13.

Der „Seepalast“ in Luzern war auch eine riesige Fremden-Karawanserei wie das Hotel, in dem Monika zuerst in Zürich abgestiegen, aber er war von einem modernen, vornehm abgetönten Luxus, den Zürich nicht aufzuweisen gehabt. Im Hochparterre lagen drei riesenhafte Gesellschaftssäle nebeneinander. Und verschwiegene Schreibzimmer mit grünen Lederpolstern, ein Lesesaal, in dem alle großen Zeitungen des Erdballs auflagen, öffneten sich im Anschluß an eine ungeheure Halle, die die Hotelgäste zu den verschiedensten Tages- und Nachtzeiten versammelt sah.

An jedes Schlafzimmer schloß sich ein Badezimmer mit Marmorwanne und blitzenden Dusche-Apparaten.

Monika atmete auf.

Endlich wieder eine anständige Umgebung, endlich ein Hotel wie die, in denen sie mit Georg geweilt.

Georg... schon wieder Georg....

Nein, sie wollte nicht mehr an ihn denken. Lieber sich Vergessenheit trinken an all der Schönheit, die man vom Balkon ihres kleinen Zimmers im vierten Stock aus sah.

Edith störte nicht.

Die saß unten im Lesesaal und angelte nach Bekanntschaften.

Und Monika blieb allein droben auf dem Balkon und schaute auf den Vierwaldstätter See. Der hatte am Tage die Farbe eines kostbaren Smaragds.

Starre, zackige Felsen umkränzten ihn, und über dem allen wölbte sich kornblumenblau der Sommerhimmel, von dem sich die schwarzen Rauchsäulen der Dampfer abzeichneten, die über den See fuhren.

Rechts lag der Hafen von Luzern. Die Menschenmengen, die sich dort drängten, sahen von hier aus wie Ameisenscharen.

Sie saß und träumte.

Sie ging nach den Mahlzeiten gleich immer wieder in ihr Zimmer hinauf.

Edith war darüber tief enttäuscht.

Sie hatte darauf gerechnet, sich überall mit Monika zusammen zu zeigen, und nun mußte sie allein herumlaufen.

Die Bekanntschaften, die sie machte, genügten ihr durchaus nicht.

Die wirklich eleganten Hotelgäste hatten kein Interesse für dieses weder auffallend schöne noch elegante Fräulein von Gräbert.

Eines Tages wurde Monikas Einsamkeit durch einen überraschenden Besuch gestört.

Ihre Cousine Marie von Hammerhof ließ sich melden.

Marie hatte nie sehr freundliche Gefühle für Monika gehabt, und sie erschien mehr auf den Wunsch ihrer Tante Birken als aus eigener Initiative.

Sie erzählte, daß sie mit ihrem Sohne zum Sommeraufenthalt in Gersau sei und bei der Durchreise in Berlin Monikas Mutter habe versprechen müssen, sie hier aufzusuchen.

Uebrigens zeigte sich Marie freundlicher als sonst.

„Mir hat das direkt imponiert, wie Du Deinem Manne so einfach auf und davon gelaufen bist,“ sagte sie. „Ganz recht hast Du gehabt! Die Männer taugen alle nichts!“

„Daß er nichts taugt, ist unzutreffend,“ sagte Monika. „Im Gegenteil! Georg taugt sogar sehr viel. Aber ich habe eingesehen, daß er meine Persönlichkeit zerbrach, mich umformte — —“

„Das versuchen sie ja alle,“ sagte Marie wegwerfend. „Die Männer fühlen sich nun mal alle gottähnlich und empfinden uns als ‚das schwache Werkzeug‘. Ich habe nicht einen... nein, Dutzende von Ehemännern sagen hören, daß ihre Frau nach der Heirat „sich doch unendlich herausgemacht“ habe, sowohl seelisch wie körperlich. Wie gesagt, versuchen tun sie die Umformung alle, nur sie haben nicht alle Glück damit! Mein Mann hat mich nicht geändert.“

Die hagere Frauengestalt reckte sich hochauf, ein triumphierendes Lächeln huschte über ihre scharfen Züge.

„Ich bin geblieben, wie ich war, nichts habe ich ihm von meiner Seele gegeben, nichts von meinem eigentlichen Selbst.“

„Und bist Du glücklich geworden?“

„Nein, das Glücklichsein muß wohl eine Kunst sein. Ich habe sie nie rausgehabt!... Vielleicht kommt es daher, daß ich den falschen Weg gegangen bin. Mag Gott es der Mama verzeihen, daß sie mich damals bestimmte, diesen Mann zu heiraten, den ich nicht liebte, nicht haßte, — denn damals haßte ich ihn doch nicht — aber der mir fremd war, ganz fremd.“

„Und hat dann nicht Eure junge Ehe eine Brücke geschlagen zwischen Euch beiden?“

„Er blieb mir immer fremd... Und dann habe ich ihn hassen gelernt, wie man eben jemand haßt, an den man gegen seinen Willen sein Leben lang geschmiedet ist. Ein Leben lang — ein ganzes Leben — —“

Sie war blaß geworden, so als ob sie die ungeheure Tragweite dieses Gedankens in dem Augenblicke jetzt erst restlos erfaßt hätte.

„Du kannst ja weggehn,“ sagte Monika und fügte tonlos hinzu: „Weggehn, wie ich es tat“...

„Nein, nicht wie Du, denn ich bin Mutter. Könnte ich leben ohne mein Kind?! Und der Junge bliebe meinem Mann, das ist gar keine Frage. Wenn ich Wilhelm verlasse, werde ich doch als der schuldige Teil erkannt. Glaubst Du, ich könnte ohne meinen Jungen leben? Er braucht mich doch! Und ich brauche ihn nötiger als die Luft zum Leben. Keinen Tag kann ich ohne ihn sein... Und immer, immer die Angst, die schreckliche Angst: bleibt er mir? Er ist sehr zart. Die Bronchien besonders. Jetzt war ich auch wieder in Ems mit ihm; Gersau ist uns zur Nachkur empfohlen.“

„Ist er mit herübergekommen?“

„Ja, er ist mit der Bonne im Garten. Ich habe ihn unten gelassen, weil ich mit Dir noch über manches sprechen muß. Weißt Du, Mone, mich geht’s ja eigentlich nichts an, aber wenn Du irgendeinen Einfluß auf Deine Mama hast, solltest Du sie veranlassen, daß sie Heinrich nicht jeden Unfug nachsieht.“

„Was für Unfug?“

„Na, seit er wieder bei Deiner Mutter wohnt, benimmt er sich genau so, als hätte er noch seine Studentenbude. Seine Freundinnen und Freunde gehen bei ihm ein und aus, wie in einem Taubenschlag! Er veranstaltet Symposien mit violettem Seidenpapier um die Glühbirnen rum — „wegen des magischen Effekts“, sagt er! Bis vier Uhr morgens scheinen diese Gastmähler zu dauern. Als ich neulich bei Tante war und telephonieren wollte, sagte sie mir: das ginge nicht, denn in das Zimmer, wo das Telephon stände, könne ich nicht hinein, da säße gerade eine Schauspielerin, die auf Heinzemännchen warte, und offiziell dürfe sie als Mutter doch nichts davon wissen. Ich möchte doch bei dem Bäcker an der Ecke telephonieren, das sei ein sehr freundlicher Mann, der würde gewiß nichts dagegen haben.“

„Echt!“

„Ja, sage mal, ich finde, daß die Würde Deiner Mutter es erfordert, daß Heinrich wieder allein wohnt.“

„Nein, das geht nicht,“ sagte Monika, „Mama kann nicht allein wohnen... Das weiß ich aus den Briefen, die sie mir bald nach Karls Tode schrieb. Verzweifelt war sie, vollkommen wie verirrt. Was nun mit ihr werden solle? Ihre Kinder brauchten sie nicht, schienen sie alle nicht zu brauchen. Und das stimmte: wir brauchten sie alle nicht. Alfred in der fernen Garnison, Heinrich in seinem Studentenquartier, ich in die Welt verflogen — und Karl in seinem Grabe. — — Und sie schrieb, sie müsse jemand haben, für den sie sorgen könne. So allein könne sie nicht leben. Sie müsse einen von uns haben, um ihn zu betreuen, für den sie sich mühen könne... Da habe ich an Heinrich geschrieben und habe Gott gedankt, als er ja sagte und wieder zu Mama zog. Daß er sich so benimmt, ist ja nicht schön, aber es ist besser, als daß Mama allein bleibt! Denn dann kommt sie sich vor wie Spreu, ein Halm, dem man die Fruchtkörner wegnahm und der nun wertlos ist... Also Heinzemännchen soll ruhig weiter lila Symposien geben. Ich bin froh, daß die Mama ihn hat.“

„Na, wie Du denkst. Ich empfand es jedenfalls als Pflicht, mit Dir darüber zu sprechen,“ sagte Marie spitz.

Schweigen.

Dann sagte nach einer Weile Marie:

„Uebrigens, im Falle man fragen darf, was wird denn nun eigentlich aus Dir?“

„Das muß die Zukunft lehren.“

„Nicht die Vergangenheit?“

„Wie meinst Du das?“

„Na, Mone, nimm’s mir nicht übel, aber ein rasend koketter Racker warst Du immer! Wenn ich noch daran denke, wie Du Roßberg den Kopf verdrehtest. Und dabei hat Roßberg Trudchen wirklich glühend geliebt. Es geht ihnen übrigens gut, sie haben jetzt das fünfte Kind bekommen... Na, also, kokett warst Du damals schon als halbwüchsige Göre. Ich meine immer: hat Dein Entschluß nicht doch noch eine andere Ursache als die, die Du erzählst? Ist da nicht irgendeine neue Passion von Dir im Spiel?“

„Pfui! — ich habe Dir die reine Wahrheit gesagt. Wie mißtrauisch Du bist!“

„Noch immer nicht mißtrauisch genug! Die paar Male, wo ich in meinem Leben vertraute, bin ich auch noch betrogen und belogen worden. Besonders von meinem Manne, immer von ihm — ach, Du weißt ja nicht, wie viele hunderte von Malen ich mir gesagt habe: Fort von ihm, fort aus der Ehe überhaupt. Die ist wie ein Kampf bis aufs letzte! Die Ehen, die ich gesehen habe und die einen harmonischen Eindruck machten, waren immer so, daß der eine Teil der willenlose Sklave des anderen war. Dann ging’s! O, dann ja! — Oft trägt die Frau das Joch, oft auch der Mann!... Und diese sogenannte glückliche Ehe habe ich mir nicht schaffen können. Zur Sklavin war ich nicht feige, nicht charakterlos genug, zur Herrin hatte ich kein Talent.“

„Und ich?“ schoß es Monika durch den Kopf, „was war ich in meiner glücklichen Ehe? Herrin? — Nein. Georg war nie ein Weiberknecht. Also Sklavin? Nur das?“

Und Marie sprach weiter. Sie, die sonst so Kühle und Wortkarge, war heute von ungewohnter Mitteilsamkeit.

Es war, als hätten Monikas veränderte Lebensumstände die Schranke niedergerissen, die immer zwischen den Cousinen bestanden.

Es war, als ob Marie, nun sie zum erstenmal ihr starres Schweigen brach, den Trost empfände, der für die meisten Frauen im Sichmitteilen liegt.

Immer weiter ging ihre Rede....

Alles, was Wilhelm ihr angetan in diesen langen Jahren, alles, was sie bisher stumm und allein getragen, strömte sie aus, daß Monika zurückbebte vor dieser trüben Flut.

„Ich hasse ihn! Du weißt nicht, wie sehr ich ihn hasse! Kaum ein Tag vergeht, kaum eine Nacht, wo ich mir nicht sage: nur fort!... Nicht eine Sekunde länger bleibe ich — —“

Sie brach kurz ab, denn es wurde an die Tür geklopft.

Und diese öffnete sich.

Ein zarter, blonder Junge in einem gestickten Russenkittelchen lief auf die Mutter zu, während das Kinderfräulein verlegen an der Tür stehen blieb.

„Mama, ich hab’ nicht länger warten wollen, Mama..“

Da beugte sich die früh verblühte Frau tief über das Kind, und qualvoll innig kam es von ihren Lippen:

„Mein einziges Glück...“

Nach diesem Besuche vergrub sich Monika wieder in ihre Einsamkeit. Die Tage strichen gleichförmig dahin.

Einmal riß ein Brief ihrer Mutter sie aus der Ruhe.

Die Baronin schrieb ganz verzweifelt. Es täte ihr schrecklich leid, Monika so furchtbare Sachen mitteilen zu müssen, aber sie habe niemanden, dem sie ihr Herz ausschütten könne.

Heinzemännchen wolle von der ganzen Angelegenheit nicht mehr sprechen hören.

Er sei zu böse auf Alfred... Um Alfred handle es sich nämlich. Er habe, trotzdem er einmal schon an einer ähnlichen Geschichte haarscharf vorübergekommen, seinen Burschen mit dem Reitpeitschengriff so über den Kopf geschlagen, daß dieser eine erhebliche Verletzung davongetragen habe.

Woher Alfred diese entsetzliche Brutalität habe, sei ihr rätselhaft. Der selige Papa sei doch sehr gutmütig gewesen, und sie selber, — nun, Monika wisse ja allein, was für ein Gemüt die Mutter habe.

Alexander Wetterhelm wolle, der angeheirateten Verwandtschaft zuliebe, nochmal versuchen, die Sache mit Alfred irgendwie zu vertuschen, obwohl es ihm selber an den Kragen ginge, wenn es herauskäme.

Aber weg vom Regiment müsse Alfred so schnell wie möglich — das sei Bedingung!

Er wolle nun zur Schutztruppe, und obwohl es ihr schrecklich sei, eines ihrer Kinder so weit weg zu lassen, müsse sie doch sagen, es sei wohl das beste!

Hier in Deutschland würde Alfred der Familie bloß Schande machen, — das sei keine Frage.

Monika schrieb sofort und bat ihre Mutter in dringendsten Worten, Alfred das Afrika-Projekt auszureden.

Wenn’s nicht anders ginge, solle er Sektreisender werden oder Versicherungsagent. Nur nicht in die Tropen, wo schon manch gesunder Mensch sein seelisches Gleichgewicht verlor und Alfreds spezielle Anlagen zu einer Katastrophe führen mußten.

Der Mutter Antwort lautete: Monika sehe gewiß zu pessimistisch!

Wenn die Leute nichts taugten, schicke man sie doch immer nach Afrika oder nach Amerika.

Da würden sie zu brauchbaren Menschen gemacht!

Das sei immer so, und sie hoffe, so würde es auch Alfred ergehn. —

Ein eisiges Gefühl des Schreckens überrieselte Monika.

Sie sah ein böses Ende voraus. Alfred mit seinem ausgesprochenen Hang zur Herrschsucht und zur Brutalität in jenem Lande, in dem dem Einzelnen so sehr viel Macht gegeben war, wo nicht wie hier seinen Instinkten Zaum und Zügel angelegt waren. Wo er eine Macht bedeutete und unter Umständen Herr war über Menschenleben.

Ein böses Ende...

Und sie konnte nichts tun; mußte tatenlos zusehen, wie er seinem Verderben entgegenging.

Sie hatte Alfred nie ganz durchschaut. Die verschiedensten Charaktereigenschaften lagen bei ihm nebeneinander.

Er konnte banal sein bis zum Stumpfsinn und geistreich wie selten einer. Er war sehr mißgünstig, sehr händelsüchtig; trotzdem bei vielen beliebt wegen der unvergleichlich witzigen Art, die er oft hatte.

Er malte talentvoll, hatte einen auffallend schönen Bariton — aber alle seine Gaben nutzte er nicht aus, von einem sonderbaren Mißtrauen gegen sich selbst erfüllt.

Stückwerk war er, wie die Birkenschen Kinder alle, wie sie selber auch!

Und Georg tauchte vor ihren Augen auf; der ging nie einen Schritt vom Wege, der ging den schnurgeraden Pfad der Korrektheit, der Sitte, der Pflicht!

Ein trotziges Aufbäumen faßte sie: nein! Die Birkenschen Kinder gingen keinen vorgezeichneten Pfad. Die gingen durch Gestrüpp und auf Irrwege, die nahmen sich, was sie begehrten, und wenn es um den Hals ging. Und wenn man zugrunde ging!

Erschreckend deutlich sah sie vor sich das wunderschöne und ein wenig traurige Jünglingsantlitz des toten Bruders.

Und sie sah Alfreds Zukunft unter Afrikas sengender Sonne, die sein wildes Gehirn immer mehr aufreizte, immer mehr... Und sie sah Heinrich, dessen Energie immer schlaffer wurde in der regenbogenfarbenen Dämmerung der Mystik und der Dichtkunst.

Und sie sah sich selbst, losgelöst von Haus und Herd, voll von strotzender Jugendkraft, voll von heißen Phantasien.

Wie ein böses und trauriges Lied, wie eine unendlich schmerzvolle Melodie klang es ihr im Ohr: „zugrunde gehn?“