4.
Die Ehegatten waren allein. Die junge Frau hatte finster die Brauen gefurcht, ihr liebliches Gesicht sah überraschend ernst und streng aus. Mit offenbarer Mühe unterdrückte sie eine Bemerkung, die ihr auf den Lippen schwebte – – – nein, sie mußte erst abwarten!
»Es scheint mir, Melitta,« begann Doktor Schott mit gedämpfter Stimme, »als suchtest du in letzter Zeit geflissentlich etwas darin, meinen sämtlichen Weisungen zuwiderzuhandeln. Ich habe dir gesagt, diese altjüngferliche Weisheit, diese Hartmann oder wie die Person heißt, sei mir unangenehm, und ich wünschte keinen Verkehr zwischen dir und ihr – die Folge davon ist, daß ich sie heute bei dir im Zimmer finde! Was soll das bedeuten?«
»Einfach das, was ich dir schon oft gesagt habe: daß ich meine eigenen Sympathien und Antipathien habe, wie du die deinen, und daß ich mich in meinem Benehmen danach richten werde, ebenso, wie du es thust!«
»Das ist also offener Trotz!«
»Nennst du es Trotz gegen mich, wenn du deinen Neigungen Raum giebst?«
»Ach – ich und du! Glaubst du etwa, dieselbe Stellung einzunehmen, dieselben Rechte zu haben, wie ich?«
»Als Mensch gegen Mensch genommen – ganz gewiß!«
Doktor Schott hob mitleidig die Schultern.
»Du hast dir von all' dem dummen Zeug, das heutzutage geschrieben wird, über allgemeine Menschenrechte und Frauenbewegung und Gleichstellung der Geschlechter den Kopf verdrehen lassen. Kann es dir im Ernst beikommen, dich mit mir – mit mir – in einen Kampf einzulassen?«
»Wenn du fortfährst, mich wie ein unmündiges Kind zu behandeln – ja!«
»Nun gut!« Ein grausames Lächeln, das dies schöne Männerangesicht bös entstellte, zuckte um des Doktors Lippen. »Wir wollen sehen, wer der Stärkere ist und wer den Sieg behält!«
Sie hatten beide leise gesprochen – Melittas Blick hatte keine Minute aufgehört, angstvoll das Kind zu beobachten, das von einem schweren Schlaf befangen dalag, hörbar atmete und die zu Fäustchen geballten kleinen Hände mehrmals rasch öffnete und schloß.
Friederike brachte die Lampe und den Thermometer.
»Gut – nun decken Sie das Kind ab, und heben Sie es in die Höhe.«
Die Kleine fuhr mit einem lauten Schrei empor, als das Mädchen sie anrührte. Die junge Frau riß das Kind ungestüm aus Friederikes Armen, nahm es auf den Schoß und wickelte es in die Bettdecke ein. Sie sprach der Kleinen liebkosend und begütigend zu, aber ihre Lippen bebten, und ihr Atem flog.
Der Doktor machte ein Ärmchen frei und hielt den Thermometer in die Achselhöhle; als er ihn wieder hervorzog, las die Frau 40½ Grad. Sie wandte sich um.
»Gehen Sie hinunter, Friederike, und fragen Sie Frau Eigener, ob es nicht möglich wäre, noch heute einen Boten ins nächste Gebirgsdorf zum Arzt zu schicken, damit er wenigstens morgen in aller Frühe hier sein kann!«
»Friederike, Sie bleiben hier – Sie werden diese Bestellung nicht ausrichten!«
Über dem Körperchen des Kindes trafen die Augen der Gatten ineinander.
»Ich befehle es Ihnen – Sie gehen hinaus, Friederike – Sie werden unten im kleinen Vorzimmer warten, bis Sie mich läuten hören!«
Es war Frau Melitta, die dies sagte – mit einem Blick, mit einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. Das Mädchen warf noch einen fragenden Blick auf den Doktor, dieser zuckte nur die Achseln, zog einen kleinen Schlüssel aus der Westentasche und schloß ein Tischchen in der Nähe des Fensters auf. Friederike ging geräuschlos aus dem Zimmer.
Melitta beugte sich tief über das leise klagende Kind, das sich mit beiden Händchen fest an ihre Kleider klammerte.
»Nur ruhig sein, mein Liebchen, Mama ist da, Mama bleibt bei dir – nein, nein, niemand darf Erna anrühren, niemand wird Erna etwas thun! So leg' hier dein Köpfchen an – was sagst du? Was soll Mama? Singen?«
»Ja, singen – singen! Abend – und – Nacht!«
Die junge Frau holte einen tiefen Seufzer recht aus voller Brust. Am Ende … sie war die erste Mutter nicht, die am Bettchen ihres kranken Kindes singen mußte:
»Guten Abend, gute Nacht,
Mit Rosen bedacht« – –
Sehr umflort und gepreßt klang ihre weiche Stimme – aber über das heiße Kindergesichtchen ging es wie ein Lächeln.
»Morgen früh – wenn Gott will,
Wirst du wieder geweckt!«
Und noch einmal das Liedchen von Anfang und wieder von Anfang – die Kleine schien ruhiger zu werden, die Händchen griffen nicht mehr so krampfhaft in das Kleid der Mutter.
Doktor Schott hatte ein Pulver in ein Glas mit Wasser geschüttet und brachte es herbei.
»Was willst du ihr geben?«
»Natürlich etwas Fieberstillendes! Komm, Erna, sei ein gutes Kind – trink!«
Aber Erna wollte nicht! Sie warf den Kopf hintenüber, preßte die Zähne fest aufeinander und stieß mit den Händen nach dem Glase. Mehr als die Hälfte des Inhalts ging verloren, und nur während das Kind zum Schreien den Mund öffnete, gelang es, ihm etwas von der Flüssigkeit einzuflößen. Es dauerte diesmal lange, ehe Erna sich beruhigte. Der Anblick ihres Vaters schien sie ganz besonders aufzuregen, sie wurde erst still, als er ganz beiseite trat, sie ihn nicht mehr sehen konnte und die Mama ihr immer wieder sagte, Papa sei fortgegangen und werde nicht mehr hereinkommen.
Die junge Frau wiegte leise das aufgeregte Kind in ihren Armen hin und her, bettete das heiße Köpfchen bald so, bald so, sprach leise und beschwichtigende Worte, bis endlich, endlich Erna wieder einschlummerte. Die Mutter wagte es noch eine ganze Weile nicht, ihr Kind in das kleine Bett zurückzulegen – dann that sie es mit äußerster Behutsamkeit, immer noch herabgeneigt, mit verhaltenem Atem lauschend. Zuletzt wandte sie sich von dem Bettchen zurück zu ihrem Gatten und winkte ihn in das Nebenzimmer.
»Ich werde jetzt selbst hinuntergehen und mit Frau Eigener wegen eines Boten zum Arzt sprechen!«
Doktor Schott vertrat ihr den Weg.
»Du wirst nicht! Sei verständig, Melitta! Was hätte es für einen Zweck, irgend einen ganz obskuren, ungebildeten Gebirgsarzt herzuholen, wenn ich da bin und die Behandlung des Kindes übernehme?«
»Du hast es mir damals feierlich gelobt und mir dein Ehrenwort gegeben, bei jedem ernsten Krankheitsfall einen Arzt zu Rate zu ziehen!«
»Arzt – Arzt – als ob ich keiner wäre!«
»Ist dies ein ernster Krankheitsfall oder nicht?«
»Wenn wir in einer großen Stadt wären, und ich könnte eine Kapazität heranziehen –«
»Ist dies ein ernster Krankheitsfall oder nicht?«
»Mein Himmel, Melitta, dies ewige Fragen ist fürchterlich! Ich muß es dir leider zugeben – es ist ein ernster Fall – Erna scheint mir bedenklich krank!«
Die junge Frau wankte und hielt sich mühsam aufrecht.
»Darum brauchen wir noch nicht zu verzweifeln. Das Kind hat eine kräftige Konstitution, kann viel Widerstand leisten – ist bisher nie krank gewesen –«
»Das kann sein – kann alles sein – aber ich – ich sterbe vor Angst!«
»Sei nicht so einfältig, mein Kind! Vor Angst ist noch niemals jemand gestorben!«
»Ich kann nicht meine Worte wägen jetzt! Laß mir den Weg frei!«
»Du wünschest wirklich, daß ich irgend einen plumpen dörflichen Bader zur Konsultation heranziehe und ihn »Herr Kollege« nenne?«
»Ich wünsche« – Melittas Stimme klang fest und kalt, obgleich die junge Frau am ganzen Körper zu zittern begann – »daß du deine persönlichen Ansichten und deine Eitelkeit bei dieser Gelegenheit ganz aus dem Spiel läßt und nur an die Sache denkst, um die es sich handelt: um das Leben des Kindes! Ich wünsche, daß du dein mir heilig und teuer gegebenes Wort hältst, in jedem dringenden Krankheitsfall einen approbierten Arzt um Rat zu fragen!«
»Soll ich aus deiner Betonung des approbierten Arztes vielleicht entnehmen, daß du es mir zum Vorwurf machst, mich nicht dem Humbug eines Examens unterworfen zu haben?«
»Entnimm daraus, was du willst, aber halte dein Wort!«
»Traust du mir und meinem Wissen nicht zu, einen Fall wie diesen zu übersehen?«
»Es handelt sich nicht um dein Wissen, sondern um meine Angst als Mutter und um dein mir gegebenes Versprechen. Haltet ihr Männer euch nur untereinander euer Ehrenwort – und den Frauen gegenüber brecht ihr es, wenn es euch so besser paßt?«
»Melitta, das ist eine schwere Beleidigung!«
»Beweise mir das später – laß mich zur Thür!«
Sie wollte an ihm vorüber – er faßte sie bei beiden Handgelenken und hielt sie gewaltsam fest.
»Hör' mich an, Melitta – du mußt mich anhören!«
Sie war gezwungen, ihm den Willen zu thun, sie hätte Stühle beiseite rücken müssen, um an ihm vorüberzukommen; jede unvorsichtige Bewegung konnte das Kind wecken. Der Blick aber, mit dem die junge Frau zu ihrem Gatten emporsah, hätte diesen warnen müssen – es war offene Feindschaft darin, eine finstere Entschlossenheit, endlich ein Joch von sich abzuschütteln, das sie nicht länger ertragen wollte und konnte.
Auch Doktor Schott sah erregt aus. In sein dunkles, edelgebildetes Gesicht war eine jähe Röte gestiegen, auf der Stirn standen zwei tiefe Furchen. Diejenige Eigenschaft in ihm, die seinem ganzen Wesen die Richtung gab – eine maßlose Eitelkeit! – hatte einen empfindlichen Stoß erhalten. Seine Frau hatte in der ersten Zeit ihrer Ehe wohl oft widersprochen, sie hatte sich nicht willig in alles gefügt, es war zu sehr heftigen Scenen gekommen. Allgemach aber hatte das aufgehört – das schrieb er selbstverständlich seiner Konsequenz, seiner Energie zu – er war eben der Stärkere gewesen, er hatte ihr das nutzlose »Räsonnieren« abgewöhnt. Daß sie in der Stille noch hundertmal protestierte, daß sie mit eiserner Selbstbeherrschung schwieg, duldete bis zum äußersten, um des Kindes willen – dieser Gedanke war ihm nie gekommen. Jetzt kam er ihm! Diese Frau, die ihn so schonungslos kritisierte, so scharf beobachtete, war nicht zum Schweigen und Nachgeben aufgelegt, hier, wo es sich um ihr wichtigstes, ihr Kind, handelte. Zum erstenmal sagte er sich, daß das Kind vielleicht das einzige Band sei, das diese Frau an ihn fesselte, und daß, wenn dieses Band zerriß …
Er nagte die Unterlippe und starrte mit brennenden Augen nach dem kleinen Bett hinüber, zwischen dessen weißen Kissen das fieberglühende Köpfchen lag.
»So sprich!« drängte Melitta ungeduldig – ganz mechanisch rieb sie ihre schmerzenden Handgelenke – sie sah neben ihm weg nach der Thür.
»Du mahnst mich an mein Ehrenwort – es ist wahr, ich gab es dir – aber in welcher Situation? Du wirst kaum mehr wissen, wie es damals um dich stand –«
»O ja,« unterbrach sie ihn, »ich weiß noch alles – alles!« Sie schauderte in sich zusammen.
»Dein ganzes Sein war aus den Fugen, man mußte ernstlich für deinen Verstand fürchten. Als du damals jenes – – jenes – Versprechen von mir fordertest, hielt ich mich, als Mensch sowohl, wie als Arzt, für verpflichtet, es dir zu geben; ich hätte dir damals, um dich einigermaßen zu beruhigen, jedes Versprechen gegeben, das du verlangtest!«
»Das will ich dir glauben! Es ist ja so leicht, Versprechungen zu machen, wenn man nicht gesonnen ist, sie zu halten!«
»Es könnte eher die Rede davon sein, dies zu thun, ich sagte es dir schon, wenn wir etwa in einer größeren Stadt –«
»Du hast mir dein Wort ohne jede Bedingung gegeben, ich verlange von dir, daß du es hältst!«
»Melitta, ich bitte dich, bedenke: was würde man hier von mir sagen, in welchem Licht stände ich vor den Leuten da? Man weiß hier allgemein, daß ich Arzt bin –«
»Du bist kein Arzt, du hast Chemie studiert, hast als junger Mensch von dreiundzwanzig Jahren den chemischen Doktor gemacht, und dann, durch die Erbschaft deines Vetters unabhängig geworden, hast du in den verschiedensten Wissenschaften herumdilettiert …«
»Du nimmst das Wort zurück, Melitta!«
»Ich sehe keine Veranlassung dazu! Du hast auf vielen Gebieten Studien gemacht, eifrige Studien, ich will es zugeben, aber um etwas Tüchtiges zu leisten, gehört mehr als bloßes Theoretisieren: dir fehlt die Erfahrung, ohne die man auf keinem Gebiet wirksam sein kann – und diese Thatsache, die du in deiner blinden Selbstüberschätzung geflissentlich ignoriert hast, hat meinem Knaben das Leben gekostet!«
Der Doktor war weiß geworden bis in die Lippen hinein, seine Hände ballten sich, er trat ganz dicht an seine Frau heran. Sie wich nicht zurück und sah ihm furchtlos in die Augen.
Es trat eine Pause ein.
»Und du glaubst« – seine Stimme klang heiser – »irgend ein Charlatan, der vor seinen Professoren die Prüfung bestanden hat und auf seinem Schild den Titel »praktischer Arzt« führt, hätte unseren Knaben gerettet?«
»Ich weiß das nicht – Gott allein ist Herr über Leben und Tod … ja, Gott allein, ob du noch so verächtlich den Kopf dazu schüttelst! Die klügsten, besten Ärzte werden oft daran erinnert – es ist unrecht von dir, sie Charlatane zu nennen, weil ihre Wissenschaft noch in der Entwickelung begriffen ist und sie für viele Krankheiten noch kein Heilmittel gefunden haben – vielleicht auch nie eines finden werden. Aber in all' dem Schmerz wünscht der Mensch das eine: sich sagen zu können, er habe nichts versäumt, er habe alles das gethan, was in seinen Kräften stand, und kein Vorwurf kann ihn treffen. Ich aber mache mir Vorwürfe, Tag für Tag, nun schon seit mehr als einem Jahr – bittere, bittere Vorwürfe, daß ich nicht that, was einfach meine Pflicht war gegen meinen Knaben! Weh' mir, daß ich ihn vor mir sehe, beinahe jede Nacht im Traum, wie er seine kleinen Hände nach mir ausstreckte und um Atem rang – und wie er dann hintenüberfiel und steif und leblos ausgestreckt blieb – tot – mein Glück, mein Stolz, meine Zukunft! Und jetzt, da mein letztes auf dem Spiel steht, soll ich fragen, wie die Leute sich alles zusammenreimen werden und welches Licht auf dich fällt? Damals hab' ich auf den Knieen vor dir gelegen und um Hilfe gefleht für mein Kind – ich weiß es noch, daß ich, ehe die lange und tiefe Ohnmacht sich über mich erbarmte, ohne Aufhören geschrieen habe: »Ein Arzt! Ein Arzt!« Es war da freilich schon zu spät, das Kind lag schon im Todeskampf. – Jetzt werde ich nicht mehr knieen vor dir und dich bitten – ich erwarte von dir, daß du dein Wort hältst – erwarte es als mein gutes Recht!«
»Und wenn ich deinen Willen nicht erfüllen kann?«
»Setz' deine Worte anders! Du meinst, wenn du wortbrüchig wirst? Dann bist du ehrlos in meinen Augen, und ich werde nicht eine Stunde länger neben dir leben. Ich werde mein Kind nehmen und gehen!«
»Du willst es machen wie Ibsens Nora, für die sich deine überreizte Phantasie –«
Sie war an ihm vorüber zur Thür gegangen und hatte die Hand auf dem Drücker. Noch einmal wandte sie sich zu ihm zurück.
»Ich habe keine überreizte Phantasie, und hätte ich mir Ibsens Nora, die ich freilich gut genug verstehe, zum Vorbild genommen, dann wäre ich lange schon gegangen, denn ich weiß seit Jahren, daß unsere Seelen einander fremd sind und sich nie zusammenfinden können. Aber dir meine Kinder lassen, wie Nora es thut – von ihnen fortgehen … nein, das konnte ich nicht! Ich habe Komödie vor fremden Leuten gespielt und mehr gelitten innerlich, als du ahnst und jemals ahnen wirst … thust du mir dies letzte aber an, dann kann ich nicht mehr neben dir weiterleben!«
Die Augen flammten aus dem blassen, reizenden Gesicht heraus, die Lippen waren dunkel gerötet. Seltsam und schön war die junge Frau in dem malerischen Nationalkostüm der bayerischen Tracht, das sie auf der Gletschertour getragen und noch nicht Zeit gefunden hatte, abzulegen. Die zerzausten blonden Löckchen hingen ihr wirr in die schmale, feine Stirn, ihre biegsame, elegante Gestalt trat plastisch hervor in dem dunklen, knappen, mit Silberketten verschnürten Mieder und dem hellgeblümten Brusttuch.
Doktor Schott fixierte das reizvolle Bild unter halbgesenkten Lidern; um seine Lippen vibrierte es.
»Gut!« sagte er langsam, in einem völlig veränderten Ton. »Hab' denn deinen Willen!«
Sie sah ihn mißtrauisch an, aber es war keine Zeit mehr zum Überlegen. In der nächsten Sekunde stand sie in dem kleinen Hausflur, erschrocken, zu bemerken, wie rasch die Dunkelheit eingefallen war. Das kleine Flurlämpchen war noch nicht angezündet – kaum sah man in dem matten Dämmerlicht noch die Stufen der steilen Treppe, die nach unten führte.
Es dauerte eine Weile, bis Frau Eigener zu finden war. Soeben war sie doch noch in der Leuteküche gewesen – nein, in der Herrenküche! Bewahre, Resi hatte sie in der Milchkammer gesehen – da war sie eben fort – ob sie nicht im Vorratsraum steckte? Zuletzt kam sie gemächlich, einen Leuchter mit brennender Kerze in der Hand, die Kellertreppe heraufspaziert. Atemlos stürzte die junge Frau ihr entgegen.
Frau Eigener sah sehr mitleidig und bekümmert drein, als sie hörte, um was es sich handelte – aber noch während Melitta sprach, schüttelte sie bedauernd den Kopf.
»Heut' Abend noch? Und 'nauf bis Leuten? Aber nein, aber nein, um 's Herrgotts willen, das ist ja rein unmöglich! Das ist ja ein Weg – ja, so ein Weg, da muß man beim Tag schon gut zusehen – alleweil hoch hinauf und steilzu, und g'fährliche Brucken hat's von Baumstämmen und Wildbäch' und schlimme Stiegen – und sehn's eben, Frau Doktorin, wen sollt' ich schicken? Meine beiden Leut', wo sicher sind, der Alois und der Pauli, die sind zur Stadt mit 's Getreid' – und 's Peterle – du liebe Zeit, das ist noch so jung und so dumm, das könnt' ich nicht 'mal beim Tag da hinaufkraxeln lass'n, und ich hab' die Verantwortung, 's Peterle hat noch ein' Mutter und ist ihr einz'ger – no, und von die Weibsleut' kann gar schon nimmer die Red' sein, hinauf nach Leuten!«
»Aber – aber …« die junge Frau faßte flehentlich die Hände der Hauswirtin … »Jemand aus dem Dorf wird doch – muß doch – ich will zahlen soviel wie« –
»Ja wär' schon ganz recht, Frau Doktorin, bei Nacht thut's keiner und wenn's ihm wollten beid' Händ' voll Gold füllen. Schaun's auch, was hätt's für Vernunft? Wer mit Vorsicht geht – und die braucht's bei so an Gebirgsweg! – der wandert bei Nacht mit Latern' und allem gut seine fünf, sechs Stund'n, und bei Tag thut sich's in drei! 's ist egal dieselbe Zeit, und man hat kein' Angst auszusteh'n, daß sich selbiger thut versteig'n oder 'nunterrutschen. Nu mein' ich so, Frau Doktorin: allsowie 's Frührot dämmert, bloß ein Schimmer und ein Flimmer, geht's Peterle los, da ist es um acht Uhr für's spätest' beim Medikus – und der hat ein Wägele und kann halt ein Stückl fahren, freilich bloß bis zum nächsten Dörfl, aber Zeit sparen thut's doch – und da is er eben um halb Elf, hin zu Elf, da. Das ist das best', ist das einzigst', was wir thun können, und thun will ich's und 's Peterle treiben, als wenn mein eigenes Mädel daliegen und warten thät'! Und Frau Doktorin müssen jetzt hübsch 'naufgehen und was bequemes auf sich ziehen, statt dem Zeug, und ein festes, warmes Abendbrot müssen's essen – ich schick's nachher gleich 'nauf mit der Resi – und 's Erna-Schätzel wird 'leicht kaum so viel krank sein, Frau Doktorin sind so in Angst, weil's bloß das eine haben – aber 's Mäderl ist so rund und so schön immer g'wesen, wie'n Apferl, das kommt wieder zuweg. Und der Herr G'mahl, der Herr Doktor« – hier stockte die zungenfertige Rede, Frau Eigener machte große, runde Augen und schlug sich dann mit der flachen Hand schallend auf den Mund. »Nu, dös is aber – aber dös is kurios! Der Herr Doktor sind doch selber 'n Herr Doktor – jetzt dieselbig' Minut' fallt mir's ein! – der muß doch am besten wissen, was 'm Kindl fehlt, so grausam g'scheit, wie er thut – wegen was wollen denn Frau Doktorin den alten Medikus holen lassen aus Leuten?«
»Ist er kein tüchtiger Arzt? Haben Sie kein Zutrauen zu ihm?«
Frau Eigener kehrte die Handflächen nach außen.
»Ich kenn' ihn wenig, hab' ihn nie beim Krankenbett g'sehen – wenn bei uns eins siech g'wesen ist, haben wir unseren eigenen Herrn Doktor, der in München jetzt ist, holen lassen – der ist sehr brav und g'scheit!«
»Und die Leute? Was sagen die?«
»Heil'ger Vater Joseph – die Leut'! Soviel Köpf', soviel Sinne! Der sagt eins so und der zweit' anders – und der dritt' wieder so! Mag schon ein guter Herr sein – aber eben alt doch und bissel für sein' Bequemlichkeit und 's gute Leben!«
Die junge Frau seufzte aus tiefster Beklommenheit.
»Will denn der Herr G'mahl für G'walt ein' zweiten Arzt?«
Melitta blieb die direkte Antwort schuldig. Sie faßte noch einmal bittend die beiden Hände der Frau und fragte mit Thränen in den Augen: »Sie können nicht noch heute Abend schicken? Wirklich nicht?«
»Bei Nacht wahr und wahrhaftig nimmer, so bitterlich leid mir's ist! 's hat ka Sinn und ka Zweck, der Bot' braucht dieselbig' Zeit, wie wenn er bei der Fruha geht, da verschwör' ich mein ewig's Heil dabei! 's ist mir so herzlich leid – bitte, bitte, nit weinen, Frau Doktorin!«
Die junge Frau senkte das Köpfchen und ging langsam, langsam wieder der Treppe zu; es war, als hoffe sie, die Hauswirtin würde sie doch noch einmal zurückrufen.
Aber das geschah nicht.
Auf der obersten Stufe stand Charlotte Hartwig und wartete. Sie legte einen Arm um Melitta und zog sie sanft an sich. »Nicht wahr, mein liebes Kind,« flüsterte sie, und ihre Stimme klang liebkosend und weich, wie die einer Mutter, »Sie sind mir nicht böse über das, was ich zuvor sagte, und Sie beurteilen mich nicht falsch, wenn ich jetzt nicht mit Ihnen komme und Ihnen für die Nacht meine Dienste anbiete? Gott weiß es, ich thäte es herzlich gern, und wer weiß, ob ich mich Ihnen nicht doch ein wenig nützlich machen könnte; … aber, wie die Dinge liegen, ist es am Ende besser, ich bleibe in meinem Stübchen. Meine Anwesenheit könnte die Situation vielleicht verschlimmern. Sollte es sich aber ereignen, daß Sie allein sind und mich brauchen können … ich habe einen sehr leisen Schlaf und bin in fünf Minuten bei Ihnen! Was meinen Sie?« – Statt aller Antwort umfaßte Melitta das alte Fräulein und drückte ihre frischen, weichen Lippen auf die welke Wange. Es machte keinen Eindruck auf sie, daß sich die Thür geräuschlos öffnete und ihr Mann heraussah. Er maß die beiden eng umschlungenen Frauengestalten mit einem kalten, spöttischen Blick, aber Melitta ließ Fräulein Charlotte nicht los, sie fragte nur mit gedämpfter Stimme: »Ist Erna wieder wach?«
»Nein – hast du mit Frau Eigener gesprochen?«
»Für heute ist es unmöglich, morgen mit dem frühesten will sie einen Boten nach Leuten schicken!«
»Wie – Sie wollen einen anderen Arzt zuziehen?« fragte Charlotte erstaunt.
Doktor Schott zuckte zusammen und sah sie über die Schulter hochmütig an, als wolle er fragen: was geht dich das an? während Melitta erwiderte: »Ja, es geschieht auf meine Veranlassung!«
Offenbares Erstaunen spiegelte sich in Charlottens Mienen wieder – wie kam ein so selbstherrlicher, geistesstolzer Mann wie Doktor Schott dazu, einen alten, obskuren Gebirgsarzt zu Rate zu ziehen? Ohne ihrem Befremden Worte zu verleihen, zog sich das alte Fräulein, mit einem letzten Händedruck für Melitta, auf ihr Zimmer zurück.
Die junge Frau fand Erna, wie sie sie verlassen hatte: in unruhigem Halbschlaf, den Kopf zwischen den Kissen hin- und herdrehend, die Löckchen feucht und heiß um die Schläfen geklebt. Ab und zu lallte der kleine, halboffene Mund einen einzelnen Laut, die Hände ballten sich, lösten sich wieder, und der Atem ging kurz und laut.
Melitta hatte lange über das Bettchen geneigt gestanden, jetzt schlich sie auf den Fußspitzen zum Nebenzimmer, dessen Thür sie offen ließ, um die Kleider zu wechseln. Sie zog die Nadeln, die sie drückten, aus dem Haar und war in dem weißen Morgenkleide mit dem offenen, seidenweichen Blondhaar um die Schultern reizender denn je.
Es klopfte kaum hörbar an die Thür – Resi brachte das Abendessen herauf. Mit einem mitleidigen Seufzer blickte sie nach dem kleinen Bett hinüber und ging rückwärts auf Strümpfen zur Thür hinaus. Das gesamte Hauspersonal liebte Erna und schwärmte für die junge Frau.
»Möchtest du nicht etwas essen, Melitta?« fragte der Doktor. Sie schüttelte stumm den Kopf und rückte ihren Stuhl dicht neben das Kinderbett.
»Du solltest doch. Trink wenigstens ein Glas Wein!«
Erneutes Kopfschütteln … dann, da er mit dem gefüllten Weinglas dicht vor ihr stehen blieb und sie seine Beharrlichkeit, die sie oft bis zur Verzweiflung getrieben, genügend kannte, setzte sie mit Überwindung das Glas an die Lippen und gab es ihm geleert zurück. Noch immer blieb er dicht vor ihr stehen und sah sie unverwandt an – ihr stieg eine fliegende Röte in das weiße Gesicht, und halb mechanisch griffen ihre Hände in das offene Haar, um es zusammenzuflechten.
»Laß doch – bitte – laß!« sagte seine flüsternde Stimme. »Du bist am schönsten so!« Seine Hand suchte die ihre zurückzuhalten und geriet in das üppige, weiche Haar. Mit einem gestammelten Laut brachte er es an seine Lippen.
Im Nu war Melitta auf den Füßen, in ihren Augen flammte es; sie wollte reden, der Zorn raubte ihr die Sprache. Sie schüttelte ihr Haar, als habe ein giftiges Tier es berührt. Das Kind in seinem Bettchen stöhnte lauter. Es hatte jetzt die Augen groß offen und langte mit den Händen nach dem dunklen Schatten, der sich an der Wand bewegte.
»Nicht das – nicht das!«
»Was denn, Liebling, Herzblatt? Mama ist ja bei dir!«
»Fort das – nicht das!«
»Tritt zurück!« sagte Melitta. »Du siehst es doch, sie ängstigt sich vor dem Schatten!«
»Mama beten mit Erna!«
Die junge Frau faltete ihre Hände um die kleinen des Kindes.
»Hier knieen! Erna auch knieen!«
»Mein Kleines, du bist krank, du kannst leicht kalt werden!«
»Erna auch knieen!«
Melitta kniete und hielt das Kind aufrecht in ihren Armen; und nun sagten sie zusammen langsam und feierlich die zwei kleinen Gebetchen her, die Erna kannte. – Aber zwischendurch lachte das Kind – seine Gedanken wanderten; es wollte seinen Puppenjungen haben, Hansei hieß er, der den einen Arm verloren hatte – Mama sollte Hansei bringen, aber fortgehen sollte Mama nicht, nein – Erna fing bitterlich an zu weinen – Mama sollte bleiben, und Hansei sollte kommen!
»Friederike ist doch da – laß sie die Puppe suchen und herbringen!« sagte die junge Frau, ohne sich umzuwenden. Aber bis Hansei gefunden wurde, dachte Erna nicht mehr an ihn. Jetzt wollte sie Pferdchen spielen mit Mamas langen Haaren, das sollten die Zügel sein. Mit beiden Händen griff sie in die seidene Pracht und zerrte daran.
»Laß los, Erna, du thust Mama weh!« gebot ihr Vater in rauhem Ton mit finsterblickenden Augen.
Das Kind warf sich hintenüber und fing zu schreien an.
»Sie hat mir nicht weh gethan – und wenn … als ob es darauf ankäme! Ein krankes Kind, ein Kind, das phantasiert!«
»Papa fortgehen! Papa nimmer wiederkommen!«
»Nein, nein, mein Liebchen, er soll nicht kommen. – So tritt doch zurück, daß sie dich nicht mehr sieht!«
»Ernas Ball, der rote, kleine – der so hupft!«
»Gleich, mein Herzblatt, Friederike soll ihn suchen!«
»Ernas Ball – und Ernas Bilderbuch, vom Schäfchen und von – und von – der Muh-Kuh!«
»Alles, alles soll das Kind haben!«
»Erna auf Mamas Schoß sitzen!«
Die Fieberunruhe packte und schüttelte das Kind gewaltig. Kaum hatte Melitta es in die Decke gewickelt und auf ihre Kniee genommen, da strebte es auch schon wieder ins Bett zurück – dann war das Bett ein kleiner Kahn, der auf dem Wasser fuhr, und Mama sollte ihn rudern und Erna schaukeln … aber tüchtig schaukeln, daß es spritzte! Und wo all die Vögelchen herkamen, die bunten, die immerfort um den Kahn flogen! Konnte Mama die denn nicht sehen? Aber sie kamen doch so dicht, so dicht an Ernas Kopf heran, rote und grüne und blaue, auch goldene, und wie sie sangen! Die Händchen griffen in die Luft, so hoch sie konnten, und faßten wieder Melittas Haar und verstrickten sich darin – jetzt war es ein Netz, in dem Erna kleine silberne Fische fangen wollte – dazu mußte sie doch ihr Netz auswerfen! Sie faßte das Haar mit aller Kraft und schleuderte es von sich, daß es wie ein Goldschleier über das weiße Bett gebreitet war.
Doktor Schott stand ganz zurück, so daß das kranke Kind ihn nicht sehen konnte; auf seiner Stirn waren finstere Falten, sein Atem kam gepreßt. Kaum konnte er dem Thun der beiden zusehen, es regte ihn namenlos auf. Er hatte die Kleine wohl lieb, wenigstens meinte er so, wenn er sich auch innerlich gestand, mit dem Sohn sei es anders gewesen. Den hatte er seinen »Kronprinzen« genannt, mit dessen Erziehung hatte er ein Meisterstück machen, hatte den Leuten zeigen wollen, wieviel, bei vernünftiger Leitung, aus einem geistig wie körperlich gut beanlagten Knaben werden könne. Das Töchterchen – – das blieb mehr der Frau überlassen, obgleich er selbstverständlich dafür Sorge tragen wollte, daß es die heutige verrückte Mädchenerziehung nicht bekommen dürfe … in seinem Hause, unter seinen Augen mußte alles »rationell« angefangen werden! – Jetzt, seit einem Jahr, da Erna sein einziges Kind geworden war, hielt der Doktor es für seine Pflicht, schärfer zuzufassen – Melitta verstand sich ja unglaublich schlecht auf die Behandlung von Kindern, sie hatte es ihm schon bei dem Sohn schwer genug gemacht, der allerdings in allen Stücken seiner Mutter Ebenbild war und mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit an ihr hing, ebenso, wie sie an ihm! Die leiblichen Mütter waren in des Doktors Augen die ungeeignetsten Erzieherinnen der Welt für ihre Kinder, fortwährend verloren sie das Ziel, um das es sich handelte, aus den Augen, begingen eine Inkonsequenz um die andere und ließen sich immer nur von ihren persönlichen Empfindungen leiten!
Auch jetzt wieder! Gewiß, das Kind war krank, das sah man ja, sehr krank sogar – aber mußte man ihm darum sklavisch jeden Willen thun? Es wäre viel nützlicher gewesen, ihm ernst zuzureden, es vielleicht, wenn das nichts half, tüchtig anzuschreien, es einzuschüchtern – dann hätte es ruhig gelegen und sich besser befunden. Es war eine Schwäche von ihm, dem Vater, daß er diese Unvernunft ruhig mit ansah, nicht, wie sonst, seinen Willen durchsetzte! Es war ihm eben nicht behaglich zu Mut! Melittas Ton und Blick wollte ihm nicht aus dem Sinn, als sie ihm vor einer Stunde zugerufen: »Dann bist du ehrlos in meinen Augen, und ich werde nicht einen Tag länger neben dir leben. Ich werde mein Kind nehmen und gehen!«
Nun, das waren große Worte, die weiter keine Bedeutung hatten! Damit sind ja die Frauen so leicht bei der Hand! Ehrlos! Lächerlich! Weil er nicht gesonnen war, sich der Kontrolle, der Bevormundung irgend eines Dorfquacksalbers zu unterwerfen, sich zum Gespött der Leute machen zu lassen! Und gehen! Ja, wohin denn? Ihre nächsten Angehörigen waren tot, mit den entfernten Verwandten hatte sie keine Fühlung – er hatte Sorge dafür getragen, er hatte sie gänzlich isoliert – es »ging« sich nicht so ohne weiteres für eine Frau, die kein eigenes Vermögen besaß und, schön und verwöhnt wie sie war, vom wirklichen Leben und seinen Anforderungen so gut wie nichts wußte. Er glaubte auch keinen Augenblick ernstlich an solche Drohungen – nur sah er, daß sie jetzt maßlos erregt war und daß er nichts thun durfte, sie noch mehr zu reizen. In ihren Augen hatte, als er ihr Haar küßte, ein Ausdruck gelegen – – er konnte ihn mit nichts anderem bezeichnen als mit Widerwillen. Und wenn … Unsinn! Sie war außer sich vor Angst gewesen damals um den Knaben – sie war außer sich vor Angst jetzt um das Mädchen – doppelt weil es ihr letztes, ihr einziges Kind war! Frauen aber, die Furcht und Erregung halb von Sinnen bringt, darf man für ihre Blicke nicht verantwortlich machen, solche Blicke zählen nicht mit!
Und so sah denn Doktor Schott scheinbar ganz gelassen zu, wie seine Frau das Kind aus dem Bettchen nahm und wieder hineinlegte – und nochmals aufnahm und von neuem in die Kissen bettete – wie sie sich geduldig das Haar von den kleinen Händen zerraufen ließ – wie sie niederkniete und betete, und die Puppe, den Ball, das Bilderbuch auf die Bettdecke legte und zehnmal wieder aufhob, wenn die unruhigen Händchen alles von sich schleuderten. Auch singen mußte Melitta von neuem: »Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt!« Und die Stimme war ihr so schwer von Thränen!
Friederike stand am Fußende des Bettes und wunderte sich in der Stille über den Herrn Doktor. Der ließ doch sonst nicht mit sich spaßen, und wenn Erna auch krank war – lieber Gott, der kleine Siegmund war ebenso krank gewesen, noch kränker sogar, und der Herr Doktor hatte alles allein bestimmt und besorgt, niemand durfte an das Kind heran, und es gab doch tüchtige Ärzte genug in Augsburg. Und hier wollte er dulden, daß ein alter Doktor oben aus dem Gebirgsdorf, der wahrscheinlich gar nichts verstand, kam und das Kind behandelte! Und er blieb ganz gehorsam in dem breiten Schattenstreifen, den der große, alte Kleiderschrank warf, stehen und ließ alles gehen, wie die junge Frau es anordnete! Diese rief dann und wann Friederike zu einer Handreichung heran – ihren Mann rief sie kein einziges Mal! Sie schien es nicht zu merken, daß er sie unausgesetzt beobachtete!
Wie sie doch schön war! Wie unter dem leichten, dünnen, in Hast übergeworfenen Morgenkleid die biegsamen Formen der anmutigen Gestalt so deutlich hervortraten! Wie das Haar, das sie so oft, als fiele es ihr lästig, mit einer ungeduldigen Bewegung zurückschüttelte, mattgolden schimmerte, und welch schwacher, lieblicher Duft davon ausströmte! Und diese feine Linie des herabgeneigten Profils, die schwarzen, aufwärts gebogenen Wimpern! Es brauchte kein Landrat Rothe zu kommen und aufgeregt zu versichern: »Aber Freundchen, deine Frau ist ja eine Schönheit, entzückend, wahr und wahrhaftig entzückend!« Es durfte kein Leutnant Rothe dastehen und sie mit bewundernden Blicken messen – Udo Schott wußte genau, was er hatte, er war eitel auf sie und für sie – ihm trug und kleidete sie sich viel zu einfach, er mußte ihr die kostbarsten Toiletten förmlich aufdrängen!
Indessen steigerte sich das Fieber bei Erna immer mehr – kaum war sie noch im Bett zu halten; sie wollte durchaus heraus und im Freien mit Rino spielen. Das war doch Rino, der liebe, schöne Neufundländerhund aus Augsburg, mit dem sie so gern tollte, der es immer geduldig litt, daß sie sich auf ihm wälzte und seine langen, weichen Ohren um ihre Händchen wand. Und wie er bellen und sie in wilden Sätzen umkreisen konnte, wenn sie nach Hause kam! Zuweilen ritt sie auf ihm – dann schritt er langsam und gravitätisch einher – warum ließ man sie denn jetzt nicht auf Rino reiten? Und Erna weinte und warf sich ungestüm zurück, und dann mit einemmal klammerte sie sich an ihre Mutter fest, die Füße drehten sich umeinander, und das kleine Gesicht verzerrte sich … es war ein Gehirnkrampf eingetreten.
Weiß wie ihr Kleid, zitternd am ganzen Körper hielt die junge Frau ihr Kind fest, bis der Anfall vorüberging. Mit ihren warmen Lippen küßte sie die kleinen, kalten Glieder, hauchte auf die zusammengekrampften Hände und Füße und warf verzweifelte Blicke auf die kleine Wanduhr, deren Pendel und Zeiger sich mit schauerlicher Langsamkeit weiterbewegten. Kein Gedanke an das Grauen des Morgens! Tiefe, tiefe Nacht. –
»Kannst du nicht helfen? Weißt du kein Mittel?« Melitta fragte es kaum hörbar, mit bebenden Lippen, während das Kind ihr matt und erschöpft im Arm lag.
»Gewiß, weiß ich! Wenn du mir die Behandlung überlassen willst« –
»Nur bis der Arzt kommt! Daß sich der Anfall nicht wiederholt!« – – Sie sah nicht seinen Gesichtsausdruck, nicht sein Achselzucken – – – bei ihr ging jetzt alles unter in der bebenden Angst um das Kind. Ihm allein wollte sie die Kleine nicht anvertrauen, aber so viel verstand er doch von der Heilkunde, um ein Linderungsmittel zu finden, das dafür sorgte, daß dieser entsetzliche Anfall nicht wiederkam … so war Melittas Gedankengang; sie folgte ihrem Gatten mit den Augen, als er zu der kleinen Hausapotheke ging, die er auf Reisen immer mit sich führte, und sie zählte angstvoll die dunkeln Tropfen, die er aus einem Fläschchen in den halb mit Wasser gefüllten Löffel fallen ließ.
»Es kann ihr bestimmt nicht schaden – nein?« flüsterte sie.
In seinen Augen flammte es auf.
»Du mußt wahrlich deiner Sinne nicht mächtig sein, um an mich … an mich – eine solche Frage stellen zu können!«
Sie wehrte seine Worte gleichsam mit einer gleichgültigen Handbewegung ab. Was galt ihr jetzt die verletzte Eitelkeit, das gesteigerte Selbstbewußtsein ihres Mannes – hier, wo es sich um Leben und Tod handelte? – – – Das Kind war von dem Krampf so erschöpft, daß es alles mit sich geschehen ließ. Die Mutter stützte das matt zurückgesunkene Köpfchen und goß den Inhalt des Löffels in den geöffneten Mund. Fürs erste hatten die Phantasien nachgelassen, aber wie verändert war das kleine runde Gesicht!
Die nächste halbe Stunde schlich so hin, dann ging das Phantasieren von neuem an, nur hatte es eine andere Gestalt angenommen. Erna erzählte nicht mehr, was sie, nach ihrer Meinung, deutlich vor sich sah, wollte kein Spielzeug, wünschte auch nicht mehr, daß Mama ihr vorsang oder mit ihr betete … sie hatte offenbar schreckliche Wahnvorstellungen, sah Dinge, die ihr kindliches Gemüt aufs äußerste entsetzten, war aber nicht imstande, sich darüber zu äußern oder um Hilfe zu bitten. Die kleine Brust flog vor Angst, der Atem krachte, die weitgeöffneten Augen sahen starr auf einen Punkt, und dazu stieß das kleine Geschöpf Schrei auf Schrei aus, als wenn es gefoltert würde. Kein Zureden, kein Bitten half, Erna kannte die Mutter und deren Stimme nicht mehr, sie stieß sie mit aller Kraft von sich – – und da war auch der fürchterliche Krampf wieder, der die Glieder starr und steif werden ließ und das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit verzerrte! Die Tropfen wurden von neuem gegeben, aber sie thaten keine Wirkung, der Zustand blieb derselbe! –
Melitta kannte sich kaum vor Angst. Sie stürzte zum Fenster und riß den Vorhang hoch, um zu sehen, ob sich kein Schimmer von Morgendämmerung am Himmel zeige, sie warf sich neben dem kleinen Bett auf die Kniee und stammelte unzusammenhängende Worte, halb Gebete, halb Drohungen: »Das kann doch dein Wille nicht sein? Dies eine – mein letztes – was würde mir bleiben, wenn … Ist es nicht genug an dem einen? Du darfst es – darfst es nicht geschehen lassen« – –
Sie war taub für jeden Zuspruch – was ihr Gatte zu ihr redete, wurde überhaupt nicht von ihr verstanden! Sie zählte die halben, die Viertelstunden an der Uhr – es konnte doch nicht erst Drei geschlagen haben, es mußte Vier gewesen sein! Und noch immer Nacht, noch immer nicht hell! Ihre Lippen murmelten immer in Zwischenräumen: »Ein Arzt! Ein Arzt! Es muß doch endlich ein Arzt kommen!« und der Fenstervorhang durfte nicht mehr heruntergelassen werden, damit sie es sofort sah, wenn der Tag kam! Draußen funkelten am nachtdunkeln Septemberhimmel die Sterne, die Luft ging frisch und kühl!
Und endlich! Die leuchtende Pracht droben fing an, zu erblassen, die schwarzen Schatten wurden grau, in unbestimmten, verschwommenen Umrissen begann es zu dämmern – der erste vereinzelte Hahnruf ließ sich hören.
Sie wollte selbst hinunter, den Boten wecken, ihm Eile einschärfen, ihm Geld geben – aber eben war wieder ein Anfall gewesen, schlimmer als zuvor, das Kind lag im Arm der Mutter in einem leichten Halbschlaf – oder war es nur völlige Erschöpfung? – Sie wagte es nicht, sich zu rühren. Ihr Gatte flüsterte ihr zu, er selbst wolle gehen, den Boten ein Stück begleiten, sie könne sich mit eigenen Augen überzeugen, in zehn Minuten spätestens werde sie beide vom Fenster aus fortgehen sehen. Sie nickte zu allem, es war ihr lieb, daß sie mit dem Kinde allein blieb, seine Gegenwart regte sie nur noch mehr auf.
Sie hörte ihn die knarrende Treppe hinuntergehen, hörte unten im Hause Thüren öffnen und schließen, es war ihr auch, als vernehme sie gedämpfte Stimmen. Das Kind regte sich in ihren Armen, sie wagte kaum zu atmen, sie winkte Friederike, zum Fenster zu gehen. Schon sah die Morgendämmerung durch die Glasscheiben, die Lampe brannte wie in einem trüben Dunstkreis, von unten herauf tönte Hundegebell und ein beschwichtigender Zuruf – das Leben des Tages erwachte.
Friederike machte am Fenster ein Zeichen – es litt Melitta nicht länger – sie mußte sehen, selbst sehen. Leicht, wie eine Flaumfeder, ließ sie das Kind in die Kissen zurückgleiten und schlich auf den Fußspitzen zum Fenster. Da sah sie im fahlen Zwielicht, das vor Sonnenaufgang herrscht, zwei männliche Gestalten zum Hofthor hinausschreiten – die größere Gestalt wandte sich nach dem Fenster zurück, hob grüßend den Hut und winkte mit der Hand; die kleinere sah sich nicht um. Zwanzig – dreißig Schritte, und die beiden Wanderer waren in dem jetzt mit Macht aufqualmenden Frühnebel verschwunden. –
Die junge Frau am Fenster atmete auf, tief, tief, wie wenn die Bergeslast auf ihrer angstbeklommenen Seele ein klein wenig leichter geworden wäre. – Wieviel Stunden jetzt noch? – Drei Stunden zum Aufstieg, zwei mindestens, allermindestens für den Abstieg … im allergünstigsten Fall konnten sie in fünf Stunden hier sein! Würde ihr Mann die ganze Tour mit dem Boten zugleich machen? Mochte er immer! Helfen konnte er hier nicht, und er mußte es ja sehen, daß er ihr vollkommen überflüssig war – – wenn nicht schlimmer noch als das! Wieder mit ihm am Krankenbett eines Kindes, das ihm und ihr gehörte! Die Erinnerung packte die junge Frau wie mit schaudernden Händen und schüttelte sie wie ein Laub im Winde! Was hatte sie leiden müssen – was litt sie wieder! –
Draußen bebten die Bäume im Morgenhauch! Jenes Säuseln und Raunen, das das Nahen der Sonne verkündet, strich feierlich durch die Wipfel, die Nebel ballten sich zusammen und rollten sich auf, nur die Gebirgshäupter steckten noch tief in ihren dichten Schleierhüllen. Der Nachtthau fiel in schweren Tropfen von den Blättern, und nun flog ein unsicheres, rosiges Dämmerlicht um die Baumkronen, zuckte stärker auf, vertiefte sich zu strahlendem Rot, goß eine verschwenderische Fülle strömenden Goldes über die erwachende Welt … die Sonne! – – Ihr siegender Strahl traf auch in das kleine Krankenstübchen, erzitterte wider in funkelnden Thränen, die rasch und unaufhaltsam aus den Augen der jungen Frau herabtropften. Sie hatte nicht weinen können, solange ihr Mann neben ihr stand! Aber jetzt! Alles, was sie vom Leben noch erwarten durfte, verkörperte sich in dem Kinde! Für sich selbst hoffte sie nichts mehr – aber für Erna, mit Erna zu hoffen, zu kämpfen, zu leiden, das war der Zweck ihres Daseins – ihr einziger! Wurde er ihr genommen … sie konnte den Gedanken nicht zu Ende denken! Wie oft hatte sie in wehmütig-süßen Zukunftsträumen auf das zu ihren Füßen spielende Kind herabgesehen! Wie mußte es schön sein, eine Tochter neben sich aufwachsen zu sehen, sich nach und nach eine Freundin in ihr heranzuziehen, die Teilnahme, Verständnis hat auch für die Dinge, die unausgesprochen bleiben müssen, selbst zwischen den Nächststehenden! Welch eine Quelle des Trostes – – Ein neuer Krampfanfall des Kindes schnitt jäh und schrecklich den Gedankengang seiner Mutter entzwei! – Wer hat nicht schon ein geliebtes Wesen müssen leiden sehen, machtlos, Abhilfe zu schaffen? Wer kennt nicht den Jammer, der uns das Herz in der Brust gleichsam umwendet, den Jammer menschlicher Ohnmacht gegenüber dem Tode, der seine eisige Hand nach unserem Liebsten ausstreckt? Und nun ein Kind, ein wehrloses, kleines Geschöpf, das mit den Augen flehentlich um Hilfe bittet, das es nicht anders kennt, nicht anders erwartet, als daß die Mutter ihm beisteht, wie sie bisher alle Last und Mühe bereitwillig auf sich genommen! Ein Herz, so ganz erfüllt von Liebe – ein Wille, so stark, daß er einer Welt Trotz bieten möchte, ein Opfermut, dem nichts – nichts zu schwer fiele … und machtlos – machtlos!! –
Charlotte Hartwig hatte an der Thür gelauscht und kam nun leise herein – sie fand das Kind verändert und entstellt, die junge Frau verzweifelt. Sie schickte Friederike hinunter und ließ Decken und Tücher wärmen, das Kind darin einzuwickeln; es wollte ihr nichts anderes einfallen – sie stand diesem Fall ratlos gegenüber – mit dem Bruder hatte sie ähnliches nie durchgemacht, und er, seitdem er Arzt war, sprach mit ihr niemals über seine ärztliche Thätigkeit, über die Mittel, die er etwa anwandte und deren Erfolge; es gehörte dies zu seinen Grundsätzen … der Arzt dürfe seinen Beruf nicht noch in seine Familie tragen, um seiner selbst und der Angehörigen willen! –
Das alte Fräulein hielt ihre junge Freundin im Arm und sprach mit ihrer weichen Stimme gute, warme Worte zu ihr – aber hörte, verstand sie Melitta auch? Immer derselbe starre, abwesende Blick, dasselbe einförmige Kopfschütteln, das heftige Zittern, das den schlanken Körper durchlief! Wahrlich, ein Anblick zum Erbarmen! – – – Die warmen Decken schienen dem Kinde wohlzuthun, es streckte sich darin aus, dehnte die kleinen Glieder, bekam einen Hauch von Farbe in das arme, bleiche Gesichtchen; die nächste Stunde verging ohne Anfall. Eine strahlende Morgensonne lachte zum Fenster herein, draußen vor den Scheiben glitzerten die im Frühwind sanft bewegten Blätter der Bäume vom frischen Morgenthau, die Vögel lärmten in den Zweigen, ein herber Duft stieg von der Erde auf.
Die zwei Frauen saßen still neben dem Bettchen, Friederike machte sich leise im Nebenzimmer zu schaffen. Noch zwei gute Stunden, dann konnte der Arzt da sein! –
Resi schlich sich mit einem Tablett herein, auf dem zugedeckte Teller und einladend dampfende Kännchen und Tassen standen – Frau Eigener habe sie heraufgeschickt und ihr verboten, bei Strafe der Entlassung, früher herunterzukommen, als bis sie mit ihren eigenen Augen gesehen habe, daß Frau Doktor esse und trinke. Für Fräulein Hartwig habe sie drüben in Fräuleins Zimmer alles zurechtgestellt. – – – Alles dies wurde mehr pantomimisch als mit Worten ausgedrückt – die junge Frau weigerte sich anfangs standhaft, etwas zu sich zu nehmen, endlich setzte sie die Tasse an die Lippen, bat aber nun ihrerseits Fräulein Charlotte, in ihr Zimmer zu gehen und ihr Frühstück zu genießen … thäte sie das nicht, so werde auch sie – Melitta – keinen Bissen mehr essen. Das alte Fräulein stand eine kleine Weile zögernd da, zuletzt gab sie nach, deutete an, sie werde bald wieder da sein und ging leise über den schmalen Korridor in ihr Stübchen. – Eben goß sie sich die zweite Tasse des ungewöhnlich starken und heißen Kaffees ein, als die Thür sich sacht öffnete und Resi auf der Schwelle erschien.
»Was ist?« fuhr Charlotte erschreckt auf. »Hat Erna wieder – –«
»Nix und gar nix is!« winkte Resi ab und kam näher heran. »Die Frau Doktorin trinkt ganz brav ihr' Kaffee, und's Kindl schlaft – – oder wenigstens liegt's da, als wenn's schlaft! Wegen dem können gnä' Fräul'n in Ruh' weiter frühstück'n! 's is bloß« – – offenbar hatte Resi etwas auf dem Herzen, sie fältete an ihrem Schürzensaum, hustete ein paarmal kurz hinter der vorgehaltenen Hand und trat unschlüssig von einem Fuß auf den anderen.
»Ja, Resi, was giebt es denn? Wollen Sie mir etwas sagen?«
»Das möcht' i schon – gnä' Fräul'n sind gar so viel klug und doch auch alt eben, da weiß ma' schon, was ma' zu thun hat! Unserer Frau – was d' Frau Eigener is – trau' i mir's nimmer z' sagen, i weiß nimmer, was das abgeben thät!«
»Haben Sie einen Schatz, Resi?« fragte Fräulein Charlotte mit einem halben Lächeln.
»O mein – gnä' Fräul'n – wie's aber auch fragen! Nu freili hab' i ein'! Wie wär's denn bestellt mit unserein', wenn's kein Schatz hätt'! Und das weiß auch d' Frau – wegen dem is' nimmer!«
»Also weswegen sonst?«
»Ja – das is« – Resi nahm einen förmlichen Anlauf, um sprechen zu können – »i bin heut' in aller Herrgottsfruha aufg'standen und bin zum Ziehbrunnen 'gangen wegen kalt' Wasser, war schier noch stickdunkel – gnä' Fräul'n werden wissen, wo der Brunnen liegt, ganz dicht unter grüne Bäum', g'rad' so umstellt, daß ka' Mensch ein'sehen kann, wenn er nit hat was z'schaffen selber am Ziehbrunnen. Und da, wie i den Eimer will heben, da hab' i g'hört, wie der Herr Doktor hat zum Peterl g'redt, leis' g'nug, ob der Peterl auch schweigen könnt' – und wie der hat »Ja« g'sagt – und wahr is schon, der Peterl kann's Maul halten, bei uns im Haus heißt man's alleweil »der Stumme!« – da hat der Herr Doktor ihm Geld 'geben und hat g'sagt, er braucht nimmer gehen bis Leuten, 's wär bloß so Spiel – oder wie – für d' junge Frau, weil die sich so viel verängst'gen thät'. Aber kein' fremden Doktor braucht's nimmer, und er allein könnt's Kindl g'sund machen und woll's auch g'sund machen, er wüßt' eben mehr als zehn so Dorfärzt' z'sammen. Und's Peterl sollt' eben gehen und e paar Stund' fortbleiben und sagen, er wär' droben g'wesen, und der Herr Doktor sei schon fortg'wesen – – und das sollt' a G'heim's bleiben, kein Mensch dürft' nicht kein Sterbenswörtl davon wissen – und später, wenn's Kindl g'sund daherspräng', woll' er's selber der Gnäd'gen sag'n … aber für jetzt sei das g'fehlt: sie woll' e' zweit'n Arzt, und er woll'n nicht – und weil sie so anstellig wär' – so wild, hat er g'moant, vor Furcht – d'rum müßt' man 's eben anlüg'n – und er wollt' auch so thun, als wär' er droben … ja, ja, um Gott's will'n – was bedeut' denn das?«
Hinter Resi, die eifrig auf Fräulein Charlotte einsprach, hatte sich die Thür aufgethan … Melitta stand im Rahmen derselben. Hatte sie Resis Bericht gehört oder nicht? Sie war erschreckend blaß, ihre großen Augen hatten einen seltsamen Ausdruck. Sie sprach kein Wort, sie sah nur Fräulein Charlotte an.
»Steht es mit Erna schlechter?«
»Ja!« sagte die junge Frau tonlos. »Sie hat eben wieder einen Anfall gehabt!«
»Um Gottes willen! Ich komme sofort!«
Das alte Fräulein lief in ihrer raschen Bereitwilligkeit beinahe Resi um, die mit herabhängenden Armen, einen Ausdruck hilflosen Schreckens im Gesicht, gleich einer ertappten Sünderin dastand. Jetzt aber galt es nur das Kind, das starr und steif in Friederikens Armen lag, die Zähne fest aufeinandergebissen, die Lippen bläulich-weiß, die Augen nach oben gekehrt.
»Wir wollen noch einmal die Decken wärmen!« sagte Charlotte, mit Thränen in den Augen auf das gequälte kleine Geschöpf blickend. »Warten Sie, ich gehe selbst und sage es Frau Eigener, ich bleibe dabei, bis die Sachen durchwärmt sind, Sie können sich auf mich verlassen! Es schien mir doch, als thäte die Wärme unserem armen Liebling gut!«
Melitta nickte ein paarmal, ohne ein Wort zu erwidern. Fräulein Hartwig sah sie in großer Besorgnis an – – wenn sie doch nur um Gottes willen Resis unglückselige Erzählung nicht mit angehört hätte! Und wenn der alte Gebirgsdoktor wirklich kein sehr gescheiter Arzt war und Doktor Schott mehr, zehnmal mehr wußte, als er … die junge Frau wartete auf diesen Arzt wie auf den Heiland, sie brachte ihm Glauben und Vertrauen entgegen – – und, vor allen Dingen, ihr ohnehin schwer erschüttertes Verhältnis zu ihrem Gatten würde einen bedenklichen Stoß erleiden, wenn sie erfuhr, wie eigenmächtig er in dieser Angelegenheit gehandelt hatte. Wer konnte wissen, wie lange die Frau in dem kleinen Korridor vor der Thür gestanden – wieviel oder wie wenig sie von Resis Bericht vernommen hatte! Durfte man sie danach fragen – sich in eine so unendlich peinliche Sache mischen? –
Fräulein Charlotte entschied bei sich diese Frage mit »Nein,« und suchte nochmals ihre junge Freundin mit der Versicherung zu beruhigen, sie selbst werde das Erwärmen der Decken beaufsichtigen. – Melitta nickte wieder nur, ohne zu sprechen.
Um zur Küche zu gelangen, mußte Charlotte die Runde um das ganze Haus machen. Als sie eben in die halbgeöffnete Thür hineinschlüpfen wollte, wurde sie von Fräulein Rosa Hesse festgehalten, die eben in kleidsamer Morgentoilette die Stufen der Veranda herabkam – sie hätte gehört, die kleine Erna Schott sei erkrankt – merkwürdig, daß den »Glücklichen« hier, während der Sommerfrische, ein solches Malheur passieren müsse! – und der Doktor sei schon vor mehreren Stunden, mit Peterl als Führer, hinauf nach Leuten gegangen, um den Gebirgsarzt zu holen, auf Wunsch seiner Frau! Das sei noch ein Mann! Da sähe man wieder den eklatantesten Beweis für das ideale Verhältnis der »Glücklichen!« Sicherlich würde das so bald kein Mann thun – zu einem ganz obskuren, vielleicht sogar sträflich unwissenden Gebirgsdoktor zu gehen, bloß auf Verlangen der Frau, wenn man selbst ein eminent bedeutender Arzt sei …
»Woher wissen Sie, daß Doktor Schott ein eminent bedeutender Arzt ist?« konnte Fräulein Charlotte nicht umhin, zu fragen.
Die schöngeistige Dame sah halb geringschätzig, halb beleidigt drein.
»Woher ich das weiß? Aber, mein Himmel, das weiß doch hier ein jeder!«
»So?« sagte Fräulein Hartwig trocken.
»Ja – natürlich! Ein Mann, wie dieser, von solcher Begabung, solchem Wissen, muß ja ein bedeutender Arzt sein – er ist auf allen Gebieten zu Hause, so auch auf diesem. – Sie scheinen große Eile zu haben, verehrtes Fräulein.«
»In der That!« warf Charlotte ein.
»Wie geht es denn jetzt dem Kinde?«
»Schlecht! Es liegt in Krämpfen!«
»O, o – wie schrecklich! Und der Vater nicht da! Wie blind muß er diese Frau lieben, daß er jetzt das Kind allein läßt, um nur ihren Ideen zu folgen! Was haben Sie denn in der Küche zu thun?«
»Frau Eigener eine Bestellung zu machen!«
»So komme ich mit Ihnen! Ich weiß gar nicht, wo Resi heute steckt! Sonst hat sie mir um diese Zeit schon lange meinen Kakao gebracht – ich trinke nämlich des Morgens immer Kakao, ich halte das für weit bekömmlicher als Kaffee, und meine Gesundheit ist ein wenig zart.«
Mit Fräulein Rosa Hesse im Schlepptau betrat Charlotte die Küche und fragte nach Frau Eigener. Dieselbe mußte aus der Vorratsstube geholt werden – sie war ganz Teilnahme und Bereitwilligkeit … wenn gnä' Fräul'n ein fünf, sechs Minuten warten wollten, dann könnte sie die Decken schon mitgeben. Damit wischte sie eilfertig einen Küchenstuhl ab – »bitte, sich nur zu setzen!«
Unterdessen war Resi langsam, Schritt vor Schritt setzend, aus Fräulein Hartwigs Zimmer gekommen und stieg jetzt ebenso bedächtig die Treppe hinunter. Ihr ahnte nichts Gutes. Wenn die Frau Doktor die ganze Geschichte, die sie, die Resi, dem alten Fräulein erzählt, mit angehört hatte – und warum sollte sie das nicht gethan haben? – dann konnte das unangenehme Dinge nach sich ziehen! Für nichts und wieder nichts hatte der Herr Doktor den Peterl wohl nicht immer von neuem beschworen, reinen Mund zu halten und ihm Geld noch extra dafür gegeben – gefallen hatte es ihr, der Resi, gar nicht, daß der Herr Doktor so sein Spiel trieb mit der jungen Frau; Resi fand, wenn er ihr's versprochen hatte, den Leutener Arzt zu holen, so mußte er ihn eben holen, ob ihn das nun ärgerte oder nicht. Sie hatte ein ziemlich hartes Urteil für des Doktors Handlungsweise, und sie sagte sich, daß des Doktors eigene Frau, die Mutter des kranken Kindes, noch ein ganz anderes Urteil fällen dürfte als sie, das einfältige Zimmermädel. O je, o je, das konnte noch eine böse Geschichte geben! Hätte bloß die junge Frau nichts gehört. Aber sie hatte so »wüste« Augen gehabt – zehn gegen eins zu wetten, ihr war kein Wort entgangen! –
In ihre trübseligen Gedanken über die Folgen ihrer Schwatzhaftigkeit verloren, fuhr Resi erschreckt zusammen, als sie sich am Fuß der Treppe von einer fremden Männerstimme angeredet hörte. Vor ihr stand ein Herr im Reiseanzug, er hatte eine etwas lässige Haltung, ein blondbärtiges, stubenblasses Gesicht und sehr kluge und gute Augen. In der Hand trug er einen Schirm und einen kleinen Koffer.
»Guten Morgen, Fräulein! Um Verzeihung – dies ist doch Pensionat Klinger?«
Resi knickste. »Ei ja freilich schon – z' dienen!«
»Ich habe meinen Wagen vor einer Viertelstunde fortgeschickt und bin das letzte Stückchen Weg durch den schönen Bergwald zu Fuß gekommen. Auch habe ich meine Schwester gern überraschen wollen – Sie werden sie ja gut kennen – Fräulein Charlotte Hartwig! Ich bin Professor Hartwig aus Stettin – können Sie mir sagen, wo – –«
Weiter kam er nicht. Die steile Treppe herab flog eine weibliche, weißgekleidete Gestalt mit offenem Blondhaar – er hielt sie für ein junges Mädchen – umklammerte seine freie Linke mit ihren beiden zitternden Händen und stammelte kaum verständlich: »Helfen Sie – um Gottes willen – helfen Sie mir –«
»Meine Gnädigste – mein Fräulein – ich –«
»Aus Erbarmen! Helfen Sie – um Ihrer Schwester willen, die mich liebt, die ich liebe! Das Kind muß – muß sterben, wenn nicht – wenn nicht – und es ist kein Arzt – keiner …« – Sie fiel in ihrer Aufregung und Verzweiflung vor ihm auf die Kniee, sie haschte nach seinen Händen, um sie an die Lippen zu führen.
»Nicht doch – um Himmels willen – wo ist das Kind? Führen Sie mich!«
Professor Hartwig gab Schirm und Koffer an Resi ab.
»Tragen Sie das einstweilen fort, und sagen Sie, bitte, meiner Schwester noch nichts, ich suche sie später auf. – Diese Treppe hinauf?«
»Ja!«
Resi sah den beiden, wie sie nebeneinander die Treppe hinaufstiegen, mit offenem Munde nach. Diesmal faßte sie den festen Vorsatz, zu schweigen.
Professor Hartwig warf einen kurzen prüfenden Blick auf seine Begleiterin, er sprach kein Wort weiter. Im Krankenzimmer angekommen, legte er seinen Hut auf das Fensterbrett und streifte die Handschuhe ab. Dann trat er an das kleine Bett. – »Wie lange ist das Kind schon in diesem Zustand?«
Melitta schöpfte zitternd Atem. Die Stimme wollte ihr nicht gehorchen.
»Ich – ich kann es nicht genau sagen. Wir hatten eine weite – eine weite Gebirgspartie unternommen, waren zwei Tage und eine Nacht unterwegs. Als ich mein Kind verließ, war es gesund gewesen – gestern des Abends sagte mir Ihre Schwester, es wäre ihr bald – bald nach unserem Aufbruch verändert erschienen – still und apathisch. Wir fanden es in hohem Fieber!«
»Und es ist kein Arzt hier?«
»Er ist nach München zu einer Versammlung, und bis nach Leuten hinauf sind es mehr als drei Stunden – ein beschwerlicher Aufstieg … in der Nacht wollte ihn niemand unternehmen!«
»Haben Sie gar kein Mittel bei dem Kinde angewendet?« »Doch!« Die junge Frau wurde rasch nacheinander rot und blaß. »Wir – ich – mein Mann weiß einiges – hat einige medizinische Kenntnisse – wenigstens interessiert er sich – –«
»Gut also! Was haben Sie gegeben?«
»Zuerst ein weißes Pulver – es sollte fieberstillend sein – dann diese Tropfen« – sie nahm das Fläschchen vom Tisch und reichte es dem Professor.
Dieser zog den Kork heraus, roch an dem Fläschchen, goß sich ein paar Tropfen in einen bereit liegenden Theelöffel und kostete. Ohne etwas Weiteres zu sagen, schloß er das Fläschchen wieder und setzte es beiseit.
»Wollen Sie jetzt das Kind aus dem Bett heben, ich muß es genau untersuchen. Haben Sie einen Thermometer zum Messen der Temperatur hier? Gut. Bitte, setzen Sie sich hierher neben das Bett, ich gebe Ihnen die Kleine auf den Schoß.« Er hatte gesehen, daß Melittas Hände stark zitterten.
»Wenn – wenn Erna bei Besinnung ist, wird sie sich nicht von Ihnen berühren lassen – sie wird sich sehr aufregen –«
»Ich hoffe nein! So, meine kleine Erna, komm zum Onkel Doktor – er bringt dich zu Mama!«
Die Kleine, mehr überrascht als erschrocken, hob ein wenig den schweren Kopf und sah dem fremden Mann aus glanzlosen Augen ins Gesicht. Er faßte sie sehr zart und behutsam an und hob sie so rasch und geschickt aus dem Bett, daß man auf den ersten Blick den erfahrenen, geübten Kinderarzt in ihm erkannte.
Die Untersuchung dauerte eine Weile. Professor Hartwig sprach kein Wort dabei, hatte keinen Blick für die junge Frau, er verwandte kein Auge von dem Kinde. Zuletzt fragte er die Kleine, wie sie heiße, welchen Namen ihre Puppe habe; er wiederholte seine Frage einigemal mit einer sehr sanften, sympathischen Stimme … Erna starrte ihn aus trüben Augen an und antwortete nicht.
Indessen öffnete sich seitwärts leise die Thür. Und Charlotte, die, ein Paket wollener Tücher im Arm, über die Schwelle treten wollte, blieb dort wie angewurzelt stehen. Sie glaubte, nach der halb durchwachten Nacht eine Vision zu haben. Es war doch nicht möglich! Der Herr, der dort neben Melitta stand, tief über das Kind gebeugt – das war doch – das mußte doch ihr Bruder Walter sein … nun, das konnte doch nicht … sie trat ein paar Schritte näher, und die Decken fielen sämtlich auf die Erde.
Professor Hartwig blickte sich mit gerunzelter Stirn um. Als er seine Schwester erkannte, erhellte sich sein Blick.
»Grüß' Gott, Lottchen! Was hast du da? Wollene Decken? Die nützen nicht viel. Wenn du uns sobald wie möglich ein warmes Bad verschaffen könntest – – –«