2.
Der folgende Tag war ein Sonntag. In der Nacht war ein heftiges Gewitter losgebrochen – völlig unerwartet, wie das im Gebirge zu kommen pflegt. Abends hatten noch die Sterne geschienen, und das ganze Haus hatte auf andauernd gutes Wetter gehofft – da kam aufs neue der böse Südwestwind auf, der tags zuvor das Gewitter gebracht, und er führte ein zweites Unwetter mit sich, schlimmer als das erste. Es tobte in den Lüften, es riß an Thüren und Fensterläden, es heulte um das Haus, als wäre die Hölle losgelassen – und dann fuhr sausend ein Blitz nieder, der den nachtschwarzen Himmel spaltete und eine stolze, alte Buche in der Nähe des Hauses niederschlug, daß sie mit einem dumpfen Krachen zu Boden stürzte. Unmittelbar darauf setzte der Donner ein mit einem schweren, betäubenden Schütten, dem ein langer, langer Nachhall folgte. Und die Berge ringsum nahmen das Getöse auf und gaben es weiter und schickten es wieder zurück, bis neuer Donner einsetzte, so daß es klang, als nehme das zornige Brüllen in den Lüften überhaupt kein Ende.
Im Klingerschen Pensionat war alles auf den Füßen. Einige hatten sich unten im Speisezimmer zusammengefunden, sie hatten ganz regelrecht Toilette gemacht, saßen mit blassen, verstörten Gesichtern beisammen und bemühten sich, einer den andern zu trösten … es müsse doch bald nachlassen – und strenge Herren regierten bekanntlich nicht lange – und wie das Gewitter so schnell habe wiederkommen können, nachdem die Luft sich doch so schön gekühlt habe … und was der Tröstungen und Vermutungen mehr waren.
Die meisten waren in ihren Zimmern geblieben. So Fräulein Charlotte Hartwig. Sie hatte sich die Lampe angezündet und saß auf dem Sofa, ihr war unbehaglich zu Mute, obgleich jede Furcht ihr fern lag; ein Gewitter verstörte ihr allemal die Nerven. Der Boden unter ihren Füßen zitterte, und die Fenster klirrten heftig unter den unausgesetzten Donnerschlägen.
Im Hause hörte man Thüren zuschlagen, ein eiliges treppauf, treppab – jenseits des kleinen Korridors erhob sich ein verängstigtes Kinderstimmchen in hellem Weinen, verstummte aber sehr bald. Im Geist hörte Fräulein Charlotte die junge Frau bitten: »Udo, um Gottes willen, schlage das Kind nicht so!«
Das alte Fräulein schüttelte wehmütig den Kopf. Zu ihrer Erholung war sie hierher geschickt worden, und jetzt regte sie sich um fremder Leute willen so auf! Ihr Beruhigungsmittel, ihr Talisman sollte ihr helfen! – Sie öffnete die Tischschublade und holte ein flaches, schwarzes Lederkästchen daraus hervor; ein Druck mit dem Finger ließ die Feder springen – das Bildnis eines sehr ernst und sehr klug aussehenden Mannes kam zum Vorschein. Das war ihr Bruder, ihr Arzt, ihr bester Freund auf der Welt, der Sonnenschein ihres ganzen Lebens.
»Du!« murmelte sie vor sich hin. »Du!« – Zärtlich, wie eine Braut musterte sie das kleine Bild. »Wärest du sehr unzufrieden mit mir? Würdest du mich schelten? Scheinbar ja – aber eben auch nur so! Denn du hast ja selbst ein Herz, und ein so weiches, mitfühlendes dazu, wenn du dich auch auf alle Weise bemühst, es zu verstecken. Hätt' ich dich nur hier! Ohne dich ist's ja doch nur ein halbes Leben – aber freilich – du hast mich hierhergeschickt, damit ich mich erhole! Da heißt es gehorchen! Erholen wir uns also nach Kräften!«
Ein halb wehmütiges, halb humorvolles Lächeln spielte um ihre Lippen, wie sie dem Bilde zunickte, wie einem lebenden Menschen, und es dann sorgsam verschloß. Draußen war eine kurze Pause in den Donnerschlägen eingetreten – dafür raste der Sturm jetzt um das Haus, als wolle er es vom Erdboden wegfegen. Wieder kamen von drüben her ein paar vereinzelte Klagelaute, die bald verstummten. Charlotte sah im Geist das Kind zitternd und verängstigt in seinem Bette und die schöne Mutter darüber hingebeugt, bemüht, das kleine Geschöpf vor der Strenge des Vaters zu schützen. Mit einem Seufzer der Ungeduld darüber, daß die rebellischen Gedanken sich so wenig zügeln ließen, nahm sie ein Buch zur Hand und versuchte, zu lesen. –
»Schauen gnä' Fräul'n eben 'mal bloß die Sonn' an, was die für goldiges G'sicht macht und wie's lachen kann … recht, als thät's sich was ausschämen!« sagte Resi, das rosige Zimmermädel, am folgenden Morgen, als sie Fräulein Hartwig das Kaffeebrett ins Zimmer trug. »Dös is a Graus g'west bei die Nacht! So hab'n mir alle Glieder 'zittert!« Resi stellte das sehr ausdrucksvoll dar. »Die Annamirl und die Zenzl haben g'weint! Und jetzt schaut der Himmel wunderblau, und die Sonn' lacht, und kein Wind und kein nix! Aber die Weg schwimmen wassernaß, und von die Bäum' und Sträuch' tropft's alleweg! Wissen gnä' Fläul'n« – – hier trat Resi zwei Schritt näher und machte sich allerlei unnötige Hantierungen beim Kaffeegeschirr – »unser Herr Doktor Schott – nein – aber – der ist schon ein Wunderlicher! Hat er nicht heut' in der Fruha wollen für G'walt auf die Wendel-Alp aufsteigen – nach dem grauslichen Wetter und wo alles schwimmt – und hat nicht eher Ruh gegeben, als bis die fremde Herrschaft vom »schwarzen Lamm« herschickt hat, sie wollten auch nimmer auf die Alp, die Weg' sei'n zu schlecht nach dem Gewitter!«
»Ja aber, Resi, woher wissen Sie denn das alles?«
»I hab' halt 'horcht!« erklärte Resi lachend, mit vollster Unbefangenheit. »Mir müssen halt auch in d' Fruha heraus, und i hab' droben z'schaff'n g'habt, und da hat er in einsfort g'sagt: Ich will aber! Und ich will! Und sie hat einmal g'sagt: Ich thu's nimmer! Und wie er d'rauf ganz rabbiat worden ist, da hat's eben gar nix mehr g'sagt – nicht an einz'gs Wörtl! Und all' die Fremden von »schwarzen Lamm,« die kommen heut' hier zu uns speisen, und i muß 's Frühstück richten!«
»Da müssen Sie sich tummeln, Resi!«
»Wird schon wahr sein! Aber die Annamirl und die Zenzl soll'n halt auch was schaffen, zum Nixtum is ka einz'ger Mensch da!«
Mit dieser nützlichen Sentenz empfahl sich das Mädchen. Fräulein Hartwig lag es schwer in den Gliedern und im Kopf nach der schlecht verbrachten Nacht, sie beschloß darum, einen Spaziergang zu machen – die frische Luft sollte ihr wohlthun.
Das that sie denn auch. Wie einen labenden Trank atmete die Menschenbrust diesen stählenden Hauch ein, der von den reinen Höhen herabwehte – von dort herab, wo die Bergesgipfel gleich getriebenem Silber standen und das Gletschereis im Sonnenstrahl bläulich funkelte. Unten aber diese Pracht auf Bäumen und Büschen! Das waren doch zahllose Wassertropfen nur, die auf den Blättern lagen und beim leisesten Anrühren wie kleine Bäche niederrieselten, aber die Sonne machte Millionen der köstlichsten Juwelen daraus, wob feenhafte Spitzenschleier um die Astkronen und ließ ganze Kaskaden aus Diamanten von den sanft bewegten Zweigen sprühen.
Auf der letzten Terrasse des Gartens, da, wo er bereits auffällig zu steigen und sich an das Gebirge zu schließen begann, war es immer einsam. Charlotte klomm den von Regen durchweichten Weg nicht ohne Mühe aufwärts, sie wußte eine Bank hier in der Nähe, auf der wollte sie rasten. Ein kleines Buch hielt sie in der einen Hand, in dem wollte sie lesen – Lessings »Nathan der Weise.« Tief und rasch atmend kam sie endlich an ihr Ziel. Über ihrem Haupt wölbten einige prachtvolle Buchen die schönen Wipfel zu einer natürlichen Schattenlaube – ein paar Vögel schwatzten droben eifrig miteinander und warfen zuweilen beim Weiterhüpfen von Zweig zu Zweig einen Perlenregen von Tropfen herunter – vom Thal klangen die Kirchenglocken herauf, ernst und volltönig, es klang immer, als riefen sie: »Kommt zu Gott! Kommt zu Gott!«
Fräulein Charlotte nickte, als habe sie jemanden, der sie angeredet, Antwort zu geben, und schlug ihren Lessing auf.
Seitwärts im Gebüsch raschelte es, leuchtete rot auf zwischen den biegsamen Zweigen – ein kleines Menschenkind kam auf flinken Füßen näher – stutzte – blieb stehen – dann, von Fräulein Hartwigs Lächeln ermutigt, trippelte es bis zu ihren Knieen heran.
»Bist du hier ganz allein – gelt?«
»Ja, mein kleines Mädchen. Und du? Deine Friederike ist wohl mit dir?«
»Nein – Mama! Ich bin vorausgelaufen. Kannst du meine Mama sehen? Da oben steht sie!«
Das deutende Fingerchen wies auf einen mäßigen Felsvorsprung. Dort stand eine einzelne Frauengestalt, regungslos, den Blick in die Weite gerichtet – wie losgelöst von Welt und Menschen, wie schwebend über der grünen Tiefe zu ihren Füßen.
»Ruf' deine Mama nicht an, mein Kind! Sie könnte sich erschrecken und fallen. Wir wollen warten, bis sie von selbst aufmerkt und hierherkommt!«
»Ja, wir wollen warten!« wiederholte die Kleine altklug. Sie lehnte ihr zartes Körperchen zutraulich gegen Charlottes Kniee und sah ihr unverwandt mit forschenden, großen Augen ins Gesicht. Dies Gesicht war weder jung noch schön, aber dem Kinde mußte es gefallen, es lächelte und ließ sich willig von der sanften Hand des alten Fräuleins das krause, dunkle Köpfchen streicheln.
»Erna!« klang eine weiche Frauenstimme von oben. »Wo bist du? Erna!«
»Hier unten auf der Bank, Mutterle, bei Tante – – ja, wie heißt denn du?«
»Charlotte, mein Kind!«
»Bei Tante Charlotte. Komm' doch auch!«
Die helle Gestalt auf dem Felsen wandte sich und klomm langsam herab. Im Näherschreiten erkannte sie Fräulein Hartwig und lächelte ihr freundlich zu.
»Grüß' Gott! Sie genießen auch den köstlichen Morgen!«
»Und mit Entzücken; das ist eine schöne Entschädigung für das Unwetter in der Nacht. Sie werden wenig Schlaf gehabt haben, Frau Doktor, ich hörte die Kleine weinen –«
»Ach, das bissel!« unterbrach Erna beinahe geringschätzig. »Ich kann ganz viel anders schreien noch, aber Papa« – –
Frau Melitta legte ihre Hand auf das Plaudermäulchen, »du darfst Blumen suchen gehen, Herzblatt, aber nicht zu weit fortlaufen – immer so, daß Mama dich sehen kann. Wenn Sie gestatten, Fräulein Hartwig, setze ich mich zu Ihnen. Störe ich Sie bei Ihrer Lektüre?«
»Ich hatte noch nicht angefangen. Es wird Sie vielleicht befremden, daß ich am Sonntagmorgen kein Andachtsbuch in der Hand habe, aber, sehen Sie – der Inhalt dieses Buches – das ist nun so meine Andacht!«
Fräulein Charlotte schlug die erste Seite auf, und die junge Frau las über dem Titel in einer festen Handschrift die Worte: »Seiner lieben Charlotte zum Andenken an den 11. Oktober 1866. Walter.«
»Er ist mein einziger Bruder,« – eine schwache Röte trat in die feinen, welken Züge, und die Augen glänzten plötzlich auf. »Am 11. Oktober 1866 lasen wir zum erstenmal »Nathan der Weise« zusammen. Er war noch Gymnasiast damals und sehr jung – den Jahren nach hätte er kaum Verständnis für dies Hohelied der Toleranz haben können. Aber ich war immer sehr stolz auf seine Begabung und fand ihn seinen Altersgenossen weit voraus – wirklich, er war es auch! Und ich konnte kaum erwarten, zu sehen, welchen Eindruck mein Nathan auf ihn machen würde. Ich muß immer »mein« Nathan sagen, er ist für Kopf und Herz so ganz mein Eigentum geworden.«
»Nun – und weiter? Entsprach der Eindruck Ihren Erwartungen?«
»Sie müssen verzeihen, gnädige Frau – es kann Sie unmöglich interessieren – in Stettin wissen es alle meine Bekannten: mein Bruder ist ein gefährliches Thema für mich; ich kann nicht zu Ende kommen, und je älter ich werde, desto mehr verschlimmert sich das!«
Das liebreizende junge Gesicht neben Fräulein Hartwig lächelte.
»Ich gehöre aber nicht in Ihren Stettiner Bekanntenkreis hinein, und ich möchte gern mehr hören. Wir schließen uns nicht näher an die Hausgenossen an, schon weil wir so viel Bergtouren unternehmen –« dies klang ein wenig verlegen – »aber zu Ihnen hab' ich sehr bald, hab' ich gleich in den ersten Tagen einen stillen Zug gespürt, und es wollte mir scheinen, wenn es nicht anmaßend klingt, als wäre das gegenseitig!«
»Sie sind ein süßes, herziges Wesen, Frau Doktor, ich glaube, es wird mir so gehen, wie allen, die Sie nur sehen: man kann gar nicht umhin, sich für Sie zu interessieren, Sie reizend zu finden … nein, nein, Sie dürfen nicht denken, daß ich Ihnen schmeicheln will! Das ist nicht mein Fehler – wahrhaftig nicht! –«
»Wir wollen aber nicht von mir sprechen. Sie sollen mir von Ihrem Bruder erzählen. Sie haben ihn wohl erzogen?«
»Ja – von seinem sechsten Jahre ab. Ich bin so sehr viel älter als er; mir sind drei Geschwister, die zwischen ihm und mir standen, jung weggestorben. Diesen Kleinen nahm ich so für mein Spielzeug, und die Mutter, die damals schon sehr leidend war, ließ das geschehen – es kam nicht viel vernünftiges dabei heraus. Da kam eine Choleraepidemie und nahm uns in drei Tagen beide Eltern fort, und Vermögen war keines da, das wußte ich, denn meine Mutter war arm gewesen, und die Privatlehrer – mein Vater war einer! – haben niemals Schätze sammeln können. Was hatte ich nun gelernt, was konnte ich thun? Allerlei und doch nichts Rechtes, es war so viel halbes Wesen dabei, wie das so oft bei höheren Töchtern ist – und damals war mit den Mädchenschulen nicht viel zu machen, und an Examen dachte kaum ein Mensch. Eine Stelle in irgend einem reichen Haushalt hätte sich am Ende für mich gefunden, aber dann hätte ich mich von dem kleinen Jungen trennen müssen – und wohin mit ihm? Ich mußte das Leben jetzt ernst nehmen, an die Zukunft denken und auch den kleinen Bruder anders anfassen als bis dahin – mit dem Spielzeug war es für mich vorbei! Also nahm ich nun in Gottes Namen alles an, was sich mir irgend bot, ich gab Klavierstunden, ich stickte für Fremde, ich unterrichtete ein paar kleine Mädchen im Lesen und Schreiben – es wurde alles damals schlecht bezahlt, und es wollte und wollte nicht reichen! Mein Vater war ein vielseitig gebildeter Mann gewesen, er hatte sich viel um mich bekümmert und mir Geschmack für allerlei geistige Nahrung beigebracht, von der ich jetzt so gut wie nichts mehr zu kosten bekam. Es ist sehr, sehr schwer, gute Lektüre, anregende Unterhaltung und jeden, auch den bescheidensten, Kunstgenuß zu entbehren – Sie sind sicher im Wohlleben aufgewachsen und werden das kaum verstehen können –«
Die junge Frau schüttelte den Kopf.
»Ich bin nicht im Wohlleben aufgewachsen!« sagte sie leise – dann, mit einer leichten Handbewegung, wie um etwas Überflüssiges beiseite zu thun: »Ich bitte – weiter!«
»Ja, und so wäre ich denn oft verzagt, wer weiß, gar zusammengebrochen, ohne den kleinen Bruder. Ein Geschöpf, das auf uns angewiesen ist! Ein Wesen, dem wir alles sein müssen, das ohne uns nicht bestehen kann! Sie sind Frau und Mutter, Sie werden mich begreifen können –«
Ein schwerer, nachdenklicher Blick aus den schönen, grauen Augen wanderte dort hinüber, wo das kleine Mädchen im Grase bei den Blumen kniete.
»Und er war so hilflos, so ganz allein nur für mich da, wie ich für ihn, wir hatten gar keine Verwandten. Ins Waisenhaus hätte er müssen, wäre ich nicht gewesen. Ich frage mich heute oft: war er wirklich so ganz anders als Kinder seines Alters sonst, oder kam er nur mir so vor? Er war ein fleißiges, ein, ich möchte sagen, rechtschaffenes Kind. Nie aß er unbekümmert das auf, was ich ihm vorlegte – er beobachtete, ob auch ich genug hatte, dann erst langte er zu. In der Schule entwickelte er einen stillen Ehrgeiz, er hatte sich's von mir angewöhnt, schon als kleiner Junge, zu sagen: Ich muß vorwärts! Und vorwärts kam er. Gott, wenn ich an die stillen Winterabende zurückdenke – draußen ein Schneesturm und pfeifender Wind, und wir beide in unserem niedrigen Stübchen bei der kleinen Lampe, ich mit meiner Weißstickerei, er mit seinem Cornelius Nepos, den er laut lernte – und ich lernte mit!«
Das alte Fräulein sah mit feuchten Augen zu den sonnenbeschienenen Schneebergen hinauf.
»Da sind Sie wohl mit der Zeit eine sehr gelehrte Dame geworden?« fragte Frau Doktor Schott lächelnd.
»Ich habe viel vergessen seitdem! Damals aber – ja, da konnte ich meinen Horaz brav übersetzen, und wenn mein Walter aus der Ilias vorlas, dann hab' ich alles gut verstanden! Das waren Zeiten! Arm, wie wir waren … das waren doch Zeiten!«
»Und der Eindruck des Nathan?«
»O – großartig, sage ich Ihnen! Wie die Erzählung von den drei Ringen kam – das Gesicht vergeß ich mein Lebtag nicht! Und dann Nathans Gespräch mit dem Klosterbruder – Sie erinnern sich – da haben wir beide geweint, nur daß er sich schämte, es zu zeigen, und ich nicht! Wie ich nur Ihnen all' das so erzählen kann! Es muß Ihr Gesicht sein, das mir's vom ersten Tage angethan hat.« –
»Und ich freue mich dessen! Aber von dem Bruder will ich alles wissen, liebes Fräulein Hartwig! Jemand, der eines andern sympathischen Menschen ganzer Lebensinhalt ist, soll mich doch wohl interessieren dürfen!«
»Ganzer Lebensinhalt! Damit haben Sie es getroffen! Das ist das Wort! Als er ein Knabe war, habe ich das nicht so gefühlt, obgleich er mir immer mehr ins Herz wuchs. Es ist doch erst allmählich so gekommen, als ich aufhörte, immer nur die Gebende, er der Nehmende zu sein! Jetzt, seit Jahren schon, ist es umgekehrt: er giebt, und ich nehme, und muß immer nur abwehren, nicht zuviel nehmen zu müssen!«
»Was ist aus ihm geworden? Hat er studiert?«
»Ja, er ist Arzt geworden! Die Studienjahre waren wohl schwer – pekuniär, meine ich – aber dann … seine Professoren haben sich alle für ihn interessiert, und wie ist er fleißig gewesen! Unvernünftig fleißig, sage ich Ihnen, Frau Doktor! Ich habe immer nur zu mahnen und zu bitten gehabt. Die Examina natürlich glanzvoll, die Dissertation Aufsehen erregend – ich bei alledem wie im Fieber … nicht, daß ich einen Augenblick am günstigen Ausgang zweifelte, aber nun war doch die Entscheidung über das ganze Schicksal da – der Beruf, das wichtigste für einen Mann – und ich hatte mich die ganze Zeit zuvor etwas überangestrengt, die Nerven spannten aus. Ich setzte all meine Kräfte ein, um ja nicht krank zu werden – es half mir nichts, ich wurde doch krank, aber mein junger Doktor der Medizin hat mich kuriert!«
»Und jetzt, nicht wahr, ist er ein gesuchter und geachteter Arzt in Stettin?«
»Sehr gesucht und sehr geachtet – zu sehr, möchte ich sagen. Schon Professor – und nun die große Praxis! Wenn ich so zurückdenke und sehe mich jetzt um! Wir haben eine schöne große Wohnung mit Garten, in dem das chemische Laboratorium steht – und prächtig alles eingerichtet – viel zu viel Bedienung nur, aber er läßt es ja nicht anders! Ich soll absolut gar nichts thun, muß leben wie eine Prinzessin. Und jetzt hat er mich hierher geschickt, ganz diktatorisch, nur Arzt, nicht Bruder! Mein nervöses Kopfleiden brauche Gebirgsluft und damit Punktum. Mein Gott, ja, das Kopfleiden habe ich, und ich fürchte, ich muß es auch behalten bis an mein seliges Ende – was ist denn an mir alten Person noch viel herumzudoktern? Wenn er es aber für notwendig hält – ich müßte nach China gehen, wenn er es für gut ansähe … ja, solch einen eisernen Willen hat er!«
»Sieht er Ihnen ähnlich?«
»Walter – mir? Ach, Gott bewahre, er sieht viel besser aus als ich! Das heißt, sie lachen mich oft in Stettin aus und sagen, hübsch könnte man ihn doch nicht nennen! Nun, ich weiß nicht! Soll denn ein Mann mit solch' großer, guter Figur, mit solchem bedeutenden Gesicht nicht hübsch sein? Es ist wahr, um die Schläfen herum wird er schon grau, und er ist kaum vierzig Jahre alt! Ich habe mein weißes Haar freilich noch früher bekommen – das war im Jahr siebzig, als er, kaum von der Schulbank herunter, als Freiwilliger in den französischen Krieg mitging – gar nicht zu halten, all' meine Angst und mein Flehen half nichts! Ich hab' ihn ja wieder bekommen, Gott sei ewig dafür gedankt, aber aus der Sorge um ihn werde ich zeitlebens nicht herauskommen! Er ist jetzt auch angegriffen – kein Wunder bei seiner Thätigkeit und den fachwissenschaftlichen Arbeiten, die er noch übernimmt – und doch ist er dies Jahr nur vier Wochen in Norderney gewesen, das ist die ganze Sommerfrische, die er sich gegönnt hat! Wie hab' ich ihn gebeten, mich von hier abzuholen, ein paar Wochen noch hier zu verweilen! »Vielleicht!« sagte er, aber das kenne ich schon! Steckt er erst einmal wieder in seiner Arbeit, dann läßt sie ihn sobald nicht mehr los!«
»Und er hat nie daran gedacht, Ihnen eine junge Schwägerin ins Haus zu bringen?«
»Ob er daran gedacht hat, kann ich nicht sagen, er ist sehr zurückhaltend in der Beziehung … gethan hat er's wenigstens nicht. Ach, und ich wäre so glücklich! Denn was ist eine alte Schwester gegen eine junge Frau! Er lacht, wenn ich das zu ihm sage, er behauptet immer, wir wären ein höchst passendes Paar und sehr glücklich verheiratet. Ich quäle ihn jetzt nicht mehr damit – wissen Sie, liebste Frau Doktor, vierzig Jahre sind bei einem Mann doch schon ein bedenkliches Alter! Ab und zu frag' ich ihn wohl noch einmal: »Walter, gefällt dir denn die und die nicht?« Dann nickt er ganz vergnügt und sagt: »Gewiß – sehr gut –« aber wenn ich ihn dann bedeutsam ansehe, lacht er mich aus und sagt: »Lottchen, heiraten ist nicht!« Er geht auch immer seltener zu Gesellschaften, obgleich er oft eingeladen wird. – So nach und nach such' ich mich mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß das so bleibt, wie es ist, wenn's mir auch bitter leid thut – auch um die Neffen und Nichten, die ich haben könnte! Ich habe solch' kleine Geschöpfe zu lieb, und mein Bruder ist ein vollständiger Kindernarr, er ist ja auch ein berühmter Kinderarzt, kein ernstlicher Fall von Kinderkrankheit, da man ihn nicht zu Rat zieht, und wie viele von den süßen kleinen Wesen hat er schon gerettet und von den Eltern überschwänglichen Dank geerntet!«
Fräulein Charlotte, die, von dem Gegenstand fortgerissen, immer eifriger und fließender gesprochen hatte, bemerkte hier zu ihrem Staunen, daß sich die schönen Augen ihrer Zuhörerin bei ihren letzten Worten mit plötzlichen schweren Thränen gefüllt hatten. Das alte Fräulein hielt bestürzt inne – sie hätte sich gern entschuldigt, wußte aber nicht recht, wofür. Frau Melitta legte ihr leise die Hand auf den Arm.
»Nichts – bitte beachten Sie das nicht! Ich danke Ihnen, daß Sie mir von Ihrem Leben erzählten – ich könnte Sie beneiden – schwer und sorgenvoll, wie es vielfach gewesen ist! Es war doch Leben, und Sie haben ein schönes Ziel erreicht! Ich hoffe, wir haben uns nicht zum letztenmal so eingehend unterhalten. Für jetzt muß ich Ihnen Lebewohl sagen! Erna! Komm' zu mir, mein Kind, wir müssen gehen!«
Die Kleine kam herbeigesprungen, beide Fäustchen voll Blumen, wahllos abgerissen, die meisten mit zu kurzen Stielen. Sie legte ein Sträußchen in Fräulein Hartwigs, das andere in ihrer Mutter Schoß.
»Da!« sagte sie mit einem frohen Aufatmen. »Eins für Mutterle, eins für Tante!«
»Vielen Dank, kleine Erna!« Charlotte zog das Kind an sich und küßte es. »Pflückst du denn aber für deinen Papa kein Sträußchen?«
Das Kind schüttelte so energisch sein Köpfchen, daß ihm die dunklen Locken um die Stirn tanzten.
»Nie! Der mag das nimmer! Hat die Blumen nicht lieb. Gelt, Mama, jetzt kommt der Papa bald heim von dem Ding, was er trinken gegangen ist?«
Die beiden Damen lachten.
»Mein Mann ist zum Frühschoppen gegangen zu einem Universitätsfreund, den er gestern hier zufällig getroffen hat. Erna kann das Wort nicht behalten!«
»Schmeckt das schön – der Frühschoppen? So wie Schokolade mit Schlagsahne?«
»Ganz anders, Herzblatt. Jetzt komm' aber, die fremden Onkel und Tanten wollen alle zum Frühstück zu uns herüberkommen, und wir müssen uns noch schön machen. – Papa will das so!«
»Eins von meinen weißen gestickten Kleidern und die große rosa Schleife, gelt?«
»Ja, ja, du kleines Fragezeichen. Sag' Tante adieu!«
Erna stellte sich auf die Fußspitzen und hob beide Ärmchen zu Charlotte empor, um sich küssen zu lassen.
»Adieu, mein süßes Kind! Auf baldiges Wiedersehen!«
»Du kommst auch zum Frühstück, gelt?«
»Gewiß, komme ich!«
Es war dem alten Fräulein warm geworden bei den Erzählungen von ihrem Bruder, bei der herzlichen Teilnahme der schönen Frau und der Zutraulichkeit des Kindes. Sie blieb noch eine kleine Weile auf ihrer Bank sitzen, den zusammengeklappten »Nathan« auf den Knieen, und ließ ihre Augen gerührt und entzückt über die schöne Gebirgswelt, inmitten deren sie sich befand, hinwandern. Es war ihr so dankbar und glücklich zu Mut, das Leben war so schön, die Natur so köstlich – und wie gut waren die Menschen! Hätte sie noch ihren Walter hier – aber nein, das wäre zuviel Glück gewesen!
Langsam stand sie endlich auf und stieg abwärts. Sie hatte beschlossen, sonntägliche Toilette zu machen und sich ihr Frühstück im Speisesaal an einem Seitentischchen servieren zu lassen; es war doch kein Unrecht, wenn sie ihre Beobachtungen zu machen wünschte – die reizende Frau, die so viel von Walter hören gewollt, hatte sich ihr förmlich ins Herz gestohlen.
Als Fräulein Charlotte eine knappe halbe Stunde später den Speisesaal betrat, waren die Fremden angekommen: Doktor Schotts Freund, Landrat Rothe, ein kleiner, runder, beweglicher Herr, ein wenig kahl bereits, ein vergnügliches, blondbärtiges Gesicht mit lustig zwinkernden Augen – die Gattin hatte ein unbedeutendes Allerweltsgesicht, und ihre Eltern waren zwei behäbige, spießbürgerliche Provinzler, brav und bieder ohne Zweifel, aber ohne eine Spur von Interesse zu erregen. Rothe der jüngere war entschieden die repräsentabelste Figur von allen: fast so groß wie Doktor Schott – stramme Haltung, der man den Militär augenblicklich ansah, ein gescheites, etwas spöttisch dreinblickendes Augenpaar, Hände und Bart sorgfältig gepflegt. Der Frühschoppen schien auf Leutnant Rothe nicht ohne Einfluß geblieben zu sein, ebensowenig auf Doktor Schott, dessen Stirn gerötet war und in dessen Augen ein eigenes Flackern glimmte – oder kam es Fräulein Hartwig nur so vor? – Ihr geräuschloses Eintreten wurde von niemand beachtet, alle standen in lebhaftem Gespräch bei einander. Resi hatte den Tisch aufs einladendste gedeckt und schleppte jetzt eben ein umfangreiches Tablett mit Flaschen und Gläsern heran.
»Ich habe sie an strenge Pünktlichkeit gewöhnt!« hörte Charlotte, die sich still im Rücken der Gesellschaft niedersetzte, den Doktor in seinem gewohnten diktatorischen Ton sagen. »Und ich bin überzeugt – ah, hier ist sie schon! Du gestattest, liebe Melitta: Herr und Frau Landrat Rothe, Herr und Frau Kommerzienrat Brandt, Herr Leutnant Rothe!«
Der alte Herr stutzte sichtlich, der Landrat setzte sich den Zwicker mit offenkundiger Bewunderung über den zwinkernden Äuglein fest, der Offizier nahm die Hacken zusammen und stellte sich stramm in Positur – Frau Melittas Erscheinung hatte Erfolg.
Aber sie verdiente ihn auch! In dem langschleppenden schwarzen Gewande, dessen Spitzenärmel und herzförmiger Ausschnitt den prachtvoll geformten Hals, die weißen Arme zum Teil frei ließen, leuchtete ihre blonde Schönheit so zart, zu gleicher Zeit so wirkungsvoll hervor, wie ein lichtes Kleinod in dunkler Fassung. Nur ein paar weiße Rosen hatte sie seitwärts am Kleide befestigt – sie war so einfach, und in dieser Einfachheit so einzig schön!
»Ich bin hoch erfreut, meine verehrte gnädige Frau – in der That hoch erfreut!« versicherte der Landrat im glaubwürdigsten Ton, um gleich darauf seinem Freund, dem Doktor, ein humoristisches: »Du Mordskerl du!« zuzuraunen.
Die Stimmung ging in hohen Wogen. Erna mußte ihren Knicks machen, wurde von den Damen nach Gebühr laut bewundert und reizend gefunden, von den Herren mit Kuchen beschenkt und endlich fortgeschickt. Das Gespräch war sehr heiter, der Leutnant sprach beinahe unausgesetzt und verwandte kein Auge von seiner schönen Nachbarin. Der Wein wurde nicht geschont, Resis Flaschen wurden schnell leer.
Als nach einer guten Weile die Gesellschaft zum Aufbruch rüstete und ein neues Beisammensein verabredet wurde, neigte sich Doktor Schott zu seiner Frau herab, um allem Anschein nach flüsternd mit ihr Rat zu halten. Niemand als Fräulein Charlotte auf ihrem unbeachteten Seitenplatz konnte den heißen verzehrenden Blick sehen, den er auf die schlanke Gestalt, das süße Gesicht richtete. Seine Augen loderten in einem wilden Feuer, während seine Hand sich so fest um die Taille der jungen Frau legte, daß die weißen Rosen unter seinem Griff auf einmal entblätterten. – Und da sah die stille Beobachterin, wie das Gesicht, das eben noch so freundlich gelächelt hatte, blaß wurde bis in die Lippen hinein, wie es die schöne Gestalt gleich einem Schauer überlief und ein Ausdruck mühsam unterdrückten Widerwillens in den Augen erwachte, während Melitta rasch zurücktrat. –
Im Vestibül traf Charlotte auf Fräulein Rosa Hesse, die ihr voller Emphase entgegenrief: »Sie Beneidenswerte haben dabei sein können, und ich habe von nichts gewußt! Sie müssen mir genau, haarklein alles erzählen, wie es war, Sie kommen ja soeben von den Glücklichen!«