2.
Monika fügte sich besser in die Hausordnung, als man es nach dem ersten wilden Tage erwarten durfte. Sie war von überquellender Herzlichkeit zu ihrer Tante, die sie sehr liebte, weil sie sie so schön fand.
Mit dem Onkel stand sie auf einem lustigen Neckfuß: nur mit Marie konnte sie zu keinem wärmeren Tone gelangen. Marie verhielt sich allem Entgegenkommen Monikas gegenüber durchaus ablehnend. Sie hatte eine instinktive Abneigung gegen das vollsaftige junge Geschöpf mit dem heißen Hirn und dem heißen Herzen.
Die Cousinen sahen sich selten allein. Nur wenn Marie mal irgendein Anliegen an Monika hatte, bat sie sie in ihr Wohnzimmer. Und Monika tat ihr gern jeden Gefallen.
Uebrigens beneidete Marie die Cousine nicht etwa um ihre kleinen Talente. Sie sah auf Monika herab mit der ganzen Sicherheit, die die feste Position ihres Vaters ihr gab, und fühlte sich als einziges Kind des sehr wohlhabenden Herrn von Holtz dazu berechtigt, Ansprüche an ihre Zukunft zu stellen.
Sie betrachtete Monika als tief unter sich stehend, gleichsam ausgeschieden aus den Reihen der guten Gesellschaft in ihrer Eigenschaft als Tochter einer vermögenslosen Witwe.
„Du wirst natürlich Dein Lehrerinnen-Examen machen,“ sagte sie ihr.
„Ich denk’ nicht dran!“ trotzte Monika.
„Na, was sollst Du denn sonst tun? Deinen Lebensunterhalt mußt Du Dir doch mal verdienen und für ein Mädchen aus unseren Kreisen gibt es doch keine andere mögliche Erwerbsart.“
„Ich könnte doch Schriftstellerin werden; die sollen ja so ’ne Menge Geld für Romane kriegen,“ warf Monika ein.
Marie stimmte ein Hohngelächter an:
„Ach, mach’ Dich doch nicht lächerlich. Schriftstellerin! — Als ob das so leicht wäre! Denkst Du, mit Deinen paar Verschen ist sowas zu machen? Du und Schriftstellerin!“
„Will ich auch gar nicht! Hab’ ich eben bloß so gesagt. Ich bin viel zu hübsch, um Schriftstellerin zu werden! Ich heirate einen Prinzen und lade Dich zur Hochzeit ein, obwohl Du es nicht um mich verdient hast.“
„Rede doch kein Blech!“ Marie wurde nun im Ernst ärgerlich.
Aber Monika ließ sich nicht stören.
„Sollst mal sehen: einen Prinzen! Einen mit blauen Augen und weißblonden Haaren und einem süßen, kleinen Schnurrbärtchen, so wie ein Bürstchen geschoren. Riesig groß muß mein Prinz sein und ganz schlank und wahnsinnig elegant. So hohen Stehkragen und als Krawattennadel eine Perle für zehntausend Mark!“
Nach diesem Trumpf trat Monika einen beschleunigten Rückzug an, da Marie in einen bedenklichen Grad von Wut geraten war.
Marie rächte sich dann auch grausam für Monikas „Größenwahn“, als an diesem Tage die Nachmittagspost die Journalmappe brachte.
Monika fand Marie behaglich ausgestreckt auf dem Teppich liegen, die zweiundzwanzig verschiedenen Journale malerisch um sich herumgruppiert.
Monika legte sich sofort auch bäuchlings auf den Teppich und pürschte sich langsam und vorsichtig an ihre Cousine heran.
„Du, Mariechen...“
Ein kühler Blick ward ihr zuteil.
„Du wünschest?“
„Würdest Du mir vielleicht erlauben, daß ich auch was davon lese?“
„Nein.“
„Nur, was Du schon gelesen hast.“
„Bedaure.“
„Ach, sei doch nicht so! Ich möchte doch so sehr gern. Gib mir bloß irgendeine ganz kleine Zeitschrift!“
„Nein.“
„Und warum nicht?“
„Weil man einem Mädchen von Deinen Anlagen keine Romane in die Hand geben darf.“
Aufseufzend ging Monika hinaus.
„Alter Zeitungstiger!“ rief sie ihrer Cousine noch zu, die sich aber dadurch nicht stören ließ, sondern weiter in ihren Zeitschriften schwelgte.
Monika saß indessen mit bitteren Gefühlen in ihrem Zimmer und rauchte eine dem Onkel „gestriezte“ Zigarette.
Die schlechte Behandlung weckte wieder alle ihre oppositionellen Instinkte, die jetzt mehrere Tage lang geschlummert hatten.
Ein kühner Griff nach der geliebten Pelzmütze, und gleich nachher lief Monika eilfertig ins Dorf hinunter.
Zuerst fünf Minuten hinein zur Liese, die sie mit lärmender Freude begrüßte und tiefunglücklich war, daß Monika „nur auf so ein Augenblickchen“ gekommen war.
„Ich will zu Doktor Rodenberg, Liese. Tante läßt mich nicht hin, obwohl ich ihr gesagt habe, daß ich ihm Grüße von Mama bringen soll.“
„Na, denn lauf’ man hin, Monchen. Dem Doktor is die Freude zu gönnen, daß er Dir mal sieht. Lange leben tut der nich mehr, der sauft sich ja zu Tod!“
„Pfui, Liese, wie kannst Du sowas sagen! Der sauft gewiß nicht. So ’n superiorer Mensch wie der Doktor!“
„So ’n was?“
„Ach, das verstehst Du doch nicht. Nun gib mir schnell noch ’n Kuß und komm bald mal zu uns. Tante hat gesagt, wenn ich Dich sehen wollte, müßtest Du mich besuchen und nicht ich Dich. Also komm bald. Ja?“
Die Liese brummte etwas vor sich hin, was nicht gerade eine Schmeichelei für Frau von Holtz bedeutete, und sah Monika dann nach, die die Dorfstraße weiterstürmte.
Immer geradeaus, bis es rechts und links keine Bauernhäuser mehr gab und endlos sich die verschneite Landstraße dehnte.
Auf freiem Felde lag Doktor Rodenbergs kleines Haus. Ein häßliches Haus war’s aus roten Ziegeln. Auf der Haustür ein Schild, das anzeigte, wann der Dr. med. Ernst Rodenberg seine Sprechstunden abhielt.
Monika riß heftig an der Klingel, die mit wahrhaft ohrenbetäubendem Lärm anschlug.
Eine große, hagere Greisin öffnete die Tür.
Die sonderbar geformte weiße Haube auf ihrem Kopf gab ihr etwas Nonnenhaftes. Ihr Gesicht sah aus, als habe es einer der primitiven Meister des Mittelalters aus Holz geschnitzt. In ihren hellgrauen, gleichsam verblaßten Augen war der Ausdruck eines steinernen Schmerzes.
„Den Doktor wollen Sie sprechen? Ja, mein Sohn ist hier.“
Sie öffnete eine Tür. Ein Geruch von Jodoform quoll Monika beißend entgegen.
Der Doktor saß an seinem Schreibtisch und drehte sich nicht um, als Monika eintrat und die Tür hinter sich ins Schloß drückte.
„Herr Doktor...“
„Ja, sofort.“
Er schrieb noch ein paar Augenblicke, dann wendete er sich um und musterte erstaunt das junge Mädchen.
„Doktor, wer bin ich?“ fragte sie strahlend.
„Gott, die Mone!“ rief er, „die Mone...“
Mit zwei Schritten war er bei ihr und schüttelte ihr die Hände.
„Wie lieb, daß Du gekommen bist! — Daß Du hier bist, habe ich im Preußischen Adler schon gehört, aber ob Du herkommen würdest...“
„Na ob,“ sagte Monika und blickte ihm lachend ins Gesicht.
Sie sah jetzt erst, wie verändert dieses Gesicht war. Die früher so schönen Züge begannen zu verfetten und ein trüber Glanz glomm in den dunkeln Augen.
Seine Musterung dagegen fiel äußerst befriedigend aus.
„Hübsch bist Du geworden, Mone, und wirst noch hübscher sein in drei Jahren.“
Er betrachtete sie genau in dem hellen Nachmittagslicht.
„Von der Mama hast Du gar nichts. Das ist der Vater, das ist Birkenscher Wuchs: die breiten Schultern und die schmalen Gelenke. Und auch das Birkensche Gesicht. Nur nicht so kalt siehst Du aus wie die alle... Die Wärme, Mone, die Wärme hast Du doch von der Mama.“
Das war ein Fragen und Antworten, ein Plaudern und Lachen hin und her.
Die steinerne Mutter, die hereinkam, um Tee zu bringen, bekam einen förmlichen Schreck vor Erstaunen.
Wie lange war es doch her, daß ihr Sohn nicht mehr gelacht!
Monika schwelgte in „Jugenderinnerungen“.
„Lieber Doktor, da ist gar nichts zu lachen. Ich erhalte das aufrecht: Jugenderinnerungen! Es sind ja ganze sechs Jahre, daß ich Sie nicht mehr gesehen habe. Ich war ein Gör von zehn Jahren, als wir von hier wegzogen.
Lieber, lieber Doktor, wissen Sie noch, wenn Sie mich jeden Morgen zum Spazierengehen abholten. Ach, war das schön, wenn Sie mich jede Pflanze kennen lehrten und jeden Stein, jeden Käfer und jeden Schmetterling. — Aber das schönste war doch, wenn Sie mir erzählten: Trojas Untergang oder von Siddharda, dem indischen Königssohn. Oder vielleicht war die germanische Mythologie doch noch schöner. Ach, Baldurs Tod oder wie Schwanhild von den gotischen Rossen zerstampft wurde. Und die Götterdämmerung. — Ich kann Ihnen ja nie genug für das alles danken. Das sind die stärksten Eindrücke meines Lebens gewesen. Ich glaube, so ein nagelneues, taufrisches Kindergehirn nimmt die Eindrücke wohl am allerschärfsten auf. Ja?“
„Ach, Du kleine Weisheit. — Na, und wer ist inzwischen Dein Lehrmeister gewesen?“
„Niemand,“ seufzte Monika. „Der Papa hat sich ja nie für solche Sachen interessiert, und die letzten Jahre war er ja auch so krank, der arme Papa. Und Mama, ach, der bin ich ja schon lange über den Kopf gewachsen.“
„Du Gelbschnabel.“
„Doktor, es ist doch wahr! Die Mama ist eine liebe, süße Frau! Aber sie ist so kindisch!“
„Wirst Du wohl nicht so despektierlich reden, Du Racker! Das glaube ich schon, daß sie Dich nicht klein kriegt!“
„Nein, und in der Schule haben sie mich auch nicht klein gekriegt. Seit Oktober mit der Ia durch, Doktor, ein Jahr jünger als alle andern und prima omnium natürlich. Das wundert Sie doch nicht, alter Mentor? Mama hat mir oft genug erzählt, daß Sie mich schon im zarten Kindesalter für „geistig abnorm begabt“ erklärt haben. Inzwischen hat sich das ja etwas ausgeglichen und es gleicht sich wohl noch weiter aus. Wenn ich heirate, werde ich wohl einen normalen Geist aufzuweisen haben, und wenn ich silberne Hochzeit feiere...“
Der Doktor lachte Tränen.
„Mone, Du warst immer eine Perle und das bist Du geblieben.“
Als das junge Mädchen gegangen war, verfiel Rodenberg wieder in das stumme Brüten, das er sich in den letzten Jahren angewöhnt hatte.
Seine Gedanken flogen zurück in die Zeiten, von denen Monika gesprochen.
In der geistigen Vereinsamung, in der er hier immer gelebt, war es ihm geradezu ein Genuß gewesen, die empfängliche Kindesseele zu bilden, Monikas auffallend früh entwickeltem Geiste stets neue Nahrung zu geben. Mit dem Interesse des Arztes und Forschers hatte er beobachtet, wie gierig das Kinderhirn jeden Eindruck verarbeitete, wie jedes Wort auf fruchtbaren Boden fiel.
Für den Doktor war es ein Schlag, daß Birkens fortzogen. Es wäre ihm eine wahrhafte Freude gewesen, Monika auch fernerhin geistig zu formen. Auch war das Birkensche Haus das einzige, in dem er verkehrte. In seinem öden Leben war die strahlende Freundlichkeit der Baronin Birken ein Lichtpunkt gewesen.
Die lebhafte, hübsche Frau mit der unnatürlich schlanken Taille und der kunstvollen Frisur hatte eine ausgesprochene Vorliebe für den Doktor.
Sie war liebenswürdig, kokett, sehr kapriziös, dabei ohne jede Energie — ein schlankes, schwankes Schilfrohr.
Es hatte mal eine Zeit gegeben, wo sie dem Herzen des Doktors gefährlich gewesen war. Ein paar unvergessene Sommerabende auf des Herrenhauses Terrasse, während vom Park herauf der Flieder duftete.
Ja, so hatten die Fliederbüsche wohl nie wieder geblüht wie in dem Jahre — in so lastender Fülle — und so betäubend hatten sie wohl nie mehr geduftet wie damals.
Baron Birken war, wie so oft, bei „seinem“ Regiment in Hahndorf gewesen. Und der Doktor las auf der Terrasse Frau von Birken vor: Mirza Schaffys Gedichte.
Er hatte die heißen Worte gesprochen, wie man nur sprechen kann, wenn man liebt!
Und ihre Augen schienen Antwort zu geben auf all seine stummen Fragen...
Eine trunkene Hoffnung schwellte in diesen Tagen des Doktors ganzes Sein.
Nicht lange nachher wurde er zu einem Gartenfest nach Sarkow geladen. Da sah er, daß die hübsche Schloßherrin, wenn sie mit Kerkow von den Hahndorfer Dragonern sprach, genau ebenso liebevoll und verständnisinnig aussah wie an jenen Abenden, als der Flieder blühte.
Und als der schöne Schmettwitz erschien, hatte sie nur für dessen Hünenfigur noch Augen und strahlte förmlich vor Glück, als sie mit ihm die Polonäse schritt.
Der Doktor überwand die Enttäuschung schnell und freute sich nun nach Ueberwindung der sentimentalen Krise, ohne Nebengedanken des freundlichen Empfanges, dessen er auf Sarkow immer gewiß war. Der Hausherr war ein brillanter Gesellschafter, und Frau von Birken legte beim Erscheinen des Doktors regelmäßig eine Freude an den Tag, als ob sie einen geliebten Freund nach langjähriger Trennung wiederfände.
Sie war dann in reizender Weise um den Doktor besorgt, besonders in kulinarischer Beziehung leistete sie Ueberraschendes. Jedesmal gab es eine ganze Reihe ausgezeichneter Gerichte, deren Zubereitung sie womöglich selbst überwachte.
So oft es ihr ihr Gatte, der diese Art sehr unvornehm fand, auch verboten, sie fand doch immer wieder „ein Momentchen“, um in die Küche hinunterzulaufen und dort der Bertha, der in Birkens ganzem Bekanntenkreise berühmten alten Bertha, nochmals einzuschärfen:
„Aber recht viel Schmand an die Sauce, Bertha,“ oder „daß mir die Kaulbarsche bloß nicht zu lange kochen.“
Bertha pflegte diese Ermahnungen nur mit einem verachtungsvollen: „Weeß ich alleene!“ zu beantworten.
Ja, als der Doktor einmal krank war und sich recht verlassen und elend fühlte, allein in seinem Hause mit einer bäuerlichen Aufwärterin, hatte Frau von Birken ihm täglich alle Mahlzeiten hinausgeschickt und sich, was die Menüs anbetraf, geradezu selbst überboten.
Daß ihre Gefühle nicht nur im Materiellen wurzelten, bewies sie sowohl durch die Blumensträuße, die sie den nahrhaften Gaben beifügte, als auch durch die ausgewählten Büchersendungen.
Ja, sie war schon eine liebe Frau.
Und sie blieb sich gleich.
Man konnte kein Aelter-, kein Reiferwerden an ihr konstatieren.
Sie hatte ihre backfischhafte Koketterie noch, als die Kinder heranwuchsen, als Alfred schon ein großer Quintaner war und Monika schon den Trojanischen Krieg in unleugbar talentvollen Versen besang.
Ja, Monika! — Die war wohl des Doktors reinste Freude gewesen. Die anbetende Bewunderung und das grenzenlose Vertrauen, das sie ihm entgegenbrachte, ihr glühendes Miterleben, wenn er ihr von den uralten Märchen der Menschheit sprach, wenn sie bittere Tränen vergoß um das Schicksal des männermordenden Peliden oder selig strahlte über eine gelungene List des edlen Dulders Odysseus.
Mit der Freude, die ein Gärtner hat, wenn an einer von ihm gezogenen Pflanze eine neue Knospe sprießt, war er ihrer Entwicklung gefolgt.
Aber schon als sie zehn Jahre alt war, hatte der Birkensche finanzielle Zusammenbruch, der die Familie veranlaßte, nach Berlin zu gehen, Monika seinem Einflusse entzogen.
So wie er sie heute wiedergesehen, versprach sie viel für die Zukunft, versprach, körperlich und geistig ein Edelexemplar zu werden.
Wieviel sie davon halten würde?
Ein müdes Zucken hob die Schultern des Doktors.
Er hatte schon zu viele schöne Knospen gesehen, die gar vulgäre Blumen wurden.
Und dann — es war ja schließlich gleichgültig — es war ja alles so gleichgültig.
Mit müder Gebärde schenkte er sich aus der Rumflasche ein und blies in dichten Wolken den Qualm seiner billigen Zigarre vor sich hin. —
Als Monika zu Hause ankam, ziemlich beunruhigt, wie diese neue Durchgängerei wohl aufgenommen werden würde, kam sie zu ihrer großen Freude völlig unangefochten in ihr Zimmer.
Sie war eben daran, mit einigen energischen Bürstenstrichen ihr zerzaustes Haar zu ordnen, als Auguste, das sechzehnjährige Abwaschmädchen, das eine besondere Zuneigung zu Monika entwickelte, hereinpolterte.
Sie erzählte in dem besten Deutsch, das sie aufzubringen vermochte, daß bei der Gnädigen Besuch aus Hahndorf sei und sie und Fräulein Marie und die Gäste eben im Salon Kaffee tränken.
„Hat Tante schon nach mir gefragt?“ sagte Monika hastig.
Auguste bejahte, fügte aber mit verschmitztem Grinsen hinzu, sie habe dem Diener gesagt, Fräulein Monika sei in den Ställen und werde wohl sofort wieder hereinkommen.
„Schönen Dank, Auguste. Und jetzt hilf mir mal die Bluse zuhaken.“
Mit Blitzgeschwindigkeit hatte Monika eine andere Bluse übergeworfen.
Besuch aus Hahndorf! Also jedenfalls Dragoner! — —
Um so enttäuschter war sie, als sie im Salon nur Damen fand.
„Ach, Monika, ich ließ Dich schon herbitten,“ sagte die Tante — und dann zu der neben ihr sitzenden Dame gewendet: „Meine Nichte Monika Birken.“
„Ah, Baroneß Birken,“ sagte die hagere, ältliche Dame mit einer offiziersmäßig scharfen Stimme, „ich habe Ihren Papa gut gekannt.“
Und ohne eine Entgegnung Monikas abzuwarten, wandte sie sich wieder zu Frau von Holtz, die ihrer Nichte einen Wink gab.
Gehorsam ging Monika zum Erker, in dem ihre Cousine mit einer jungen Frau saß.
Marie machte sie bekannt. Es war die Frau des Regimentsadjutanten von Roßberg. Sie war lang, schlank und häßlich. Im übrigen seit acht Wochen verheiratet, wie sie Monika in den ersten fünf Minuten erzählte.
„Wonnegrinsend“ erzählte, konstatierte Monika in ihrem Innern und sah wie gebannt auf die langen Vorderzähne, welche die junge Frau beim Lachen enthüllte.
Marie behandelte ihre Freundin mit ostentativer Verehrung, Hochachtung und Zuneigung.
Monika war ganz erstaunt über die Gefühlstöne, welche die sonst so bittere Cousine anschlug.
„Du weißt nicht, wie ich mich nach Dir gebangt habe, Trudchen. Es war trostlos einsam.“
„Nun, Du hattest ja Gesellschaft an Deinem Cousinchen,“ sagte die junge Frau höflich.
Marie zog ein Gesicht, beredter als tausend Worte.
Und Monika sagte mit der ihr eigenen fröhlichen Unbefangenheit:
„Meine Cousine kann mich nämlich nicht ausstehn, Frau von Roßberg.“
„Ach, rede doch nicht so,“ sagte Marie ohne jede Ueberzeugung, und dann zu ihrer Freundin gewendet:
„Mone ist doch gar nicht in einem Alter mit mir, Trudchen. Noch keine sechzehn und noch gar nicht in die Gesellschaft eingeführt — —“
„Aber zu unserem Balle kommen Sie doch wohl mit, Fräulein von Birken?“
„Welcher Ball?“
Marie fuhr dazwischen. „Ich glaube nicht, daß Mone hier schon ausgehn soll.“
„Ein Ball in Hahndorf?“ fragte Monika aufleuchtend.
„Ja, unser erster Regimentsball diesen Winter. Frau von Teufel zur Höll wollte mit Ihrer Tante etwas besprechen wegen lebender Bilder, und da bin ich mitgefahren, um Mariechen zu sehn.“
„Frau von Teufel zur Höll?“ wiederholte Monika begeistert und mit so wenig gedämpfter Stimme, daß Marie sie ärgerlich in den Arm kniff.
„Ja, die Dame, die dort mit Ihrer Tante spricht, die Gattin unseres Etatsmäßigen.“
„Ach, welch schöner Name, welch fabelhaft schneidiger Name,“ wiederholte Monika ganz begeistert. „Von Teufel zur Höll, — — so möchte ich mal heißen. Hat Ihr Etatsmäßiger nicht irgend einen unverheirateten Bruder?“
Frau von Roßberg brach in Lachen aus, in das albern klingende, grinsende Lachen, das ihr eigentümlich war.
Frau von Teufel zur Höll rief herüber: „Nun, die Jugend amüsiert sich wieder mal ausgezeichnet. Da werden wohl Pläne für unsere lebenden Bilder entworfen. Entwickeln Sie nur recht viel Erfindungsgabe, meine Damen. Wir möchten diesmal etwas ganz Apartes bringen.“
Monika näherte sich, förmlich wie von einer magischen Gewalt gezogen, der Sprecherin. In ihren Augen stand eine so intensive Anteilnahme, daß Frau von Teufels eisiger Gesichtsausdruck einem halben Lächeln Platz machte:
„Na, das Tanzfieber fängt wohl jetzt schon an?“ sagte sie.
„Darf ich denn mit?“ fragte Monika.
Ungläubig klang’s und doch lag schon ein Jubel darin.
Frau von Holtz neigte lächelnd den schönfrisierten, weißhaarigen Kopf.
Da flog Monika auf ihre Tante zu und umarmte sie in so kindlich echtem Jubel, daß sogar Frau von Teufel zur Höll — im Regiment selbstverständlich „die Teufelin“ genannt — ihr darob nicht böse sein konnte.
Monika hatte sich noch nicht beruhigt, als die Damen gegangen waren. Im Gegenteil: ihre Freude äußerte sich in Ausbrüchen, die ihre Cousine als „geradezu indianerhaft“ bezeichnete. Aber urplötzlich schlug der Jubel ins Gegenteil um. Mit tragischem Gesichtchen erinnerte sich Monika, daß sie „nichts, aber absolut nichts“ anzuziehen habe. Frau von Holtz beruhigte sie: selbstverständlich würde für sie ein Kleid geschneidert werden und Marie müsse auch ein neues haben. „Morgen früh kommt Mine Petermann,“ fügte sie verheißungsvoll hinzu.
Und am nächsten Morgen um zehn Uhr war Mine Petermann da, — die unförmlich dicke Gestalt in ein prallsitzendes, schwarzes Kleid gezwängt, — auf dem mächtigen Busen eine ganze Armee von Stecknadeln, — um die Taille eine grüne Schnur, an der die Schere hing, und unterm Arm eine ganze Ladung Mode-Journale.
Auch Stoffmuster hatte Mine schon da, war in aller Herrgottsfrühe schon nach Neustadt hin- und zurückgestiefelt und hatte sich bei Kaufmann Kleinmichel Proben vom „Neuesten, Schönsten und Modernsten“ geben lassen.
Ja, die Mine war eine rührige Person, — nicht umsonst beehrte die ganze Nachbarschaft sie seit zwanzig Jahren mit ihrer Kundschaft.
Das war ein gar wichtiges Fragen und Beraten, was nun begann.
Mine war vor dem Beginn erst im Vorzimmer mit einem Glase Portwein und zwei Buttersemmeln mit Leberwurst gestärkt worden, was erfahrungsgemäß ihre Inspiration sehr anzuregen pflegte.
Sie ging auch gleich mit einem wahren Feuereifer an die Arbeit, erklärte, für das gnädige Fräulein Marie sei „Empire“ wie geschaffen.
Begeistert tippte sie mit ihrem zerstochenen Zeigefinger auf ein Modell: ein verführerisches Dämchen zeigte dort ihre Reize in einem überaus anschmiegenden Empirekleide aus nilgrüner Seide mit Perlenstickerei.
Frau von Holtz wiegte bedenklich den Kopf, enthielt sich aber einstweilen jeder Meinungsäußerung, wogegen Marie, kaum daß sie einen Blick auf das Modebild geworfen, ihre lebhafteste Abwehr zu erkennen gab. Sie erklärte diese Mode „für direkt schamlos“ und „hätte Fräulein Petermann mehr Geschmack zugetraut“!
Das dicke, alte Fräulein zog ein beleidigtes Gesicht, zeigte aber doch pflichtgemäß alle Abbildungen, die vorhanden waren. Vor Maries Augen fand nichts Gnade. Und ihre Miene entwölkte sich auch nicht, als nun Frau von Holtz selbständige Anregungen gab, und mit der ganzen Liebe einer Mutter sich mühte, etwas recht Vorteilhaftes für ihr Kind zu finden.
„Ich denke, Mariechen, als Farbe rosa. In rosa siehst Du nicht so blaß aus. Und ums Décolleté einen Chiffon-Volant, oder lieber zwei, das macht Dich schön breit in den Schultern.“
„Ich will aber nichts vortäuschen.“
„Aber, Kind, was für Ausdrücke.“
„Ich glaube, Marie möchte am liebsten mit ’nem Trotteurrock und ’ner Bluse mit ’nem Stehkragen zum Ball gehn,“ rief Monika, die die Cousine oft mit ihrer Vorliebe für die etwas nüchterne Kleidung neckte.
„Du kannst Dir Deine Naseweisheiten sparen,“ rief Marie, und auch Frau von Holtz warf ihr einen ernst verweisenden Blick zu: ihr war die momentane Situation zu ernst, um sie durch Witze unterbrechen zu lassen. „Also, glaube mir, Mariechen, oben die Volants und den Rock unten weit ausfallend, eine recht steife Balayeuse unten hinein — —“
„Ach, mach’s nur, wie Du willst,“ sagte die Tochter übellaunig. Ihre Miene heiterte sich auch nicht auf, als Fräulein Petermann ihr Maß nahm. Die dicke Dame erklärte, das gnädige Fräulein habe seit letztem Winter um zwei Zentimeter Brustumfang zugenommen. Frau von Holtz zeigte sich über diese Neuigkeit sehr erfreut, aber Marie sah die Mine nur verachtungsvoll an und sagte dann: „Denken Sie sich doch mal was Neues aus, Mine — denn das mit dem Brustumfang behaupten Sie ja doch jedesmal!“
Mine überhörte mit parlamentarischer Gewandtheit die Bemerkung und diskutierte eifrig mit Frau von Holtz über die Blumen, die zu der rosa Toilette getragen werden sollten. „Heckenröschen“ fand beiderseits Billigung, aber Marie schrie förmlich vor Empörung.
„Heckenröschen, — warum nicht lieber Gänseblümchen?! Schrecklich! Ich will überhaupt keine Blumen.“
Allgemeines Entsetzen folgte diesem Ausspruche.
Besonders Frau von Holtz war völlig zerschmettert.
„Marie, ein junges Mädchen ohne Blumen auf dem Ball?! Wenn Du mir das antust — —“
„Ich kann doch nu mal all das Grünzeug nicht leiden! Und es paßt auch gar nicht zu mir.“
Frau von Holtz erhob sich, jeder Zoll gekränkte Königin.
„Dann gehen wir nicht auf diesen Ball. Fräulein Petermann, Sie sind entlassen.“
Monika wurde blaß bis in die Lippen.
Und auch die herbe Marie bekam einen hörbaren Schreck. Das wurde Ernst!
Wenn Mama „Fräulein Petermann“ sagte statt „Mine“ — —
Sie lenkte also ein, in mürrischer Weise, — aber ihr Stolz war gebrochen. Sie gab klein bei. Nur „Heckenröschen“ sollte die Mama ihr nicht antun.
Man einigte sich also auf Akazienblüten.
Und dann — endlich! — wurde an Monika gedacht.
Das war leichtere Arbeit. Sie zeigte sich von allem entzückt; was man ihr vorschlug, fand sie alles „großartig“ und „feenhaft“ und strahlte vor Seligkeit, als Frau von Holtz sich dann für hellblau entschieden, rund ausgeschnitten, als Garnierung Kirschblütenzweige.
„Und auch ins Haar? Auch ins Haar Kirschblüten?!“ fragte Monika flehend.
„Ja.“
Sie verstummte vor Begeisterung.
Und in Frau von Holtz stieg es wie ein bitteres Gefühl auf: wenn doch Marie etwas von Monikas warmherzigem Wesen gehabt hätte, von ihrer glücklichen Gemütsart, ihrer Dankbarkeit.
Und am Tage des Balles war es wieder ein Vergleich, der sich der Mutter aufdrängte, als sie die beiden in ihrem Staat sah.
Marie, deren Hagerkeit das duftige Kleid nicht milderte, mit dem straff frisierten Haar, von dem die Akazienblüten steif abstanden, und daneben Monika, die in ihrem Ballstaat eine ganz andere schien. Die wenig hübschen Kleider, die sie sonst trug, hatten ihrer blühenden Jugend Eintrag getan. Das Hellblau ihres neuen Kleides hob ihren prächtigen Teint hervor, — der runde Ausschnitt enthüllte vollendet schöne Schultern und Arme und darüber lachte das selige Kindergesicht, gutmütig strahlend, lebensdurstig, durstig nach Glück!!
Der Ball wurde für Monika ein Erfolg.
An und für sich war es für die Hahndorfer Dragoner ein Ereignis, wenn ein „neues“ junges Mädchen auftauchte. Waren doch nur zwei unverheiratete Damen im Regiment: die Kommandeurstöchter, und mit denen tanzte man nun glücklich den dritten Winter, und außerdem waren sie nichts weniger als hübsch.
Möglich, daß jede von ihnen an sich ganz nett gewirkt haben würde, aber man sah sie immer zusammen — und zusammen sahen sie geradezu komisch aus. Violette — sie hieß tatsächlich Violette — ihre verstorbene Mutter hatte ein faible für poetische Namen gehabt — gab an Größe dem längsten Leutnant des Regiments nichts nach, und an Breite übertraf sie ihn bedeutend. Sie hatte große, runde blaue Augen, einen Helm von goldblondem Haar und wäre als Urbild einer germanischen Heldenjungfrau gar nicht übel gewesen, wenn man nicht beständig Erika neben ihr gesehen hätte.
Erika war so ziemlich das Kleinste und Zierlichste, was man sich vorstellen konnte, ein wahres Porzellanpüppchen! Dazu eine Fülle dunkelsten Haares und zwei ausdrucksvoll dunkle Augen in einem Spitzmausgesichtchen.
Sie ließ ihre Schwester ungeschlacht erscheinen und dabei sah sie neben dieser Schwester „nach gar nichts“ aus, — kurz, sie beeinträchtigten sich gegenseitig auf das schärfste.
Die Leutnants pendelten ratlos zwischen ihnen hin und her, und das Resultat war, daß immer noch keine von ihnen verlobt war, obwohl ihr Vater keinen innigeren Wunsch hegte.
Außer den beiden waren an jungen Mädchen nur noch einige Gutsbesitzerstöchter aus der Umgegend erschienen, die keine besonderen Attraktionen boten. Und nun eine „Neue“! — Und noch dazu die Tochter eines alten Herrn vom Regiment, des „fidelen Birken“, von dessen Taten man genug gehört. Und noch dazu Monika, die in den ersten fünf Minuten mehr gute Witze gemacht als sonst ein halbes Dutzend junger Mädchen zusammen.
Nachdem sie in möglichster Eile den Damen ihren Knix gemacht, widmete sie sich völlig den Leutnants und entfesselte durch ihre Konversation derartige Lachstürme, daß man im Reiche der Mütter bedenklich die Köpfe zusammensteckte.
Die jungen Frauen fanden den „Kiekindiewelt“ empörend, die jungen Mädchen erklärten sie für „schamlos kokett“.
Monika aber ließ sich die unverhohlene Mißbilligung, die ihr von weiblicher Seite zuteil wurde, nicht anfechten. Sie benahm sich übermütig froh. Ihr war zumute wie in einem Rausch; mit all ihrer unverbrauchten Begeisterung genoß sie diese Stunden, genoß den hohen Saal mit dem strahlenden Licht, die flirtenden Leutnants, die Bewunderung, die aus so viel Männeraugen sprach, und den Tanz, den Tanz, in dem sie selig dahinglitt.
Schade, daß diesem Rausch so bald eine Ernüchterung folgte!
Schon im Schlitten, der die Familie Holtz nach Hause fuhr, begann Marie die Schale ihres Zornes über Monika auszuschütten. Sie sparte nicht mit den schärfsten Ausdrücken, und Frau von Holtz tat ihr nicht wie sonst Einhalt, sondern schwieg verstimmt.
Nur der Onkel, der, bevor er sich zum Whist niedergesetzt, eine Weile dem Tanze zugesehn, wiegte gutmütig den Kopf und murmelte schlaftrunken vor sich hin:
„Die Marjell, — genau wie die Mali! Kokett — kokett.“
Die anderthalb Stunden Fahrt wurden für Monika ein Martyrium.
Sie seufzte hörbar und erleichtert auf, als endlich, endlich der Schlitten zu Hause hielt. Der Schnee knirschte scharf unter den Schlittenkufen. Und ehe noch die Pferde ganz zum Stehen gebracht waren, setzte Monika mit mächtigem Schwunge hinaus und rannte, ohne jemand gute Nacht zu sagen, die Treppe hinauf in ihr Zimmer.
Eine eisige Kälte empfing sie; die taperige Auguste hatte wohl wieder mal vergessen, nachzulegen.
Aber Monika störte die Kälte nicht. Rann doch ihr Blut so brennend heiß durch die Adern! Sie stellte sich vor den Spiegel und hielt die Lampe hoch. Also so — — so hübsch war sie! Die brennenden Wangen — die flammenden Lippen — die dunkeln Augen, über die sich die Lider mit den langen, schwarzen Wimpern langsam bewegten, wie wenn müde Schmetterlinge mit den Flügeln schlagen. Und darunter die blendend weiße Haut des Halses und der Schultern — — —.
Monika hätte vor Glück schreien mögen, wie neulich, als sie durch den Schnee rannte.
So hübsch war sie — — Welch ein Glück! —
Maries Strafpredigten hatten ihr weiter keinen Eindruck gemacht. Nur daß sie bedauerte, jetzt niemanden zu haben, mit dem sie von all den Eindrücken sprechen konnte.
Nur jetzt noch nicht schlafen!
Das war doch nicht möglich, jetzt schlafen, still liegen — —
Sie summte ein paar Walzertakte vor sich hin: — — ein heißes Glücksgefühl überrieselte sie.
Noch einmal die süße, süße Melodie. — —
Monika schlief nicht viel in dieser Nacht. Aber trotzdem war sie am Morgen die einzige, die frisch in die Welt schaute.
Frau von Holtz hatte Migräne.
Ihr Gatte sah verkatert aus, ihm bekam das lange Aufbleiben gar nicht.
Marie machte einen überaus angegriffenen Eindruck, schlich, wie immer nach Bällen, mit hochgezogenen Schultern in vornübergebeugter Haltung herum und hüstelte, was ihre Eltern mit lebhafter Besorgnis erfüllte.
Frau von Holtz vergaß die eigenen Schmerzen, um Marie beständig zu Hustenbonbons zu nötigen, und Herr von Holtz rührte unter beständigem Schimpfen auf die „verfluchte Tanzerei“ ein Eigelb mit Zucker, das Marie unweigerlich sofort zu essen hatte.
Am Nachmittag, als man um den Kaffeetisch versammelt war, kam Besuch: die Leutnants von Seeburg, von Hellrich und Graf Herckenstedt kamen im Krümperschlitten an und erlaubten sich „gehorsamst zu fragen, wie den Damen der gestrige Ball bekommen“.
Da die Herren sonst nie solche Lendemainvisiten gemacht, war Marie in bitterböser Laune, und mit der bei ihr üblichen Unverfrorenheit brachte sie ihre Gefühle zum Ausdruck.
Frau von Holtz mußte mehrmals vermittelnd eingreifen, wenn ihr unliebliches Töchterlein wieder eine gar zu scharfe Bemerkung gemacht.
Von seiten Monikas war keine Schroffheit zu fürchten. Im Gegenteil! Da hatte man nur in der entgegengesetzten Richtung einen Dämpfer aufzusetzen.
Wie sie jetzt den Herckenstedt wieder anstrahlte!
„Ja, getanzt haben Sie am allerbesten, Graf. Sie sind natürlich Kadiser gewesen? Die tanzen alle gut.“
„Monika, man sagt „Kadett“. Deine Art, die Worte zu verstümmeln — — — —“
„Ach, Tantchen, das kommt doch nicht so genau darauf an unter uns Leutnants — —“
Frau von Holtz fand keine Entgegnung. Es widerstrebte ihr, in Gegenwart eines Besuches unaufhörlich zu tadeln. Andererseits war ihr die burschikos-kokette Art ihrer Nichte entsetzlich.
Sie selbst war immer sehr zurückhaltend gewesen, sehr prüde, und ihre Tochter hatte diese Eigenschaft in verdreifachtem Maße geerbt.
Und zwischen ihnen beiden saß nun Monika und kokettierte mit einer Unbefangenheit, die geradezu verblüffend wirkte.
Mit einer für ihr Alter durchaus unangemessenen Sicherheit dirigierte sie die Unterhaltung, die den Leutnants zwar sehr ungewohnt, aber dafür desto interessanter war.
Marie äußerte dazu in sehr sicherem Tone Ansichten, die sich gerade nicht durch Geistesschärfe auszeichneten.
Frau von Holtz aber, die mit ihrem ganzen Sein und Wesen in den realen Forderungen des Alltags wurzelte, war ehrlich ärgerlich.
Mit einem scharfen Ruck lenkte sie das leichte Gespräch in andere Bahnen. Sie fragte, was man in Hahndorf diesen Winter noch für Vergnügungen vorhabe.
„Ja, hoffentlich werden nun bald die lebenden Bilder kommen, deren wir diesmal verlustig gegangen sind,“ sagte Seeburg.
Und Hellrich erklärte Monika, es sei ewig schade darum, denn in seinem Kostüm als Griechenjüngling hätte er berauschend ausgesehen, und dann hätte sie ihn sicher nicht so grausam behandelt wie in seiner preußischen Dragoner-Uniform.
„Und warum ist mir nun eigentlich dieser Genuß entrissen worden?“ fragte Monika.
„Ja, Baroneß, das liegt nur an Frau von Teufel zur Höll’ — —“
„Die Teufelin,“ schob Monika verständnisinnig ein.
„Die ist nämlich höllisch —“
„Natürlich!“
„— anspruchsvoll, und so hat sie behauptet, unseren lebenden Bildern fehle der Clou.“
„Und dabei war es so reizend,“ klagte Herckenstedt.
„Ich als Griechenjüngling,“ betonte Hellrich.
„Ja, mit Erika von Holl als Partnerin in einem „griechischen Frühlingsidyll“. — Und Fräulein Violette von Holl als Werthers Lotte und Roßberg als Werther —“
„Das ist der hübsche Adjutant?“ fragte Monika eifrig.
„Der hübsche? Dieser Ehekrüppel?“ erwiderte Herckenstedt entrüstet.
Und Seeburg sekundierte: „So ’n alter, verheirateter Herr!“
„Acht Wochen verheiratet!“ zitierte Monika und kopierte das Gesicht, das Frau von Roßberg immer machte, wenn sie jemandem diese welterschütternde Tatsache mitteilte.
Die Leutnants unterdrückten nur mit Mühe einen Heiterkeitsausbruch.
Marie aber wollte eben zu einer kräftigen Entgegnung ansetzen, — denn wenn jemand eine ihrer Freundinnen angriff, so faßte sie das noch schlimmer auf, als wenn es gegen sie selbst ging, — doch der gewandte Herckenstedt verhinderte den Ausbruch, indem er in möglichster Eile weitererzählte, daß noch ein Bild „Tanzstunde“ geplant gewesen sei und das seit Methusalem rühmlichst bekannte: „Der Blumen Erwachen!“ — — Aber alles das habe dem stolzen Sinn von Frau von Teufel nicht genügt. Nun ja, wenn man ein ganzes Jahr bei der Garde gestanden, wie die Etatsmäßige! Und so sei die Aufführung der lebenden Bilder auf unbestimmte Zeit verschoben worden.
„Bis einem von uns mal was Geniales einfällt,“ sagte Seeburg betrübt.
„Und dabei hätten wir bald die schönste Gelegenheit: nächsten Monat hat der Kommandeur Geburtstag,“ jammerte Hellrich, der es anscheinend nicht verwinden konnte, sich nicht in seiner griechischen Schönheit zeigen zu dürfen.
„Aber das ist doch nicht so schwer, einen guten Einfall zu haben,“ rief Monika. „Ich werde schon was finden.“
„Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort,“ begutachtete Seeburg zweifelnd. Aber Hellrich zeigte sich vertrauensvoller. „Ich bin überzeugt, daß Sie was Großartiges zustande bringen, Baronesse. Sie haben so was in den Augen, — ich finde da nicht gleich das richtige Wort dafür, — wissen Sie, eben so was Besonderes.“
„Ich fürchte, Monika überschätzt ihre Fähigkeiten,“ sagte Frau von Holtz, die es für geraten hielt, die Bäume nicht in den Himmel wachsen zu lassen.
Aber nun protestierten alle drei Leutnants.
Und als die Herren abfuhren, war es beschlossene Sache: sie würden der „Teufelin“ Mitteilung machen, daß Fräulein von Birken sich anheischig mache, etwas ganz Apartes für die Aufführung zum Geburtstage des Kommandeurs zu erfinden.
„Da hast Du Dich ja schön in die Nesseln gesetzt,“ sagte Marie schadenfroh, als das lustige Glockengeklingel des Krümpers in der Ferne verstummt.
„Warum?“ fragte Monika kampfbereit.
„Weil Du einen netten Kohl zusammenschreiben wirst.“
„Abwarten!“ sagte Monika lakonisch.
Nachdem sie beim Onkel Aktenbogen und Bleistift erbeutet, legte sie sich auf den Teppich und begann eifrig zu kritzeln.
Am nächsten Morgen legte sie Frau von Holtz ihr Machwerk vor, die es mit lebhaftem Mißtrauen in die literarischen Fähigkeiten ihrer Nichte las.
Wider ihren Willen fand sie es sehr nett. Aber sie traute ihrem Urteil nicht. Sie las sonst nie etwas anderes als Zeitungen, fand Poesien überspannt und war sich ehrlich bewußt, „von all diesen Sachen nichts zu verstehen“.
Marie lehnte ab, Monikas Erzeugnis zu lesen, obwohl sie vor Neugierde darauf brannte. Aber Monika sollte sich ja nicht einbilden, daß sie für ihre Dummheiten etwas übrig habe.
Mit stiller Verzweiflung sah die Dichterin, daß Tante auch nicht die mindesten Anstalten machte, das Opus nach Hahndorf abzuschicken. Und nachdem sie drei Tage in gräßlicher Nervenspannung verbracht, griff sie zu einem heroischen Mittel: sie packte ihr Werk ein und adressierte es selbst nach Hahndorf. Nicht etwa an die Teufelin. Vor der hatte sie zu großen Respekt. „Leutnant Graf Herckenstedt“ stand auf dem Kuvert und auf das Manuskript hatte sie gekritzelt: „Wie Sie sehen, habe ich mein Versprechen gehalten. Hoffentlich gefällt’s!“
Sie paßte den Briefträger ab und händigte ihm selbst das umfangreiche Kuvert ein. Als er umständlich die Adresse gelesen, grinste er freundlich und grinste noch freundlicher, als Monika ihm ein kleines Trinkgeld in die Hand gedrückt.
Als einige Tage später Frau von Teufel zur Höll und Frau von Roßberg zum Besuch vorsprachen, war der jungen Autorin doch recht unbehaglich zumute.
Aber ihre Besorgnisse hielten nicht lange vor, da die Teufelin ihr gleich beim Eintreten förmlich freundlich zugelächelt und dann Frau von Holtz versicherte, daß „ihre liebe Nichte wirklich eine ganz reizende Idee gehabt“.
Frau von Holtz schwebte im Unklaren, wußte nicht recht, wie sie sich zu der ganzen Sache stellen sollte, aber sie wurde auch gar nicht gefragt.
Frau von Teufel vertiefte sich sofort in ein detailliertes Gespräch mit Monika, Marie zog mit ihrer Freundin in ihre Privatgemächer, und Frau von Holtz blieb nichts weiter zu tun, als Tee zu bestellen.
Als dann dieser Tee und ein riesenhafter Napfkuchen die Parteien um den runden Tisch versammelt hatte, bat Frau von Teufel Monika, ihr Werk nun vorzulesen, damit man gemeinsam den Eindruck beurteilen könne.
Monika begann. Aber die Teufelin, der niemals etwas schnell genug ging, kam von ihrer Idee zurück. „Nein, jetzt nicht vorlesen. Ich werde einen Extrakt des Stückes geben, und dann wollen wir uns erst über die Rollenbesetzung einig werden. Also — —“
Eine kleine Kunstpause.
Marie bemühte sich krampfhaft, ihr Interesse zu verbergen, indem sie mit unbeweglicher Miene aus den Fransen der Tischdecke Zöpfchen flocht.
„Also die Szene zeigt zwei Leutnants. Der eine von ihnen, seit kurzer Zeit glücklich verheiratet, redet dem andern zu, sich endlich auch Hymens Rosenfesseln anlegen zu lassen. Der Freund versichert, daß er durchaus nicht abgeneigt wäre, daß ihm aber die Wahl arges Kopfzerbrechen mache. Hierauf verabschiedet sich der Freund. Der Junggeselle bleibt allein und schläft ein.“
Marie stieß einen höhnischen Laut aus, worauf Monika sich in Positur setzte wie ein junger Kampfhahn. Sie fragte: „Sag’ mal, warum soll der Leutnant nicht einschlafen?“
„Hierauf erscheint die Phantasie und sagt dem Schlafenden, sie wolle ihm die jungen Damen zeigen, unter denen er wählen könne. Die Phantasie hebt ihren Zauberstab, und es erscheinen, begrenzt von einem Bilderrahmen, nacheinander die Typen der weiblichen Wesen, die den Leutnant mit ihrer Hand beglücken möchten: Sportdame, Salondame, Studentin. Sie alle lassen unseren Helden kalt. Aber als zum Schlusse das ganz unmodern erzogene, altmodisch-holdselige Mädchen erscheint, das bei Mama kochen lernt und in ihrem kleinen Herzen eine große Liebe für diesen Leutnant trägt, da wählt er sie zu seiner Lebensgefährtin.“
Einen Augenblick Stillschweigen.
„Der Sieg der Tugend,“ sagte Monika mit bescheiden niedergeschlagenen Augen.
Frau von Holtz, der die Tendenz des Werkes erst jetzt so recht aufging, zog Monika liebevoll zu sich heran und bat ihr im stillen vieles ab.
Wie nett und moralisch das liebe Kind das doch gedichtet hatte.
Marie versuchte ihre verächtliche Miene beizubehalten.
Frau von Roßberg grinste und sagte: „Den Helden muß natürlich mein Mann spielen.“
Die Etatsmäßige, die diese Aeußerung vorlaut fand, warf ihr einen verweisenden Blick zu.
Aber im Verlaufe der Beratung ergab sich, daß tatsächlich Roßberg den Helden spielen mußte, da er der einzige Herr war, der etwas theatralisches Talent besaß.
„Und ich bin das junge Mädchen, mit dem er sich verlobt,“ sagte Frau von Roßberg.
„Wir haben ja darüber noch gar nichts bestimmt,“ warf Frau von Teufel ein.
„Aber er küßt sie doch.“
„Theaterkuß!“ entschied die Teufelin. „Also bisher hätten wir: Ehemann: Herr von Hellrich, — der Junggeselle: Leutnant von Roßberg. Die Phantasie, — ja um alles in der Welt, wen könnten wir als Phantasie wählen?“
Monika mußte sich in die Lippen beißen, um nicht zu flehen: „Mich!!“
Sie hatte sich alles schon bis ins Detail ausgemalt: ein dekolletiertes, pfauenblaues Chiffongewand, — Orchideen in den Haaren, schillernde Schmetterlingsflügel an den Schultern.
Es traf sie wie ein Schlag, als jetzt Frau von Teufel sagte: „Ich denke, Violette Holl paßt dafür am besten. Mit ihrer stattlichen Erscheinung und den goldblonden Haaren. Also die Phantasie: Violette von Holl. — Die Sportsdame: ich!“
Ein nicht ganz zu unterdrückendes Erstaunen bemächtigte sich der Anwesenden. Niemand hatte geahnt, daß die Teufelin mitspielen wollte.
Sie selbst ging sehr schnell über diese Tatsache hinweg.
„Die Salondame: nun, vielleicht Frau von Roßberg, da das keine Rolle für ein junges Mädchen ist. Die Studentin: Fräulein von Holtz. Ich bin überzeugt, das liegt Ihnen, Fräulein Marie. Die Tänzerin: ich hatte Fräulein von Birken gedacht, aber Erika Holl bat so, ob sie nicht die Rolle haben könnte. Sie wird das ja auch sicherlich sehr graziös machen. Und das brave, junge Mädchen, ich denke, das ist für Fräulein von Birken.“
Monika machte ganz erstaunte Augen. Es war das erstemal in ihrem Leben, daß man sie als „ein braves junges Mädchen“ bezeichnete. Sie war mit der Rolle nicht sehr einverstanden. Sie hatte sich nun mal auf die Phantasie verspitzt.
„Ich dachte: Fräulein von Birken, weil sie doch die Jüngste ist; ihr muß das Backfischhafte doch am besten liegen.“
Monika fand — ein seltener Fall bei ihr — keine Entgegnung. Sie war noch ganz in Nachdenken versunken, als die Damen schon lange weg waren, nachdem man noch verabredet, wann die erste Probe stattfinden solle.
Zwischen den Cousinen herrschte langes Stillschweigen. Endlich rang sich Marie zu einer Art Ehrenerklärung durch. „Im übrigen muß ich Dir noch sagen, Mone, die Tendenz von Deinem Dingsda ist gar nicht so überspannt, wie Du sonst bist. Daß der Leutnant das einzig häuslich erzogene, junge Mädchen nimmt, ist riesig vernünftig.“
„Was, vernünftig?! Nur ein Beweis für seine haarsträubende Dummheit ist es. In der Ehe langweilt er sich doch tot mit dieser kleinen Gans!“
„Was?!“
„Na, natürlich, ich wollte in dem Dings doch gerade zeigen, wie solch dummer Mann allen anderen das Gänschen vorzieht, bloß weil ihm das so vertraut und bequem ist: so eine Erziehung vieux jeu! — Eine Persiflage ist’s!“
„Na so eine Falschheit von Dir! Das merkt doch kein Mensch, daß es eine Persiflage sein soll!“
„Wenn man’s gleich merkt, dann ist ja kein Witz dabei.“
„Unerhört! Das sag’ ich Frau von Teufel.“
„Dann sag’ ich, Du hast mich mißverstanden; Du hast eben meine künstlerischen Intentionen nicht gefaßt.“
„Mone, Du bist gemein!“
Mit diesem vernichtenden Urteil beschloß Marie die Unterredung, verließ das Zimmer und schmetterte die Tür hinter sich ins Schloß.