12.

Ein altes, winkliges Haus in einer von Zürichs Straßen. Ausgetretene Treppenstufen, schiefe Türen, an denen Dutzende von Visitenkarten mit Reißnägeln angeheftet waren. „Stud. jur. Freiherr von Neuern, stud. med. Hans Fischer, stud. med. Pietro Liguro, stud. med. Olga Nikolajewna Murawska, stud. phil. Bertha Reckling.“

Vier Treppen hoch hauste Bertha, die seit einem Semester in Zürich studierte, zusammen mit der Studentin der Medizin Murawska.

Die Wohnung bestand aus drei Stübchen und einer kleinen Küche. Die letztere wurde wenig benutzt, da die Mädchen ihre Mahlzeiten in einem Restaurant einnahmen und sich zu Hause nur das erste Frühstück bereiteten. Bertha hatte zwar zuerst vorgeschlagen, hier zu kochen, aber sie hatte es bald aufgesteckt. Es war gar zu unbequem. Allein das Feuermachen erforderte so viel Zeit und Mühe, und es war so umständlich, die Vorräte die vier Treppen hinaufzuschleppen.

Außerdem war Olga Nikolajewna den kulinarischen Bestrebungen Berthas durchaus feindlich gesinnt.

Sie behauptete: viel Essen wirke schädlich auf die Gehirntätigkeit. Nur die Deutschen äßen so viel, und Bertha würde es nie zu etwas bringen, wenn sie sich nicht auch angewöhne, des öfteren nur von Tee und Zigaretten zu leben.

Auch „Ordnung halten“ erklärte Olga Nikolajewna für eine von Berthas schädlichen Angewohnheiten. Dieses ewige Wegräumen war schrecklich! Jedenfalls bäte sie, ihre Sachen nicht anzutasten. Die lägen so, wie sie müßten.

Und Bertha schenkte diesen Ausführungen ein williges Ohr. Sie nahm ja so leicht die Anschauungen ihrer Umgebung an. So wie sie früher auf die Ansichten ihrer deutschen Kolleginnen geschworen, die aus dem naiven, jungen Mädchen eine Frauenrechtlerin gemacht, ebenso ließ sie sich jetzt die Ansichten des internationalen Kreises aufpfropfen, der ihren Verkehr bildete.

Es waren gar verschiedenartige Leute, die sich da oft in ihrem kleinen Wohnzimmer zusammenfanden. Viel Platz war nicht auf dem roten Kattunsofa und den paar wackligen Rohrstühlen. Aber es standen eine Anzahl umgestülpter Kisten bereit, die als Sitzgelegenheiten dienten.

Die Bewirtung beschränkte sich auf Tee. Rauchmaterial brachte jeder selber mit.

Oft verschwamm das Stübchen in einem wahren Schwaden von Rauchwolken. Und man diskutierte über die neuesten Heilmethoden, über philosophische Systeme, über uralte und ewig ungelöste Menschheitsfragen.

Es hatte sich ein ganz bestimmter Kreis herausgebildet, Stammgäste, die immer wiederkamen: Dimitri Iwanowitsch Lagin, ein Landsmann von Olga, der einen düsteren Märtyrerkopf und schmutzige Fingernägel besaß; Hans Fischer, ein sehr jugendlicher Mediziner, der ein Schüler von Berthas Vater gewesen und Bertha den gleichen angstvollen Respekt entgegenbrachte wie dereinst seinem Ordinarius; Marie Kramer, eine freundliche dicke Blondine, die nun schon im achten Semester studierte und immer noch unglaublich erstaunt darüber war, daß sie es fertig gebracht, „ihre Angehörigen zu verlassen, ihrer inneren Stimme zu folgen“.

Und Melitta Göritz war da, ein schlankes, sehr brünettes Mädchen, das ein sehr verschlossenes Wesen hatte und von dem überhaupt niemand etwas Näheres wußte.

Dann noch ein norwegisches Ehepaar: die Steens. Merkwürdigerweise hatten die beiden äußerlich Aehnlichkeit miteinander. Sie waren beide sehr groß, sehr schlank, hatten weißblonde Haare und blaue, ein wenig vorstehende Augen, die an Fischaugen erinnerten.

Sie studierten beide Philosophie. Sie behandelten andere Leute überaus höflich und nett, sich gegenseitig aber mit ausgesuchter Unliebenswürdigkeit. Sie warfen sich Grobheiten an den Kopf, schimpften sich auf norwegisch und trennten sich nie, wie ein Pärchen Wellensittiche, ob aus Liebe oder Haß, blieb unerfindlich.

Auch Edith von Gräbert kam oft, eine norddeutsche Offizierstochter in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre, die Lehrerin an einer Töchterschule gewesen, dann aber ihren Hang zur Medizin entdeckt.

Diese alle saßen, wie so oft, an einem Maiabend in dem kleinen Wohnzimmer, als die Korridorklingel kurz und heftig in Bewegung gesetzt wurde.

„Das ist gewiß Pietro,“ rief Edith von Gräbert lebhaft; sie hatte eine ausgesprochene Vorliebe für den jungen Italiener.

Bertha, die Hausherrin, ging, um zu öffnen.

Die Gäste hörten ihren überraschten Ausruf, und gleich darauf trat sie wieder ein, begleitet von einer jungen Dame, deren Erscheinung Sensation erregte.

„Wie kommt der Glanz in diese niedre Hütte?“ murmelte Edith, nachdem sie einen taxierenden Blick auf die elegante Toilette des Ankömmlings geworfen.

Sigrid Steen stieß ihrem Gatten den Ellenbogen in den Magen, da er ihrer Meinung nach den fremden Gast bewundernd angestarrt. Dimitri Iwanowitsch setzte sein Pincenez auf und nahm es nicht wieder ab, obwohl er es sonst, um seine sehr angegriffenen Augen zu schonen, nur zum Schreiben und Lesen trug.

Hans Fischer starrte die schöne Dame so verzückt an wie ein Kind eine einladende süße Speise — kurz es herrschte allgemeine Gemütsbewegung.

„Meine Cousine Frau von Wetterhelm,“ stellte Bertha vor. In ihrer Bestürztheit vergaß sie, nun die Namen der anderen Leute zu nennen.

Und diese alle saßen stumm wie die Oelgötzen; von allen diesen Leuten, die so gut und so viel reden konnten, wenn eine sie interessierende wissenschaftliche Frage aufgerollt war, fand keiner Worte, sobald es sich um eine leichte gesellschaftliche Unterhaltung handelte.

Monikas mondaine Gewandtheit half vorläufig über das peinliche Stillschweigen hinweg. Aber eine rechte Stimmung kam an diesem Abend nicht mehr auf. Die Gäste fühlten sich durch die elegante Fremde geniert und gingen sehr viel früher als gewöhnlich.

Monika hoffte nun mit ihrer Cousine allein sprechen zu können, aber auf dem roten Kattunsofa saß Olga Nikolajewna und rührte sich nicht. Als Bertha einen schüchternen Versuch machte, sie zum Verlassen des Zimmers zu bewegen, erwiderte sie ganz erstaunt:

„Aber wir haben doch bloß dieses Sofa!“ Wußte Bertha denn immer noch nicht, daß ihr Stühle unbequem waren?!

So verfügten sich denn die beiden Cousinen in Berthas Schlafzimmer, das mit seinen winzigen Abmessungen, mit seiner schmalen, eisernen Bettstelle einen sehr ärmlichen Eindruck machte.

Monika setzte sich auf einen Rohrstuhl am Fenster und Bertha ließ sich aufs Bett sinken; sie war noch immer unter dem Eindruck der großen Ueberraschung.

Monika hier! Und sie kam zu ihr die vier wackligen Treppen hinauf! All das kam ihr ganz unwahrscheinlich vor.

Freilich vermutete sie nicht so Entscheidendes, wie sie gleich darauf zu hören bekam.

Also Monika war fort von ihrem Mann! Für immer fort?!

Bertha fühlte bei dieser Nachricht erstaunlicherweise nicht die freudige Genugtuung, die sie bei ihren extremen Grundsätzen eigentlich hätte haben müssen. Nein, sie empfand nicht: „Gott sei Dank wieder eine, die das unwürdige Ehejoch von sich abschüttelt!“ — sondern in diesem Augenblick überwog Berthas frühere Natur: „Wie töricht von Monika, ihrem Mann davonzulaufen!“

Gut, daß, ehe sie diese Worte geäußert, ihr ihre neuerworbenen Grundsätze einfielen. Und so sagte sie denn, sie sei weit entfernt davon, Monikas Schritt zu mißbilligen. Sich durchsetzen, seine eigene Persönlichkeit zu bewahren, das sei das Höchste für ein denkendes menschliches Wesen, und die Zeiten, da man die Frauen nicht zu den denkenden menschlichen Wesen gerechnet, seien ja erfreulicherweise vorüber!

Es sei sehr vernünftig von Mone, daß sie gleich hierher gekommen zu ihr, die ihr sehr gern mit ihrem Rate zur Seite stehen wolle.

„Es ist jedenfalls sehr nett von Dir, daß Du Dich hier meiner annehmen willst,“ sagte Monika. Sie war nicht so sicher wie sonst.

Allein, zum ersten Male war sie allein gefahren, den weiten Weg von Berlin nach Zürich, und aus des Zuges Räderrollen hatte sie eine so traurige Melodie gehört: Fort von ihm! Jeden Augenblick weiter fort von ihm, der mein Glück gewesen...

Sie hatte sich dann selbst sentimental gescholten. Da sie nun mal eingesehen hatte, daß ihres Bleibens nicht länger bei ihm war, war alles abgetan! Mußte alles abgetan sein!

Ein neues Leben!

Und ein bescheidenes Leben.

Sie wollte versuchen, mit der knappen Zulage auszukommen, die ihre Mutter ihr geben konnte.

Darüber hatte es noch eine Meinungsverschiedenheit gegeben mit Georg, der ihr einen Scheck über eine hohe Summe mitgegeben.

„Ich will kein Geld von Dir!“ hatte sie gesagt.

„Du mußt es nehmen, Monika. So lange wie Du meine Frau bist, kannst Du nicht wie eine Zigeunerin durch die Welt laufen. Wie denkst Du Dir überhaupt Dein späteres Leben pekuniär?“

„Ich will mir unbedingt selbständig meinen Lebensunterhalt verdienen, sei es schriftstellerisch oder daß ich studiere. Ich weiß es noch nicht.... Das alles ist noch so dunkel....“

„Und Du willst nicht bei mir bleiben — statt so ins Ungewisse in die Welt hinauszugehen —?“

„Nein!“ antwortete sie hart.

Es empörte sie, daß er diese Frage so an sie gestellt hatte, so als ob ein materielles Interesse je hätte mitsprechen können, sie zu fesseln.

Ja, wenn er vor ihr niedergestürzt wäre, wenn er ihr in heißer Qual entgegengerufen: „Bleib’, ich kann nicht leben ohne Dich!“, dann hätte sie wohl nicht den Mut gefunden, fortzugehen auf Nimmerwiedersehen.

Aber so sprach Georg von Wetterhelm nicht. Nach dem „Nein“, das sie ihm entgegengerufen, hatte er nur noch streng sachlich mit ihr die einzuleitende Scheidung besprochen, die wegen böswilliger Verlassung ihrerseits erfolgen werde. Sie würde eine Aufforderung erhalten, zu ihm zurückzukehren, und wenn sie dieser nicht Folge leiste, so erfolge ein Jahr nachher die gerichtliche Scheidung.

Und sie war gegangen auf Nimmerwiedersehn.

Als sie die erste Müdigkeit nach der langen Eisenbahnfahrt überwunden, hatte ein Gefühl von Energie sie durchflutet. Ein Bad, ein Glas Sherry, ein elegantes Kleid, und sie war zu Bertha gefahren.

Diese war entschieden so hilfsbereit gewesen, wie man es nur irgend erwarten konnte. Man hatte so manches verabredet.

Monika sollte eine Wohnung im selben Hause wie Bertha nehmen, sowohl ihres schmalen Geldbeutels wegen, als damit sie Anschluß habe.

Dann sollte sie erst mal in einigen Kollegs hospitieren, um sich dann endgültig zu entscheiden.

Es würden in ihrem Wissen eine Menge Lücken auszufüllen sein. Aber das schreckte sie nicht, sie hatte ja immer so gern gelernt.

War es denn etwas anderes, was sie schreckte? Was war dieses sonderbare Gefühl, das ihr das Herz zusammenpreßte?

Sie hatte doch nun die Freiheit, konnte doch nun ihre Persönlichkeit so entfalten, wie sie es immer gewünscht.

Nun war doch der sehnlichste Traum ihrer Jugendjahre in Erfüllung gegangen: frei! — —

Und ein neues Leben jetzt!

Nicht mehr an die grauen Augen denken, die sie zu sehr geliebt, — an die grauen Augen, die so verächtlich erstaunt geblickt, wenn sie sich „inkorrekt“ benommen oder „wild“.

Und nicht mehr an seine Hände denken, jene schönen, harten Hände, die sie so sicher und gebieterisch dahingeführt auf schnurgerader, grauer Strecke, während auf allen Seitenwegen und Fußpfaden so viel üppig schönes Blumengerank wucherte.

Nicht mehr an ihn denken!

Schade nur, daß sie so oft, so unendlich oft an ihn erinnert wurde.

Sie sah jetzt erst, wie sehr Georg ihr die kleinlichen Sorgen des Lebens aus dem Wege geräumt, wie sehr er jede Unannehmlichkeit von ihr ferngehalten. — — —

Sie sah jetzt erst, was es hieß, sich selbst um die Alltagssorgen bekümmern zu müssen. —

Mit einem Gefühl der Erleichterung begrüßte sie den Tag, an dem sie zu Bertha übersiedelte. Sie hatte in Berthas Wohnung angrenzende Zimmer bekommen, die bisher ein Kandidat der Medizin bewohnt.

Diese Zimmer trugen das ärmliche Gepräge, das dem ganzen Hause anhaftete, und Monika konnte sich eines kleinen Schauders nicht erwehren, als sie ihre Wohnung des näheren besichtigte.

Sie schwankte sogar einen Augenblick, ob sie nicht diese Baracke im Stiche lassen solle, um sich ein eleganteres Quartier zu nehmen. Sie hatte ja den Scheck da....

Aber sofort wies sie diesen Gedanken von sich. Nein, nein, sie wollte mit dem Zuschuß von Mama auskommen, so wenig das auch war.

Und Georg brauchte gar keine Angst zu haben, daß sein Name dadurch kompromittiert werde, wenn sie hier in so ärmlichen Verhältnissen hauste. Sie nannte sich mit ihrem Mädchennamen. Die Abneigung vor ihrer neuen Umgebung mußte eben heruntergewürgt werden! —

Sie fand sich nicht schnell in dieses neue Leben hinein, beim besten Willen nicht!

Sie fühlte sich nicht zu Hause in dieser häßlichen Wohnung.

Unzählige Male am Tage trat sie hinaus auf den kleinen Balkon vor ihrem Zimmer.

Zwischen ein paar altersgrauen Dächern erblickte man die grüne Limmat, Schwärme von schneeweißen Möwen schwirrten über den Strom; sie sah dem unruhigen Spiel ihrer Flügel zu, die sie bald hoch zum Himmel, bald tief hinab zum Wasser trugen.

Und eine unklare Sehnsucht war in ihr, die ihr das Herz zusammendrückte.

Aufseufzend trat sie zurück ins Zimmer, in dem dann vielleicht gerade Olga Nikolajewna, Zigaretten paffend, auf dem Sofa lag.

Monika hatte versucht, die allzu häufigen Besuche der Russin abzuwehren, aber diese hatte ihr in ihrem harten Deutsch erwidert:

„Aber Ihr Sofa ist weicher.“

Sie hielt diese Tatsache für völlig ausreichend, um von dem erwähnten Möbelstück Besitz zu nehmen.

Als Monika sich bei Bertha beklagte, hatte diese ihr mißbilligend gesagt:

„Aber sei doch nicht so unkameradschaftlich. Wir sind hier alle für Gütergemeinschaft.“

Daß das keine leere Redensart war, lernte Monika bald genug einsehen. Man betrachtete auch ihre Sachen als Gemeingut. Olga Nikolajewna goß sich den Inhalt von Monikas Parfümflaschen über Bluse und Haar. Bertha benutzte, ohne je um Erlaubnis zu fragen, Monikas Nähutensilien und ihre Bücher.

Alle die „Stammgäste“ kamen, ohne dazu aufgefordert zu sein, jetzt auch in Monikas Zimmer hinüber.

Die anfängliche Scheu, die sie vor der Fremden gehabt, war sehr bald einer kollegialen Vertraulichkeit gewichen.

Am häufigsten wurde sie von Edith von Gräbert besucht.

Diese hatte ein großes, mit Mißgunst gemischtes Interesse an Monika.

Für alles an ihr: ihre Art, sich zu bewegen, sich anzuziehen, zu lächeln....

Es war, als ob Edith von ihr zu lernen suche, sich nach ihrem Vorbild modele.

Entschieden war das ein verfehltes Beginnen, denn die beiden waren äußerlich so voneinander verschieden, daß alles, was zu Monikas Wesen paßte, für Edith deplaciert war.

Bildete doch schon Monikas weiches Gesicht einen entschiedenen Gegensatz zu Ediths herben Zügen, die übrigens durchaus ebenmäßig geformt waren.

Sie war überhaupt nicht ohne Reiz. Sie hatte eine große, gutgewachsene Figur.

Aber etwas unnennbar Hartes lag in all ihren Linien, sowohl in denen des Körpers wie in denen des Gesichts.

Ihre hellen Augen blickten klug und spöttisch unter blonden Brauen, ihre Gesichtsfarbe war von einer auffallenden Zartheit, und diese zarte, helle Haut begann schon ein wenig das Stigma des Welkens zu tragen. Die Augenlider waren schon etwas zerknittert, wie weiße Rosenblätter, die am Verblühen sind.

Edith war von einer Offenheit, die an Zynismus grenzte. Sie erzählte Monika, ohne daß diese im mindesten danach gefragt hätte, die intimsten Einzelheiten aus ihrem Leben; sie sprach von der unglücklichen Ehe, die ihre Eltern geführt. Sie verhehlte nichts, beschönigte nichts von allen traurigen Fällen, die sie oder ihre Familienangehörigen getroffen.

Monika machte mitunter Einwendungen, sagte ihr geradeheraus:

„Das sind doch interne Angelegenheiten, über die spricht man doch nicht.“

Aber Edith zeigte dann in höhnischem Lachen ihre großen, weißen Zähne:

„Ach, den Schnickschnack habe ich mir abgewöhnt. Ich habe früher auch mal so gedacht wie Sie — o, sicher sogar sehr viel strenger gedacht als Sie. Es ist noch gar nicht so lange her. Da war ich Lehrerin an der Schule von Fräulein Cersfeld und gab für hundert Mark monatlich ungezogenen Mädels Französisch und Geographie, auch Religion und andere schöne Sachen. Von acht bis eins täglich dauerte der Scherz. Fünf Minuten nach eins ging ich nach Hause, wo ich gerade rechtzeitig ankam, um einer lärmenden Szene zwischen Mama und Papa beizuwohnen. Nachmittags dann Hefte korrigieren und abends um halb zehn in die Klappe. Ach, ein Leben.... Sieben und ein halbes Jahr ist das so gegangen. Dann...“

Sie unterbrach sich.

„Ach, ist ja alles Unsinn,“ fuhr sie mit veränderter Stimme fort. „Wozu von Vergangenheiten reden! Ich fühle mich sehr wohl, seitdem mir das Familienleben Wurst ist! Es lebt sich doch sehr nett in dem ollen, ehrlichen Zürich.“

„Ja...,“ sagte Monika, und ihr Blick irrte sehnsüchtig hinaus durchs Fenster auf den grünen Strom, über dem die weißen Möwen taumelten.

Die Vorlesungen, die Monika belegt, interessierten sie teilweise sehr, aber sie gewöhnte sich nicht an das Zusammensein mit so vielen anderen.

Es saßen da in den Hörsälen Leute aus aller Herren Ländern, junge und alte, Frauen und Männer.

Alle diese Gehirne arbeiteten, dachten, waren wie Maschinen mit surrendem Räderwerk.

Und sie alle, die starken und die schwachen, die schnell arbeitenden und die trägen Gehirne, sie alle holten sich hier Nahrung, Heizmaterial, Funken von der großen Flamme des Wissens, das die Welt erhellt.

Wohl empfand Monika die Größe, die darin lag, aber das half ihr nicht darüber hinweg, daß ihr das Zusammengepferchtsein mit allen diesen unbekannten Menschen auf die Nerven fiel.

Sie wurde das Gefühl nicht los, daß sie denen allen hier überlegen war.

Vor ihrem Verstand war dieses Gefühl nicht stichhaltig.

Die Tatsache, daß sie eine sehr viel raffiniertere Körperpflege trieb als die alle hier, schuf ihr doch keine Ueberlegenheit?

Und daß sie weltgewandter war, abgeschliffener, — das alles hatte doch hier keinen ernsthaften Wert.

Sie war eben wohl immer noch von Vorurteilen befangen; zu sehr hatte Georg ihre frühere Wesensart umgewandelt. Aber das würde sich schon geben mit der Zeit.

Mit der Zeit...

Sie, die früher so oft der Zeit zugerufen: „Halt an!“, hätte ihr jetzt Sporen geben mögen wie einem schlechten Gaul.

Nur schnell vorwärts! Nur Zeit legen zwischen sich und das Glück!

Und Tage kamen und gingen... Wochen... und Monate... Und noch immer war sie nervös, schreckte zusammen, wenn es klingelte, und ging immer wieder auf den Balkon und starrte hinüber auf den Strom und auf die weißen Möwen.

Sie sprach mit niemandem über das, was sie innerlich bewegte. Den vielen Fragen von Edith von Gräbert setzte sie eine kühle Reserviertheit entgegen.

Uebrigens war Edith die einzige, die neugierig war.

Bertha fragte sie nie etwas. Nicht aus Diskretion, sondern weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt war; sie steckte in ihrem Studium wie in einem Kleide, das ihr nach allen Richtungen hin zu groß war, und das sie sich wichtigtuerisch bemühte auszufüllen.

Mit dem Wesen, das sie früher gewesen, hatte sie kaum noch einen Zusammenhang. Das bewies sie deutlich, als ihre Mutter ihr eines Tages schrieb.

Sie brachte Monika den Brief hinüber mit der Aufforderung zu lesen.

Frau Reckling schrieb, daß sie heute mit einer großen Bitte an ihre Tochter herantrete, einer Bitte, die wohl geeignet sei, eine Umwälzung in Berthas Existenz hervorzurufen.

Die Untersuchung, die Berthas Vater bei einem berühmten Berliner Augenarzt habe vornehmen lassen, hätte leider die Diagnose des Hausarztes vollkommen bestätigt: es sei eine Netzhautablösung, die in nicht zu ferner Zeit zu völliger Blindheit führen müsse.

Natürlich könne der Vater seinen verantwortungsvollen Posten als Gymnasialdirektor nun nicht mehr ausfüllen.

Man würde sich nach Harzburg, dem Heimatstädtchen des Direktors, zurückziehen.

Und Bertha müsse kommen! Der Mutter Gicht habe solche Fortschritte gemacht, daß ihr die Hände oft gelähmt seien, unfähig zu jeder Tätigkeit. Die Mutter wäre ja tief unglücklich, daß Berthas hoffnungsreiches Studium abgebrochen werden solle, aber wer solle um den erblindenden Vater bemüht sein, wer die Tätigkeit ersetzen, die der Mutter gelähmte Hände nicht mehr tun konnten? Bertha solle kommen! Die einzige Tochter würde der Eltern Stütze sein.

„Meine Mutter scheint ja vollkommen durchgedreht zu sein!“ sagte Bertha. „Sie sollen sich doch eine Gesellschafterin nehmen. Es laufen ja genug junge Mädchen aus anständiger Familie herum, die für freie Station und ein Taschengeld den Beruf der Tochter des Hauses geradezu großartig ausfüllen! Wenn Mama ein Haustöchterchen haben wollte... ich hatte alle Anlage dazu! Dann brauchte sie mich nicht mit Gewalt auf diesen Weg zu führen. Auf dem bin ich und bleibe ich! Das kann niemand von mir verlangen, daß all die langen Jahre Studium, all meine Mühe und mein Fleiß umsonst gewesen sein sollen. Daß ich jetzt kurz vor dem Examen abspringen soll, ist wahrhaftig eine Zumutung!“

In diesem Sinne schrieb sie an die Mutter. Und postwendend traf die Antwort ein: ein Jammerschrei über Berthas Lieblosigkeit, die ihre kranken Eltern der Hilfe einer bezahlten Fremden überlassen wolle!

Bertha könne doch nicht so ganz jedes weibliche Fühlen verloren haben!

„Hätte sie sich früher überlegen sollen, meine gute Mama. Was soll denn das heißen: weibliches Fühlen?! Das soll weiter gar nichts heißen, als: sich selbst aufgeben zum Nutzen für andere! Wo bleibt da die Gleichberechtigung?! Wer verlangt von einem jungen Manne, der studiert, daß er nach Hause kommt, sein Studium aufgibt, um seine Eltern zu pflegen?! Wenn ich dasselbe leisten kann, was ein männlicher Student leistet, dann muß ich auch ebenso behandelt werden, dann kann ich denselben Respekt vor meiner Persönlichkeit verlangen! Und den verlange ich!... Mir tut die Krankheit meiner Eltern gewiß von ganzem Herzen und von ganzer Seele leid, aber mich selber ihnen opfern — — nun und nimmer! Sie werden schon eine nette Gesellschafterin finden. Ich lasse mich jedenfalls auf gar keine weiteren Unterhandlungen ein, und wenn sie mir die Zulage sperren, ist es noch so! Ich habe mein Eigenes von der Großmama. Die brave, alte Dame hatte geglaubt, ich würde meine Brautausstattung davon kaufen. Sie war noch so unmodern!“

Monika war peinlich berührt von Berthas Standpunkt. Wie herzlos das klang... wie gefühlsroh ... Und doch... war sie selbst denn etwa aufopferungsfähiger? Hatte sie nicht, um ihre Persönlichkeit zu wahren, ihren Mann verlassen, der so viel liebevoller zu ihr gewesen als Berthas Eltern zu ihrer Tochter?...

O gewiß, Bertha hatte ganz recht, so zu handeln! Aber ein unangenehmes Gefühl wurde Monika nicht los. Und Georg Wetterhelms Schwester fiel ihr ein, ihre Schwägerin Brigitte, deren Aufopferung sie verlacht, gleich bei jenem ersten Besuche auf Gerbitz, als sie Braut war. — —

Erinnerungen überfluteten sie wie große Wogen, die auf sie zukamen, über sie hinweggingen, ihren Widerstand ertränkten, daß sie in die Knie sank, daß sich in heißem Schluchzen ein Name von ihren Lippen rang:

„Georg.“

Nur einen Augenblick. Dann hatte sie die Herrschaft über sich zurückgewonnen.

Das war ja nur Nervosität gewesen, sicherlich!

Nur die Schuld der häßlichen, ärmlichen Umgebung. Oder die Schuld der allzu abstrakten Wissenschaft....

O, nur weg von hier, fort von Zürich. Es war nichts mit dem Studieren. Die ganze Umgebung hier, all die Leute mit den schlechten Manieren — das alles war nicht zu ertragen, wenn man fünf Jahre lang Georg Wetterhelms Frau gewesen war.

Sie wollte fort. Irgendwo in die große bunte Welt, all die Schönheit genießen, die da aufgeschlagen lag wie ein Märchenbuch mit schönen Bildern.

Und all diese Schönheit wollte sie beschreiben, sich ganz der Kunst widmen, die der leuchtende Stern ihrer Kindheit gewesen. Sie wollte denken und dichten, sie wollte glücklich sein! Ja sie war überzeugt, daß sie dann glücklich werden mußte!

Noch am selben Tage teilte sie Bertha ihren Entschluß mit.

Diese war überrascht, nahm die Sache aber nicht sehr wichtig. Dagegen empfing Edith von Gräbert einen großen Eindruck von der Neuigkeit, daß Monika fort wolle.

Wo denn hin? Nach Luzern zuerst? — Da käme sie mit.

Monika war überrascht von diesem Angebot; sie stand sich nicht so freundschaftlich mit Edith, als daß es gerechtfertigt gewesen wäre.

Immerhin war gegen das, was Edith sagte, nicht viel einzuwenden: sie war ermüdet, überanstrengt, mußte mal ausspannen. Sie würde sich sehr glücklich schätzen, wenn sie sich Monika anschließen dürfe.

Da stimmte Monika zu, nicht gerade begeistert, aber es war ihr doch nicht unlieb, daß sie nun nicht so allein sein würde....