8.
Die Folge dieses Wohltätigkeitsabends war für Monika erstens mal, daß sie ein Gedicht verfaßte, in welchem sehr viel von kalten Augen und heißen Lippen die Rede war.
Sie brachte das Gedicht selbst in die Redaktion des Leuchtturms und Doktor Waldmanns Kritik war verblüffend:
„Sie haben bisher mit Tinte geschrieben, gnädiges Fräulein, aber dieses Gedicht ist mit Herzblut geschrieben!“ — ein Urteil, das Monika zwar schmeichelte, sie aber doch zu einem lauten Gelächter veranlaßte.
Uebrigens wurden von jetzt ab ihre Besuche auf dem Leuchtturm seltener; unwillkürlich verglich sie immer wieder das ungezwungene und ungezügelte Wesen der dortigen Kunstjünger mit dem strafferen Wesen des Herrn von Wetterhelm. Der leuchtete von jetzt ab in ihren Gedanken als Stern. Aber dem „Die Sterne, die begehrt man nicht“ hatte sie nie gehuldigt. Im Gegenteil! — sie begehrte gerade die Sterne, — waren nicht jene fernen Himmelsblumen tausendmal lockender als die Blumen am Wegrand? — Wenn sie nur gewußt hätte, wie sie ihren Stern wiedersehen könne!
Bei den zwei Bällen, die Monika bald nach dem Basar mitmachte, behandelte sie ihre Tänzer schlecht. Sogar zu den Leutnants, denen sie sonst einen entschiedenen Vorzug vor dem Zivil einräumte, war sie ungnädig, — alles zu höheren Ehren ihres Sterns!
Wie unendlich freudig überrascht war sie, als sie ein paar Tage darauf diesen unerreichbaren Stern in höchsteigener Person ihr entgegenkommen sah, als sie aus dem Kursus kam.
Sie ging mit ihrer Cousine Bertha, die, als Herr von Wetterhelm grüßend vorbeigeschritten, aufs höchste interessiert fragte: „Was ist denn das für ein schneidiger Mensch?“
„Was Du immer für Ausdrücke hast,“ sagte Monika unwirsch. Sie war ärgerlich, daß sie mit Bertha zusammen ging. Vielleicht hätte ihr Stern mit ihr gesprochen, wenn sie allein gewesen wäre.
Und diese Hoffnung veranlaßte sie, sich in den nächsten Tagen beim Nachhausewege streng zu isolieren. Nach dem Schlusse des Unterrichts trödelte sie herum, brauchte unglaubliche Zeit, um ihre Mappe zu packen, und legte es darauf an, als letzte das Schulgebäude zu verlassen.
Vier, fünf Tage ging das so. Eine nervöse Erwartung spannte während der ganzen Zeit ihre Nerven an, machte sie unzufrieden und melancholisch wie nie zuvor. Aber dann kam doch ein Tag, an dem ihr wieder ihr Glück lächelte und ihr Stern.
Herr von Wetterhelm kam langsam daher, begrüßte sie gemessen. Es lag nicht in seiner Art, Empfindungen zu zeigen, und seine Beherrschtheit wirkte abkühlend auf Monika, deren ganzes Wesen aufgeflammt war, als sie den Ersehnten erblickt.
„Nun, wohl nicht sehr lange mehr bis zum Doktorexamen?“ neckte er lächelnd.
„Woher wissen Sie überhaupt, daß ich studieren will?“
„Von meiner Cousine Wetterhelm.“
„Haben Sie die denn nun endlich mit dem Besuch beglückt, um den sie bat?“
„Ja, ich mußte schon.“
„Sie scheinen alte Damen nicht zu lieben?“
„Das können Sie nicht verlangen! Alte Damen müssen schon sehr geistreich oder sehr liebenswürdig sein, um sich ihr Alter verzeihen zu lassen.“
„O je, sind Sie scharf!“
„Desto besser! Wir Deutschen sind überhaupt viel zu wenig scharf. Der Michel hat nun mal eine Anlage zur Träumerei, zum Philosophieren.“
„Und ist’s denn nicht etwas wunderbar Schönes ums Philosophieren?“
„O, wenn man es mit Maß tut... Aber es artet leicht aus. Alles mit Maß!“
„Da sind Sie schon wieder bei Ihrer Theorie von der weisen Mäßigung. ‚Die goldene Mittelstraße‘ nennt man’s, nicht wahr? Aber die ist doch unnatürlich! Die will doch die Natur selber nicht! Mäßigt sich denn etwa die Natur? — Die hat doch den Blitz und Sturm und Toben, zerschellende Weltkörper und ein Uebermaß von Blüten...“
„Wir dürfen aber nicht nur die Natur sprechen lassen. Wir müssen uns an ihre jüngere und gesittetere Schwester halten: an die Kultur!... Was sollte denn sonst aus unseren Institutionen werden, aus unserem Volke, aus unserem Staat?“
„Unser Volk... unser Staat! Als ob das wichtig wäre!... Was spielt denn das für eine Rolle in der Entwicklungsgeschichte? Ein Menschengeist kann sich doch nicht an politische Grenzen halten, kann es doch nicht wichtig finden, was aus dem Staat wird! Der floriert eben... oder geht zugrunde.. wie andere Staaten auch.“
„Feuerköpfchen, Sie sind doch noch sehr jung,“ lächelte der Konsul.
Aber lächelnde Ironie vertrug Monika nicht. Sie machte eine ihrer Lieblingsgesten: warf den Kopf ins Genick: „Diese Kritik ist keine Widerlegung meiner Ansichten; daß diese keine Berechtigung haben, werden Sie doch wohl nicht zu behaupten wagen.“
„Ich lasse jedem seine Ansichten,“ sagte er sehr kühl. „Was mich anbetrifft, so bin ich jedenfalls von der Notwendigkeit eines nationalen Bewußtseins für den Menschen vollkommen überzeugt. Ich fühle mich als Deutscher, wie meine Vorfahren es taten. Ich diene mit allen Kräften meinem Vaterlande, denn das ist meine Pflicht — und meine gern erfüllte Pflicht!“
„Pflicht!“ sagte Monika und legte die ganze bodenlose Verachtung, die sie für diesen Begriff empfand, in ihre kindliche Stimme.
„Ja, Pflicht, das Herbste und Köstlichste, was es gibt!“ sagte er. Sein schmales, rassiges Gesicht versteinerte förmlich, seine harten Züge schienen wie aus Erz gegossen.
„Ich finde: man sollte seinen Neigungen folgen, nicht seiner Pflicht. Die weite Bahn, die sich dann vor einem auftut, ist...“
„Eine schiefe Ebene.“
Sie suchte krampfhaft nach einer ebenbürtigen Entgegnung, die sie diesen drei Worten, die wie drei Dolchstiche waren, hätte entgegensetzen können. Aber ehe sie etwas gefunden, hatte sich der Ernst ihres Begleiters gemildert, ein liebenswürdiges Lächeln teilte seine schmalen Lippen.
„Aber sagen Sie, gnädiges Fräulein, ist es nicht wirklich zu unvernünftig, daß wir mit abstrakten Erörterungen dieses Wiedersehen feiern, über das ich mich so freue.“
„Ich mich ja auch...,“ sagte sie, plötzlich ganz weich und lieb. Und wie ein Hauch kam es in verräterisch scheuem Tone von ihren Lippen: „So sehr freue ich mich...“
Dann gingen sie langsam weiter. Monika machte einen großen Umweg, um nach Hause zurückzukehren.
Ob sich die Mutter inzwischen beunruhigte, war ihr ja so gleichgültig!
Die Schelte, die sie heute wegen der großen Verspätung bekam, machte ihr keinen besondern Eindruck. Wohl war es ihr unangenehm, aber schließlich: es war unwichtig, kam nicht auf gegen das Glücksgefühl, das sie durchflutete! Sie hatte ihn wiedergesehen!
Ob er wohl ihretwegen vors Gymnasium gekommen war?... Oder war es sein Weg?... War es nur ein Zufall?... Ein Gefühl von Enttäuschung wollte bei diesem Gedanken in ihr aufsteigen, aber das kämpfte sie nieder.
„Nein, nein, er kam meinetwegen! Und wenn er nicht meinetwegen kam, dann will ich’s wenigstens glauben — dann ist es gerade so süß!“...
In den Unterrichtsstunden zeichnete sie sich von jetzt ab durch völlige Geistesabwesenheit aus. Ihre Liebe verschlang jedes andere Gefühl, jeden anderen Gedanken. Wie lächerlich winzig erschienen ihr die Neigungen, die sie früher gehabt, gegenüber dem übermächtigen Gefühl, das sie jetzt durchflutete.
Uebrigens wußte sie gar nicht, was sie eigentlich an Wetterhelm so liebte. Gewiß: er war ein schöner, vornehmer Mann, aber seinen Anschauungen vermochte sie so gar keinen Geschmack abzugewinnen. Und seine ewige Gemessenheit störte sie geradezu.
Weit entfernt, sie mit Komplimenten zu überschütten, wie es andere so oft getan, blieb er gleichmäßig kühl. Auch das nächstemal, als sie ihn traf — sieben lange Tage hatte sie umsonst darauf gehofft — und er wieder neben ihr herschritt.
„Lange nicht gesehen,“ sagte Monika mit erkünsteltem Gleichmut.
„Ich hatte dienstlich viel zu tun.“
„Bleiben Sie noch lange in Berlin?“
„O nein, ich hoffe bald einen vernünftigen überseeischen Posten zu bekommen, recht bald.“
„So...?“
„Recht bald“ hatte er gesagt... also: ihn hielt nichts in Berlin... gar nichts!
Aufsteigende Tränen verdunkelten Monikas Blick. Sie sprach kein Wort.
Also, er „hoffte“ recht bald wegzugehen — dann war ihr überhaupt alles gleichgültig!
Alles... und wenn die Welt einstürzte...
Und sogar das war ihr gleichgültig, daß plötzlich, kaum auf fünfzehn Schritt Entfernung, Heinzemännchen daherkam!
Der zuckte überrascht zusammen, als er des Paares ansichtig wurde, dann drehte er, ohne gegrüßt zu haben, um und rannte spornstreichs den Weg nach Hause zurück, den er eben gekommen...
Natürlich würde er nun „petzen“.
Aber mochte er nur — es war ja alles, alles gleichgültig, wenn Georg von Wetterhelm jetzt fortging und sie ihn nicht mehr wiedersah!
Es war, als ob jeder Tropfen Blut in ihr erstarrte.
„Was Sie für kalte Hände haben,“ sagte beim Abschiedshändedruck der Konsul. In seiner Stimme klang dabei eine heimliche Zärtlichkeit.
Aber das merkte sie gar nicht mehr in der eisigen Hoffnungslosigkeit, die über sie gekommen.
Der Empfang zu Hause war noch schlimmer, als Monika ihn sich gedacht. Die Baronin rang die Hände. Hatte sie das um Monika verdient? Daß Monika sich von einem Herrn begleiten ließ, von einem ihr gänzlich unbekannten Herrn, von dem Heinzemännchen überhaupt nicht wußte, wer er sei!
„Es war mein Mathematiklehrer, Professor Herrmann war’s,“ sagte Monika kalt.
Aber wie ein Racheengel richtete sich Heinzemännchen in seiner ganzen, schlaksigen Höhe auf. „Das war kein Mathematiklehrer — das war ein Gentleman!“ sprach er mit Donnerstimme. „Und soll ich Dir sagen, was das Ganze war? Das war ein Rendezvous!“
Er ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen.
„Monika,“ sagte er, und seine Stimme kickste über, „hast Du denn gar nicht an mich gedacht?“
„O nein,“ sagte Monika höflich.
„Hast Du nicht daran gedacht, daß seit Papas Tode die ganze Verantwortung auf meinen Schultern ruht? Daß Du mir das antun kannst, Monika...“
„O, mein Geliebtes,“ rief Frau von Birken, indes sie ihren Sohn an sich zog, „rege Dich nicht auf, mein Geliebtes! Es kann Dir schaden!... Aber recht hast Du, das kann ich nicht anders sagen!... Monika, es ist unerhört von Dir! Dies Betragen geht über alle Grenzen hinaus... Du bist ein verlorenes Geschöpf, Monika!... Von einem Herrn läßt Du Dich begleiten auf dem Nachhausewege, statt von Deiner Cousine Bertha!... Die würde ihrer Mutter so etwas nicht antun!... Warum habe ich von allen Müttern gerade das Unglück? Aufgeopfert habe ich mich für Euch, mein ganzes Leben hindurch, und das ist nun der Dank!... Monika, wie kannst Du Dich so benehmen? Wo hast Du je ein solches Beispiel vor Augen gehabt? Habe ich je so etwas getan?“
Monika zuckte mit den Achseln.
„Was? Du zuckst mit den Schultern? Willst Du damit sagen, daß ich je so etwas getan hätte?... Monika, nie hättest Du mir das antun können, wenn Du auch nur einen Funken von meinem Gemüt geerbt hättest...“
Sie unterbrach sich, denn ihre Tochter war aufgestanden, ging wortlos aus dem Zimmer; gleich darauf hörte man, wie sie sich im Schlafzimmer einschloß.
Ein fassungsloser Schmerz schüttelte ihren jungen Körper: sie hatte selbst nicht gewußt, mit welch elementarer Leidenschaft sie jenen schönen, kühlen Mann liebte. Immer wieder rang sich ihre Vernunft dazu durch, ihr zu sagen: Du kennst ihn ja kaum... Was kann er dir sein?... Was geht es dich an, ob er abreist?... Aber wenn sie an sein Fortgehen dachte, krampfte sich ihr Herz immer von neuem in rasendem Schmerz zusammen; immer von neuem zuckte sie in gewaltsam unterdrücktem Schluchzen.
Und nichts tun zu können, um das Glück zu erzwingen! — Nichts tun zu dürfen, um das Glück festzuhalten — nichts!
Uralte Satzung und auch ihr eigenes weibliches Gefühl verdammten sie zu stummem Warten.
Warten!... Nichts weiter!... Hoffend und fürchtend warten, ob das Glück kommt in seiner Sonnenpracht — oder ob es am Horizont ihres Lebens nur ferne vorüberleuchten würde, wie ein fallender Stern.
Sie litt so sehr unter diesem nagenden Zweifel, daß ihr sonstiger Uebermut wie weggeweht erschien.
Herr von Wetterhelm, der sie nach einigen Tagen wieder in der Nähe des Gymnasiums erwartete, fand sie verändert, blasser als sonst, einen schmerzlichen Zug um den schönen Mund, ihr ganzes Wesen von einem Hauch von Nervosität durchtränkt, den es sonst nicht gehabt.
Auf seine Fragen antwortete sie ausweichend. Er gab sich wärmer als sonst. Dieses tragische Gesichtchen erweckte Beschützergefühle in ihm.
„Soll ich morgen um dieselbe Zeit wieder hier sein?“ fragte er.
Sie zögerte mit der Antwort. Dann endlich:
„Mein Bruder hat mich neulich mit Ihnen gesehen, und ich habe Schelte bekommen.“
Eine Blutwelle stieg ihm ins Gesicht. „Das ist auch ganz richtig. Es ist auch nicht korrekt von mir. Ich wollte Sie schon sowieso um die Erlaubnis bitten, bei Ihrer Mutter Besuch machen zu dürfen. Wann empfängt sie?“
„O, Mama hat gar keinen jour,“ sagte Monika verlegen. Sie fand die Aussicht, ihren Freund bei sich zu Hause begrüßen zu können, durchaus nicht beglückend... Da war Mama und die Jungen, die so auf sie aufpaßten. Und man würde nie über ein vernünftiges Thema sprechen können... Und jeder Blick würde beobachtet werden... Und dann: zu Hause war es gar nicht mehr elegant. Man war sehr zurückgegangen seit den Sarkower Tagen. Nicht mal einen Diener hatte man, bloß so ein dummes „Mädchen für alles“... Gewiß würde der Haushalt den Konsul sehr enttäuschen. Wer weiß, wie verwöhnt er war!...
So schwieg sie, statt eine Antwort zu geben.
Und schauderte doch zusammen vor Glück, als er sagte:
„Ich komme übermorgen um eins.“
Zu Hause gelang es ihr, den bevorstehenden Besuch als ganz gleichgültige, gesellschaftliche Förmlichkeit hinzustellen. Sie sagte, daß Frau von Wetterhelm ihr diesen Vetter auf dem Basar vorgestellt, sie habe ihn neulich zufällig auf der Straße getroffen, und er habe gesagt, daß er diesen Sonntag Besuch machen wolle.
Die Baronin war von dem Besucher nicht sehr entzückt. Er war ihr zu förmlich gewesen. Eine knappe Viertelstunde hatte er im Salon gesessen, und während dieser Viertelstunde hatte Frau von Birken das unangenehme Gefühl, daß er auf die abgestoßene Ecke des schwarzen Tisches sah, und wenn er mal die Augen wo anders hinwendete, so blickte er entschieden suchend auf den fehlenden Henkel der blauen Sèvresvase.
Monika hatte still wie eine Puppe auf ihrem Stuhl gesessen und kaum die Augen aufgeschlagen. Sie war im Banne der brüderlichen Ueberwachung. Alfred, der sonst an Sonntagen spurlos verschwand, war zu Hause geblieben, und Heinzemännchen, der einen endlos langen schwarzen Gehrock trug, den er sich angeschafft hatte, um würdiger und älter zu erscheinen, bewachte sie wie ein Höllendrache. Kurz: Monika war ehrlich unglücklich, als Wetterhelm sich verabschiedet.
Sie spähte hinter den heruntergelassenen Stores hindurch, um ihn noch einmal zu sehen. War’s Einbildung — oder ging er wirklich nicht ganz so straff wie sonst — den Kopf wie gedankenverloren ein wenig gesenkt?
In der Tat war es ein intensives Nachdenken, das Georg Wetterhelm erfüllte, ein Zwiespalt von Gedanken und Gefühlen.
Sein Leben war bisher in so glatten Bahnen verlaufen, er hatte nach dem Programm gelebt, das er sich selbst von seinem Leben entworfen. Er hatte seine Examina gut bestanden, war Rittmeister der Reserve bei den Garde-Ulanen; seine Gesundheit war ausgezeichnet, seine Vermögensverhältnisse rangiert. Er hatte gute Zukunftsaussichten, hoffte, später in die Diplomatie übernommen zu werden. Er hatte die Absicht, seine Konnexionen durch eine passende Heirat zu verstärken.
Und nun sollte sein Lebensplan aus der Ordnung gebracht werden durch so einen süßen Wildfang, durch dieses hübsche, geistreiche, ungebärdige Persönchen, das neulich auf dem Basar sein kühles Wesen ganz mit Glut erfüllt. Sie hatte ihm einen Eindruck gemacht, wie er sich kaum erinnerte, ihn je empfangen zu haben. Und doch entsprach sie auch nicht im mindesten dem Bilde, das er sich in Gedanken von seiner zukünftigen Lebensgefährtin gemacht. Er fand sie zu jung, zu ungezügelt, mit einem bedenklichen Hang, eigene Wege zu gehen.
Er hatte sich das alles gleich nach ihrer ersten Begegnung gesagt, aber die Wirkung, die sie auf ihn gehabt, war eine zu mächtige gewesen.
Vorläufig war noch kein Wort gefallen, das ihn an sie band — noch kein Wort, das überhaupt seine Gefühle verraten hätte. Aber sich selbst hatte Wetterhelm längst gestanden, daß er sie liebte.
Freilich... ob es nicht besser war, dieser Liebe nicht nachzugeben? Abreisen und den Weg zu gehen, den er sich vorgezeichnet...
Schließlich, es war ja zu dumm, daß ein nettes Mädel einfach seine ganzen Zukunftspläne verändern sollte! Er war doch kein törichter junger Mensch mehr, sondern ein zielbewußter, ernster Mann.
Und dieser Besuch, den er eben gemacht, war nicht dazu angetan gewesen, seine Heiratspläne zu fördern. Gegen den Namen war ja nicht das mindeste einzuwenden. Die Birkens waren Uradel wie die Wetterhelms. Aber dieser Birkensche Haushalt, den er eben kennen gelernt, hatte so gar nichts mit der Durchschnitts-Lebensführung einer deutschen Aristokratenfamilie zu tun!
Monikas Mutter schien recht freien Anschauungen zu huldigen, was sich schon aus der Art erhellte, in der die halbwüchsigen Söhne die Konversation führten. Und auch die Idee mit Monikas Studium lag Wetterhelm gar nicht.
Nein, eine solche Heirat würde ein dummer Streich sein. Und sehenden Auges einen dummen Streich machen, das tat man nicht, wenn man Georg Wetterhelm war.
Also zusammennehmen! Nicht mehr an die beiden strahlenden Augen denken, die so aufleuchteten, wenn sie ihn sahen! Nicht mehr an die helle, kindliche Stimme denken, die mit so heißer Begeisterung reden konnte! Die ganze Episode mußte abgetan und vergessen sein.
Und der Konsul richtete sich auf, so straff wie sonst: Die Episode war aus und vorbei.
Und darum war es ganz überflüssig, daß Monika es immer so absolut darauf anlegte, als Letzte aus dem Kursus zu kommen und ganz allein zu gehen. Sie sah die hohe Gestalt des Ersehnten nicht mehr.
Sie war unglücklich wie nie zuvor. Nachdem sie neulich erst so verzweifelt gewesen, war ihr dieser nochmalige Sturz in die Hoffnungslosigkeit zu viel! Ihre Nerven begannen ernstlich zu leiden.
Sie, die so sehr daran gewöhnt war, ihren Willen durchzusetzen, mußte nun tatlos und machtlos die Zeit verstreichen sehen.
Sie hegte die abenteuerlichsten Gedanken, wie sie sich dem Geliebten nähern könne. Aber es blieb bei Gedanken! Die Rücksichtslosigkeit, die sie sonst entfaltete, wenn es galt, ihren Willen durchzusetzen, ließ sie völlig im Stich.
Zum ersten Male wurde Monika schüchtern. Das Burschikos-Jungenhafte, das sie oft gehabt, wich einer verträumten Schwermut.
Zum ersten Male war eine große Sehnsucht über ihr und ließ ihre Nerven erzittern wie Harfensaiten unter tastenden Fingern. Wieder und wieder durchlebte sie im Geiste jede Sekunde, in der Georg Wetterhelm sie angeblickt oder mit ihr gesprochen. Sie durchlebte immer wieder die selige Freude, die sie gehabt, wenn in seine kalten, grauen Augen ein wärmerer Schimmer gekommen. Sie sehnte sich nach ihm, sehnte sich jede Minute und jede Sekunde.
Und fühlte nichts mehr als diese Sehnsucht.
Als ihre Mutter Wetterhelm eine Woche nach seinem Besuche zum Tee gebeten, war eine höfliche Absage erfolgt. Und ans Gymnasium kam er auch nicht mehr. Es war aus! Zwei Wochen waren nun schon verstrichen.
Vielleicht war er gar nicht mehr in Berlin.
Eine verzehrende Angst packte Monika bei diesem Gedanken. Dann kam ihr die Idee: vielleicht wußte das Frau von Wetterhelm, ihre dame patronesse vom letzten Basar. Zu der mußte sie hin. Dies konnte sie auch ganz unauffällig, denn sie hätte ihr schon längst mal wieder einen Besuch machen müssen.
Frau von Wetterhelm war zu Hause und empfing Monika in ihrem, mit japanischem Krimskrams überladenen Boudoir. Sie war überaus freundlich. Wirklich zu nett, daß man zu so einer langweiligen, alten Frau käme, wie sie doch eine wäre!... Nein: keine Widerrede... Sie wisse, daß sie langweilig sei, habe doch nun mal keinen Geist aufzubieten, was entschieden die Schuld ihres Großvaters mütterlicherseits sei, der wirklich ganz auffallend unbegabt gewesen sein solle. — Aber wenn sie selber auch leider dumm sei, so wisse sie doch Geist bei anderen zu schätzen, und darum sei ihr Monika besonders herzlich willkommen! Denn Monika sei hervorragend geistreich! Allein die Tatsache, daß sie das Mädchengymnasium besuche, spräche Bände! Außerdem habe ihr Vetter Georg Monika auch direkt „geistvoll“ gefunden.
„Sehen Sie Ihren Vetter öfters?“ fragte Monika mit gewaltsam gespielter Gleichgültigkeit.
„Leider nein. Eine langweilige, alte Frau wie ich kann das ja auch nicht verlangen! Aber gerade heute erwarte ich Georg. Er muß bald kommen. Ich hörte nämlich, daß er demnächst abreist, und da schrieb ich ihm, daß er mich besuchen solle in wichtiger Angelegenheit! Ihnen, meine liebe, kleine Freundin, kann ich’s ja sagen, Sie sind ja diskret. Ich will mit Georg über eine junge Dame reden, die wirklich eine fabelhaft gute Partie ist! Es handelt sich um...“
„O bitte, keinen Namen,“ unterbrach Monika hastig, „das sind so interne Angelegenheiten, gnädige Frau. Ich möchte wirklich nicht...“
„Aber ich bitte Sie, ich sag’s Ihnen ja gern.“
„Ueberdies muß ich fort. Ich bin mit Mama bei unserer Schneiderin verabredet.“
Sie hatte sich erhoben, ihr zitterten die Hände. Nur fort! Nur ihn nicht treffen, der sie verschmähte! Der Zeit fand, hierher zu kommen, und den Weg zu ihr vergessen hatte! Nur fort!
Nach hastigem Abschied eilte sie die Treppen hinunter, der Haustür zu. Da wurde diese von außen geöffnet. Georg Wetterhelm trat ein.
Monika vermochte einen Aufschrei nicht zu unterdrücken. Aber sie faßte sich rasch. Er sollte nicht glauben, daß sie gewußt, daß er heute hierherkam. Daß sie etwa darum hier sei!
So tauschten sie denn ein paar konventionelle Redensarten, dann hielt sie ihm abschiednehmend die Hand hin. Aber er sagte: „Ich begleite Sie ein Stück.“
Er rief den Portier und trug ihm eine Entschuldigung an Frau von Wetterhelm auf; selbst in diesem Augenblicke, wo das Zusammentreffen mit Monika ihn so erschütterte, ließ er eine Höflichkeitspflicht nicht außer acht.
Sie gingen nebeneinander her, auf einem Fußpfade im Tiergarten, dessen Bäume und Sträucher ein erstes knospendes Grün zeigten. Der feuchte und herbe Duft des Vorfrühlings lag in der Luft und stieg aus der feuchten Erde.
Monika war das Herz so schwer; sie sprach gar nicht, ging, den Blick geradeaus gerichtet, neben ihrem Begleiter, der heute auch auffallend wortkarg war.
Endlich sagte er: „Ich reise bald fort.“
Monika erwiderte darauf nichts; sie preßte ihre Fingernägel in die Handflächen, daß sie ins Fleisch drangen, suchte durch diesen körperlichen Schmerz den seelischen zu übertäuben, der in ihr stürmte.
„Ich hatte die Absicht, Ihnen noch Adieu sagen zu kommen,“ sagte Wetterhelm.
Aber gleich darauf veränderte sich der kühle Ton seiner Stimme: „Nein, es ist nicht wahr. Ich wollte nicht mehr kommen. Ich wollte Sie nicht mehr sehen...“
Da hob sie den Kopf zu ihm empor. Die Tränen, die schon so lange in ihren Augen gezittert, rannen nun an ihren langen, tiefdunkeln Wimpern herab, rannen in großen Perlen über die weich gerundeten Wangen.
Und bei diesem Anblick brach in Georg von Wetterhelm sein „Lebensprogramm“ zusammen.
Nicht denken jetzt... nur dieses süße, unglückliche Gesichtchen küssen... dieses schöne, warmherzige Geschöpf in die Arme nehmen... und ihre glühende Jugend fühlen... und ihre glühende Liebe...
„Liebling!“
Er riß sie in die Arme, hielt sie fest umfangen wie mit Eisenklammern, hielt sie fest an sein Herz gepreßt und küßte immer wieder die bebenden roten Lippen, die so herzbewegend stammelten: „Geh’ nicht fort... ach, geh’ doch nicht fort...“
„Nicht ohne Dich, mein Lieb!“
„Ist’s wahr?“ Das war wie ein Jubelschrei.
Mit beiden Armen umschlang sie seinen Hals, trank mit geschlossenen Augen seinen Atem, der herb und frisch duftete wie die Frühlingserde ringsumher.