14.

Wenn Sie Ihre Freiheit dazu erobert haben, um Tage über auf dem Balkon zu sitzen und nachts den Schlaf des Gerechten zu schlafen, dann.. dann brauchten Sie eigentlich diese Freiheit verflucht wenig!“ sagte Edith eines Tages.

Das traf Monika. Edith hatte recht. Was tat sie mit der heißbegehrten Freiheit? Und mit plötzlichem Entschluß sagte sie:

„Ja, Sie haben recht, Edith. Es ist lächerlich, daß ich mich so abschließe.“

Nicht mehr wie bisher ging sie gleich nach den Mahlzeiten nach oben, sondern blieb mit Edith in der Halle. In dem großen, prunkvollen Raume mit seinen riesigen Spiegeln, den hohen Marmorvasen, in dem exotische Pflanzen blühten, war besonders zur Zeit des Fünf-Uhr-Tees ein buntscheckiges Publikum versammelt. Hier wiegte sich auf dem Rocking-Chair eine goldblonde junge Amerikanerin, den Strohhalm ihres Ice-Drink zwischen den purpurn geschminkten Lippen; ihre weitvorgestreckten Füße ließen ihre violetten Seidenstrümpfe und breithackige Lackschuhe sehen, auf deren Spangen Brillant-Agraffen blitzten. Und über diese Agraffen beunruhigte sich eine deutsche Bürgerfamilie, die, angelockt durch das Plakat: „Täglich von 5 bis 7 Zigeuner-Musik“, sich hierherbegeben. Der Familienvater suchte sich immer von neuem dadurch Contenance zu geben, daß er sein Pincenez zurechtschob. Das alles hier herum war ihm sehr ungemütlich. Diese babylonische Pracht in der Runde sowohl wie die Blicke, mit denen seine gestrenge Gattin kontrollierte, ob er den extravaganten Damen hier Aufmerksamkeit schenke.

An einem der nächsten Tische saß ein altes, englisches Ehepaar, das so häßlich war, daß man nicht verstehen konnte, wie es zu der wunderschönen Tochter kam, die es spazieren führte.

Ein paar Südamerikaner mit stechenden schwarzen Augen in olivbraunen Gesichtern, Mister Raspkeeper, der Petroleumkönig, dessen mageres Gesicht über dem entfleischten Halse etwas Geierhaftes hatte, die schöne Niniche, eine weltbekannte Tänzerin, die von echten und falschen Reizen strotzte, Herr von Aro, ein angekränkelter deutscher Rittmeister, Graf Lork, ein eleganter Russe, von dessen Reichtum man Fabelhaftes erzählte, und das alles trank Tee und Cocktails, aß Petits Fours und Sandwiches. Durch die riesigen Spiegelscheiben glänzte das tiefe und kostbare Grün des Sees, grüßte des Bürgenstocks wildzackiger Umriß.

Und die Zigeuner in ihren roten Jacken spielten auf stöhnenden Geigen von der Liebe...

Quand l’amour se meurt...

Da schlug Monikas Herz so qualvoll... Ihre Liebe zu Georg war ja tot.

Sie nahm sich zusammen, hörte nicht mehr auf den schmachtenden, traurigen Walzer, der davon erzählte, wie die Liebe stirbt..

Ins Leben hinein, — ins Leben! —

Sobald Monika aus ihrer Reserve herausgetreten, hatte sie bald Freundschaften und Bekanntschaften die Menge. Natürlich waren es besonders Herren, die es sich angelegen sein ließen, ihr Gesellschaft zu leisten.

Des Morgens beim Rudern, nachmittags beim Tennis und beim Tee, abends nach dem Diner, wo ein großer Teil der Hotelgäste wieder in der Halle versammelt war, um neuen musikalischen Darbietungen zu lauschen — immer war sie von einer Anzahl Verehrer umgeben.

Uebrigens benahm sie sich ihnen gegenüber durchaus reserviert. Sie hatte nichts mehr von der herausfordernden Koketterie ihrer Mädchenjahre. Die Zurückhaltung war ihr mehr in Fleisch und Blut übergegangen, als sie selbst es geahnt. Wetterhelmsche Schule!

Edith dagegen war entgegenkommender. Sehr erfreut darüber, daß sie nun durch Monika Anschluß an elegante Kreise gefunden, zeigte sie sich von einer Lebhaftigkeit, die ihre äußere Erscheinung nicht erwarten ließ.

Man unternahm jetzt immer sehr viel an diesen endlos langen Sommertagen, die ganz in Sonnengold getaucht waren. Morgens fuhr man meistens mit dem Motorboot des Grafen Lork. Mit spielerischer Sicherheit glitt das Boot über die grüne Wasserfläche, vorbei an starren Felswänden, die senkrecht ins Wasser abfielen.

Der See hatte tiefe Einschnitte in die Felsmasse gewühlt, und triumphierend spielten seine Wellchen in den Buchten.

Man machte in irgendeinem von den Orten am See Station, um dort zu frühstücken, im Schloß Hartenstein, in Gersau oder Vitznau. Man saß da auf einer glasgedeckten Veranda oder auch im Garten.

Der Sommer goß einen heißen Strom von Leben über die Welt, über Büsche und Sträucher, über Blumen und Früchte.

Die Zahl der Teilnehmer an diesen Fahrten war eine verschiedene, aber fünf waren immer dabei: Monika und Edith, Graf Harry Lork, der Besitzer des Motorboots, der Leutnant von Berningen und der Gutsbesitzer von Milorski, ein Pole, der diese Fahrten zu den Lichtpunkten seines Lebens zählte.

Das konnte übrigens niemand wundernehmen, denn der hübsche dreißigjährige Milorski besaß eine Gattin, die an Häßlichkeit und Unliebenswürdigkeit das erlaubte Maß überschritt.

Und als ob das nicht genug des Unglücks gewesen wäre, hatte der Himmel ihm dazu noch eine mitreisende Schwiegermutter verliehen, die ihn schaudernd ahnen ließ, wie seine Gattin in zwanzig Jahren sein würde.

Wenn jemand die Bekanntschaft von Frau von Milorski machte, so fühlte der Gatte sich verpflichtet, die neue Bekanntschaft so bald wie möglich beiseite zu nehmen und ihr zuzuflüstern:

„Wissen Sie, ich habe meine Frau nämlich wegen ihres Geistes geheiratet!“

Uebrigens besaß Frau von Milorski in der Tat Intelligenz und bildete in dieser Eigenschaft einen starken Gegensatz zu ihrem Gatten.

Ein leichtes Leben hatte er übrigens nicht, denn seine Frau war eifersüchtig, bewachte, unterstützt von ihrer Mutter, jeden seiner Schritte, und nur die frühen Morgenstunden brachten ihm Befreiung, lösten ihn von jeder Fessel. Seine Damen waren ausgesprochene Langschläferinnen, schliefen bis in den hellen Mittag hinein, „weil das für den Teint gut“ sei.

Und diese Morgenstunden in der letzten Zeit waren dazu angetan, Milorski den traurigen Rest des Tages vergessen zu lassen.

Wie bildschön und reizend elegant sah Monika aus! Wie amüsant und witzig wußte Edith zu scherzen!

Und dieser brave, liebe Kerl, der Berningen von den Kronprinz-Ulanen — und dieser famose Graf Lork. Und überhaupt alles so nett und friedlich!

Herr von Milorski fühlte sich wie im Himmel, seine etwas hervorstehenden Augen in seinem frischen Gesicht mit der slawischen Stumpfnase blickten wie verklärt.

Auch Graf Lork war immer in bester Stimmung. Nicht gerade, daß er eine übersprudelnde Laune zur Schau getragen, das war nicht seine Art. Er war immer sehr still.

Es gab Leute, die ihn für dumm, andere, die ihn für einen großen Geist hielten. Er war nicht leicht zu durchschauen, verbarg etwaige Gefühle und Gedanken hinter einem Lächeln, das einen Anflug von Zynismus hatte. Aeußerlich war er eine Erscheinung von ungewöhnlicher Eleganz: sehr groß und sehr schlank. Das Gesicht zeigte etwas seltsam Widerspruchsvolles: die Augen hatten einen verträumten Ausdruck und der Mund einen Zug von Brutalität.

Er sprach wenig, und was er sagte, war fast immer freundlich und banal. Mitunter aber überraschte er durch eine Bemerkung von beißender Schärfe.

Edith bemühte sich, in seiner Gegenwart immer ganz besonders geistreich und liebenswürdig zu sein, und sie hatte die Genugtuung, daß er über ihre scharfen Scherze herzlich lachte.

„Wie finden Sie eigentlich den Grafen Lork?“ wurde Monika eines Abends von Edith gefragt.

Sonst pflegte Edith, wenn man des Abends nach oben kam, gleich in ihr Zimmer zu gehen. Es herrschte durchaus kein besonders herzliches oder vertrautes Verhältnis zwischen den beiden. Aber heute blieb Edith in Monikas Zimmer, und diese verabschiedete sie nicht.

Es war besser so, als allein bleiben in der blauen Sommernacht.

„Wie ich Lork finde? Ganz nett,“ sagte sie gleichgültig. Dann fügte sie hinzu: „Entschieden sehr liebenswürdig zu uns.“

„Ich finde ihn entzückend,“ sagte Edith mit schwerer Stimme.

„Wirklich?“

„Er ist der überlegenste Mensch, den ich jemals sah.“

„Das ist mir nie aufgefallen.“

„Er ist so sicher! Vielleicht ist es sein Reichtum, der ihn so sicher macht. Er ist ja unsinnig reich.“

„Das ist wahrscheinlich Hotelklatsch, Edith; die Lorks haben sonst nicht viel.“

„Ja, aber seine verstorbene Mutter war doch eine geborene Arankow, die die Kupferminen im Ural haben und die Ziegeleien in Tiflis.“

„Wie genau Sie orientiert sind.“

„Mich interessiert Reichtum so sehr. Er ist die mächtigste Macht, die schönste Schönheit der Welt.“

„Unsinn.“

„Nein, Monika, kein Unsinn! Geld haben, das ist die Quintessenz von allem. Der Schlüssel, der alle Türen öffnet, das einzig sichere Piedestal in Sand und Sumpf. Ach, reich sein! Und genießen, wie alle sich davor beugen!“

„Es beugen sich nicht alle vor dem Reichtum.“

„O, es kommt auf die Höhe der Summe an.“

„Sonderbare Ansichten.“

„Ach, Monika, Sie können das nicht so empfinden. Ich weiß genug von Ihnen, um zu wissen: wirklich arm sind Sie nie gewesen: Aber ich weiß, was es heißt: des Lebens Not! Vater als pensionierter Hauptmann mit fünf Kindern... Na, reden wir nicht davon. Glauben Sie mir, es gibt nichts Schlimmeres, als die täglichen nagenden, kleinen Sorgen. Die haben mir meine Kinderzeit vergiftet — und meine Jugendzeit.“

Es war jetzt ganz dunkel geworden in dem kleinen Zimmer. Der See lag da wie in schwarzen Sammet gehüllt. Und durch das Dunkel sprach die Mädchenstimme:

„Die Armut hat meine Kinderjahre vergiftet und meine Jugendzeit. Als Kind habe ich Kindermädchen bei meinen Geschwistern spielen müssen, und später, als ich kaum erwachsen war, habe ich fremder Leute Kinder unterrichten müssen. In einer Zeit, in der sonst die jungen Mädchen an Glück denken, hab’ ich an Brotverdienen gedacht. Ich lebte so hin, stumpf — ohne Schmerz — — und ohne Freude auch. Auch ohne die Hoffnung auf ein Besserwerden. Da kam einer — —“

„Und er liebte Sie?“

„O nein, Monika, er liebte mich nicht. Nur ich ihn — —“ Sie brach kurz ab.

Ein paar schwere zitternde Atemzüge.

Und dann, nach einer Weile fuhr die harte Stimme fort:

„Nein, er liebte mich nie. Er war immer ganz unpersönlich zu mir. Er betrachtete mich wie eine mathematische Formel, die er auflösen müsse. Er analysierte mich, meine körperlichen und meine seelischen Eigenschaften, und eines schönen Tages sagte er mir: „Wissen Sie, Edith, Sie sind eigentlich viel zu schade, um hier als Töchterschullehrerin zu versauern. Sie haben das Zeug dazu, im Leben etwas zu erreichen. Gehen Sie hinaus ins Leben.“ — —

Und ich ging! Uebrigens erst, nachdem ich eingesehen hatte, daß er weiter absolut nichts für mich übrig hatte als diesen guten Rat.“

„Nach Zürich gingen Sie?“

„Ja — und nachdem man mich, als Mädchen aus guter Familie, jahrzehntelang mit Redensarten über die menschliche Würde gefüttert, mit besonderer Berücksichtigung der weiblichen Würde, des Wertes einer streng sittlichen Lebensauffassung und so weiter... griff ich zum Studium der Medizin. Die klärt uns am besten auf über die Gottähnlichkeit der Menschen.“

Ein häßliches Lachen kam aus ihrem Munde.

„Und sind Sie seit dieser Aufklärung glücklicher?“

„Nein, durchaus nicht. Mein Glück würde auf ganz anderem Gebiete liegen.“

„Auf dem der Liebe?“

„Kaum. Reich möchte ich sein, mir alles Schöne kaufen — so viel Schönes, erdrückend viel, um nicht mehr an all das Häßliche zu denken, das ich in meinem Leben gesehen habe. Um mir die Seele frei zu machen von all dem nüchternen Alltag, der zeitlebens auf ihr gelastet!... Und genießen, ach, Macht genießen... wie das sein muß für jemand, der sein ganzes Leben lang immer kuschen mußte: Macht genießen!“

Ein heißes Beben kam in die harte Stimme.

„Und zu denken, Monika, daß ich all das erreichen könnte. Daß mich dieser Lork nur zur Frau zu begehren braucht und — —“

„Ah so.“

„Monika, das bringen doch so viele andere fertig: eine gute Partie zu machen! Mädchen, die häßlicher sind als ich, dümmer, ungebildeter, schlechter ... Herrgott, es gibt doch Tingeltangelmädchen, die Erzherzöge heiraten! Mädchen, die eine kolossale gesellschaftliche Kluft überspringen... Das gibt es doch nicht bloß in Märchen: daß Bettlerinnen später von goldenen Tellern aßen! Und hier ist nicht einmal ein sozialer Unterschied vorhanden. Wir Gräberts sind Uradel, gegen meinen Ruf ist nichts einzuwenden. Daß ich nicht dumm bin, weiß ich, und äußerlich — ich bin doch nicht reizlos? Nicht? Sagen Sie mir offen Ihre Meinung, Monika, ich bin doch nicht reizlos?“

Es war ein heißes Flehen in diesen Worten. Das Dunkel verbarg die Schamröte, die in Ediths Wangen emporstieg bei diesem Betteln um ein anerkennendes Wort.

„Sie haben sicher eine Menge Vorzüge.“

„Monika, zu denken, daß es nur eines Wortes von Lork bedarf... und aus dem elenden Grau meiner Existenz wird ein Märchentraum.“

„Wenn Sie einen anderen lieben...“

„Ich liebe den nicht mehr. Ich habe eine gute Dosis Verstand, wissen Sie, und eine recht reichlich bemessene preußische Nüchternheit. Eine einseitige Liebe ist auf die Dauer nichts für mich! Es gibt ein altes Sprichwort: „Einer freut sich nie allein, es müssen immer zweie sein.“ Das klingt dumm, aber wahr ist es doch. Meine erste Liebe macht mir wirklich keine Kopfschmerzen mehr.“

„Und Sie lieben jetzt den Grafen Lork?“

„Lieben ist vielleicht ein etwas starker Ausdruck. Er gefällt mir unendlich! Und wenn er mich heiratete, würde ich bemüht sein, ihm eine gute Frau zu werden... Ach, Monika, helfen Sie mir!“

„Wie kann ich das?“

„Helfen Sie mir! Beeinflussen Sie ihn! Männer sind doch so leicht zu beeinflussen. Reden Sie ihm doch von mir, machen Sie mich ihm interessant, bitte...“

Zwei fieberheiße Hände griffen nach Monikas Händen und preßten sie in krampfhaftem Druck.

„Helfen Sie mir! Versuchen Sie, mir zu helfen!“

Eine fanatische Inbrunst glühte aus diesen Worten. Die zitternde Hoffnung eines Menschen, der sich seinem Glücke — vielleicht — nahe sieht.

Und in heißem Mitgefühl sagte Monika: „Was in meiner Macht steht, Ihnen zu helfen, will ich gern tun.“

Dann knipste sie das elektrische Licht an und sah in der plötzlichen Helligkeit ein anderes Gesicht als das, das Edith immer zur Schau trug. Das liebenswürdige Lächeln war fort. Und die Herbheit auch.

Ein aufgewühltes, leidenschaftliches Antlitz starrte ihr entgegen, heiße Augen und verlangende Lippen. Die Pupillen der hellgrauen Augen waren fieberhaft erweitert, in der Gier nach Geld und Glück... Blitzschnell senkten sich über diese Augen die blondbewimperten, breiten Lider, deren Haut schon ein wenig zerknittert war. Und die Lider blieben gesenkt, als wollten sie die Glut nicht sehen lassen, die in den hellen, kalten Augen so heiß emporgelodert war....

Schon an einem der nächsten Abende hatte Monika Gelegenheit, sich mit der ihr anvertrauten Mission zu beschäftigen. Das Hotel gab seinen Gästen einen Ball. Auf schön lithographierten Einladungskarten empfing jeder ein auf den Namen ausgestelltes Billet.

In den drei riesigen Sälen entfaltete sich ein kaleidoskopartiges buntes Bild.

Monika hatte zuerst gezögert, ob sie an dieser Tanzfestlichkeit teilnehmen solle. Sie war in keiner frohen Laune. Aber Edith war es nicht schwer geworden, sie dann doch zur Teilnahme zu bewegen; sie sah ja vollkommen ein, daß es lächerlich war und unmotiviert, an keiner Festfreude teilnehmen zu wollen.

Ja, sie würde hingehen — natürlich — und sich sehr gut amüsieren, und außerdem bei Lork für Edith „Reklame machen“, wie diese selbst mit bitterer Selbstironie sagte.

Als die beiden herunterkamen, war schon eine Menge von Gästen versammelt. Eine Anzahl sehr gut angezogener Amerikanerinnen wiegte sich mit ihren glattrasierten Landsleuten im Twostep. Eine Pariser Schauspielerin, mit einer gesucht kindlichen Frisur, erregte Aufsehen durch ihre montmartrehafte Art des Tanzens.

Der Rittmeister von Aro vergaß sein Lungenleiden und schwenkte die Damen unermüdlich und begeistert.

Herr von Milorski litt Tantalusqualen: er saß auf einem Stuhle, umzingelt von Frau und Schwiegermutter, die letztere in blauem Samt, die erstere in roter Seide. Die kleine, sehr dicke Frau von Milorski, die gut sechs Jahre älter war als ihr Mann, hatte in ihrem Gesichtsausdruck durchaus nichts von der Gutmütigkeit, nach der dicke Leute so häufig aussehen. Ihre winzigen Augen blinzelten bösartig in die tanzende Schar vor ihr, mit entschiedener Mißbilligung blickte sie auf die eleganten Erscheinungen, denen ihr Gatte sehnsuchtsvoll und träumerisch nachstarrte.

Herr von Berningen, der Kronprinz-Ulan, widmete sich zwei holländischen Damen, die Mutter und Tochter waren. Wie einst ein deutscher Dichter, wußte er nicht genau, welche von beiden er zur Dame seines Herzens erwählen solle. Gegen die Heinesche Epoche war das Bild aber entschieden verändert: den erfahreneren Eindruck von beiden machte die Tochter. Ihre Art, sich zu bewegen und zu benehmen, zeigte entschieden eine größere Sicherheit.

Wenn sie mit ihrem energischen Schritt, in ihrem saphirblauen, goldgestickten Kleide, einen Blaufuchs über der linken Schulter, quer durch den Saal schritt und einen Tisch in Beschlag nahm, so machte sie entschieden den Eindruck, die Chaperonne ihrer Mutter zu sein, die ihr bescheiden folgte, und deren Schönheit das Gepräge stiller Lieblichkeit trug.

Wie gesagt, — Berningen schwankte.

Die Mutter hatte so schöne kastanienbraune Haare.

Aber die Tochter war so pikant goldblond entfärbt. Die Tochter sprach Argot, rauchte Zigaretten, trank Cocktails, nahm Stellungen ein, die von bewußter Koketterie sprachen. Das alles gefiel aber Berningen weniger als die vornehm-liebenswürdige Art der Mutter.

Jedoch die Tochter war achtzehn und die Mutter siebenunddreißig. Und doch war die Mutter schöner....

Verzweifelt beschloß Berningen, sich nicht länger den Kopf zu zerbrechen, sondern beiden die Cour zu machen.

Graf Lork stand gelangweilt an einer Säule; sein Gesicht hellte sich auf, als Monika und Edith eintraten.

Edith sah entschieden in Balltoilette unvergleichlich besser aus als sonst, wenn auch ihr Kleid weder kostbar noch modern war. Die pfauenblaue Seide hob ihre durchsichtig helle Haut, ließ das Blond ihrer Haare wärmer erscheinen als sonst. Die gespannte Erwartung, in der sie sich befand, gab ihrem Gesichte ungewohnt lebhafte Farben.

Monika war es nicht schwer gemacht, ihrem Gespräch mit Lork die Wendung zu geben, die sie beabsichtigte.

„Wie hübsch Fräulein von Gräbert heute aussieht,“ sagte sie, als sie mit Lork auf der Galerie stand, die sich in halber Höhe des Saales an den Wänden entlang zog.

Man hatte von hier aus ein wundervolles Bild auf das Gewühl des Ballsaales. Unter dem blendenden Lichte des elektrischen Kronleuchters waren die Farben da unten wie ein tausendfarbiger Blumenstrauß: Lindenblütengrün und erikafarben, perlgrau und rosa, violett und altgold — das Schillern der Seide, die stumpfe Weichheit des Chiffon — die tiefen Töne des Sammet und das grelle Blitzen der Metallstickereien und der Paillettengarnierungen.

Dazwischen das Weiß und Schwarz der Herrenkleidung; diese brutal einfachen Farben bildeten einen guten Hintergrund für die tausend schillernden Nuancen der Damenkleider.

Und wie dem bunten Blumenstrauß Tautropfen, auf denen die Sonne funkelt, die letzte Vollendung geben, so funkelte hier das unvergleichliche Feuer der Edelsteine.

Das Licht brach sich weißsprühend in den Brillanten, blutfarben brannten die Rubinen, Smaragden gleißten, der lockende, matte Schimmer der Perlen und das regenbogenfarbig gebrochene Licht der Opale.

Monika sah nur zerstreut hinunter. Ihr lag ihr Auftrag am Herzen. Die abgrundtiefe Bitterkeit, die sie gestern in Ediths Seele gesehen, hatte sie erschüttert. Wenn sie dazu beitragen konnte, dem armen Mädchen zu seinem Glück zu verhelfen, so würde ihr das eine Herzensfreude sein.

Und sie wiederholte ihre erste Bemerkung.

„Ja, Fräulein von Gräbert sieht heute überraschend gut aus,“ sagte Lork.

„Warum überraschend? Sie ist doch immer reizvoll.“

Er äußerte ein unbestimmtes „Hm“, das ebenso gut ja wie nein heißen konnte.

Aber Monika ließ nicht locker.

„Ich bin überhaupt froh, daß ich mich mit Fräulein von Gräbert für die Reise zusammengefunden habe. Sie ist so amüsant, sie verbindet schärfste Logik mit Sinn für Humor.“

„Sind Sie schon lange miteinander befreundet?“

„Nein, erst seit kurzer Zeit. Ich hatte zuerst die Absicht, allein nach Luzern zu gehen.“

„Sie sind gar nicht dazu geschaffen, allein zu sein,“ sagte er und wendete sich plötzlich voll zu ihr herum. Bisher hatten sie beide nebeneinander an der Balustrade gelehnt.

Mit einem heißen Aufleuchten seiner Augen blickte er ihr ins Gesicht, in das reizende Gesicht mit den rosigen Farben. Ihre Schultern leuchteten blendend aus der rosa Seide ihres Kleides.

„Warum sagen Sie das?“ fragte sie leise.

„Weil ich das meine und weil ich mitunter sage, was ich meine.“

„Nicht immer?“

„O nein, durchaus nicht.“

Da wurde sie lebhaft, wie immer, wenn etwas Ungewöhnliches ihre Aufmerksamkeit fesselte. Und es wurde ein lebhaftes Hin und Her von Meinungen und Gedanken, von Bemerkungen, die oft paradox, immer aber geistreich waren.

Monika plauderte sich ganz heiß; zum ersten Male seit langer Zeit interessierte sie ein Gespräch.

Sie hatte nie geglaubt, daß dieser Graf Lork, den sie bisher für einen recht oberflächlichen Lebemann gehalten, so originelle Anschauungen haben würde.

Und sein Erstaunen war nicht kleiner. Er hatte geglaubt, Frau von Wetterhelm sei eine sehr hübsche Modepuppe, deren Horizont über Toilettenfragen kaum hinausging.

War doch Monika in der ganzen Zeit so sehr zurückhaltend gewesen, hatte so gar nichts von der sprühenden Art verraten, die sonst in ihrer Natur lag.

Ja, das Erstaunen war ein gegenseitiges. Als man sich spät in der Nacht trennte, erwartete Lork mit förmlicher Ungeduld den nächsten Tag und die morgendliche Bootfahrt.

Als an dem Ballabend Edith Monika vor dem Schlafengehen sehr gespannt fragte: „Nun, — — was sagte er?“, wußte sie einen Augenblick gar nicht, worum es sich handelte. Doch gleich darauf war sie im Bilde. Sie sagte:

„Edith, ich will ganz offen sein. Also: ich habe nicht gemerkt, daß er ein besonderes Interesse für Sie hätte.“

„Das weiß ich allein,“ klang es hart zurück, „ich will es ja auch erst in ihm erwecken.“

„Vielleicht war ich nicht sehr geschickt im Erfüllen meiner Aufgabe,“ sagte Monika. „Wir haben schließlich von ganz anderen Sachen gesprochen.“

„Aber das ist doch selbstverständlich,“ rief Edith lebhaft dazwischen. „Allzu auffallend darf das doch nicht gemacht werden! Jetzt tun Sie mir bloß die Liebe, Monika, und werfen Sie nicht sofort die Flinte ins Korn! Das wäre doch nicht gerade eine große Freundschaft, wenn Sie schon genug davon hätten! Daß Sie nicht auf Anhieb einen großen Erfolg erzielen würden, mit der Reklame für mich — das war mir von vornherein klar. Aber nicht nachlassen — — bitte, bitte, Monika! Helfen Sie mir! Nicht wahr, Sie werden versuchen, mir weiter zu helfen?“

So kam es denn, daß in der nächsten Zeit Monika viel mit Lork zusammen war. Sie gab ihm gegenüber die strenge Zurückhaltung auf, die sie alle die Zeit hindurch gehabt.

Es kam jetzt oft vor, daß sie sich mit ihm von den anderen absonderte. Es geschah ja im Interesse einer anderen. Und der Verlauf des Gesprächs war immer derselbe: sie begann damit, ihm irgendwelche Vorzüge von Edith zu rühmen, und dann ging die Unterhaltung andere Bahnen, berührte tausend Gebiete und enthüllte Monika jedesmal von neuem, welch weiten Horizont der Graf hatte. Der hing nicht an Vorurteilen, der war kein Prinzipienreiter wie Georg von Wetterhelm.

Langsam ging Monika immer mehr aus sich heraus, erschloß immer mehr von ihrem Gefühlsleben, in der unwillkürlichen Empfindung einer starken, seelischen Verwandtschaft mit dem Grafen.

Gleich ihr hatte er eine Abneigung gegen viele Forderungen der Konvention.

Gleich ihr empfand er eine tiefe Liebe für die schönen Künste.

Wohl bestand insofern ein Unterschied, als es ihm hauptsächlich die Musik angetan hatte, während sie in Gedichten ihre stärksten Anregungen fand. Aber dieser Unterschied war ja nicht fundamental, waren es doch Rhythmen, die sie beide beglückten.

Uebrigens begann ihr häufiges Zusammensein aufzufallen. Bei einem Ausflug nach Rigi-Kaltbad, den man in größerer Gesellschaft unternahm, brüskierte Lork die anwesenden Damen dadurch, daß er sich ausschließlich mit Monika beschäftigte. Schon bei der Dampferfahrt von Luzern nach Vitznau war das aufgefallen. Als man dann in Vitznau die Rigibahn bestieg, richtete Lork es so ein, daß er mit Monika im zweiten Wagen der elektrischen Bahn saß, während alle übrigen Teilnehmer des Ausflugs im ersten Wagen Platz genommen hatten.

Die Bahn stieg ihren steilen Weg empor, bot wundervolle Ausblicke auf den See, der in der Tiefe funkelte wie ein Juwel.

Vorbei ging es an Reihen mächtiger Laubbäume, bis weiter oben die dunkeln Tannenwaldungen anfingen und spröde Bergkräuter den Boden überwucherten.

Ein auffallender Temperaturunterschied machte sich bemerkbar. Für sie alle, die unten auf dem See den goldenen Geschossen der Sonne ausgesetzt gewesen, bedeutete es ein Aufatmen: die Luft voll kühler Frische, voll herber Reinheit. Leichte Wolken lagen in dieser Höhe, hingen wie ein dünner, weißer Schleier über den dunkeln Tannen.

Auf Station Kaltbad verließ die Gesellschaft die Wagen, schritt, während die Bahn weiter der Höhe zustrebte, zum Hotel, in dem das Frühstück bestellt war.

Es herrschte bei diesem Frühstück keine einheitliche Stimmung. Es hatten sich zu viele Einzelgruppen gebildet, die sich ihren eigenen Interessen hingaben, sich um das Allgemeinwohl nicht kümmerten.

Der Leutnant von Berningen widmete sich ausschließlich seinen beiden schönen Holländerinnen, schenkte der Mutter Tee und der Tochter Whisky ein.

Herr und Frau von Rassow, ein hochzeitsreisendes Paar, erfüllten getreulich ihre Verpflichtung als Jungvermählte: nur für einander zu existieren.

Herr von Milorski, dem es, weil man so zeitig am Morgen aufgebrochen, möglich gewesen, seinen beiden Hüterinnen zu entfliehen, machte Edith die Cour, — diese war übrigens damit sehr wenig einverstanden, sie betrachtete mißbilligend Milorskis frisches Gesicht, — wie ein riesiges, wohlgenährtes Baby sah er aus. — Seine Wangen glänzten vor Hitze und vor Freudigkeit.

Nein, das war nichts für Edith! — Sie warf einen bösen Blick auf Lork und Monika, die auch eine Gruppe für sich bildeten und lediglich miteinander beschäftigt schienen.

Nach dem Frühstück ging man in den Park des Hotels, der schön wie ein Märchengarten war mit dem unvergleichlichen Grün seiner Rasenflächen und seinen Gruppen prachtvoller Nadelbäume, über denen das Silbergespinnst des zarten Nebels hing.

Dieser Nebel trennte Monika und Lork bald von der übrigen Gesellschaft. Sie beide waren ganz allein in dieser grünen, silberumsponnenen Einsamkeit.

„Was für ein Entzücken, hier zu atmen,“ sagte Monika, „so recht aus tiefster Brust zu atmen —“

„Wie ein Rausch ist es.“

„Ja, wie ein unendlich zarter Rausch — —“

„Höhenluft!“ sagte Lork.

Und dieses Wort ließ mit einem Schlage in Monikas Gedanken die Gestalt ihres Mannes auftauchen.

Sie wußte selber nicht warum. Aber sie empfand einen Zusammenhang zwischen der herben, starken Höhenluft und Georgs Wesen.

Und gleich darauf flammte eine Empörung in ihr auf.

Was sollte es, daß sie jetzt an ihn dachte?!

Sie wollte nicht mehr an ihn denken — — nie mehr!

Und sie lachte und sprach, und sie war lebhaft, liebenswürdig wie nie zuvor.

An diesem Tage erzählte sie zum ersten Male Harry Lork von ihren schriftstellerischen Versuchen.

Er bewies ein glühendes Interesse, schmeichelte ihr das Versprechen ab, ihm noch heute abend irgendeines ihrer Manuskripte zu geben.

„Aber es sind eigentlich alles nur Notizen,“ sagte Monika verlegen, „gar nichts Fertiges, nur Betrachtungen. Ich habe sie eigentlich nur für mich selbst geschrieben.“

„Aber das ist ja unendlich interessanter, als wenn es anders wäre,“ rief er lebhaft. „Ich habe bei allen Kunstwerken mehr Interesse für die erste Skizze als für das fertige Werk.“

Und am Abend gab ihm Monika wirklich ein paar Seiten, die sie geschrieben.

Sie hatte mit sich gekämpft, ehe sie es getan. Aber dann sagte sie sich, daß sie doch nicht allein für sich schreibe, sondern daß sie für ein Publikum arbeiten wolle; daß es doch gerade ihr Lebensberuf sein würde, ihre Gedanken der Menge preiszugeben.

Ja, sie hatte gedacht: „der Menge... preiszugeben ...“

Warum empfand sie nicht mehr wie früher, als es ihr höchste Seligkeit erschienen war, ihre Gefühle anderen zugänglich zu machen, sie mit teilnehmen zu lassen an Freuden und Schmerzen?

Jetzt war in ihr ein Zurückschauern vor diesem Gedanken.

Waren das wieder Vorurteile, die Georg ihr in die Seele gepflanzt?!

Nun, die wollte sie wohl noch besiegen....

Und trotzig griff sie aufs Geratewohl in den kleinen Stoß von Heften in ihrem Schreibtisch, nahm eines davon heraus und gab es nach dem Diner dem Grafen Lork.

Auf den Blättern stand:

„In die Vasen auf meinem Kaminsims habe ich weiße Rosen gestellt. Halberblüht sind sie. Ihre schweren Kronen sehen aus wie aus Elfenbein geschnitzt; geschnitzt von einem primitiven Meister, denn ihr Kern ist noch plump. Die blassen Blätter liegen so fest übereinander, daß sie eine einzige Masse bilden.... Nur zwei, drei der äußersten Blütenblätter fangen an, sich von dem festen Kern zu lösen, und unter ihnen sitzen die zwei Hüllenblätter, weit auseinandergetan, sonderbar tiefrosig überhaucht.... Wie blutbefleckt sehen diese offenen Kelchblätter aus.

Inmitten all der Rosen, all dieser weißen, halberblühten, mit den zwei blutigen Hüllenblättern, prangt die eine, die voll erblüht ist. Jedes einzige ihrer Blätter hat seine Schönheit vollendet, hauchdünn und leicht zeichnet es seine Form in zarter Kontur. Und in der weitgeöffneten Rose glüht der goldhelle Blütenstaub.

Vollendung!...

Warum gibt es so viele, die die halbgeöffnete Rose mehr lieben als die vollendete? Ist es der uralt ewige Fluch der unseligen Prometheuskinder, die ihr Glück immer nur in der Zukunft sehen? Denen die Ahnung einer seligen Zukunft lieber ist als die seligste Gegenwart?

Ach, diese Rosen beschreiben — wie kann man das? So beschreiben, daß man sie duften fühlt, daß man die seltsam rosigen Hüllenblätter sieht... und mit den Nerven der Fingerspitzen fühlt, wie unendlich weich und kühl diese Blütenblätter sind.

Die Sprachen sind alle unzureichend, zu wenig ausgebildet.

Wie viel tausend Empfindungen haben wir, die wir nicht sagen können, weil die Sprache keine Worte hat, um die tausendfarbigen Nuancen zu bezeichnen.

Wir stehen da wie Robinson auf seiner Insel. Unsere Werkzeuge sind zu einfach, unsere Waffen zu stumpf.

Mitunter kommt es wohl vor, daß man in einem Gedicht ein paar Worte hört, die einem die Nerven erzittern lassen, daß man schauernd ahnt, wie schön die Sprache sein könnte, wenn man sie pflegte und veredelte, wie der Gärtner die Rosen pflegen mußte, ehe sie so kühlweiße Kelche hatten mit zwei blutrosigen Hüllenblättern.

Aber alle Sprachen sind ungepflegt, sind Stückwerk. Keine von ihnen kann die Nuancen geben.

Schade! Worte sind doch alles.

An Worten hängt unser Schicksal. Wie wenig haben Taten oft zu bedeuten! Taten gibt es, die nicht mehr zu erkennen sind unter der Last von tausenden schwirrenden Worten. Taten, die entstellt werden durch Worte, wie ein schönes Jünglingsantlitz durch Wunden, wie ein holdes Mädchengesicht von fressendem Aussatz.

Andere wieder werden durch Worte so wundersam verschleiert wie eine Landschaft durch einen Nebelhauch.

Ach, Worte...

Und zu fühlen: die Worte, die wir kennen, sind zu schwach, sie, die uns Flügel sein sollten, sind uns nur Krücken!

Wohl könnte ich sagen, was für Rosen in den Vasen auf meinem Kamin blühen, aber wie soll ich das Glück beschreiben, das ich empfinde beim Anschauen dieser Pracht, beim Anschauen dieser schwellenden Rosen, die schönheitsstrotzend ihrem Tode entgegenblühen?“ — —

Am nächsten Tage, während der Morgen-Bootfahrt, sagte Lork zu Monika:

„Ich kann Ihnen nicht sagen, einen wie tiefen Eindruck Ihre Zeilen mir gemacht haben. Besonders darum, weil sie Gedanken enthalten, die ich oft gefühlt und die ich nie in Worte habe bringen können. Zum Beispiel das, was Sie über die Sprache sagen. Wie oft habe ich das empfunden: es gibt tausendfache Gefühlsnuancen, für die wir keine Worte haben. Besonders, wenn es sich um Liebe handelt. Gerade das Erwachen der Liebe ist mit Worten nicht zu bezeichnen, jenes Stadium, das eigentlich noch keine Liebe ist, auf das aber die Liebe so unbedingt folgt wie Frühling auf den Vorfrühling. Jenes Stadium, wo man einer Frau die Hand küßt und dabei anfängt, an ihre Lippen zu denken.....“

Und Graf Lork beugte sich bei diesen Worten tief über Monikas Hand.