10.
Eine scharfe Brise kräuselte des Mittelländischen Meeres blaues Wasser, aber der große Dampfer zog ruhig und sicher weiter seine tiefaufwühlende Furche.
Es waren wenig Passagiere auf Deck. Außer ein paar Engländern, die mit hochgeklapptem Rockkragen, die Mütze tief in der Stirn und die Stummelpfeife zwischen den Zähnen herumspazierten, nur Georg von Wetterhelm mit seiner Frau.
Monika hatte den Sturmriemen ihrer Mütze heruntergezogen und ließ sich den Wind ins Gesicht wehen. Sie sah so strahlend glücklich aus, daß des Konsuls harte Züge ein Schimmer von Zärtlichkeit überflog.
„Du bist schon ein liebes Kerlchen, Mone! — Wie viele Frauen würden jammern über das schlechte Wetter, das wir bisher hatten.“
„Aber, Georg, das Wetter war doch großartig.“
Er lächelte. „Na, Liebchen, seit den zwölf Tagen, die wir verheiratet sind, ist noch kein Tag ohne Regen gewesen. — Schade! Ich hatte mir diese Seereise so nett gedacht.“
„Aber sie ist doch entzückend! Weißt Du, es soll so viele Leute geben, die in der Phantasie wer weiß wie sehr genießen und von der Wirklichkeit enttäuscht sind! Das ist doch zu dumm... Ich habe es mir ja gewiß immer wunderschön gedacht, mit Dir verheiratet zu sein, aber daß es so über alle Begriffe schön ist, das habe ich nicht gewußt!“
Er zog sie an sich und küßte das junge Gesicht, auf dem der kühle Hauch des Meeres lag.
„Und zu denken, daß dieses Glück nicht aufhört, Georg, — daß ich jetzt immer bei Dir sein darf, immer... und mit Dir zusammen die herrliche Welt sehn soll — — — —“
Ein tief erzitternder Atemzug hob ihre Brust, als könne sie das Uebermaß von Glück nicht fassen.
Der Konsul hatte sich seine Hochzeitsreise „vernünftig gelegt“. Er war nach Bombay berufen, hatte noch sechs Wochen Urlaub; in Genua wollte man eine Zeit Aufenthalt nehmen, von da nach Rom und Neapel und von da aus zu Schiff weiter.
Die Schiffsreise Hamburg-Genua war durch schlechtes Wetter getrübt worden. Als aber der Dampfer sich dem langgestreckten Hafen von Genua näherte, zerriß der Wolkenschleier am Himmel, und eine strahlende Sonne überflammte Genua la superba, das sich im mächtigen Halbkreis auf den steil ins Meer abfallenden Bergen erhob. Die stolze, uralte Hafenstadt mit dem Gewirr ihrer Gassen und Märkte, mit ihren ragenden Marmorpalästen war ganz in Sonne getaucht und in Sommer. Maiblüten über grauen Mauern bedeckten vielhundertjährigen Marmor mit jungem Leben.
Wenn Monika mit ihrem Gatten durch diese Stadt schritt, wenn sie mit ihm die Treppe zum Dogenpalast betrat oder im Palazzo Rosso vor einem Reiterbildnis von van Dyck stand oder vor Veroneses „Judith und Holofernes“, wenn sie im Boot zu dem Molo Duca di Galliera fuhr, von wo aus man die trotzige Stadt und das trotzige Gebirge in seiner ganzen wilden Schönheit sah, dann fühlte sie: das ist ein Höhepunkt!
Und sie hätte dann der Zeit wie einem allzu feurigen Renner zuschreien mögen: „Halt an!“ Es konnte ja nicht mehr schöner werden!
Und doch wurde es noch schöner. Als sie die kleine Villa fanden, droben in San Lorenzo.
Auf einer Spazierfahrt hatten sie sie gesehn, hatten sie, angelockt durch das Vermietungsplakat, besichtigt, und Monika hatte erklärt, daß sie gern auf Rom, Neapel und alle übrigen Städte des gesegneten Italien verzichten wolle, wenn Georg für den Monat, der ihnen noch an Urlaub blieb, dieses kleine Haus mieten wolle mit seiner großen Terrasse, mit seinem herrlichen Garten über dem Meer.
Georg hatte gezögert. Eigentlich gehörte es zu seinem „Programm“, seiner jungen Frau die Kunstschätze Italiens zu zeigen, aber Monika hatte so herzbewegend gebeten und das Haus war so hübsch, daß er einwilligte. Ueber die Mangelhaftigkeit der italienischen Dienstboten, die man für den Monat nahm, kam er zwar nicht so leicht hinweg, — auch sonst gab es manches zu tadeln, — aber alles in allem fühlte auch er: meines Lebens schönste Zeit!
Sein kühles Herz blühte auf in der heißen Liebe, mit der seine Frau ihn umgab. Seine nüchternen Sinne wurden angeregt durch ihre sprühende Art, ihre stürmische Begeisterung.
Jeder Tag war eine Kette von Wundern.
Jeder Morgen kam wie ein junger Sieger.
„Helios!“ sagte Monika, „der junge Sonnengott, der auf seinem goldenen Wagen einherkutschiert, die Zügel zwischen den Fäusten. Die mächtigen Pferde schäumen in ihr goldenes Gebiß und bäumen sich hochauf... Aber das tut ihm nichts... Er ist der Sonnengott, er ist der Sieger! Und da fährt er nun durch den Azur und verschwendet Sonne, vergeudet Sonne. Ach, in unserm armen Deutschland müssen wir einen halben Winter damit haushalten, was der hier an einem Maimorgen ausgibt! — — Jetzt verstehe ich erst den Sonnenkultus, verstehe alle die Völker, die Perser und Lydier und Phrygier und Griechen und Römer, die sich anbetend niederwerfen vor dem Leuchtenden da droben!“
Sie streckte die Arme hoch, in einer spontanen Gebärde, zur Sonne empor. — —
Dann ging man wohl mitunter an den Bergabhängen entlang, die hinunter nach Genua führten. Von den Kräutern, die an den Felsabhängen standen, ging ein herber und süßer Duft aus. Die Sonne drang mit Gewalt in sie hinein, in alle diese spröden amethystfarbenen und silbergrauen und weißen Kräuter mit den stacheligen Blättern; sie drang in sie hinein und sog ihnen den Duft aus den Kelchen. Und neben der harten Bergwelt, neben all diesem Gewucher von Minze, Ginster und Heidekraut lockte die weiche, sinnliche Pracht der Rosen.
Und Olivenbäume bedeckten in unzähligen Mengen alle Berge, alle Schluchten; ihre Milliarden schmaler Blätter schoben sich wie silbergraue Schleier vor die Aussicht, und durch diese Blätternetze hindurch sah man das Meer, das blaue Juwel. Auf den Segeln der träumerisch dahingleitenden Schiffe blitzte die Sonne wie in einem Brennspiegel. — —
Oder war es noch schöner, wenn die Sonne schon untergegangen?
Der Himmel zeigte dann noch purpurrote Streifen. Die tönten sich ab in Violett, das in Veilchenblau überging, und, tiefer hin immer blasser werdend, zeigte der Himmel da, wo er mit dem Meere zusammenstieß, denselben durchsichtig blaßblauen Ton wie das Wasser, verschmolz in eins mit ihm in zärtlicher Umarmung.
Die riesigen Fischernetze waren lang über den Strand hingebreitet, sorgsam auseinandergezogen, daß man das Gitterwerk ihrer Maschen sah, — ihre tief rotbraune Farbe gab einen düsteren Ton in diesem Zusammenklingen von leuchtenden und hellen Farben.
„O dieses Rotbraun, — — das ist so richtig eine Farbe für Mordwerkzeuge,“ sagte Monika, „wie geronnenes Blut sieht es aus, so richtig eine Farbe für diese Netze, in denen sich Tag für Tag Hunderte und Tausende von lebendigen Fischen verstricken, um so qualvoll zu sterben.“
Durch den flammenden Horizont taumelte im Zickzackflug eine Fledermaus, gefolgt von dem werbenden Männchen.
Unten auf der Straße, die sich hart am Meere dahinzog wie ein endloses weißes Band, glitten auf Gummirädern ein paar Automobile vorüber. Ein paar Sekunden lang zerriß der gellende Schrei der Hupe den Abendfrieden — dann waren sie vorüber.
Von dem alten Glockenturm herunter klang das Ave.
Und der brennende Horizont wurde blasser, wurde farblos wie eine Blume, die verblüht.
Langsam sank die Nacht über die Erde.
Der Mond, der während des Sonnenunterganges blaß am Himmel gestanden, leuchtete plötzlich auf. In dieser Beleuchtung war der Garten ein anderer, als er am Tage gewesen. Die Stämme der Palmen mit ihren dunkeln Schuppen sahen aus wie die höckrigen Panzer bösartiger Reptile. In den blanken Blättern des Tulpenbaums spiegelte sich das Mondlicht am gleißendsten. Jedes dieser dunkeln Blätter war wie ein Spiegel aus Metall. Und die Stauden der weißen Levkoien, die so hoch und breit waren, daß sie wie Büsche erschienen, trugen ihre Last von ungezählten Blüten wie Millionen Silbersternchen. Die Heliotropbüsche blieben dunkel; ihre Blüten, die am Tage von einem süßlichen Violett waren, nahmen nichts von Licht in sich auf. Sie schienen nun schwarz, fast farblos, aber sie dufteten nur um so stärker und sandten ganze Wogen von Wohlgeruch in die Luft.
Und Mondlicht über dem allen, verschwenderische Wellen von Mondlicht über der See, über dem Garten, — in allen Räumen des Hauses. Das Schlafzimmer mit seinen weißen Möbeln gleißte wie Silber.
Und Monika war es, als ob die schweigende Welt ringsum einen Hymnus anstimmte, einen Jubelhymnus auf ihr Glück. Diese überirdischen Tonwellen drangen auf sie ein, durchschauerten sie mit einer schmerzhaften Intensität. Fester preßte sie sich in Georgs Arme. Ein Schluchzen hob ihre Brust.
„Was ist Dir?“ fragte er erstaunt.
„Zu glücklich bin ich!“
„Das ist doch keine Ursache zum Weinen.“
„Doch! Denn ich sage mir: schöner kann es doch nun aber ganz sicher nicht mehr werden! Noch höher hinauf geht es nicht. Kommt nun ein Abstieg? — — Ich muß an ein paar Verse denken:
‚Sag’ nicht, daß Du mich liebst.
Ich weiß, das Schönste auf Erden,
Die Liebe und der Frühling,
Es muß zuschanden werden — —‘“
Sie sah in diesem Augenblick den Abgrund, der alles verschlang, sah der Vergänglichkeit weitgeöffneten Höllenschlund, — und mit einer schutzsuchenden und verzweifelten Gebärde klammerte sie die Arme fester um Georgs Hals.
„Mone, Du bist überreizt. Sicher heut zu lange in der Sonne gewesen. Du bist doch sonst nicht so sentimental.“
Da sanken ihre Arme herab: also er verstand gar nicht? „Sentimental“ nannte er ihr trotziges Aufbäumen gegen den Verfall. „Sentimental“ diese schauernde Angst der blutroten Lebenswärme gegen die grausame Zeit, die unablässig, unaufhaltsam fortschritt, sie vorwärtsführte in das graue Alter und in den eisigen Tod...
Sie hatte geglaubt, daß die große Liebe, die über ihnen beiden war, all ihre Nerven aufeinander abgestimmt hätte, wie wohl, wenn man einen Ton auf dem Klavier anschlägt, die Tonwelle sich durch die Luft weiterpflanzt und das Kristall eines Glases in Schwingungen versetzt, daß es mitklingt in reinster Harmonie.
Und so war es nicht?! Den Erschütterungen ihres Innern setzte er ein banales Nichtverstehen gegenüber?
Das war die erste Enttäuschung ihres Liebesglücks.
Sie war zu jung, um lange bei diesem Gedanken zu verweilen. Der nächste Tag schon brachte neue Freuden. „Schön, schön wie die Wirklichkeit,“ sagte Monika.
Und immer wieder durchzuckte sie der Gedanke: „Ach, die Zeit anhalten!“
Mit heißem Bedauern sah sie jedem verflossenen Tage nach wie einer schönen Blume, die abblüht, die allzu schnell verwelkt.
Und wie bald war der Tag gekommen, an dem man, an Bord des mächtigen Asiendampfers stehend, Genua im violetten Dunst der Ferne verschwinden sah.
Monika war ein bißchen unglücklich darüber, daß man die kleine Villa und den großen Garten verlassen — und sehr glücklich darüber, daß es nun neuen Wundern entgegenging.
„Jetzt wird’s immer noch schöner?! Nicht wahr, Georg?“
„Sicher, Liebling; aber eins: hier auf dem Schiffe wissen nun alle Leute, wer wir sind, wissen so viele, daß ich als Konsul rübergehe. Du mußt Dich von nun an zusammennehmen. Für mich allein habe ich Dein begeisterungsfähiges Wesen immer sehr reizend gefunden, aber als Frau eines Beamten darfst Du wirklich nicht mehr wie ein eben dem Pensionat entlaufener Backfisch herumspringen. Für eine Frau unserer Kreise ist es am angemessensten, man spricht gar nicht von ihr, weder im Guten noch im Bösen. Korrekt, mein kleiner Schatz, korrekt!“
Und Monika wurde korrekt. Schneller als sie selbst, schneller als Georg es für möglich gehalten. Wohl schäumte sie im ersten Jahre ihrer Ehe noch mitunter auf wie ein junges Pferd, das sich ins Gebiß verbeißt.
Aber Georgs ehern ruhige Art bändigte sie bald.
Was ihrer Mutter, ihren Erzieherinnen nie gelungen, das gelang Georg Wetterhelm, ohne daß sie je ein hartes Wort von ihm zu hören bekommen hätte.
Es war wohl überhaupt mehr das Beispiel als seine Worte, das so tiefgehende Wirkung auf Monika ausübte. Georgs Wesen und Sein war so ausgeglichen, so in sich gefestigt.
Uebrigens wirkte er, trotz seiner vollendeten Höflichkeit, oft geradezu lähmend auf Leute, die Anlage zu Extravaganzen, zu Ausgelassenheiten hatten. Mit ihm „nahm man sich mehr zusammen“ als mit anderen.
Es kam alles so anders, wie die Bekannten vermutet, als sie von Georgs Verheiratung gehört.
„Die Kleine wird ihn gut unterkriegen,“ hatte das allgemeine Urteil gelautet, „die mit ihrem sprühenden Temperament, ihrer so urpersönlichen Art, Menschen und Dinge aufzufassen — die wird es schon verstehen, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen.“
Das alles traf nicht ein. Beim Aneinanderreihen dieser beiden Charaktere trug der Mann den Sieg davon. Immer von neuem rang seine Art Monika Bewunderung ab. Wohl fand sie oft seine Ansichten borniert, fand ihn mit Vorurteilen vollgepfropft, aber stets aufs neue wirkte die Geschlossenheit seines Wesens auf sie, der Zusammenschluß seiner ganzen Persönlichkeit. Alles stimmte bei ihm so harmonisch zusammen: seine Abkunft und seine Ansichten, sein Aeußeres und sein Wesen.
Diese Harmonie wirkte auf Monika wohl um so stärker, als ihre nächsten Verwandten alle etwas Zerfahrenes hatten. Ihr Vater, dem die Willenskraft gefehlt, die spielerisch kindliche Mutter, die ihre Kinder, als sie klein gewesen, wie geliebte Puppen behandelt, und die dann plötzlich mit erschreckten Augen die Heranwachsenden gesehen, die wild emporgeschossen waren.
Ja, Monika bewunderte ihren Mann, und sie empfand zu weiblich, um sich ihm nicht zu beugen.
Zuerst waren es Kleinigkeiten, die sie ihm opferte: einen Hut, den er „zu auffallend“ fand, eine zu kühne Frisur, eine burschikose Bezeichnung.
Dann ging es weiter: hier eine ihrer Ansichten, die ihm zum Opfer fiel, dort eine Ueberzeugung!
Allmählich gewann seine Art immer mehr Einfluß auf sie: die mächtigen Flügel ihrer Phantasie, die sie so oft in goldstrahlende Höhen und in purpurfinstere Tiefen getragen, begannen sich matter zu regen, gleichsam gelähmt von der Nüchternheit, die mit ihr Tisch und Bett teilte.
„Korrekt, mein kleiner Schatz,“ und Monika zog das buntflimmernde Kleid ihrer Persönlichkeit aus, um die Gesellschaftsrobe einer gut erzogenen Dame zu tragen.
Sie lernte es, zu lächeln statt zu lachen; sie lernte es, den Schrei der Begeisterung oder des Abscheus zu unterdrücken, sie lernte es, Meinungen zu haben, „die niemand verletzen konnten“.
Wohl wollte ihr das manchmal wie ein Verrat an sich selbst bedünken, aber tat sie es nicht gern... ihrem Glück zuliebe? — — —
Als Monika, nachdem sie anderthalb Jahre verheiratet war, zum ersten Male wieder nach Deutschland kam, konnte ihre Schwiegermutter nicht umhin, anzuerkennen, daß Monika sich „sehr zu ihrem Vorteil verändert“ habe.
Ihre eigene Mutter war ganz konsterniert über den Wechsel, der mit ihrer Tochter vorgegangen.
„Daß Sie das fertig bekommen haben,“ sagte die Baronin immer aufs neue zu ihrem Schwiegersohn.
Die Brüder hatten jeder sein besonderes Urteil über Monikas Wesen. Alfred, der inzwischen Fähnrich — „leider bei der Infanterie“ — geworden war, fand seine Schwester jetzt „auf der Höhe“. Sehr elegant — ohne die Koketterie, welche ihn an ihr so geärgert, als sie junges Mädchen war — in Haltung und Auftreten große Dame. Heinzemännchen fand, Monika sei ohne Zweifel „geistig verflacht“. Dichten könne sie anscheinend überhaupt nicht mehr. Sie zeige kaum noch Rudimente literarischer Bildung und hätte sogar seinen neuen Lieblingsdichter für „sentimentalen Unsinn“ erklärt.
Karl urteilte, daß Monika nach wie vor großartig sei. Wo gab es wieder eine so gute Schwester? Sie beschied ihm kaum je einen Wunsch abschlägig. Und Karl hatte eine ganze Menge Wünsche.
Das war Birkensches Erbteil: der Hang zur Verschwendung. Als erschwerenden Umstand hatte er seiner Mutter Leidenschaft fürs Verschenken geerbt. Im übrigen war er liebenswürdig und freundlich, faul und lügenhaft. In diesem Alter, in dem sonst Knaben beginnen, männliche Züge zu zeigen, behielt er etwas Anmutig-Kindliches. Ueber seinem rosigen Gesicht schimmerten die Haare in tiefem Goldblond. Seine Augen waren so dunkel, seine Zähne so weiß — über seinem ganzen Wesen lag eine friedliche Gottergebenheit.
Ernstere Interessen hatte Karl überhaupt nicht, nur die einfachsten animalischen Freuden waren für ihn vorhanden: gut essen und gut trinken, lange schlafen und nichts tun!
Monika hatte gerade für diesen Bruder eine besondere Zuneigung. Doch auch Alfred und Heinrich waren ihr sehr ans Herz gewachsen, ungeachtet dessen, daß diese beiden kaum jemals freundlich zu ihr gewesen.
Georg von Wetterhelm hatte mitunter ein tadelndes Wort dafür, daß seine Frau oft Zeit, Geld und Mühe an ihre Brüder verschwendete. Ihm waren diese jungen Schwäger, die so völlig anders lebten, als er es im gleichen Alter getan, nichts weniger als sympathisch.
Auch mit Frau von Birkens kapriziöser Art vermochte er sich niemals recht zu befreunden. Er sagte über diese angeheirateten Verwandten zwar nie ein Wort, aber Monika merkte die mangelnde Sympathie zwischen ihrem Manne und ihren Angehörigen, und das abfällige Urteil über die Ihren, das sich in Georgs Verhalten dokumentierte, war nicht ohne Einfluß auf sie, wie nichts ohne Einfluß auf sie blieb, was seine Ueberzeugung war.
Halb unbewußt formte sie sich nach seinem Bilde. Halb unbewußt wurden ihre Ansichten anders, als sie es gewesen. Und langsam wuchs in ihr eine Scham gegen die Ungezügeltheit, die sie sonst zur Schau getragen.
Die paar Male, wo sie aufgebraust war, in der ersten Zeit ihrer Ehe, blieben ihr unvergeßlich in Erinnerung, schmerzten sie wie alte Wunden, waren wie Niederlagen, deren sie sich schämen mußte.
Ihre eitle und stolze Natur zuckte zusammen, wenn sie daran dachte, wie bei solchen Gelegenheiten Georgs Gesicht ausgesehen: erstaunt und peinlich berührt, etwas wie Verachtung um die Mundwinkel.
Auch war das ganze Milieu, in dem Monika lebte, dazu angetan, allzu persönliche Wallungen zu unterdrücken.
Ein Wirbel von Geselligkeit nahm sie auf, gleich in den ersten Jahren. Ueberall hatte sie zu repräsentieren, hatte die korrekt liebenswürdige Frau eines Beamten zu sein, für dessen Zukunft man viel hoffte.
Da blieb für Extravaganzen kein Raum.
Uebrigens das, was Monika so glühend ersehnt: der Aufenthalt in fremden, bunten Ländern, das hatte weniger Einfluß auf ihr Leben, als man hätte annehmen dürfen. Es war eigentlich doch nur ein Wechsel des Schauplatzes, ein Kulissenwechsel — weiter nichts!
Ob man zusammen mit den Mac Gregors und der Familie de Varency zur Sphinx von Gizeh ritt durch die ägyptische Wüste — ob man zusammen mit Graf Berrier und Frau von Hellingen und dem Rathorstschen Ehepaar von Brüssel aus einen Wagenausflug nach dem Kolonialmuseum von Tervueren machte — ob man in Paris im historischen Palais der Herzogin des Garviers tanzte — es war doch nur Wechsel des Dekors für ewig sich gleichbleibende gesellschaftliche Formen.
Georg Wetterhelm war stolz auf seine Frau. Sie gefiel im allgemeinen ausgezeichnet. Abgesehen von einigen Damen, die ihre Erfolge beneideten, war man allgemein von Monika entzückt.
Sogar Fürst Herrlingen, der Vorgesetzte Georgs, welch letzterer inzwischen zur Diplomatie übernommen worden war, zeigte lebhaftes Interesse für Frau von Wetterhelm.
Der alte Herr, der sonst im Rufe eines Frauenfeindes stand, plauderte oft aufs angeregteste mit ihr, hatte im kleinen Komitee von ihr gesagt, „sie wäre in seinem Leben die erste Frau, mit der man sich vernünftig unterhalten kann“.
Das „vernünftig unterhalten“ bestand darin, daß er zu ihr eben nicht sprach, wie er sonst zu Damen redete, sondern Themata anschlug, über die er mit Männern sprach.
Auch seinem Sarkasmus in der Beurteilung von Welt und Menschen ließ er ihr gegenüber ungehindert die Zügel schießen.
Monika hatte zwar gar keine boshafte Ader, gar keinen Sinn für Klatsch, aber sie würdigte die Art, wie dieser Klatsch vorgetragen wurde, würdigte jede Pointe, jedes treffende Wort — die ganze Art des Fürsten, den Extrakt einer Sache zu geben.
Und mit der hervorragenden Schlagfertigkeit, die sie von Jugend auf im Gespräch gehabt, fand sie immer eine zündende Antwort. Die Unterhaltungen zwischen ihnen beiden waren wie eine brillante Florettmensur, glänzende Ausfälle, die ebenso glänzend pariert wurden.
Aeußerlich war Monika jetzt wirklich eine Schönheit zu nennen. Der unruhige, so oft wechselnde Ausdruck, den sie als Mädchen gehabt, war einer lächelnden Gleichmäßigkeit gewichen, die trotzige Haltung von einst einer korrekten Grazie. Und der wilde Schimmer in den Augen war erloschen; in diesen dunkeln Sternen stand jetzt nichts mehr von heißer Sehnsucht und von brennender Gier.
Das Leben war jetzt so nett. Georg schaffte ihr all den Luxus und die Eleganz, die ihr so viel Spaß machten.
Er, der für sich selbst immer so sparsam gewesen, kannte nie ein Bedenken, wenn es galt, einen Wunsch seiner Frau zu erfüllen.
Ja, er liebte sie, und sie ihn auch so sehr — und man würde Karriere machen.
Famos war das Leben!
Was schadete denn das, wenn manchmal in stillen Nächten all ihr wirres Jugendweh vor ihr auftauchte wie ein verlorenes Paradies?
Alle die klingenden Verse, die Georg als „zu unpassend“ ein für allemal abgetan, schwirrten ihr dann durch den Kopf.
Und Worte kamen ihr, sie wußte nicht wie:
„Wie liegt das alles mir schon so weit:
Alle die Hirngespinste
Aus meiner verträumten Kinderzeit. —
Vorbei!... Ich weiß nicht mehr, wie das ist,
Wenn man nicht schlafen kann in den Nächten
Und die Kissen des Bettes voll Inbrunst küßt!
In meinen fiebernden Kindertagen
War mir, als müßte mein Schulternpaar
Alles Leid von Himmel und Erde tragen, —
War mir, als müßte mein Leben sein
Wie ein kurzer Tag voll brennender Gluten,
Voll Frühlingssturm und Gewitterschein!
Und des Daseins Rätselfrage klang
Tag und Nacht durch mein Kinderhirn,
Indes die Sehnsucht mein Herzblut trank.
Ich war so krank. — Und bin so gesund!
Statt der heimlichen, giftigen Träume
Küßt mich das Leben auf den Mund.
Ich weiß jetzt nichts mehr von Traumgefühl,
Weiß nichts von heimlichen Tränen,
Und „Sehnsucht“ finde ich ridicule!
Das Leben ist ja so schön und bunt
Und trägt mich auf starken Armen...“
Ja, famos war das Leben!
Und darauf war gar nichts zu geben, daß sie manchmal doch noch phantastische Träume hatte. Das waren ja keine Träume wie früher, mit wachenden Augen gesehen. Jetzt träumte sie nur noch manchmal, wenn sie schlief.
In einer Frühlingsnacht war es ihr, als höre sie Hunderte und Hunderte von Vogelstimmen, wilde Vogelstimmen, die schrien und klagten... so herzzerreißend klang’s... Hunderte und Hunderte von Vögeln waren um sie herum, ihr goldglänzendes, buntschimmerndes Gefieder war so zerzaust von Sturm und Wetter. Sie klagten: „Wir sind Deine Lieder, wir sind Deine Gedanken, all Deine Träume sind wir — und Du hast uns hinausgejagt, hast uns vertrieben in die Fremde hinaus, daß wir nun nicht mehr wissen, wo wir unser Nest bauen sollen. Und wir haben Dir doch so schön vorgesungen in all Deinen Kinderjahren und in der Zeit, da Du zum Weibe wurdest. Und hast uns verjagt und hinausgetrieben, und müssen wir jetzt so elend sterben...“
Sie klagten und schrien... so herzzerreißend klang’s.
Da weinte sie laut auf im Schlafe.
Aber das war ja nur im Schlafe.
Das Leben war ja famos, ja, natürlich war es das — „famos“.