4. Der Goldschmied und sein Haus.
Als Thomas bei seiner letzten Bettelfahrt den Leichenzug vor des Goldschmieds Hause gesehen, hatte er zwar den Tod der lieblichen Frau herzlich beklagt, aber doch von der Größe und Tiefe der Wunde, die Gott in des Mannes Herz geschlagen, keine Ahnung gehabt. Der Klosterzögling wußte ja nichts von der Liebe, die zwei Herzen so verbindet, daß sie eigentlich nur ein Herz sind. Wird dies Band zerrissen, so lernt sich der Zurückbleibende wohl nach langem, heißen Kampf in Gottes Willen ergeben, doch bleibt sein Herz zerbrochen. Ein Teil ist emporgeschwebt zu Gottes Herz, das andere irrt sehnend und suchend unter den Menschen umher, die es, ach! so selten verstehen.
Der einzige irdische Trost des einsamen Mannes war das lieblich heranwachsende Töchterlein Anna, das an Leib und Seele der Mutter ähnlich zu werden versprach. Am Lehnstuhl, und später am Lager der Mutter, hatte das wohlbegabte Mägdlein lesen und schreiben und noch mancherlei Schönes und Gutes gelernt. Jetzt führte es der Vater selbst weiter, so gut er vermochte, da er sich durchaus nicht von ihm trennen wollte, und die Klosterschulen, in denen man Mägdlein höherer Stände erzog, nicht leiden konnte. Ueberhaupt mißfiel dem tätigen, tief denkenden Manne das müßige Leben der Mönche und Nonnen aufs höchste.
Damit es aber der kleinen Anna auch nicht an leiblicher Pflege und Anleitung zu häuslichen Tugenden fehlen möge, hatte der wackere Mann schon vor mehreren Jahren, als sein liebes Weib anfing zu kränkeln, die Witwe eines seiner Gehilfen ins Haus genommen. Ihren einzigen Sohn Gottfried, einige Jahre älter als Annchen, durfte sie mitbringen. Freundlich, gehorsam, sanftmütig und dabei doch männlichen, ritterlichen Sinnes, ward er der lebhaften Kleinen ein williger Spielgefährte und wackerer Beschützer. Das war der hübsche blonde Junge, den Thomas unter den Säulen gesehen. Aber wer war wohl der hitzige Schwarzkopf mit den feurigen Augen? Den hatte der Goldschmied eines Tages mit heimgebracht, und nur wenige wußten, wo und wie er ihn aufgefunden. Um es genau zu berichten, muß man ein wenig weit ausholen.
Seit dem Jahre 1519 regierte der deutsche Kaiser Karl V. über die Niederlande, die vorher unter burgundischer Herrschaft gestanden, aber wegen ihrer vielen Freiheiten und Privilegien fast für einen Freistaat gegolten hatten. Karl V. aber ward nach seines Vaters, Philipp des Schönen, Tode Erbe der Niederlande und der österreichischen Hausmacht; von seiner Mutter aber erbte er Spanien und die neuentdeckten Länder Amerikas. Mit Recht sagte man daher, in seinem Reiche gehe die Sonne nicht unter. Karl war in den Niederlanden geboren, liebte das geistig hochstehende, gewerbfleißige und biedere Volk, und ward, wenigstens in der ersten Hälfte seiner Regierung, auch von ihm geliebt. Nur die ungeheuern Geldsummen, die er von diesen seinen reichsten Untertanen als Steuern forderte, erregten zuweilen den Unwillen der Bevölkerung. Damit dieser nun nicht in offene Empörung ausarten möchte, hielt der Kaiser stets eine Macht spanischer Soldaten unter Waffen, die dem unkriegerischen Handelsvolk gewaltigen Respekt einflößten.
Als der Goldschmied einst am Hafen auf und nieder ging, um allerlei Geschäfte abzutun, war eine große Menschenmenge versammelt, um der Abfahrt eines Schiffes zuzuschauen, das eine Schar spanischer Soldaten in ihre Heimat zurückbringen sollte. Als das Fahrzeug endlich mit geschwellten Segeln dahinglitt, die Menge sich zerstreute, und der Lärm aufhörte, vernahm der Goldschmied das laute, bitterliche Weinen eines Kindes. Er schaute um sich und sah auf einem Stein einen schwarzlockigen Knaben sitzen, dessen kleiner, zarter Körper von heftigem Schluchzen erbebte, während die Tränen zwischen den vorgehaltenen Händen herausdrangen. Das war mehr, als der brave Mann ertragen konnte.
»Was fehlt dir, armes Kind?« fragte er, die Hand auf den struppigen Schwarzkopf legend.
»Was geht's Euch an?« war die mürrische Antwort. »Ihr helft mir doch nicht!«
»Gern will ich dir helfen; nur mußt du mir erst dein Leid klagen. Hast du vielleicht Hunger?«
Der Junge richtete sich auf, schüttelte den Kopf und sprach: »Aus Hunger mach' ich mir nicht viel; hab' ihn schon oft gehabt. Aber dort«, fuhr er fort, nach dem dahineilenden Schiffe zeigend, »dort fährt sie ins Heimatland, und mich hat sie verlassen! Schon oft nannte sie mich eine Last, einen Kobold, einen kleinen Teufel!«
»Wer nannte dich so?«
»Nun, meine Mutter, die den Soldaten Brot und Fleisch verkauft und viel Wein einschenkt. Sie schickte mich in die Stadt zurück, um etwas zu holen, und als ich wiederkam, war das Schiff fort.«
»Wer ist denn dein Vater?«
»Hab' nie einen gesehen! Wird wohl tot sein oder weg! Ich wollt', ich wär' auch tot und läg' im Grund; das Leben ist schlecht!«
Diese, für ein junges Kind so unnatürliche Rede ging dem wackeren Mann tief zu Herzen.
»Armes Kind!« sprach er. »Komm mit; du sollst wenigstens zu essen haben und ein Lager für die Nacht. Wie heißt du?«
»Carlos. Ich bin ein Spanier«, erwiderte der Junge stolz. »Eure häßliche Sprache hab' ich erst hier gelernt; die unsere ist viel schöner.«
Nachdem Carlos in des Goldschmieds Küche gegessen und in einem Nebenkämmerlein seinen Kummer ausgeschlafen hatte, fragte er nicht, ob er dableiben dürfe, sondern blieb eben da und war gleich daheim in den Wirtschaftsräumen des Hauses. Wenn er wollte, konnte er dem Gesinde hurtig und geschickt zur Hand gehen; wollte er nicht, so war nichts mit ihm anzufangen. Auch in der Schule, die er mit Gottfried besuchte, lernte er zuweilen mit großem Eifer, um dann wieder eine Zeitlang mürrisch und verschlossen einherzugehen. Oft zeigte er Leidenschaft und Rachsucht, dann aber wieder ein stürmisches Verlangen nach Liebe und Freundschaft.
Solange Frau Elsbeth, die holde Gemahlin des Goldschmieds, noch im Hause waltete, übten ihre sanften Ermahnungen und ihr liebreiches Wesen auch auf den kleinen Wildling einen wohltätigen Einfluß. Vor ihrer ernsten, freundlichen Rede schmolz sein Trotz; er versprach alles Gute und hielt es auch wirklich eine Zeitlang.
Als sich aber ihr Leiden verschlimmerte, hatten die Knaben keinen Zutritt mehr zu ihr; nur Annchen saß zu ihren Füßen und war nur selten zu bewegen, auf kurze Zeit ins Freie zu gehen. Bald überließ auch der Goldschmied Werkstatt und Verkaufsplatz seinen treuen Gehilfen, um sich ganz der Pflege der geliebten Kranken zu widmen. Im Haushalt aber waltete Gottfrieds Mutter nun unumschränkt und weit strenger als die nachsichtige Hausfrau. Dem stolzen Bettelbuben, dem Carlos, war sie gar nicht gewogen; war er doch in allen Stücken das Gegenteil von ihrem treuherzigen, gehorsamen Sohne. »Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen«, diesen Wahlspruch wandte sie mit aller Strenge auch auf Carlos an. Hatte er die aufgetragenen Geschäfte für unter seiner Würde gehalten, nun wohl, so gab's auch keinen Platz für ihn am Tische, und sein Schüsselchen blieb leer. Dann schmiedete er wohl allerlei Fluchtpläne; aber wo sollte er hin? Arbeitete in dieser verhaßten Stadt nicht alles? Saßen nicht kleine Knaben und Mädchen auf den Steinsitzen vor den Häusern, mit allerlei mühsamer Arbeit beschäftigt? Liefen sie nicht schon am frühen Morgen scharenweise in die Spinnereien und Tuchfabriken, um sich mit den emsigen Händlein ihr Brot zu verdienen? O, wenn er wieder heim könnte nach Spanien! Er hatte eine schwache Erinnerung, daß er dort als ganz kleiner halbnackter Bube unter dunkelgrünen Bäumen im Gras gelegen, den tiefblauen Himmel angeguckt und süße Früchte gegessen hatte. Freilich war sein Hemdchen schmutzig und zerlumpt gewesen, aber das schadete ja nichts! Wie, wenn er sich auf ein Schiff schliche und erst zum Vorschein käme, wenn es weit draußen auf der See war? Aber was würde man dann mit ihm tun? Vielleicht halbtot schlagen oder gar ins Wasser werfen? Hu, wie schrecklich! Ach ja, Stolz und Mut sind nicht immer beisammen; und der kleine stolze Spanier war im Grunde ein Feigling! So blieb ihm nichts übrig, als sich mit innerlichem Groll der Zucht des Hauses zu fügen, dem er so viel verdankte.
Indessen senkte sich die schwere Wolke der Trauer, die über diesem Hause schwebte, tiefer und tiefer herab. Sehr, sehr still, aber friedlich und freundlich lag die Kranke. Ein Wort der Liebe für Mann und Kind war das einzige, was noch über ihre bleichen Lippen ging. Endlich aber ward die Sterbende unruhig; die schönen Augen blickten angstvoll umher, und oft entrang sich ein schwerer Seufzer der schwachen Brust.
Eines Morgens bat sie, ihren Beichtvater zu holen, daß er ihr die Sterbesakramente reiche. Bald stand der alte, milde Priester, der sie getauft, ihr die Erstkommunion gereicht, und sie auch dem Gemahl angetraut hatte, an ihrem Lager. Der Sitte gemäß ließ man die beiden allein. Der traurige Gatte wunderte sich nicht, daß es lange dauerte, ehe der Mann wieder herauskam, da er die heiligen Handlungen mit Ernst und Feierlichkeit zu verrichten pflegte. Endlich trat er tiefbewegt zu dem Goldschmied, reichte ihm die Hand, sprach einige teilnehmende Worte und entfernte sich. Aus dem Antlitz der Kranken aber war alle Angst verschwunden. Sie lag mit gefalteten Händen, die Lippen bewegend wie im leisen Gebet. Endlich erhob sie die lieben Augen zu dem Gemahl und sprach leise:
»Traure doch nicht zu sehr, du Inniggeliebter! Ich weiß ein wunderbares Geheimnis, das mir Pater Anselmus verriet. Ich soll es niemand sagen. Du bist niemand, denn du bist mein zweites Ich! — Mir war so bange vorm Sterben! Dich und das Kind verlassen, vor den heiligen Gott treten! O wie schwer erschien es mir! Meine Sünden ängstigten mich so sehr!«
»Deine Sünden, Geliebte? Ich weiß nichts von ihnen! Hold und rein gingst du durchs Leben, Liebe und Güte spendend«, sprach der Mann, ihre Hand streichelnd.
Sie aber schüttelte das schwache Haupt. »Gott siehet das Herz an«, sprach sie leise. »Vor Ihm, dem Heiligen, ist niemand rein! Erst wenn der Weg zu Ende geht, sieht man, wie oft man gestrauchelt hat! Der Pater verwies mich auf die Fürbitte der Heiligen, auf Almosen und Seelenmessen. Wie sollte das die Sünden tilgen? Meine Angst war groß! Da sprach er zögernd: ›Mein Kind, so wende dich zu dem größten Heiligen, zu dem HErrn Christo selber! Bete noch einmal mit mir das Agnus Dei! Der die Sünden aller Welt trug, trug auch die deinen! Der da sprach: »Es ist vollbracht!« vollbrachte auch deine Erlösung!‹ O mein Geliebter! Das brachte mir Frieden! Ich will nichts vor Gott bringen als Seines Sohnes Verdienst. Das wird Er nicht verschmähen.«
Das Sprechen hatte sie sehr ermattet. Noch ein paar Tage lag sie still und friedlich, und entschlummerte dann sanft wie ein Kind im Mutterarm.
Ueber zwei Jahre waren seitdem vergangen, aber noch immer wandelte der Goldschmied manche Nachtstunde in seinem Gemach auf und nieder, weinend und händeringend. Ach, es war ihm zumute, als sei sein Herz entzweigeschnitten, und eine Hälfte davon mit ins Grab gelegt. Die andere aber, wund, krank und blutend, mußte er nun mit sich herumtragen bis zum Ende! Ja, die erste Zeit nach dem Tode der Geliebten war keineswegs die schwerste gewesen! Ihr sanftes, seliges Scheiden hatte den Schmerz in Schranken gehalten; sein Kind, sein ganzes Haus, ja alle Freunde hatten mit ihm getrauert und sich noch oft liebend der Entschlafenen erinnert. Es war ja damals noch nicht die Zeit, da es für unpassend gilt, von den Toten zu sprechen! Dennoch war die Teilnahme nach und nach schwächer geworden. Die Freunde erlebten neues Glück und neues Leid; ja, selbst das Töchterlein ward wieder fröhlich bei Spiel und Arbeit, wenn es auch noch oft und gern von der lieben Mutter sprach. Er selbst fühlte, daß er, eben um des Kindes willen, ins tätige Leben zurücktreten müsse. So saß er wieder in der Werkstatt, mit kunstgeübter Hand neue Muster und Formen erfindend und aufzeichnend zu allerlei kostbarem Schmuck und Gerät. Geduldig schliff er die funkelnden Edelsteine und beobachtete das Schmelzen der edlen Metalle.
Aber zuweilen fuhr er auf, barg das Gesicht in die Hände, und schwere Seufzer entrangen sich seiner Brust. Ach, es war ihm gewesen, als berühre eine liebe, leichte Hand seine Schulter; als mahne ihn eine holde Stimme, doch nicht allzu eifrig und allzulange zu arbeiten. Dann sprang er auf, winkte hastig einen Gehilfen an seine Stelle, und lief, die Hände vors Gesicht schlagend, hinauf in die Wohnräume, um seinem Schmerz freien Lauf zu lassen.
Dort oben war's früher oft prächtig und lebhaft zugegangen, da viele der Fremden aus allen Ländern, die damals in Antwerpen ab- und zureisten, in van der Groots Hause Unterkunft und köstliche Bewirtung gefunden hatten. Jetzt aber war's still geworden, da nicht jeder gern in einem Trauerhause einkehrt. Nur einige deutsche Kaufleute, ernste, sinnige Männer, stellten sich noch dann und wann ein, und jeder versuchte nach seiner Weise dem Hausherrn Trost zuzusprechen. Dieser erfüllte zwar die Pflichten der Gastfreundschaft mit edlem Anstand, war aber meist froh, bald wieder mit seinem Kinde und seinem Schmerze allein zu sein.
Für Annchen war es oft recht schwer, daß der liebe Vater so lange traurig und gedrückt blieb. Gott hatte ihr ein heiteres, sonniges Gemüt gegeben, und sie hätte den Geliebten so gern, ach, so gern wieder heiter gesehen. Ach, das gute Kind hatte wochenlang tief genug getrauert, war bleich und elend geworden vor Sehnsucht nach dem Mütterlein, und hatte oft bitterlich weinend das Gesichtchen an des Vaters Brust geborgen. Das hatte ihn so gejammert, daß er ihm endlich das Geheimnis des alten Priesters verriet. Mit lieblichen Worten schilderte er ihm den himmlischen Paradiesgarten, wo die Mutter nun im Lichtkleid wandelte, in den Gesang der Engel einstimmte und mit ihnen anbetend vor dem Thron des Heilandes kniete, ganz befreit von Krankheit, Not und Schmerz! Und o Wunder! Was der Mann kaum zu glauben wagte, erfaßte das Kind sofort. Der Vater sagte es; da mußte es ja wahr sein! Es lächelte unter Tränen und sprach verwundert:
»O, warum sagst du mir das erst heute? So darf ich ja wieder fröhlich sein, wenn's lieb Mütterlein so sehr gut hat! Gelt, nun wird sie nimmer krank? Und nicht wahr, herzer Vater, uns holt Gott auch bald in den schönen Himmelsgarten?«
Des Vaters Mund sprach ein zögerndes »Ja«, aber sein Herz blieb in Unruhe und Zweifel. Nun sah er, wie das Mägdlein allmählich wieder heiter ward, sein Püppchen liebkoste, sein kleines Gartenbeet im Hofe pflegte, ja endlich den bunten Ball wieder in die Luft warf, hüpfte und jauchzte. Doch belauschte er es auch einmal, als es, vor seinem Bettchen knieend, Gott unter Tränen bat, es nun recht, recht bald in den Himmelsgarten zu holen, da es sich oft sehr, o so sehr! nach Mütterlein sehne. Das Kind glaubte des irdischen Vaters Wort! Ach, warum redete der himmlische Vater nicht auch zu ihm, damit sein gequältes Herz endlich Ruhe finde?
Einmal, es war im dritten Sommer nach dem Tode der Geliebten, trat der Goldschmied, einen Brief in der Hand, freudig erregt in das Stübchen der Haushälterin. »Sputet Euch, gute Frau Berta«, sprach er; »mir ist Kunde geworden, daß mein lieber Jugendfreund, Hans Burkhardt, der sich in Magdeburg niedergelassen hat, unsere Stadt besuchen und einige Zeit in meinem Hause verweilen will. Sorget, daß das beste Gastgemach für ihn bereit sei, und bringt auch etwas Gutes auf den Tisch. Annchen wird, wie immer, an meiner Seite sitzen; die Knaben mögen in zierlicher Kleidung aufwarten. Mein Freund ist zu ansehnlichem Reichtum gelangt, und hat, wie man sagt, einen vornehmen Haushalt.«
Alsbald entfaltete sich in dem sonst so stillen Hause eine gewaltige Tätigkeit. Ueberall, auch an Orten, die der Gast keinesfalls betreten würde, ward geputzt, gescheuert, gefegt und gelüftet. In der Küche duftete es nach allerlei guten, seltenen Dingen, und das allerbeste Tischgerät ward nach langer Ruhe ans Tageslicht gebracht und blitzblank geputzt.
Die nun vierzehnjährigen Knaben hatten die Schule verlassen, arbeiteten in der Werkstatt und leisteten nach damaliger Sitte dem Hausherrn allerlei Dienste, zu denen auch das Aufwarten bei Tische gehörte. Gottfried tat es gern und geschickt; Carlos nachlässig und mit bösem Gesicht, da er es tief unter seiner Würde hielt. Dabei war er aber nicht zu stolz, die Schüsseln heimlich zu benaschen, und manches Stück Backwerk in der Tasche verschwinden zu lassen.
Endlich kam der Gast. Ein hochgewachsener Mann mit blondem Haar und Bart, frischen Wangen und hellen, klugen, überaus freundlichen Augen. Das Wiedersehen war zwar freudig, aber auch sehr wehmütig. Nachdem der Reisende ein Bad genommen, und mit bequemem Hausgewand versehen worden war, führte ihn der Freund hinauf in das beste Gemach, den sogenannten Saal, wo der Tisch aufs zierlichste zum Abendessen gedeckt war. Hier empfing ihn auch das nun zwölfjährige liebliche Annchen mit schüchterner Verneigung. Er aber zog es an sich, drückte einen väterlichen Kuß auf die weiße Stirn und sprach zu dem ernsten Freunde:
»Da hat dir Gott ein Trostengelein gelassen. Das Kind ist ja das Ebenbild der Entschlafenen! Nun freue dich auch sein, und laß mich ein Lächeln auf deinem Angesicht sehen.«
Der Goldschmied aber schüttelte traurig das Haupt. »Wohl ist sie mir ein Trost; doch kann ich ihr die Mutter nimmer ersetzen. Mein Haar wird grau, und der Schmerz zehrt mir am Leben. Was wird aus ihr werden, wenn ich sie mutterlos verlassen muß?«
»Armer Freund«, erwiderte der Gast; »sprichst du doch, als gebe es keinen barmherzigen Gott!«
Der Wirt antwortete nicht, sondern nötigte zur Mahlzeit. Der hungrige Reisende ließ sich's wohlschmecken und erzählte dabei so frisch und fröhlich von allerlei Erlebnissen, daß alle mit Vergnügen zuhörten.
»Du hast da einen hübschen Jungen«, sagte Meister Burkhardt endlich, als beide Knaben das Gemach verlassen hatten, um den Nachtisch aus der Küche zu holen.
»Meinst du den Blonden oder den Schwarzen?«
»Ei, den Blonden! Den Schwarzen tät' ich noch heut aus dem Hause, wenn ich an deiner Stelle wäre.«
»Du bist hart! Er ist ein verlassenes Kind, und dies Haus seine einzige Zuflucht.«
»So hüte dich wenigstens vor ihm; er hat einen falschen Blick.«
Nun traten die Knaben wieder ein. Gottfried trug eine kostbare Kristallschale, worin Früchte und feines Backwerk zierlich geordnet waren; Carlos einen herrlichen Goldpokal, mit dem besten Wein gefüllt. Ganz gegen seine Gewohnheit schien er etwas befangen zu sein. Der Fußboden war blank und glatt; der Pokal groß und schwer. So konnte es geschehen, daß Carlos plötzlich ausrutschte, mit seiner Last zu Boden fiel, und der edle Wein sich über den Flur ergoß.
»Tölpel«, rief der Goldschmied erzürnt. »Aber wie? Bist du auch ein Näscher?«
Ach ja; im Fallen hatte sich der Gurt gelöst, der das Sammetwams des Jungen zusammenhielt, und aus seinen Falten und Taschen rollten etliche der herrlichsten Früchte und einige Stücke Konfekt. »Geh hinaus!« befahl der Hausherr. »Du wirst deiner Strafe nicht entgehen.«
Obgleich die Haushälterin mit Gottfrieds Hilfe die Spuren des Unfalls schnell vertilgte, war doch die heitere Stimmung gestört. Vom Nachtisch ward nur wenig gekostet, und Annchen bald aus dem Zimmer geschickt.
Als die Freunde in bequemen Armsesseln am lodernden Kaminfeuer saßen, das man auch an Sommertagen gern anzündete, kam das Gespräch bald wieder auf den schweren Kummer des Goldschmieds zurück.
»Wenn ich nur ganz gewiß wüßte«, seufzte der Trauernde, »daß es der Geliebten nun wohl ist, und daß ich sie einst wiedersehen werde, so wollte ich mich wohl trösten. Aber das ist eben das Schreckliche, daß uns die Kirche durchaus nichts Sicheres bietet. Wie kann man jemals wissen, ob man genug gegeben, gebetet und gebüßt hat? Wie kann man sich auf die Fürbitte der Heiligen verlassen, die doch auch nur Menschen waren? Es ist alles unter dunkelm Schleier verborgen! Dazu kommt, daß mein Mißtrauen gegen die Priester mehr und mehr wächst. Führen sie doch meist ein träges, unnützes, ja wollüstiges Leben. Seit der fromme alte Beichtvater meiner geliebten Frau ihr so schnell im Tode nachgefolgt ist, habe ich zu keinem mehr Vertrauen.«
»Schriebst du mir nicht, er habe sie in der letzten Not zu Christo gewiesen, und sie sei daraufhin sanft entschlafen?«
Der Goldschmied neigte zustimmend das Haupt.
»So tue ein Gleiches«, rief der Freund. »Halte dich an das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt, so bist du jetzt schon im Glauben wieder mit ihr vereint.«
»Wie kann ich?« seufzte der andere. »Wie mag ich sündiger Mensch mich dem erhabenen Himmelskönig und Weltenrichter unvermittelt nahen? Und ich kenne Ihn ja nicht; ich weiß nur sehr, sehr wenig von Ihm! Ach, mein Kind sieht in harmlosem Glauben die Mutter im Paradiese wandeln, weil ich ihm die Botschaft des alten Priesters anvertraute. Aber wo vernehme ich armer Sünder die Stimme des Trostes?«
»Mein Freund«, fragte der Gast nach einigem Zögern, »bietet dein Haus wohl ein Kämmerlein, einen Winkel oder irgend ein Gelaß, wo kein neugieriges Auge, kein lauschendes Ohr zu fürchten ist?«
Der Goldschmied nickte, trat in eine Ecke des Gemachs, bückte sich nieder und drückte auf eine in der Wand verborgene Feder. Ganz geräuschlos fuhr ein Teil der Wandbekleidung zurück, und es zeigte sich eine Oeffnung, eben groß genug, einen Mann einzulassen. Beide schlüpften hindurch, und der Wirt entzündete eine kleine silberne Lampe, die einen zwar engen, aber behaglichen Raum erleuchtete. Ein Tisch, einige Sessel und ein niedriges Schränkchen bildete die ganze Einrichtung.
»Hier bewahre ich zuweilen besondere Kostbarkeiten auf«, erklärte der Freund. »Hier führe ich manch mühsame Arbeit aus, deren Kunstgriffe mir allein bekannt sind. Hier überwinde ich auch manche Stunde tiefster Trauer, wo ich niemand, ja selbst nicht mein Kind sehen mag.«
»Und hier«, erwiderte der Gast, »sollst du von nun an den größten Schatz der Welt bewahren, und den süßesten Trost für deinen Schmerz finden!«
Damit nahm er ein in Leder gebundenes Buch aus dem verschlossenen Reisesack, den er eilend aus dem Gastgemach geholt, legte es auf den Tisch und schlug den Titel auf. Es war das Neue Testament in Doktor Luthers Uebersetzung. Der Goldschmied aber erbleichte und sah sich ängstlich in dem schmalen Gelaß um, als könne doch irgendwo ein Lauscher verborgen sein.
»Um aller Heiligen willen, mein Freund; was wagst du? Weißt du nicht, daß das Lesen dieses Buches, sowie aller Schriften des deutschen Doktors und seiner Genossen in diesem Lande bei furchtbaren Strafen verboten ist? Ach, wie viele schmachten in feuchten Kerkern, wie viele starben schon durchs Schwert, durchs Feuer, ja auf noch grauenhaftere Weise, nur weil sie diese Schriften gelesen hatten!«
»Wohl weiß ich das, Geliebter! Aber ich weiß auch, daß viele Tausende den Frieden ihrer Seele und den sicheren Weg zum Himmel darin fanden. Ich weiß, daß die, die es mit dem Leben büßen mußten, nun selig ruhen in Gottes Arm und Schoß! Erlaube mir nur heute, dir an diesem sicheren Ort daraus vorzulesen; magst du das Buch dann nicht als Gastgeschenk behalten, nun, so nehm' ich's eben wieder mit! Im lieben Magdeburg ist's, gottlob! in aller Händen; und in den Kirchen wird das süße Evangelium frei gepredigt.«
Noch einmal prüfte der Hauswirt den geheimen Verschluß des Raumes, dann ließ er sich, bleich und ängstlich, aber doch erwartungsvoll, neben dem Freund nieder. Zuerst übermannte ihn die Furcht noch öfter. Er lauschte; ja, der starke, sonst so feste Mann bebte vor Angst und Erregung! Nach und nach aber, als alles still blieb, und er wußte, daß die Hausgenossen in tiefem Schlaf lagen, ward er ruhiger und hörte immer gespannter dem Freunde zu, der zuweilen das Lesen unterbrach, um einige erklärende Worte zu sprechen.
Vor dem geistigen Auge des Goldschmieds aber entfaltete sich das Bild des Gottessohnes, den er bisher für einen unnahbaren Himmelskönig und schrecklichen Richter gehalten hatte. Er sah Ihn arm und gering durchs Leben wandeln als Arzt der Kranken, als Tröster der Betrübten, als Helfer der Armen, besonders aber als Heiland der Sünder! »Fürchte dich nicht; glaube nur!« »Stehe auf, gehe hin; dein Glaube hat dir geholfen!« O welch köstliches Kleinod mochte dieser Glaube sein! Der Freund besaß ihn und nannte ihn sein höchstes Gut, für das er alles, alles, ja sogar sein Leben hinzugeben bereit sei.
So sprachen die beiden bis tief in die Nacht hinein, und ringsum war alles still. Doch nicht alles! Leise, leise hatte sich gegen Mitternacht die Tür des großen Zimmers geöffnet, und Carlos war im bloßen Hemd hereingeschlichen, ein Lämpchen in der Hand. Ach, als ihm das Naschwerk aus dem Gewand fiel, war auch ein Geldstück aus seiner Tasche gerollt, das er heimlich entwendet. Das suchte er nun ängstlich, da er wohl wußte, daß man ihn sogleich aus dem Hause jagen werde, wenn es bekannt ward, daß er nicht nur ein Näscher, sondern auch ein Dieb war. So kroch er leise, leise am Boden umher, mit dem Lämpchen leuchtend. Und, o Glück! da lag das Silberstück in einem Winkel! Horch! Was war das für ein leises Geräusch? Klang es nicht, als spräche ein Mensch ganz leise, ganz ferne? Nun, was ging es ihn an? Hatte jemand ein Geheimnis, ei, er hatte auch eins!
Geräuschlos schlüpfte er in die Kammer, die er mit Gottfried teilte, der in festem Schlafe lag. Er bückte sich in einem Winkel nieder und entfernte ein Stück des Holzgetäfels, mit dem die Wand bekleidet war. Es zeigte sich eine kleine Höhlung, die er durch Entfernung eines Mauersteins zustande gebracht. Ei, wie es darin blitzte und funkelte! Geldstücke, Klümpchen edlen Metalles, kleine wertvolle Steinchen und Perlen, Gold- und Silberfäden und Stücklein glänzender Borten, dies alles stak festgedrückt in dem Loch, als habe es ein diebischer Rabe zusammengetragen. Nachdem Carlos seine Augen daran geweidet, die Holzplatte wieder vorgeschoben und das Licht ausgelöscht hatte, huschte er ins Bett und gab sich noch lange glänzenden Träumen hin. O, wenn es nur erst reichte zur Fahrt über das Weltmeer nach den neuentdeckten Ländern! In wenig Jahren würde er ein Mann sein, und dann wollte und mußte er dort hinüber. O welche Wunderdinge erzählte man am Hafen, wo er sich so oft als möglich herumtrieb, von jenen Ländern! Welch unermeßliche Schätze gab's da zu heben! Mit welch unumschränkter Gewalt herrschten die Spanier über die Ureinwohner des Landes und rissen ihre Reichtümer an sich ohne alles Erbarmen! Freilich hörte er auch, daß viele dabei jämmerlich zugrunde gingen. Er aber würde sicher zu hohen Ehren und unermeßlichem Reichtum gelangen!
Ja, der elende Feigling Carlos hielt sich für einen großen Helden, weil er den Mut hatte, aller Zucht und Ermahnung zu trotzen. Dennoch zitterte er am andern Morgen aus Furcht vor der Strafe, die ihm der Hausherr wegen seiner Näscherei angedroht. Sie blieb jedoch aus. Des Goldschmieds Herz war viel zu bewegt, viel zu beglückt, um noch an den kleinen Zwischenfall zu denken.
Am Nachmittag aber sprach er zu seinem Gast: »Willst du mich wohl auf einen Spaziergang begleiten? Du weißt, ich hatte von jeher die Gewohnheit, fern vom Geräusch der Stadt zwischen Feldern und Gärten Erholung von der Arbeit zu suchen. Mag man darüber lächeln; ich lasse mich dadurch nicht stören. Heute habe ich ein besonderes Ziel. Weit draußen, in der Nähe des Hafens, habe ich ein altes, halbverfallenes Gemäuer erworben und lasse es zu einem Sommerhäuschen umbauen, damit Annchen sich an Blumenduft und Vogelgesang ergötzen, und die warmen Monate in frischer, freier Luft zubringen kann.«
Wacker schritten die Freunde zum Tore hinaus, und Meister Burkhardt ergötzte sich an den reichen, wogenden Feldern, den herrlichen Blumengärten und Obstpflanzungen, die man durchwandelte. Sagte man doch damals, die Niederlande seien ein einziger großer Lustgarten, weil jeder noch so kleine Landstrich wohl angebaut und sorgfältig gepflegt war. Endlich führte ein schmaler Pfad ein wenig aufwärts, und es zeigte sich zwischen allerlei Buschwerk ein kleines altertümliches Gebäude mit vorgeschobenem runden Wartturm. Eine Anzahl Männer war mit Abtragen verfallener Mauern und Ausbauen wohlerhaltener Wände beschäftigt.
»Sieh«, sprach der Goldschmied, »das ist meine kleine Burg! Ehemals sollen Strandräuber hier gehaust haben, um nahende Schiffe zu beobachten. Steige nur bis zum Türmchen empor, so wirst du dich an dem Ausblick ergötzen!«
Ja, da bot sich dem Auge ein herrliches, mannigfaltiges Bild! Am Abhang lagen die Hütten eines Fischerdorfes, aus deren Mitte sich ein altersgraues Kirchlein erhob. Auch hier war jedes Stückchen Land nutzbar gemacht, und fast jede Hütte von einem Gärtchen umgeben. Obstbäume waren angepflanzt und Wege geebnet, auch auf die Gefahr hin, daß dann und wann eine Hochflut das mühsame Werk zerstören werde. Zur Rechten erblickte man in nicht zu weiter Entfernung den Hafen mit seinen unzähligen Masten und Segeln; weiter hinaus sah man Schiffe dem Meere zueilen.
»Uebers Jahr soll's, so Gott will, wohnlicher hier aussehen«, sprach der Goldschmied, den Freund aus der Nähe der Arbeiter führend. »Da ist mein Schlößlein fertig, und Annchen soll zwischen Blumen lustwandeln. Wie wohl wird mir's tun, zuweilen das Geräusch der Stadt zu verlassen, und besonders die Sonntage hier zu verleben! Einmal besuchte ich schon das Kirchlein, und es gefiel mir ausnehmend darin. Obgleich der junge Leutpriester erst ein Jahr lang hier ist, hat er doch schon Wunder geschafft. Sieh nur, wie nett und blank sein Häuschen zwischen den jungen Obstbäumen hervorsieht! Ehemals sah's schwarz und vernachlässigt aus. Auch um die Hütten her ist alles sauberer geworden. Und seine Predigt!« fügte er leise hinzu. »Man möchte fast denken, er habe einen Blick in dein Buch getan! Hier draußen werde ich es auch recht ungestört lesen können.«
»Tue das nicht«, warnte der Freund. »Laß es ruhig in dem sicheren Versteck! Nimm es nie heraus; es sei denn, daß seine Lehren in der Stadt anerkannt werden. Bald wird sein Inhalt in deiner Seele so lebendig sein, daß du es geistigerweise immer mit dir herumträgst.« —
Vier Wochen lang weilte Hans Burkhardt in Antwerpen, den Tag über eifrig seine Geschäfte besorgend, am Abend aber den Freund immer tiefer in die tröstlichen, neues Leben schaffenden Lehren des evangelischen Glaubens einführend. Als er endlich schied, das kostbare Buch zurücklassend, war der Goldschmied ein anderer geworden. Obgleich er noch immer um die geliebte Gattin trauerte, öffnete er sein Herz doch dem himmlischen Troste. Er hatte die Stimme des Vaters gehört, und den Heiland gefunden, der dem Tode die Macht genommen hat.