11.
Der erste längere Aufenthalt, den Wetterhelms wieder in Deutschland nahmen, war dem Umstande zuzuschreiben, daß Georg für längere Zeit beim Auswärtigen Amt in Berlin eingezogen war.
Fünf Jahre waren sie verheiratet, und was Korrektheit der Ansichten anbetraf, so war Monika die Schülerin, die ihren Lehrer übertraf.
Ein bißchen snob geworden, die schöne Frau von Wetterhelm, die sich nur mit einem gelinden Schauer erinnern konnte, einst wilde Gedichte in dem längst dahingeschwundenen „Leuchtturm“ veröffentlicht zu haben.
Auch hatte sie eine dunkle Erinnerung daran, daß sie früher einmal alle Menschen für gleichberechtigt erachtet hatte — jetzt hielt sie nur die Angehörigen verschwindend weniger Berufsarten für „anständig“.
Ja, es kam vor, daß ihr Mann gelegentlich einen leichten Tadel dafür hatte, daß sie ihre Exklusivität übertrieb. Er sagte dann, er sei ein modern denkender Mensch und neige sogar zu liberalen Ansichten.
Er wußte selbst nicht, daß dies Redensarten waren, wußte selbst nicht, daß er im tiefsten Grunde seines Wesens auch nicht das winzigste Teilchen seines Junkertums der modernen Zeit geopfert.
Aber Monika wußte es, fühlte es.
Sie hatte seine Anschauungen in sich aufgenommen, und sie trieb diese Ansichten nun auf die Spitze.
Mehr noch als ihr Gatte spöttelte sie jetzt über zur Schau getragene Gefühlsregungen. Ihr Herz, das einst so warm geschlagen, ihre ganze heißblütige Persönlichkeit erstarrte langsam, wie ein wilder Bach unter einer Eisdecke erstarrt. Sie hatte früher so leicht und so schnell verziehen, hatte immer einen guten Gedanken, ein gutes Wort gehabt für die Fehler von anderen.
Jetzt aber war sie unnachsichtig, hatte sich das strenge Urteil ihres Gatten zu eigen gemacht. Seine ganze kühle Art war die ihre geworden.
Wie schnell und wie beschämt hatte sie sich die Freudenausbrüche abgewöhnt, die sie früher bei allen möglichen Gelegenheiten gehabt. Georgs eisiges: „ganz nett“, sein in ruhigstem Tone gesprochenes „herzlich unbedeutend“ schlugen ihre Begeisterung sofort tot. Jetzt sprach sie es noch überzeugter als er, das „herzlich unbedeutend“.
Mit ihrer Mutter stand sie äußerlich in tadellosen Beziehungen. Aber wo waren die Zeiten, wo ein inniges Verhältnis zwischen ihnen geherrscht!
Auch den Brüdern war sie entfremdet. Alfred sah sie überhaupt nicht. Wenn der aus seinem pommerschen Nest mit Urlaub — oft sogar ohne Urlaub — nach Berlin kam, hatte er anderes zu tun, als Familie zu simpeln. Ueberdies hatte er schärfste Worte für Monikas Hochmut, der er deutlich genug anmerkte, daß ihr ein Bruder bei der Linien-Infanterie nicht passe.
Er besuchte Monika höchstens, wenn er sie damit ärgern konnte.
Zum Beispiel einmal, als sie ihn nicht zu einem Frühstück geladen, und er sich, ob mit Recht oder mit Unrecht, einbildete, sie wolle ihn nicht bei diesem Essen, bei welchem die anwesenden Militärs ausschließlich den exklusivsten Gardekavallerie-Regimentern angehörten.
Da erschien Alfred uneingeladen und zeichnete sich durch ein hinterwäldlerisches Benehmen aus, das er sonst nicht im mindesten besaß.
Es gewährte ihm ein ganz besonderes Vergnügen, zu sehen, wie Monika sich mühen mußte, ihre Haltung zu bewahren, als er dem Prinzen Schwarzenfels-Binsingen von den Gardedukorps vorschwärmte, wie „entzückend modern“ und „wunderbar poetisch“ die Truppe des Theaters von Treuenbrietzen gespielt, die vor einigen Wochen in seiner kleinen Garnison gastiert.
Auch stellte er, der tatsächlich ein firmer Reiter war, bei diesem Frühstück so unsinnige sportliche Betrachtungen an, daß er seinen Zweck vollkommen erreichte: sämtliche anwesenden Leutnants wunderten sich darüber, daß diese schicke, erstklassige Frau von Wetterhelm einen „so üblen“ Bruder besaß.
So weit wie Alfred ging Heinrich nicht. Zu einem Vorgehen durch Taten entschloß er sich nie, aber auch er war gekränkt von Monikas Hochmutsteufel. Die Dichter, die sie früher als Gottbegnadete und Auserwählte des Schicksals angesehen, waren ihr doch jetzt eigentlich Menschen zweiter Klasse; sie waren oft von so vager Herkunft, hatten kaum jemals staatserhaltende Prinzipien, und alle die schönen Sachen, die sie fabulierten, hielten vor strenger Logik nicht stand. Daß Heinzemännchen ihr wie früher stundenlang Gedichte vorlas, konnte sie wirklich nicht mehr aushalten.
Freundinnen sah sie keine. Als sie noch junges Mädchen war, hatten sich ihre Freundschaften immer so gestaltet, daß die andere zu ihr aufsah, mehr die Rolle einer untergeordneten Begleiterin als die einer Gleichberechtigten spielte. Jetzt aber hatte sie überhaupt keine Zeit mehr für Freundschaften.
Mit ihrer Cousine Bertha, die sie sofort aufgesucht, fand sie nicht mehr den kameradschaftlichen Ton von früher. Monikas Art hatte ja jetzt etwas Gönnerhaftes, was bei Bertha gänzlich unangebracht war. Denn Bertha war jetzt ein „modernes Weib“.
Man spürte in ihr nichts mehr von dem warmherzigen, naiven Mädchen, das sie vor fünf Jahren gewesen, als sie mit Monika zusammen die Gymnasialkurse besucht. Sie lächelte jetzt verächtlich, wenn sie daran erinnert wurde, wie sehr sie damals jedes Mädchen beneidete, das sich verlobte oder gar verheiratete.
O, jetzt war sie weit entfernt davon, sich „unter das Joch des Mannes zu beugen“. Sie studierte jetzt im fünften Semester Philologie. In Kleidung und Frisur trug sie eine puritanische Einfachheit zur Schau. Mitunter wurde sie damit geneckt, wie sehr sie vor fünf Jahren für rosa Kleider, seidene Unterröcke, gebrannte Stirnlöckchen geschwärmt.
Solche Bemerkungen nahm sie durchaus nicht lächelnd auf, sondern setzte dann auseinander, daß sie damals eben noch ein ganz urteilsloses Geschöpf gewesen, daß aber inzwischen ihr Bildungsgang, ihre Kameradinnen — alles — sie dahin aufgeklärt habe, daß eine völlige Umwertung aller Werte des Frauendaseins zu erfolgen habe!
Ein freier, selbständiger, unabhängiger Mensch müsse die Frau sein, frei von dem Sklaventum der Ehe! Man sähe ja, was bei den Ehen herauskam! Z. B. wie unglücklich hätte sich die Ehe von Monikas Cousine Frau von Hammerhof gestaltet! Ihr Sohn solle ja ganz nett sein, aber mit dem Gatten stände Marie Hammerhof sich spottschlecht. Das hatte Bertha von den verschiedensten Seiten gehört.
Und Bertha sei ihrer Mutter jetzt dankbar, daß sie ihr beizeiten den einzigen Weg des Heils für die Frau gewiesen: die Emanzipation! — — — — — Frau von Holtz dagegen, die Marie sozusagen gezwungen, den ersten besten zu heiraten, bloß weil sie in heiratsfähigem Alter war, — die würde ja jetzt genug Zeit und Gelegenheit haben, ihren eigenen Unverstand zu bedauern.
In der Tat war Maries Ehe eine unglückliche. Das sah Monika, als sie das Hammerhofsche Ehepaar einmal bei ihrer Mutter traf.
Hammerhofs waren auf der Durchreise nach Ems, wo ihr Sohn, der vierjährige Kurt, eine Kur gebrauchen sollte. Der Kleine hatte so zarte Bronchien. „Ein Erbteil von mir,“ sagte Marie mit verbissenem Gesichtsausdruck. Sie war überschlank geblieben, wie sie es als junges Mädchen gewesen; auch ihr Wesen war noch das gleiche: ihre brüske Aufrichtigkeit, ihre herbe Art.
Wohl wußten alle, die sie näher kannten, daß hinter dieser Schroffheit sich ein tadellos anständiger Charakter, eine pflichtbewußte ernste Natur verbarg, aber ihre Art, der jede Grazie fehlte, die nichts von weiblicher Weichheit besaß, ließ es nicht unverständlich erscheinen, daß ihr Mann nicht gern in seiner Häuslichkeit weilte.
Es gingen auch Gerüchte, daß es mit der ehelichen Treue bei ihm nicht sehr gut bestellt sei, auch solle er den Freuden des Bechers allzu gern und allzu häufig zusprechen.
Jedenfalls sagte Marie selbst nie ein Wort darüber, beklagte sich auch nie.
Für Fremde war entschieden Herr von Hammerhof der Sympathischere von den beiden. Er hatte so gute Manieren, eine liebenswürdige Art. In Gesellschaft anderer war er immer höflich und freundlich zu seiner Frau, wogegen diese ihn mit ausgesuchter Unliebenswürdigkeit behandelte. Es kam ihr nicht darauf an, ihm auch, wenn Fremde dabei waren, recht bittere Worte zu sagen; in ihren vorzeitig scharf gewordenen Zügen prägte sich dann eine schneidende Verachtung aus.
Nur dann wurde sie anders, wenn sie ihr Kind sah, wenn sie ihren Jungen in den Armen hielt und ihn voll unendlicher Liebe betrachtete. In dieser hageren Frau, die in ihrer äußeren Erscheinung so gar nichts Mütterliches hatte, brannte die Mutterliebe in einer schönen und starken Glut.
Daß Marie bei ihrer schwachen Gesundheit so oft Nächte durchwachte, wenn der Kleine krank war, das war nichts so Besonderes, das hatte die Baronin Birken auch unzählige Male getan. Aber daß sie ihrem Kinde nicht jeden Willen ließ, daß sie Kurt auch strafte, so weh ihr das tat, daß sie viele seiner Wünsche, die sie ihm so gern gewährt haben würde, abschlug im Interesse seiner Entwicklung — das war es, was Maries Mutterliebe von Frau von Birkens Mutterliebe unterschied.
Es gab kein besser gehaltenes, kein besser erzogenes Kind als Kurt, aber seine Gesundheit ließ zu wünschen übrig. Dieser Sprößling eines Ehepaares, das sich nie geliebt, hatte einen traurigen Zug, sogar sein Lächeln hatte etwas Kümmerliches. Er liebte niemanden als seine Mutter, verkroch sich oft wie schutzsuchend in ihren Armen, und Maries herbes Gesicht verklärte sich wundersam, wenn sie sich über das blonde Köpfchen neigte.
„Mutter sein, — das ist doch das einzige Glück für eine Frau!“ sagte sie, als man bei Birkens ihr Kind gebührend bewunderte.
Aber Monika protestierte. „Das einzige Glück? Das wirst Du nicht aufrechterhalten können. Ein Glück, — gewiß. Aber das einzige?... Die Liebe, die man für ein Kind hat, kann doch nie annähernd das Glück gewähren, das die Liebe zum Gatten gibt.“
Marie lachte höhnisch und erwiderte mit ein paar scharfen Bemerkungen. Bemerkungen, die Monika nicht widerlegte, denn sie liebte schon lange keine Diskussionen mehr. Am wenigsten solche, in denen man einen so scharfen Ton anschlug, wie Marie es tat. Monika stand jetzt auf dem Standpunkte, daß ihr Leute ohne Ueberzeugungen, wofern sie tadellose Manieren hatten, lieber waren als wertvollere Naturen, wenn diese sich rauh gaben.
Dieser Ueberzeugung verlieh sie gelegentlich Worte, worauf Frau von Birken in überwallender Empörung erwiderte, daß das ein Gipfel von Snobismus sei, den sie ihrer Tochter nie zugetraut. Erst komme das Gemüt und nochmals das Gemüt, dann eine ganze Weile gar nichts, dann der Geist und lange nachher erst Manieren und Formen!
Am schärfsten aber sprach sich Heinzemännchen gegen die neue Lebensauffassung seiner Schwester aus.
„Du hast früher Wertvolles bewundert, jetzt aber betest Du ärmliche Nichtigkeiten an! Früher hast Du ungeschliffene Edelsteine geliebt und jetzt geschliffene Kiesel!... Wie heißt es doch?
Das Leben schleift so oft Kristalle
Zu wunden Kieselsteinen ab — —“
„Sicher sind mir nette, glatte Kiesel lieber als irgend so ein zackiger Kristall, an dem man sich wundreißt.“
Da erreichte Heinrichs Empörung den Höhepunkt.
„Also das gibst Du zu, das gibst Du zu?! Du bist eben selbst so ein glattes Nichts geworden!“
Sie lächelte. Das überlaute, nicht endenwollende Gelächter ihrer Mädchenjahre hatte sie sich ja schon so lange abgewöhnt.
Sie lächelte. Reizend liebenswürdig und ein bißchen banal war dieses Lächeln und hatte die Gabe, Heinrich noch mehr in Harnisch zu bringen.
„Ein glattes Nichts!“ wiederholte er zornbebend, „eine Modepuppe bist Du geworden mit dem „guten Ton“ statt eines Herzens, und Vorurteilen statt eines Gehirns.“
„Und mit einer allzu großen Langmut, die mich veranlaßt, Dich anzuhören,“ sagte Monika in vollendeter Haltung. Dann knöpfte sie ihre langen Handschuhe zu und sagte beim Abschiednehmen ihrer Mutter:
„Du mußt verzeihen, Mama, wenn ich nicht oft mehr komme; auf Heinrichs Ton steht mir eine entsprechende Antwort nicht mehr zu Gebote.“
Und sie ging, nachdem sie ihrem Bruder sehr höflich die Hand gereicht und der Mutter einen Kuß auf die Wange gehaucht.
Heinrich sagte nachher ganz erschüttert: „Mama, früher wenn ich ihr sowas gesagt hätte, hätte sie mir was an den Kopf geworfen, hätte sich verteidigt, mich widerlegt, — und, glaube mir, es wäre mir lieber gewesen, sie hätte mit einem Donnerwetter geantwortet, als so!... Sie hatte ja früher gefährliche Anlagen, gewiß — — sie war eine Pantherkatze... Aber sie war doch wertvoll und originell. Und jetzt?... Eine Larve, Mama, eine Gesellschaftspuppe, — ein Kieselstein — und war doch einmal ein Kristall!“
„Ja, sie hat keinen Funken von meinem Gemüt,“ sagte die Baronin traurig, „aber laß Dich das nicht anfechten, mein süßer Liebling, ärgere Dich nur nicht darüber! Du siehst schon ganz angegriffen aus, mein Heinuckelchen!“
Heinrich strich sich über die Schläfen. „Es wird vorübergehen.“
„Aber Du siehst schlecht aus, ja wirklich,“ beharrte Frau von Birken mit einer so überzeugenden Wärme, daß Heinrich ganz unwillkürlich ein leidendes Gesicht machte.
„Sag’, was hast Du denn, mein Einziges? Arbeitest Du vielleicht zu viel? Ach Gott, Jurisprudenz ist sicherlich das schwerste Studium von allen, aber Deines Geistes würdig. Nur überanstrenge Dich nicht! Schone Dich, mein Heinzemännchen, schone Dich!“ —
Und das Sich-schonen besorgte Heinzemännchen redlich. Das erwählte Studium sagte seiner träumerischen Natur nicht sehr zu. Am wohlsten fühlte er sich im Kreise der jungen und jüngsten Literaten, mit denen er sich jeden Nachmittag in einem Café traf. Man saß dort viele Stunden zusammen, trank schwarzen Kaffee und schimpfte auf die herrschenden Literaturgrößen. Dieser Zeitvertreib wurde dadurch belebt, daß auch die Weiblichkeit vertreten war. Eine junge Dichterin, die jedem, den sie kennen lernte, in den ersten fünf Minuten versicherte, daß sie „sehr pervers“ sei — zwei Vortragskünstlerinnen vom Kabarett „Zum Regenbogen“ — und eine Barfußtänzerin beschäftigten sich damit, den jungen Poeten himmlische Rosen ins irdische Leben zu flechten.
Heinzemännchen nahm einen ehrenvollen Platz in diesem Kreise ein. Die Weisheit, die er hier lernte, machte mehr Eindruck auf ihn als die im Hörsaal. Das war so recht was für ihn, diese endlosen Diskussionen bei Kaffee und Zigarette über Naturalismus, Mystizismus, Symbolismus, Neo-Impressionismus, — — nur unterbrochen durch den Vortrag von lyrischen Gedichten, die bei allen anwesenden Freunden des jeweiligen Autors brausende Beifallsstürme hervorriefen.
Heinrichs Gedichte hatten vor allem den Beifall der Damen.
„So gefühlvoll dichtet doch kein anderer wie unser Baron Heinzemännchen,“ sagte die Barfußtänzerin mit Tränen in den Augen, als er seine Ode: „An die violette Ampel im Schlafzimmer meiner Geliebten“ vorgetragen.
Diese literarischen Freuden waren endlos, die Gespräche waren nicht einzudämmen. Die Gesellschaft saß manchmal noch zusammen, wenn schon der Frühschein sich durch die Fenster stahl, und der Pikkolo, dessen großer Kopf vor Schlaftrunkenheit zwischen den Schultern schwankte, die unermüdliche Gesellschaft mit rachsüchtigen Augen anstarrte.
Für Heinrich war es unangenehm, daß seine Mutter immer noch auf war, wenn er nach Hause kam.
Auf alle seine Vorhaltungen erwiderte sie, sie könne doch nicht schlafen, wenn ihr Liebling nicht wohlgeborgen in seinem Bettchen ruhe. Und es wäre ja sehr häßlich von dem Liebling, seine Mutter so lange warten zu lassen, aber schlafen ginge sie nicht, ach nein! Sie opfere sich eben auf für ihn.
Heinrich unterdrückte die Aeußerung, daß er auf dieses Opfer gern verzichte. Er war seiner Mutter gegenüber durchaus rücksichtsvoll im Ton. Aber innerlich wurde ihm die überzärtliche Bevormundung immer unerträglicher.
Er schwankte noch einige Zeit hin und her, raffte sich dann aber doch zu einem Entschlusse auf und sagte ihr eines Tages, daß er von jetzt ab allein wohnen wolle.
„Du mußt mir das nicht übel nehmen, Mama, aber bei Dir werde ich kein Mann, wie er fürs Leben paßt. Dieses ewige Bemuttern und Streicheln und Küssen, — ich bin doch schließlich kein Wiegenkind mehr. Und ich komme natürlich sehr oft zum Besuch.“
„Heinrich, das ist doch nicht möglich! Verlassen willst Du mich?! Das kannst Du mir doch nicht antun. Mir... Deiner Mutter, die sich zeit Deines Lebens so für Dich aufgeopfert hat.“
Im Tone ihrer Stimme zitterte all ihr Gefühl für diesen Sohn, das größte und tiefste Gefühl ihres Lebens.
Sie sprach nicht laut wie sonst, wenn sie erregt war. So tonlos klang’s... mit versagender Stimme: „Heinrich, ich habe doch alles getan, was ich Dir an den Augen absehn konnte, — alles... alles...“
Er zögerte.
„Ja, ich weiß das auch zu schätzen, Mama. Sicher... Halte mich nicht für undankbar! Ich bin doch jetzt ein erwachsener Mensch, ich muß doch mal endlich auf eigenen Füßen stehen lernen.“
Sie fand keine Worte mehr, — sie, bei der sonst die Rede so lustig sprudelte wie ein Bächlein über Stock und Stein. Der Schlag war zu unerwartet gewesen, kam zu sehr aus heiterem Himmel. Sie hoffte immer noch, Heinrich werde seine Absicht nicht ausführen. Das konnte er ihr doch gar nicht antun!
Aber sie kannte ihr eigenes Fleisch und Blut schlecht. Die Birkenschen Kinder gaben keinen Plan auf.
Das war einer der schwersten Schläge ihres Lebens, der Tag, an dem Heinzemännchen von ihr ging.
Er hatte sich ein möbliertes Zimmer gemietet, im Studentenviertel, und kam sich in seiner endlich errungenen Freiheit sehr stolz und glücklich vor.
Seine Mutter hatte gehofft, daß er schon nach den ersten Tagen wiederkommen würde, daß ein Leben ohne ihre Sorgfalt und Mühe nicht auszuhalten sei. Aber sie täuschte sich.
Heinrich aß sogar sein zähes Restaurationsschnitzel, das er nun statt der herrlichen mütterlichen Fleischtöpfe vorgesetzt bekam, mit einem Gefühl der Befreiung. Sicher, die Mama war immer rührend um ihn besorgt gewesen, aber dieses Uebermaß hielt man nicht aus!
Seiner im Grunde gutmütigen Natur entsprechend, besuchte er sie zuerst täglich. Dann aber wurden die Bande, die ihn an seine Kaffeefreundinnen und -freunde knüpften, immer festere, und die Besuche bei seiner Mutter erfolgten in immer größeren Zwischenräumen.
Frau von Birken konnte und konnte sich nicht in die Trennung von ihrem Lieblingssohn fügen. Ihr schien ihr Leben plötzlich seines besten Inhalts beraubt.
Was war das für ein Aufwachen jetzt, seit sie wußte, daß sie nicht wie sonst nur eine Tür zu öffnen brauchte, um das geliebte Gesicht ihres Jungen im tiefen Morgenschlafe zu sehn!
Was war das für ein Tag, der ihr keine Sorgen mehr darüber brachte, was Heinrich essen würde, womit man ihm eine Freude machen könne....
Sie empfand ihr Mutterschicksal als ein unverdient unglückliches. Was hatte sie nun von ihren Kindern?! Daß Alfred sie verschwindend selten besuchte, war ihr nicht so wichtig. Mit dem hatten sie ja nie sehr intime Bande vereint.
Daß Monika sich so verändert, darunter litt sie. Was war Mone früher für ein anschmiegendes, warmherziges Kind!
Was Heinzemännchen anbetraf, so gab sie ihm keine Schuld an seiner Fahnenflucht, — er war ja ein so edler Mensch, da mochten eben irgendwelche Einflüsse mitgespielt haben, dunkle Mächte, über die sich Frau von Birken selber nie klar wurde. Aber mochte es nun gewesen sein, was es wollte, — das Unglück war jedenfalls da: der Liebling war ihrem mütterlichen Herzen entrissen. Das unglückliche Kind hauste jetzt in einem Zimmer, auf dessen Bett nur Decken lagen, „nicht einmal ein Federzudeck“, und des Morgens bekam er statt Tee, Toast, Schinken, Setzeier und Marmelade — nun Zichorienkaffee und Schrippen mit Margarine. — —
Nur Karl blieb jetzt der Mutter. Und Karl war kein ausreichender Trost.
Er war ja ein netter, gutmütiger Junge, aber er hatte so gar keine Interessen, die ihn mit der Mutter verknüpften, so gar nichts von der geistigen Begabung ihrer anderen Kinder.
Er war jetzt beinahe achtzehn Jahre alt und saß immer noch in Unter-Sekunda.
Aeußerlich war er ein auffallend hübscher Mensch. Noch immer Cherubim. Kein Barthaar beschattete seine weichgeschwungene Oberlippe, seine Haut war weiß und rosig wie die eines Babys. Noch immer hatte das Haar seinen Goldschimmer und die dunkeln Augen ihren unschuldsvollen Ausdruck.
Noch immer war er gottergeben und leichtsinnig, nur daß diese Leichtsinnigkeiten jetzt einen sehr viel größeren Umfang angenommen als früher. Er raubte jetzt nicht mehr Nickel, aber er ging Schuldverschreibungen ein, die seine Mutter dann mit Ach und Krach, mit Lamentieren und Wehklagen einlöste. Oft, wenn sie ihm gar nichts mehr geben wollte, ging er zu Monika, die immer ein paar Goldstücke für ihn übrig hatte.
Das Zuhören in den Lehrstunden gewöhnte er sich allgemach ganz ab. Das alles war so anstrengend und unverständlich. Er mußte ja hingehen aufs Gymnasium, das war klar, — das Einjährige zum mindesten mußte er haben.
Aber das würde er schon irgendwo machen, das würde sich schon arrangieren lassen. Es arrangierte sich ja immer alles...
Nur sein Körper saß auf der Schulbank. Sein Geist duselte in seligen Fernen.
Es waren durchaus keine aufregenden Genüsse, die er sich vorstellte. Nur etwa so: stille daliegen auf dem weichen Sandstrande eines blauen Sees, die nackten Glieder von Luft und Sonne umspielen lassen... Und Stille ringsum und Schweigen... nichts tun, nichts denken, — — in die flimmernden Wellchen starren, die der See kräuselt, und Zigaretten rauchen... Oder: sehr gut essen, viel und gut, saftige Braten und kühle Fruchtgelees... Oder: ein hübsches Mädchen, das sehr nett und lieb zu ihm war...
In Wirklichkeit waren viele Mädchen lieb zu ihm. Seine Schönheit, sein liebenswürdiges Wesen erschlossen ihm viele Herzen. Er selbst war nicht gerade leidenschaftlich, aber er nahm mit Freuden alle Liebe, die ihm dargebracht wurde.
Frau von Birken war außer sich über die rosa Briefe, „noch dazu die meisten unorthographisch“, die ihm ins Haus flogen. Sie fing diese Briefe ab, öffnete sie, hielt sie dem Schuldigen vor, erging sich in Zornesausbrüchen über seine Liederlichkeit, worauf er mit einem ehrlichen Nichtverstehn ihr nur erwiderte:
„Aber da ist noch nichts dabei, Mama, — — es ist wirklich ein sehr nettes Mädchen.“
„Mein Gott, was soll bloß aus Dir werden?“ stöhnte die Mutter.
Er zuckte ratlos die Achseln.
„Aber Du kannst doch nicht als Rentier leben, dazu haben wir ja gar nicht die Mittel. Ein Mann muß doch etwas tun, einen Beruf haben, — Pflichten erfüllen! Sag’ doch selbst, wozu Du Lust hast! Wozu Du Talent hast, — — irgend etwas!“
„Zu gar nichts,“ sagte Karl gottergeben.
Dann hatte er eine plötzliche Eingebung. „Ich möchte gern aus dem Gymnasium raus, Mama.“
Frau von Birken rang die Hände. „Karl, das wagst Du mir zu sagen?! Das wagst Du?! — — Jetzt willst Du weg, noch vor dem Einjährigen? Karl, weißt Du denn nicht, welcher Familie Du angehörst? Dein Großvater war Universitätsprofessor! Und Deine Schwester ist bis Ober-Sekunda gekommen, obwohl sie nur ein Mädchen ist. Und wenn nicht diese Heirat dazwischengekommmen wäre, so wäre sie heute Fräulein Doktor. Jawohl! — — Und Alfred hat doch wenigstens das Abiturium gemacht, ehe er Offizier wurde. — — Und Heinzemännchen! — — Den Aufsatz, den er zum Abiturium gemacht hat, habe ich einbinden lassen... in grünes Leder... zur Erinnerung für Kinder und Kindeskinder ... so ist der Aufsatz! — — Karl, wenn Du so ungebildet bleiben willst, das überlebe ich nicht!“
„Na, wollen mal sehn, wollen mal sehn,“ sagte Karl begütigend. Aber sehr hoffnungsvoll klang es nicht.
Immerhin schöpfte die optimistische Frau von Birken auf diese so maßvolle Aeußerung hin neuen Mut.
Karl war ja ein guter Junge und würde sich nun wohl wirklich endlich bessern.
Es war deshalb ein schwerer Sturz aus ihren neuerweckten Hoffnungen, als schon acht Tage nach diesem Gespräch Karl vor sie hintrat mit dem dringenden Ersuchen, ihm zweitausend Mark zu geben.
Sie war außer sich. Was dachte er sich denn eigentlich? Wozu brauchte denn ein Schüler überhaupt so viel Geld? —
Die Erklärungen, die er gab, waren so phantastisch, daß die Mutter trotz all ihrer Leichtgläubigkeit auch nicht ein Wort davon für wahr hielt.
Aber wie immer war aus Karl nichts herauszubekommen.
Wenn man ihm eine Lüge nachgewiesen, fand er flugs eine andere. Ohne den leisesten Schimmer von Verlegenheit, ohne einen Augenblick des Nachsinnens strömten ihm die Ausflüchte zu. Er, der sonst eine so wenig rege Phantasie, eine so wenig lebhafte Geistestätigkeit besaß, war nie einen Augenblick verlegen darum, die kompliziertesten Geschichten zu erfinden.
Er faßte die Weigerung seiner Mutter, ihm auch nur einen Pfennig zu geben, ernster auf, als er sonst zu tun pflegte.
Sein rosiges Gesicht war blaß geworden; er klemmte die Unterlippe so fest zwischen die Zähne, daß ein Blutstropfen niederperlte.
„Ich muß das Geld haben, Mama.“
„Wir werden ja sehen, ob Du mußt.“
Er drehte sich kurz um und verließ das Zimmer. Er ging zu Monika.
Da es eine verhältnismäßig frühe Stunde war, war sie noch nicht fertig angezogen. Sie saß in einem Peignoir vor dem Spiegel, und ihre Jungfer bürstete ihr die schönen kastanienfarbenen Haare, die in mächtigen Wogen niederflossen.
Sie hatte Karl ohne weiteres in ihr Toilettenzimmer treten lassen; sie behandelte ihn noch ganz als Kind. Alle Leute behandelten Karl als Kind.
Er setzte sich in einen der weißen Louis-XV.-Sessel und sah zerstreut zu, wie die Jungfer die Frisur vollendete. Dann wurde das Mädchen auf seine Bitte hinausgeschickt, und nun bat er in seiner langsamen, ein wenig ungeschickten Sprechweise seine Schwester um die zweitausend Mark, deren Zahlung seine Mutter so entrüstet abgelehnt.
Auch bei Monika fand er kein Entgegenkommen.
„Lieber Junge, ich habe nie ein Wort gesagt oder gefragt, wenn Du zwanzig Mark haben wolltest oder vierzig. Aber zweitausend? — — Wofür brauchst Du zweitausend Mark?“
„Es ist eine Ehrenschuld.“
„Sekundaner haben keine Ehrenschulden.“
„Doch.“
Sein sanftes Gesicht bekam einen verstörten Ausdruck.
„Erzähl’s mir, Karl.“
„Ach, Mone, davon wird’s auch nicht besser! Gib mir doch das Geld. Sieh mal, Du bist der einzige Mensch, den ich um sowas bitten kann, Mama hat Zetermordio geschrien, als ich sie darum gebeten. Alfred und Heinrich gebrauchen selber mehr als sie haben. — Mone, gib mir’s.“ Er drückte ihr die Hände.
„Ich, — — ich hab’s ja auch nicht,“ sagte sie, schon schwankend geworden, „Du weißt doch, Karl, ich hab’ kein Geld. Und Georg kauft mir zwar alles, was ich haben will, aber er gibt mir doch kein Geld in die Hand. Ich kann Dir die zweitausend Mark gar nicht geben.“
„Dann sag’s Deinem Mann,“ rief er mit ungewohnter Entschiedenheit.
„Na schön,“ sagte sie nach sekundenlangem Besinnen, „ich werde es ihm heute nach dem Lunch sagen.“
„Und ich komme mir die Antwort heute abend holen.“
„Komm nicht. Wir sind zum Diner eingeladen. Ich schreibe Dir aber und schicke Dir schon heute nachmittag den Brief durch den Diener.“
Mit einem erlösten Aufatmen beugte er sich über ihre Hand und küßte sie dankbar.
Als er das Haus verließ, schien er seine ganze Spannkraft wiedergefunden zu haben.
Monika aber hielt ihr Versprechen. Gleich nach dem Lunch, das man zu zweien eingenommen, bat sie ihren Mann, ihr die zweitausend Mark für Karl zu geben.
„Höflich abgelehnt,“ sagte er.
„O Georg...“
„Lieber Schatz, es wäre ein haarsträubender Unsinn, einem noch nicht achtzehnjährigen Schüler eine solche Summe in die Hand zu geben. Wozu will er es denn überhaupt haben?“
„Er sagt, es sei eine Ehrenschuld.“
„Ehrenschuld? Mit dem Worte bezeichnen viele Leute recht unehrenhafte Schulden.“
„O, Karl ist solch ein lieber, netter Junge.“
„Gewiß, er ist ein sehr netter Mensch, aber das ist doch kein Grund, um seinen Hang zum Leichtsinn, zu bodenloser Liederlichkeit zu unterstützen! Was ist denn der Effekt davon, wenn wir ihm das Geld geben?! Er gibt es in leichtsinniger Weise aus!“
„Aber wenn er es doch für Schulden haben will...“
„Dann bezahlt er vielleicht diese und macht sofort neue und zwar in noch größerem Maßstabe. Er hat ja dann die sichere Ueberzeugung, daß sie auch bezahlt werden.“
„Ach, Georg, sei nicht geizig.“
„Liebes Herz, die Aeußerung da hast Du Dir wohl nicht überlegt. Hast Du mich je geizig gefunden?“
„Für mich nicht, aber für andere hast Du doch eigentlich nie was getan.“
„Jeder ist sich selbst der Nächste, seine Familie natürlich miteingeschlossen. Bei dem uferlosen Mitleid für alles und alle kommt nie was Gutes heraus.“
„Aber Karl ist doch Dein Schwager.“
„Eine juristische Verpflichtung zur Unterstützung eines Schwagers besteht nicht, eine moralische unter Umständen, die hier nicht vorhanden sind. Wenn Dein Bruder durch Krankheit unterstützungsbedürftig wäre oder eine Summe brauchte, um sich eine Existenz zu gründen, so würde ich Dir zuliebe eventuell sogar ein größeres Opfer bringen! Aber für einen derartig leichtsinnigen Bengel, der gar nicht ahnt, gar nicht faßt, was Pflicht heißt!“
„Ja, die sogenannte Pflicht ist uns wohl nie genug eingetrichtert worden,“ sagte Monika nachdenklich.
„Die strenge Hand hat Euch gefehlt. Dein Vater starb zu früh.“
„Und vorher hat er sich auch nicht um unsere Erziehung bekümmert, und der Mama sind wir zu schnell über den Kopf gewachsen, alle vier.“
„Ja, da Du davon sprichst, Monika — Du weißt, ich rede nie ungefragt über Deine Angehörigen, aber da das Thema nun einmal aufgerollt ist: Deine Brüder machen mir überhaupt Sorge. Ich hörte da neulich durch meinen Vetter Alexander, der Bataillonskommandeur von Alfred ist, — er gibt ihm keine zwei Jahre mehr im bunten Rock.“
„O — —“
„Ja, daß er Schulden hat, wäre schließlich nicht so schlimm, aber da ist eine Soldatenmißhandlungsgeschichte, bei der er eben noch mit einem blauen Auge davongekommen ist. Alfred gilt als der brutalste, händelsüchtigste Offizier im Regiment.“
„Er war schon als Kind so wenig gutmütig.“
„Und Heinrich scheint sich auch nicht gerade in bester Gesellschaft zu bewegen. Im Amt erzählte mir neulich jemand, daß ein Baron Birken als ‚Amateur-Dichter‘ Verse im Kabarett „zum Regenbogen“ vorgetragen, und fragte mich, ob der Jüngling zu Deinen Verwandten gehöre. — Und Karl, von dem ich eigentlich hoffte, er würde ein Normalmensch und seinerzeit ein brauchbarer Offizier werden, läßt sich ja jetzt auch recht niedlich an.“
„Eine nette Familie sind wir! Und dabei hast Du in Deiner bekannten Höflichkeit mich und meine gefährlichen Anlagen noch gar nicht mal erwähnt,“ lachte Monika.
„O, Du bist sehr schnell eine tadellose Frau geworden, und das weißt Du auch ganz genau.“
„Wetterhelmsche Schule.“
„Und, Liebling, was Karls Bitte anbetrifft, so siehst Du ein, daß es inkorrekt wäre, seine Dummenjungenstreiche zu unterstützen.“
„Ja, Du hast ganz gewiß recht, nur, er bat so herzlich — —“
„Keine falsche Gutmütigkeit! Schreibe ihm ruhig, daß Du das Geld nicht hättest, und daß ich es Dir nicht gäbe für Sachen, die so zweifelhafter Natur sind, daß Karl selber sie nicht erzählen kann! Und schärfe ihm ein bißchen das Gewissen in bezug auf seine Lebensführung — das geht doch nicht so weiter!“
Und Monika schrieb ein paar Zeilen, die ganz im Sinne des eben stattgefundenen Gespräches waren — und ging mit dem Gefühl einer gut erfüllten Pflicht zu dem Diner. — —
Als das Dessert aufgetragen wurde, bat ein Diener Frau von Wetterhelm ans Telephon.
Monika folgte ihm erstaunt, ein wenig beunruhigt. Wer wußte denn überhaupt, daß sie hier war?
Karl telephonierte. „Ich bin hier bei Euch, Mone. Der Diener hat mir gesagt, wo Ihr seid. Ich muß Dich sprechen.“
„Aber, Karl, um Gottes willen, was gibt es denn?“
„Ich brauche das Geld, und Mama hat es mir eben zum letztenmale abgeschlagen.“
„Aber wozu brauchst Du es?“
„Das ist doch schließlich gleichgültig. Aber ich muß es sofort haben, Mone, spätestens morgen früh muß ich’s haben. Sprich mit Deinem Mann.“
Mit einer ärgerlichen Bewegung ließ sie den Hörer sinken, entschloß sich aber doch, Georg rufen zu lassen.
Als er hörte, worum es sich handelte, griff er mit einer ihm sonst ungewohnten Heftigkeit nach dem Hörer.
„Karl.... Du — —?“
„Ja.“
„Wenn Du mir oder meiner Frau was zu sagen hast, so warte gefälligst, bis Du uns zu Hause antriffst, und störe uns nicht, wenn wir bei anderen zum Besuch sind. Schluß!“
Er klingelte energisch ab. Dann wandte er sich an Monika.
„Lieber Schatz, was ich eben Deinem Bruder sagte, hättest Du ihm sagen sollen im ersten Augenblick, als er telephonierte. Mich noch herrufen zu lassen, war überflüssig. Es erregt unnötiges Aufsehen, wenn wir beide zu dieser späten Stunde in einem fremden Hause ans Telephon gerufen werden. Also nicht wahr, ein andermal etwas mehr Sinn für Korrektheit, lieber Schatz.“
„Verzeih, ich hätte Dich nicht rufen lassen sollen.“
Zusammen betraten sie wieder den Eßsaal, und im Verlaufe des sehr angeregten Abends vergaß Monika den Zwischenfall. —
Aber am nächsten Morgen beschloß sie, gleich mal nach Karl zu sehen. Es war Sonntag, also war er nicht im Gymnasium.
Monika ließ sich anziehn, sagte ihrem Manne, daß sie zum Lunch zurück sei, und fuhr zu ihrer Mutter.
Das Dienstmädchen sagte ihr, die gnädige Frau sei schon vor zwei Stunden zum Baron Heinrich gefahren mit einer großen Punschtorte, die man ihm zum Sonntag gebacken. Monika unterdrückte mit Mühe ein Lächeln; ihre Mutter war mehr in der Studentenbude von Heinzemännchen als in ihrer eigenen Wohnung.
Aber es paßte ihr ganz gut, daß sie Karl nun allein sprechen konnte. Da würde sie ihn ordentlich ins Gebet nehmen.
„Hat Karl schon gefrühstückt?“
„Nein, Herr Karl schläft noch, am Sonntag schläft er immer so lang’,“ sagte das Mädchen und lächelte strahlend. Wie die meisten weiblichen Wesen hatte sie für Karl ein faible.
Monika sah nach der Uhr. Halb zwölf. Um halb eins mußte sie zu Hause sein. Da konnte sie wirklich nicht warten, bis der Langschläfer erwachte; da mußte sie ihn gleich wecken.
Sie schritt den Korridor entlang bis zu dem abgelegenen Hinterzimmer, das Karls Reich bildete. Sie klopfte.
Und lauter dann... und noch einmal...
Keine Antwort. Seinen Schlaf schienen seine Geldsorgen einstweilen nicht zu stören. Wahrscheinlich hatte er gestern übertrieben wie schon so viele Male. Wahrscheinlich war der Hundertmarkschein ihm gar nicht sehr nötig, den sie in die Oeffnung ihres linken Handschuhs geschoben, um ihn Karl gleich beim Gutentagsagen geben zu können. Dieser Schein war ihm als Schmerzensgeld zugedacht für die abschlägige Antwort, die sie ihm gestern gegeben. Ihr Mann hatte sie vollkommen überzeugt. Es wäre gegen ihre Pflicht gewesen, Karls bodenlosem Leichtsinn noch Vorschub zu leisten.
„Karl — —!“
Noch immer keine Antwort.
Da drückte sie die Klinke auf und trat ein.
„Na, Du Faulpelz,“ sagte sie, geblendet von der goldenen Sonne, die durch das Fenster drang.
Näher trat sie zum Bett, trat näher... und sah...
Und faßte es nicht.
Das war doch... das war doch Blut, dieses dunkle Gerinnsel auf dem Boden, auf der Bettdecke, auf der nackten Brust da vor ihr...
Mit beiden Händen griff sie nach ihres Bruders Schultern... und fuhr im selben Augenblicke schaudernd zurück vor der Eiseskälte, die ihr entgegenströmte.
Das... das war doch nicht möglich! Er schlief doch bloß! Seine Augen waren friedlich geschlossen, die langen Wimpern lagen dunkel auf den Wangen. Der ein wenig geöffnete Mund, in dem die weißen Zähne schimmerten, hatte einen traurigen Ausdruck. Ja, ein wenig traurig sah er aus, ernster als sonst.
Dieses wunderschöne und traurige Gesicht über der blendend weißen Jünglingsbrust, diese großen Blutflecke allüberall, die wie dunkle Blumen waren ... das war doch ein Traum, ein Fiebertraum!
Das konnte doch nicht Wahrheit sein!
Ein Traum auch der Revolver, an den ihr Fuß jetzt stieß? Ein Traum die paar Blätter aus dem Schulheft, die da auf dem Nachttisch lagen, und auf denen Worte standen, über die Blut gespritzt war, Worte, die sie lesen wollte und nicht verstand, weil wilde Farbenspiele vor ihren Augen kreisten.
Sie las diese Blätter erst viel später. Drei Tage später, als all das Schreckliche vorbei war: der Augenblick, als der herbeigerufene Arzt statt aller Worte nur die Achseln gezuckt, — der Mutter Verzweiflungsausbrüche —, das Begräbnis. —
Und nun saß Monika allein in ihrem Toilettenzimmer und versuchte, jene Zeilen zu lesen. Da stand in ihres Bruders unbeholfener Handschrift, mit der man ihn so oft geneckt:
„Ich bitte Euch alle, mir zu verzeihn. Aber es ist besser, daß ich gehe. Ich sitze in soviel Schwierigkeiten und weiß nicht ein noch aus. Ihr müßt nicht glauben, daß ich etwas Schlechtes getan hätte. Ich habe mir gar nichts dabei gedacht, als mich neulich eine Freundin gebeten hat, einen Brillantring für sie zu kaufen. Ich sollte ja nur eine Unterschrift geben und Geld überhaupt nicht. Sie wollte es allein bezahlen.
Aber nun will mich der Diamantenhändler beim Staatsanwalt anzeigen, weil es ein Betrug gewesen wäre und die Lonny den Ring gleich weiter verkauft hat. Das geht doch aber nicht, daß ich ins Gefängnis komme.
Ich habe Euch ja so sehr um das Geld gebeten, aber Mama wollte ja nicht, und sie hatte wohl auch recht, denn sie als Mutter mußte doch etwas streng sein, und außerdem ist die Summe auch so hoch für sie. Ich dachte, Monika würde es mir geben. Die war meine einzige Hoffnung, sie ist immer meine liebe Schwester gewesen. O Gott, wie gerne habe ich ihr was mitgebracht zum Freuen. So konnte sich kein anderer freuen, wie Monika sich früher freute.
Mone ist immer so gut gewesen, bloß ihr Mann hat sie so hart und so kalt gemacht — —“
Sie konnte nicht weiter lesen. Brennende Tränen verdunkelten ihren Blick und stürzten ihr aus den Augen. Das waren die heißesten Tränen, die sie je geweint. Es war ihr, als verbrennten sie ihr die Haut, indes sie ihr über die Wangen rollten.
Das Schluchzen schüttelte sie wie ein Sturm. Sie hörte gar nicht, daß die Tür des Nebenzimmers geöffnet wurde.
Georg trat auf seine Frau zu. Er sagte bewegt:
„Liebling, gib Dich diesem Schmerz nicht so hin.“
„Warum nicht?“ fuhr sie auf. „Warum soll ich mich diesem Schmerz nicht hingeben? Mein Bruder starb, und... durch unsere Schuld.“
„Durch unsere Schuld? — Das sind Hirngespinste, Monika. Er suchte den Tod, weil er keinen sittlichen Halt hatte. Er war ein Kind, das sein kostbarstes Gut — das Leben — verschleuderte und wegwarf wie andere Kinder eine Glaskugel.“
„Er starb, weil Du hartherzig warst und ich es mit Dir.“
Er strich ihr begütigend übers Haar. Sein Gesicht wurde um eine Schattierung blasser, als sie bei dieser Berührung zurückzuckte.
„Liebling, Deine Nerven sind jetzt zu angegriffen. Das ist die Ursache, daß Du etwas so Unzutreffendes sagst. Wir waren nicht hartherzig. Kein vernünftiger Mensch konnte dem Jungen ohne weiteres die Bitte gewähren — das habe ich Dir auseinandergesetzt.“
„Ja, das hast Du!“
Sie hatte sich erhoben, eine Zornesflamme sprühte aus ihren Augen.
„Ja, das hast Du. Und ich war dumm und charakterlos genug, um wieder eine von Deinen hartherzigen Ansichten zu der meinen zu machen! — — O Gott, der Junge, der arme, liebe Kerl!“
Sie schluchzte laut auf.
Und von neuem näherte sich ihr Georg: „Mein geliebter Schatz, beruhige Dich doch.“
Und von neuem wich sie seiner Berührung aus, und ihre Tränen versiegten in dem roten Zorn, der wieder in ihr emporloderte.
„Ich will mich nicht beruhigen. Ich will heulen vor Schmerz, wenn mir danach zumute ist! Ich will nicht alles in mir ersticken lassen unter dem Panzer, den Du Dir anlegst, dem Panzer von Sitte, Pflicht und Korrektheit. — — Da, lies, was mein Bruder geschrieben hat in seiner Todesstunde, und sein Herzblut ist drüberhin gespritzt: ‚Mone ist immer so gut gewesen, bloß ihr Mann hat sie so hart und so kalt gemacht — —‘“
„Und diese Worte eines unglücklichen, schlecht erzogenen und irregeleiteten jungen Menschen — —“
„Haben mir gezeigt, wie es um mich bestellt ist!“ unterbrach Monika. „Ja, jedes Wort davon ist wahr! Ich habe unserer Ehe zuliebe meine ganze Persönlichkeit geopfert. Alles Beste in mir habe ich gewaltsam unterdrückt, jeden Funken von Begeisterung, von Warmherzigkeit erstickt unter einer Eisdecke von Vorurteilen! — — Fort will ich, — fort von Dir, der Du alles, was in mir ursprünglich ist, tötest. Ich will wieder ich selbst sein!“
Georg von Wetterhelm war blaß bis in die Lippen.
„Monika, Dein Schmerz macht Dich ungerecht! Ich will Dir heute verzeihen, — heute — alles.“
„Ich brauche Deine Verzeihung nicht. Ich will fort, — fort um jeden Preis!“
Ein sonderbar erstickter Ton rang sich aus seiner Kehle. Ein Augenblick war’s — dann klang seine Stimme fest wie je: „Ich kann Dich mit Gewalt nicht halten.“
„Ich lasse mich auch nicht halten!“
Zwei wilde Flammen brannten in ihren Augen.
Das war nicht mehr die sanfte und korrekte Gattin, die fünf Jahre lang Georg von Wetterhelms Herzensfreude gewesen, — die sich fünf Jahre lang gezügelt hatte ihrem Glück zuliebe. Das war wieder das unbändige Geschöpf von einst, das jeder Gefühlsregung nachgab, jede Empfindung auskostete bis zum äußersten, bis zum letzten schalen Tropfen.
Und auch diesen Becher leerte sie bis zur Neige: nicht genug Vorwürfe gab es für den, der ihr bis dahin das Liebste war auf der Welt.
„Ich habe erkannt, welch eiskalter Egoist Du bist! Warum gabst Du Karl das Geld nicht?“
„Es war nicht des Geldes wegen — —“
„Das weiß ich! Und gerade das ist das furchtbarste: Deiner Prinzipien wegen tatest Du es nicht! Deiner starren, hartherzigen Prinzipien wegen! Die sind das einzige, was Du liebst! Du hast auch mich nie geliebt. Du hast mich geheiratet, weil ich Dich liebte! Du wolltest Dein frierendes Herz erwärmen an meiner Glut!“
„Monika!“
Georg Wetterhelm preßte die harten Lippen aufeinander. Er sprach kein einziges Wort mehr... zu seinem Glück, das von ihm ging.