15.

Von diesem Tage ab gab Monika ihm oft etwas, was sie geschrieben, Phantasien, Betrachtungen, manchmal ein Gedicht. Und immer aufs neue war sie erstaunt von dem Verständnis, das er ihr entgegenbrachte. Ein Verständnis, das bis ins einzelste ging und jede flüchtige Nuance zu würdigen wußte.

Sie empfand ein lebhaftes Erstaunen darüber. Wenn man Lork kennen lernte, vermutete man so gar nichts Aehnliches in ihm. Die ganze erste Zeit ihrer Bekanntschaft war er ihr als weiter nichts erschienen als ein Mann von guten gesellschaftlichen Formen und von banaler Liebenswürdigkeit. Und nun dieses feinsinnige Eingehen auf jeden ihrer Gedanken.

Und die grenzenlose Mühe, die er sich gab, ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen, ihr jede Laune zu erfüllen, kaum daß sie ausgesprochen war. — — Sie verstand ihn erst dann, als sie ihn einmal Klavier spielen hörte.

An einem brütend heißen Nachmittag war’s. In der Halle hatte man die großen Stores heruntergelassen, und diese dünne Scheidewand genügte, um das rote Brennen des Sommertages in eine opalblasse Dämmerung zu verwandeln.

In den Korbstühlen und Schaukelstühlen lagen ein paar Hotelgäste in „aufgelösten“ Stellungen herum.

Eine sehr hübsche Russin war sogar im Peignoir erschienen, in einem nilgrünen und goldgestickten Peignoir, dessen Farben mit einem tiefen, metallischen Glanze aufleuchteten in dem sanften Halblicht, das man in der Halle hergestellt hatte.

Ein Engländer verpflanzte tropische Angewohnheiten hierher, indem er sich ein nasses Handtuch auf den Kopf gelegt und einen der Liftboys angestellt hatte, ihm Kühlung zuzufächeln. — Kein Punkah war’s, den er bewegte, sondern einer der bunten Papierfächer, die das Hotel als Reklame-Angebinde den Damen widmete, die dort soupierten.

In der Bar, die an die Halle anstieß und in der ein übernächtigt aussehender Mixer immer neue Ice-drinks mischte, saßen Lork, Monika, Edith, Berningen und Milorski.

Berningen war tief betrübt von seinem Ausflug ins Holländische zurückgekehrt, seitdem vor zwei Tagen zwei Offiziere der niederländischen Kolonial-Armee angekommen: der eine, Major, war der Gatte der schönen Mutter, und der Leutnant der Verlobte der pikanten Tochter, dessen Existenz sie bisher unterschlagen.

Aber seitdem er da war, hatte sie jedenfalls nur für ihn noch Augen, und die schöne Mama bezeigte ihrem Manne eine hingebende Liebe, die als geradezu vorbildlich für eheliches Glück hätte gelten können.

Berningen machte jetzt aus Verzweiflung Edith die Cour, Monika war seiner Ueberzeugung nach „in festen Händen“; Lork wich ihr ja nicht von der Seite.

Edith sagte sich, daß die Redensarten Berningens nicht den mindesten Wert für sie besäßen. Sie wußte, daß er sich mit seiner knappen Zulage nur mit Mühe bei den Kronprinz-Ulanen zu halten vermochte; er konnte unbedingt nur ein reiches Mädchen heiraten.

Und doch blieb es nicht ohne Eindruck auf sie, wenn er ihr Schmeicheleien sagte.

Und wenn sie zehnmal wußte, daß das nur dumme Redensarten waren... sie hatte zu lange Jahre gedarbt, um jetzt nicht auch Brosamen zu genießen.

Sie versuchte gegen das Wohlgefühl anzukämpfen, das sie durchrieselte, wenn die hübschen, leichtsinnigen Leutnantslippen ihr Freundliches zuflüsterten. Sie versuchte ganz bewußt, diesen Flirt dazu auszunutzen, um Lork eifersüchtig zu machen, aber das schien vergebliche Mühe. —

Herr von Milorski war entzückt von der Hitze und zog sich die Verwünschungen der anderen zu, als er „hoffte, es würde noch monatelang so fortgehen“.

Ja, er hoffte es!... Lag doch oben seine furchtbare Ehehälfte, machtlos hingestreckt im verdunkelten Zimmer, und im Zimmer nebenan, ebenso machtlos, ebenso unschädlich gemacht die dräuende Schwiegermutter.

So saß man nun in der Bar des Hotels und trank auf Lorks Rat Whisky.

Monika konnte zwar ein gewisses unangenehmes Gefühl nicht loswerden. Der Whisky schmeckte ihr, sogar sehr — aber wie Georg das wohl gefunden haben würde, wenn eine Dame in der Bar saß und Whisky trank?

Ach was, Georg! Schon wieder Georg.... Trotzig bejahte sie, als Lork sie fragte, ob sie noch ein Glas wolle. Und von neuem rann der seltsam brennende Trank ihr durch die Kehle.

Das Gespräch kroch dahin wie ein verwundetes Tier; langsam.. schleppend.. plötzlich ein paar krampfhaft schnelle Vorwärtsbewegungen.. und wieder.. der langsame Trott...

Da sagte Lork in eine Stille hinein, in der man nur die Fliegen summen gehört: „Ich werde Ihnen etwas Musik machen.“

„Spielen Sie denn?“ rief Edith lebhaft.

Er hatte sich erhoben. Man ging in eines der Gesellschaftszimmer. Blauseidene Vorhänge dämpften dort das Licht. Durch einen Spalt fiel eine schräge Sonnenbahn ins Zimmer, Millionen Sonnenstäubchen flirrten goldig.

Und dieser zuckende Flimmerschein beleuchtete Harry Lorks Züge, als er spielte. War es diese unruhige Beleuchtung, die sein Gesicht so verändert erscheinen ließ? Wo war nun die träumerische Weichheit, die sonst in seinen Augen lag?

Zwei Fackelbrände waren aufgelodert in diesen Augen, zwei harte Linien zogen sich von den Nasenflügeln zu den Mundwinkeln hinunter, der Unterkiefer war vorgeschoben, wie in Gier und Qual...

Und seine Hände, seine sonst so kraftlosen Hände mit den schmalen Gelenken hatten eine fanatische Energie, seit sie die Tasten berührt. Melodien stiegen empor.. brennend wie der Sommerwind, der den Blüten den Samen aus den Kelchen gerissen ... Melodien, die die Zuhörer aufwühlten, daß die Männer blaß wurden und die Frauen erröteten...

Die Leidenschaft war’s, die aus diesen Tasten schrie.. und eine Frage.. eine sehnsuchtzitternde, qualvoll inbrünstige Frage....

Eine Frage war’s, das fühlten sie alle hier.

Und die, an die diese Frage gerichtet war, verstand plötzlich. Verstand, daß da neben ihr und für sie die rote Rose Leidenschaft aufgeblüht war, von deren heißer Schönheit sie ihr Leben lang geträumt.

Ein Wirbel von Empfindungen war in ihr, sie war keines klaren Gedankens fähig.

In ihrem von der sengenden Hitze und den machtvollen Tonwellen überreizten Gehirn bebte nur ein Gedanke: die rote Rose Leidenschaft...

Gleich darauf trennte man sich. Die Damen gingen in ihre Zimmer hinauf, um sich zum Diner umzuziehen.

Und während Monika damit beschäftigt war, die Haken ihres weißen Chiffonkleides zu schließen, öffnete sich die Tür, die zu Ediths Zimmer führte.

Ohne angeklopft zu haben, trat Edith herein und sagte mit vor Aufregung verzerrtem Gesicht:

„Sie scheinen ja Ihre Freundschaftsmission recht hübsch ausgeführt zu haben.“

„Was wollen Sie damit sagen?“

„Daß Sie Lust nach einem zweiten Gatten spüren, ehe Sie den ersten los sind.“

Eine brennende Zorneswelle überflutete Monika. Sie wollte auf Edith los, ihr die Faust mitten in das blasse, höhnische Gesicht hineinschlagen, aber mechanisch gehorchte sie den Worten, die ihr, wie von Georgs Stimme gesprochen, in den Ohren klangen: „Ruhe, Selbstbeherrschung...“

Und so sagte sie nur: „Kein Wort weiter.“

„Ja, das könnte Ihnen so passen: kein Wort weiter!“ klang es keifend zurück, „nachdem Sie mir heilig versprochen haben, Lork für mich einzunehmen, haben Sie ihn mit Ihrer raffinierten Koketterie für sich selbst geködert!“

Eine Flut von Verwünschungen, von Vorwürfen stieß sie hervor.

„Woraus schließen Sie denn eigentlich, daß ich Lork erobert habe?“ fragte Monika kalt, als eine Augenblickspause ihr gestattete, ein Wort einzuschieben.

„Woraus ich das schließe? Das habe ich eben im Gefühl.“

„Sie behaupten doch sonst, daß Gefühle vor dem Verstand keine Geltung haben.“

Aber Edith war nicht in der Verfassung, sich auf logische Gespräche einzulassen. Ihr Körper zuckte in stummem Schluchzen; sie preßte die Faust an den Mund, drückte sich die Zähne tief ins eigene Fleisch. Aber die hysterische Krise war nicht mehr zurückzudämmen. Ein paar Augenblicke später wälzte sich Edith auf dem Boden und stammelte unter stoßweisen Schluchzen und Schreien, wie unglücklich sie wäre.

Monika stand ein paar Schritte davon. Ihr Mitgefühl wurde ausgelöscht von der Abneigung, die sie gegen diese Unbeherrschtheit empfand. Mit einer Art dumpfen Erstaunens dachte sie:

„Vor ein paar Jahren, als junges Mädchen, habe ich mich gerade so angestellt, wenn ich etwas nicht erreichte.“

Unfaßlich erschien ihr das jetzt.

Als Edith endlich wieder drüben in ihrem Zimmer war, war es sehr spät geworden.

Monika beschloß, gar nicht hinunterzugehen, sondern sich oben servieren zu lassen.

Das Zimmertelephon schlug an.

Graf Lork fragte an, ob die Damen heute nicht zum Essen kämen.

„Nein,“ erwiderte Monika, „und morgen auch nicht. Ich habe einen Ausflug vor.“

Am nächsten Morgen verließ sie das Hotel zu einer ungewöhnlich frühen Stunde.

Sie mietete ein Motorboot für den Tag.

„Irgendwohin,“ erwiderte sie dem Bootsmann auf seine Frage, nach welchem Orte sie wolle.

Und sie lag, auf dem Rücken ausgestreckt, im Boot, das durch die durchsichtig grünen Wogen schnitt, an lachenden grünen Ufern vorüber.

Die höhersteigende Sonne sandte Fluten von Licht und Wärme herunter.

Monikas Gedanken waren wie taumelnde Schmetterlinge, die im fieberhaften Fluge über die Blüten irren...

Sie kam erst spät am Abend ins Hotel und ging gleich in ihr Zimmer hinauf.

Sie war todmüde und konnte doch nicht schlafen; eine sonderbare Helligkeit war in ihrem Kopfe...

Wie rote Brände zuckte es vor ihren Augen.

Das war wohl der lange Sommertag, der ihr Blut so überhitzt hatte, all die Glut, die auf sie niedergebrannt war, alle die Gerüche, die sie geschlürft: der herbe Hauch vom See, das frische Duften der Laubbäume und das strenge Aroma der Nadelwälder.

Oder war es die Frage, die sie nicht schlafen ließ, die Frage, die gestern aus den Tonwellen auf sie eingedrungen?

Am Morgen endlich verfiel sie in einen unruhigen Schlaf, aus dem eine schrill krähende Stimme sie weckte.

„Wer ist denn heute bei Fräulein von Gräbert?“ fragte sie das Stubenmädchen, das gerade den Tee gebracht.

Die brave Schweizerin machte erstaunte Augen. „Aber das ist ja Mademoiselle Bussy d’Armagnac de Montnoir, die da singt. Die haben wir seit gestern abend hier. Fräulein von Gräbert ist gestern doch schon mit dem Mittagszuge weg.“

Ja, Edith war fort, ohne ein Wort des Abschieds. Monika atmete im ersten Augenblick wie erleichtert auf, also Szenen wie die gestrige waren nicht mehr zu befürchten.

Aber als sie sich dann zum Lunch anzog, wollte es doch wie Bangen in ihr aufsteigen: zum ersten Male ganz allein.

Sie überlegte einen Augenblick, ob sie Frau von Milorski und deren Mutter bitten solle, sie an ihrem Tische Platz nehmen zu lassen, aber gleich darauf sagte sie sich, daß es doch ein Unsinn sei, sich zur Tischgenossin dieser unliebenswürdigen Frauen zu machen, bloß weil es vielleicht nicht ganz passend war, ohne weibliche Begleitung zu sein.

Und so ging sie denn auf den Tisch zu, an dem wie sonst Berningen und Lork schon warteten.

Das Gespräch war sehr lebhaft. Monika zwang sich, so munter wie nur möglich zu sein. Sie plauderte unaufhörlich. Nur kein Stillschweigen wollte sie aufkommen lassen, das gefährlicher war als alle Worte.

Beim Dessert sprach Lork von dem Jubelfeste, das heute auf dem See stattfände, der Festtag der Eidgenossenschaften.

„Darf ich Sie bitten, sich das Feuerwerk von meinem Balkon aus anzusehen?“ fragte er Monika.

Sie starrte ihm erschrocken ins Gesicht.

Er aber fuhr ganz harmlos fort: „Die Milorskischen Damen haben zugesagt — —“

„Und ich bin erfreulicherweise auch geladen,“ fügte Berningen hinzu, „von uns allen hat nämlich nur Lork den Balkon nach der Westseite.“

„Wir gehen gleich nach dem Essen zu mir hinauf,“ sagte Lork.

Monika nickte stumm.

Die Milorskischen Damen sahen sich mit kaum verhehltem Neide um, als sie die von Lork bewohnten Räume betraten, die Fürstenzimmer des Hotels. Auf der Terrasse, die sich an einen schönen blauen Louis-XV.-Salon schloß, versammelte sich die Gesellschaft.

Herr von Milorski bewunderte die Korbmöbel aus gediegenem grauen Geflecht mit Goldornamentierungen.

„Bequem wie’n Klubsessel,“ sagte er und dehnte sich behaglich in einem der Sessel, — „wenn ich denke, wie früher die Korbstühle waren! — — Die Welt schreitet doch alle Tage weiter. Es ist fabelhaft ... Nicht?...“

Er erhielt auf diese Auslassungen keine Antwort. Seine Frau und seine Schwiegermutter waren in den Salon zurückgekehrt, wo sie die Nippes besahen. Berningen hatte sich auf das Geländer der Terrasse gesetzt und kokettierte von da aus in den Hotelgarten zu zwei niedlichen Amerikanerinnen hinunter.

Monika und Lork standen ganz links, an der Seeseite. Monika sah in die Ferne, und Lork stand über ihren Stuhl gebeugt, so nahe, daß ein verschmitztes Lächeln das gutmütige Gesicht Milorskis überflog.

Die Sonne war schon untergegangen, aber noch lag die ganze Schwüle dieses endlos langen Julitages über Luzern. In dieser durchsichtigen Dämmerung zogen sich die riesigen Laubmassen der Platanenallee am Kai hin wie ein schwarzes Band. In den Straßen drängten Menschenscharen, die in diesem Lichte unbestimmte Formen annahmen. Dunkel drohten die Felsmassen vom gegenüberliegenden Ufer des Sees.

Wie ein dumpfer Druck lag es über Monika, wie eine atemraubende Erwartung.

Berningen begann sich inzwischen zu langweilen. Seine neuen Flirts, denen es im Garten wohl zu tauig geworden sein mochte, waren ins Hotel zurückgegangen.

„Die braven Schweizer werden ihr Feuerwerk wohl erst um Mitternacht loslassen. Hier geht ja alles so langsam,“ murrte er. Dann steckte er sich eine neue Zigarette an und überlegte die Situation. Die Milorskischen „Drachen“ konnten jeden Augenblick wieder auf die Terrasse heraustreten; Monika ließ der Lork doch nicht aus den Fingern, und Milorski schlief schon halb vor einer Flasche Hennessy, — — kurz, es war hier nichts los.

So beschloß er denn, sich zu drücken, ging stolz über die Terrasse. Von den dreien hier achtete doch keiner auf ihn. Mit unendlicher Vorsicht schlängelte er sich an den Drachen im Salon vorbei.

Dann schlenderte er zum Hafen.

Die Schweizer waren mit Kind und Kegel von ihren Bergen heruntergekommen. Vierschrötige Gestalten, rotbäckige Gesichter. Aus hellen Augen starrten sie bewundernd auf das großstädtische Treiben und auf alle die internationalen Erscheinungen, die sich hier zwischen ihnen herumdrängten.

Und diese Menge, die so verschiedenartig war wie die tausendfarbigen Steinchen eines Kaleidoskops, wurde zusammengehalten durch ein Band: die Schaugier!

Ein „Ah“ ging über sie alle hin, als das erste geschmückte Schiff hinausglitt auf den See. Das gleiche „Ah“ kam von all diesen Lippen, den groben und den feinen, den schmutzigen und den gepflegten, den welken und den blühenden. — — Es gefiel ihm nicht, und reumütig schlug er den Weg wieder ein zu Lorks weißer Terrasse.

Als er dort ankam, fand er zu seinem Erstaunen die Milorskische Familie vollzählig im Salon von Lork, damit beschäftigt, Whist zu spielen.

„Na, und das Feuerwerk?“

„Es hat ja noch nicht angefangen, — und meine Schwiegermutter ist so gewöhnt, um diese Zeit ihr Spielchen zu machen,“ sagte Milorski kleinlaut. „Liebes Kerlchen, tun Sie mir den Gefallen und spielen Sie mit statt des Strohmanns,“ fügte er hinzu.

„Und Lork?“

„Ist auf der Terrasse.“

„Zu zweien — —,“ sagte Frau von Milorski sarkastisch.

Berningen beschloß innerlich, dann „lieber nicht zu stören“, und setzte sich resigniert zum Whist nieder.

Auf der Terrasse herrschte tiefes Schweigen.

Die beiden sahen hinaus in die samtschwarze Nacht, und Monika fühlte mit fast schmerzhafter Deutlichkeit die elektrische Spannung des Mannes an ihrer Seite.

Die Minuten strichen so langsam dahin — tropften dahin...

Und Nacht und Schweigen...

Bis plötzlich ein blutroter Schein aufflammte in dieser samtschwarzen Nacht...

Und wieder einer...

Und hundert plötzlich... Brennende Feuerräder, die in ungeheurem Bogen über den tiefdunkeln Himmel emporgeschleudert wurden und in einer wilden Strahlengarbe hinabstürzten in den See. Strahlenkränze von roten Lichtern auf all den Masten und Rahen der Schiffe, die auf dem Wasser kreuzten.

Alle diese Schiffe aber blieben im Dunkeln. Man sah nur die Girlanden von Licht — wie Tausende roter Leuchtkäfer über dem See.

Und wieder feurige Schlangen, die empor in den Himmel zischten, Kometen, die eine Flammenbahn über den Horizont zogen, feurige Blumen, die aus einem überreichen Füllhorn emporgeschleudert wurden — — ein wilder Taumel von Feuer, der von der Erde emporraste in den Himmel hinein und hinabstürzend im Wasser starb.

Und wieder Nacht und Schweigen. — — Nein, Schweigen nicht...

Worte flammten auf, heiß und rot, wie es die Feuerblumen eben gewesen...

„Ich muß Ihnen von meiner Liebe reden, Monika. Ahnen Sie denn, wie sehr diese Liebe von mir Besitz genommen hat? Ich bete Sie ja an: Ihre süße Schönheit... Ihren Geist... Ihre Gutherzigkeit ... alles! Mein Denken bei Nacht und Tag ... mein süßes Glück... meine schöne Pantherkatze, — sag’ ein einziges Wort... ein einziges, liebes Wort.“

Sie fühlte seinen brennenden Atem über ihre Wange streichen, fühlte, wie es ihn unwiderstehlich, übermächtig zwang, sie in die Arme zu nehmen...

Und sich gewaltsam dem heißen Zauber entziehend, trat sie hastig einen Schritt zurück.

„Still! Sagen Sie mir jetzt nichts weiter.“

„Aber morgen muß ich Sie sprechen, Monika.“

Sie antwortete nicht, trat hastig in den Salon, wo die Vier über ihrem Spiel das Feuerwerk vergessen hatten.

Sie taumelte ein wenig, als sie ins Zimmer trat, und schloß die Augen vor der Helle des elektrischen Lichts — und hatte eben doch mit offenen Augen in ein viel heißeres, rotes Feuer gesehen.

Am nächsten Morgen hatte sie mit Lork die von ihm erbetene Aussprache.

Solange sie nebeneinander auf der weißen Landstraße einhergingen, sprachen sie kein Wort. Dann bogen sie in einen Fußpfad ab, der an Wiesen und schattigen Laubbäumen vorbei hügelan führte.

Monika setzte sich auf die Bank an irgendeinem Aussichtspunkte und hielt ihren weißen Spitzensonnenschirm vor das Gesicht, weniger zum Schutze gegen die Sonne als zum Schutze gegen seinen Blick. Und sie sagte hastig:

„Sie dürfen nicht zu mir sprechen wie gestern abend, Graf Lork. Sie wissen ja überhaupt nichts von mir...“

„Doch! Fräulein von Gräbert sprach mit mir, ehe sie fortfuhr.“

Eine heiße Röte überflammte Monikas Gesicht. Edith hatte also vor ihrer Abreise noch ein Zusammentreffen mit Lork arrangiert. Wer weiß, was sie da für Verleumdungen über sie aufgetischt haben mochte!

„Ich war unendlich glücklich über das, was Fräulein von Gräbert mir sagte. Ich hörte, daß Sie im Begriff sind, sich scheiden zu lassen. Ist das wahr?“

Monika antwortete nicht; mit aufeinandergebissenen Zähnen starrte sie vor sich hin.

Und in heißem Flehen sagte die Stimme des Mannes von neuem: „Das ist wahr?... Sagen Sie mir, daß es wahr ist...“

Der Schirm war ihrer Hand entsunken. Sie sah jetzt geradeaus in die flammende Sonne.

Da griff er nach ihren Händen, umkrampfte diese kühlen, kleinen Hände mit seinen glühend heißen Fingern und flehte: „Ist es wahr?“

„Ja,“ sagte sie tonlos.

„Monika, — — und wenn diese Scheidung vollzogen ist, dann darf ich hoffen, daß Sie meine Frau werden? Ich will ja Ihr Sklave sein, Monika, ich will Ihnen jeden Willen tun, Ihnen jeden Wunsch erfüllen... Alles! Sie wissen, wie ich Sie verstehe, wie ich jede Regung in Ihnen verstehe und liebe! In Ihrer prachtvollen Ursprünglichkeit sollen Sie bleiben, kein Atom Ihres Selbst will ich anders haben, als es ist. Unser Leben wird ein Rausch sein von Glanz und Leidenschaft!“

Er preßte seine fiebernden Lippen auf ihre Hand.

„Ihre Antwort, Monika...“

„Nicht jetzt,“ sagte sie schwer atmend, „lassen Sie mir Zeit.“

„Wann?“

„Ich weiß nicht...“

„Wann?“ flehte er.

„Ein paar Tage nur...“

Dann gingen sie langsam den Weg zurück, den sie gekommen.

Monika hielt den Blick tief gesenkt, nicht ein einzigesmal sah sie auf. In seinen Augen aber war ein Schein von Siegessicherheit.

Kurz bevor sie am Hotel ankamen, sagte er:

„Ich werde heute und morgen wegfahren. Ich will Sie nicht stören, nicht beunruhigen in dieser Zeit der Ueberlegung... aber übermorgen früh hole ich mir meine Antwort.“

Monika schritt dahin wie im Traum. Der Lift fuhr sie in ihre Etage hinauf, die Tür ihres Zimmers schloß sich hinter ihr. Ihr erster Gedanke war: Dunkel, die Vorhänge herunter.

Dann, als sei es ihr immer noch zu hell, warf sie sich übers Bett und wühlte den Kopf in die Kissen. Dunkel... Dunkel und Schweigen...

Aber es ward nicht dunkel vor ihren Augen. In unabsehbarer goldener und strotzender Fülle sah sie alle Herrlichkeiten dieser Welt!

Die alle würde dieser Mann ihr geben, alles Schönste, wonach sie je Begehren getragen, alles Schönste, was Natur und Kunst hervorgebracht: edle Steine und schillernde Stoffe, kostbare Bücher und Marmorbildsäulen, Pferde und Automobile und Jachten, Gärten und Paläste...

Das alles würde er ihr geben in seiner heißen Liebe, die so leidenschaftlich war, wie sie es immer ersehnt. Ganz einhüllen würde er sie in diese flammende Leidenschaft. Seine Liebe würde sklavisch zu ihren Füßen knien und darauf harren, ihr jeden Wunsch erfüllen zu dürfen.

In allen Poren fühlte sie, welche Macht sie über diesen Mann besaß, der jede Bewegung an ihr vergötterte, jedes Wort, das sie sprach, jeden Gedanken, den sie dachte... Der sie liebte maßlos und schrankenlos...

Das war’s, was ihr wie ein Rausch ins Blut drang, diese Erfüllung ihrer jungen Sehnsucht: über alle Schranken hinaus...

Georg hatte sie in Schranken gehalten und sich selbst auch. Hatte er sie überhaupt je geliebt? War das Liebe, die nach Zügeln fragte und nach Grenzen? Georg war ein Egoist gewesen, immer; im Mittelpunkte seines Denkens hatte er selbst gestanden, er und seine Karriere.

Würde er ihr je eine Ueberzeugung geopfert haben? Von Harry Lork aber wußte sie, daß er es mit Freuden sehen würde, wenn sie alle ihre Gefühle, alle ihre Gedanken wild wuchern ließ, daß sie üppige Triebe und Blüten reckten. Mit Lork würde sie frei sein können im Denken und Tun — und überschüttet von Reichtum und fortgerissen von Leidenschaften.

Sie sah wieder sein Gesicht vor sich, wie sie es neulich im Musikzimmer gesehen, als die Sonnenstäubchen drüber hingeflirrt und die Linien beleuchtet, die die Leidenschaft hineinriß...

Da wußte sie, was sie dem Grafen Harry Lork antworten würde, sobald er wiederkam.

Sie war mit ihrem inneren Leben so sehr beschäftigt, daß sie es vermied, andere zu sprechen. Sie war fast unhöflich, gab kaum Antwort, wenn einer der Hotelgäste sie in ein Gespräch zu ziehen suchte.

Am nächsten Vormittag schwamm sie weit in den See hinaus. Die scharfe körperliche Bewegung tat ihr wohl, lenkte sie ab von der heißen Arbeit ihres Gehirns.

Aber als sie dann nachher auf dem weißen Sande des Badestrandes lag, waren sie alle wieder da, die Zukunftsträume. Die waren nicht mehr in den rosigen Farben ihrer ersten Jugend gemalt, sondern in Purpur und Gold ihrer wissenden Frauenphantasie.

Und das Gefühl eines wilden Triumphes überkam sie: nie mehr „Sitte“ und „Pflicht“... nur alle heißen Träume wahr machen, die ihr Gehirn je bewegt, — — jede Phantasie Wirklichkeit werden lassen!

Ja, das alles konnte sie, in der Kraft ihrer blühenden Jugend, die keinen Zügel mehr tragen würde, — — ungezählte Reichtümer zur Hilfe, und einen Mann zur Seite, der ein Sklave ihrer Launen war.

„Schrankenlos genießen“ — — hatte er gesagt.

Und wie ein brausender Jubelchor klang es ihr in den Ohren: „schrankenlos... genießen...“

Und doch... und doch... Es war keine volle Harmonie in diesem Hymnus. Wohl klangen die Instrumente so lockend, lachten vor Rausch und Lust, aber irgendwo schluchzte eine Geige, schluchzte so tief schmerzlich — so unerträglich sehnsüchtig — —

Was war es denn, was die schluchzte? Ein Wort nur, ein einziges Wort: „Georg“...

Aber sie jagte diesen Gedanken von sich. Er war ein Egoist, er hatte sie nie geliebt. Und nur jetzt keine falsche Sentimentalität.

Sie war entschlossen. Sie wußte, was sie Lork morgen antworten würde.

Als sie vom Schwimmbad nach Hause kam, den Blick gesenkt, um nicht wieder in Unterhaltungen verwickelt zu werden, die sie störten, wurde sie, als sie die Halle durchschritt, angerufen.

„Ah, Frau von Wetterhelm,“ klang es ihr, in einer schnarrenden Stimme gesprochen, ins Ohr.

Sie mußte eine Sekunde lang nachdenken, wo sie dieses narbenzerrissene Greisengesicht schon gesehen, dies Gesicht mit dem bulldoggenhaften Ausdruck und einem goldgefaßten Monokel im linken Auge.

„Ah, Fürst Herrlingen.“

Wie lange ihr das schon her schien, seit sie ihn zum letztenmal gesehen. Und es waren doch erst zwei Jahre, daß sie die Botschaft in London verlassen. Sie hatte dann mit dem Fürsten noch korrespondiert, und oft hatte er ihr geschrieben, welchen Spaß ihm ihre witzigen Briefe machten.

Ob Herrlingen wohl wußte, wie sich ihr Lebensschicksal inzwischen gestaltet?

Sie war verlegen, murmelte irgend etwas, daß sie hinauf müsse, aber er bat so dringend, sich ein paar Augenblicke zu ihm zu setzen.

Er plauderte wie immer: in abgerissenen Sätzen, in der sehr lebhaften Art, die er sich, trotz seiner siebzig Jahre, bewahrt hatte. Er erzählte von gemeinsamen Bekannten. Ohne ein paar boshafte Ausfälle ging es dabei nie ab.

Als sie im Begriffe waren, sich zu trennen, ließ er sich noch versprechen, daß sie heute abend mit ihm diniere. Das müsse sie schon für einen alten Freund tun. Nicht im großen Speisesaal — gräßlich mit den vielen Leuten! Er würde den gelben Salon reservieren lassen.

Monika zeigte sich am Abend in brillanter Laune. Sie scherzte und lachte und berauschte sich schließlich an ihrer eigenen Gesprächigkeit.

Die Unterhaltung zwischen ihnen beiden flog hin und her wie ein Tennisball, den zwei geschickte Spieler sich zuschleudern.

Wie früher war es.

Nein, doch nicht wie früher...

Da war Georg Wetterhelm mit dabei gewesen, hatte seiner Frau zugehört, stolz auf ihren Esprit und ein wenig ängstlich, ob sie die Grenzen innehalten würde...

Nein, nicht wie früher war’s.

Der Fürst schien den gleichen Gedanken zu haben.

Einen Augenblick zögerte er, dann: „Ich möchte Sie etwas fragen, Frau von Wetterhelm. Nehmen Sie es als Freundschaftsbeweis. Man muß mich schon mehr interessieren, wenn ich indiskret sein soll. Hat es zwischen Ihnen und Wetterhelm einen Bruch gegeben?“

Sie antwortete nicht.

„Ich habe neulich Ihren Mann in Berlin gesehen,“ fuhr er fort, „er hat mir nichts Besonderes über Sie erzählt. Er sagte nur, es ginge Ihnen gut. Aber daß er nun doch nach Teheran will, nachdem er es Ihretwegen vor drei Jahren abgelehnt — —“

„Meinetwegen?!“

„Ah, Sie wissen es gar nicht? — Das ist mal wieder recht Georg Wetterhelm, es Ihnen gar nicht zu erzählen, wenn er ein Opfer bringt.“

„Ein Opfer?“ fragte sie mit versagendem Atem.

„Ja, für seine Karriere war’s eins. Das habe ich ihm damals klipp und klar auseinandergesetzt. Die Kombination lag ja damals ganz anders als heute. Allein die Tatsache, daß er dann vor drei Jahren schon erster Botschaftsrat geworden wäre.. Und außerdem ist damals der Herzog Wilhelm Friedrich hingegangen, der auf Wetterhelms Beihilfe bei seinen ethnologischen Forschungen rechnete. Wetterhelm hätte die schönste Gelegenheit gehabt, sich nach allen möglichen Richtungen hin auszuzeichnen. Aber er wollte nicht hin! Ihretwegen nicht. Er fürchtete für Sie das Klima, die zeitweise recht unruhige Bevölkerung — es war gerade wieder ein Aufstand vorgekommen. Er sagte mir auch, daß Sie sich, so weit von unserer Kultur entfernt, gar zu unbehaglich fühlen würden. Ich erwiderte, das seien doch alles keine Gründe, wenn ein Vorteil für die Karriere in Frage käme. Aber ihm stand Ihr Wohl höher. Ich machte ihm dann den Vorschlag, sich doch für ein Jahr beurlauben zu lassen, um an der Expedition des Herzogs teilnehmen zu können — Sie wissen, was Wilhelm Friedrichs Fürsprache bei uns zu bedeuten hat —, aber er antwortete, er wolle sich nicht so lange von Ihnen trennen. Ja, die Liebe beeinträchtigt eben auch bei sonst ganz vernünftigen Menschen den Verstand.“ —

Monikas Hand zitterte so stark, daß der blutrote Burgunder aus ihrem Glase über das Tischtuch tropfte.

Ihr Wohl hat ihm höher gestanden als seine Karriere!

O nur allein sein, allein sein jetzt mit ihren Gedanken, die wie eine Meute über sie herstürzten!

Aber die Frau von Georg Wetterhelm durfte ihre Haltung nicht verlieren. Und sie krampfte ihre Fingernägel in die Handflächen, daß sie ihr schmerzend ins Fleisch drangen.

Und sie plauderte weiter, liebenswürdig und witzig, als schlüge ihr nicht das Herz wie rasend in der Brust, als stiege ihr nicht das Blut so heiß zu Kopfe, daß es wie ein Brausen in ihren Ohren war.

Und der Augenblick kam, wo Herrlingen ihr abschiednehmend die Hand küßte.

Dann endlich in ihrem Zimmer durfte sie sich ihrem Gefühle überlassen, durfte aufschluchzen, durfte weinen, wie sie noch nie geweint...

War das der Mann, den sie einen starren Egoisten genannt? Dieser Mann, der seinem Avancement schadete, um der geliebten Frau einen unangenehmen Aufenthalt zu ersparen? Und der ihr nicht einmal etwas davon sagte, in der herben Vornehmheit seiner Natur, die Opfer brachte und keinen Dank dafür wollte!

In wogenden Nebeln versanken farblos alle die farbenstrotzenden Zukunftsschlösser, die sie gestern noch gebaut. Was war aller Reichtum und alle Leidenschaft, was waren alle Genüsse dieser Welt, wenn ihr die Liebe fehlte?

Und ihre Liebe zu Georg, die sie so lange gewaltsam zurückgedämmt, durchbrach alle Schranken, daß es ihr war, als sei ihr ganzes Sein nur noch ein einziger Sehnsuchtsschrei nach ihm!

Aber eisig legte sich in den Aufruhr ihrer Gefühle die Frage: Wird er mir verzeihen? Hatte sie ihm nicht schlecht gelohnt? Hatte nicht ihr eigenes Selbst ihr höher gestanden als sein Glück?

Eine tiefe Mutlosigkeit wollte sie überkommen, ein banges Gefühl: Wird das wieder gut?

O, wenn sie ihm nur alles sagen könnte, ihm alles verständlich machen!

Ein Irrtum war’s, der sie von seiner Seite gerissen.

Noch einmal grüßte aus dem Dunkel des Unwiederbringlichen das Haupt des toten Bruders, die dunkeln Wimpern über den erloschenen Augen, ein wenig geöffnet der Mund, ein wenig traurig...

Georgs Schuld?

Ach nein! Die Schuld des Birkenschen Blutes, der Birkenschen Erziehung. Die Schuld des Blutes, das Alfred unter der Tropensonne seinem Geschick entgegenführte, das Heinrichs Leben in unklare Wirrnisse verstrickte, das sie selbst so gefährliche Bahnen geführt.

Und hoch über ihnen allen stand Georg.

Sein Leben lang hatte er idealen Gütern gedient, gab seine besten Kräfte dem Lande, das ihn gezeugt, hatte in strenger Selbstzucht, in treuer Erfüllung seiner Pflichten seine Einzelpersönlichkeit dem Wohle des Ganzen untergeordnet.

Und nicht, wie sie geglaubt, war er unbeugsam und kalt dabei geworden — nein! Er war es fähig, ein Opfer zu bringen.

Ob er ihr verzeihen würde?...

Ach, kein Nachdenken jetzt — kein Fragen.

Zu ihm! Mit dem Nachtzuge noch.

Sie erreichte ihn noch gerade.

Und während die Räder in rasender Hast durch das Dunkel jagten, saß sie in eine Ecke des Coupés gedrückt, mit weit offenen Augen.

Sie legte sich nicht hin, sie konnte ja doch nicht schlafen.

Ob er ihr verzeihen würde?...

Verzeihen, daß sie in egoistischer Aufwallung Haus und Herd verlassen und den Mann, der sie liebte?

Und sie dachte an den Abend vor bald sechs Jahren, als sie zu ihm gefahren war, als ihr siebzehnjähriger Mädchenmund in Leidenschaft und Liebe und Egoismus gestammelt: „Ich will mein Glück wiederhaben!“

Weiter und weiter durch die sternenlose Nacht, deren Schweigen mitunter zerrissen wurde von dem gellenden Schrei der Lokomotive. Immer weiter trug sie der Zug... zu ihm!

Und in ihrem aufgewühlten, durchschütterten Gehirn zuckten neben den großen Fragen kleine Sorgen auf, kleinliche Bedenken:

„Wird er zu Hause sein? Wer wird mir die Tür öffnen? Wie mache ich’s, daß er mich anhört ...?“

Tausend Möglichkeiten durchdachte sie, tausend Schwierigkeiten überwand sie in Gedanken, immer neue Hindernisse überlegte sie sich, und wie sie ihnen entgegentreten solle.

Und es kam alles viel einfacher, als sie gedacht. Der Diener öffnete, sagte ein freudig überraschtes: „Ah, die gnädige Frau!“ und nahm ihr den Reisemantel von den Schultern.

Und mechanisch nahm sie auch den Hut ab, so als ob sie hier zu Hause wäre, wieder zu Hause.

Sie schritt durch ihren blauen Salon und durch das Musikzimmer und öffnete die Tür zu Georgs Arbeitszimmer.

Er saß am Schreibtisch und sah nicht auf.

Wie ernst, wie furchtbar ernst das geliebte Gesicht war!

Sie stammelte seinen Namen.

Und da sprang er auf.

Kein Besinnen, kein Fragen, keine Korrektheit ... nur ein einziger, wilder Schrei:

„Du!“

Und seine Arme, die sie umfaßten, sein Mund, der sich auf den ihren preßte, sein heißes Gestammel: „Bist Du doch gekommen, mein kleiner Schatz? Mein geliebter, kleiner Schatz, bist Du doch gekommen, mein Glück...“

„Ja, Georg, und ich will bei Dir bleiben, immer ... immer...“

Es bebte wie Angst in seiner Stimme:

„Du weißt, wie verschieden unsere Naturen sind. Es mag wohl wieder ein Tag kommen, Monika, wo ich Dein phantastisches Köpfchen nicht verstehe, wo ich Deine Wildheit nicht gutheißen kann, wo ich Dir etwas nicht geben kann, nicht geben darf, was Du verlangst — wo ich Dir Deine Wünsche nicht erfülle...“

„Dann...“ Der Schein einer unendlichen Hingabe verklärte ihr Gesicht. „Dann werde ich nicht, wie in meinen Kinderjahren, sagen: ‚Mir zuliebe!‘ Dann werde ich nicht, wie in meiner Brautzeit, stammeln: ‚Unserem Glücke zuliebe‘ — dann werde ich das Wort sagen, das ich jetzt sprechen gelernt habe: ‚Dir zuliebe‘!“


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