1.

Die Glücklichen – so hatte Fräulein Rosa Hesse das junge Ehepaar getauft, welches, in Begleitung eines kleinen Töchterchens und einer ältlichen Dienerin, vor einigen Tagen seinen Einzug in das Pensionat Klinger gehalten hatte. Fräulein Rosa Hesse war der Schöngeist des Pensionats, sie hatte vor zwei Jahren eine Novelle in einem Familienjournal dritten Ranges erscheinen lassen, sie war in ihren Kreisen daheim in Frankfurt an der Oder als Gelegenheitsdichterin bekannt, sie las alles, wie sie mit besonderer Betonung zu versichern liebte … alles … und verschloß sich keiner Richtung in der Litteratur, weder der naturalistischen, noch der symbolistischen, denn Einseitigkeit war ihr ein Greuel.

Das Pensionat Klinger war bereits etwas zusammengeschmolzen, als das junge Ehepaar daselbst eintrat. Es war ein unfreundlicher, regnerischer Sommer gewesen. Klagen überall … aus der Schweiz – vom Salzkammergut her, wo der berüchtigte »Schnürlregen« tagaus tagein herabgoß – Klagen vom Ostseestrande und aus dem Engadin … Klagen endlich auch aus dem lieblichen Gebirgsnest in Süd-Bayern, in welchem man durch schönes Wetter sonst arg verwöhnt war.

Ein so reizendes Stück Erde! Tief gelegen – hoch gelegen, wie man's eben nehmen wollte, denn die zierlichen, wie aus der Spielzeugschachtel genommenen Häuschen kletterten hier waghalsig die Berge empor, versteckten sich dort eigenwillig unter breitästigen Obstbäumen tief drunten im Thal. Aber die Sonne fand sie alle und übergoß sie mit breiten Strahlenfluten hellen Goldes, und der Bergwind, wie er frisch und kühl vom Gebirge herunterfuhr, strich darüber hin – und ringsumher griffen die Berge wie die Glieder einer gewaltigen Kette ineinander … einige grün, dicht bewaldet, die anderen kahl und schroff, hoch oben nur mit kümmerlichem Fichtenwuchs bestanden, und etwelche unter ihnen stolz zu den Wolken aufragend, ewigen Schnee auf dem Haupt, und in den Falten des Obergewandes blauschimmerndes Gletschereis!

Das Klingersche Pensionat lag auf einer mäßigen Höhe, wie von einer willfährigen Hand gerade dort hingeschoben, um den schärfsten Blick, die weiteste Umschau halten zu können … ein solid gebautes Haus, mit Reben umklettert, mit hübschen Altanen, da und dort und mit einem Garten, der in Terrassen zu den hinter dem Hause gelegenen Bergen aufstieg. Das Haus genoß eines guten Rufes seit Jahren schon, man war vortrefflich dort aufgehoben, man erhielt für gutes Geld gute Speisen und wurde sehr aufmerksam bedient. Heuer war der Besuch mäßig gewesen, der andauernde Regen hatte die Leute zurückgehalten.

Jetzt aber, gegen das Ende des August, da die Abende schon länger wurden und der Sommer sich dem Ende zuneigte, schien die Natur sich zu schämen ob all' der Unbill, die sie der armen Menschheit angethan. Nun wurde es lau und wohlig, nicht mehr schnob der Wind mit höhnischem Pfeifen von den Höhen herab – die Gebirgshäupter zogen langsam die Schleier nieder und sahen leuchtend ins Thal, goldfunkelnd strömte der Sonnenschein über das gesegnete Stückchen Erde, und es gab ein Aufatmen überall: Gottlob, wir haben den Sommer geschenkt bekommen!

In das Pensionat flogen Briefe von nah und fern, gleich weißen Friedenstauben – die späten Sommergäste meldeten sich. Viele hatten das Vertrauen verloren und wagten sich nicht mehr aus den Städten heraus, aber wer den Mut gehabt hatte, bereute es sicher nicht, denn die köstliche Bergnatur lachte vom hellen Morgen bis zum Abend in ungetrübter Herrlichkeit!

Fräulein Rosa Hesse war sich anfänglich etwas verwaist vorgekommen. Ja, ja, das alte Ehepaar aus Westpreußen war gemütlich und gut, die zwei jungen Mädchen aus Dresden mit ihrem schwerhörigen Onkel schienen gut erzogen und legten ihr nichts in den Weg – aber war denn das ein Publikum für sie, den Schöngeist, oder ließ sich irgend etwas Romantisches, Anziehendes über diese Leute denken, die so ganz harmlos in den Tag hineinlebten, ihre Ausflüge besprachen, aßen, tranken und von höheren Interessen nicht den Schimmer besaßen?

Da war noch eine ältliche Dame aus Stettin in Pommern, die hatte ein feines, stilles Gesicht und kluge Augen … vielleicht hatte sie allerlei erlebt – aber sie ließ schwer an sich kommen. Sie schien leidend zu sein, suchte die Einsamkeit, grüßte sehr höflich, sprach mit sympathischer Stimme dann und wann ein paar Worte, die auch nichts besonderes sagten, und zog sich nach den Mahlzeiten sehr bald in ihr Zimmer zurück. Ein junger Handelsbeflissener, der mit den beiden älteren Herren zuweilen Skat spielte, und ein jüdischer Kaufmann aus Tarnopol vervollständigten die Gesellschaft – Fräulein Hesse ließ oft ihre Blicke mit stillem Seufzen über diese Tafelrunde gleiten und hielt sich mit Resignation an die ausgezeichnete Kost des Pensionates, obgleich materielle Dinge für ihre höher veranlagte Natur sonst wenig in Betracht kamen!

Da erschien wie eine Erlösung das junge Ehepaar.

Doktor Schott und Frau aus Augsburg, sagte das Fremdenbuch … aber Fräulein Rosas Inneres sagte viel mehr, ihre schlummernde Phantasie wurde wach und hob die Flügel – endlich, endlich Menschen, bei deren Anblick sich etwas denken ließ!

In der That, man brauchte kein Schöngeist und kein Enthusiast zu sein, um an diesen beiden ausgesuchten Exemplaren sein Wohlgefallen zu haben.

Die Frau, eine vornehme, zarte Erscheinung, lichtblond, wundervoll gebaut, mit köstlichen grauen, schwarzbewimperten Augen und einer Haut, wie weißer matter Samt – der Mann eine imposante Gestalt, gerade und stolz gewachsen, gleich einer Gebirgstanne, der dunkle Kopf mit dem schmal auslaufenden schwarzen Bart an einen Spanier mahnend.

»Er ist doch eigentlich eine Schönheit!« äußerte Fräulein Hesse zu der ältlichen Dame aus Stettin. Warum sie »eigentlich« hinzufügte, erklärte sie nicht näher, aber zwei Minuten später konnte man sie zu den jungen Mädchen aus Dresden wiederum sagen hören: »Die Frau ist entzückend – und er ist doch eigentlich eine Schönheit!«

Daß Fräulein Hesse den glühenden Wunsch im Busen trug, den Objekten ihrer Bewunderung näher zu treten, wird ihr niemand verargen. Sie stellte sich bei Tisch in aller Form vor und legte in Blick und Ton eine gewisse Ehrfurcht, wie sie, ihrer Meinung nach, zwei von der Natur so offenbar bevorzugten Wesen zukam … aber Herr und Frau Doktor Schott erwiesen sich als ziemlich zurückhaltend; sie gaben höflich Rede und Antwort, indes in knapper Form, sie schienen nicht gesonnen, sofort Bekanntschaften anzuknüpfen.

»Ich wette, die junge Frau stammt aus adligem Geschlecht!« bemerkte Fräulein Hesse zu den jungen Dresdenerinnen, mit denen sie sich nachmittags im Garten erging. »Solch' eine Art, den Kopf hoch zu tragen und vornehm von oben herab zu grüßen, hat nur der feudale alte Adel. Glauben Sie es mir, ich habe den Blick dafür!«

»Hast du das Medaillon gesehen, Helene, das sie um den Hals trägt?« fragte das ältere Fräulein die Schwester. »Brillanten mit Türkisen – himmlisch!«

»Gott, und dies ganz schlichte weiße Wollkleid, wie ihr das steht, und was für Spitzen das hatte!«

»Reich müssen sie sein – und dazu bloß so schlichtweg Doktor Schott!«

»Was für ein Doktor, möchte ich wissen!«

»Das kleine Mädchen heißt Erna!«

»Süßer Name und neuerdings sehr in Aufnahme gekommen! Oberst von Stahls Töchterchen heißt auch Erna!«

»Wenn wir etwas Näheres wissen wollen, müssen wir das Kindermädchen ausfragen. Diskret natürlich und so recht zutraulich, das ist für solche Leute das richtige!«

»Ach, Fräulein Hesse, wenn Sie das thäten!«

»Gewiß thue ich das! Mit allen Schichten der Bevölkerung den richtigen Ton treffen – verstehen Sie, mit allen – das ist das Siegel, welches eine umfassende Weltkenntnis uns aufdrückt – das ist das Geheimnis, das uns lehrt, in die Tiefen der menschlichen Natur zu dringen! Was mich treibt, ist nicht gemeine Neugier – nie dürfen Sie dies von mir denken! – es ist vielmehr der Drang, mich höher gearteten Wesen zu gesellen, sie zu erforschen und in ihrem Umgang meinem Dasein diejenige Abrundung zu verleihen, nach welcher der wahrhaft gebildete Mensch unablässig zu streben hat!«

Mit dieser wohlklingenden Sentenz verabschiedete sich Fräulein Hesse von ihren Begleiterinnen. Sie wäre wenig erbaut gewesen, hätte sie gehört, wie die jüngere Schwester zur älteren lachend sagte: »Ist doch 'ne verdrehte Schraube! Na, mir soll's recht sein, wenn sie etwas herausbekommt!« – Leider bekam sie nichts heraus.

Das Kindermädchen, eine ältere Person von stillem ernsten Aussehen, saß gegen Abend, während das junge Ehepaar einen weiteren Spaziergang unternahm, mit einem Strickzeug im Garten, die kleine Erna lud geschäftig Sand und Steinchen in einen buntgemalten Puppenwagen und blickte kaum auf, als Fräulein Hesse sie anredete: »Mein süßes kleines Mädchen, wie heißt du denn?«

»Erna Schott!«

Das dunkle Lockenköpfchen des Kindes wich unter der Berührung der fremden Hand, die schmeichelnd darüber hinstrich, zurück, die großen Augen blickten nicht ermutigend. Erna war sehr hübsch, eher dem Vater, als der Mutter ähnlich, und höchst zierlich und elegant gekleidet.

»Und kannst du mir auch sagen, wie alt du bist?«

»Drei Jahr und acht Monate!«

»Sieh, sieh, was du alles weißt! Und Doktor ist dein Papa?«

»Ja!«

»Ihr Herr ist wohl Arzt?« fragte Fräulein Hesse jetzt die Dienerin.

»Arzt ist Herr Doktor auch!« Die Person sah nicht auf und strickte emsig weiter.

»Mein Papa kann alles!« warf die Kleine selbstbewußt ein.

Fräulein Rosa lächelte wohlwollend.

»Du hast den Papa also sehr lieb?«

Erna warf mit einem Ruck den Kopf in die Höhe und sah die hartnäckige Fragestellerin mit einem merkwürdig erstaunten Blick an.

»Nun, meine Kleine?«

Das Kind blieb die Antwort schuldig und neigte sich wieder tief über den Puppenwagen, in den es mit beiden Händchen losen Sand füllte.

»Ist das kleine Mädchen immer so scheu?« wandte sich die Erforscherin der menschlichen Natur neuerdings an die Dienerin.

»Erna ist wenig an den Verkehr mit Fremden gewöhnt – Herr Doktor wünscht das auch nicht für sie!«

Das war deutlich! Fräulein Hesse war nah daran, sich zu entrüsten – schließlich – es war eben eine ungebildete Person, was konnte sie da verlangen!

»Ihre Herrschaft bleibt längere Zeit hier?«

»Ich weiß nicht!«

»Die gnädige Frau will vielleicht die Soolbäder hier gebrauchen.«

»Ich weiß nicht!«

»Adieu, mein Kind!« sagte Fräulein Hesse in hoffnungslosem Ton.

»Adieu!« sprach die Kleine in den Sandwagen hinein.

»Mach' einen Knicks, Erna, und sag' der Dame hübsch artig Lebewohl!« gebot die Wärterin.

Die Kleine gehorchte sofort. Sie richtete sich auf, wischte sich rasch entschlossen das sandige Händchen am Kleide ab und reichte es mit einem tiefen Knicks und einem artigen »Grüß Gott!« der Dame hinauf.

»Wir werden noch die besten Freunde werden, nicht wahr, mein Herzchen?«

Wieder flog ein langer, messender Blick zu Fräulein Rosa empor, dann schüttelte Erna stumm, aber nachdrücklich den Kopf.

»Nun, ich gebe die Hoffnung nicht auf. Zum Wiedersehen, meine Liebe!«

»Guten Abend!«

So endete Fräulein Rosa Hesses Versuch, in die untere Schicht der menschlichen Bevölkerung einzudringen.

»Es ist offenbar, die Leute isolieren sich absichtlich!« äußerte sie zwei Tage später gegen die beiden jungen Dresdenerinnen. »Diese endlosen Promenaden – diese großen Bergbesteigungen! Und bei Tisch so ganz miteinander beschäftigt, so total unzugänglich für alle anderen. Es muß ein ideales Glück sein, das sie so vollständig hinnimmt, ein Zustand völligen Ineinanderaufgehens – genau, wie es in dem Gedicht heißt: Vom ersten Kuß bis in den Tod sich nur von Liebe sagen! – Reich, schön, gesund, sich gegenseitig anbetend … beneidenswert! Die Glücklichen!«

»Ach Gott, ja!« seufzte Fräulein Helene noch. »Die Glücklichen.«

Fortan trug das junge Ehepaar diese Bezeichnung. Selbst der schwerhörige Onkel und das alte Ehepaar aus Westpreußen gewöhnten sich daran, die beiden so zu nennen.

»Sind die Glücklichen schon zurückgekommen?« »Haben Sie die Glücklichen heute bereits gesehen?« »Die Glücklichen wollen morgen früh nach der Klamm gehen!« So ging es in dem kleinen Kreise von Mund zu Mund – nur die alte Dame aus Stettin machte eine Ausnahme. Als ihr eine der jungen Mädchen kurzweg von »den Glücklichen« sprach, sah sie sie mit ihren klugen Augen an und sagte: »Sie meinen Doktor Schott und seine Frau? Ja, denen sind viele Bedingungen zu dem, was man im Leben Glück zu nennen gewöhnt ist, gegeben!«

Fräulein Charlotte Hartwig – so hieß das ältliche Fräulein – wohnte in einem Seitenflügel der Villa Klingen, nur durch einen schmalen Korridor von den Zimmern »der Glücklichen« getrennt. Man kam wenig miteinander in Berührung. Eine zufällige Begegnung – ein höflicher Gruß, hier wie dort – eine gelegentliche Bemerkung über das herrliche Wetter, über diesen oder jenen Ausflug, den man unternommen – das blieben die einzigen Beziehungen der neuen Nachbarschaft. Fräulein Hartwig sah das Ehepaar mit Interesse an, sie fand beide schön und anziehend – sich aber darum an sie heranzudrängen, das fiel ihr nicht ein.

Bei Tisch war der Doktor nicht so schweigsam, wie seine schöne Frau. Er thaute allmählich auf, es ergab sich, daß er weite Reisen gemacht hatte und in anschaulicher Weise darüber zu reden wußte. Zuweilen hielt er einen förmlichen Vortrag, dem die ganze Tischgesellschaft voll Andacht lauschte – er nahm jede Unterbrechung auch sichtlich sehr übel auf, und hatte eine Art, Einwürfe, die ihm hier und da gemacht wurden, zurückzuweisen, die, bei aller Verbindlichkeit, etwas mitleidig herablassendes hatte, als habe er Kinder vor sich, denen man ein eigenes Urteil nicht zutrauen dürfe, die man eben reden lasse, um sie nicht zu kränken.

Für seine schöne Frau war er voll Aufmerksamkeit. Nie vergaß er, für sie zu sorgen, ihr das schönste Obst auszusuchen, ihr Weinglas zu füllen, sorgsam Thür oder Fenster zu schließen, damit ihr kein Luftzug nahe käme. Es war ein italienischer Händler mit hübschen alten Schmucksachen im Renaissancestil am Ort erschienen, die Damen hatten insgesamt die reizenden Sachen bewundert – Doktor Schott kaufte, ohne zu feilschen, den schönsten und teuersten Schmuck, den der Italiener besaß, für seine Frau, und diese erschien am folgenden Tage damit. Sie trug immer weiße Kleider von klarem oder dichtem Stoff und eine schwarzseidene breite Schärpe um die schlanke Taille geknüpft; es sah aus wie Halbtrauer. Sehr häufig fand sie neben ihrem Teller einen kleinen Strauß der schönsten, auserlesensten Rosen, den der zärtliche Gatte für sie bestimmt hatte. Er selbst befestigte dann diese Blumen in ihrem Gürtel – fast schien es, als sei es ihr nicht lieb, das schlichte schwarz und weiß ihrer Toilette mit Farben zu beleben.

Die Dichterin Rosa Hesse schwärmte für Doktor Schott. In ihren Augen war er das Ideal eines Mannes – schön und stolz und klug – und sein ausgeprägtes Selbstbewußtsein gehörte zu ihm, es kleidete ihn gut. Er mußte so sein, fand sie – wenn ein Mann das Recht besaß, Selbstgefühl zur Schau zu tragen, dann war er es! Glückselig die Frau, die ihn sich errungen hatte, die die Wonne genoß, von ihm geliebt, beschützt und verwöhnt zu werden! Ob sie sich dieses Glückes in seinem vollen Umfang bewußt war – ob sie es ganz zu schätzen wußte, das erschien Fräulein Hesse leider zweifelhaft. Ein solcher Mann mußte, nach ihrem Dafürhalten, von seiner Gattin bedingungslos auf den Knieen angebetet werden … aber ob Frau Doktor Schott dies that? – Dem Anschein nach that sie es nicht, allein dies konnte nur weibliche Zurückhaltung, zarte Scheu sein! Fräulein Hesse indessen meinte, tiefer zu blicken: es wollte sie bedünken, als ob diese Frau diesen Mann nicht ganz verstand! – Sie war ein reizendes Geschöpf, das stand fest, das hatte wohl auch Doktor Schott, bei seinem ausgeprägten Kunst- und Schönheitssinn, bewogen, sie sich zur Lebensgefährtin zu wählen … allein, ob ihr Geist ihm genügte, ob ihre Seele der seinigen einigermaßen ebenbürtig war – das erschien der feinen Beobachterin mehr als zweifelhaft. Um den interessanten Mann in etwas zu entschädigen, gab Fräulein Hesse sein dankbarstes Publikum ab, sie lauschte seinen Worten, wie einem Orakel, sie saß mit vorgeneigtem Haupt und leuchtenden Augen da, wenn er sprach, bemüht, auch nicht einen Laut, der von seinen Lippen fiel, zu verlieren – sie rief entrüstet: »St!« oder »Bitte, bitte!« sobald jemand aus der Tischgesellschaft auch nur mit einem halblaut gesprochenen Wort den Redefluß des Doktors unterbrach – und sie erlebte die Genugthuung, daß der Gegenstand dieses unermüdlichen Kultus nicht unempfindlich dagegen blieb, sondern meistens das Wort an sie richtete, wodurch ihre schwärmerische Verehrung noch beträchtlich gesteigert wurde.

»Die Glücklichen« machten erstaunlich zahlreiche und weite Ausflüge. Oft sah man sie schon beim frühen Morgen das Haus verlassen, den Doktor im praktischen Touristenanzug, die junge Frau in der kleidsamen südbayrischen Landestracht, so reizend lieblich und fremdartig darin anzusehen, daß die im Pensionat Klinger anwesenden Herren jedesmal eifrig aus Thür und Fenstern sahen, um früh am Tage schon ihre Augenweide zu genießen. Häufig wurde es Abend, die Dunkelheit brach herein, bis die beiden zurückkehrten, der Mann stattlich und elastisch wie am Morgen, seine junge Frau blaß und müde, sichtlich von den Strapazen einer solchen Bergwanderung angegriffen. Das hinderte das Paar indessen nicht, schon am folgenden Tage um sechs Uhr wieder auf- und davonzugehen und oft in einer einzigen Tour einen Weg zu machen, den andere in mehrfachen Absätzen zurückzulegen pflegten. »Ich kenne keine Ermüdung!« erwiderte Doktor Schott eines Mittags – es drohte stark mit Regen – auf Fräulein Hesses feurige Bewunderung seiner »phänomenalen Kraft« – und als jemand aus der Gesellschaft sich erlaubte, zu fragen: »Und Ihre Frau Gemahlin? Kennt auch sie keine Müdigkeit?« erfolgte mit souveränem Lächeln die Antwort: »Das ist leider noch zuweilen der Fall, muß aber überwunden werden. Ein normal gesunder Mensch hat über solche Schwäche Herr zu werden, und ich bin überzeugt, es wird hier mit der Zeit gelingen. Nicht wahr, liebe Melitta?«

Ein eigentümliches Lächeln glitt einen Augenblick schattenhaft über das Antlitz der blonden Frau. »Vielleicht!« antwortete sie leise und wandte sich dann sofort ihrer Nachbarin zu, die sie bat, ihr ein wenig Wasser ins Weinglas zu gießen.

»Das ist eine ganz heilsame Maßregel für Ihre Patienten, Herr Doktor!« bemerkte der alte Herr aus Westpreußen behaglich, erhielt aber ein abweisendes: »Ich praktiziere nicht!« als Antwort, so daß er ganz betroffen verstummte.

Es war gar nicht herauszubringen, was Doktor Schott eigentlich betrieb. Die übrigen Herren sprachen unbefangen von ihrem Beruf, dessen Licht- und Schattenseiten … er allein beobachtete Schweigen. Wofür hatte er den Doktortitel erworben? »Arzt ist mein Herr auch!« hatte das Kindermädchen gesagt – was sollte das bedeuten? Daß er sich auf seine medizinischen Kenntnisse viel zugut that, wußten alle, es war oft im Lauf des Gespräches hervorgetreten – an der Universität war er gleichfalls nicht, er hatte eine dahinzielende Frage mit einem kurzen »Nein!« beantwortet … was also trieb er? Was that er?

Es war gegen Abend desselben Tages. Ein starkes Gewitter hatte sich am frühen Nachmittag entladen, jetzt aber war die Luft prächtig gekühlt, ein lauer Rosenduft schwamm durch die klaren Lüfte, silberweiß umrissen zeichneten sich die Schneehäupter der höchsten Berge vom reinen Himmelsblau ab, und die schrägen Sonnenstrahlen umspannen die stolzen Gebirgsriesen mit einer flimmernden Glorie. Wie ein leuchtendes Netz zogen sich tausende von blitzenden Regenperlen über die weiten Grasflächen, und wenn die Sonne darauf hinspielte, zuckte es buntfunkelnd wie Diamantenpracht drüber weg.

»Schau, bitte, Mutterle, schau her, wie das goldig schön ist!« bat ein helles Kinderstimmchen draußen, und Fräulein Charlotte Hartwig öffnete leise das Fenster in ihrem Zimmer, bog sich hinter der Gardine hervor und spähte hinaus.

Das Kind, in seinem weißen kurzen Röckchen wie ein großer Schmetterling anzusehen, stand unten auf dem hellen Kiesweg und deutete mit den Händchen nach der flimmernden Pracht der tropfenübersäeten, sonnenbeschienenen Grasfläche. Wenige Schritte entfernt, dicht unter Fräulein Hartwigs Fenster, so daß diese sie deutlich sehen konnte, lehnte die junge Frau in einem weit zurückgehenden Sessel, die Hände mit einer weißen Stickerei lässig im Schoß, das Köpfchen aufwärts gewendet. Offenbar hatte sie es gar nicht gehört, daß die Kleine sie anrief. Sie hatte geweint. Noch hingen schwere Tropfen an den dichten dunkeln Wimpern, die sich so schön von dem Blondhaar abhoben, um die süßen Lippen bebte es, und schwere Atemzüge hoben die Brust. Die dunkelumschatteten Augen sahen mit einem ergreifenden Ausdruck schmerzlicher Sehnsucht nach oben. Dort badeten die Berge ihre Häupter in flammendem Abendrot, es troff wie fließendes Gold von den Schneekanten, drüber stand der Himmel wie in hellem Feuer … ein glorreich schöner Sonnenuntergang, der den Tag wie triumphierend abschloß. Und dazu die schöne Frau mit der tiefen, tiefen Trauer im Gesicht, mit den schweren Thränen an den Wimpern – diesen Thränen, die sich jetzt eben loslösten und auf die ineinandergelegten Hände herabfielen.

Fräulein Hartwig zog sich leise vom Fenster zurück. Sie nickte vor sich hin, wie jemand, der eine gehabte Ahnung bestätigt findet.

»Schaust du denn nimmer all' die schönen bunten Perlen an, Mutterle, und da ganz hoch droben das viele Gold?« fragte wieder das helle Kinderstimmchen unten.

»Ja, Erna, ja, Mama sieht alles, und es ist wunderschön!« antwortete die junge Frau in gepreßtem Ton, als schnürte ihr ein Leid das Herz zusammen.

»Und du weinst auch nicht wegen Erna – gelt?«

»Nein, meine Kleine, du bist heut' gut und artig gewesen!«

Eine Weile blieb es still unten im Garten. Dann knisterte der Kies unter einem festen Männertritt, und eine sonore Stimme sagte: »Guten Abend, Litta. Wie, ganz allein? Und Thränen? Das ist doch wirklich kindisch – geradezu kindisch von dir! Als ob das Weinen einen anderen Zweck hätte, als den, dir deine schönen, gesunden Augen gründlich zu verderben!«

»Zuweilen erleichtert es das Herz!«

»Das ist eine Phrase, mein Kind, nichts weiter, als eine althergebrachte thörichte Phrase – du denkst dir doch entschieden selbst nichts dabei, gesteh' einmal offen! Wann wird doch die Zeit kommen, da es mir gelungen ist, dich zu einer wahren Philosophin zu erziehen, die sich unbefangen des Gegebenen freut und es aufgiebt, um Verlorenes zu trauern?«

»Vielleicht niemals!«

»Wenn du fortfährst, in diesem sentimentalen und weinerlichen Ton zu mir zu sprechen, müssen wir unser Gespräch abbrechen!« Die Stimme des Mannes wurde hart und kalt. »Ich meine, du müßtest mir Dank wissen und einsehen lernen, daß ich dein Bestes wünsche. Du hast normale Geistesgaben, die zu entwickeln mir ein Genuß sein würde, aber das Gefühlsleben überwuchert alles andere bei dir in einer Weise, daß es mir faktisch oft unmöglich ist, mit vernünftigen Begriffen dir gegenüber zu operieren. Was ich sagen wollte … deine Thränen haben mich auf einen total anderen Gedankengang geführt … ich komme dich abholen. Das ganze Haus ist wie ausgestorben, alle sind zum Spaziergang fort – es ist prächtig draußen. Ich habe meinen alten Universitätsfreund Rothe zufällig auf meiner Wanderung getroffen, er ist seit heute früh mit Frau, Bruder und Schwiegereltern hier – der alte Kerl freute sich wie ein Spitz, mich zu sehen. Wir haben im »schwarzen Lamm« ein fideles Beisammensein verabredet, werden eine Bowle aufsetzen – es wird urgemütlich sein! Unser Abendessen hier im Pensionat habe ich schon bei der Hauswirtin abbestellt – Friederike wird Erna allein abfüttern. Ich habe alles vorgesorgt – du hast einfach deinen Hut zu nehmen und mitzukommen!«

Es trat eine Pause ein. Dann kam die weiche Stimme der jungen Frau schüchtern wieder.

»Es ist mir so leid, Udo, dir nicht den Willen thun zu können – du weißt ja, ich füge mich immer sonst … immer! Aber diesmal heute – bitte, geh' allein! Ich kann heute nicht unter fremden Menschen sein – kann auch nicht lachen und froh erscheinen; es wäre eine erbärmliche Komödie. Du hättest es bedenken können – du weißt recht gut, daß heute der Tag ist, an dem« – – – sie konnte nicht weitersprechen.

Doktor Schott bohrte mit dem Stock so heftig in den Boden, daß der Kies umherstob.

»Natürlich weiß ich es – und glaubst du, ich hätte nicht daran gedacht? Es fiel mir sogar ein, während Rothe mich aufforderte, zum »schwarzen Lamm« zu kommen. Absichtlich habe ich auch für dich zugesagt – ich habe es mir fest vorgesetzt, es soll endlich einmal bei dir aufhören mit dieser ewigen Gefühlsschwelgerei!«

»Ein seltsamer Name für die tiefste und naturgemäß berechtigteste Empfindung!«

»Der einzig richtige Name! Naturgemäß berechtigt, sagst du? Durchaus nicht! Unser Verhältnis zu Siegmund war genau dasselbe, und siehst du mich etwa, gleich dir, in diesen haltlosen Schmerz versinken? Hätte die Natur dies vorgeschrieben, ich würde es zugestehen – so kann ich nur sagen: es ist ein individuelles Gefühl, das jeder von uns hegt –«

»Und wenn du deiner Individualität Berechtigung zugestehst, warum nicht der meinen?«

»Laß mich ausreden, Melitta, du weißt, ich kann es nicht vertragen, unterbrochen zu werden! Individualität! Du meine Zeit!« Die Stimme des Mannes nahm wieder den Ton herablassender Milde an, wie wenn er ein unvernünftiges Kind zurechtzuweisen hätte, »du bist ja eine Frau – noch dazu eine junge und schöne Frau – du stehst nicht im Kampf mit dem Dasein, wie leider heute so viele deines Geschlechtes. Ich habe dich gewählt, jung und bildungsfähig, wie du warst, ich sorge für dich, ich war und bin redlich bestrebt, deinem Wesen diejenige Form zu geben, die ich als richtige erkannt – ein Streben, in welchem deine bisherige Erziehung mir leider nicht im geringsten vorgearbeitet hatte – wie kann da von Individualität deinerseits die Rede sein? Eine Frau, die, wie du, so jung in die Hände eines Mannes gerät, wie ich, hat durch ihn allein ihr Gepräge zu empfangen, und sollte es dankbar empfinden, wenn er sich unermüdlich dieser Aufgabe hingiebt, obgleich die Resultate ungleich geringer sind, als sich vor Jahren annehmen ließ. – Und jetzt genug davon. Erna, geh' zu Friederike hinein, sie soll dir dein Abendbrot geben.«

»Aber Mama hat doch erlaubt, ich darf noch dableiben, bis –«

»Noch ein Wort des Widerspruchs, und du gehst ohne Abendessen ins Bett. Ich denke, du weißt, wem du zu gehorchen hast. Küß' deiner Mutter die Hand und geh'!«

Wieder eine kurze Stille, dann wurde das bekümmerte, thränenschwere Stimmchen des Kindes laut, das, nach einem aus tiefster Brust hervorgeholten Seufzer: »Gut' Nacht, Mutterle!« sagte.

»Gute Nacht, mein Herzenskind, schlaf' süß!«

»Kommst du auch noch an mein Bett beten, gelt?«

»Gewiß, Liebling – nun lauf' schnell zu Friederike!«

»Also doch noch! Trotz meines Verbots! Wie oft habe ich dir gesagt: ich wünsche nicht, daß mein Kind mit solchen Faseleien großgezogen wird! Gebete! Das sind Dinge, die ihm das Hirn umnebeln, es untüchtig fürs Leben machen, jeden klaren Begriff verwirren. Mein Kind soll einen gesunden Verstand haben. – Du aber untergräbst ihn geflissentlich, wenn du ihn mit Vorstellungen nährst, die mit dem realen Leben kein Jota zu thun haben!«

»Müssen wir all' diese Dinge hier im Garten verhandeln? Es könnte uns doch jemand hören –«

»Unnötig, mich darum zu warnen! Ich sagte es dir schon zuvor: das ganze Haus ist wie ausgestorben, sie sind bei dem herrlichen Wetter alle noch zum Spaziergang hinaus, die Wirtin hat es mir selbst gesagt – sie soll das Abendessen deshalb später auftragen. Morgen früh um fünf gehen wir mit Rothes zur Wendel-Alp hinauf, rüste nur dein Bergkostüm. Möchtest du dich jetzt fertig machen, und mit mir kommen?«

»Verzeih' mir, Udo – – nein! Ich muß wiederholen: ich bin es nicht imstande, heute unter fremden Menschen zu sein und ein fröhliches Gesicht zu zeigen!« Die Stimme Frau Melittas klang bei aller Sanftmut fest und sicher.

»Sagte ich dir nicht, ich hätte es Rothes versprochen, daß du mit mir kämest?«

»Ja, du hast es gesagt, aber du hättest dies in meinem Namen nicht versprechen dürfen. Entschuldige mich bei deinen Freunden, sage, mir sei nicht wohl! –«

»Das würde eine Lüge sein!«

»Doch nicht! Mir thut der Kopf weh vom Weinen!«

»Darf ich um deinen Puls bitten? – Völlig normal! Dies Kopfweh kenne ich – es hat seinen Sitz im Eigensinn!«

»Ich kann dich nicht hindern, das anzunehmen!« sagte die junge Frau müde. »Nenne es also Eigensinn; mit dir kommen kann ich nicht!«

»Melitta!«

»Ich kann nicht! Soll ich vor diesen fremden Leuten in Thränen ausbrechen?«

»Fremden Leuten! Rothe ist einer meiner ältesten Freunde!«

»Ich habe ihn nie gesehen!«

»Er freut sich, deine Bekanntschaft zu machen, er hat in Nürnberg durch Erlers viel von dir gehört. Genügt es dir nicht, daß ich den Mann kenne und schätze? Fühlst du dich nicht identisch mit mir? Sind wir nicht eins?«

Es erfolgte keine Antwort.

»Du scheinst in der That in einer unqualifizierbaren Laune zu sein. Es ist dir also ganz gleichgültig, wenn ich allein dorthin gehe?«

»Es ist mir am liebsten, heute allein zu bleiben!«

»Es ist dir ganz gleichgültig, daß ich mich vor diesen Leuten blamiere?«

»Ich glaube nicht, daß jemand es so auffassen könnte, wenn du bittest, deine Frau zu entschuldigen, sie fühle sich nicht wohl.«

»Einerlei! Ich fasse es so auf. Du weißt, ich bin es nicht gewöhnt, mit mir scherzen zu lassen!«

»Ich war nie weniger zum Scherzen aufgelegt, als jetzt!«

»Dein letztes Wort also: Du weigerst dich, mit mir zu kommen?«

»Ja!«

Wieder spritzten die kleinen, scharfkantigen Kiesel über den Gartenweg. Gleich darauf fiel unten dröhnend eine Thür ins Schloß, und ungestüme rasche Schritte liefen die Treppe empor.

Fräulein Charlotte Hartwig stand immer noch neben dem geöffneten Fenster. Sie hatte Bange gehabt, es zu schließen – wie unsagbar peinlich hätte es der jungen Frau sein müssen, bei diesem Gespräch einen Zeugen zu wissen, und gerade weil Fräulein Charlotte aufgeregt war, hätte sie eine unvorsichtige Bewegung leicht verraten können. Mit einem tiefen Aufatmen trat sie in die Tiefe des Zimmers zurück – da hörte sie schon wieder die laute, herrische Stimme des Mannes in ihrer unmittelbaren Nähe, und jetzt wollte sie lauschen. Sie schlich bis zu ihrer Thür und drückte sie vorsichtig auf.

Jenseits des schmalen Korridors lag das Stübchen, in welchem das Kind mit seiner Wärterin schlief. Auch wenn die leichte Thür, die dort hineinführte, fest verschlossen gewesen wäre, hätte man jedes Wort verstehen können.

»Erna hat geweint, sie will ohne Mama nicht essen!« berichtete Friederike in dem gleichmäßigen, sachlichen Ton, dem man niemals anhörte, ob und für wen sie etwa Partei ergriff.

»Du weißt, Erna, daß Papa kein unartiges Kind duldet. Wirst du auf der Stelle essen?«

Die Kleine fing laut an zu schluchzen.

»Hör' auf zu weinen – augenblicklich!«

Das Schluchzen wurde noch lauter.

»Wirst du auf der Stelle essen?« Das dumpfe Geräusch eines Schlages folgte auf diese Worte.

Das Kinderstimmchen erhob ein lautes, klägliches Geschrei, und die dumpfen Schläge kamen ununterbrochen dazwischen. Fräulein Charlotte fing an zu zittern und trat von der Thür zurück.

Jetzt flog ein leichter Schritt die Treppe herauf – und nun eine bittende, angstvolle Stimme: »Udo, Udo, um Gottes willen, schlage das Kind nicht so!«

Die Mahnung schien nicht zu helfen. Das laute Jammern des Kindes dauerte noch eine Weile fort – jetzt hatte sich das alte Fräulein in die entfernteste Ecke ihres Zimmers geflüchtet und hielt sich mit den flachen Händen die Ohren zu.

Endlich und endlich Stille. Dann das Knarren der Treppe unter den festen Männertritten – unten das Zuwerfen der Hausthür. Die unfreiwillige Lauscherin richtete sich auf und sah sich im Zimmer um, als ob sie geträumt habe; darauf schlich sie vorsichtig zum Fenster und hakte es ein.

Und nun, ihrem Gefühl nach gesichert, seufzte sie beklommen auf und ließ die Hände erschöpft heruntersinken. Im Geist sah sie Fräulein Rosa Hesse vor sich und hörte sie begeistert das Los dieser beiden beneidenswerten Menschen preisen: »Ich bitte Sie – so jung, so schön, gesund und reich, so begabt – wie könnte ihnen etwas fehlen? Was auf der weiten Welt bliebe ihnen zu wünschen?«

Die alte Dame nickte kummervoll vor sich hin.

»Die arme, schöne Frau, das arme süße Kind, wie viel werden sie noch leiden müssen! Und hier nennt man sie ›die Glücklichen!‹« – – –