5.
Das alte Fräulein kam halb lachend, halb weinend heran.
»Walter – mein Walter – wie bist du hergekommen? Seit wann? –«
»Nicht jetzt, Lottchen – später – jetzt müssen wir das Kind zurücklegen – so!«
Mit überfließenden Augen sah die Schwester seinem Thun zu. Nicht der eigene Vater konnte sein zärtlich geliebtes Kind sorgsamer betten, als ihr teurer Walter es jetzt that.
»Ist eine Apotheke am Ort?«
»Ja!«
»Ich möchte etwas aufschreiben!«
Er schritt zum Tisch und strich im Vorübergehen liebkosend über die Wange der Schwester, die ihn mit verklärten Blicken betrachtete.
»Das warme Bad – du sorgst wohl dafür, Lottchen! Es muß achtundzwanzig Grad mindestens haben – besser noch neunundzwanzig! – und verdeckt heraufgebracht werden! Dann muß man Eis herbeischaffen – ich denke, das kann hier nicht so schwer sein, vielleicht hat sogar die Hausfrau welches!«
»Ich – ich werde nachfragen. Ach, Walter, was für ein Segen ist es doch, daß du gekommen bist! Wenn du wüßtest – –«
»Bitte, nichts mehr! Ich möchte ein wenig nachdenken.«
Er setzte sich, nahm die Feder zur Hand, die Melitta auf den Tisch gelegt, und starrte mit gefurchten Brauen, wie in angestrengtem Sinnen, vor sich hin. Die längst eingetauchte Feder schwebte immer noch unschlüssig über dem Papier, ein sorgenvoller Zug, der das Gesicht des Arztes um zehn Jahre älter erscheinen ließ, lag um Mund und Augen. Es war totenstill im Zimmer.
Endlich fuhr die Feder in raschen Zügen über das Papier, dann reichte er Friederike das Blatt hin.
»Bitte, gehen Sie sofort zur Apotheke, und warten Sie, bis die Medizin fertig ist.«
Melitta war neben ihn getreten – sie versuchte zu sprechen, es wollte ihr nicht gelingen. Charlotte eilte auf sie zu und legte den Arm um sie.
»Ist – ist große Gefahr vorhanden? Haben Sie noch Hoffnung?« kam es endlich leise, leise von Melittas Lippen.
Er sah mitleidig in das süße, weiße Gesicht.
»Ich kann Ihnen nichts sagen – wir müssen abwarten. Das Kind ist schwerkrank, aber seine Natur scheint sehr widerstandsfähig zu sein. Wir müssen alles thun, was in unsern Kräften steht, und versuchen, möglichst ruhig zu sein. Ihnen, gnädige Frau, verordne ich vorerst ein Glas Wein; ich hoffe, Sie gehorchen mir!«
»Ja!« sagte Melitta leise.
»Dann komm, Charlotte! Sobald das Bad fertig ist, bin ich wieder hier!«
Professor Hartwig verneigte sich leicht – die junge Frau vergaß, den Gruß zu erwidern. Mit einem ergreifenden Ausdruck von Glauben und Vertrauen hingen ihre Augen an seinem Antlitz. – –
»Mein Walter! Mein Walter!«
Draußen im Hausflur konnte sich's das alte Fräulein nicht versagen, den Bruder zu umarmen und zu küssen – eine Ceremonie, die er lächelnd, mit guter Miene, über sich ergehen ließ. »Ich bin so glücklich, so grenzenlos glücklich! Sage mir bloß, wie es gekommen ist, daß du kamst!«
»Hat ja Zeit, liebe Alte, wird alles werden! Vor allen Dingen: wie heißt sie denn?«
»Wer? Ach so – Melitta meinst du? Frau Doktor Schott aus Augsburg! Ist sie nicht wunderschön?«
»Hm! Und was treibt der Mann?«
»Ach – der! Komm hier in mein Zimmer, man könnte uns hören! Nach meiner Ansicht treibt der Mann nichts als Dummheiten! Ein arroganter Patron, ein Besserwisser, ein Mensch, der von allem wissen will –«
»So? Von Medizin versteht er aber nichts!«
»Er hat das Kind falsch behandelt, nicht wahr?« fragte Charlotte eifrig.
Ihr Bruder sah ihr sehr ernst ins Gesicht.
»Ich weiß, daß du schweigen kannst, Lotte – und daß du es hier thust, versteht sich von selbst! Ja denn! Das eine Mittel, das dieser Herr, der sich so für Arzneikunde interessieren will, dem Kinde gegeben hat, war harmlos – weder wirksam noch schädlich – mit dem zweiten sieht es bedenklich aus!«
»Und du meinst – was meinst du? Bleibt die Kleine am Leben? Muß sie sterben?«
Der Professor schüttelte den Kopf.
»Kein Mensch auf der Welt sollte mich so gut kennen wie du – und du thust es doch nicht! Nach meiner schon seit langen Jahren festgehaltenen Meinung ist der Arzt ein Narr, der Leben und Tod verspricht – er hat sein Bestes zu thun und abzuwarten, ob die Natur mithilft – oder Gott, wenn du so willst! – Und nun komm, wir wollen das Bad bestellen!«
»Aber, mein guter Walter, wie müde mußt du sein. Du bist wohl gar die Nacht durch gefahren? Nicht? Nun Gott sei Dank! Aber etwas zum Frühstück mußt du doch haben!«
»Ich werde nachher frühstücken, verlaß dich ganz fest darauf! Jetzt erst einmal das Bad!«
Drunten im Pensionat Klinger summte es durcheinander, wie in einem Bienenschwarm. Unglaublich schnell hatte sich die Kunde verbreitet, Professor Hartwig aus Stettin, des alten Fräuleins Bruder, sei unerwartet angekommen und werde die Behandlung des kranken Kindes übernehmen … jetzt, da eben dieses kranken Kindes Vater den beschwerlichen Weg über den Gebirgskamm machte, um den Doktor aus Leuten herbeizuholen! Diese Thatsache fand eine sehr verschiedenartige Aufnahme. Die einen meinten, es sei ein Segen, daß der fremde Arzt gekommen – die anderen, Fräulein Hesse obenan, nannten es eine empörende Anmaßung von ihm, hier einzugreifen, da Doktor Schott doch unfehlbar das richtige getroffen habe und weiter treffen werde.
Frau Eigener gehörte jedenfalls der ersten Partei an. Sie hatte in ihrem Innern den pomphaften Doktor immer einer wenig schmeichelhaften Kritik unterzogen und die junge Frau ebenso reizend als bedauernswert gefunden – jetzt stellte sie sich selbst, wie ihr ganzes Haus, dem Geschwisterpaar Hartwig ohne weiteres zur Verfügung. Das Bad werde in kürzester Frist bereit sein, es flamme den ganzen Tag ein tüchtiges Feuer auf ihrem Herde, und ein paar große Kessel voll Wasser wären im Nu heiß. Und Eis? Nun, natürlich hätte sie welches, ihr seliger Mann hatte ihr noch den Eiskeller aufmauern lassen – bei dem Fremdenverkehr in ihrem Haus, und wenn sich alles frisch erhalten solle, müsse man das ja haben … ob das alles sei, was Herr Professor zu bestimmen hätte? Ihr wäre nichts zu viel, wenn nur das Hascherl, das Herzerl, die Erna wieder gesund werden möchte! –
Vorläufig sah es nicht danach aus. Das Bad zog eine schwere Erschöpfung nach sich, die ersten Löffel Medizin blieben ohne jede Wirkung, und die Eisblase wurde unaufhörlich von dem ruhelos umhergeworfenen Köpfchen geschleudert. Professor Hartwig hatte die Kleine selbst gebadet. »Lassen Sie mich nur machen!« sagte er mit seiner ruhigen Bestimmtheit, und dann rief er die Mutter zu Handreichungen herbei, und sie setzten sich zusammen an das kleine Bett und reichten die Medizin und hielten abwechselnd die Eisblase fest und die Händchen, die immer wild nach der Stirn fuhren, um das kalte kleine Bündel herunterzureißen. Wenn der Professor nicht schon um des Kindes willen, das er für bedenklich krank hielt, geblieben wäre – – um der Mutter willen hätte er es thun müssen. Er machte keine neue Erfahrung an diesem Krankenbett; oft schon hatte er es in seiner Praxis erlebt, daß von seiner Persönlichkeit, seiner Art, sich zu geben, diese seltsam beruhigende, sympathische Wirkung auf die Umgebung der Patienten überging, Pfleger und Pflegerinnen wie unter einem wohlthätigen Einfluß standen, daß seine Ruhe, seine Zuversicht sich ihnen mitteilte und ihnen selbst ihr schweres Amt solchergestalt zehnfach erleichterte. – So auch hier. Diese junge Frau, die ihm in fiebernder Exaltation, mit beinahe irrem Blick und Wesen vor kurzer Zeit entgegengestürzt war, deren Hände derartig gebebt hatten, daß sie das Kind nicht halten konnten, die die Worte mühsam hatte suchen müssen, um sich ihm nur verständlich zu machen … sie saß still und aufmerksam neben ihm, folgte jeder seiner Bewegungen, verstand den leisesten Wink, störte ihn nicht mit einem Ausruf, einer Frage … und er hatte ihr doch noch kein einziges aufmunterndes oder auch nur beruhigendes Wort sagen können! – Seine Macht über die Menschen, die sein Beruf ihm nahe brachte, war in seinen Patientenkreisen beinahe sprichwörtlich geworden, und er hatte nicht umhin gekonnt, sich darüber oft zu freuen – – aber noch nie hatte er sich dessen so gefreut wie eben jetzt!
Seiner schlichten Art lief alles, was wie Übertreibung aussah, schnurgerade zuwider, das wußten seine Bekannten und verschonten ihn mit großem Lob und Danksagungen. Auch hier war freilich davon keine Rede – aber die ausdrucksvollen Augen der jungen blickten mit einer so schwärmerischen Innigkeit und Verehrung zu ihm auf, daß ihm dieselbe leicht zuviel hätte werden können. Bei ihr wurde sie ihm nicht zuviel! Es waren so wunderschöne Augen! Und dann that ihm das arme süße Geschöpf, nach allem, was ihm Charlotte in aller Eile ins Ohr geflüstert hatte, auch rein menschlich leid … schließlich war man ja doch nicht nur Arzt und immer wieder nur Arzt … man war ja doch am Ende auch Mensch! Und als Mensch sah »man« auch, welch herrliches seidenfeines Haar diese Frau hatte und welch einen schönen, schmiegsamen Wuchs! – Wenn er ihr das Kind doch retten könnte! –
Charlotte schlich dann und wann herein und sah die beiden nebeneinander sitzen – »Gott verzeih' mir's wie ein Ehepaar, das am Bettchen seines Kindes wacht!« sagte sich das alte Fräulein in ihren Gedanken. »Wenn einer das liebe Kind durchbringen kann, dann ist er es!« dachte sie weiter. »Armes Geschöpfchen, was es wohl leiden muß! Aber er hat so vielen geholfen, er hat ja so viel Geschick, ein so geniales Auge für den Sitz der Krankheit! Wie anbetend Melitta ihn ansieht! Ja, aber auch mein Walter! Gottlob nur, daß ihr Mann noch nicht kommt!«
Aber endlich kam er doch.
Es wurde ein rascher fester Tritt auf der Treppe hörbar, – die junge Frau fuhr zusammen und wurde sehr blaß, aber sie blieb am Bett des Kindes sitzen. In der nächsten Minute stand Doktor Schott im Zimmer.
Der Professor hatte sich erhoben, die junge Frau that es ihm nach, sie stand zwischen den beiden Männern, die in ihrer äußeren Erscheinung einen starken Gegensatz bildeten. Hier der Mann der Wissenschaft, der Gelehrte, stubenblaß, überarbeitet aussehend, den Kopf mit dem um die Schläfen grau angeflogenen Haar etwas vorgeneigt, die hohe Gestalt überschlank, schmächtig – daneben der andere mit seinem stolzen, kraftvollen Wuchs, der breiten Brust, dem schöngeschnittenen, ausdrucksvollen Kopf, der luftgebräunten, frischen Farbe! Der merkbarste Unterschied lag aber doch im Gepräge der beiden Gesichter – dieser gleichsam nach innen gekehrte Blick des Forschers, und die selbstbewußte, alles in Besitz nehmenwollende Miene des Mannes, der alles zu können, alles zu beurteilen meinte … es gab ein eigenartiges Bild, diese beiden nebeneinander zu sehen.
Doktor Schott mußte unten niemand vom Hauspersonal gesprochen haben – sichtlich traf ihn des Professors Anwesenheit ganz unerwartet. In seiner hochmütigen Manier die Augenbrauen emporziehend, warf er einen erstaunten Blick auf seine Frau, einen Blick, der bedeuten wollte: »Was soll das heißen? Wie konntest du es wagen – –«
Sie machte eine leichte Bewegung mit der Hand.
»Professor Hartwig, Fräulein Charlottes Bruder aus Stettin, hat gütigst, auf meine Bitten, die Behandlung Ernas übernommen!«
»Ah!« Doktor Schott richtete sich noch straffer auf als bisher und machte die knappste Verbeugung, deren er fähig war. »Nun sieh, mein Kind, wie dir der Zufall zu Hilfe gekommen ist! Indessen ich oben in Leuten erfahren mußte, daß der alte Gebirgsdoktor schon vor Morgengrauen zu Wagen aufgebrochen war – man wußte mir nicht zu sagen, wohin – und erst gegen Abend zurück erwartet wurde, sind deine heißen Wünsche um einen auswärtigen Arzt erhört worden.«
»Ja,« unterbrach sie ihn, »Gott sei ewig dafür gedankt!«
Mit einem sarkastischen Zucken der Lippen wandte sich ihr Gatte von ihr fort und dem Professor zu.
»Darf ich um Ihre Diagnose bitten, mein Herr?«
»Ich stehe zu Diensten,« sagte der Professor höflich, »vorausgesetzt, daß es Sie nicht befremdet, in der Behandlung einen Weg eingeschlagen zu sehen, der dem bisherigen total entgegengesetzt ist!«
Doktor Schott maß den Sprecher von Kopf bis Fuß mit einem funkelnden Blick. Der Professor stand ruhig da, mit der Miene eines Mannes, dem das Aussprechen seiner innersten Meinung etwas Selbstverständliches ist.
»Ich wäre begierig!« sagte der Doktor scharf.
»Liebe Charlotte,« wandte sich der Professor an seine Schwester, »du gestattest wohl, daß wir zu dieser medizinischen Auseinandersetzung in dein Stübchen hinübergehen – ein Krankenzimmer ist dazu so ungeeignet wie nur möglich. Ich hoffe, das Kind wird ruhig bleiben unterdessen!« Mit einem geschickten Griff lockerte er das Kissen unter dem fieberheißen Köpfchen auf und bettete es höher. Die junge Frau war sehr bleich geworden und blickte ihn angstvoll fragend an – auch Charlotte sah beunruhigt aus. Der Professor sah ihnen beiden mit seinen klugen, gütigen Augen ins Gesicht und schüttelte ein klein wenig den Kopf, als wollte er versichern: »Keine Sorge!« Dann machte er eine Gebärde, um Doktor Schott den Weg zu weisen; auf ein überhöflich betontes »Bitte!« desselben, schritt er ruhig voran. Im nächsten Augenblick waren die beiden Männer verschwunden.
»Gehen Sie hinunter zu Frau Eigener, Friederike, und kommen Sie nicht früher herauf, als bis ich Sie rufe!« sagte Melitta wie mit einem plötzlichen Entschluß. – – Und kaum hatte sich die Thür hinter dem Mädchen geschlossen, da ergriff die junge Frau mit einer flehentlichen Gebärde beide Hände des alten Fräuleins und sagte in dringendem, unwiderstehlich bittendem Ton: »Nicht wahr, Sie haben mich lieb? Nur ein wenig – ein ganz klein wenig nur – –«
»Nein!« sagte Charlotte, zog sie an sich und küßte sie. »Nicht ein klein wenig! Sehr lieb – – von Herzen lieb!«
»Und wollen mir helfen?«
»Helfen? Wozu?«
Melitta schöpfte tief Atem. »Ich will von ihm fort – für immer! Ich kann nicht mehr bei ihm bleiben!«
»Kind, um Gottes willen, Sie wissen nicht, was Sie sprechen – Sie reden im Fieber –«
»Nein – nein – nein!« stieß die junge Frau in immer sich steigernder Energie heraus. »Ich weiß recht gut – und ich habe schon lange, so lange mit mir gekämpft – jetzt kann ich nicht mehr! Sie wissen ja nicht … aber Sie sollen wissen – und wenn man uns jetzt nicht ungestört läßt – dann später –«
»Aber wie ist es nur möglich –«
»Hören Sie – hören Sie nur, Sie sollen mich verstehen lernen!« Mit ihren heißen, bebenden Händen umfaßte Melitta Fräulein Hartwigs Rechte. »Hier, an Ernas Bett, meines einzigen Kindes, da werden Sie mir doch glauben, daß ich nicht lüge, nichts beschönige! Ich habe damals geglaubt, ihn zu lieben – sogar sehr zu lieben – wie hätte ich ihn sonst heiraten können? Denn so jung ich war – kaum siebzehn – das hätt' ich nie gethan, eine Ehe geschlossen um der Versorgung willen! Und damals war er keine glänzende Partie – Doktor der Chemie und hatte keine Stelle, nur die Aussicht, bei einer großen Farbefabrik angestellt zu werden. Und ich war eine arme, ganz arme Offizierstochter aus Norddeutschland, und all' meine adligen Verwandten waren dagegen, weil ich so jung und – recht – recht gefeiert war; sie glaubten, mir werde sich viel Besseres bieten. Aber ich sah zu ihm auf und fand ihn so schön und stolz, und daß er immer sagte, er wolle mich erziehen und bilden – auch das gefiel mir, ich war ja fast noch ein Kind, er so viel älter und klüger! Hätte er einen Beruf, eine feste Thätigkeit gehabt, es hätte nicht so werden können, wie es nun kam! Aber so – wir hatten eben geheiratet – machte er eine große Erbschaft, ganz unerwartet fiel sie ihm zu, und an demselben Tage noch, als er das erfuhr, kündigte er seine Stelle auf, in deren Ausfüllung er von Anbeginn nur einen seiner unwürdigen Sklavendienst gesehen hatte – und nun wollte er seine vielfache Begabung sich frei entfalten lassen, auf allen Gebieten etwas leisten, jeder Wissenschaft gerecht werden – ein Universalmensch wollte er sein, das war seine Idee, sein Schlagwort! Mir wäre ein bestimmter Beruf für ihn lieber gewesen, ich fragte ihn, ob er nicht entweder Naturforscher oder Arzt oder Chemiker sein wolle – aber er wollte alles das sein und kaufte sich Bücher und hörte Vorträge und lud sich solche Leute ins Haus, die ihm nur schmeichelten und von seiner enormen Vielseitigkeit sprachen und ihn vermöge seiner Eitelkeit enorm ausnutzten. Ich fing erst allmählich an, das zu durchschauen – – still, hörten Sie nichts?«
Melitta, die bis dahin in einem rapiden, aufgeregten Flüsterton gesprochen hatte und so im Fieber war, daß ihr nicht ein einziges Wort fehlte, stockte hier plötzlich und schlich auf den Fußspitzen zur Thür, die sie lautlos öffnete. Man hörte zuerst nichts, dann den Schall einer gedämpften, gleichmäßig fortsprechenden Männerstimme, dazwischen ein paar harte, herrische Laute.
Melitta schloß wieder sacht die Thür und kam zurück. Das Kind lag jetzt still, die Händchen griffen nicht mehr nach dem Eisbeutel, sie tasteten nur zuweilen unsicher auf dem Deckbett umher.
»Trotz all' dieser Studien,« fuhr die junge Frau in derselben heftigen Weise fort, »blieb ihm doch viel freie Zeit, er konnte sich ja alles nach seinem Belieben einrichten, und da er leidenschaftlich in mich verliebt war« – ihr ging ein Zittern durch den Körper, wie sie dies sagte – »so war er auch viel um mich und suchte mir das abzugewöhnen, was ihm an mir mißfiel. Zunächst das Kirchengehen, das Beten, den Glauben an Gott, was er alles Kinderei nannte – überwundenen Standpunkt, Albernheit. Er las mir stundenlang Strauß und Feuerbach vor, er zwang mich, das Gelesene mit ihm durchzusprechen, er wollte, daß ich alles, was mir bis dahin verehrungswürdig und heilig gewesen war, verspotten sollte. Ich sollte mir Rechenschaft von jeder Empfindung ablegen, jede Sympathie oder Antipathie begründen, meine »planlose« Begeisterung für alles, was Kunst und Schönheit hieß, aufgeben, neue Lektüre, neuen Umgang wählen, meine alten Freunde, die mich geistig nicht genügend förderten, beiseite lassen, auf die Musik, die ich leidenschaftlich liebte, Verzicht leisten, da sie nur eine unklare Gefühlsschwärmerei bei mir begünstige – ich wäre bald, bald völlig verzweifelt, hätte ich nicht die Kinder gehabt. Erna war noch ganz klein, ich mußte mich damit begnügen, sie körperlich gut zu verpflegen, aber mein Siegmund – mein Junge – –« Ein nasser Dunst schwamm ihr vor den Augen, die Lippen zitterten ihr, die Worte überstürzten sich mehr denn je, es war, als spräche ein fremdes Element aus ihr, unaufhaltsam, die übervolle Seele lösend.
»Er war anders als Erna, äußerlich, wie im Wesen« – Charlotte nickte – sie erriet, er hatte die Blonde, sonnige Schönheit seiner Mutter geerbt, er war ihr Herzenskind, ihr Liebling gewesen! – »Alle, die ihn sahen, staunten, wie gut und rasch er sich entwickelte, körperlich, wie geistig – er liebte mich zärtlich, er war mein Stolz, mein Trost, meine Hoffnung. Was alles hab' ich für ihn geplant, von der Zukunft erwartet! Nichts war mir zu groß und zu kühn gedacht für mein schönes, begabtes Kind – ich weiß nicht, ob sich alles erfüllt hätte – ach, ich glaube es doch – was glaubt eine Mutter nicht! Es geschah alles, alles, um mir auch diese Freude zu nehmen, eine stille, verzehrende Eifersucht auf das Kind entstand, fügte mir tausend Kränkungen zu, suchte mir den Knaben zu entziehen, meinen Einfluß auf ihn zu untergraben, … das war umsonst, alles umsonst! An dieses Kindes unerschütterlicher Liebe zu mir scheiterte Zorn und Strafe, Verbot und Bestechung, sie war die Sonne in meinem Leben! Und dann wurde mein süßes Kind krank, ganz plötzlich, er, bis dahin ein Bild von Kraft und Schönheit, und noch nie eine Stunde krank gewesen – und ich sah es gleich, es war große Gefahr da! Auch er sah das und that alles, was er konnte; auf seine Art liebte er das Kind, ebenso, wie er sich einbildet, mich zu lieben, aber auf eine Weise, die – die … genug! – Als alle angewandten Mittel nichts halfen, die Gefahr stieg und stieg, da wollte ich einen zweiten Arzt dazu haben, aber er litt es nicht! Er sagte, er könne die Krankheit deutlich übersehen, er wisse genau, wie man sie bekämpfen müsse, er dulde keine fremde Einmischung – und wie ich auch flehte und bat – er setzte seinen Willen durch. Und dann starb mein Knabe – wie ein Licht losch es aus, sein süßes Leben – und ich … ich … nein, ich kann es Ihnen nicht und kann es keinem schildern, was ich litt! Sich sagen zu müssen, dies geliebte Leben hätte gerettet werden können, wenn nicht Eitelkeit und Hochmut an ihm zum Mörder geworden wären – – still, sagen Sie nichts dagegen! Sie können mich hierin nicht verstehen und niemand kann es! Ich weiß, Sie werden mir sagen, auch der zweite und dritte Arzt hätte möglicherweise mir meinen Sohn nicht erhalten können, … dann hätte ich mich unter Gottes schwere Hand gebeugt und mir gesagt, ich that alles, nach meinem besten Wissen, was uns armen Menschen gegeben ist, ein furchtbares Schicksal abzuwenden! Aber so! Ich war schwach gewesen, ich hatte nachgegeben – und wenn ich es hundertmal erfahren hatte bisher, daß in ewiger Nachgiebigkeit mein einziges Heil lag, wollte ich nicht unwiderruflich mein Joch abwerfen … diesmal, dies eine Mal hätte ich nicht nachgeben dürfen! Daß ich nicht wahnsinnig geworden bin damals – daß ich meinen Verstand behielt!«
Die junge Frau grub die beiden Hände in ihr volles Haar und ließ sie dann langsam sinken.
»Aber ich hatte ja noch ein Kind, für das ich leben mußte, und mit einem heiligen Eidschwur' hab' ich mir's gelobt, für dies einzige, letzte, wenn es not that, das zu thun, was ich für das verstorbene nicht gewagt hatte. – Wir lebten also weiter, vor der Welt scheinbar sehr gut und harmonisch, für mein Empfinden in einer sich oft bis zur Unerträglichkeit steigernden Qual. Ich konnte ihm den Tod des Kindes nicht vergessen und nicht vergeben, meine Seele wußte lange schon nichts mehr von der seinen, meine Denk- und Empfindungsart entfernte sich mit jedem Tage mehr von der seinigen, ich war innerlich verzweifelt, alles in mir rang nach Selbständigkeit, nach eigenem Fassen und Festhalten, … und dabei … ihm gehören müssen, diese Leidenschaft zu dulden« – –
Wieder ging der Schauder über sie hin, daß ihre ganze Gestalt sich schüttelte.
»Und jetzt dies noch – dies letzte – dies gebrochene Wort – eine Behandlung, die ein unmündiges Kind kaum ertragen könnte, wieviel weniger eine verzweifelte Mutter, … nein, nein, ich kann es nicht länger tragen. Gott selbst zeigt mir den Weg, er hat mir Ihren herrlichen Bruder geschickt, der mein Kind retten wird, er hat mir Sie geschickt, und Sie werden mir helfen!«
Charlotte trocknete sich die überfließenden Augen.
»Mein Liebling, mein armes Herz, wie gern – wenn ich nur kann! Was wollen Sie –«
Wieder horchte die junge Frau mit verhaltenem Atem nach der Thür hin; es blieb alles ruhig.
»Sehen Sie,« begann sie in fliegender Hast aufs neue und drückte Fräulein Charlottes Hand mit aller Kraft, »ich habe ja oft schon gedacht, ich ertrage es nicht länger und wie ich es anfangen würde, für mich und Erna zu sorgen, wenn ich fortginge. Ich habe ein kleines Kapital von einem Onkel meines verstorbenen Vaters geerbt, über das ich frei verfügen kann. Es sind nur ein paar tausend Mark, aber damit kann ich ein oder ein paar Jahre hindurch ein Konservatorium besuchen und Musik studieren, für die ich immer viel Begabung und Neigung gehabt habe. Reicht mein Können nicht zur Konzertspielerin aus, so hoffe ich bestimmt, ich werde Klavierunterricht erteilen können – ich will gern und freudig arbeiten, nichts soll mir zu viel und zu schwer sein, wenn ich mit allem Luxus, der mich jetzt umgiebt, zugleich alle Fesseln von mir werfen und frei sein – – frei sein kann – –«
Die Brust dehnte sich ihr, sie sprach und blickte wie im Rausch. Dem alten Fräulein schnürte sich angstvoll das Herz zusammen.
»Und Sie meinen, er – Ihr Mann – werde Sie gutwillig gehen lassen?«
»Nicht gutwillig – nein! Aber kann er mich bei sich halten, wenn ich gehen will?«
»Und das Kind – wird er Ihnen das Kind lassen, falls – –«
Charlotte war im Begriff, zu sagen: »Falls es am Leben bleibt« – sie unterdrückte das und setzte stockend hinzu: »Falls es zur Trennung kommt?«
»Er liebt das Kind nicht – sein Herz hängt nicht an ihm, ebensowenig, wie an mir. Was ihn so an mich fesselt, ist – ist – nicht Liebe in dem Sinn, wie Sie und ich Liebe auffassen. Wäre ich nicht mehr jung und gut aussehend … keinen Augenblick würde er sich besinnen, mich von sich gehen zu lassen, denn ich bin ihm mit der Zeit eine immer unbequemere Frau geworden. Die Liebe, mit der eins das andere stützt und veredelt und immer tiefer verstehen lernt, die kennt er nicht und wird sie nie kennen.«
Draußen vom Flur her klang eine Thür, es kamen Schritte näher.
»Ich darf auf Sie zählen, nicht wahr?« flüsterte Melitta in fliegender Hast, während sie Charlottes Hand ergriff und, ehe diese es zu hindern vermochte, an die heißen Lippen führte. »Sie werden mich nicht mißverstehen und, wenn ich Sie bitte, mir eine hilfreiche Hand zu reichen, dann werden Sie mich nicht von sich stoßen!«
Die alte Dame konnte nur bestätigend nicken und sich rasch die Thränen aus den Augen wischen – zum Antworten blieb ihr keine Zeit mehr. Sie sah mit einem Blick, daß die beiden Herren keine friedliche Auseinandersetzung gehabt hatten – freilich hätte sich das voraussagen lassen können. Des Doktors stark gerötetes Gesicht war finster wie eine Gewitterwolke anzusehen, und den Ausdruck in ihres Walters Mienen kannte die Schwester ganz genau – diese leicht vorgeschobene Unterlippe, diesen geraden, festen Blick, der deutlicher als tausend Worte sagte: »was ich einmal für richtig erkenne, davon lasse ich nicht – das setze ich durch!«
»Sie verzeihen, gnädige Frau,« begann der Professor jetzt mit seiner tiefen, gedämpften Stimme, »wir haben Sie lange warten lassen, Sie werden sich beunruhigt haben. Ihr Herr Gemahl und ich hatten eine ausführliche Auseinandersetzung, die bedauerlicherweise dennoch zu keinem Resultat geführt hat. Herr Doktor Schott ist mit den von mir getroffenen Maßregeln in keiner Weise einverstanden und wünscht eine total veränderte Behandlungsweise einzuschlagen …«
»Ich wünsche, in diesem speciellen Fall, dir die Entscheidung zu überlassen!« fiel der Doktor dem Redenden ins Wort. »Ich darf dich wohl nicht an meine jahrelangen eifrigen Studien auf medizinischem Gebiet, sowie an den Umstand erinnern, daß ich die Konstitution und Beanlagung unseres Kindes von seinem ersten Tag her kenne, mithin in der Lage bin, ein eingehenderes Urteil darüber zu fällen als ein Fremder, der es vor zwei Stunden zum erstenmal gesehen hat.«
Die junge Frau sah ihm ruhig ins Gesicht.
»Ich wünsche, daß Herr Professor Hartwig die Behandlung des Kindes in seinem Sinn weiterführt – ich bitte ihn darum!«
»Melitta – es ist nicht möglich, daß – du könntest in der That –«
»Ich bitte Herrn Professor Hartwig, die Behandlung des Kindes in seinem Sinn weiterzuführen!« wiederholte sie noch einmal deutlich und fest.
»Soll das heißen, daß du mich in den Augen dieses Herrn und seiner Schwester für einen Ignoranten erklärst, daß du mir nicht zutraust, diesen Fall zu übersehen?«
»Ich will dir meine Meinung darüber später sagen, es wundert mich, daß das noch notwendig ist, nach dem, was vorangegangen. Du hast in dieser Sache mir die Entscheidung überlassen … dies ist meine Entscheidung! – Ob wir Erna die Medizin eingeben, Herr Professor? Zeit wäre es dazu, aber es scheint mir, sie schläft jetzt!«
Ohne sich nur noch nach ihrem Gatten umzuwenden, trat Melitta neben Hartwig und blickte vertrauensvoll mit ihren sprechenden Augen zu ihm auf.
»Es wird kein gesunder Schlaf sein, mehr ein Hindämmern, aber selbst wenn sie schliefe: die Medizin ist zu wichtig, wir müssen sie geben!«
Hartwigs Stimme klang ganz ruhig, er war anscheinend nur bei dem kranken Kinde, nur bei seinem Beruf. Aber Charlotte mußte wohl noch etwas anderes aus den sachlich klingenden Worten herausgehört haben, sie musterte den Bruder verstohlen mit einem aufmerksam prüfenden Blick.
»Dann wäre ich wohl hier am Bett meines Kindes vollkommen überflüssig!« bemerkte Doktor Schott bitter.
Es antwortete ihm niemand. Melitta und der Professor waren um das Kind bemüht, das die Medizin nicht gutwillig nehmen wollte; die Mutter hielt es im Arm und redete ihm sanft zu, der Arzt benutzte einen Augenblick, bog Ernas Kopf zurück und goß ihr geschickt den Inhalt des Löffels in den Mund.
»Das wäre geschehen!« sagte er tief aufatmend. »Nun wollen wir einmal stark die Füße frottieren. Liebe Charlotte, bitte, die Bürste, die dort liegt, und du könntest gleich hierhertreten und die Kleine halten, sie wird nicht gutwillig still liegen. Nein, du mußt an dieser Seite stehen, und sieh nur zu, daß die Eisblase an ihrer Stelle bleibt. Wollen Sie die Füße frei machen, gnädige Frau!«
Hinter den drei emsig Beschäftigten wurde eine Thür geschlossen. Keiner von ihnen wandte den Kopf zurück.