6.

Es war etwa zwei Stunden später.

Erna hatte noch mehrmals Medizin bekommen, danach war endlich etwas Schweiß eingetreten, was der Arzt sehnlichst gewünscht hatte, und sie schlief jetzt wirklich. Ihre Mutter ebenfalls zum Schlafen zu bewegen war völlig nutzlos, sie lächelte nur immer, schüttelte stumm den Kopf und rührte sich nicht von ihrem Sessel neben dem kleinen Bett. Man mußte sie gewähren lassen. Keinen Augenblick schien ihr mehr der Gedanke zu kommen, daß für ihr Kind noch Gefahr sei, daß es ihr doch noch entrissen werden könne. Als sei mit Professor Hartwig die Hilfe, die Rettung in Person über ihre Schwelle getreten, so zuversichtlich, so gläubig blickte sie zu ihm empor. Er hatte ihr noch kein erlösendes Wort gesagt, nur angedeutet, daß er mit dem bisherigen Verlauf der Krankheit nicht unzufrieden sei, daß die Medizin gute Wirkung zu haben scheine … Melitta war sichtlich damit beruhigt.

Von Doktor Schott hatte man nichts weiter seitdem gesehen. Ob er seine Freunde im »schwarzen Lamm« aufgesucht oder einen weiteren Gang angetreten hatte – niemand wußte es zu sagen.

In Charlotte Hartwigs Stübchen saß diese neben ihrem Bruder auf dem braunen Ledersofa vor einem sehr reichhaltigen und einladenden Frühstück. Die besorgte Schwester nötigte ihren Walter unausgesetzt zum Zulangen.

»Es ist doch nicht möglich, daß du schon satt sein kannst – du wirst überhungert haben, das ist das Ganze. So iß doch wenigstens noch eine Kleinigkeit!«

»Keinen Bissen mehr, Lottchen, ich bin tüchtig dabei gewesen, und hab' mir's redlich schmecken lassen – jetzt muß ich aber endlich die Waffen strecken!«

»Aber noch einen Schluck Wein!«

Der Professor deckte die Hand über sein Glas.

»Ich habe eine reichliche halbe Flasche getrunken, das ist mehr wie genug. Mit Essen und Trinken hab' ich dir nun deinen Willen gethan – jetzt thu' du mir den meinen!«

»Aber natürlich, Walter – wenn ich nur weiß – –«

»Du weißt nicht? Hast du mir nicht zuvor versprochen, mir ganz ausführlich alles zu erzählen, was du über diese – diese Leute – dies Ehepaar meine ich – und ihr Verhältnis zu einander weißt?«

»Ja so! Soll ich von Anfang an ausholen?«

»Bitte!«

»Und wird dich das auch nicht ermüden?«

»Du bist komisch, Lottchen! Wenn ich dich extra um eine Sache ersuche –«

»Sonst sagst du doch immer gleich, ich erzähle viel zu weitläufig!«

»Heute werde ich das nicht sagen!«

Und er sagte es auch nicht, trotzdem Fräulein Charlotte in der That weitläufig erzählte. Ohne sie ein einziges Mal zu unterbrechen, die Augen gesenkt, mit einem Tischmesser emsig an einer Äpfelschale herumschnitzelnd, hörte er alles mit an, von dem ersten Auftreten des Ehepaars Schott, von Fräulein Hesses und der übrigen Pensionäre Bezeichnung »die Glücklichen,« der Scene, die Charlotte damals im Garten belauscht, der Unterredung, die sie mit der jungen Frau gehabt, bis zu Ernas Erkrankung – Resis Bericht über des Doktors Auftrag an Peterl und endlich Melittas Beichte an Charlotte. Als dies letzte zur Sprache kam, legte der Professor das Messer und die Äpfelschale weg und sah seiner Schwester gespannt ins Gesicht.

»Also das sagte sie? Und ganz bestimmt? Sie will fort von ihm – – meinst du, daß sie es durchsetzt?«

»Ich müßte mich gewaltig irren, wenn nicht! Das ist ja kein Mißverständnis und kein Zerwürfnis von heute – das arbeitet schon jahrelang in ihr, und die jetzigen Erlebnisse haben eben das Maß voll gemacht. Wenn sie Resis Erzählung mit angehört hat – und sie hat es, meinen Kopf zum Pfande! – dann war das eben der Tropfen, der das volle Gefäß zum Überlaufen brachte. Und überhaupt … ich habe sie beobachtet und es mehr als einmal wahrgenommen – sie hat ein Grauen vor ihm! Seine Leidenschaft widert sie nur noch an – ich kann dir das nicht so sagen –«

Er bewegte ein wenig die Hand. »Das ist nicht nötig!«

»Nun eben, siehst du! Und wenn er sie nicht freiwillig losläßt … sie ist imstande, ihn böswillig zu verlassen, um einen Scheidungsgrund zu haben – und unüberwindliche Abneigung kommt gleichfalls ins Spiel – aus dem Kinde macht er sich nichts, meint sie, und ich glaube, sie hat recht. Wie könnte er sonst das arme Geschöpfchen so hart behandeln? Wäre Erna ein Junge, dächte er vielleicht anders, aber so …«

»Und was sagtest du, wollte sie anfangen? Musik? War es nicht so?«

»Ja! Sie scheint sehr musikalisch zu sein, sie erwähnte einmal früher, wie weit sie in ihrem Studium gekommen, was sie alles gespielt und auswendig gewußt habe – Chopinsche Impromptus und Schumanns Phantasiestücke und Bachsche Fugen – sie hat heimlich doch immer fortstudiert. Nun möchte sie auf ein Konservatorium, von da entweder in den Konzertsaal oder an irgend ein Institut als Lehrerin – so hab' ich sie verstanden. Was willst du sagen?«

Der Professor nahm seine Schnitzelei wieder auf.

»Ich meine, es – es – wäre noch nicht das schlechteste, wenn sie – falls alles so kommt, weißt du – nach Stettin herüberkäme. Ich könnte ihr doch da … ich meine, wir könnten ihr doch da – erheblich von Nutzen sein – wenn sie doch, wie du meinst, nicht viel Anhang hat in der Welt und er, dieser – dieser – Mensch, sie so absichtlich von allem Verkehr isoliert hat! Ich – in meinem Patientenkreis – mir wär es ein Leichtes, sie da einzuführen, zu mir haben die Leute wirklich viel Vertrauen – und eine Dame, für die ich mich warm interessiere …«

»Ja, Walter, interessierst du dich denn warm für sie?«

Er ließ das Messer unter den Tisch fallen, bückte sich danach, ließ nunmehr die Äpfelschale fallen und bückte sich noch einmal – er war von dem mehrmaligen Bücken ganz rot im Gesicht geworden.

»Warum soll ich nicht, Lottchen?« fragte er herausfordernd. »Findest du etwas dabei, wenn ich mich für eine Dame, die so – so tapfer und – und energisch sich benimmt und am Krankenbett so gut zu brauchen und die Mutter eines so – so – niedlichen kleinen Mädchens ist, die außerdem ein so schweres Schicksal hat … wenn ich mich für die interessiere?«

Fräulein Charlotte lächelte.

»Gott bewahre, nein, Walter, ich finde nichts dabei! Interessiere du dich in Gottes Namen. Aber weißt du, was deine Patienten sagen werden, wenn du ihnen diese musikalische Kraft zuführst? Sie werden weder denken, daß diese Dame sich so tapfer und energisch benimmt, noch daß sie am Krankenbett zu brauchen ist, weder daß sie ein niedliches Töchterchen und ein schweres Schicksal hat – sondern – sie werden einfach sagen –«

»Was denn, Lottchen?«

»Sie werden einfach sagen: sie ist eine reizende junge Frau, und unser lieber Hausarzt, Professor Hartwig, hat sich in sie verliebt!«

Der Professor klopfte ein paarmal mit der flachen Hand auf den Tisch und goß sich dann, trotz seines vorherigen Protestes, in aller Geschwindigkeit ein frisches Glas Wein ein – alles, ohne zu sprechen. Als er das Glas zum Munde führen wollte, hielt Charlotte ihm die Hand fest. In ihren Augen glänzte es feucht.

»Hätten die Leute recht, wenn sie so sagten, Walter?«

Seine klugen, guten Augen gaben Antwort, indes sein Mund stumm blieb. Da goß sie sich ebenfalls mit etwas zitternder Hand ein Glas Wein ein und stieß es mit hellem Klang an das seine.

»Sie heißt Melitta!« sagte sie dazu.

Ein leichtes Rauschen von Frauenkleidern wurde vor der Thür hörbar, leise, leise klopfte es an.

Der Professor fuhr empor, wie wenn man ihn bei einem Verbrechen ertappt hätte.

»Um Gottes willen, Lottchen!« flüsterte er in Hast. »Kein Wort – keinen Laut von dem, was ich eben – was du eben – es ist ja noch alles im Monde, man weiß ja nicht – es ist so über mich gekommen – alles, wie ein Traum –«

Die Schwester nickte ihm beruhigend und herzlich zu.

»Auf mich kannst du dich verlassen – ich denke, das wissen wir! – Herein!«

Auf der Schwelle stand Melitta, die Augen leuchteten ihr groß und glückselig, um den süßen Mund bebte es.

»Ach, Sie verzeihen mir gewiß – bitte, bitte! Aber ich mußte kommen und es Ihnen sagen: soeben ist Erna aufgewacht, und sie hat mich erkannt und ist ganz bei Besinnung! Das ist doch gewiß ein gutes Zeichen, und ich muß, ich muß Ihnen jetzt endlich danken!«

Leicht, leicht, wie von ihrem dankbaren Glück auf Flügeln getragen, kam sie herbei und nahm des Professors Rechte in ihre beiden Hände.

»Solange ich lebe, will ich Ihnen das nicht vergessen, was Sie heute gethan haben, und solange ich lebe, will ich Ihnen dafür danken!«

Seine Schwester verstand den eigentümlichen Blick zu deuten, mit dem er auf die blonde, schöne Frau hinsah. »Ich werde dich beim Wort nehmen!« stand in diesem Blick zu lesen. Im übrigen aber verriet nichts an ihm die plötzliche Wandlung in seinem Innern, diese rasche Liebe, die dem gesetzten, verständigen Arzt beim ersten Begegnen gekommen war. Sie war die Frau eines anderen, noch hatte sich nicht das mindeste in Bezug auf die Lösung dieses Bundes entschieden, noch konnte niemand wissen, ob in Melittas Herzen neben der begeisterten Dankbarkeit für den Retter in der Not irgend ein persönliches wärmeres Gefühl sich regte … so blieb der Professor streng sachlich, fragte, ob Erna noch im Schweiß liege und ob Aussicht vorhanden sei, daß sie bald von neuem einschlafe – am Ende erklärte er, selbst nachsehen zu wollen und ging den beiden Damen voraus in das Krankenzimmer.

Melitta zögerte einen Augenblick, ehe sie ihm folgte. Sie zog aus ihrer Kleidertasche einen zusammengelegten Zettel, den sie in Charlottens Hand drückte – ein Knabe hätte ihn vor einer halben Stunde gebracht.

Es stand folgendes darauf zu lesen: »Ich halte es für das beste, angesichts deines nichtachtenden, mich vor diesen fremden Leuten total kompromittierenden Wesens, ähnlichen Vorkommnissen, wie denjenigen von heute früh, durch mein einstweiliges Fernbleiben vorzubeugen. Ich bin im »schwarzen Lamm« zu finden, falls Ernas Zustand sich verschlimmert und du meiner bedarfst. Im anderen Fall bitte ich, mich erst dann zu benachrichtigen, wenn ich sicher bin, Professor Hartwig nicht mehr in deiner Umgebung anzutreffen, da dieser Herr sich erlaubt hat, mir Dinge zu sagen, die mir ein nochmaliges Zusammentreffen mit ihm nicht wünschenswert erscheinen lassen. Was dein heutiges Benehmen mir gegenüber betrifft, so bin ich bereit, es mit deiner, wie damals, als Siegmund starb, bis zur Sinnlosigkeit gesteigerten Angst und Aufregung entschuldigen zu wollen, falls du diese Thatsache mir gegenüber ohne weiteres einräumst und meine Verzeihung dafür erbittest. Daß ähnliches sich niemals wiederholt, soll fortan meine Sorge sein!

Udo Schott.«

Fräulein Hartwig hatte das Briefchen hastig mit den Augen überflogen und gab es jetzt zurück.

»Was werden Sie thun?« fragte sie besorgt.

»Warten, bis Ihr Bruder mir Ernas Zustand aus freien Stücken als gänzlich gefahrlos bezeichnet – dann ihn hierherrufen und ihm sagen, was ich zu sagen habe!«

Die junge Frau sprach das so einfach und ruhig aus, als sei es die selbstverständlichste Sache von der Welt – in ihren Augen stand ein klares Licht, das nicht von bevorstehenden, sondern von überwundenen Kämpfen zeugte.

»Sie sind ganz mutig, ganz mit sich einig?« fragte Charlotte.

»Vollkommen! Ich weiß es selbst nicht, woher diese stille Zuversicht stammt. Es ist wie eine fremde Kraft in mir – sie weist mir den Weg, den ich zu gehen habe!«

Das alte Fräulein seufzte recht aus tiefster Seele.

»Gott wolle alles zum besten lenken!« sagte sie inbrünstig. – – –

Im »schwarzen Lamm« gab es große Aufregung. Landrat Rothe hatte eigentlich schon heute mit seiner Frau abreisen wollen, sie fühlten sich aber allesamt von der »Parforcetour« in die Berge zu angegriffen und hatten beschlossen, noch einen Tag zuzugeben. Nun war ihnen ganz unerwartet Doktor Schott ins Hotel hineingeschneit und schien sich wunderbarerweise fürs erste da festsetzen zu wollen. Die ausgiebigen Fragen nach seiner Gattin beantwortete er sehr obenhin – die Kleine sei nicht ganz wohlauf, es sei aber nicht schlimm, seine Frau natürlich wäre nicht vom Krankenbett fortzubringen. Die Freunde mußten aber sehr bald merken, daß die Sache keineswegs so einfach sei, wie er sie darzustellen wünschte, denn Schott war von einer immer sich steigernden Unruhe ergriffen, die sich kaum unterdrücken ließ und der Umgebung je länger je deutlicher wahrnehmbar wurde. Er saß entweder teilnahmlos da, ohne ein Wort zu äußern, oder seine Beredsamkeit hatte etwas geradezu fieberhaft erregtes, in seinen Augen funkelte ein grelles Feuer – dazu lief er in immer kürzeren Zwischenräumen zum Portier des Hotels, fragen, ob keine Nachricht für ihn gekommen sei – und als es Abend wurde und immer noch keine Botschaft da war, ging es mit dem Rest seiner Selbstbeherrschung zu Ende. Er konnte die Gesellschaft der Freunde und ihr harmloses Gespräch nicht länger ertragen, er ließ sich ein Zimmer anweisen und verbrachte dort einsam den Abend, nur wenige Bissen genießend, in ruhelosem Hin- und Herwandern.

Am nächsten Tage gegen Mittag reisten die Freunde fort. Der Abschied von Doktor Schott fiel nach dem so herzlich gefeierten Wiedersehen, ziemlich erzwungen und förmlich aus, und nur das allseitige Bedauern, seine reizende Frau nicht mehr sehen zu können, kam echt heraus. Für den Zurückbleibenden hatte sich die Situation nicht geändert – es war noch immer aus Pensionat Klinger keine Nachricht für ihn da.


Endlich, am Morgen des nächsten Tages wurde für Doktor Schott ein Briefchen abgegeben.

»Erna gänzlich fieberfrei und auf dem besten Wege vollständiger Genesung. Professor Hartwig und Schwester heute früh nach G… weitergereist.«

Weiter kein Wort – keine Bitte, kein Versprechen, kein Zeichen der Verabredung.

Des Doktors Gesicht sah sehr düster aus, als er das Hotel zum »schwarzen Lamm« verließ, aber noch unendlich viel düsterer war es anzusehen, als er, nach etwa zweistündiger Abwesenheit, wiederkam.


Es hatte sich in Stettin niemand aus Professor Hartwigs Patientenkreis über die Einführung einer neuen jungen und schönen Musiklehrerin wundern und einen Vers daraus machen dürfen. Es war gar nicht dazu gekommen. – Zwar, in Leipzig am dortigen Konservatorium war eine reizende blonde Frau mit einem Töchterchen aufgetaucht – die einen sagten, sie sei eine Witwe, die anderen, sie sei eine geschiedene Frau, genaues darüber erfuhr man nicht. Sie wohnte bescheiden, kleidete sich einfach und lebte sehr zurückgezogen – mit alledem hörte sie nicht auf, schön zu sein und so eifrig zu studieren, daß die Lehrer am Konservatorium ihr Mäßigung anzuempfehlen hatten. Sie zeigte viel Talent, eine tüchtige Technik, eine eigene Auffassung – dennoch hielt man sie zur Konzertspielerin für ungeeignet, ihr mädchenhaft-zurückhaltendes Wesen schien zum öffentlichen Auftreten nicht geschaffen. Eine Musikschülerin, ein ganz junges Mädchen, wohnte mit der interessanten Frau in einem Hause und verehrte sie so schwärmerisch, warb so beharrlich mit reizenden Blumensträußen um ihre Neigung und mit Bonbons und Puppen um die Gunst des kleinen Mädchens, daß zuletzt wirklich eine Art von Freundschaft zwischen diesen drei sehr verschiedengearteten weiblichen Wesen zustande kam. Das junge Fräulein kam jetzt oft in Frau Melittas kleine, überaus zierlich eingerichtete Wohnung, und eines Tages – sie mochten wohl beide etwas über ein Jahr Musik studiert haben – fand sie in eben dieser Wohnung eine sympathisch aussehende alte Dame, die ihr Frau Melitta als »ihre liebe Freundin Fräulein Hartwig aus Stettin« vorstellte. Es ergab sich im Lauf des Gespräches, daß die beiden Damen seit ihrer ersten Bekanntschaft stets eifrig miteinander korrespondiert hatten, sie schienen sich sehr nahe zu stehen, die junge Musikschülerin wurde förmlich eifersüchtig auf Fräulein Hartwig, zumal auch Erna sich auf Tante Charlottes Schoß sofort zärtlich eingenistet hatte. Nach einigen Tagen fuhr die alte Dame ab, mit einem sehr glücklichen, freudigen Gesichtsausdruck, und dann vergingen ein paar Monate, und es ereignete sich weiter nichts, als daß Melitta einmal auf zwei Tage verreiste und daß ihr der Postbote des öfteren große, amtlich gesiegelte Briefe brachte. Darüber war das Frühjahr herangekommen, ungewöhnlich schön und warm, und an einem prachtvollen Maitage kam abermals Besuch für die junge Frau: es war wieder Fräulein Charlotte Hartwig aus Stettin, aber diesmal kam sie nicht allein. Sie brachte einen Herrn mit, der weder besonders schön, noch besonders jung aussah, und dennoch mußte man gern in sein kluges und gutes Gesicht sehen, er sah, wie die Musikschülerin zu ihrer Tante bemerkte, geradeswegs zum Liebhaben aus! – Nun das mußte auch Frau Melitta finden, denn sie kam am Arm des besagten Herrn zu ihrer jungen Freundin, die eine Treppe höher wohnte, herauf und präsentierte Herrn Professor Hartwig aus Stettin als ihren Verlobten. Des Abends wurde im kleinen Salon der Braut im intimsten Kreise eine stille Verlobungsfeier bei einer Maibowle begangen, und Melitta war entzückend anzusehen in einem schlichten Wollkleide, mit einem vollen Strauß Maiglöckchen an der Brust. Schwer war es zu sagen, wer das glücklichere Gesicht hatte – Professor Hartwig oder seine reizende Braut – und Fräulein Charlotte konkurrierte gleichfalls darum, sie konnte sich an den beiden nicht satt sehen und holte immer von neuem ihr Taschentuch hervor, um sich die Augen zu trocknen, während ihre Lippen lachten. Erna wanderte aus einem Arm in den anderen und vertraute ihrer jungen Freundin mehrmals geheimnisvoll, mit strahlendem Gesichtchen: »Aber, du, jetzt bekomm' ich einen guten Papa!« eine Bemerkung, deren Sinn das junge Mädchen halbwegs erriet. Jetzt stellte es sich heraus, daß Fräulein Charlotte damals im Spätherbst nur nach Leipzig gekommen war, persönlich zu »sondieren, weil es Walter so angst und bange geworden sei und er gemeint habe, er müsse sich einen Korb holen, denn wenn alte Junggesellen mit grauem Haar um junge, schöne Damen freiten« – – zu Ende kam er nicht mit seinem Satz, eine weiche, kleine Hand deckte sich über seinen Mund, und zwei glückselig leuchtende Augen lächelten ihn an.

Da hob Fräulein Charlotte ihr Glas und sagte leise: »Laßt mich euch einen Toast ausbringen und zwar mit einem bekannten Wort, das einmal auf zwei Menschen angewendet wurde, für die es nicht paßte, denn es war nur Schein, und, wie so oft im Leben, trog der Schein auch hier. Ich aber weiß es besser heute, und wir alle wissen es, wenn wir jetzt die Gläser heben und unserem Brautpaar zurufen: Es leben ›die Glücklichen!‹«

Ende.


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Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.

Der vordere Teil des Buchkatalogs wurde ans Ende verschoben.

Korrekturen:

S. 69: er zitterte → erzitterte
[erzitterte] wider in funkelnden Thränen

S. 77: Lenten → Leuten
nach [Leuten] hinauf sind es mehr als drei Stunden

S. 85: Lenten → Leuten
Indessen ich oben in [Leuten] erfahren mußte