9.

Ja, gewiß, alles was Sie mir hier über Ihre Vermögenslage, Ihre Aussichten dargelegt haben, ist glänzend, Herr von Wetterhelm,“ sagte die Baronin Birken. „Ich könnte mir für meine Tochter gar keine bessere Partie wünschen — aber die Sache liegt doch nicht so einfach. Ich kann nicht lügen, wissen Sie, die Wahrheit über alles! Und darum sage ich Ihnen: ich kann Ihnen nur abraten, Monika zu heiraten!“

Der Konsul, den sonst so leicht nichts in Erstaunen setzte, konnte sich nicht enthalten, ein etwas verblüfftes Gesicht zu machen.

„Darf ich bitten, mir diese Worte zu erklären, gnädige Frau?“

„Gern... Wissen Sie, Monika ist wirklich gar nicht fürs Heiraten geeignet. Sie besucht das Mädchengymnasium und will studieren. Und für Frauen, die sich der Wissenschaft widmen, ist doch die Ehe eigentlich nichts.“

„Wenn das der einzige Grund ist...“

Der sarkastische Zug um Wetterhelms Lippen vertiefte sich.

„O nein, nichts weniger als der einzige. Ein Dutzend Gründe sind es... die Wahrheit über alles!... Erstensmal: Monika kann nicht kochen, aber tatsächlich keine Ahnung davon!“

„Die Dokumente, die ich Ihnen vorlegte, gnädige Frau, sollten Sie überzeugt haben, daß ich in der Lage bin, meiner Frau eine Köchin zu halten, sogar eine sehr gute.“

„O ja, natürlich, aber selbst die beste Köchin wird nie das leisten, was eine kulinarisch gebildete Frau des Hauses leistet.“

„Ich bin, was das Essen anbetrifft, sehr anspruchslos.“

„Außerdem: Monika hält keine Ordnung. Alles wirft sie durcheinander und verlegt sie! Nicht einen Knopf näht sie sich allein an!“

Wetterhelm sah tiefsinnig auf einen Knopf, der halb abgerissen an der Bluse der Sprecherin baumelte, und sagte: „Ich werde ihr eine Zofe halten, die genau so gut ist wie die Köchin.“

Frau von Birken seufzte: „Ach, Monika hat so gefährliche Anlagen. Sie ist so eigenwillig. Sie macht sich über alles eigene Gedanken; sie respektiert nichts! Nicht mal mich als Mutter! Nicht mal Goethe. Und immer muß sie ihren Willen durchsetzen! Monika ist ein Engel, wenn man ihr den Willen tut, aber den muß man ihr tun!“

„Darin wird sie sich wohl ein wenig ändern,“ sagte Wetterhelm, mit demselben Gleichmut, den er bisher zur Schau getragen.

„Sie ändert sich nicht, sie ist jetzt siebzehn Jahre und war immer so.“

„Mit siebzehn ändert man sich noch oft.“

Da Frau von Birken dieser Aeußerung nicht recht was entgegenzusetzen wußte, sagte sie: „Erlauben Sie, daß ich meinen Sohn rufe...“

Heinzemännchen erschien.

Er trug den neuen, unendlich langen Gehrock und sah sehr sorgenvoll aus.

Wetterhelm zog die Augenbrauen hoch. Wollte man ihm in der Tat zumuten, seine Werbung bei diesem Obersekundaner anzubringen?

Aber schon wurde die Tür aufgerissen. Monika kam herein, flog auf Wetterhelm zu und küßte ihn stürmisch auf den Mund.

„Was habt Ihr denn bloß so lange zu verhandeln?“ rief sie der wie erstarrt dasitzenden Mutter zu. „Ich kann doch nicht so lange draußen bleiben, wenn Georg da ist!“

Und sie küßte ihn von neuem.

„Jetzt kann ich allerdings nichts mehr einwenden,“ sagte Frau von Birken hilflos.

Heinzemännchen seufzte auf. War’s die Erleichterung darüber, daß die Verantwortung für Monika von jetzt ab auf stärkeren Schultern ruhen sollte als auf den seinen? —

Die Verlobungszeit sollte nur zwei Monate dauern. Frau von Birken fand das zwar geradezu ungebührlich kurz, aber es lag so gar kein Grund zum Warten vor. Im Gegenteil! Der Konsul erwartete bald seine Berufung auf einen überseeischen Posten und wollte selbstverständlich schon vorher heiraten.

Monikas Glück wurde oft ein wenig getrübt durch die Behandlung, die man ihr zu Hause angedeihen ließ. Ihre Mutter, mit der sie jetzt die ganze Zeit zusammen war — seit ihrer Verlobung besuchte sie die Kurse nicht mehr — war nicht im mindesten anders zu ihr als sonst. Keine Spur einer anderen Stimmung war zu merken, nichts von der zärtlichen Ergriffenheit, die andere Mütter haben, wenn ihre einzige Tochter so bald schon fürs Leben das Haus verläßt. Frau von Birken nörgelte sogar mehr als sonst an Monika herum, sogar bei Sachen, von denen es nicht recht ersichtlich war, warum sie sie tadelnswert fand.

Auch Alfred und Heinrich trugen jetzt, trotz der nahen, dauernden Trennung von ihrer Schwester, kein liebenswürdigeres Wesen ihr gegenüber zur Schau als sonst. Nur Karl, der ja auch sonst lieb und nett gewesen, entfaltete eine außergewöhnliche Hochachtung. Monika hatte ihm durch ihre Verlobung sehr imponiert, und er raubte jetzt mit doppelter Begeisterung aus Mamas oder Heinzemännchens Portemonnaie ein paar Nickel, um ihr irgendeine Kleinigkeit „zum Freuen“ zu kaufen.

Monikas Liebe zu ihrem Bräutigam war in dieser kurzen Zeit noch gewachsen, aber das hinderte sie nicht, genau zu wissen, daß sie kein volles Verständnis bei ihm fand. Wenn sie Gedanken äußerte, zu denen sie sich nach heißem Ringen durchgekämpft, tat er das oft ab mit einem lächelnden: „Du bist sehr jung, Liebling!“

Und an Sachen, die Monika in Entzücken versetzten, konnte er oft „beim besten Willen nichts finden“! Zum Beispiel an dem Gratulationsbrief von Monikas ehemaliger Amme. Was war denn an diesem albernen, ungeschickten Schriftstück, daß es bei Monika lachende und weinende Begeisterung hervorrief?

Die Liese schrieb:

„Liebstes Monchen,

da komme ich nun und wünsche Dir Gottes reichsten Segen auf alle Zeit, indem, daß ich es mir ja auch nicht von Dir denken konnte, daß Du, wie die olle Trübnersch gesagt hat, studieren sollst wie ein Doktor.

Weil das ja doch zu sündhaft und häßlich wär’ für ein Frauensmensch, wie denn auch das Sprichwort sagt:

„Den Mädchen, die pfeifen, den Hühnern, die kräh’n, den’ soll der Teufel den Hals umdreh’n.“

Aber natürlich habe ich es nicht geglaubt, mein trautstes Monchen, und die olle Trübnersch ist ein Lügenmaul, das sage ich dreist, und wenn sie jeden Tag bei die Muckersch in die kleine Kapelle geht.

Na, denn hoffe ich, mein trautstes Monchen, daß es ein Forscher ist, sowie dem Fräulein Marie ihr Mann, der gnädige Herr von Hammerhof, der ist ja nu wohl viel zu hübsch für die lange Stange. —

Mein Fritzchen wird auch mal so einer, der läuft schon jetzt mit die Mädchen rum und ist noch keine fünf Jahre alt.

Die Ollsche, was die Tante vom Grün ist, ist ja nu gestorben, und wir haben ein sehr schönes Begräbnis gemacht, Fladen, Branntwein und alles.

Mit meinem Grün is es nicht mehr so recht, zu alt, Monchen, zu alt. Er hat das Reißen in alle Knochen, aber sonst ist es ja ein sehr guter Mann.

Zu Deine Hochzeit schicke ich Dir die Myrte, selbst gezogen, was Du im vorigen Winter bei mir gesehen hast.

Und nu grüße Deinen Bräutigam und sage ihm, er kriegt was Schönes, da er Dir heiratet.

Es sendet Dir Gottes reichsten Segen

Deine treue Liese.“

Wie gesagt, Wetterhelm fand das ja gewiß ganz nett von der alten Person, aber Monikas Bewegtheit war doch übertrieben!

Auch gab es manchmal kleine Reibereien, weil Monika irgendwelche gesellschaftlichen Förmlichkeiten bei Besuchen oder Ausfahrten nicht eingehalten.

Wohl hatte das Impulsive ihrer Natur einen starken Reiz für Wetterhelm, wohl bestand ein Teil ihrer Anziehungskraft für ihn gerade darin, aber sobald diese Art irgendwie in der Oeffentlichkeit hervortrat, störte sie ihn aufs schärfste.

Schon ihre Manier, immer aus dem Wagen zu springen, ehe die Pferde standen.

Und dann ihre Haltung. Sie hatte immer etwas so eigentümlich Trotziges: den Kopf ein bißchen vorgestreckt, die Ellenbogen lose, die linke Hand zur Faust geballt. Es war förmlich eine Verteidigungsstellung, die nicht mit dem weichen Liebreiz ihrer siebzehn Jahre harmonierte. In ihrer Sprechweise störte ihn oft ein gar zu kräftiges Wort oder ein achselzuckendes: „je m’en fiche“, mit dem sie einen Vorwurf abtat.

Jedenfalls war Georg nicht ohne Besorgnis im Hinblick auf den Besuch, bei dem er Monika seiner Mutter vorstellen wollte.

An einem schönen Aprilmorgen fuhr die Baronin Birken und das Brautpaar nach Gerbitz, dem Gute, das Frau von Wetterhelms Wohnsitz war, auf dem sie mit ihrer einzigen unverheirateten Tochter Brigitte lebte.

Bevor man zur Bahn fuhr, hatte Monika eine unangenehme, kleine Szene mit ihrem Bräutigam gehabt, der ihre Frisur getadelt hatte.

„Du hast mich doch sonst so immer hübsch gefunden.“

„Gewiß, aber Mama ist etwas vieux jeu, lieber Schatz; ihr würde das in die Stirn gebauschte Haar sicher nicht gefallen. Bitte, trage heute die Stirn frei und die Haare möglichst glatt.“

Monika machte ein ungezogen trotziges Gesicht, ging aber doch hinaus, um eine Bürste zu holen.

„Ich werde meine Frisur unter Deiner obrigkeitlichen Aufsicht arrangieren, lieber Georg,“ sagte sie mit einem Anflug von Spott.

Ein paar Bürstenstriche: „Ist es so gut?“

„Aber Kind, da ist ja kaum was geändert, viel glatter, bitte.“

„Also so?“

„Noch immer nicht richtig.“

Statt einer Antwort feuerte sie die Bürste auf die Erde. Georg erhob sich. Er war sehr blaß geworden, und ehe noch Frau von Birken zu einer Strafpredigt ansetzen konnte, sagte er: „Das war Deiner unwürdig, Monika!“

Nun fiel die Mutter ein, aber alles, was die auch vorbrachte, hatte keine Wirkung auf Monika, gegenüber den paar Worten aus Georgs Munde.

Sie kämpfte einige Augenblicke mit sich, dann aber ging sie auf ihren Verlobten zu und sagte:

„Du hast ganz recht, Georg, und ich bitte Dich um Verzeihung.“

Ihre Frisur war wirklich von korrektester Einfachheit, als man in Gerbitz eintraf.

Zwei Stunden war man Eisenbahn gefahren, dann eine Stunde in altmodischer Kalesche durch märkischen Sand, dann kam man an dem grauen Herrenhause an.

Frau von Wetterhelm und ihre Tochter Brigitte begrüßten die Gäste.

Georgs Mutter war eine imposant große Erscheinung, in der Mitte der sechzig. Ihr Gesicht zeigte einen leidenden Ausdruck. War es doch Krankheit gewesen, die der Anlaß dazu war, daß der Sohn ihr jetzt erst seine Braut zuführte.

Georg hatte innerlich gefürchtet, daß seine zukünftige Schwiegermutter den Damen seiner Familie wenig gefallen würde; ihr wenig seriöses Wesen, das Fehlen mütterlicher Würde in ihrem Aeußeren und ihr Benehmen würde wahrscheinlich von seinen überaus korrekten Angehörigen gemißbilligt werden.

Zu seinem Erstaunen verstand sich Frau von Birken mit den Damen sehr gut. Schon nach kurzer Zeit war man eifrig in das wichtige Thema vertieft, welcher Zeitpunkt für das Einlegen von Johannisbeeren der geeignetste sei.

Dies und eine Reihe ähnlicher Gesprächsthemata schlugen eine Brücke zwischen Monikas und zwischen Georgs Mutter. Als dann gar die Dienstbotenfrage aufs Tapet kam, erwärmte sich selbst Brigitte, deren hagere Altjungfernfigur im schmucklos schwarzen Kleide wie aus Holz geschnitzt erschien.

Monika trug bei diesen Unterhaltungen eine geradezu unhöfliche Unaufmerksamkeit zur Schau. Das lag ihr nicht... das alles hier lag ihr nicht... Die Einrichtung, die bei aller Wohlhabenheit geschmacklos puritanisch war, diese große, strenge Frau, zu der sie nun „Mama“ sagen sollte, die unschöne Schwester... das alles verstimmte sie.

Sie war ganz verärgert, besonders, als Georg ihre Bitte, ihr den Park zu zeigen, abgeschlagen hatte.

„Wir gehen nachher alle zusammen,“ sagte er.

Bei dem Rundgang, den man nach dem Frühstück machte, wurde Monikas Benehmen von den Wetterhelmschen Damen innerlich „lächerlich kindisch“ gefunden; sie geriet in Ekstase vor den jungen Lämmern mit ihren kurzlockigen Fellchen, sie kniete nieder, um sie an sich zu drücken; sie war im Schweinestall außer sich vor Freude über die Ferkel mit ihren rosa Körpern und den Ringelschwänzchen; sie hielt den Tieren Reden, besonders dem Hofhund, der gleich eine große Sympathie für sie an den Tag legte:

„O, was für ein guter Hund... Du bist ja sehr häßlich, mein armer Kerl, und so gelb wie Eidotter bist Du, und aus gar keiner feinen Familie... Nein, nicht mal Rasse hast Du... Aber Du bist doch gut, mein Dickerchen! Ach, was für’n guter Hund! Und gut sein ist ja auch was wert, wenn auch nicht so viel wie schön sein!“

Da intervenierte Frau von Birken, sie legte die größtmögliche Strenge, deren sie fähig war, in ihren Ton:

„Monika, genug des Unsinns! Wir wissen ja, daß Du nur scherzest, aber man soll auch im Scherz nicht sagen, daß Schönheit mehr ist als Güte! Die Güte ist das Weltprinzip...“

Brigitte drückte der Baronin ostentativ die Hand.

„Aber Mama,“ rief Monika, schnell wie aus der Pistole geschossen, „aber Mama! Du hast doch wohl schon Naturgeschichte gelesen und Weltgeschichte und Entwicklungstheorien? Das Weltprinzip ist doch die Grausamkeit, der ewige Kampf...“

„Lassen wir das doch,“ schnitt Georg ab; ein unmutiger Ausdruck lag über seinem Gesicht, ihm war nicht entgangen, daß sich in den Zügen seiner Mutter schärfste Mißbilligung bei Monikas Worten aussprach, daß die Züge seiner Schwester förmlich vereisten in schroffster Ablehnung.

Dann ging man nach der Fohlenkoppel hinüber, wo Monika versuchte, auf die Fohlen hinaufzuturnen.

„Zu schön ist’s auf dem Lande,“ sagte sie zu ihrem Bräutigam, als sie ihn endlich „ein bißchen für sich“ hatte. „Die Tage von Sarkow, meine Kinderjahre, sind mir so unvergeßlich. Am liebsten möchte ich mit Dir auf ein Gut ziehen, Georg.“

„Mir liegt das nicht,“ erwiderte der Konsul. „Gewiß ist Landwirt sein auch ein schöner Beruf, in dem man seinem Vaterlande nützen kann, aber ich kann in meinem Berufe Größeres wirken, Besseres für Deutschland tun.“

Monika stürzte sich mit Feuereifer auf diese neue Anregung.

„Ja, da hast Du auch ganz recht! Ich werde mal eine tadellose Botschafterin!“

„Na, na, man immer sachte mit den jungen Pferden.“

„Und wir bekommen einen historischen Palazzo als Dienstwohnung, weißt Du, sowas in Spätrenaissance, und ich gebe jeden Abend Empfänge, wo lauter Fürsten und Genies sind, crème de la crème, weißt Du?... Und ich trage ein himmelblaues, silbergesticktes Kleid und furchtbar viel Orden in Brillanten. Als Botschafterin bekomme ich doch Orden, nicht wahr? Und ich trage ein Perlcollier für eine Million. Das muß ich von meiner Schwiegermutter geerbt haben. ‚Das Kollier meiner Schwiegermutter‘ finde ich sehr stilvoll.“

„Ach, Kind, hör’ bloß mit dem Unsinn auf. Und nimm Dich zusammen vor Mama und Brigitte. Korrekt, mein kleiner Schatz, korrekt!“

Beim Mittagessen wirkte diese Ermahnung noch so nach, daß sie wie ein braves Schulkind dasaß.

Aber nach Tisch, als sich die Damen zum Nachmittagsschlaf zurückgezogen und Monika mit ihrem Bräutigam durch den Park ging, verjagte die goldene Aprilsonne bald ihre mühsam bewahrte Gemessenheit.

Konnte man denn ruhig bleiben, wenn die Blattknospen gar so ungestüm aus ihren Hüllen drängten, wenn die Hyazinthen auf den Frühbeeten mit tiefen Farben prangten wie Edelstein: rubinrot, diamantenweiß und blau wie Saphir! Ach — und alle diese Blütenglocken sandten süße Duftwogen in die herbe deutsche Luft. In den Aesten lärmten und lockten die Vögel, schrien, weil der Frühling da war und die Liebe...

Konnte man denn ruhig bleiben, wenn man einen so süßen, geliebten, schönen, guten Bräutigam hatte?

Das fragte Monika Georg von Wetterhelm.

Und er lachte zärtlich, immer aufs neue besiegt von ihrem wilden Charme. —

Die Vesperstunde vereinigte alle wieder um den runden Tisch im Eßzimmer.

Frau von Wetterhelm war Monika gegenüber aus ihrer ursprünglichen Freundlichkeit in eine gewisse Reserviertheit übergegangen. Sie fand: es war eigentlich eine fabelhafte Idee von Georg, ein so unbändiges, junges Ding heiraten zu wollen. Seiner sonstigen Wesensart war das so unähnlich, er war doch immer ein so tadellos vernünftiger Mensch gewesen.

„Georg hat mir nie Sorgen gemacht,“ erzählte sie an diesem Nachmittag. Ja, er war immer ein lieber, vernünftiger Sohn gewesen, körperlich und geistig gut beanlagt. Er war nie krank gewesen, er war immer unter den besten Schülern seiner Klasse. Alles in seinem Leben war wie am Schnürchen gegangen. Das Abiturium, die späteren Examina, die Ernennung zum Leutnant der Reserve, sein Avancement bei den Garde-Ulanen. Und seine Beamtenkarriere würde eine glänzende sein, das sagten alle, und sie hoffe nur, Monika würde ihren zukünftigen Gatten „voll und ganz zu würdigen verstehen“!

„Na und ob!“ schmetterte Monika so überzeugt heraus, daß alle drei Damen ihr verweisende Blicke zusandten.

„Hoffentlich habe ich mit meiner Schwiegertochter ebenso viel Glück wie mit meinen Kindern,“ fuhr Frau von Wetterhelm nicht ohne eine gewisse Anzüglichkeit fort, „ja, auch Brigitte hat mir nur Freude gemacht.“

Monika warf einen erstaunten Blick auf die schwarzgekleidete, hagere Dame, welche sie im stillen „die hölzerne Jungfrau“ getauft hatte.

„Ja, Brigitte ist immer tätig und häuslich gewesen,“ lobte die Herrin des Hauses weiter. „Mein lieber Mann starb ja so früh — Georg kam naturgemäß bald aus dem Hause — da war Brigitte das Einzige, was mir blieb. — Wie hat sie mich gepflegt in meinen vielen Krankheiten. Brigitte ist die geborene Krankenschwester! Und sie hat es nie übers Herz gebracht, mich zu verlassen, auch damals nicht, vor nunmehr zwanzig Jahren, als Herr von Lodringen um sie anhielt.“

„Aber Mama!“ Ein schwaches Rot war in Brigittes welke Wangen gestiegen, mit einer nervösen Gebärde strich sie sich über den glatten, graublonden Scheitel.

„Meine liebe Tochter, warum sollte ich nicht von Deiner aufopfernden Kindesliebe sprechen, von Deinem edlen Pflichtgefühl? Unsere kleine Monika kann daraus nur Gutes lernen! Ja, also als Lodringen um Brigitte anhielt, wies sie ihn ab, obwohl sie ihn sehr gern hatte und obwohl er eine durchaus passende Partie war. Wies ihn ab, weil sie mich nicht verlassen wollte.“

Brigitte sagte nichts. Ein Seufzer hob ihre Brust.

„Ach...,“ rief Monika, ungläubig erstaunt.

Frau von Wetterhelm fuhr fort: „Lodringen stand in Westfalen, und ich konnte natürlich nicht daran denken, mit in jene Garnison zu ziehen. Was hätte dann hier aus dem Gute werden sollen? Und so blieb Brigitte bei mir, mein aufopferndes Kind, als die Stütze meines Alters...“

Frau von Birken hatte vor Rührung Tränen in den Augen.

„Wie entzückend, wie heroisch geradezu, sein eigenes Lebensglück hinzugeben, um der Mutter Trost sein zu können! Diese echt weibliche Entsagung! Da siehst Du, Monika, was für junge Mädchen es auf Gottes Welt gibt!“

„Aber das ist doch ein maßloser Unsinn,“ rief Monika heftig, mit sprühenden Augen; in ihrer Erregung bemerkte sie nichts von dem förmlich lähmenden Entsetzen, das ihr Ausruf bei der Tafelrunde hervorgerufen.

„Ja, ein offenbarer Unsinn,“ stürmte sie weiter, „ein lebendiges, warmes Liebes- und Lebensglück zu opfern aus töchterlichem Pflichtbewußtsein! Man lebt doch nicht für seine Mutter!“

Sie brach ab, erschreckt über das Verhalten ihres Bräutigams, der zu seiner Mutter getreten war. Er beugte sein erblaßtes Gesicht über die alte Frau und sagte, indem er wie beschwörend seine Hand auf ihren Arm legte:

„Hör’ nicht hin, Mama, sie meint es nicht so. Sie ist noch so sehr jung.“

Die böse Stimmung, die dieser Zwischenfall hervorgerufen, hielt an. Die Wetterhelmschen Damen brachten kaum ein Wort mehr über die Lippen.

Gut, daß Frau von Birkens Redefluß auch bei dieser Gelegenheit nicht versiegte. Ihre Begabung, über die nichtigsten Dinge sehr viel zu reden, war ihrem zukünftigen Schwiegersohne zum erstenmale eine Freude. So herrschte wenigstens nicht dauernd Stillschweigen.

Mit dem Abendzuge fuhr man fort. Auf der Rückfahrt berührte Wetterhelm mit keinem Worte den Vorfall, der ihm tiefgehenden Eindruck gemacht. Bei seiner langsam denkenden Art wollte er erst mit sich selbst ins Reine kommen, ehe er mit Monika sprach.

Die fühlte zwar, daß sie auf Georgs Angehörige keinen allzu günstigen Eindruck gemacht, aber sie nahm das ganze nicht wichtig.

Sie wurde auch dadurch abgelenkt, daß sie zu Hause die Korrekturbogen ihres neuen Gedichtzyklus fand.

Dieser Zyklus, der eine Ueberraschung für ihren Bräutigam sein sollte, war für die nächste Nummer des „Leuchtturm“ bestimmt.

„An Georg“ hieß die Ueberschrift dieser sechs Gedichte, deren eines das andere an klingenden Worten und leidenschaftlichen Empfindungen übertraf.

Monika war von ihrem eigenen Werke erschüttert, als sie die Korrekturbogen las. Ihr schienen diese Gedichte wie sechs voll erblühte Rosen, farbenflammend, duftsprühend... und die Dornen, die sonst Rosen tragen, hatte sie ihnen abgebrochen mit zärtlichen Fingern. Dornenlose Rosen waren’s nun, lauter Liebe und Leidenschaft und heißes, heißes Glück!

Eine heftige Ungeduld erfaßte sie plötzlich, Georg schon jetzt diese Verse zu senden. Nicht, wie sie sich vorgenommen, erst am nächsten Mittwoch, wenn das neue Heft des Leuchtturms erschienen war.

Sie schrieb ein paar Zeilen, kuvertierte diese und die Druckbogen und schrieb mit ihrer weitausladenden, arroganten Handschrift die Adresse ihres Verlobten.

Dann rannte sie fort, um den Brief selbst in den Kasten zu tragen; sie ließ Briefe an Georg nie durch jemand anders besorgen.

Sie schlief nicht viel in dieser Nacht; immer wieder mußte sie daran denken, wie Georg sich wohl freuen würde, wenn er diese glühenden Liebesgeständnisse las und durch ihre Zeilen erfuhr, daß er es nicht allein war, der diese Gedichte las, sondern daß Tausende von anderen Menschen, von mitfühlenden, mitvibrierenden anderen Menschen es lesen würden — — —

„An Georg“.

Nun, bald würde sie ja wissen, wie sehr er sich gefreut. Er kam ja morgen zum Abendbrot — — nein, nicht morgen. Heute! Es hatte ja eben schon zwei geschlagen durch die stille Nacht.

Erst als es hell wurde, schlief Monika ein.

Der Tag ging hin, wie jetzt alle Tage hingingen: in Erwartung ihres Bräutigams.

Als sie sich eben für den Abend umgezogen hatte, kam Georgs Diener mit einem Briefe von ihm, den er Auftrag hatte, dem gnädigen Fräulein selbst zu übergeben.

Monika schloß sich mit dem Schreiben ins Schlafzimmer ein; sie wußte, daß man sie sonst doch nicht bei der Lektüre ungestört ließ.

Und sie las:

„Liebe Monika,

es wird mir unendlich schwer, Dir diese Zeilen zu schreiben. Ich habe schwer mit mir gekämpft seit gestern abend. Nach reiflicher Ueberlegung aber halte ich es nun doch für besser, Dir zu sagen: wir passen nicht zueinander. Ich bin weit entfernt davon, die wundervollen Geistes- und Körpereigenschaften zu verkennen, mit denen die Natur Dich überschüttet hat. Aber Du hast Grundsätze, Anschauungen, Prinzipien, die für meine Frau unmöglich sind!

Ich habe das zuerst alles für Kindereien gehalten, aber wie Du gestern meiner alten Mutter ins Gesicht hinein erklärtest, daß das hohe Liebeswerk, das meine Schwester an ihr getan, „barer Unsinn“ sei, das gab mir einen Choc, den ich nicht überwinden kann.

Dann kam Dein Brief — — — Die Verse sind gewiß sehr schön und talentvoll, aber für ein junges Mädchen wenig passend. Die Tatsache, daß Du sie veröffentlichen willst, entspringt einem mir geradezu unbegreiflichen Mangel an Zartgefühl.

Wie kann man so intime Empfindungen der großen Menge preisgeben, sie der höhnischen Kritik jedes Uebelwollenden aussetzen. Wie kann man Gefühle, die in das tiefste Dunkel Deines Mädchenherzens gehören, an das grelle Licht der Oeffentlichkeit zerren?! — —

Aber genug von alledem!

Mit tiefem Schmerze reiße ich mich los von Dir in der Erkenntnis, daß unsere beiden Naturen zu grundverschieden sind, um je in eine harmonische Ehe zu verschmelzen.

Ich sage Dir brieflich Lebewohl, weil ich weiß, daß ich dem Zauber Deiner Gegenwart doch nicht widerstehn kann. Du bist die Erste, bei der mein Gefühl stärker war als mein Verstand. Ich weiß und fühle, daß diese Schwäche Dir gegenüber für mein ganzes künftiges Leben eine Gefahr bedeutet, eine Gefahr hauptsächlich darum, weil Du Deinen ganzen Anschauungen nach mich oft zu Handlungen und Unterlassungen wirst veranlassen wollen, die meiner innersten Natur widerstreben.

Lebe wohl, mein geliebter kleiner Schatz.

Georg.“

Monikas Hand, die den Brief gehalten, sank schwer herunter. Ihr wirrer Blick traf zufällig auf den Spiegel, vor dem sie gestanden. Und dieser Blick wurde allmählich bewußt, erkannte das Spiegelbild, und wie ein grenzenloses Erstaunen ging es ihr durch den Kopf: „Herrgott, kann man denn überhaupt so blaß sein?!“

Einige Sekunden lang irrte ihr Sinn noch herum wie ein Vogel, den die Kugel traf, der ängstlich flattert mit zuckenden Flügelschlägen und dann plötzlich, sich des Schmerzes bewußt werdend, aufschreit und niederstürzt.

Und dann Nacht...

Eine tiefpurpurne Finsternis, aus der sich die Sinne nur langsam und qualvoll allmählich wieder zum Bewußtsein ringen.

Das... das war doch nicht möglich! Das war doch nicht denkbar... nein, nicht auszudenken, daß diese Liebe, die strahlende Sonne, die ihr ganzes Leben erleuchten und erwärmen sollte, nur ein Irrlicht war, das eine flüchtige Sekunde aufschimmerte und dann versank...

Nein, nicht möglich! Und doch? Was stand da in dem Briefe? In dem Briefe, der ihren Fingern entglitten war, den sie nun vom Boden emporriß und von neuem las?

Und noch einmal...

Und wieder...

Sie verwundete sich an jedem Worte mit der wahnsinnigen Schmerzensgier einer Märtyrerin, die sich immer von neuem Dolchspitzen in ihr schauderndes Fleisch bohrt.

Und dann — wie eine Eingebung — leuchtete in dem wirren Toben ihrer Empfindungen plötzlich ein Gedanke auf, wie das klare Licht eines Leuchtturms im Dunkel einer sturm- und wogendurchtobten Nacht:

Handeln jetzt! Nicht tatenlos zusehn, wie ihr Glück zerbrach!

Ihre Pupillen erweiterten sich, brannten wie schwarze Flammen in ihrem tieferblaßten Gesicht.

Ihre Hände ballten sich zusammen, krampften sich zu Fäusten, als wollte sie das Glück festhalten, — das Glück!

Handeln jetzt! Zu ihm!

Wie stand es doch in diesem Brief, von dem jetzt jedes Wort in ihrem Gehirn eingegraben stand wie mit ehernen Lettern?

„Daß ich dem Zauber Deiner Gegenwart doch nicht widerstehn kann“.

Dem Zauber... meiner... Gegenwart...

Mit Gedankenschnelle hatte sie den Hut in die Haare gedrückt.

Und die Treppe hinunter.

Sie hielt die nächste Auto-Droschke an, rief dem Chauffeur die Adresse zu.

Das Auto glitt über den Asphalt, ziemlich langsam, denn ein grauer Regen rieselte leise über Berlin, hüllte die Riesenstadt in einen dünnen Tropfenschleier.

An Monikas Augen glitten die steinernen Häusermassen vorbei, das Gelbrot der Gaslaternen und das bläulich-schimmernde Licht der elektrischen Lampen leuchtete in kurzen Zwischenräumen immer wieder auf.

Leute kamen vorüber... Automobilhupen tönten, Hufschlag, — — das schrille Klingeln der elektrischen Bahnen.

Monika sah und hörte das alles, aber es kam ihr nichts ins Bewußtsein.

Sie fühlte auch keinen Schmerz.

Sie sah und hörte und fühlte nichts als ihr Ziel: das Glück wiederhaben... das Glück...

Das Auto hielt, sie stieg aus, bezahlte den Chauffeur und ging die Treppe hinauf zu der Wohnung von Georg von Wetterhelm.

Der Diener vermochte trotz seiner Wohlgeschultheit nicht seine Ueberraschung zu verbergen. Er stotterte, daß der gnädige Herr ausgegangen sei.

„Wann kommt er zurück?“

„Ich weiß nicht, gnädiges Fräulein.“

„Gleichgültig. Ich werde ihn hier erwarten.“

Sie schritt den Korridor entlang und öffnete die Tür zu Georgs Arbeitszimmer. Sie kannte den Weg von dem Male her, als Georg sie und die Mama und die Brüder zum Tee eingeladen.

Mit was für anderen Gefühlen als heute hatte sie da in dem Gemache gestanden, dessen strenge, vornehme Einrichtung so überaus gut zu Georgs Wesen und Sein paßte.

Sie setzte sich in den grünen Ledersessel und wies kurz den Diener zurück, der eintrat, um Licht zu machen.

Sie starrte mit brennenden Augen in das Dunkel ringsum, das nur matt erhellt war von dem Schein der Straßenlaternen, der von draußen durch die Gardinen fiel.

Sie überlegte nicht, was sie Georg sagen wollte, wenn er kam, sie dachte nur: das Glück wiederhaben ... das Glück...

Leise, leise schlug der Regen an die Scheiben. Sie hörte jede Sekunde das Ticken der großen Standuhr, hörte jede Viertelstunde ihr dumpfes Schlagen.

Sie wußte nicht, wieviel Zeit verstrichen war. Ihr war es, als sei sie schon endlos in dieser weichen Dunkelheit. Da hörte sie einen Schlüssel in der Korridortüre.

Schritte näherten sich dem Zimmer — dann das Knipsen am Schalter des elektrischen Lichts — eine grelle Helligkeit, die das Dunkel zerriß, — — und Georgs Aufschrei:

„Du hier?“

Sein Gesicht war ihr nie so ehern erschienen wie jetzt.

„Du hättest das nicht tun dürfen, Monika! Warum machst Du’s uns beiden so schwer?“

„Georg...,“ würgte sie hervor.

„Kind, es ist mir so schon schwer genug geworden. Aber es ist besser so für uns beide. Ich werde mich nie in Deine Art fügen lernen, und Du Dich in meine auch nicht!“

Sie trat näher zu ihm heran.

„Aber ich will ja alles, was Du willst! Ich will ja werden, wie Du willst... glaub’ mir das! In alles kann ich mich fügen... unserem Glück zuliebe!“

Ihre Stimme, die fast versagt hatte, wurde fester; wie ein Feuer, das zuerst nur zögernd knistert und hie und da einen Funken aufleuchten läßt, bis es allmählich zur Glut wird, und zur flammenden Lohe dann — so wuchs ihre Rede. Wuchs über sie empor und über ihn, wurde das Hohelied von der Liebe — von der Liebe, die stark ist wie das Leben, stark ist wie der Tod — —!

Sie wußte selbst nicht, woher ihr die Worte kamen. Sie wußte nicht, woher sie den Mut und die Kraft nahm, ihm all das zu sagen, den letzten Schleier von ihrem Seelenleben zu ziehen, ihn alle Höhen und alle Tiefen der Liebe schauen zu lassen, der Liebe, die sie zu ihm trug...

Das waren nicht bloß Worte, die da auf ihn eindrangen und an sein kühles Herz klopften. Das war, als ob Monikas ganzes Sein sich auflöste in einen Strom, der zu ihm hinüberdrang, glühend und besiegend ...

Wie von selbst breiteten sich seine Arme auseinander und schlossen sich um das Mädchen, das sich mit einem unartikulierten Laut an seine Brust warf.

„Georg, — — Georg — — hast Du mich lieb?“

„Zu sehr, mein kleiner Schatz, zu sehr — —“

Er preßte seine Lippen auf ihren Hals und wie ein Stöhnen klang’s: „Ich komme ja doch nicht mehr von Dir los.“

Da hob sie den Kopf, und ihr Gesicht glühte von Liebe und glühte von Güte, von holdseliger, weiblicher Güte:

„Und Du sollst das nicht bereuen, mein Lieb! Ich will mich ja bessern, will mich ja nach Deinen Wünschen formen, — in allem... unserem Glück zuliebe...!“