3. Im Kloster.
Die Zeit verstrich. Thomas war im vierzehnten Jahr und hatte alles gelernt, was in der Dorfschule zu lernen war; ja, sogar etwas mehr, da der Lehrer ihm sehr zugeneigt war und ihn tiefer in die Anfangsgründe der lateinischen Sprache eingeführt hatte als die andern Chorknaben. Was sollte nun aus ihm werden? Zum Bauer fehlten ihm die Körperkräfte, zum Handwerk die Geschicklichkeit, zum Kaufmann die Klugheit und die Liebe zum Geld. Er hätte ja am liebsten alles verschenkt! Da blieb nur noch das übrig, was damals für den bequemsten Lebensberuf galt: »Geistlich werden!« Man fragte ihn nicht allzuviel. Als Bruder Robert eine Frau ins Haus gebracht hatte, die ihm gar nicht gewogen war, fühlte er sich vollends nicht mehr daheim, und erklärte sich bereit, in die Schule des Dominikanerklosters einzutreten. »Aber ein Mönch werd' ich nimmer«, fügte er mit großer Entschiedenheit hinzu. »Ein Leutpriester werd' ich, der sein eigen Häusel hat mit einem Gärtlein daran. Da nehm' ich die Grete mit hinein.« Nun, das würde sich alles finden. Wenn er nur einmal im Kloster war, würde ihm das bequeme Leben schon gefallen. Grete nähte ihm ein paar neue Hemden und schnürte sein kleines Bündel. Die glänzende Münze, die ihm der Goldschmied damals geschenkt, gab er ihr zum Aufheben.
Nach schwerem Abschied vom kranken Vater, von Grete und dem Grab der guten Muhme, und sehr leichtem von den andern, fuhr ihn Robert der neuen Heimat zu, wo er ihn schon angemeldet und ein Opfer in die Klosterkasse gelegt halte. Dicht vor den Toren der Stadt bildete das reiche Kloster fast ein Städtlein für sich. Da war das große Bruderhaus, das die Zellen der Mönche, die Bibliothek und den Kapitelsaal enthielt, das Abthaus, in dem der hohe geistliche Herr in fast fürstlicher Pracht lebte, das Refektorium, die Wirtschaftsgebäude, die Häuslein der Klosterknechte, die Schule und endlich die große herrliche Klosterkirche. Schattige Säulengänge, weitläufige Höfe und blühende Gärten umgaben diese Gebäude, der Felder und des Klosterwaldes außerhalb der Mauern gar nicht zu gedenken. Von all diesem Reichtum bekam Thomas jetzt nichts zu sehen. Nach kurzem Abschied von Robert führe ihn ein dienender Bruder zu einem alten, schmucklosen Hause, umgeben von einem großen, mit etlichen Bäumen bepflanzten Hof.
»Warte hier, bis die Schule aus ist«, sagte sein Begleiter, auf eine Bank zeigend, wo sich schon ein kleinerer, schwarzlockiger Junge niedergelassen hatte, der, das Antlitz in die Hände verborgen, bitterlich weinte. Das war etwas, was Thomas durchaus nicht ertragen konnte. Schon als ganz kleines Kind hatte er oft Muhme Lenes und Gretels Tränen mit seinen winzigen Händlein abgewischt. Leise trat er hinzu, ließ sich bei dem Fremden nieder und fragte schüchtern:
»Warum weinst du denn so sehr?«
Da fuhr der Kopf empor, und ein paar blitzende Augen sahen den guten Jungen zornig an. »Ich weine nicht!« rief der Kleine heftig. »Niemand soll mich weinen sehen! Mußt' herumschleichen und andere Leut' belauschen?«
»Nein, nein, du weinst jetzt nicht mehr«, versicherte Thomas. »Aber sehr traurig bist du doch. Bist du auch ein neuer Schüler wie ich?«
Der Junge nickte und ballte die kleine, derbe Faust. Dann musterte er den andern mit forschendem Blick und fragte endlich:
»Bist du willig hierher gekommen oder gezwungen?«
»Recht willig«, erwiderte Thomas. »Ich mag gern geistlich werden, denn mein Sinn steht nach innen.«
»Der meine aber steht nach außen!« rief der andere aufspringend. »Ein Reiter will ich werden mit Schwert und Schild, oder ein Schiffer, der in die weite Welt fährt und mit dem Sturm kämpft.«
»Wer hat dich denn gezwungen, hierher zu kommen?«
»Mein Vater! Als Buße für eine schwere Schuld gelobte er mich dem Kloster. Und ich soll nie mehr heraus! Er hat's gelobt, daß ich ein Mönch werde!«
»So sei zufrieden. Sie sagen, es sei ein gut und friedlich Leben.«
»Das mag ich eben nicht; es ist mir ein Greuel! In frischen, lustigen Kampf möcht' ich ausziehen und viel Wunderbares erleben. Aber du gefällst mir! Du hast Augen wie mein lieb Mütterlein, das gestorben ist, und sprichst gut und sanft wie sie. Reich' mir die Hand, wir wollen Freunde sein.«
Freudig faßte Thomas die derbe, braune Hand des Ritterbuben, sein Name war Dietrich, und es ward ein Bund geschlossen, der für beide folgenreicher wurde, als sie jetzt ahnten. Wären sie Mägdlein gewesen, hätten sie einander wohl gleich ihre Lebensgeschichte erzählt; Knaben aber tun das selten und erst nach lang bewährter Freundschaft. So saßen sie still nebeneinander, mit den Beinen baumelnd und der Dinge wartend, die kommen sollten.
Es dauerte auch nicht lange, da erhob sich auf den Klang eines Glöckleins Lärm im Hause; die Tür sprang auf, und die ganze Schülerschar kam herausgeflattert wie ein Schwarm freigelassener Vögel, um die kurze Erholungszeit zu genießen. Die Kleinen fingen muntere Spiele an; die Großen, Jünglinge bis zu achtzehn oder zwanzig Jahren, lustwandelten paarweise unter den Bäumen.
Am geöffneten Fenster aber zeigte sich der geschorene Kopf des Lehrers, der den Neulingen befahl, zu ihm hereinzukommen, und alsbald ein scharfes Examen mit ihnen anstellte. Bei dem wilden Schwarzkopf fiel es kläglich aus. Auf dem Burgstall, wo sein Vater hauste, hatte er sich unter Reitern und Rossen herumgetrieben, auf Eichkätzchen und Vögel Jagd gemacht, von der Zinne des Turmes in die weite Welt hinausgeschaut, oder mit den Kindern der Knechte Krieg gespielt, der nur zu oft in wilde Rauferei ausgeartet war. Wenn aber der Kaplan von der Burg gekommen war, um ihn lesen und schreiben zu lehren, war er meist nirgends zu finden gewesen. Thomas dagegen wunderte sich selbst, daß er die Fragen des Lehrers so gut beantworten konnte. Hatte er doch daheim so wenig Gelegenheit gehabt, seine Gelehrsamkeit zu zeigen, daß er sich derselben kaum bewußt war. Sein deutliches Lesen, seine gute, feste Handschrift, besonders aber der tüchtige Anfang, den er im Lateinischen gemacht, erfreuten den Lehrer sichtlich. Er legte die Hand auf den blonden Kopf des bescheidenen Jungen und sagte freundlich:
»Ei, du bist ja ein ganz gelehrtes Bäuerlein! Der kleine schwarze Rittersmann aber hat noch nicht tief in die Weisheit geguckt! Ich hab' wenig Zeit für ihn, denn meine Scholaren sind alle viel weiter. Nimm du dich seiner an und sorge, daß er bald die Geheimnisse der Lese- und Schreibekunst erfaßt. Kannst du auch singen?«
»Ich denk's wohl.«
»So sing' was!«
Eine Weile besann sich der Junge, dann sang er glockenhell:
»In dulci jubilo,
Nun singet und seid froh,
Unsers Herzens Wonne
Liegt in praesepio
Und leuchtet als die Sonne
Matris in gremio,
Alpha es et O, Alpha es et O!«
»Brav gemacht! rief der Lehrer.« »Aber warum ein Weihnachtslied zur Herbstzeit?«
»Ich weiß nicht. Ich denk', ich war so froh, weil Ihr mich lobtet, Herr Magister.«
»Singen kann ich auch!« schallte die kecke Stimme des kleinen Burgknappen dazwischen.
»So? Zeig' mal deine Kunst!«
Ohne sich lange zu besinnen, begann Dietrich aus voller Kehle zu schreien:
»Wo soll ich mich hinkehren,
Ich dummes Brüderlein?
Wie soll ich mich ernähren?
Mein Gut ist gar zu klein!
Wie wir ein Wesen han,
So muß ich bald daran!
Was ich heut soll verzehren,
Ist gestern schon vertan!«
Dem Magister war gleich bei der ersten Zeile ein Husten angekommen, daß er sich abwenden mußte. Dann aber rief er entrüstet:
»Willst du wohl 's Maul halten mit deinem Schelmstückel?«
»Ist keins«, rief der Junge keck. »Ist ein munteres Reiterliedel! Hab's im Stall gelernt.«
Da faßte ihn der Magister beim Ohr und sprach eindringlich: »Das glaub' ich wohl. Aber hier bist du nicht im Stall, hier bist du im Kloster. Darum sei manierlich, halt dich zum Thomas, und tue, wie er tut; sonst geht dir's übel. Horch! Es läutet zum Essen. Folget den andern zum Schulrefektorium.«
Als der Hirsebrei verzehrt war, ging's zum Nachtgebet in die Kirche und dann gleich in den Schlafsaal, wo man den beiden Neulingen zusammen eins der harten Klosterbetten anwies. Thomas war gutes Mutes; den armen Dietrich aber überkam das Heimweh gewaltig, so daß er noch lange, das Gesicht an der Schulter des Freundes bergend, vor sich hin schluchzte. Was war das für ein schlechter Ort, wo man nicht einmal ein munteres Reiterliedel singen durfte!
Wenn Thomas sich darauf gefreut hatte, in stillen Kreuzgängen oder unter schattigen Bäumen nach Herzenslust zu wandeln und zu träumen, so hatte er sich gründlich geirrt. Zum Träumen war weder Raum noch Zeit. Denn obgleich der Lehrer ein braver Mann war und kein Tyrann, so galt doch auch von dieser Schule das Wort Luthers: »Die Kinder lernten mit großer Arbeit und unmäßigem Fleiß, doch mit wenigem Nutzen.« Nicht nur für die Kirche, auch für die Schule ist Luther ein großer Reformator gewesen. Hatten die Größeren ihre Aufgaben bewältigt, mußten sie mit den Kleinen üben, und Thomas plagte sich im Schweiße seines Angesichts, um in den harten Kopf des wilden Reiterleins einiges Licht zu bringen. Nicht immer konnte er den kleinen Bengel vor der langen Rute des Lehrers bewahren, doch machte er sich wenig aus den Schlägen, wenn sie nicht allzu derb kamen. Bei den Faustkämpfen mit den Burgbuben hatte es genug Beulen und Striemen gegeben! Bestand er allzu schlecht in seiner Lektion, sperrte man ihn wohl über Mittag, während die andern zum Essen gingen, in der Schulstube ein.
Da geschah aber nachmittags regelmäßig etwas Unerwartetes. Vielleicht krachte plötzlich eine Bank zusammen, die bisher noch ganz fest gewesen war, so daß alles, was darauf saß, zu Boden purzelte. Oder es zeigten sich Tintenkleckse, wo niemand sie vermutet hätte, wohl gar auf der Rückseite des Lehrers. Zuweilen hatte auch die ganze Schar Mühe, das Lachen zu verbeißen, wenn an irgend einer Stelle, die die kurzsichtigen Augen des Magisters nicht erreichten, ein lächerliches Bildchen angemalt oder ein Verslein hingeschmiert war, das ganz und gar nicht ins Kloster paßte, als zum Beispiel:
»Rück' an den Schweinebraten,
Dazu die Hühner jung;
Darauf mag baß geraten
Ein frischer, kühler Trunk.«
Auch die damals übliche Strafe des Eselreitens mußte er oft erdulden. In einer Ecke der Schulstube stand der »Asinus«, das heißt, eine fast lebensgroße hölzerne Eselsfigur mit scharfkantigem Rücken und durch langen Gebrauch spiegelglatt geriebenen Seiten. Dieses ungefüge, rauchgeschwärzte Tier mußten faule, nichtsnutzige Schüler besteigen, und hatten schwere Mühe, sich darauf festzuhalten und zugleich die Tränen der Scham und des Schmerzes abzuwischen, die ihnen über die Wangen rollten. Purzelten sie herunter, gab es Hohngelächter und obendrein noch Schläge. Dietrich aber schwang sich gleichmütig und behende auf dies häßliche Reittier und trieb es, sobald der Lehrer den Rücken kehrte, durch allerlei komische Gebärden zum Laufen an. Das alles trug zwar dazu bei, die Schule in guter Laune zu erhalten, doch ward Dietrich mehr und mehr das schwarze Schaf in der kleinen Herde.
Im zweiten Jahre aber schien der frische Mut des Wildlings erschöpft. Er war trotz der schmalen Kost tüchtig gewachsen, trieb aber fast keinen Schabernack mehr, lernte, soviel er eben mußte, und ging still und mürrisch seines Weges. Nur dann und wann erinnerte noch ein toller Streich an seine wilde Natur. Freundschaft hatte er mit keinem geschlossen, außer mit Thomas, dem er so zugetan war, wie etwa ein kleiner gezähmter Bär seinem Herrn. Saß Thomas lesend unter einem Baum im Hofe, oder zur Winterszeit am Feuer der Schulstube, während die andern allerlei Kurzweil trieben, so geschah es manchmal, daß Dietrich sich zu seinen Füßen niederließ, das heiße Gesichtchen in seiner Kutte verbarg und nach einigem Seufzen und Stöhnen in bittere Tränen ausbrach. Ach, das arme Reiterlein hatte bitteres Heimweh nach der goldenen Freiheit und tief, tief im Herzen ein unbefriedigtes Sehnen nach Liebe und inniger Freundschaft!
Dann zog ihn Thomas an sich und sprach leise Worte zu ihm von JEsu, dem Heiland aller Welt, der auch den wilden Dietrich liebte, schützte und führte, der auch für ihn am Kreuz gestorben war und ihn ewig selig machen wollte. Er wunderte sich oft selbst, daß er zu dem Knaben ganz so sprechen konnte, wie Muhme Lene einst zu ihm geredet. Er wunderte sich auch, daß er, den man daheim so gering geachtet, hier nach und nach zu Ehren gekommen war. In der Schule ging's ihm gut; ja, der Lehrer nannte ihn nicht selten ein feines, gelehrtes Männchen. Auch beim Sangmeister war er wohl angeschrieben, und das Singen in der Kirche machte ihm Freude, wenn's nur nicht allzuviel gewesen wäre. Im Sommer ging's noch; aber im Winter war's wirklich kein Spaß, im dünnen Röcklein stundenlang, ja bis in die Nacht hinein, zu üben, bis der mehrstimmige Kunstgesang, der damals in den Niederlanden in hoher Blüte stand, fehlerlos von statten ging.
Auch während der vielen Gottesdienste froren die armen Jungen entsetzlich. Die Mönche sahen dann meist recht dick aus, als hätten sie sich unter den Kutten wohlverwahrt, wenn sie auch nicht kostbare Pelzmäntel hatten wie der Herr Abt und die andern hohen Würdenträger. Auch waren sie ja inwendig besser ausgepolstert als die armen Schüler. Dietrich, der zuzeiten heimliche Entdeckungsreisen machte, über Mauern kletternd und durch enge Guckfensterlein schlüpfend, war auch einmal in die Klosterküche geraten und hatte einen Blick getan auf die mächtigen Braten und das duftende Backwerk, das zum Anrichten bereit stand. Daß ihn einer der Köche erwischt, mit dem Holzlöffel tüchtig gedroschen und unsanft hinausgeworfen hatte, brauchte niemand zu wissen. Ja, bei solcher Kost ließ sich's schon leben!
Freilich gab's auch unter den Mönchen abgezehrte Gestalten mit unheimlich glänzenden Augen und hohlen Wangen. Das waren solche, denen es ein rechter Ernst war mit der Weltentsagung, und die durch Fasten, Wachen und Beten, ja durch allerlei selbstauferlegte Qualen Gott zu versöhnen trachteten. Wenn Thomas sie nachdenklich beobachtete, fiel ihm allerlei ein, was Muhme Lene ihm erzählt, er sah im Geist ihr friedliches Antlitz während der langen Krankheit und hörte ihren letzten Ruf: »Mein Heiland, mein Erlöser!« Aber er war noch jung, und die Zeit selbständigen Denkens war für ihn noch nicht gekommen.
Drei Jahre waren vergangen, seit Thomas und Dietrich in die Klosterschule getreten, da kam ein Herbst, der eine ganz ungewöhnlich reiche und schöne Aepfelernte brachte. Wie Purpur und Gold glänzten die Früchte in ungeheurer Menge zwischen dem dunkelgrünen Laub, während herrliches, sonniges Wetter das Reifen begünstigte. Da ward zur Freude der ganzen Schule ein voller Vakanztag angekündigt, an dem man hinausziehen und die Aepfelernte besorgen sollte. Da der Magister keine Lust hatte, an einem so lebhaften Vergnügen teilzunehmen, sondern einen wohlverdienten Ruhetag in seiner Kammer vorzog, ward die Aufsicht über die muntere Schar einigen Laienbrüdern anvertraut, die ein Auge zudrückten gegen manchen Unfug.
Ei, das war ein Jauchzen und Springen, ein Lachen und Jubeln in den weiten, von Mauern umgebenen Obstgärten! Auf hohen Leitern, auf schwankenden Aesten standen und saßen die jungen Gestalten, die schönsten Früchte sorgsam in Körbe sammelnd, die geringeren abschüttelnd, daß die Aufsammler manch derbe Kopfnuß bekamen. Aber ganz hoch oben in den Wipfeln hingen fast die schönsten! Es war schade, sie herabzuschütteln; aber wer sollte so hoch hinauf? Dietrich! Das Reiterlein! Ja, das verstand zu klettern! Wie ein Vogel wiegte es sich in den höchsten Zweigen, füllte das Körbchen und glitt damit hinab wie ein Eichkätzchen. Manchmal war's auch gar nicht herunter zu bringen, sondern saß lange droben, sehnsüchtig in die weite Welt hinausschauend. Am Mittag labte man sich an Brot, Wurst und Käse mit einem reichlichen Nachtisch von den besten Aepfeln. Es war eine angenehme Abwechslung von dem ewigen Hirsebrei und Habermus.
Nur gar zu früh neigte sich die Oktobersonne zum Untergang. Der Wagen mit den vollen Körben war schon abgefahren; die Pflücker aber trieben sich spielend, neckend, singend oder plaudernd unter den Bäumen umher, bis es die höchste Zeit zum Aufbruch war, wenn man das Abendgebet in der Kirche nicht versäumen wollte. Schnell ordnete sich der Zug. Den paarweise Wandelnden hätte niemand mehr die muntere Kurzweil angesehen, die sie eben noch getrieben.
Aber wie? Zuletzt nur einer? Wer fehlt da?
»Das Reiterlein!«
»Der Bengel sitzt wohl noch auf einem Baum und stopft sich übervoll? Dietrich! Nichtsnutz! Wildfang! Wo steckst du nur? Na warte, wenn du die Kirche versäumst!«
Keine Antwort.
»Nun, er findet schon den Weg; vielleicht ist er vorausgelaufen, um stibitzte Aepfel im Bettstroh zu verstecken!«
Aber Dietrich war nicht im Schlafsaal, nicht in der Schulstube, nicht in der Kirche; er war verschwunden. Erst am andern Morgen ward's dem Lehrer offenbart, und auch dieser hoffte noch, der Schelm habe sich irgendwo versteckt und befinde sich bei einem Haufen Aepfel ganz behaglich. Der gute Mann durchstreifte selbst die Gärten, die Höfe, die Felder, rufend und suchend, aber ganz umsonst. Ja, es blieb kein Zweifel, der Freiheitsdrang war ihm zu stark geworden, als er von den Baumwipfeln in die weite Welt guckte, und er war entflohen. Nachforschungen in der volkreichen Handelsstadt, wo täglich Scharen von Fremden zu den Toren ein- und wieder herausströmten, wo stündlich Schiffe den Hafen verließen, um in alle Welt zu ziehen, wären ganz vergeblich gewesen. Auch war Flucht aus dem Kloster zu jener Zeit nichts allzu Seltenes. Im Grunde war man froh, den Wildling los zu sein, der doch nur eine Last für die Bruderschaft geworden wäre.
Nur Thomas trauerte um den Flüchtling. Der dunkle Kopf, der sich beim Einschlafen an ihn geschmiegt, die frische Stimme, die ihn am Morgen geweckt, der dankbare Blick der schönen schwarzen Augen fehlte ihm allzusehr! Jetzt erst fühlte er, wie lieb ihm der Knabe gewesen, schloß auch mit keinem andern engere Freundschaft. Er war nun ins Jünglingsalter getreten, wo man weicher empfindet und gern träumt und schwärmt. Musik und Gesang, ja die ganze, den Sinnen schmeichelnde Art des Gottesdienstes, die Bilder, die Statuen, das geheimnisvolle Licht der ewigen Lampe, dies alles machte mehr und mehr Eindruck auf sein Gemüt. Wäre es doch vielleicht besser, sich von allen irdischen Banden loszureißen, alle Wünsche auszugeben und als frommer Bruder sein Leben im Kloster zu verbringen? Dann kamen wieder Zeiten ganz entgegengesetzter Gefühle. Er war nun fast der Gelehrteste in der Schule; nur drei oder vier machten ihm dann und wann den Rang streitig. Da regte sich der Ehrgeiz, von dem er bis jetzt nichts gewußt. Er wollte und mußte der Erste sein, und wenn er's einmal nicht war, konnte er dem, der ihn überholt, kaum ein freundlich Wort zusprechen. Es half ihm gar nichts, wenn er es dem Priester beichtete und dann lange vor dem Altar kniete, um die auferlegten Bußgebete zu sprechen. Sobald er wieder aufstand, kam's ihm schon in den Sinn, ob er wohl morgen seine Sache am besten machen würde, am aller-, allerbesten! Nun, wenn er nur erst unter den frommen Brüdern wohnte, würde das ganz von selbst anders werden.
Schneller als er gedacht verstrich die Schulzeit, und er war im Kloster. Hier aber erwartete ihn die bitterste Täuschung. Mit dem Studieren war's ganz vorbei, und die niedrigsten Dienste wurden ihm aufgetragen. Gänge und Säle fegen, Teller und Schüsseln waschen, Wasser vom Brunnen und Holz aus dem Schuppen schleppen, das war seine Arbeit, zu der er sich ungeschickt genug anstellte. Das Schlimmste aber war, daß es unter den frommen Brüdern ganz anders zuging, als er sich's vorgestellt. Statt brüderlicher Liebe herrschte nur zu oft Streit und Eifersucht, statt heiligen Ernstes leichtfertiger Scherz, statt Nüchternheit Völlerei, und ein Aufwand im Essen, der ihn oft anwiderte. Die bleichen, stillen, hohläugigen Brüder aber, die unbekümmert um dies alles ihren Weg gingen und ihrem Leibe auch die allernötigste Pflege versagten, gefielen ihm auch nicht, da er bald merkte, daß sie in geistlichem Hochmut geringschätzig auf die andern herabsahen.
Endlich mutete man ihm etwas zu, was ihm im Grunde zuwider war. Es ging ihm wie Doktor Luther; er mußte mit dem Sack auf dem Rücken von Haus zu Haus laufen, um Gaben für das Kloster zu betteln. Für das Kloster, das hinter seinen Mauern so unermeßlichen Reichtum barg! Aber das ging ihn ja nichts an; er hatte nur zu gehorchen.
Immerhin war's schön, wieder einmal unter Menschen zu kommen, die keine Kutten trugen, und die altbekannten Straßen wieder zu durchlaufen. Da war der Markt, wo er als Knabe Gemüse und Blumen verkauft; da war die Straße, wo der Goldschmied wohnte! Keine Macht der Welt hätte ihn dazu gebracht, in seinem Hause zu betteln; kaum wagte er zu den Fenstern emporzublicken. Es war alles recht still da oben; nur einmal erkannte er ein feines Köpfchen mit langen goldblonden Zöpfen. Das war das holde Mägdlein, das ihn damals geküßt. Unter den Säulen waren an Markttagen die Gold- und Silberwaren ausgebreitet wie ehemals; wenn aber der Goldschmied sich zeigte, wandte Thomas schnell das Gesicht ab. Dagegen beobachtete er oft zwei Knaben, ein paar Jahr älter als das Mägdlein, die sich spielend vor dem Hause umhertrieben oder beim Verkaufsplatz kleine Dienste taten. Einer blondhaarig, rotwangig und freundlich; der andere dunkel, feurig, mit unruhigen Augen. Wer mochten sie wohl sein?
Da die Stadt so groß, und der Bettelsack oft recht schwer war, mußte Thomas oft ein wenig ruhen auf dem Steinsitz vor einer Tür, oder auf einer Bank im Hofe. Da konnte es nicht fehlen, daß er manches Gespräch mit anhörte, das Nachbarn oder Gesellen miteinander führten. Zuweilen wurde dabei von Ketzern geredet, die hier und da in der Stadt aufgetaucht, meist aber bald auf geheimnisvolle Weise verschwunden waren. Der ärgste Ketzer schien ein Doktor Luther zu sein, der drunten im Sachsenland sein greuliches Wesen trieb. Auch im Kloster hatte man furchtbare Verwünschungen gegen ihn ausgestoßen. Was aber ein Ketzer eigentlich sei, konnte sich Thomas nicht recht vorstellen, jedenfalls etwas ganz Erschreckliches. Daß die liebe, fromme Muhme Lene eine Ketzerin gewesen, ja daß der Vers, den er ihr aufs Grab gehängt, ein rechter Ketzervers gewesen war, das ahnte er nicht.
Als er etwa zwei Jahre im Kloster war, drängten sie ihn, das Mönchsgelübde abzulegen; doch konnte er sich nicht dazu entschließen und bat immer von neuem um Aufschub. Seinen Wunsch, Leutpriester zu werden, hatte er auf Rat des Lehrers geheim gehalten. »Wenn sie merken, daß du dir's wünschest, wird sicher nichts daraus«, hatte er gesagt. »Befiehl's Gott; Er wird's wohl machen!«
Endlich ward ihm der Bettelsack abgenommen; doch konnte er sich nicht recht darüber freuen, denn als er ihn zum letztenmal geschleppt, hatte er etwas gar zu Trauriges gesehen. Aus dem Hause des Goldschmieds hatte man einen Sarg herausgetragen, dem viele Trauernde nachfolgten. Der erste war der Goldschmied selber, gebeugt und ergraut, sein holdes Töchterchen an der Hand führend. O wie bitterlich weinte das arme Kind! Die zwei Knaben folgten in langen Trauermänteln. Ja, die liebe, schöne Frau, der er damals an der Kirchtür den Lilienstengel gereicht, war gestorben? War das nicht gar zu traurig?
Doch hatte er nicht viel Zeit, darüber nachzudenken, denn man führte ihn in die Klosterbibliothek, die er bisher nur selten betreten, und sich über die vielen Bücher, aber noch mehr über den dicken Staub, der darauf lag, gewundert hatte. Diesen Staub einmal gründlich zu entfernen, und die Bücher in gute Ordnung zu bringen, trug man nun dem Jüngling auf. So war er auf lange Zeit beschäftigt und versorgt.
Mit gewaltigem Eifer machte er sich an die Riesenarbeit und wirbelte einen so dichten Nebel auf, daß die wenigen Brüder, die noch nach Büchern fragten, ihn beim Eintreten kaum erkennen konnten. Nach und nach aber fiel ihm ein, daß Bücher nicht nur zum Abstäuben auf der Welt sind; er schlug dann und wann eins auf und sammelte allerlei Gelehrsamkeit, ohne daß das Suchen und Fragen seines Herzens dadurch gestillt wurde. Endlich aber fand er hinter einer Reihe mit uraltem Staub bedeckter Folianten einige lose zusammenhängende, vergilbte Blätter. Es schien ein Teil eines Buches zu sein, das man zerrissen. Als Thomas die dicke Staubdecke entfernt und eine darinsitzende Spinne totgetreten hatte, las er auf dem ersten Blatt deutlich den Namen: »Johann Wessel.« Stehend begann er zu lesen, ließ sich aber bald auf einen Stoß Bücher nieder und las und las! O Wunder, es war, als spräche Muhme Lene zu ihm; als erzähle sie ihm von den Schwestern des gemeinsamen Lebens und dem guten Prediger Thomas von Kempen. So, wie diese Blätter redeten, mochte er wohl gepredigt haben. »Mein Heiland, mein Erlöser!« Das war der Grundton, der sich hindurchzog. Mehrmals studierte er die Blätter durch, verbarg sie aber dann jedesmal hinter einer Reihe Bücher, die niemals gebraucht wurden. Der Inhalt schien ihm fast allzu kühn. »Nicht die Werke, der Glaube allein macht selig!« Wie konnte dieser Wessel wagen, das zu behaupten? Und doch klang es ihm süß und einladend.
Der helle Klang des Glöckleins, das zum Mittagsmahl rief, erschreckte ihn fast. Schnell warf er die Blätter in einen Winkel und wollte hinauseilen, sich am Brunnen zu waschen. Da öffnete sich die Tür, und Bruder Ignatius, einer der strengen Asketen, der nur selten am Essen teilnahm, trat herein. Sich tief neigend, sprach Thomas: »Welches Buch wünschet Ihr, ehrwürdiger Vater, daß ich's Euch herabhole und reinige?« Aber die scharfen Augen des Mönches bemerkten eine Erregtheit im Antlitz und Wesen des Jünglings, und in demselben Augenblick sah er die gesäuberten Blätter am Boden liegen. Er hob sie auf, blickte hinein und schleuderte sie in den Kamin, wo der großen Kälte wegen einige Holzscheite loderten. Hätte Thomas sich zu einem Ausruf des Bedauerns hinreißen lassen, wär's sein Unglück gewesen; doch hatte er in der Klosterzucht schweigen gelernt, bediente den Pater aufs eifrigste und öffnete ihm zuletzt mit Ehrerbietung die Tür.
Als der Winter sich zu Ende neigte, hatten sich die frommen Brüder eines Tages zur Beratung im Kapitelsaal versammelt. Da ward auch berichtet, daß der alte Leutpriester eines Fischerdorfes unweit der Stadt gestorben sei. Die Stelle gehörte dem Kloster; aber wer würde Lust haben, sie anzutreten? Das Kirchlein war klein und schlecht, das Häuschen vernachlässigt, der Garten wüst, die Gemeinde arm und nicht allzu gut angeschrieben. Da erhob sich Pater Ignatius und sprach:
»Setzet Thomas, den Bauernsohn, darauf!«
»Ist's nicht schade um ihn? Er hat einen feinen Kopf«, wandte ein Bruder ein.
»Mir aber«, fuhr Ignatius gereizt fort, »ist eine Offenbarung geworden, daß er nicht für das Kloster taugt.«
Da bat man ihn alsbald, doch ja nicht zu zürnen. Was er spreche, sei sicher vom Himmel geredet. Thomas müsse ins Fischerdorf, er möge nun wollen oder nicht.
So gab man ihm die Priesterweihe, und er hielt mit großer Andacht seine erste Messe. Seine Freude über den Beruf tat er niemand kund als Schwester Grete. Man hatte sie, seit beide Eltern gestorben waren, in Roberts Hause wenig besser gehalten als eine Magd. Nun jubelte ihr treues Herz, daß sie dem Liebling den Haushalt führen sollte. Mit ihm besuchte sie noch einmal das Grab der guten Muhme; dann ward allerlei geringer, alter Hausrat, den niemand mehr mochte, auf den Wagen geladen, und die beiden hielten still und glücklich ihren Einzug ins Leutpriesterhäuschen.