11. In Magdeburg.
Das Haus des Kaufherrn Burkhardt war eins der stattlichsten und schönsten in der reichen Stadt Magdeburg. Der mit allerlei feinem, sinnigem Bildwerk geschmückte Giebel war der Straße zugewendet. Ein großes Tor führte in den geräumigen Hausflur, ein anderes aus diesem in den weiten Hof, wo ganze Gebirge von Fässern, Säcken, Ballen und Kisten aufgespeichert lagen. Gar zu gern kletterten die sechs kleinen munteren Burkhardtsbuben darauf herum, versteckten sich dahinter, benutzten sie als Burgen und Festungen, und schossen mit kleinen, ungefährlichen Armbrüsten daraus hervor. Doch war das nur erlaubt, wenn der Hausherr sich auf Reisen befand, und der weißhaarige, nachsichtige Obergehilfe die Aufsicht führte. Dann durfte das kleine, unruhige Volk auch einmal zuschauen, wenn Warenproben aus fernen Ländern ausgepackt und geprüft wurden. Dabei gab's oft etwas zu naschen, ein paar Datteln oder Rosinen und Mandeln, ein Stück Zucker oder ein Zimmetstengelchen. War aber der Herr Vater daheim und saß vor dem großen Schreibtisch am Fenster des Hinterhauses, herrschte viel strengere Zucht. Da huschte die kleine, muntere Gesellschaft geräuschlos durch den Hof und verschwand durch das Hinterpförtchen, das zum Garten führte. Dort war's ja noch viel schöner als im Hofe! Jetzt freilich, im ersten Frühjahr, standen die Obstbäume noch kahl, das Gras begann hier und da zu sprossen, und einige zarte Blümchen streckten neugierig die Köpfchen hervor.
Aber heute schien die Sonne schön warm, und es war ein schulfreier Tag; darum waren alle sechs Jungen mit großem Eifer daran, ihr eigenes kleines Gartenstück umzugraben und zu besäen. Der zwölfjährige Franz, ein feiner, sinniger Knabe, wollte dies Jahr nur Blumen ziehen, um die Mutter damit zu erfreuen; Peter, Paul und Konrad stritten sich, ob Rettiche oder Erdbeeren auf ihrem Land wachsen sollten, denn etwas Eßbares mußte es jedenfalls sein. Die vierjährigen Zwillinge, Martin und Philipp, wühlten seelenvergnügt in dem kleinen Stücklein Land, das man ihnen überlassen, machten Berge und Täler und steckten Grashälmchen und Gänseblümchen ringsherum. Dazwischen verlangten sie aber immer wieder, das zarte, einzige Schwesterlein zu küssen, das von einem schlanken, schönen, aber sehr bleichen Mädchen im Sonnenschein auf und ab getragen ward.
Mit großer Geduld und Freundlichkeit hörte »Goldschmieds Annchen« auf das Geplauder der munteren Jungen, beantwortete ihre Fragen und gab ihnen guten Rat. Wenn sie aber, das Kindchen zärtlich im Arm wiegend, den langen Gang auf und nieder wandelte, schweifte der Blick ihrer ernsten, dunkeln Augen sehnsüchtig ins Weite, und dann und wann fiel eine Träne auf das weiße Kissen des zarten Kindleins. Das war den Zwillingsbrüderchen nicht entgangen. Sie suchten eifrig im jungen Grase, fanden wirklich einige halbgeöffnete Schneeglöckchen und Veilchen und reichten sie der Traurigen lächelnd hin. »Anna muß nicht mehr weinen«, baten sie. »Liebe, gute Herzensanna muß sich freuen! Es gibt ja wieder Blumen!«
Zärtlich erwiderte die Jungfrau, die sich auf eine Bank niedergelassen hatte, die Liebkosungen der Kleinen; aber ihre Tränen flossen unaufhaltsam! Ach ja! Alles ward nun mit neuem, frischem Leben erfüllt; aber wer im finsteren Kerker schmachtete, oder gar schon im verlassenen geschändeten Grabe lag, dem blühte kein Blümlein mehr!
Da kam Franz, der im Hofe gewesen war, eilig gesprungen.
»Mutter ruft dich, liebes Annchen«, sprach er. »Du möchtest Klein-Mariechen zu Muhme Grete bringen und dann das Gastgemach rüsten helfen. Es ist ein Bote vom Landungsplatz gekommen; Vater wird zwei fremde Gäste mit heimbringen.«
Ueber Annas Gesicht flog ein schnelles Aufleuchten, als sie das Kindchen in ein behagliches Stüblein trug, wo die gute Grete eifrig nähend am Fenster saß. Sie war sehr gealtert; weißes Haar sah unterm Häubchen hervor, und ihre rüstige Kraft war gebrochen durch den Kummer um den geliebten Bruder. Aber der mächtige Korb voll hilfsbedürftiger Kleidungsstücke, der neben ihrem Armstuhl stand, bewies, daß sie nicht unnütz war in dem gastfreundlichen Hause.
»Ihr möchtet das Kindlein ein wenig hüten«, sprach Annchen mit bebender Stimme. »Herr Burkhardt bringt zwei fremde Gäste mit vom Hafenplatz.«
Ihre Stimme war so erregt, und die Hände zitterten so sehr, daß Grete ihr schnell das Kindlein abnahm.
»Armes Kind!« sprach sie zärtlich. »Hoffst du immer noch? Ach, gib doch unsere Geliebten in Gottes Hand! Gewiß haben sie längst überwunden und tragen das Lichtkleid droben im Himmel.«
»Es sind zwei fremde Gäste«, wiederholte das Mädchen halb träumend und ging still hinaus. —
Der Tisch im besten Gemach war aufs sauberste gedeckt, in der Küche duftete es nach allerlei guter, kräftiger Speise, auch war das Mittagläuten längst verklungen, aber auf den Hausherrn und die Gäste wartete man immer noch vergebens. Die Knaben hatten sich sauber waschen und in die Sonntagswämschen kleiden müssen, da der Vater es gern sah, wenn sie, sittsam und bescheiden am unteren Ende des Tisches stehend, an der Mahlzeit teilnahmen.
Endlich währte ihnen das Warten zu lange. »Dürfen wir wohl bis auf den Marktplatz laufen«, fragte Franz, »und sehen, wo der Herr Vater bleibt?«
»Ja, aber du allein«, entgegnete die Mutter; »Peter und Paul sind zu wild und möchten stören.«
Der Knabe enteilte, kehrte aber bald ganz aufgeregt zurück:
»O Mutter, sie kommen! Der Herr Vater führt einen ganz bleichen, abgemagerten Mann, und mit ihnen ist ein rauher schwarzlockiger Gesell in Schifferkleidung. Sie kommen nur langsam vorwärts, da sich viele Leute um sie drängen, um dem blassen Manne die Hand zu reichen. Aber sieh, Mutter, sieh! Was ist mit Annchen?«
Frau Burkhardt sprang eben noch schnell zu, um das Mädchen in die Arme zu schließen, das ohnmächtig umsank. Man brachte es in sein sauberes Kämmerlein, legte es ins schneeweiße Himmelbett, und die treue Grete übernahm die Pflege ihres Lieblings. Die Ohnmacht ging bald vorüber, und ein beruhigender Trank verschaffte dem Mägdlein einen langen Schlaf, aus dem es erst am späten Nachmittag erwachte.
Aber Grete saß nicht mehr am Lager; Frau Burkhardt hatte ihren Platz eingenommen, und war sichtlich bewegt, als Annchens große traurige Augen ängstlich fragend zu ihr aufblickten.
»Mein teures Kind«, begann sie endlich, »gib dich geduldig in Gottes Willen! Der bleiche Mann ist nicht dein geliebter Vater; es ist Pater Thomas, Gretes Bruder! In ihrem Stübchen sitzen sie jetzt zusammen und haben einander viel zu erzählen. Gelt, du gönnst es ihnen?«
»O wie sehr, wie sehr!« rief das Mädchen. »Aber wo ist mein lieber Vater?«
»Komm, lege deinen Kopf an meine Brust! Dein teurer Vater ist da, wo kein Leid, kein Geschrei, kein Schmerz mehr ist; nichts als Freude und Wonne, Lob und Preis!«
»Haben ihn die Grausamen getötet?« fragte das Mädchen leise.
»Nein! Ganz sanft und friedlich ist er entschlafen, mit einem herrlichen Bekenntnis seines Glaubens auf den Lippen! Der Freund hat an seinem Grabe gekniet und darüber gebetet! Droben im Himmel trägt er die Krone der Ueberwinder; dort wirst du ihn wiedersehen, um nie, nie mehr von ihm getrennt zu werden!«
Lange lag das Haupt des Mägdleins an der Brust der Beschützerin, und die heißen Tränen flossen unaufhaltsam. Endlich aber richtete es sich auf und rief, die Hände emporhebend:
»O Gott, ich danke Dir! Sie durften ihn nicht martern, nicht zum Scheiterhaufen schleppen! Sie durften ihn nicht von dem Freunde trennen, der ihm solch ein Trost war! Und nun hat er auch lieb Mütterlein wieder, nicht wahr?«
»Gewiß! Sie sind vereint vor dem Thron des Heilandes!«
»So will ich jetzt aufstehen und den guten Pater Thomas grüßen. Er soll mir alles, alles erzählen vom lieben Vater!«
»Nicht heute abend«, mahnte Frau Burkhardt; »es möchte für dich und auch für ihn zuviel werden. Er sitzt jetzt mit Gottfried zusammen und läßt sich von eurer Flucht erzählen. Dann muß er zu Ruhe gehen, denn er ist sehr ermattet. Versuche ein wenig zu essen und dann schlafe wieder, mein armes Kind.«
Das Mädchen gehorchte. Aber am nächsten Tage, als die Knaben wohl aufgehoben waren bei dem strengen Magister, der sie täglich einige Stunden lehrte, saß es mit dem Leutpriester im stillen Erker und lauschte gespannt seinen Worten. Sie war sehr gewachsen in diesem Jahre, so daß Thomas sie mit tiefer Verneigung grüßte. »Ach, lieber Herr Leutpriester«, hatte sie ganz erschrocken gesagt, »ich bin ja das Annchen! Kennt Ihr mich denn nimmer?« Ach, er kannte sie nur zu gut! Er glaubte nie etwas Lieblicheres gesehen zu haben, als dies edle und doch so kindliche Antlitz, diese herrlichen, ernsten Augen, diese feine, schlanke Gestalt. Aber jetzt erzählte er ihr vom Vater, und durchlebte dabei selbst die Leidenszeit noch einmal. Er sprach auch von dem himmlischen Trost, der ihnen so reichlich zugeflossen; er schilderte die innige Freundschaft, die ihn mit dem teuern Gefährten verbunden und alles Leid versüßt hatte. Wie nahe er nach dem Tode des Freundes der Verzweiflung gewesen und nur durch Gottes Gnade davor bewahrt worden sei, verschwieg er ihr nicht. Nur die eine leise, zögernde Frage, die er einst an den Leidensgefährten gerichtet, blieb sein Geheimnis. Es war noch nicht Zeit, die Antwort zu verraten, denn das treue, liebreiche Kindesherz meinte, das Leben werde nur noch ein Warten sein auf Wiedervereinigung mit den seligen Eltern.
»Werde ich die Geliebten auch erkennen?« fragte es, als Thomas seinen Bericht geendet. »Werde ich sie herausfinden aus der Menge der Seligen, die in weißen Kleidern den Thron des Lammes umgeben?«
»Gewiß, liebe Jungfer Anna! Erkannten doch die Jünger den Moses und Elias, deren verklärte Gestalten auf dem Berg Tabor erschienen! Hoffte doch David, zu seinem Söhnlein zu fahren, da es nicht wieder zu ihm kommen konnte!«
Anna schwieg eine Weile in tiefem Sinnen, dann begann sie zögernd:
»Zürnt mir nicht, lieber Pater Thomas, wenn ich noch mehr frage. Seht, der Vater war bereit, sein Leben zu opfern um des Glaubens willen. Wird er nicht droben unter der Schar der Märtyrer leuchten, so daß ich armes Kind gar nicht zu ihm gelangen kann?«
»Liebe Jungfer Anna«, erwiderte Thomas, »Ihr stellt Euch dies alles zu menschlich, zu irdisch vor! Bedenket doch, alle Seligen werden den Heiland schauen, alle werden vor Gottes Angesicht stehen! Wie sollten sie einander nicht kennen? Raum und Zeit werden ja nicht mehr sein; kein Harren, kein Sehnen, kein Warten! Was kein Auge gesehen, was kein Ohr gehört, was in keines Menschen Herz gekommen ist, das hat Gott bereitet denen, die Ihn lieben!«
»Das ist wohl herrlich«, erwiderte das Mädchen; »aber wenn ich nun in den Himmel komme, werde ich doch gleich Gott bitten, mich zu Vater und Mutter zu weisen. Gelt, das ist nicht unrecht?«
Auf diese kindliche Rede erwiderte Thomas nur durch leises Kopfschütteln, blickte noch lange nach der Tür, durch die das Mädchen verschwand, und seufzte tief.
Gottfried hatte ihn gestern begrüßt. Er wohnte im Hause des besten Goldschmieds der Stadt, in dessen Werkstatt er lohnende Arbeit gefunden. Ein bildhübscher Bursche war er immer gewesen, jetzt aber hatte er in männlicher Schönheit vor der abgemagerten Gestalt des armen Leutpriesters gestanden. Von klein auf war er Annchens Gespiele und ritterlicher Beschützer gewesen, und was hatte er im letzten Jahre für sie getan! Die alternde Mutter verlassen, auf sein Erbe verzichtet, alle Gefahren und Beschwerden der Flucht ertragen. Ja, er hatte ein treues Herz! Unaufhaltsam waren seine Tränen geflossen, als er gestern vom Tode seines geliebten Meisters hörte. Sollte er nicht den ersten Platz in Annchens Herzen einnehmen? Nun, es mußte sich ja bald entscheiden. Er wollte ganz still sein, und gern einsam durchs Leben gehen, wenn das Kind nur glücklich ward!
Aber was war denn aus Dietrich, dem wackeren Retter, geworden? Ei, der saß im Hofe unter den Knechten und Gehilfen und ließ sich ein gutes Frühstück von Brot, Käse und Bier gar trefflich schmecken. Am ersten Tage hatte man ihn genötigt, sich mit an die Herrentafel zu setzen, und ihm viel Ehre erwiesen. »Einmal macht man das wohl durch«, hatte er dann zu Thomas gesagt, »aber zum zweitenmal nicht.« Ich bin von grobem Holz und paß nicht zu Silber und Kristall. Daß ich dir aus dem Loch geholfen hab', ist mir eine Lust gewesen; aber nun ist's abgetan! Solang du bei Herrn Burkhardt bleibst, dien' ich ihm gern; wenn du fortgehst, geh ich mit. Wirst mich schon brauchen können.«
So griff er überall mit an, und trug Lasten, die sonst für zwei zu schwer waren, spielend auf dem breiten Rücken. Bald hingen alle sechs Jungen an ihm wie die Kletten, waren seines Lobes voll, ritten auf seinen Schultern und lauschten atemlos dem Bericht seiner unzähligen lustigen Abenteuer. Die Liedlein, die sie ihm ablernten, gefielen der Mutter freilich nicht immer und erschallten nur im Kinderwinkel des Gartens.
Bei der schnellen Ausbreitung der Reformation fehlte es oft, besonders auf dem Lande, an Predigern und Lehrern, die fähig waren, das arme, geistig so ganz vernachlässigte Volk zu unterrichten. Sehr viel war darin schon geschehen, so daß Luther rühmen konnte, die kleinen Knäblein und Mägdlein in den Schulen wüßten jetzt mehr von Gottes Wort zu reden, als früher alle Stifte und Klöster zusammen. Dennoch trafen immer neue Bitten um Prediger und Lehrer ein, und, ach, wie gern wäre Thomas recht bald einem solchen Rufe gefolgt! Da aber sein von Natur zarter Körper durch die Leiden des letzten Jahres erschöpft war, ließen es die Freunde noch nicht zu. Desto fleißiger besuchte er die Prediger der guten Stadt, unterredete sich mit ihnen, und brachte so viel große, dicke Bücher in sein Stübchen geschleppt, daß die Buben meinten, es müsse sich eine prächtige Festung daraus bauen lassen.
Wenn er dann zur Erholung im Garten auf und nieder wandelte, wo jetzt alles gar herrlich grünte und blühte, gesellte sich Annchen oft ganz harmlos zu ihm und wollte immer wieder vom lieben Vater erzählen hören. Ihre Trauer aber war milder geworden; der himmlische Trost haftete mehr und mehr in ihrem frommen Herzen, und auch die reiche Liebe, mit der sie umgeben war, beglückte sie. War doch im ganzen Hause niemand, der nicht versucht hätte, sie zu erfreuen und ihr jeden Wunsch zu erfüllen.
Wohl hatte sie schon bisher gar andächtig die schlichten evangelischen Predigten gehört, und fleißig an der Katechismuslehre teilgenommen, die mit jung und alt gehalten wurde. Aber gar oft war es ihr schwer geworden, ihre Gedanken recht zu sammeln. Gar so gern schweiften sie zurück in die glückliche Vergangenheit, oder flogen sehnsüchtig und ängstlich in die Ferne. »Wo mochte der liebe Vater wohl sein? Schon droben im Himmel oder noch im finsteren Gefängnis? Ach, er hatte ja gar nichts Böses getan, ringsum nur Liebe und Wohltat erwiesen! Sie mußten ihn ja bald freilassen!« So hatte ihr Herz zwischen Furcht und Hoffnung geschwankt; jetzt aber war das alles vorbei. Nun war ihr sehnlichster Wunsch, dort recht heimisch zu werden, wo der so sehr Geliebte jetzt wohnte. Wenn sie sich zum Kirchgang bereitete, klopfte ihr Herz freudig; es war ihr, als besuche sie den Vater. Wenn sie einstimmte in die herrlichen Lieder, die Luther und seine Gefährten der jungen Kirche geschenkt, da meinte sie oft, des Vaters Stimme im Chor zu hören. War es doch der Seligen schönstes Vorrecht, am Thron des HErrn Loblieder zu singen! Wenn ihr Blick auf die prächtigen Glasmalereien der Fenster fiel, ward sie erinnert an den von wunderbar leuchtenden Edelsteinen bedeckten Grund des himmlischen Jerusalems! Auch der Predigt lauschte sie jetzt viel gesammelter als früher. Galt es doch, den Weg des Glaubens, der zum ewigen Leben führt, immer besser zu lernen, immer gehorsamer zu wandeln! Am meisten gingen ihr des Leutpriesters Worte zu Herzen. Man ließ ihn oft predigen, und er tat es gern, denn seine erwachende Kraft sehnte sich nach Tätigkeit. Den herrlichen, prächtigen Dom zu füllen, reichte seine Stimme freilich nicht aus, aber in einer der zahlreichen kleineren Kirchen der Stadt bestieg er gern die Kanzel oder den Lehrstuhl, und hatte andächtig lauschende Zuhörer.
So zog leise, leise Trost und Frieden und endlich auch ein wenig Freude am Leben in Annchens junges Herz ein.
Aber war's nicht seltsam, daß Thomas sich mehr und mehr von ihr zurückzog, je heiterer sie ward? Selbst die Knaben merkten es.
»Du«, sprach Paul einst geheimnisvoll zu Peter, »ich denk', der Herr Leutpriester und Annchen haben sich gezankt.«
»Red' nicht so dumm! Große Leut' zanken sich nimmer.«
»Doch! Wenn sie sonst so traurig in der Gartenlaube saß, den Kopf in die Hand gestützt, und immer mit dem Tüchlein die Augen wischte, da hat er sich zu ihr gesetzt und ihr Trost zugeredet. Wenn aber unsereins kam und was von ihr begehrte, war's nicht recht. Jetzt ist's ganz anders! Sie mag nimmer mit ihm allein sein, und macht sich alleweil mit den Kleinen zu schaffen, wenn er kommt.«
»Das macht, weil er ein Pfarrer ist«, entgegnete Peter mit großer Sicherheit. »Die Pfarrer machen sich immer am liebsten an die traurigen Leut'; darum werd' ich auch mein Lebtag keiner.«
»Ich auch nicht«, stimmte Paul bei. »Ich werd' ein Reiter oder ein Fuhrmann. Ein Roß muß ich haben; das ist gewiß!«
»Ich werd' aber ein Schiffer«, rühmte sich Peter. »Dann fahr ich die Elbe hinab und übers Meer; da kannst du mit deinem Roß nimmer hin.«
»Prahlhans du!« rief Paul entrüstet. »Dann sind wir ja nimmer beisammen!«
»'s ist auch wahr! Zusammen müssen wir bleiben, sonst wird's langweilig. Komm, laß uns hinten im Garten einen Turm bauen.«
Der Sommer war vergangen; der Herbst mit seinem frischen Wind, seinem tiefblauen Himmel und milden Sonnenschein färbte auch in Burkhardts Garten die Aepfel und Birnen goldig und rot. Da konnte Dietrich nach Herzenslust auf die Bäume klettern, der jubelnden Kinderschar die Früchte herunterschütteln und die schönsten sorgfältig in Körbe pflücken. Jetzt aber schaute er nimmer sehnsüchtig hinaus in die Welt; dazu hatte er den blassen, ernsten Mann, der fern von den jauchzenden Buben den langen Gartenweg auf und nieder wandelte, viel zu lieb.
Ja, Thomas hatte gar ernste Gedanken; er sollte nun wirklich ein Prediger der evangelischen Lehre werden, für die er so viel gelitten. Er war zum Pfarrer eines großen Dorfes, ein paar Stunden von der Stadt entfernt, berufen. Als er für den alten, kranken, nun sanft entschlafenen Vorgänger einigemal gepredigt, hatten ihn die Leute liebgewonnen, und taten nun ihr möglichstes, das geräumige Pfarrhaus sauber und wohnlich zu machen.
»Ihr tut zuviel«, hatte der bescheidene Mann gesagt. »Meine Schwester und ich sind Bauernkinder und mit allem zufrieden. Zwei saubere Stüblein sind genug für uns.«
»Jetzt wohl«, erwiderte ein alter freundlicher Mann, »aber es soll ja nicht so bleiben! Gott schenk' Euch bald ein treues Ehegemahl und muntere Kinderlein. Die werden das Haus schon füllen!«
Lächelnd wandte er sich ab, da ihm nicht entging, daß heiße Röte das bleiche Antlitz des neuen Pfarrers überzog.
Ach, dieser neue Pfarrer, der so viel erlebt, so tapfer gekämpft und so geduldig gelitten hatte, war, wenn es galt, etwas für sich selbst zu verlangen, der kleine, schüchterne Thomas geblieben, der Trost und Rat bei der Schwester suchte.
»Grete«, sprach er geheimnisvoll, als er sie in ihrem Stübchen aufgesucht, »die Leute draußen sagen, ich solle ein Weib nehmen.«
»Da haben sie recht«, war die Antwort. »Bist ja längst alt genug dazu. Auch fürs Kind ist's besser, wenn es bald weiß, woran es ist.«
»Für welches Kind?« fragte der Bruder.
»Na, fürs Annchen, du Träumer! Hast du denn nicht gemerkt, daß sie dich schon gern hatte, ehe all das Herzeleid über uns kam? Und jetzt wär' ihr wohl das Herz gebrochen, wenn du ihr nicht Trost gebracht hättest. Gelt, du hast sie auch gern?«
»Gern?« rief Thomas in ganz verändertem Ton. »Lieb hab' ich sie, tausendmal mehr als mein Leben! Als sie mir die ersten lateinischen Worte nachsprach, schien sie mir schon ins Herz wie ein helles Lichtlein. Aber damals hielt ich's ja für eine große Sünde und kämpfte es nieder.«
»Nun, so sei jetzt ein Mann«, sprach Grete ernsthaft; »geh bald zu Herrn Burkhardt und bitt' ihn um die Hand des Mägdleins, eh' es zu spät ist.«
»Warum zu spät?«
»Ei, es ist neunzehn Jahr, schön, klug und geschickt; auch wird es Herr Burkhardt nicht ohne Mitgift ziehen lassen.«
»Danach frag' ich nicht«, rief Thomas stolz.
»Aber andere tun's, und könnten dir zuvorkommen.«
»Sag' mir nur noch eins. Wie steht's mit Gottfried? Schön, stattlich und vornehm geht er einher. Wie, wenn ihr Herz sich zu ihm neigte?«
»Da sei ganz ruhig! Den hält sie wie einen Bruder; das ist ein ganz ander Ding.«
»Es ist seltsam, wie Frauen das alles bedenken und verstehen«, sprach Thomas und ging nachdenklich davon.
Aber schon am nächsten Abend gab es ein Brautpaar im Hause, zur herzlichen Freude von groß und klein. Des Vaters Segen war schon ein Jahr vorher leise im Gefängnis gesprochen worden; jetzt gaben Herr Burkhardt und sein Weib den ihren dazu.
Allzulanger Brautstand war damals nicht Sitte; darum hoffte Thomas, sein Annchen gleich mit hinaus ins Pfarrhaus nehmen zu können. Doch litt es Frau Burkhardt nicht. »Das liebe Kind ist zart«, sagte sie, »und würde sich erkälten und überanstrengen in dem zugigen Hause, wo Maurer und Zimmerleut' immer noch zu tun haben. Auch laß ich es nicht unbegabt ziehen. Da mir aber Gott erst vor kurzem ein Töchterlein geschenkt hat, sind meine Truhen zwar mit Leinwand wohl gefüllt, doch ist noch nichts verarbeitet. Darum behelft Euch noch eine Zeitlang mit Eurer Schwester, mein guter Herr Pfarrer, und der treue Dietrich geht wohl auch mit.«
Und ob er mitging! Ja, er brachte sogar ganz neues Leben in die Maurer und Anstreicher, die damals schon für langsame Gesellen galten. Und wo's nicht vorwärts ging, half er mit einem Puff nach, legte selbst mit Hand an und tat's allen zuvor. Im Patrizierhaus aber wandelte man zwischen ganzen Gebirgen von schneeweißem Leinen und schimmernder Wolle. Alle weiblichen Hände regten sich emsig, ja etliche arme Näherinnen der Stadt wurden in Dienst genommen, um die mit reichem Schnitzwerk geschmückten, silberbeschlagenen Truhen zu füllen, die Herr Burkhardt seinem Pflegetöchterchen verehrt.
Zu aller Freude begannen sich die bleichen Wangen dieses Töchterleins zu röten, ihr Schritt ward elastischer, ihr Gemüt heiterer, und ihr dankbares Herz war bemüht, allen noch so viel Liebe als möglich zu zeigen, ehe sie das Haus verließ.
Daß dies überhaupt geschah, war den Buben nicht ganz recht; doch trösteten sie sich mit der Hoffnung auf ein prächtiges Hochzeitsfest, wo manche Lust und manch guter Bissen für sie abfallen würde.
»Es wird so werden«, erklärte Peter mit großer Bestimmtheit, »wie letztes Jahr, als Bürgermeisters Magdalene den jungen Ratsherrn Langsdorf heiratete. Weißt du noch, wie prächtig die Gasse geschmückt war, die zum Domplatz führt? Kein Steinlein war zu sehen vor bunten Teppichen und gestreuten Blumen.«
»Gibt jetzt keine Blumen«, wandte Konrad ein.
»Doch! Annchen kriegt ein Myrtenkränzlein aus Gärtner Fischers Warmhaus.«
»Das ist gut«, meinte Paul; »und ein Kleid von weißem Atlas, mit Gold gestickt, muß sie auch haben. Sie ist ja viel holder und hübscher als die Magdalene.«
»Ach was!« wandte Peter ein. »Nach dem Weiberstaat schau' ich nit! Aber die wackere Musik, die damals vom Balkon des Rathauses gemacht ward, die mocht' ich leiden! O, Musik hab' ich gar zu gern! Der Herr Vater hat mir zum Christtag eine Laute versprochen.«
»Da geh ich in Stall, wenn du drauf 'rumklimperst«, bemerkte Paul ruhig. »Ich lob' mir das Essen! Magdalenens Bruder hat mich ja in Saal gucken lassen, als die Tafel gedeckt war. O welch eine Pracht! Gefunkelt hat's von Gold, Silber und Edelstein! Und wie roch's in der Küche!«
»Ja«, stimmte Konrad bei, »ich weiß noch! Und gegen den Abend kamen Knecht' heraus mit großen Körben, die warfen süße Küchlein und buntes Zuckerwerk aus unters Volk. Da haben wir wacker mit aufgefangen!«
»Und des andern Tags hat uns der Herr Vater wacker gescholten«, wandte Peter ein. »Er sagt', wir seien Patrizierkinder, und sollten uns schämen, nach Geschenk zu haschen. Den Franz aber hat er gelobt, denn der hatt' so lieblich die Einzelstimme gesungen unter dem Knabenchor, das das schwere Stück ausführte nach der Traupredigt im Dom.«
»Ja, der Franz, der ist eben alleweil brav«, schloß der kleine Konrad. »Das denk' ich mir langweilig. Na, Kuchen kriegen wir diesmal gewiß soviel wir nur mögen, denn es ist ja unser Annchen, das Hochzeit hält.«
Die kleinen Schelme hatten vergeblich gehofft auf große Gesellschaft, auf Pracht und Glanz, auf herrlichen Gesang und Orgelspiel im Dom und auf seltene Leckerbissen. Ihres Annchens Hochzeit ward ganz still im Hause gefeiert. Aber schön und feierlich war es doch, und die Buben durften, still in der Fensternische stehend, alle dabei sein.
Bald nach dem Weihnachtsfeste, als wohl etwa ein volles Jahr vergangen war seit des Goldschmieds Tode, traten sein Leidensgefährte und sein Töchterlein zusammen an Herrn Burkhardts kleinen Hausaltar. Thomas trug einen neuen, pelzverbrämten Pfarrersrock, so schön und fein, wie er noch nie etwas gehabt; Annchen sah im dunkeln seidenen Gewand und der feinen weißen Spitzenkrause gar lieblich aus. Ihr blondes Haupt war wirklich mit dem frischen Myrtenkränzlein aus Gärtner Fischers Warmhaus geschmückt. Mit gefalteten Händen stand die kleine tiefbewegte Hausgemeinde umher, Franz rührte zart die Laute, und alle stimmten das schlichte, dem Psalm nachgebildete Hochzeitslied Doktor Luthers an:
»Wohl dem, der in Gottesfurcht steht
Und auch auf Seinen Wegen geht!
Dein' eigne Hand dich nähren soll,
So lebst du recht und geht dir wohl!
Dein Weib wird in dein'm Hause sein
Wie ein Reben voll Trauben fein,
Und dein' Kinder um deinen Tisch
Wie Oelpflanzen gesund und frisch.
Sieh, so reich' Segen hangt dem an,
Wo in Gottesfurcht lebt ein Mann;
Von ihm läßt der alt' Fluch und Zorn,
Den Menschenkindern angeborn.
Aus Zion wird Gott segnen dich,
Daß du wirst schauen ewiglich
Das Glück der Stadt Jerusalem,
Vor Gott in Gnaden angenehm.«
Mit gar herzlichen, innigen Segensworten gab dann der weißhaarige Dompfarrer, der auch viel Kampf und Leid um des Evangeliums willen erduldet hatte, die beiden so hart geprüften, jetzt aber so glücklichen Leute zusammen und sprach den Segen des HErrn über sie. Wohl flossen Annas Tränen reichlich, als sie der teuern Eltern gedachte, aber bald siegten Dank und Freude über die Traurigkeit.
An dem feinen, aber schlichten Festmahl, was darauf stattfand, mußte Dietrich trotz allem Widerstrebens teilnehmen, und zwar in neuer, stattlicher Kleidung. Er hatte sich so lange gesträubt, daß Thomas endlich ungeduldig in den alten Schulton gefallen war und, ihn beim Arm fassend, gesagt hatte:
»Dummer Kerl! Ohne dich wäre ja gar keine Hochzeit! Ich stäk' noch im Loch oder wäre tot, und das Annchen welkte dahin in Sehnsucht und Herzeleid! So ein Bursch, wie du, wird doch sein eigen Werk anschauen können!«
Zuerst dünkte das Tischgespräch den Knaben unten an der Tafel allzu ernst für eine Hochzeit. Als aber die Rede auf des jungen Ehemannes Vergangenheit kam, und er so rührend und ergötzlich erzählte von Muhme Lene, von der Klosterschule und zuletzt vom Fischerdörflein mit seinem lieblichen Weihnachtsfest, da vergaßen sie fast das Essen über dem Zuhören und flüsterten einander zu, schöner könne es auf des Ratsherrn Hochzeit auch nicht gewesen sein.
Nur Konrad hatte ein kleines Bedenken, und vertraute es der Mutter an, als sie an seinem Bettchen knieend mit ihm das Abendgebet gesprochen hatte.
»Sag', Mütterchen, sind wir ebenso reich als der Herr Bürgermeister?«
»Ei, was fragt mein kleiner Bub nach Reichtum?« entgegnete die Mutter lächelnd.
»Für mich nicht«, sprach der Kleine, »nur fürs Annchen! Es ist so viel schöner und holder als Bürgermeisters Lene. Warum habt Ihr nicht eine so prächtige Hochzeit gemacht? Bäckers Friedel sagte, Ihr tätet's nicht, weil sie ein armes Waislein sei. Ist's wahr, Mutter?«
»Nein, mein Kind! Anna ist nicht arm! Sie bringt dem Herrn Thomas viel edlere Güter mit als Gold und Silber. Ein reiches Hochzeitsfest haben wir nicht bereitet, weil Annchens liebe Eltern nicht mehr auf Erden sind. Auch ist jetzt eine schwere, ernste Zeit, und vielleicht sendet Gott bald Krieg und allerlei Unglück. Darum feiert man keine glänzenden Feste. Ihr Kinder versteht noch nichts davon, aber doch sollt ihr zu Gott beten um Frieden und Schutz gegen die Feinde. Falte deine Händchen noch einmal und sprich mir das Verslein nach:
›Verleih' uns Frieden gnädiglich,
HErr Gott, zu unsern Zeiten!
Es ist ja doch kein andrer nicht,
Der für uns könnte streiten,
Denn Du, unser Gott, alleine!‹«