3.
Auf den so lang’ wir uns gefreut — —“
Schallend klang es durchs Haus.
„Mone, Du tobst — —“
„Schlimmer als das, Tantchen, viel schlimmer! Ich werde schon kindisch, ich fühle mich in meine zarteste Kindheit zurückversetzt: ich singe das Lied, das ich im Alter von vier Jahren zu Weihnachten sang.“
Und wieder erklang es schallend:
„Heut’ ist der große Tag erschienen,
Auf den so lang’ wir uns gefreut — —“
„Mone!“
„Tantchen, darüber kann man den Verstand verlieren, auch wenn man davon mehr besitzt als ich! Heute bin ich fünfzehn Jahre elf Monate und zwei Tage, und heute wird schon ein Stück von mir aufgeführt, — ein Stück! Ich bin einer der frühzeitigsten Dramatiker, die es je gegeben hat.“
„Mone, Du schnappst doch noch mal über,“ sagte Marie, die eben eintrat.
Aber sie sagte das nicht mit dem grimmigen Ernst, den sie sonst ihrer Cousine gegenüber anwendete. Auch sie war freudiger Stimmung, in gespannter Erwartung auf die Ereignisse des Abends.
Und dieser Abend versammelte eine fröhliche Menschenmenge im Hahndorfer Kasino.
Wie bei allen Liebhaber-Aufführungen herrschte hinter den Kulissen ein lebhaftes Durcheinander.
Violette behauptete, die Flügel der Phantasie würden nun und nimmer festsitzen, Erika jammerte, das Tänzerinnenkostüm sei viel kürzer, als sie es bestellt.
Der Griechenjüngling fluchte, weil die Bänder seiner Sandalen immer wieder „von selbst aufgingen“, kurz, es herrschte Unruhe auf der ganzen Linie.
Aber endlich erklangen die letzten Töne der Ouvertüre, die eine Rittmeistersgattin mit viel gutem Willen und wenig Talent auf dem Flügel herunterhackte.
Der Vorhang hob sich, das obligate entzückte „Ah“ der Zuschauer:
Violette von Holl als Werthers Lotte, den Brotleib an den üppigen Busen gepreßt, umlagert von einer hungrigen Kinderschar — es waren sämtliche Kinder der Offiziersfamilien aufgeboten worden — in der Tür erscheinend Leutnant von Roßberg als Werther. Er machte ein entschieden unglückliches Gesicht. Ihm waren zu viel Kinder auf der Bühne. Er hatte nun mal eine unüberwindliche Abneigung gegen „Krabben“.
Zu seinem Entsetzen wurde das Bild dreimal gezeigt.
Der Oberst war ganz begeistert; er antizipierte bei dem lieblichen Anblick Großvaterfreuden.
Dann ging es programmgemäß weiter. Die „griechische Frühlingsidylle“, besonders freudig von den Leutnants begrüßt, welche Hellrich schon seit Wochen mit seinem Griechenjüngling neckten.
Dann Tasso und die Leonoren, — eine Tanzstunde im Biedermeierstil —, in mehr oder weniger gelungener Darstellung wurden Szenen aus allen möglichen Kultur-Epochen vorgeführt.
Endlich kam die große Pause, nach welcher Monikas Werk: „Die Brautwahl“ steigen sollte.
Die Autorin stand in der Kulisse, schon im Kostüm ihrer Rolle: ein weißes Batistkleid, die Haare in zwei dicke Hängezöpfe geflochten, mit großen, blauen Schleifen darin. Ihr Gesichtchen wollte trotz seiner Jugendlichkeit nicht ganz zu dem harmlosen Backfischstaat passen. Für einen Kenner lag schon zu viel Ausdruck in den langbewimperten, dunkeln Augen, zu viel Bewußtsein um den vollen, roten Mund.
Monika markierte Sicherheit, sah unbeweglich zu, wie nun alles für die Szene arrangiert wurde.
Herr von Roßberg, der neben ihr stand, ließ sich aber durch ihre äußere Ruhe nicht täuschen.
„Die Angst, gnädiges Fräulein?! Was?!“
Monika sah dem hübschen Adjutanten voll ins Gesicht.
„Aber keine Spur! Ich bitte Sie, bei so einem Hauptakteur — — —“
Er verbeugte sich geschmeichelt.
Und sie lachte ihn an mit blitzenden Zähnen.
Es hatte sich aus den Proben ein kleiner Flirt zwischen den beiden entwickelt.
Entschieden war Roßberg der amüsanteste und hübscheste der Leutnants. Daß er verheiratet war, störte Monika nicht. Im Gegenteil! Sie fand das „riesig pikant“. Und außerdem fand sie ihn „viel zu hübsch für seine Frau“.
Ihr gefiel Frau von Roßberg nun mal in keiner Weise, und sie äußerte zu ihrer Cousine, Roßberg habe dieses grinsende Trudchen gewiß ihres Geldes wegen geheiratet.
Marie war außer sich gewesen, hatte ihrer Freundin alle nur denkbaren Reize zugesprochen und behauptet, daß Roßberg seine Frau schon seit Jahren glühend liebe. Sie seien Nachbarskinder gewesen, und Trudchen sei Roßbergs erste, einzige und letzte Liebe.
Monika hatte sehr interessiert zugehört, hatte dann, ungehindert durch irgendwelche Rücksichtnahmen, die sie als „Gefühlsduseleien“ zu bezeichnen pflegte, weiter mit Roßberg kokettiert, der ihr in seiner leichtsinnigen Art die Cour machte.
Dieser Flirt wurde allseitig sehr harmlos aufgefaßt, selbst Frau Trudchen hatte nur ein amüsiertes Lächeln dafür. Die einzige, die die Neckereien zwischen Roßberg und Monika mit ernsthaftem Interesse verfolgte, war Marie. Mit lebhaftem Mißtrauen beobachtete sie jeden Blick ihrer Cousine, jedes Lächeln.
So auch heute wieder, als Monika und Roßberg in den Kulissen plauderten.
Von dem Platze aus, wo sie saß, konnte sie genau hören, was die beiden sich wieder zu erzählen hatten.
„Bloß noch zehn Minuten bis zum Anfang, gnädiges Fräulein.“
„Ja,“ ein Angstseufzer entrang sich, aller Selbstbeherrschung zum Trotze, Monikas Brust.
„Und wir müssen doch noch üben, gnädiges Fräulein.“
„Was denn üben?“
„Na, den Kuß, den ich Ihnen zum Schlusse zu geben habe.“
Monika lachte.
„Theaterküsse brauchen nicht geübt zu werden.“
„Wenn Sie ganz lieb bitten, gebe ich Ihnen einen echten statt so einen dummen Theaterkuß, Fräulein Monika.“
„Oho, das sag’ ich Ihrer Frau.“
„Können Sie dreist. Ich würde es doch nur tun, um Ihr Stück naturalistischer herauszubringen. Denken Sie, vielleicht hängt der Erfolg Ihres Werkes davon ab.“
Monika lachte, lachte so ungezwungen und laut, wie sie es trotz aller Strafreden immer tat.
„Wie wenn ein Füllen wiehert,“ hatten ihre Brüder immer gesagt.
„Außerdem müssen Sie bedenken: solch verheirateter, alter Herr wie ich! Sie könnten ja meine Tochter sein, Fräulein Monika.“
„Oho, ich werde nächsten Monat sechzehn.“
„Und ich werde nächstes Jahr Oberleutnant!“
„Ach, Sie Respektperson!“
„Bin ich auch. Aus dreierlei Gründen. Erstens — —“
„Lieber Herr von Roßberg, wenn Sie jetzt nicht bald aufhören zu erzählen, werden Sie heiser und gefährden den Erfolg meines Stückes. Bitte, bitte, seien Sie still und essen Sie etwas Zuckerkand. Ich glaube, ich habe welchen mit — —“
Sie begann eifrig in ihrer Tasche zu suchen.
Indes trat Roßberg auf Marie zu und behauptete, der rote Stürmer stehe ihr famos.
Marie antwortete dem Manne ihrer Freundin nicht mit der burschikosen Herzlichkeit, die sie sonst ihm gegenüber anschlug.
Im Gegenteil! Sie wurde ironisch.
„Die Rolle heute paßt Ihnen wohl, Herr von Roßberg, — — ein Held, der von so vielen Damen begehrt wird — —“
Er schien gar keine Spitze zu fühlen.
„Ja, entzückend,“ sagte er. „Sie haben ganz recht, die Rolle macht mir einen riesigen Spaß. Wenn nur das Auswendiglernen nicht wäre, — noch dazu Verse, gereimte Verse. Trude hat genug zu tun gehabt, mich zu überhören. So ganz tadellos geht’s immer noch nicht.“ — —
„Wie war das doch, Poetessa,“ — er wandte sich zu Monika — „wie sage ich doch zu meinem Freunde:
Wenn ich Dich reden höre, alter Knabe,
So dünkt es mich wahrhaftig so, als ob
Auch ich Talent zum Ehemanne habe,
Denn ich bin phlegematisch, faul und grob —“
Monika schrie beinahe vor Vergnügen. „O, Herr von Roßberg, so ist es famos, viel hübscher, als ich es gedichtet habe. Sagen Sie’s so! Ja?“
„Ich werde mich schön hüten!“ erwiderte er ausdrucksvoll und ging seiner Gattin einen Schritt entgegen, die eben auf die Gruppe zukam.
Sie war im Ballkleid, in ihrer Rolle als Salondame, und drehte sich beifallheischend einmal um ihre eigene Achse, — „wie ein Fixstern“, erläuterte ihr Gatte.
Sie hatte ein creme Seidenkleid gewählt und trug rote Rosen am Ausschnitt.
Sie fand ein freundliches Wort für Maries Anzug, ihre Hauptbewunderung aber spendete sie in ihrer offenen Art Monika. „Zu lieb sehen Sie aus, Fräulein von Birken. Ein süßes Backfischchen! Daß Sie die ganze Sache gedichtet haben, das kann man gar nicht glauben.“
Graf Herckenstedt, der Regisseur, kam ganz aufgeregt angerannt und jammerte, daß wieder alles durcheinander laufe. Jetzt sei wieder Fräulein von Holl nicht zu finden. Dabei sah er aufmerksam in alle Ecken, als ob die große Violette sich in einer solchen verborgen haben könne.
Er atmete förmlich erlöst auf, als Fräulein von Holls Walkürengestalt endlich auftauchte, im Schmucke der nun endlich sitzenden Flügel, „anzuschauen wie Zeppelin 3“, erklärte Roßberg.
Ein Klingelzeichen — — noch einige Minuten heftiges Durcheinander, Reden, Fragen — — dann wieder ein Klingelzeichen, und der Vorhang hebt sich.
Hellrich und Roßberg, beide in Litewka, beginnen ihren Dialog, und das Publikum lauscht gebannt den hübschen Versen. Nicht endenwollender Applaus am Schluß.
Monika strahlt. Ein unendliches Wonnegefühl weitet ihr die Brust, füllt ihr die Adern zum Bersten.
Das ehrgeizige Köpfchen glüht im Rausche des Erfolges. O, daß das Leben so schön sein kann... so schön...
Dann kommt der Tanz.
Monika fliegt von einem Arm in den andern. Schmeichelworte klingen ihr in die Ohren, Männerarme umfassen sie fest.
Die welkenden Blumen an ihrem Ausschnitt duften schwül und süß, und die Walzermelodien hüllen alles in einen schillernden Schleier von Schönheit, von lachendem Leichtsinn.
Der Leutnant von Roßberg tanzte an diesem Abend sehr oft mit Monika; als Hauptakteur prätendierte er besondere Rechte.
Monika behauptete, daß er sie tyrannisiere.
„Ich kann wirklich nicht mehr. Lassen Sie mir doch ein bißchen Ruhe. Ich bin so müde,“ jammerte Monika.
„Dann werden wir diesen Tanz meinetwegen verplaudern.“
Er zog ihre Hand durch seinen Arm und führte sie in eines der kleinen Rauchzimmer.
Hier saßen zwei Fähnriche bei einer Flasche Sekt; sie hatten sich grollend hierher zurückgezogen, weil sie von den Damen „zurückgesetzt“ und „niederträchtig behandelt“ worden waren.
Beim Eintritt des Regimentsadjutanten sprangen sie beide empor.
Aber es kam noch schlimmer, als sie gedacht hatten.
Roßberg machte ein geradezu entsetztes Gesicht:
„Hier finde ich Sie also, meine Herren. Ist es möglich? Ist es denkbar? Das ist Deutschlands Jugend! Anstatt im rauschenden Ballsaal, gehorsam den Winken unserer Schönen, ergeben Sie sich hier dem stillen Suff! Schlemmen in egoistischer Weise! — An die Arbeit, meine Herren, an die Arbeit!“
Er machte eine befehlende Geste, deren Autorität eines Napoleon würdig gewesen wäre.
Die Fähnriche stoben davon.
Roßbergs ernsthafte Miene wandelte sich in strahlende Heiterkeit.
„Das haben wir fein gemacht. Was? So ist man wenigstens ungestört.“
„Inwiefern störten Sie die Fähnriche?“ fragte Monika mit unschuldsvollen Augen.
„Ach, das wissen Sie ja allein. Ihr Hauptdarsteller hat doch noch was nachzuholen.“
„Was?“
„Fräulein von Birken, ich bitte mir Offenheit aus. Sie wissen ganz genau, daß ich Ihnen bloß einen elenden Theaterkuß gegeben habe. Vorbeigeküßt habe ich. Ostentativ vorbeigeküßt! Das brauchen Sie sich nicht gefallen zu lassen!“
Monika versuchte zu lachen.
Aber sie lachte nicht so wie sonst.
„Fräulein Monika, eine Belohnung haben Sie doch verdient,“ sagte er übermütig. Sein roter Mund mit dem kleinen, blonden Schnurrbart näherte sich bedenklich ihren Lippen.
„Reden Sie doch nicht solchen Unsinn,“ stotterte Monika.
„Nun, dann will ich ernsthaft sein. Die Belohnung habe ich verdient.“
Seine Lippen senkten sich auf die ihren.
Und ohne Ueberlegung erwiderte sie seinen Kuß.
Eine Minute später tanzten sie wieder im großen Saal.
Und für den Rest des Abends wich ihr Roßberg nicht von der Seite. — — —
Als die Familie Holtz in Sarkow ankam, dämmerte schon fahlgrau der Tag herauf.
Herr von Holtz beteuerte wie immer, daß es diesmal aber unbedingt das letztemal sei, daß er zu so einer verfluchten Tanzerei mitkomme.
Monika war im Begriffe, sich auszuziehen, als zu ihrem Erstaunen laut an ihre Tür gepocht wurde und Marie erschien.
Sie trug noch ihren Ballunterrock, hatte eine Nachtjacke angezogen und sah jämmerlich elend und bleichsüchtig aus in dem dämmerigen Tagesschein.
Monika machte erstaunte Augen: „Was gibt’s denn?“
„Das wirst Du gleich hören,“ sagte die Cousine in unheilverkündendem Tone.
Dann schwieg sie wieder, stand da, lang und hager, und sah mit vernichtendem Blicke auf das rosige Mädel herab, das vor Schreck unfähig war, sich weiter auszuziehen.
Beklemmendes Stillschweigen. Nur im Ofen knisterte es leise.
„Na?“ fragte schließlich Monika halb schüchtern, halb trotzig.
„Sagt Dir Dein Gewissen nicht, warum ich komme?“
Monika sah sie erstaunt an, blickte dann im Zimmer umher und wartete.
Aber anscheinend regte sich ihr Gewissen nicht.
Und so beantwortete sie die Frage ihrer Cousine mit einem „Nein“, dem man die Ehrlichkeit anhörte.
„So?... Na, dann werde ich Dir mal zu Hilfe kommen. Also: ich habe alles gesehen.“
„Was denn gesehen?“ fragte Monika.
Eine heiße Röte überflammte ihr Gesicht.
„Ich bin Dir nachgegangen, als Du Herrn von Roßberg aus dem Tanzlokal locktest.“
Das Falsche der Anschuldigung gab Monika ihren Mut zurück.
„Is ja gar nicht wahr.“
Die hagere Cousine reckte sich noch gerader auf, wuchs förmlich in ihrer sittlichen Entrüstung.
„Und dann habe ich gesehen, daß er Dich geküßt hat.“
„Na, dann mache doch ihm Vorwürfe und nicht mir.“
„Nur Dich trifft die Schuld. Ich weiß, wie Roßberg Trudchen liebt. Deine unpassende Koketterie ist an allem schuld, und Du solltest Dich schämen.“
Und Monika schämte sich, ehrlich und glühend. Das süße Triumphgefühl, das sie gehabt: „Mein erster Kuß...“, die naive Zärtlichkeit, die sie in jenem Augenblick für den hübschen Leutnant empfunden — das alles wurde jetzt durch Maries grobe Worte vernichtet; es war, als ob eine zarte Blüte mit harten, roten Fingern zerpflückt wurde.
Ein Frösteln überflog Monika. Sie verteidigte sich nicht.
Sie stand regungslos da, einen starren Ausdruck in dem erblaßten Gesicht.
Maries Sicherheit aber stieg durch Monikas Haltung ins Ungemessene.
„Ja, ja, schäme Dich nur. Endlich machst Du das Armesündergesicht, das für Dich paßt... Ich habe Dir jedenfalls nur eins zu sagen: Du wirst übermorgen von hier wegfahren. Finde irgendeinen Vorwand — was, ist mir ganz gleichgültig. Aber weg mußt Du! Ich habe keine Lust, mich meiner eigenen Cousine zu schämen!“
„Aber ich kann doch nicht so ohne weiteres...“
„Arrangiere das! Wenn Du übermorgen nicht fährst, benachrichtige ich Trudchen Roßberg von Deinem Benehmen und sage Mama, was ich gesehen habe.“
Monika unterbrach kurz. „Ich werde fahren,“ sagte sie tonlos. „Sag’s Deiner Mama nicht. Die hab’ ich so lieb.“
„Ah, Du bist Dir also ganz genau bewußt, wie Deine Handlungsweise war!“
Da richtete sich Monika auf aus ihrer zusammengebrochenen Haltung.
„Meine Handlungsweise? — Als ob ich überhaupt dabei eine Handlungsweise gehabt hätte! Ich habe — ich — ach, das war eben so ein Augenblick — aber Deine Handlungsweise, mir so nachzuspüren ...“
„Bitte, keine Kritik,“ unterbrach Marie sie schneidend, „das wäre doch ein bißchen gar zu einfach für die leichtsinnigen Leute, wenn die nicht leichtsinnigen ... ihnen nicht nachspüren dürften!“
Durch die dumpfe Stube der Liese klingt ein Weinen.
„Ach, daß Du schon weggehst, Monchen...“
„Na, Liese, besuchst uns mal in Berlin.“
„Wird nich gehen, mein Trautstes. Wer soll denn für den Grün sorgen, für den Fritzchen, fürs Vieh und für die Ollsche?“
„Laß Dich doch vertreten!“
„Wird nich geh’n, Monchen. Fürs Vieh haben die andern nu schon gar kein Herz.“
Dicke Tränen rollen ihr über das durchfurchte Gesicht.
„Und grüß mir die Mamachen recht scheen. Und wenn sie wieder ein Paket schickt: der Kaffee war’s letztemal großartig — der Zucker auch — die vier Pfundchen waren ja bald weg — aber scheen war er — und denn ja nich wieder Nachtjacken, ich hab’ all genug — aber einen scheenen Unterrock mit een Volang.“
„Wird bestellt, Liese.“
„Und wenn Du wiederkommst, Monchen, komm mit ’nen recht forschen Bräutigam, das ist doch das scheenste auf der Welt...“
Der Abschied von Doktor Rodenberg gestaltete sich weniger tränenschwer. Er empfing Monika sogar ein wenig sarkastisch.
„Na, lange nicht geseh’n. Die Hahndorfer Blauröcke lassen Dir wohl keine Zeit?... Was? Abschied nehmen? Du wolltest doch bis zum März bleiben.“
Monika lachte verlegen. „Ich stehe mich mit Marie nicht sehr besonders.“
„Kann ich mir lebhaft vorstellen, Kindchen. Also schon fort?“
„Ach, und ich habe Sie so wenig gesehen, Doktor. Wie schade! So vieles wollte ich Sie fragen. Das ist so komisch mit mir! Ich möchte lernen, daß mir der Kopf raucht, alle schönen und alle großen Dinge möchte ich lernen — graben in den herrlichen und fruchtbaren Schächten der Weltgeschichte — die Pflanzen belauschen in ihrem Werden und Vergehen — den Tieren nachspüren, allen Tieren, bis hinab zu denen, die fast noch Pflanzen sind. Ach, lernen, immer mehr lernen! — Und dann wieder — dann lass’ ich alles im Stich, wenn ich bloß ein blaues Tüllkleid anprobieren soll und... und lass’ es gern im Stich! Und auf dem Ball lache ich mit den Herren und finde alles gelehrte Zeug geradezu blödsinnig. Und... und bin auch dann so rasend glücklich! Ich weiß nicht, ich verstehe mich selbst nicht...“
Sie brach ab.
Der Doktor nahm ihr rosiges Gesicht in seine beiden Hände. Er betrachtete lächelnd die schönen Augen, den naiv-genußsüchtigen, hochgewölbten Mund.
„Kind, wenn Du nicht so hübsch wärst, hätte aus Dir wahrhaftig was werden können,“ sagte er schließlich.
„Aber das Hübschsein ist doch kein Hinderungsgrund für geistige Bedeutung?“ fragte Monika kampfbereit.
„Doch Kind. Verträgt sich nicht miteinander. Das wirst Du schon noch sehen. Aphrodite und Pallas Athene haben sich nie leiden mögen.“
„Und welcher soll ich folgen?“ fragte Monika ihn mit dem ganzen inbrünstigen Vertrauen ihrer Kinderjahre.
Er lachte kurz auf.
„Du hast Dir einen schlechten Ratgeber ausgesucht. Ich hab’ mir selbst nicht raten können.“
Es war ein so bitterer Ton in seiner Stimme, daß Monika einen Augenblick sich selbst vergaß, einen Augenblick den jugendlichen Egoismus, der sich selbst das Interessanteste ist, beiseite ließ.
Ein heißes Mitgefühl blitzte in ihren Augen auf.
„Ja, Doktor, es ist doch eigentlich sonderbar, daß Sie Ihr Leben hier so vertrauern. So rasend klug wie Sie sind und gebildet! Sie könnten doch eine Rolle spielen, könnten in großem Maßstabe wirken für die Allgemeinheit!“
Er lächelte höhnisch.
„Wenn mir die Allgemeinheit bloß nicht so verdammt gleichgültig wäre!“
„Oh!“
„Sieh mal, Kind, ich hab’ in meinen Brausejahren ja auch die Welt aus den Angeln heben wollen. Und zum Arzt war ich gewiß nicht gemacht. Ohnmächtig hingeschlagen bin ich, als ich das erstemal in den Seziersaal kam. Alles in mir hat sich aufgebäumt gegen den Anblick von Gebresten und Tod. Zu meiner Mutter bin ich hingestürzt: ‚Umsatteln! Ich will nicht Medizin studieren. Literaturhistoriker.‘ —
Na, die Antwort hättest Du hören sollen! Arzt werden sei ein Brotstudium, und das habe sie als Witfrau doch wohl um mich verdient, daß ich sie in absehbarer Zeit ernähre. Na, schön, ich habe nachgegeben. Man gewöhnt sich ja auch. Aber man sieht bei diesem Beruf zu sehr, was für ein armseliges Ding der Mensch ist! Und um nicht verrückt zu werden über all den gräßlichen Bildern, hab’ ich mich in die Philosophie geflüchtet, habe mich in die seltsamen, narkotischen Philosophien des Ostens vertieft: China und Indien.“
Er starrte träumerisch geradeaus.
Da traf Monikas Antwort sein Ohr. „Feig’ ist das!“
Wie ein Schlachtruf klang’s. „Feig’! Sein Leben zu verträumen und verdösen in solch künstlicher Gemütsruhe. Wie ein Sumpf ist das. Ich aber will raus, raus in die See! Und wenn ich tausend blutige Schmerzen haben werd’, so werd’ ich auch tausend brennende Freuden haben! Und werd’ leben, es in allen Adern fühlen, das herrliche, blutrote Leben!“
Ihre Hände hatten sich zu Fäusten geballt. Eine so heiße Welle von Kraft ging von ihr aus, daß sie zu dem müden Manne hinüberstrahlte, seine Nerven aufzucken ließ in sekundenlangem Leben.
„Hättest früher kommen sollen, Mone. Bist zwanzig Jahre zu spät geboren für mich. Viel früher hättest Du kommen sollen.“
Es war ein dumpfer Klang in seiner Stimme.
Und dann breitete er beide Arme aus und drückte sie fest an sich: „Leb’ wohl, Mone. Adieu, Kätzchen. Wenn Du wiederkommst, bin ich wohl nicht mehr da.“
„Oh!“ schrie sie erschreckt auf.
„Stille. Sehr lange spielt mein Herz wohl nicht mehr mit. Der edle Alkohol wird ihm zu viel. Stille, Kind! Eines lehren meine weisen Freunde aus dem Osten: anständig zu sterben...“
Monika war so erschüttert über diesen letzten Besuch bei Doktor Rodenberg, daß ihr der Abschied von Sarkow nicht so fühlbar wurde, wie sie geglaubt. Sie wollte von hier aus zu einer Schwester ihrer Mutter, um dort noch einige Zeit zu bleiben, ehe sie nach Hause zurückkehrte.
Herr und Frau von Holtz nahmen sehr herzlich von ihr Abschied.
Marie begleitete ihre Cousine zur Bahn. Sie hatte sich das selbst ausbedungen. Es war, als ob sie immer noch Angst hätte, daß Monika dableiben könne.
„Na, denn komm nur, Du Gefangenwärter,“ rief ihr Monika, die schon im Schlitten saß, zu.
Die Pferde zogen an. Leicht glitt der Schlitten über den blendenden Schnee, und die Glocken klingelten hell.
Die einförmige Fahrt wurde durch kein Gespräch unterbrochen. Schweigend saßen die Cousinen nebeneinander.
Ein paar Kilometer vor Neustadt wurde die tote, weiße Landschaft lebendig.
Eine Schwadron Dragoner kam daher.
Monikas Züge hellten sich auf. Sie lachte vergnügt den Soldaten zu, die ihr bewundernde Blicke zuwarfen, indes sie langsam an dem Schlitten vorbeizogen.
Die Offiziere grüßten.
Als letzter kam Roßberg, der sofort seinen Trakehner anhielt.
„Sie reisen?“ fragte er erstaunt.
„Ja,“ sagte Monika mit einer Schmollmiene, deren Koketterie Marie innerlich rasen ließ.
„Wie schade!“
„Ja, schade. Aber ich muß fort.“
Er sah ihr mit herzlichem Bedauern in die Augen:
„Kommen Sie bald wieder. Wir werden uns alle sehr freuen.“
Ein Händedruck — und er sprengte hinter den anderen her.
Monika streifte mit einem Seitenblick das zornrote Gesicht ihrer Cousine. Eine plötzliche Empörung wallte in ihr auf gegen ihren unerbittlichen „Gefangenwärter“.
Trotzig warf sie den Kopf ins Genick und pfiff laut vor sich hin:
„Muß i denn — muß i denn
Zum Städtle ’naus
Und du, mein Schatz, bleibst hier...“
Der Erfolg trat prompter ein, als sie erwartet.
Marie stieß mit geballten Händen einen unartikulierten Zorneslaut durch die Zähne. Und durch die klare Luft kam deutlich das Echo aus dem Munde des davongaloppierenden Reiters — so lockend klang’s:
„Muß i denn, muß i denn
Zum Städtle ’naus —
U — und — du — mein Schatz...“