ sprach er zu sich selbst. „Und in wenig Jahren muß ich ihn ganz fortlassen. O Gott, laß ihn dann nur nicht allzuviel Jammer erleben! Ja, auch mich zieht’s manches Mal hinaus. Wohl möcht’ ich wieder unter Menschen leben. War ich doch der frischeste, fröhlichste Bursch im ganzen Dorf! Aber nein, ’s geht nimmer! Das Herz ist allzu tief verwundet; es kann nimmer, nimmer ganz genesen. Ich hab’ mein Weib und mein Kind, das ist mir genug!“

Rüstig schritten die beiden Wanderer vorwärts. Der kaum sichtbare Pfad führte zuerst durch dichten Wald; oft mußten sie sich bücken unter den tief herabhängenden Ästen, oft dem Esel vorausgehen, damit er sich nicht im Gestrüpp verwirre. Eine Stunde waren sie so gewandert, da ward der Wald lichter; der Weg führte ziemlich steil bergauf, und plötzlich standen sie vor einer hohen zerklüfteten Felswand.

Fragend blickte Friedel seinen Begleiter an. „Meinst, die Welt sei hier alle?“ lachte dieser. „Komm nur mit; wirst dein Wunder schauen!“

Dicht an dem Felsen gingen sie hin; an der andern Seite niedriges Nadelholz. Jetzt aber ergriff Tobi das Eselein am Zaum und führte es vorsichtig an der Felswand empor, die hier weniger steil war und einen tiefen Einschnitt hatte. Darüber aber wölbte sich das Gestein wie ein Dom. Gewand kletterte Friedel nach, erschrak aber nicht wenig, als sein Begleiter mit dem Tier plötzlich verschwunden war. Da hörte er ihn lachen, und siehe, er stand in einem breiten Spalt zwischen zwei Felsblöcken, der in einen dunklen Gang führte. Bald aber fiel von oben ein wenig Licht hinein. Manchmal war eben nur Raum genug für die Wanderer, dann öffneten sich wieder weite Höhlen und Hallen, vom Felsen gebildet. Dem Knaben war’s feierlich und ein wenig ängstlich zumute. Jetzt ward der Gang wieder sehr schmal. Tobi sagte, er sei eben noch breit genug, um den Esel, wenn er mit Säcken beladen sei, durchzulassen. Aber horch! Tönten da nicht Menschenstimmen? Bellte nicht ein Hund? O Wunder! Hörte man nicht deutlich das Jauchzen spielender Kinder? Jetzt bogen sie um eine scharfe Ecke; es ward heller und heller, und jetzt traten sie hinaus und erblickten ein Bild fröhlichen Lebens, wie es der Knabe seit Jahren nicht gesehen. Sie standen auf einem großen, weiten Bauernhof, der teils durch den Felsen, teils durch ein niedriges, aber sauberes Wohnhaus mit eingebauten Stallungen, teils durch eine hohe Steinmauer mit weitem Eingangstor begrenzt war. Lustig plätscherte der Brunnen in der Mitte. Der Hofhahn krähte auf dem hohen Düngerhaufen, Hühner und Gänse tummelten sich ringsumher, und eine Schar rotwangiger, blondhaariger Kinder tanzte singend im Kreise. Friedel jauchzte laut auf bei diesem Anblick. Endlich, endlich sah er wieder Menschen, über denen kein geheimnisvoller Schleier hing.

Jetzt gewahrten die Kinder die Wanderer am Felsentor. „Der Tobi ist da, der Tobi!“ jubelten sie herbeieilend, wichen aber beim Anblick des fremden Knaben scheu zurück.

„Ruft den Großvater“, gebot Tobi; und die ganze Herde stürmte ins Haus, aus dem gleich darauf ein stattlicher alter Mann mit großen, klaren Augen, langem, weißem Bart und Haar und ehrwürdigem Aussehen hervortrat.

So war der Erzvater Abraham in des Paten Bilderbuch abgemalt gewesen; es war der Franzl am Stein. Die Kinderchen hingen sich an seine Hände und an die Falten seines langen, weiten Kittels. Freundlich begrüßte er Tobi, reichte auch Friedel die Hand und sprach:

„Du bist mir kein Fremder, mein Sohn; Tobi hat Gutes von dir erzählt, darum sei mir willkommen! Wilhelm, nimm den Gast unter deine Hut bis zur Mittagsmahlzeit!“

Der Älteste der Kinderschar, ein frischer, etwa zehnjähriger Junge, nahm Friedel in Beschlag, scheuchte die kleinere Gesellschaft fort und fragte: „Willst du meinen Fuchs sehen? Oder wollen wir schießen?“

Der Gast entschied sich für das letztere und ward zu einer hölzernen Scheibe geführt, die am Felsen befestigt war. Aber o, wie schämte sich Friedel, als der Kleine mit dem scharfen Bolzen seiner Armbrust fast immer ins Schwarze traf, während es ihm auch nicht ein einziges Mal gelang!

„Du gehst wohl nimmer auf die Jagd? Ich mein’ auf das kleine Wild, das man schießen darf?“ fragte Wilhelm.

Traurig schüttelte Friedel den Kopf.

„Dann will ich dir lieber was zeigen! Ich weiß, du wohnst tief im Wald. Möchtest du wohl einmal weit hinaus in die Welt blicken?“

„O ja, so gern!“

„So komm; aber hüte dich, daß du nicht fällst!“

In einer Ecke des Hofes waren in die steile Felswand rohe Stufen eingeschlagen, eben groß genug, den Fuß hineinzusetzen. Wie ein Kätzchen kletterte der Kleine voran; vorsichtiger folgte Friedel, und sie erreichten bald einen breiten Vorsprung, von dem sich dem Auge eine herrliche Aussicht bot. Ein weites, ungemein fruchtbares Tal breitete sich vor Friedels entzückten Blicken aus. Grünende Wiesen, blühende Obstbäume, sprossende Saatfelder wechselten lieblich miteinander ab; ein silberhelles Flüßchen schlug muntere Wellen, und eine große Anzahl niederer Hütten mit gelben Strohdächern belebte die Landschaft. Am Ausgang des Tales aber erhob sich auf luftiger Höhe ein Schlößlein mit zierlichen Türmen und vielen Nebengebäuden. Hier und da erkannte Friedel zu seiner großen Freude auch Menschen, nach denen er sich ja so sehr sehnte. Dort pflügte ein fleißiger Ackersmann; ein anderer streute Samen aus. An jener Anhöhe weidete ein alter Mann eine Schafherde; dort trieben zwei barfüßige Kinder junge Gänschen und Enten in den Fluß, und wateten selbst hochgeschürzt in die klaren Wellen, einander neckend und bespritzend. Und da, weit hinten, ragte ja ein kleiner, altersgrauer Kirchturm zwischen hohen Bäumen hervor.

Ganz verwundert horchte der Kleine auf die freudigen Ausrufe seines Gastes, der sich, von der Wanderung ermüdet, auf der Felsplatte niedergesetzt hatte. Ihm war ja dieser Anblick friedlichen Lebens etwas Alltägliches.

„Deines Großvaters Haus ist das größte und schönste im ganzen Tal“, sagte Friedel endlich.

„Gewiß!“ erwiderte Wilhelm. „Er ist eben der einzige freie Bauer; die andern sind nur Hüttenleute, die dem Edelmann Pachtgeld zahlen und viel Frondienste tun müssen. Haben oft kaum Zeit, ihr bißchen Feld zu bestellen.“

„Wohnt der Edelmann dort oben im Schlößli?“

„Nein; gottlob nicht! Er wohnt weit weg an eines Fürsten Hof. Auf dem Schlößli sitzt nur sein Haushalter, ein braver Mann, der die armen Hüttenleut’ nicht allzusehr schindet.“

„Mein Großvater war auch ein freier Bauer“, berichtete Friedel, „aber der Erzbischof hat ihm doch alles genommen.“

„Ja, die Pfaffen, die saugen die Welt aus“, sprach Wilhelm altklug. „Der da hinten beim Kirchli sitzt, ist freilich nicht so schlimm. Er ißt und trinkt, und läßt die Leut’ treiben, was sie wollen. So sagt Großvater“, fügte er erklärend hinzu. „Aber horch, die Mittagsglocken! Komm hurtig; ’s gibt ein paar fette Hühner und gewiß Eierkuchen hinterdrein, weil ihr Gäst’ seid.“

Es war eine stattliche Tischgesellschaft, die sich in dem zwar niedrigen, aber weiten Gemach um die blanke eichene Tafel sammelte. Obenan saß der Franzl, ihm zur Seite zwei Söhne, stattliche Männer, Tobi und Friedel bekamen ihren Platz neben ihnen. Dann folgten drei junge Burschen; um das untere Ende scharten sich Frauen und Kinder. Fremdes Gesinde sah man nicht; der Franzl wirtschaftete mit Kindern und Enkeln allein. Die Speisen, die in großen Schüsseln und mächtigen Pfannen aufgetragen wurden, waren besser als alles, was Friedel bisher gekostet. Und als zum Nachtisch ein großer irdener Krug roten Weines erschien, trank Franzl aus seinem silbernen Becher; auch die Gäste mußten ihm in solchen Bescheid tun. Die Frauen und Mägdlein trugen silberne Ohrringe und Halsketten; alles zeugte von behaglichem Wohlstand. Als das Dankgebet gesprochen war, sagte Franzl:

„Die armen Hüttenleut’ haben noch manchen Sack Korn liegen von der guten Ernte im letzten Jahr. Wenn du heute Zeit hättest, Tobi, könntest du dir’s zusammentragen und nach und nach hier abholen. Ich borg’ dir noch einen Esel, den kann der Bub wohl führen.“

„Hab’s auch schon gedacht“, erwiderte Tobi. „Dem Friedel gelüstet’s, die Welt zu schauen; da sieht er heute doch ein Stücklein!“

„Freilich ein armseliges!“ setzte Franzl hinzu.

Nach kurzer Mittagsrast zogen die beiden aus, zwei Esel vor sich hertreibend, die sie nach ein paar Stunden schwer beladen zurückbrachten, und taten noch einmal so, ehe der Abend hereinbrach.

Todmüde sank Friedel in das dicke, weiche Federbett, das er mit Wilhelm teilte; aber sein Herz war leicht und froh. Er war nicht gefangen in der engen Talmühle; es gab noch Leben, es gab noch eine Welt für ihn!

Am andern Morgen zogen sie noch einmal aus, um vom äußersten Ende des Tales eine Ladung Kornsäcke zu holen. Auf sanfter Anhöhe ruhten sie unter blühenden Bäumen ein wenig aus. Da begann Tobi:

„Da du nun doch weißt, daß über des Talmüllers Leben ein Geheimnis waltet, sollst du heute erfahren, wie es ihm ergangen ist. Daß du treu bist und schweigen kannst, hast du genug bewiesen.“

„Ist dir erlaubt, mir’s zu berichten?“ fragte Friedel. „Nimmer begehr’ ich zu hören, was geheim bleiben soll!“

„Das ist brav! Aber der Talmüller hat mir selbst aufgetragen, dir heute zu erzählen, wie’s ihm ergangen ist.

Er heißt eigentlich Christoph Hügli. Weit unten im Salzburger Land, nahe der Tiroler Grenze, lag sein hübsches Bauerngütlein mit einer stattlichen Mühle. Freilich gehörte das Land dem Erzbischof, aber seit langen, langen Jahren hatten’s Christophs Vorfahren zum Lehen gehabt. Obwohl der Christoph ein wilder Bursch war, hatten ihn alle gern, denn er war dabei treuherzig, ohne Falsch und allezeit mildtätig gegen die Armen. Seit er die Marie geheiratet hatte, ein verlassenes Waislein, aber fromm und schön, ward er auch gesetzter, und sie lebten zusammen in Liebe und Frieden wie die Engel im Himmel. Ein prächtig Büblein hatte ihnen Gott geschenkt; sie nannten’s Arnold, und es war des Vaters Augapfel. Nahebei auf einer Höhe hatte der Firmian ein Lustschlößlein, wo er zuweilen Hof hielt mit allerlei Gästen. Da trieben sie mancherlei Kurzweil und lagen auch fleißig der Jagd ob, denn in den schönen Waldungen gibt’s edles Wild in Fülle. Des Talmüllers Felder lagen aber just am Waldesrand, und da konnt’s nicht fehlen, daß oft die ganze glänzende Jagdgesellschaft mit Hallo und Hussa durch sein Korn und Weizen galoppierte, einem fliehenden Wild nach. Wenn er dann händeringend dabeistand, haben sie ihn noch verhöhnt. Auch kam das Wild nicht selten des Nachts aus dem Walde, um sich am Getreide sattzufressen und alles zu verwüsten. Wegschießen aber durfte man keins bei schwerer Strafe. Das war eine rechte Qual für Christophs heftiges Gemüt; besonders weil er gar zu gern selbst gejagt hätte und ein so guter Schütze war, daß er beim Scheibenschießen stets ins Schwarze traf und manch schönen Gewinn einsackte. Doch hat er sich lange tapfer bezwungen; auch sein Weib hat ihn immer zur Geduld ermahnt.

Einmal aber war Lust und Not zugleich ins Haus gekommen. Der herzige kleine Bub, nun schon vierjährig, lag schwer krank an den Pocken; Marie aber hatte am Abend ein Mägdlein geboren und war recht matt und schwach. Die untreue Magd war aus Angst vor der Krankheit davongelaufen, und der arme Mann wußte nicht, wem er zuerst helfen sollte, dem jammernden Büblein, der schwachen Frau oder dem schreienden Neugeborenen. Da stürzt beim Morgengrauen der Hütebub in die Kammer und schreit: ‚Meister, das Wild ist im Weizen! Ein ganz Rudel!‘ Da übermannte ihn der Zorn. Ohne auf den Ruf der Frau zu achten, reißt er den Stutzen (kurze Flinte) von der Wand und ist im Nu draußen. Der Schuß kracht, und ein prachtvoller Edelhirsch stürzt, gerade zwischen die Augen getroffen, und verendet alsbald. Zu Tode erschrocken sieht’s der Bub und der Knecht. ‚Fliehet, fliehet, Meister; ’s gilt Euer Leben!‘ schreien sie. Aber der Christoph spricht: ‚Nimmer flieh’ ich und laß mein Weib und Kind der Rache des Tyrannen.‘ Da machten sie in rasender Eile eine tiefe Grube, zerrten den Hirsch hinein, schlossen sie und häuften Steingeröll darauf. Aber o weh! Es mochte wohl irgendwo an einer Waldecke oder hinter einer Mauer ein Lauscher und Verräter gestanden haben, denn ein ehrlicher Mann ist selten ohne Feind in dieser bösen Zeit. Es hat nicht lang gedauert, da kamen des Erzbischofs Häscher und schleppten den wackeren Mann vor die Augen des harten Herrn. Er leugnet nichts, bittet und fleht um Gnade und verspricht, all sein beweglich Gut hinzugeben; man solle ihn nur bei Weib und Kind lassen. Da lacht der Stolze höhnisch und spricht: ‚Dein Hab und Gut, elender Knecht? Das ist ohnedies verwirkt! Morgen schon übernimmt ein anderer dein Lehen. Du aber sprich dein Gebet; in einer Stunde hängst du am Galgen.‘ Der Jammer und die stumme Verzweiflung auf des schönen, kräftigen Mannes Antlitz gingen aber einer vornehmen Dame in des Bischofs Gefolge zu Herzen. Er hatte ihr jüngst versprochen, daß er ihr nie eine Bitte abschlagen wolle. So bat sie jetzt um das Leben des Armen, und nach einigem Besinnen gewährte er’s ihm. Dann aber redete er heimlich einige Worte zu einem Diener, der sich alsbald entfernte. Als nun Christoph sich kniend bedankt und dem tückischen Manne Gottes Lohn gewünscht hat, verläßt er das Gemach und will heimeilen. Siehe, da packen ihn draußen ein paar bewaffnete Knechte, schleppen ihn in den Hof, peitschen und martern ihn so grausam, daß er fast den Geist aufgibt, legen ihm schwere Fesseln an und werfen ihn, mit Wunden bedeckt, in einen feuchten, finstern Kerker.“ –

Überwältigt von Mitleid schwieg Tobi eine Weile und barg das Gesicht in die Hände. Friedel aber ballte die Faust in ohnmächtigem Zorn und rief:

„O der böse, böse Mann! Und nur wegen eines Hirsches!“

Bald fuhr der Kleine fort: „Gott hatte ihm einen riesenstarken Leib gegeben, sonst wär’ er gewiß bald gestorben, wohl weniger vor Frost und Hunger als vor bitterem, herznagendem Leid. So aber lag er vier lange Jahre in dem garstigen Loch gefangen; dann erschien er plötzlich, ganz abgezehrt, bleich und in Lumpen gehüllt, im Dorfe. Wer ihn sah, schrie auf vor Schrecken und meinte, es sei ein Gespenst. Aber er war es selbst; man hatte ihn frei gelassen. Der Kammerdiener des Bischofs erzählte, sein Herr habe wohl einen sehr bösen Traum gehabt. Er habe immer im Schlaf aufgeschrien: ‚Der Hirsch! Der Hirsch kommt aus der Grube! Er will mich zertreten, er will mich aufspießen!‘ Sein Gewissen mag ihn wohl gezwackt haben. Aber zugleich hieß es, niemand dürfe den Christoph herbergen; er solle alsbald fortwandern aus dem Salzburger Land. ‚Fort, fort!‘ stöhnte der arme, elende Mann selber. ‚Nur fort von diesem Ort des Jammers!‘ Als er aber sein Weib, das barmherzige Leute ins Haus genommen hatten, wieder ans Herz drückte, und das Ännchen ihm die Wangen streichelte, weinte er helle Freudentränen. Aber ach, sein Büblein, den herzigen Arnold, suchte er vergebens! Als man damals das arme Weib mit den Kindern ohne alles Erbarmen von Haus und Hof trieb, trug der Hütejunge das Knäblein, das ja schwer krank war. Da hörte es, wie die Dorfleute, die in Angst und Schrecken zusammenstanden, einander erzählten, was man seinem lieben Vater getan. Da schrie es laut auf, fiel alsbald in Krämpfe, und ehe die Sonne sank, war das kleine, liebreiche Herz gebrochen.

Als man das dem Christoph erzählte, hob er die Hand gen Himmel und rief: ‚Alles, alles will ich dem Firmian vergeben; aber meines Arnolds Tod vergeb’ ich ihm nie!‘ Und er sprach schreckliche Worte des Fluches über das Haupt des Unbarmherzigen.

Herbergen durfte ihn keiner; aber das konnte niemand wehren, daß man ihm ordentliche Kleider gab, allerlei Gewand und Decken für Weib und Kind, auch manch silbernen Zehrpfennig und gute Reisekost. Als er nun fürder ziehen wollte, kam der Hütebub gelaufen, in des Armen damals das Arnoldlein gestorben war. Es war kein schöner Bursch aus ihm geworden, klein, verwachsen und häßlich. Der sprach zum Christoph: ‚Meister, Ihr habt mich aufgenommen, als ich ein verlassen Bettelbüblein war. Bei Euch ist meine Heimat; ich ziehe mit Euch! Und hier ist ein Eselein, das schickt Euch der Müller vom Oberdorf, bei dem ich zuletzt gedient. Setzt Euch darauf; Ihr seid zu schwach zum Wandern.‘“

„Und der brave Bursche hieß Tobi?“ fragte Friedel.

Das Männlein nickte und fuhr fort: „So zogen wir langsam durchs Land, und Gott gab milden Sonnenschein und schönes Wetter, so daß sich der Christoph schnell ein wenig erholte, und leise, leise wieder ein klein wenig Lebenslust in sein gemartertes Herz zog. Aber eine große Menschenscheu war ihm geblieben. Auch hatte er sich gelobt, nie wieder eine katholische Kirche zu betreten, was er doch nicht hätte vermeiden können, wenn er sich in einem bayrischen oder österreichischen Dorf niedergelassen hätte.

Dazu kam, daß sein Herz mit tausend Fäden am Heimatlande hing, wie’s ja uns Bergbewohnern eigen ist. ‚Ach‘, sprach er oft, ‚wenn wir nur ein versteckt Winkelchen in unsern Bergen finden könnten und nicht außer Land müßten! Der Firmian kann ja auch sterben; dann darf ich mich wohl wieder unter die Leut’ wagen. Jetzt möcht’ ich ganz einsam leben mit Weib und Kind.‘ Da kamen wir endlich zum Franzl am Stein. Der hat auch einen tiefen Groll auf den Firmian, der ihn einmal schwer geschädigt hat; ich weiß nicht, wodurch.

Als wir nun bei ihm rasteten und ihm alles erzählten, weil er gar so treuherzig aussah, sagte er, es stünde hier drüben am Gießbach eine verfallene Mühle, die wohl wieder herzurichten sei. Für die Hüttenleut’ im ganzen Tal wäre es gut, wenn sie wieder in Gang käme, denn es sei so weit nach der nächsten großen Mühle; dazu sei der Müller nicht allzu brav und breche oft ab am Gewicht. Er verhehlte uns aber nicht, daß das Tal verrufen sei wegen einer Mordtat, die einst da geschehen. Es wage sich selten jemand hinein. Da sprach der Talmüller: ‚Das ist mir eben recht; üble Tat geschieht wohl überall! Liegt ein Fluch auf dem Ort, so soll mein frommes Weib beten, daß ein Segen draus wird. Vor Spuk fürchte ich mich nicht; hab’ mein Tag solchen Aberglauben nicht leiden mögen.‘ So führte uns der Franzl durch die Felsspalte hierher und half uns treulich aus mit allem, was wir zum Anfang brauchten. Zuerst ging es uns hart; aber Gott segnete unsere Arbeit, so daß endlich die Mühle wieder in Gang kam und nach schweren, mühsamen Wochen auch das Häuschen wohnlich wurde.

Wenn nun auch der Talmüller selbst an keinen Spuk glaubte, so wußte er sich doch den Aberglauben der Leute zunutze zu machen. Alle Zugänge zum Tal wurden noch unwegsamer gemacht mit Gestrüpp, Steingeröll und großen Baumstämmen, die wir mühsam hinwälzten. Verirrte sich aber doch ein Jäger, Holzhacker oder Beerensucher in unser Gebiet, so scheuchten wir ihn weg in allerlei Verkappung, wie du ja selbst gesehen hast. Durch die Felsspalte ist wohl kaum je einer gekommen; sie war schon lang vorher Franzls Geheimnis. Dennoch glaub’ ich, daß mehr als einer von den Hüttenleuten weiß, wo sein Mehl gemahlen wird. Sie nennen mich den Wandermüller. Viele, viele von ihnen sind dem Firmian auch feind, wie er’s ja wohl verdient.

So gefiel’s dem Christoph ganz wohl in der Einsamkeit; die Frau ist ja allezeit still und zufrieden, und das Kind ward ein rechtes Waldröslein. Aber vier lange Jahre im Kerker mit so starkem Sinn und heißem Herzen lassen doch Spuren zurück. So hat auch Christoph allerlei behalten, was schwer zu tragen ist, besonders für die Frau. Du kennst ja seine finsteren Tage; du weißt ja, was er immer nach der fünften Bitte vor sich hin murmelte, und seit wann er’s nicht mehr tut. Aber eins will er nicht lassen, und es macht uns schwere Sorge. Er schießt nicht selten ein Stück Wild! Wenn er’s nur in seinem verborgenen Tal täte, wär’s ja kein Unglück, aber er wagt sich von Jahr zu Jahr weiter hinaus. Viel Jagd ist ja nicht hier ringsum, aber es ist einmal verboten, und er sollte es nicht tun. Er sagt aber, da er um eines einzigen Hirsches willen sein ganzes Hab und Gut verloren hätte, könnt’s keine Sünde sein, wenn er sich manchmal einen Braten holte auf seinen mageren Tisch.“

„In die Kirch’ seid ihr wohl allesamt nimmer gekommen?“ fragte Friedel nach einer Weile.

„Nimmer!“ erwiderte Tobi. „Zuerst lag’s der Frau schwer auf dem Herzen, daß sie nicht einmal ihre Osterandacht halten konnte, wie’s streng geboten ist in der Papstkirche. Aber nach und nach fand sie sich darein. Ihr Vertrauen zu den Priestern hatte einen starken Stoß bekommen durch des Bischofs Grausamkeit. ‚Gott ist ja überall‘, sprach sie. ‚Zu ihm kann ich unterm blauen Himmel beten und im engen Kämmerlein.‘ Es tat ihr nur oft leid, daß sie so wenig von Gott und dem Heiland wußte. Da kamst du und brachtest uns das herrliche, himmlische Buch. Nun haben wir tausendmal mehr, als in allen Kirchen des Bischofs zu finden ist.

So, nun weißt du alles. Laß uns weitergehen, und gib acht auf dein Grauchen; der Pfad wird hier schmal und unsicher.“