12. Krieg und Frieden.

Ja, die Evangelischen hatten zu jener Zeit wenig Lust, frohe Feste zu feiern. Aus Wittenberg traf immer neue Kunde ein, daß der tapfere Held, der fast dreißig Jahre lang unermüdet für die Wahrheit gekämpft hatte, nun alt und müde ward. Ach, eine schwere Sorge lastete auf seinem treuen Herzen! »Krieg um des Glaubens willen!« Dieser Gedanke war ihm stets furchtbar gewesen. Nur eine einzige Waffe sollten seine Anhänger führen: das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes! Bisher war es gelungen! Während die Gegner das Blut der Märtyrer in Strömen vergossen, hatte noch kein Protestant das Schwert erhoben zur Verteidigung seines Glaubens. Freilich waren schon im Jahre 1531 einige evangelische Fürsten zum sogenannten Schmalkaldischen Bunde zusammengetreten und hatten gelobt, »alle für einen und einer für alle« zu stehen im Fall der Not.

Schon längst hatte der Papst dem Kaiser vorgeworfen, daß er wohl gegen auswärtige Feinde, ja gegen Türken und Seeräuber kämpfe, aber im deutschen Reich der Ketzerei freien Lauf lasse. Aber der Kaiser hatte immer noch den Wunsch und die Hoffnung, in seinem ganzen Reiche eine Reformation an Haupt und Gliedern vornehmen zu lassen, und hoffte das durch Konzilien und Kirchenversammlungen zustande zu bringen. Da aber der Papst fest auf seinen Irrtümern, die Evangelischen dagegen fest auf der Wahrheit bestanden, wurden alle diese Pläne vereitelt.

Da schloß Karl V. endlich mit seinen ausländischen Feinden Frieden, ließ die Streitigkeiten mit dem Papst ruhen und verband sich mit ihm gegen die Protestanten.

Ja, wohin man schaute, drohte Gefahr; darum war das Verslein, das Frau Burkhardt ihren kleinen Sohn lehrte, gar sehr an der Zeit. Für das Heil der Kirche zu beten, hielt ja auch Luther für die Pflicht und Aufgabe der Frauen und Kinder.

Das Sprechen und Urteilen über geistliche und weltliche Streitigkeiten blieb jedoch zu jener Zeit fast ganz den Männern überlassen. So bestürmten auch Frau Burkhardt und Anna ihre Männer nicht mit Fragen, wie wohl alles stehe und werden würde, sondern begnügten sich damit, ihnen die Heimat so traut und behaglich zu machen als möglich, damit sie an Leib und Seele ausruhen konnten von Sorge und Arbeit.

In gutem Frieden führten Annchen und Grete des Leutpriesters Haushalt. Doch nein, er hieß ja jetzt Herr Pfarrer Brandt, und freute sich kindlich, den ehrlichen Vatersnamen wieder tragen zu dürfen, den er seit seiner Klosterzeit kaum mehr gehört. Grete besaß ein eigenes Stübchen, so behaglich eingerichtet, daß sie sich nach der Arbeit gern dahin zurückzog. Thomas klagte zwar, die Schwester reiße jedesmal aus, wenn er das Wohngemach betrete, doch ließ sie sich nicht stören. »Junge Leut' wollen auch einmal für sich sein«, sagte sie zu dem schneeweißen Kätzchen, das ihr schnurrend entgegenkam, »und meinen Beinen tut's wohl, wenn ich sie auf dem wackeren Ruhebettlein ausstrecken kann, das mir Herr Burkhardt verehrt.«

Auch für Dietrich, den braven Retter, hätte man gern eine schöne Kammer und ein weiches Bett hergerichtet, wenn er's nur gelitten hätte. Aber ihn zog's zu dem schmucken Rößlein, das den neuen Pfarrer in das entfernte Dorf, das zu seinem Amtskreis gehörte, tragen sollte. Wieder einmal im Stall zu schlafen, was er als Knabe so gern getan, gefiel ihm gar zu wohl! Einen Schuppen daneben richtete er sich als Wohngemach und Werkstatt ein, und fühlte sich sehr behaglich darin, da ihn der etwas wüste Raum an den geliebten Burgstall seiner Kindheit erinnerte. Dort betrieb er alle die Handwerke und Künste, die er in seiner unsteten Jugend gelernt, und die Bauern ließen sich's gern gefallen, daß im Pfarrhof nicht nur für die Seelen gesorgt, sondern auch zerbrochenes Werkzeug geflickt, stumpfe Messer geschliffen, krankes Vieh geheilt, ja selbst manches gute Tränklein für leidende Menschen gebraut wurde, ohne daß es einen Heller kostete.

Am liebsten aber hatten ihn die Buben! Durch dick und dünn kamen sie gelaufen, um, an dem kleinen Feuerherd hockend, den er sich gebaut, Dietrichs Erzählungen zu lauschen. Da schwärmte er ihnen vor von dem freien, wilden Leben, das er als kleiner Junge auf der Burg geführt, von den tollkühnen Ritten, die er mit den Knechten getan, von allerlei Gefahr und Abenteuer, das er erlebt. Aber das Allerbeste war doch die Geschichte von der Klosterschule. Gar zu gern hörten die Kinder, wie's dort zugegangen war, und mancher fuhr mit dem Aermel über die nassen Augen, wenn der riesenstarke Mann so zärtlich, ja so ehrfurchtsvoll schilderte, welch frommer, fleißiger Knabe der Herr Pfarrer gewesen, und wie treu er sich des Wildlings angenommen. Freilich waren diese prächtigen Geschichten nicht für alle zu haben. Wer in der Kinderlehre seinen Spruch oder seine Katechismusfrage nicht gewußt hatte, der kam gewiß nicht an Dietrichs Tür; er wäre doch fortgejagt worden, noch dazu mit einer Kopfnuß begabt. Für recht fleißige Schüler gab's dagegen Belohnungen, selbstgemachte Bälle, hölzerne Schwerter, Fähnlein oder dergleichen Dinge, die jedem Knaben willkommen sind.

Als aber der Frühling ins Land zog, ward das alles anders. Er brachte dies Jahr wohl Blümlein, grünende Wiesen und sprossende Felder, aber man konnte sich seiner nicht recht freuen. Trauer und Sorge erfüllte die Herzen; der Pfarrer mahnte ernstlich zur Buße und zum geduldigen Tragen des Kreuzes, das Gott senden werde. Den Tag über schaffte Dietrich mit gewaltigem Eifer und viel Geschick im Pfarrgarten, am Feierabend aber verschwand er in seiner Burg, wie er seine Wohnung nannte. Kein neugieriger Bube wagte, die Tür zu öffnen; es wäre ihm auch übel bekommen. Doch flüsterten sie untereinander, drinnen werde allerlei altes Gewaffen ausgebessert und geschliffen, denn es werde wohl Krieg geben.

Wie eine schwere Gewitterwolke, die sich jeden Augenblick entladen kann, um Tod und Verderben über das Land auszuschütten, hing die Kriegsgefahr über den evangelischen Ländern. Den großen Mann aber, der am brünstigsten um Abwendung der Gefahr betete, hatte Gott vor dem Unglück zu sich ins Reich des ewigen Friedens genommen. Mit Windeseile verbreitete sich die Trauerbotschaft weit und breit, daß Doktor Luther am 18. Februar in seiner Geburtsstadt Eisleben sanft und selig entschlafen sei. Um Frieden zu stiften zwischen den Grafen von Mansfeld, hatte er, schon matt und leidend, im kalten Winter die Reise unternommen, nun hatten die Engel seine Seele emporgetragen zum ewigen Frieden. Groß war der Schrecken und Jammer in ganz Deutschland! In feierlichem, immer mehr wachsendem Trauerzug ward die Leiche nach Wittenberg gebracht und einige Tage lang in der Schloßkirche aufgestellt. Bitterlich weinend kniete Frau Käthe mit ihren Kindern am Sarge des treuen, liebreichen Gatten und Vaters. Von nah und fern kamen viele, um noch einen Blick auf das edle Antlitz des entschlafenen Helden zu werfen.

Auch Herr Burkhardt machte sich eilend auf den Weg, und neben ihm im schnellen Wäglein saß Thomas, beide trauernd um den großen, gewaltigen Mann. Anna schaute ihnen vom Fenster aus nach, bis der Wagen zwischen Waldbäumen verschwand. Dann erhob sie den Blick zum Himmel, der heute freundlich und blau erglänzte wie in Frühlingsahnung. Sie sah im Geist die Engel Gottes die erlöste Seele des Helden ins Paradies einführen. Sie sah ihn knieen vor dem Thron des Lammes, dessen Namen er hienieden gepredigt. Sie sah, wie er sich, geschmückt mit der Krone der Ehren, unter die Schar der Seligen mischte.

In dieser Schar aber erblickte sie einen, um den sie gar oft noch im stillen weinte. O, könnte sie doch einmal an seinem verlassenen Grabe knieen, nur einmal ein Kränzlein darauf legen und Tränen der Liebe und Treue darauf weinen! Aber er war ja selig! Von seinen Augen waren alle Tränen abgewischt! Ob er wohl den kennen würde, der jetzt ins Himmelreich einzog? Ob er sich seines Anblicks freuen würde? —

War's nicht seltsam, daß er lebte, selig lebte, und doch von seinem geliebten Kinde gar nichts wußte? Daß es so war, bezweifelte Anna nicht; hatte es doch Thomas gesagt, der so viel, viel klüger war als sie! Aber begreifen konnte sie es nicht. Es wäre so schön gewesen, zu wissen, daß er sich ihres Glückes freue!

Aber wie? Schauten nicht die Männer und auch ihr lieber Thomas mit Bangen in die Zukunft? Ach, wie bald konnte aller Frieden, alle harmlose Freude dieses irdischen Lebens sich in Angst und Herzeleid verwandeln! Ja, da war's besser, daß die seligen Ueberwinder droben im Himmel nichts wußten von den Mühsalen und Aengsten der Kämpfer auf der armen Erde!

Mit dem Frühling des Jahres 1546 begann die Trübsal. Es war nun kein Geheimnis mehr, daß Kaiser und Papst sich zur Unterdrückung der Protestanten verbunden hatten. Daß die katholischen Fürsten dem Kaiser ihre Hilfe anboten, verstand sich von selbst. Wer aber hätte geglaubt, daß ein protestantischer, ja ein sächsischer Fürst sich mit dem Feinde verbinden würde? Und doch geschah es! Dem jungen, klugen, tapferen Herzog Moritz von Sachsen lag mehr an weltlicher Macht als an seinem Glauben. Er hatte sich dem Schmalkaldischen Bunde nicht angeschlossen. Der Kaiser kannte seinen Ehrgeiz gar wohl, als er ihm das Kurfürstentum versprach, wenn er sich mit ihm verbände. Er tat es zum großen Jammer des Volkes und des frommen Kurfürsten Johann Friedrich, der ja freilich kein Kriegsheld war.

Aber noch herrschte Frieden im Sachsenland; der Kampf wütete zuerst in Süddeutschland, wo der wackere Feldhauptmann Schärtlin die evangelischen Scharen schnell von einem Sieg zum andern führte. Indessen hatte der Papst den Kurfürsten Johann Friedrich und den Landgrafen Philipp von Hessen in die Reichsacht erklärt, und nun zogen sie mit ansehnlichen Heereshaufen gegen ihn ins Feld. Von großen stehenden Heeren wußte man damals noch nichts; erst wenn der Feind das Land bedrohte, und die Werbetrommel erklang, sammelten sich Männer und Jünglinge um die Fahnen des Fürsten. Auch aus Magdeburg zog eine stattliche Schar Gewaffneter zum Heere des frommen Kurfürsten.

Dietrich war eine Zeitlang still und nachdenklich seines Weges gegangen und hatte Thomas oft mit fragendem Blick angesehen. Eines Tages aber fand ihn dieser in seinem Studierstüblein und zwar lesend. Das war etwas sehr Seltenes! So gern er auch Gottes Wort hörte, ja sogar mit den Kindern den Katechismus lernte, so bestand doch zwischen ihm und den Büchern eine angeborene Feindschaft. Heute aber studierte er eifrig eins der kleinen Büchlein Doktor Luthers, mit dem harten Finger von einem Wort aufs andere zeigend.

»Ei, Dietrich! Willst du ein Gelehrter werden?« fragte Thomas lächelnd.

»Nein; aber 's liegt mir was auf dem Herzen, was ich dir nicht sagen wollt'. Darum hab' ich mir dies Büchlein gesucht, von dem du letzthin sprachst, und bin, Gott sei Dank! bald durch. 's ist heiße Arbeit!«

»Und was hast du draus gelernt?«

»Wart' nur; ich bin gleich fertig. — So!« schloß er, das Büchlein dem Freunde hinreichend. »Ich weiß nun, daß auch Kriegsleut' in gottseligem Stande sind, wenn sie dem Landesherrn in den Kampf folgen für eine ehrliche Sache.« Er schwieg eine Weile, fuhr sich mit der rauhen Hand über die Augen, reichte sie dann dem Freunde und sprach: »Leb' wohl, Thomas! Ich zieh zum Heer des Kurfürsten. 's wär' eine Schande, wenn ein starker Kerl wie ich daheim sitzen bliebe!«

Niemand hielt den Wackeren zurück; doch ward sein Sack mit guten Dingen und sein Beutel mit Geld gefüllt. Burkhardts Buben weinten ihm nach; Peter und Paul ballten die derben kleinen Fäuste und meinten, sie seien ja fast groß genug, könnten auch brav schießen. Warum wollte man sie wohl nicht mit lassen?

Noch einer machte sich ganz in der Stille davon, von dem's niemand gedacht hätte. Gottfried hatte seit Annas Brautstand Herrn Burkhardts Haus nur noch selten betreten, und dringende Arbeit als Entschuldigung angegeben. Freilich war seine Zeit wohl ausgefüllt, da er die rechte Hand seines Meisters war und die feinsten, mühsamsten Arbeiten ihm aufgetragen wurden. Ja, man sagte, er sei nicht ein Handwerker, sondern ein Künstler. Wäre er nur nicht allzu ernst und schwermütig gewesen! Warum zog er sich wohl von jeder harmlosen Freude zurück? War's nur der Kummer um die Mutter oder war's noch mehr?

Auf dem weiten Plan vor der Stadtmauer aber, wo sich Männer und Jünglinge im Waffenwerk übten, fand er sich jetzt fleißig ein, und — machte seine Sache herzlich schlecht! Von klein auf stillen, etwas schüchternen Sinnes, von der zärtlichen Mutter weich erzogen, den Frieden über alles liebend, paßte er zu nichts weniger, als zum Kriegsmann. Sein eigen Blut und Leben für den Glauben zu lassen war er ganz bereit, aber im Kampf einen Feind niederzustechen oder von ferne mit tödlicher Kugel zu durchbohren, das war ihm ein entsetzlicher Gedanke! Und doch rüstete er sich zum Streit, war aber nicht bei der frischen, mutigen Schar, die eines Tages auszog, um zu Johann Friedrichs Heer zu stoßen. Ach, er mußte doch erst den feinen Goldpokal, den der Herr Bürgermeister bei seinem Herrn bestellt, vollenden! Ein rechtes Kunstwerk sollte es werden, alles, was er bisher geleistet, übertreffend!

Und nun stand das herrliche Gefäß fertig da; ein kurzer Abschiedsbrief an den braven Meister war geschrieben, und in der Morgendämmerung verließ der Jüngling einsam die Stadt durch ein Nebenpförtlein, das ihm der Torwart öffnete. Es war Sommerszeit; die Felder reiften zur Ernte, die Wiesen grünten, die Blümlein dufteten, und die Vögel sangen lustig ihr Morgenlied.

Wehmütig durchwandelte der Jüngling diese schöne Gotteswelt. O wie bald würde dies alles vielleicht verwüstet sein, von den Hufen der Rosse zertreten, mit dem Blute der Erschlagenen getränkt! Warum zog er nicht die Landstraße, sondern machte einen weiten Umweg? O, er hatte noch einen Abschiedsgruß zu bestellen! Sich wieder und wieder bückend, sammelte er die schönsten Wiesenblumen, wand, auf einem Steine sitzend, ein Kränzlein daraus, schmückte es mit einem Silberfaden und befestigte ein feines Blättchen Papier daran. Dort drüben stand das Pfarrhaus des Leutpriesters; dort war das Fenster des Wohngemachs! Schon hatte es die Magd geöffnet.

Da flog ein Blumenkränzlein zu ihren Füßen mit etwas Geschriebenen, das sie nicht lesen konnte. Gedrucktes konnte sie schon ziemlich; die gute Frau lehrte es sie mit unendlicher Geduld! Sorgfältig legte sie das Kränzlein auf den Tisch. Solch kleine Liebeszeichen von Kindern oder Bedrängten waren nicht allzu selten. Freilich wurden sie sonst durch die Tür gereicht und nicht durchs Fenster geworfen, hatten auch nichts Geschriebenes bei sich.

Nicht allzulange danach setzten sich der Pfarrer und seine Frau an den Tisch, die Morgensuppe zu essen.

»Welch feines Kränzlein!« rief Anna erfreut. »Wer mag es so früh schon gebracht haben? Sieh, da steckt ja ein Zettel daran!«

Lächelnd begann sie zu lesen, ward aber bald ganz ernst:

»Es waren zwei frohe Kinder,
Die wuchsen zusammen groß. —
Der Sturm hat das Haus zerbrochen;
Sie wanderten heimatlos.

Dem Mägdlein baute die Liebe
Gar bald den eigenen Herd.
Der Knabe nur stand verlassen,
Zu sterben hat er begehrt.

Da hört er die Kriegsdrommete;
Der Feind den Glauben bedroht!
O Mägdlein, gönne dem Knaben
Den frohen Soldatentod!«

Helle Tränen standen in Annas Augen, als sie das Blättchen Thomas hinreichte und den Arm um seinen Hals schlang.

»Der arme, gute Junge«, sprach sie leise. »Nichts ahnte ich davon!«

»Und wenn du es geahnt hättest?« fragte Thomas, ihr ernst ins Auge blickend.

»So hätte ich ihm auch nicht helfen können«, erwiderte sie innig, »denn mein Herz gehörte dir, seit ich dem Kindesalter entwuchs.«

»Gott wird ihm helfen«, sprach Thomas zuversichtlich. »Laß uns nur treu und ernstlich für ihn beten.« —

Der Weg, den Gottfried zurücklegen mußte, ehe er hoffen durfte, mit einer Schar evangelischen Kriegsvolks zusammenzutreffen, war weit, und sein Gemüt unruhig und gedrückt. Oft mußte er ein wenig ruhen, und ließ seine Gedanken zurückschweifen in vergangene Tage. Seine Mutter! O wie oft gedachte er ihrer! Wie zärtlich hatte sie ihn geliebt, wie gern und eifrig hatte er ihr gedient, wie innig waren ihre Herzen verbunden gewesen, ehe sie in die Gewalt der kalten, grausamen Klosterleute geriet! O, wenn er zu ihr eilen könnte, sein müdes Haupt an ihre Brust zu legen und ihr alles zu klagen! Was denn? Ach, das wagte er sich selbst kaum zu gestehen. Es war ja längst vorüber; das holde Mägdlein, das ihm von Kind auf vertraut gewesen, ging ihn gar nichts mehr an. Es war ja das glückliche Weib eines braven, frommen Mannes! O, er gönnte beiden das Glück! Aber ach, er sehnte sich, einem Menschen, nur einem einzigen, die Wunde zu offenbaren, die in seinem Herzen brannte. Doch nein! Er wollte stark sein und tapfer! Wer weiß, wie nahe ihm die ewige Ruhe war, dort, wo kein Sehnen, kein Verlangen mehr ist, nichts als volles Genügen, Friede und Freude!

Ohne einzukehren, den Hunger nur mit dem Brot, das er mitgenommen, den Durst nur aus klaren Quellen stillend, wanderte er den ganzen Tag, und erreichte bei einbrechender Dämmerung ein nettes Städtchen. Da seine Barschaft reichlich war, bat er in der Herberge um ein besonderes Kämmerlein mit gutem Bett. Die Zeit, auf Stroh oder auf dem kalten Grund zu schlafen, würde ja bald genug kommen!

Auf der Bank vor der Tür sitzend plauderte er ein wenig mit dem Wirt. Der war zu jener Zeit eine gar mächtige Person, die es dem Gast recht behaglich, aber auch unerträglich zu machen verstand. Zuerst war die Kriegsgefahr Gegenstand des Gesprächs. Der Herr Wirt war kein Held und hatte große Angst vor des Kaisers spanischen Soldaten, von deren Habgier und Grausamkeit man Schreckliches erzählte.

»Und in solch gefährlichen Zeitläuften reist eine alte Frau allein mit einem Tölpel von Buben!« sprach der Wirt halblaut vor sich hin, war aber gar nicht böse, daß der Gast ihn verstanden hatte.

»Vielleicht sucht sie Zuflucht bei Gefreundten wegen der unruhigen Zeiten«, erwiderte Gottfried ruhig.

»Nein, nein!« flüsterte der geschwätzige Mann. »Weither kommt sie, o schrecklich weit her! Der Bub hat mir's verraten. Wie der Ort heißt, hab' ich vergessen, aber grausam weit mag's sein. 's ist was Vornehmes! Wollt Ihr den stattlichen Wagen und die braven Rößlein sehen? 's steht hinten im Schuppen.«

»Was geht mich der Wagen einer fremden Frau an?« fragte Gottfried.

»Ei, ich mein', was den Wirt erfreut, gefällt auch dem Gast«, sprach der Mann beleidigt. »Da ist's Euch wohl auch einerlei, daß das tollkühne Weib hier bei uns krank geworden ist?«

»Krank? So allein, und fern von den Ihren!« rief der weichmütige Jüngling in ganz verändertem Ton. »Das ist mir herzlich leid! Habt Ihr denn dienliches Gelaß für einen Kranken?«

In diesem Augenblick öffnete sich im Hause ein Fenster; ein Mägdlein schaute heraus und rief:

»Vater, kommt doch herauf und helft mir! Die Kranke liegt im Fieber und weiß nicht, was sie tut. Allzeit strebt sie vom Bett empor; ich kann sie nimmer halten!«

»So ruf der Mutter! Ich bin ein Wirt und kein Krankenhüter«, war die rauhe Antwort.

»Habt Ihr denn keinen Arzt im Städtchen?« fragte Gottfried.

»Ist über Land! Kommt erst morgen wieder.«

»Meine Mutter war in der Arzneikunst wohlbewandert«, sprach Gottfried zögernd; »ich pflegte gern von ihr zu lernen und könnte wohl Linderung schaffen. Führt mich doch zu der Kranken!«

»Braucht's keinen Führer! Dort ist die Tür und drin ist die Treppe!«

Am Brunnen, der mitten im Hofe plätscherte und von allerlei fahrendem Volk umlagert war, erbeutete Gottfried einen Krug, füllte ihn mit frischem Wasser, und erklomm die wacklige Stiege. Droben fuhr er erst zweimal in falsche Kammern und ward von den Bewohnern unsanft angeschrien; aus der dritten aber tönte mattes, ängstliches Rufen, und, o Wunder! es war ihm, als höre er seinen eigenen Namen. Eine seltsame Ahnung durchzuckte ihn. Wer, ach wer, mochte die alte Frau wohl sein, die ganz allein so weit herkam?

Nur wenig konnte er erkennen in dem Halbdunkel der dritten Kammer, wo das Bett im düstersten Winkel stand. Freundlich trat ihm das Wirtstöchterlein entgegen.

»Seid Ihr ein Arzt«, bat sie, »so helft der Armen schnell; sie leidet große Angst.«

»Ein Arzt bin ich nicht; will aber tun, was ich kann. Zuerst nehmt ihr das schwere Federbett ab, das sie fast erdrückt. So, das Leintuch ist genug! Aber es ist ja fast finster; könnt Ihr kein Lämpchen verschaffen?«

»Es wird nicht gern erlaubt in den Kammern wegen der Feuersgefahr. Wollt Ihr für alles haften mit Silber?«

»Ich will; aber eile, gutes Mädchen!«

Nun war er allein mit der Kranken, die halblaut vor sich hin sprach: »Er war ein guter Herr! Haben sie ihn gemordet? O wie heiß ist's! Wasser! Wasser!«

Tastend fand Gottfried einen irdenen Becher, füllte ihn, suchte das Haupt der Kranken zu stützen und reichte ihr den erquickenden Trank.

»O, das war gut! Bist du ein Engel? Kommen Engel hierher? Ich bin ja im Feuer!« sprach sie halblaut vor sich hin.

Die Stimme, so matt und heiser sie auch klang, bewegte ihn seltsam. Aber nein, die Mutter konnte es nicht sein! In starken Zöpfen hatte das volle Haar ihr Haupt umgeben, als er mit zerrissenem Herzen von ihr schied; stattlich war ihre Gestalt, voll ihre Wange gewesen! Aber die Kranke, die er jetzt aufrecht hielt, um ihr noch einmal den kühlen Trank zu reichen, war dürr und abgezehrt, und nur eine spärliche ergraute Haarflechte hing lose über das Nachtkleid herab. O, wenn doch endlich Licht käme!

»Fühlt Ihr Euch erquickt durch den Trank?« fragte er sanft. »Darf ich Euch ein feuchtes Tuch um die heiße Stirn winden?«

Da fuhr die Frau empor: »Wer spricht zu mir? Wo bin ich? Haben sie ihn getötet? Er war so fromm; wie kann er da sein, wo ich bin?«

Sanft legte er ihr Haupt an seine Brust. Die Tür ging auf; der helle Schein des Lämpchens fiel auf ihr abgezehrtes Antlitz.

»Meine Mutter!« rief der Jüngling. »Meine geliebte Mutter! Du bist bei mir, und nimmer, nimmer will ich dich verlassen!«

Da schlang sie die matten Arme um ihn, weinend und schluchzend, und küßte ihn wieder und wieder.

»So bin ich noch auf Erden?« fragte sie endlich. »Ach, mir war, als sei ich schon an dem Ort, von dem die Priester so viel sprechen. Es war so heiß, so glühend heiß; aber ein Engel erquickte mich!«

»Ich brachte dir Wasser, liebe Mutter! Gott hat mich zu rechter Zeit zu dir gesandt. Gib dich ganz in Seine Hände und glaube fest, daß JEsus alle deine Sünden getragen hat, da Er am Kreuz für dich starb. Nichts, gar nichts hast du abzubüßen! Verlaß dich nur getrost auf Ihn und ruhe!«

Aber ach, die Macht des Fiebers war noch nicht gebrochen, und es ward eine schwere, bange Nacht. Am nächsten Morgen, als Frau Berta endlich in unruhigen Schlaf gesunken war, bat Gottfried das Wirtstöchterlein, bei ihr zu bleiben, und suchte eilend im Städtchen nach einem besseren Gelaß für die Kranke.

Endlich fand sich in anständigem Bürgerhause eine Stube mit anstoßendem Kämmerlein und der nötigste Hausrat dazu. In der Abenddämmerung trug man die schlummernde Kranke auf verdeckter Bahre dahin, und nun pflegte der Sohn die Mutter nach Herzenslust. Sein durch mühsame Arbeit erworbenes Geld kam ihm jetzt zu statten; es fehlte nicht an guter Arznei, an kühlendem Getränk und feiner Krankenkost. Der junge Bursche, der Frau Bertas Wagen geführt, war ein Schüler des guten Leutpriesters gewesen, und erwies sich brauchbar und willig zu jedem Dienst. Gleich am ersten Morgen brachte er den schweren Kasten geschleppt, der im Wagen gestanden und Frau Bertas Hab und Gut enthielt, dazu wohlverborgen einen nicht allzu schweren Geldbeutel. Der Wagen selbst blieb im Schuppen der Herberge stehen, und man flüsterte, daß die Wirtsfamilie ihn zu sonntäglichen Ausfahrten benutze.

Gottfried fragte nichts danach; sein Herz war voll Freude und Dank gegen Gott, als das böse Fieber überstanden war, und die liebe Mutter, mit weichen Kissen gestützt, ihm gegenüber saß und sich an seinem Anblick ergötzte. Wo war der Lebensüberdruß, die Wehmut, die ungestillte Sehnsucht, die ihn lange gequält? Ganz verschwunden! O, er wollte leben! Er wollte emsig schaffen und arbeiten, um der Mutter, die ihn mit Mühe großgezogen, ein behagliches Alter zu bereiten. Auch für ihre zagende Seele wollte er sorgen, und sie in aller kindlichen Ehrfurcht auf den Weg führen, der im ewigen Leben endet. Sie aber weidete sich an seinem Anblick und vertraute ihm nach und nach alles an, was sie seit jener Schreckensnacht erlebt und gelitten.

»Als du weinend von mir gingst, mein Sohn«, sprach sie, »war mir zumute, als gehe meine Sonne unter. Der Priester, dem ich mein Leid klagte, gebot mir, alle Liebe zu dir, ja jeden Gedanken an dich aus meinem Herzen zu reißen. Einen ketzerischen Menschen zu lieben, wenn es auch der einzige Sohn sei, wär' eine Todsünde. Ein Gott wohlgefällig und verdienstlich Werk aber sei es, die Mutterliebe zu dir ganz zu ertöten. O wie hab' ich mich gequält und zermartert, diesem unmenschlichen Rat zu folgen; doch gelang es mir nicht!«

»Weil es ein Streit wider Gott war«, sprach Gottfried sanft. »Er sagt ja selbst in Seinem Wort: ›Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen, daß sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes?‹«

»Ach, mein Kind«, fuhr die Mutter fort, »ich hatte genug von der göttlichen Wahrheit gehört, aber ach, ich widerstrebte ihr aus Stolz und Kreuzesscheu. Darum hatte ich keine frohe Stunde, keine ruhige Nacht mehr. Aber arm und verachtet ins Elend, vielleicht in den Tod zu gehen um der Wahrheit willen, das vermochte ich nicht. — Zuweilen raffte ich mich auf, ging wieder erhobenen Hauptes einher, besuchte die Frauen in der Stadt, mit denen ich in guten Tagen verkehrt, doch gab ich's bald wieder auf. Sie sahen mich scheel an, weil ich so lange einem Ketzer gedient hatte und so bitter um dich trauerte. So saß ich endlich vereinsamt im Schlößlein mit einer nichtsnutzigen Magd und dem Buben, der den Garten besorgte. Ins Dorf hinab kam ich nie mehr, denn die besten Leute hatten sich davon gemacht, und die andern versanken wieder in Roheit und Aberglauben. Von dem Leutpriester und meinem guten Herrn hörte ich nichts. Erst von dir, mein lieber Sohn, hab' ich erfahren, wie Gott den einen erlöste, den andern wunderbar rettete. Wohl aber drang etwa vor Jahresfrist die Kunde zu mir, daß man ein furchtbares Ketzergericht in der Umgegend gehalten, und auch eine Anzahl Antwerpener Bürger den Flammen übergeben habe. Ach Gottfried, da war's ganz aus mit mir! ›Da sind die beiden frommen, edlen Männer dabei gewesen‹, sprach eine Stimme in meinem Herzen, ›die dir und deinem Sohne unzählig viel Wohltat erwiesen haben an Leib und Seele! Du weißt, alte Berta, daß sie die Wahrheit lehrten, aber dir ist die Welt lieber als der Himmel, das Geld lieber als Gottes Gnade!‹ Die stete Unruhe des Herzens, die Einsamkeit, die Sehnsucht nach dir, mein einziges Kind, zehrte auch an meinem Körper. Meine Kraft verfiel, mein Haar bleichte, meine Augen erloschen fast vor vielem Weinen. Der Priester fing an mißtrauisch zu werden, weil ich nicht mehr so oft zur Messe und Beichte kam. Ich entschuldigte mich mit Krankheit. Da drang er in mich, all mein Geld und Gut der Kirche zu verschreiben, ehe es zu spät sei. Allzuviel war's ja nicht mehr, denn eine Zeitlang hatt' ich mit vollen Händen gegeben, Altargerät und allerlei Zierat gestiftet, um nur zum Seelenfrieden zu kommen. Da gedacht' ich, daß mein einzig Kind vielleicht Mangel leide in der Fremde, während ich mein ganzes Gut dem reichen Kloster verschreiben sollte. Und in einer Nacht entschloß ich mich, dich zu suchen in der Stadt Magdeburg, die du mir beim Abschied genannt. Klaus, der Bube, war des Leutpriesters Schüler gewesen und hängt noch an ihm. Er ward mein Vertrauter. Er ist eine Waise und mir zugetan. Trotz des Mordens und Brennens hängen in Antwerpen noch viele an Luthers Lehre. Solchen vertraute der Bub in aller Stille mein Vorhaben. Und als einmal ein großes Kirchenfest im Kloster gefeiert ward, und im Dorf niemand zurückgeblieben war als etliche Alte und Kinder, da entwich ich, geführt von Klaus, aus dem Schlößlein. Das Hab und Gut, das ich mitnehmen wollte, hatte er schon in den Kasten verpackt und heimlich fortgebracht. An der Landstraße unweit des Dorfes wartete der Reisewagen, den mir einer verschafft, der unsern guten Herrn gekannt und geliebt hatte. Freilich um teures Geld! Für dich ist nicht viel übriggeblieben, mein armes Kind. Doch birgt der Kasten noch manch wertvolles Geschenk unseres lieben Herrn; das ist alles dein, mein Sohn! Ach, die Reise war lang und hart für meine gebrochene Kraft. Nur die Sehnsucht nach dir hielt mich aufrecht, bis ich endlich doch zusammenbrach. Nun weißt du alles! Frisch und frei wolltest du in den Kampf ziehen, nun sitzest du bei einem alten sterbenden Weibe!«

»O Mutter, liebe, liebe Mutter, sprich nicht so! Du sollst, so Gott will, noch viele stille, friedliche Tage haben, und ich will dich pflegen nach Herzenslust! In den Krieg wollt' ich nur, weil mein Herz krank war. Jetzt ist's genesen am treuen Mutterherzen!« —

Etwa drei Wochen mochten seit Gottfrieds Auszug vergangen sein, als Peter und Paul Burkhardt eines Tages ganz aufgeregt aus der Schule kamen und in die Küche stürmten, wo die Mutter am Herde stand und leckere Eierkuchen für den Mittagstisch buk.

»Mutter, Mutter«, schrien sie durcheinander, »Gottfried ist wieder da! Die Buben auf der Gasse sagen's! In einem verhangenen Frauenwagen ist er gekommen! Da brächt' mich keiner 'rein; ich tät' mich schämen! Und eine ganz alte, dürre Frau hat er mitgebracht, in dichten Mantel gehüllt. Und 's ist seine Mutter; die hat er unterwegs gefunden! Wie kann einer eine Mutter unterwegs finden? 's wird ihm wohl bange gewesen sein vorm Krieg. Und denk' nur, der Goldschmied hat ihm Gelaß gegeben in seinem alten Haus. Und nun will er nimmer in 'n Krieg! Ist das eine Schande! Bei der Mutter bleibt er sitzen; steckt wohl den Kopf unter ihre Schürze, damit er's Schießen nicht hört, wenn's hier mal losgeht.«

»Schweigt!« rief Frau Burkhardt, die Pfanne schnell vom Feuer hebend und dem letzten Sprecher eins hinter die Ohren gebend, daß er erschrocken zurückprallte. »Nicht Gottfried muß sich schämen, sondern ihr, die ihr so herzlos redet! Schon gestern abend erzählte mir der Herr Vater, daß Gott dem treuen Sohne die kranke, verlassene Mutter in den Weg geführt, und er mit ihr zurückgekehrt ist, um sie schweres Leid vergessen zu lassen und kindlich für sie zu sorgen bis an den Tod! Mein Peter hätt' es freilich anders gemacht. Wenn der mich im Elend gefunden, hätt' er mich verderben lassen, und wär' als tapferer Held in den Krieg gezogen. Gelt, das hätt' Gott gefallen?«

»O Mutter, Mutter, sprich nicht so!« schluchzte der wilde Junge, das schamrote Gesicht im Gewand der Mutter bergend. »O, ich hab' garstig geschwätzt! Vergib mir's doch.«

»Von Herzen gern! Aber ihr müßt bescheidener werden, und nicht lieblos urteilen über Dinge, die ihr nicht versteht. Wir alle sind froh, daß der brave Gottfried nicht in den Krieg gezogen ist. Er paßt nicht dazu, und in der Stadt brauchen wir auch wackere Leute. Ich will gegen Abend einen Korb rüsten mit allerlei Stärkung und Erquickung für die kaum genesene Frau. Wollt ihr ihn hintragen?«

»O so gern!« riefen beide. »Gelt, du bist uns wieder gut, und wir kriegen auch Eierkuchen zu Mittag?«

»Gewiß! Legt nur die Bücher weg und lauft in den Garten zu den Kleinen.«

Magdeburg hieß schon zu jener Zeit eine große Stadt, war aber doch noch nicht so groß, daß das Schicksal des Einzelnen verborgen und unbeachtet geblieben wäre. Nein, man sprach bald in allen Gassen davon, daß der wackere junge Niederländer seine Mutter krank und verlassen aufgefunden und in die Stadt gebracht habe.

Auch in Thomas' Pfarrhaus drang die Kunde gar bald, und gar zu gern hätte Anna die treue Pflegerin ihrer Kindheit besucht und ihr ein Geschenk gebracht. Doch lag ihr Gottfrieds Verslein schwer auf dem Herzen, und sie scheute sich, ihm zu begegnen. Es tat ihr so leid, denn sie hatte ihn lieb wie einen Bruder.

Eines Nachmittags aber, als Thomas in Amtsgeschäften auswärts war, hielt Burkhardts Wäglein vor dem Hoftor, und Franz, der es führte, berichtete, Frau Berta verlange gar sehnlich ihr Annchen wiederzusehen. Ob es nicht einsteigen und ihr einen Besuch gönnen wolle? Wer durfte da »Nein« sagen? »Ach, wenn Thomas doch mit wäre!« seufzte die junge Frau im stillen. »Es wird ein recht ungeschicktes Wiedersehen werden! Nun, vielleicht ist Gottfried bei der Arbeit und läßt sich gar nicht sehen.«

Aber es war eben Vesperzeit, als das Wäglein vor dem alten Hause hielt, und der gute Sohn führte die Mutter im milden Sonnenschein vor der Tür auf und nieder.

»Mein Kind, mein herzliebes Annchen!« rief die bleiche Frau, alle Schwachheit vergessend, ließ den Arm des Sohnes los und schloß ihre Pflegetochter zärtlich an die Brust. »O wie barmherzig ist Gott, daß Er mir beide Kinder wiedergibt! Wart ihr doch von klein auf wie Bruder und Schwester; und, gelt, so ist es geblieben?«

»Ja, Mutter«, erwiderte Gottfried innig; »und so soll es bleiben bis ans Ende!«

Damit reichte er Anna die Hand, blickte ihr ernst ins Auge und bat, so leise, daß es nur die junge Frau vernahm:

»Schwester, verbrenne das Verslein!«