4.

Heinzemännchen...“

Der Angeredete, der, in ein Buch vertieft, in einem roten Plüschsessel saß, gab ein unwilliges Grunzen von sich.

Aber Frau von Birken ließ nicht locker. „Heinzemännchen, willst Du den Kalbsbregen mit oder ohne Sardellen gekocht?“

„Mit!“ sagte Heinzemännchen energisch und versank von neuem in sein Gedichtbuch. Lyrik war seine Passion.

Frau von Birken, deren zierlich schlanker Erscheinung und deren hübschem Gesicht mit den blühenden Farben man ihre siebenunddreißig Jahre nicht anmerkte, setzte sich auf die Armlehne des Sessels und küßte das storre, braune Haar ihres Lieblingssohnes.

„Wieder in Poesie aufgegangen, mein Heinzichen? Was hast Du denn da? Den Eichendorff. Ach, himmlisch. Und wie Du gleich wieder so was Schönes herausgefunden hast...“

Sich über das Buch beugend, las sie:

„Denkst du noch jenes Abends, still vor Sehnen —

Als wir das letztemal im Park beisammen?“...

Sie las diese Zeilen mit pathetischer Betonung, indes sie begeistert den Kopf hin und her bewegte.

Heinzemännchen grunzte. Er war heute in trübsinniger Gemütsstimmung und gar nicht dazu aufgelegt, seine poetischen Empfindungen mit der Mutter zu teilen.

„Was hast Du heute eigentlich, mein Einzigstes? Wieder Aerger in der Schule? Nein? — Das Mittagessen hat Dir doch geschmeckt? — Der Schmorbraten war doch wirklich gut, und die grünen Erbsen so weich. Was hast Du denn? — Heinzi, sag’s doch.“

Der Knabe stöhnte tief auf; er klappte schmerzlich die Lider halb über die braunen Augen und sagte:

„Eine schwere Jugend habe ich — sehr, sehr schwer.“

„Aber, Liebling, warum? Ich tue Dir doch alles zuliebe.“

„Eine schwere Jugend,“ wiederholte Heinrich, „seit Papas Tode ruht alles auf meinen Schultern.“

„Heinzchen!“

„Ja, es ist doch aber so. Alles auf meinen Schultern. Denke Dir das Verantwortungsgefühl, das ich habe! Wie ich auf die andern aufpassen muß! Karls Leichtsinn gibt mir viel zu denken. Und Monika — Gott, Monika ist meine schwerste Sorge.“

„Sie ist doch ein sehr gutes Mädchen, Heinzemännchen.“

„Ja, aber sie hat so gefährliche Anlagen. Das schreibt auch Deine Schwester Kläre...“

Heinrich zog ein Portefeuille heraus und entnahm diesem einen Brief.

„Ach, an mich...“

„Ja, Mama, ich vergaß, es Dir zu sagen. Aber es ist nichts Eiliges; ich habe ihn schon gelesen. Eine Charakteristik Monikas...“

Frau von Birken nahm ihrem Sprößling den Brief hastig aus der Hand und begann zu lesen:

„Liebe Mali,

Deine Bitte, Dir genau mitzuteilen, wie Monika sich hier bei uns macht, erfülle ich gern. Nach allem, was Du mir von ihr geschrieben, bin ich nicht ohne Besorgnis gewesen, sie bei uns aufzunehmen. Leider hat unsere Tochter Bertha schon sowieso nicht den Ernst, welcher nötig ist, um die wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen, für welche ich sie bestimmt habe. Bertha findet einstweilen an kindischen Vergnügungen: Schlittschuhlaufen, Tanzstunde usw. viel zu viel Vergnügen. — Sie bereitet sich jetzt unter Leitung meines Mannes auf das Abiturium vor. Leider weiß sie das Opfer, das ihr Vater ihr bringt, indem er ihr so viel von seiner Zeit widmet, die doch durch seinen verantwortungsvollen Beruf als Oberlehrer schon so sehr in Anspruch genommen ist, nicht genügend zu würdigen.

Offen gestanden, ich habe sehr gefürchtet, daß Monika, wie Du sie mir geschildert hast, einen ungünstigen Einfluß auf Bertha ausüben würde — um so mehr, als sie gerade aus Sarkow kam.

Du weißt: Deine Schwägerin, Frau von Holtz, nötigt mir nicht gerade hervorragende Achtung ab. Sie ist so recht eine Frau von der alten Schule — ohne jedes Verständnis für die ungeheure Bewegung, die sich seit Jahrzehnten in der Frauenwelt vollzieht.

Sie erzieht auch ihre Tochter in tadelnswert unmoderner Weise, hat das dringende Bestreben, Marie bald zu verheiraten, lehrt ihre Tochter, in der Heirat das Endziel jeden Frauendaseins zu sehen. Ich weiß das alles von Monika, welche ja leider für ihre Tante Holtz sehr viel Zuneigung entfaltet.

Entschieden hat Frau von Holtz auf Monika nur verderblich gewirkt. Als Deine Tochter ankam, schwärmte sie uns vor von dem blauen Ballkleide, das ihre Tante ihr hatte arbeiten lassen — denke Dir: dekolletiert! — meiner Meinung nach sehr ungeeignet für solch junges Mädchen.

Ich möchte Dir auch nicht verhehlen, liebe Mali, daß Frau von Holtz Deiner Monika wie auch ihrer Tochter Marie vor den Bällen das Gesicht mit Reispuder gepudert hat — eine Handlungsweise, die sich zu sehr charakterisiert, als daß ich sie näher bezeichnen möchte.

Erfreulicherweise wird Monika sich nicht dauernd von diesen frivolen Ratschlägen beeinflussen lassen.

Mit Dank und Verständnis nimmt sie es auf, wenn ich ihr klarmache, daß es nicht das Lebensziel einer modernen Frau sein darf, hübsch auszusehen und liebenswürdig zu sein, sondern daß es der innere Wert ist, der eine Frau zu dem Vollmenschen gestaltet, den unsere Zeit verlangt.

In unserem Bekanntenkreise gefällt Monika ganz ausgezeichnet. Gestern kamen mir in unserem Damenklub sehr schmeichelhafte Aeußerungen über sie zu Ohren. So sagte mir z. B. die Frau Geheime Baurat Wegener: „Ihre Nichte ist wirklich ein äußerst interessantes Mädchen.“ Andererseits kann ich Dir nicht verhehlen, liebe Mali, daß Deine Tochter auch gefährliche Anlagen besitzt...“

„Da hörst Du’s,“ unterbrach Heinzemännchen in bedeutungsschwerem Tone.

Mit ängstlichen Augen las die Baronin weiter.

„Erstens: Monika ist adelsstolz. So oft, wie ich ihr schon auseinandergesetzt habe, daß nicht ererbter Adel eine Zierde des Menschen ist, sondern einzig und allein nur der Adel der Bildung — sie scheint mir nicht überzeugt zu sein.

Auch benutzt sie Briefpapier mit ostentativ großer Krone. Ferner zeigt sich bei ihr oft ein Hang zur Oberflächlichkeit, der die Freude an dem sonstigen Hochstand ihres geistigen Niveaus nicht ungetrübt erscheinen läßt.“

„Sogar sehr oberflächlich,“ bestätigte Heinzemännchen mit mißbilligendem Kopfnicken — „gefährliche Eigenschaften hat sie.“

Eine Sorgenfalte grub sich in seine schmale Stirn.

Er hätte sich wohl des weiteren über seine Schwester ausgelassen, wenn nicht die Tür aufgerissen worden wäre. Karl, der jüngste Bruder, stürmte herein.

„Mamachen, bitte, eine Stulle mit Wurst.“

„Aber Karl, das ist die elfte heute.“

„Dafür habe ich auch kein Mittag gegessen.“

„Das ist es ja eben. Du verdirbst Dir den Appetit mit dem ewigen Butterbrotgestopfe. Du kriegst aber auch nicht eine einzige Stulle mehr,“ schalt die Mutter und verfügte sich mit bewunderungswürdiger Konsequenz in die Küche, um die verlangte Stulle herzustellen.

Karl zog mit seiner Beute triumphierend ab, und Heinrich versank wieder in die grünen Waldgründe Eichendorffs.

Frau von Birken aber verblieb einstweilen in der Küche. Sie hatte sich in ein Gespräch mit Martha, dem hübschen „Mädchen für alles“, verwickelt.

Die Baronin hegte eine glühende Anteilnahme für das Geschick aller Dienstboten, die sie je gehabt, sowie überhaupt für alle Angehörigen der unteren sozialen Schichten, die sie mit dem Sammelnamen: „die armen Leute“ zu bezeichnen pflegte.

In Sarkow war keine Tagelöhnerfamilie gewesen, in welcher die Baronin nicht jeden einzelnen Sprößling beschenkt hätte, und hier in Berlin widmete sie ihr Interesse den Portierfamilien sämtlicher Häuser, in denen sie schon gewohnt; es waren ihrer eine ganze Anzahl, denn länger als ein Jahr wohnte Frau von Birken in der Regel nicht in einer Wohnung. Warum sie so oft wechselte, wußte sie übrigens selbst nicht: sie war mit der jeweiligen Wohnung immer sehr zufrieden. Aber wenn der Kündigungstermin näher rückte, wurde sie nervös — vielleicht würde eine neue Wohnung doch noch schöner sein?

Es war wohl besser, zu kündigen. Und so schnell würde ja die bisher innegehabte Wohnung auch nicht vermietet werden: wenn man nichts Besseres fand, konnte man ja immer noch bleiben. Also, sie kündigte.

Die Folge davon war, daß die jetzige Wohnung oft schon längst einen Mieter gefunden, wenn Frau von Birken sich noch gar nicht für eine neue entschieden hatte.

Sie tat das gewöhnlich erst einen Tag vor dem Umzug, zu welch letzterem dann keine „Ziehleute“ mehr aufzutreiben waren. Ein — zwei Tage schwebte die Baronin dann in wahrer Verzweiflung, wußte nicht aus noch ein. Aber wenn dann der Umzug endlich vor sich gegangen — meistens wurde dabei viel zerbrochen und beschädigt — glätteten sich die Wogen der Erregung bald. Die neue Wohnung wurde entzückend gefunden, bis im nächsten Jahre dasselbe Spiel von neuem wieder begann.

Zu ihren Dienstboten verhielt sich Frau von Birken gerade wie zu ihren Wohnungen: sie fand sie begeisternd, aber sie wechselte sehr gern.

Uebrigens verabschiedete sie sie nie aufs Ungewisse hin.

Mit geradezu rührender Sorgfalt suchte sie ihnen neue Stellungen aus, erließ diesbezügliche Annoncen und schrieb ihnen Zeugnisse, nach denen die Mädchen von hervorragenden Eigenschaften geradezu strotzten.

Die jetzige war natürlich auch wieder eine Perle. Und wie nett sie zu erzählen wußte! Frau von Birken nahm lebhaften Anteil an den Schwankungen des Liebesverhältnisses, das Martha mit einem Schutzmann unterhielt. Die Herrin debattierte stundenlang mit dem Mädchen über die Frage, ob Otto sich zur Heirat entschließen würde oder nicht. Er konnte doch eine Frau ernähren bei der schönen Anstellung, die er hatte. Aber ob ihm zu trauen war?

„Nehmen Sie sich nur in acht, Martha.“

Gestern war er also wirklich nicht zu dem verabredeten Sonntags-Rendezvous gekommen? — Das war doch entschieden sehr auffallend. Nun, vielleicht dienstlich verhindert?

„Aber er hätte jedenfalls schreiben können.“

Die beiden waren so in dieses passionierende Gespräch vertieft, daß sie das Läuten an der Korridortür überhörten.

Erst als Heinrich grämlich hereinrief, daß wohl erst die Klingel abgerissen werden solle, ehe sich Martha zum Oeffnen entschlösse, lief die letztere zur Tür.

Frau von Birken hörte ihren erstaunten Aufschrei. Gleich darauf wurde die Tür aufgerissen — zwei Arme schlangen sich um den Hals der Baronin, ein ungestümer Mund preßte sich auf den ihren: Monika.

Die Mutter war zu überrascht, um Worte zu finden, aber Heinrich, der, seinen Eichendorff fest unter den Arm geklemmt, sich in der Küchentür sehen ließ, sagte ahnungsbang:

„Du wirst wohl wieder was Nettes angestellt haben, Mone.“

Monika ließ sich den brüderlichen Pessimismus nicht sehr zu Herzen gehen; sie umarmte den jungen Melancholiker freudestrahlend:

„Heinzemännchen, Du siehst schon wieder so lebensüberdrüssig aus wie ein asthmatischer Mops. Freust Du Dich denn nicht, daß ich wieder da bin? Oder belastet schon wieder die Verantwortung für mein Betragen Deine schwachen Schultern? Heinzemännchen, beruhige Dich — ich habe immer noch weder Wechsel gefälscht, noch einen Leutnant entführt.“

Frau von Birken fand nun endlich Worte. „Was hast Du bloß für einen komischen Umhang um?“ fragte sie und strich erstaunt über die kapuzinerbraune Umhüllung aus schwerem Loden, welche Monika trug.

„Das? — Ein Geschenk von Tante Kläre — ein ausrangiertes von ihr. Sie sagt: ‚Frauen, die Toiletten-Luxus treiben, sind keine Vollmenschen.‘ — Da ich aber zu einem solchen erzogen werden sollte...“

„O, Mone, Mone...“

„So bin ich ausgerückt. Hurra, hurra, hurra!“ Monika warf ihre geliebte Pelzmütze in die Luft. „Martha, was zu essen, aber viel und gut! Ist was in der Speisekammer? Nein? Na, natürlich — wie gewöhnlich. Gehen Sie bloß schnell was holen: Leberwurst und Semmeln und Butter und zwei Zuckerkringel — ich bin ganz verhungert.“

Martha eilte fort, und Frau von Birken sagte mißbilligend: „Mone, wieder so materiell! Gleich in der ersten Minute des Wiedersehens ans Essen zu denken...“

„Und Du hast in der ersten Minute nur an meinen Umhang gedacht, an den braunen Umhang. Wir nehmen uns nichts, Mamachen. Du denkst an die Kleidung, ich ans Essen — fürs Epikureische sind wir alle beide, Gott sei Dank.“

„Ach, Mone, Du bist genau wie immer,“ klagte Frau von Birken, indes sie ihrer Tochter ins Eßzimmer folgte. „Und ich hatte gedacht, Du würdest Dich geändert haben. Gerade von Tante Kläre habe ich Einfluß auf Dich erwartet.“

„Ach, es ist komisch, Mamachen, es hat eigentlich niemand Einfluß auf mich. Ich habe so andere Ansichten. Die würde ich ja gern ändern, wenn mich irgend jemand durch Argumente überzeugen könnte. Aber was die andern sagen, das ist nie stichhaltig: das zerfetze ich mit ein paar Worten. — Wenn mich irgend jemand überzeugen könnte, mir eine Direktive geben — mais je ne demande pas mieux.“

„Nun sage lieber bloß schon gleich, was Du angestellt hast,“ sagte das geliebte Heinzemännchen trocken.

„Was ich angestellt habe? Ach, gar nichts. Bloß daß sich der Doktor Schelling in mich verliebt hat.“

„Aha, ein Mann,“ bemerkte Heinrich.

„Na — sozusagen,“ erwiderte Monika gedehnt. „Er ist kleiner als ich und schmäler als ich, und außerdem hinkt er auf dem linken Fuß...“

„Mone, Deine Art, auf Aeußerlichkeiten Gewicht zu legen, ist schrecklich: ich kenne den Doktor Schelling — ein sehr geistreicher, feinsinniger Mann...“

„Aber, Mama, wie er aussieht — direkt verboten!“

„Mone, Du wirst wieder gemütsroh. Wo Du das nur herhast? Wenn ich so denke: das Gemüt, das ich habe! Bei meinem Gemüt, Mone...“

„Gott sei Dank hab’ ich das nicht geerbt, Mama. Aber um auf den Doktor Schelling zurückzukommen: der ist Tante Kläres Seelenfreund, Partisan der Frauenbewegung natürlich. — Großartig, was sich die beiden jeden Tag zwischen fünf und sechs zu erzählen haben. Bertha und ich wurden dann immer mitzugezogen, um zu modernen Mädchen, zu Vollmenschen heranzureifen; ‚neue Horizonte eröffnen‘, nannte das Doktor Schelling.“

„Und Du hast Dich gewiß unpassend benommen?“

„Aber keine Spur! Reizend war ich, direkt niedlich. Ich habe sogar Goethe zitiert, den ich doch eigentlich nicht ausstehen kann. Natürlich Leonore — natürlich:

‚Ich höre gern, wenn kluge Männer reden,

Daß ich verstehen lerne, wie sie’s meinen...‘“

Frau von Birken atmete erleichtert auf.

„Wahrhaftig, Du warst nicht ungezogen?“

„Aber im Gegenteil! Ich war so artig, daß sich der gute Hinkepot in mich verliebte. Er hat bei Tante um meine Hand angehalten. Ich wußte gar nichts davon: mir hat er gar nichts gesagt — bloß, daß ich schöne Augen hätte und entzückende Hände und so. —

Aber Tante hat mir, als sie mir seinen Antrag übermittelte, einen kolossalen Krach gemacht: nur durch meine Koketterie und meinen Hang zur Frivolität hätte ich den großartigen, ernsthaften Doktor Schelling zu solch einer Dummheit verleitet — zu der Dummheit, einen völlig unerzogenen Backfisch heiraten zu wollen, der überhaupt gar kein Vollmensch wäre! —

Und als ich dann der Tante sagte, ich dächte gar nicht daran, ihn zu heiraten, weil er so häßlich wäre und weil ich keinen Bürgerlichen möchte, da wurde sie erst recht böse und sagte, ich wäre ohne jeglichen Fond! Na, das wurde mir schließlich zu viel. Das brauche ich mir nicht gefallen zu lassen. „Ohne jeglichen Fond.“ Da kommt man sich ja schließlich zu dumm vor. — Also, da bin ich ausgerückt. Geld hatte ich bloß sehr wenig. Da bin ich dritter Klasse gefahren. Scheußlich! — Unterwegs hat mir ein Pferdehändler gesagt, er möchte sich gern mit mir verloben.“

„Mone!“

„Mamachen, keinen Verzweiflungsausbruch! Ich habe doch gar nichts getan. Was kann ich dafür, wenn sich Leute in mich verlieben? — Ah, da kommt Martha mit der Leberwurst. Leberwurst und zum Dessert Zuckerkringel. Der alte ehrliche Wagner hat doch recht:

‚Es gibt ein Glück, das ohne Reu’!‘“

Am Abend war die ganze Familie um den großen Tisch im Eßzimmer versammelt. Sogar Alfred war erschienen, Alfred, der sonst seine Abende außerhalb des Hauses zubrachte, vage Erklärungen für sein Fernbleiben gab, die niemand ihm glaubte, seine Mutter am wenigsten.

Sie war von einem beständigen Mißtrauen gegen Alfred erfüllt. Für diesen ältesten Sohn hatte sie nie viel übrig gehabt — von seiner Geburt an nicht.

Warum, war ihr selbst unklar.

Doch Alfreds Verhalten ließ ihren Mangel an Zuneigung oft recht gerechtfertigt erscheinen; er war alles andere eher als ein guter Charakter. Er war bei allen, die ihn kannten, seiner Boshaftigkeit wegen gefürchtet; es gab kaum ein größeres Vergnügen für ihn, als seine Bekannten gegenseitig aufeinanderzuhetzen. Er lernte ungern, war faul und genußsüchtig — dabei unleugbar von glänzender Begabung. Doch diese Begabung hatte etwas merkwürdig Partielles. In vielen Fächern leistete er absolut nichts, in anderen war er unübertrefflich. Er war ein mißtrauischer Charakter, der bei allen anderen Böses witterte, mitunter aber überraschte er durch einen Zug von Gutmütigkeit.

Auch seine äußere Erscheinung wies kein einheitliches Gepräge auf. Sein kräftiger Körperbau und seine breiten Schultern ließen auf einen hochgewachsenen Menschen schließen, aber er erreichte kaum das Mittelmaß.

Mit seinem Gesicht konnte er dagegen zufrieden sein. In der Tat war dieses Gesicht sehr schön — alle Züge von vollendeter Regelmäßigkeit. Er hatte kalte, blaue Augen und einen üppig geschwungenen, auffallend roten Mund, dessen Inkarnat noch leuchtender erschien durch den dunkeln Flaum auf der Oberlippe.

Mit der Mutter stand Alfred in sehr gespannten Beziehungen, mit den Geschwistern kühl.

Ueber Monikas Kommen heute hatte er anscheinend auch keine Freude empfunden.

Heinzemännchen dagegen war es angenehm, daß Monika da war. Nun konnte er ihr wieder Lyrik vorlesen.

Monika ärgerte ihn nicht wie die Mama dadurch, daß sie seine Deklamationen unterbrach, selbst die Verse vollendete, und noch dazu mit falschen Versfüßen.

Heute abend kam er zu Monika mit Eichendorff, den er eben „entdeckt“ hatte.

Mit tiefem Gefühl und übertriebener Betonung las er ihr vor, jenes schönste:

„Denkst du noch jenes Abends, still vor Sehnen,

Als wir das letztemal im Park beisammen?

Wild standen rings des Abendrotes Flammen,

Ich scherzte wild — du lächeltest durch Tränen.

Ob du die Mutter auch belogst, betrübtest —

Was andre Leute drüber deuten, sagen —

Sonst scheu — heut’ magst du nicht nach allem fragen,

Mir einzig zeigen nur, wie du mich liebtest...“

„Da siehst Du’s, Heinzemännchen,“ jubelte Monika: „‚Ob du die Mutter auch belogst, betrübtest — was andre Leute drüber deuten, sagen‘... Da siehst Du’s! Das ist alles schnuppe, wenn man liebt. So beim Lesen findest Du’s sehr schön, und wenn ich in Wirklichkeit so wäre...“

„Laß Dir das nicht einfallen,“ grunzte Heinzemännchen, plötzlich aus seinen poetischen Himmeln gerissen.

Alfred warf seiner Schwester einen Blick zu. Er sprach kein Wort. Aber dieser eiskalte Blick war eine schärfere Drohung als seines Bruders Worte.

Karl kaute unbekümmert weiter an seiner Stulle. Frau von Birken aber sagte ganz erregt: „Mone, ich bitte Dich, nicht immer solch exzentrische Redensarten. Laß doch das endlich — mir zuliebe...“

„Dir zuliebe?“ fragte Monika gedehnt. Sie warf den Kopf ins Genick: „Ich lebe doch für mich — nicht bloß Dir zuliebe, Mama. Man ist doch nicht bloß dazu da, um so zu sein, wie es zufällig gerade der Geschmack der betreffenden Eltern ist.“

„Nettes Früchtchen,“ sagte Alfred spöttisch zur Mutter.

Und Heinrich sagte strafend:

„Wenn man Dich so anhört, man sollte es rein nicht für möglich halten.“

„Ach, Ihr heuchelt bloß wieder, Jungens. Lebt Ihr denn der Mama zuliebe? Wenn Alfred für achtzig Mark Schulden macht im Zigarrengeschäft und Heinrich sich verbotene Bücher kauft und Karl den ganzen Zucker stibitzt — na, ich will ja gar nichts gegen Euch reden. Mir ist das alles egal. Ich bin froh, wenn Ihr mich zufrieden laßt. Aber das ist nicht zu leugnen, daß Ihr Euch selbst zuliebe lebt! Und das tun überhaupt alle Menschen!“

„Mone, wie Du das sagen kannst, mir sagen kannst, bei meinem Gemüt!“ entrüstete sich Frau von Birken. „Meine ganze Jugend habe ich Euch hingeopfert. Immer bin ich im Kinderzimmer gewesen, auch als Ihr zwei Gouvernanten gleichzeitig hattet: Miß Smith, die liebe Person, und Mademoiselle Marguerite, das entzückende Mädchen.... Ich — habe ich je mir selbst zuliebe gelebt? Habe ich je an mich selbst gedacht? — Wo gibt es noch eine Mutter, die ihre Kinder so verwöhnt hätte wie ich, sie so gestopft — ja geradezu gestopft mit Leckerbissen — und mit Euch gespielt hab’ ich und mit Euch gelernt. — Und das habt Ihr auch gewußt. Ja, als Ihr klein wart, wart Ihr noch dankbar. Gebrüllt habt Ihr, wenn ich auf Bälle ging — Euch an mein Kleid geklammert, damit ich dableiben solle... Das cremeseidene mit der griechischen Stickerei hast Du mir direkt entzweigerissen, Mone, als Du fünf Jahre alt warst, an dem Abend, als ich zum Regimentsball nach Hahndorf wollte... Und Heinzemännchen wollte sich direkt aus dem Fenster stürzen, aus der ersten Etage in Sarkow, als wir in großer Gesellschaft einen Schlittenausflug unternahmen ... Gott, wie heute weiß ich es noch! Ich war gerade im Begriff, in den Schlitten zu steigen — einen grauen Samtmantel hatte ich an mit Chinchillabesatz, und ein kleines Barett, wie es damals neueste Mode war — außer mir trug es noch niemand im ganzen Kreise. — Und Herr von Schmettwitz bietet mir die Hand zum Einsteigen — und plötzlich wird in der ersten Etage ein Fenster aufgerissen, und auf dem Fensterbrett steht Heinzemännchen und schreit... schreit, daß mir die Ohren gellen: er spränge runter, wenn ich ihm nicht verspräche, dazubleiben. — Ach Gott, den Augenblick vergesse ich nicht, und wenn ich hundert Jahre alt werde! Ich rufe und schreie: ja, ja, ich bleibe! — Aber Heinzchen beugt sich noch weiter vor. — Und Euer Papa wie ein Sturmwind die Treppe hinauf und reißt den Jungen in seine Arme. Hauen wollte er ihn! Aber das habe ich natürlich nicht erlaubt! Und weil ich doch natürlich den Ausflug nicht versäumen wollte, habe ich Heinzchen mitgenommen. Ach, wie süß er aussah in seinem blauen Mäntelchen mit dem echten Persianerkragen... Ja, so geliebt habt Ihr mich! — Und jetzt ist das der Dank. Daß Mone solche Sachen sagt und mich des Egoismus bezichtigt...“

„Aber, Mama, ich habe doch nichts von Dir gesagt, sondern daß die Menschen im allgemeinen...“

„Dann hättest Du mich wenigstens davon ausnehmen sollen. Wenn Du Euch so charakterisiert hast, dagegen kann ich ja gar nichts einwenden. Ihr seid auch alle egoistisch! Nicht einer, der mein Gemüt geerbt hätte!“

Aufseufzend warf die zierliche Frau einen Blick in die Runde, betrachtete die vier Gestalten mit den breiten Schultern, dem trotzigen, kurzen Genick — sah auf die üppigen Münder, hinter denen die blanken Zähne lauerten, sah in die vier jungen Augenpaare, in denen der trotzige Spruch geschrieben stand:

„Mir selbst zuliebe!“

Wildpflanzen waren sie alle vier! — Schon in ihrer zarten Jugend waren die Birkenschen Kinder bekannt gewesen für ihre Ungezogenheit.

Der Baron hatte die Erziehung seiner Sprößlinge völlig seiner Frau überlassen: er selbst war vollauf damit beschäftigt gewesen, das Grandseigneur-Leben zu führen, das er liebte.

Er war seinerzeit als wenig begüterter Junker bei den Hahndorfer Dragonern eingetreten; trotz seiner geringen Zulage hatte er von allen Herren des Regiments am elegantesten gelebt.

Er hatte Glück. Gerade als seine Schulden anfingen, bedenklich zu werden, starb sein Onkel, der kinderlose Besitzer von Sarkow, der einst ihm, dem Verwaisten, Vormund gewesen und ihm nun Sarkow vererbte.

Er hatte sich sofort zur Reserve überführen lassen. Der Dienst hatte ihm, der einen starken Hang zur Bequemlichkeit hatte, nie viel Freude gemacht. Es war mehr die Tradition seiner Familie als innere Notwendigkeit gewesen, die ihn zum Soldaten gemacht.

So hatte er denn ganz gern den bunten Rock mit dem Frack vertauscht, den er an lustigen Abenden in Monte Carlo, Spa, Trouville und Biarritz trug.

Johann Birken war fast zwei Jahre auf Reisen gewesen, ehe er sich persönlich der Verwaltung seines Gutes widmete.

Er fand Sarkow sehr langweilig — so langweilig, daß er auf die Idee verfiel, sich zu verheiraten.

Er verliebte sich bei einem Aufenthalt in der Landeshauptstadt in die Tochter eines dortigen Universitätsprofessors: die schöne Mali.

„Die schöne Mali“ hieß hauptsächlich darum so, weil ihre Schwestern gar so häßlich waren.

Vier Schwestern hatte sie, die waren unsinnig gebildet, und es ging die Sage von ihnen, daß sie ihrem Vater bei den schwierigsten Arbeiten halfen, daß sie Latein und Griechisch redeten wie ihre Muttersprache.

Von diesem klassisch gebildeten Hintergrund hob sich die schöne Mali doppelt wirkungsvoll ab.

Statt der philosophischen Gelehrsamkeit besaß sie schöne, dunkle Augen und einen leichten Sinn.

Neben dem blassen Teint der Schwestern wirkten ihre blühenden Farben desto schöner; neben der Schwestern knochiger Größe nahm sich ihre zierliche, geschmeidige Figur doppelt graziös aus — kurz, man konnte sich keine vorteilhaftere Folie denken für die schöne Mali.

Baron Birken, der seinen stark ausgeprägten Adelsstolz auf seinen Reisen, inmitten der internationalen Milieus, zum großen Teile abgestreift hatte, hielt kurz entschlossen um des Professors schöne Tochter an.

Achtzehn Jahre war sie alt, hübsch, temperamentvoll, nicht unbemittelt — kurz, diese Liebesheirat schien ihm außerdem nicht unvernünftig.

Die Ehe war alles in allem weder glücklich noch unglücklich zu nennen gewesen.

Der Baron ärgerte sich oft über den Hang zur Unordnung, den seine Frau hatte; sie besaß ein geradezu hervorragendes Talent, ihre Sachen durcheinander zu werfen und zu verlegen.

Mitunter fand er Mali auch reichlich kokett und äußerte dann seine Mißbilligung in harten Worten. Aber ihr jugendlicher Charme, ihre liebenswürdige Gemütsart versöhnten ihn immer bald wieder.

Mali hatte sich in ihrer Ehe oft „unverstanden“ gefühlt.

Ihr Mann besaß so sehr wenig geistige Bedürfnisse, besaß auch nicht „so viel Gemüt“, wie sie es gewünscht hätte. In ihren ganzen Lebensanschauungen gingen die Eheleute sehr auseinander.

Die liberalen Ansichten, die Mali aus ihrem Vaterhause mitgebracht, stimmten schlecht zu den Meinungen des Gatten, der — wenn auch nicht in extremer Weise — durchaus konservativen Anschauungen huldigte.

Doch gab es Punkte, in welchen die beiden in ihren Gesinnungen durchaus zusammentrafen: sie hatten beide einen sehr ausgeprägten Sinn für Gastfreundschaft, liebten Gesellschaften und rauschende Vergnügungen — Luxus jeder Art.

Da bei ihnen diese Anlagen durch keinerlei Selbstdisziplin gezähmt wurden, so hatte es nicht lange gedauert, bis ihre wirtschaftlichen Verhältnisse sich verschlechterten.

Die Jeu-Leidenschaft des Barons beschleunigte den pekuniären Abstieg, und schließlich hatte Birken froh sein müssen, als ihm sein Schwager, Herr von Holtz, das total überschuldete Sarkow für einen anständigen Preis abkaufte.

Mit dem kleinen Kapital, das sich als Ueberschuß ergeben, ging’s nun der Großstadt zu, dem Schlachtfelde, auf dem die schwankenden Existenzen siegen oder verderben.

Der Baron Birken war keine Siegernatur gewesen, wenn es arbeiten hieß. Er gehörte zu den Leuten, denen man alle guten Eigenschaften zubilligt, solange sie im Besitz von Stellung und Vermögen sind.

Wenn sie auf den Höhen des Lebens stehen, scheinen diese Leute in eine Waffenrüstung gekleidet, geschützt und umpanzert, bewehrt und bewaffnet mit gutem Stahl, aber das sind Turnierwaffen, glänzende Nichtigkeiten, machtlos wie Pappschwerter, wenn es kein Turnier mehr gilt, sondern eine Schlacht, die Schlacht des hartgrinsenden Lebens.

Was half es Birken, daß er ein ausgezeichneter Reiter war, wenn er sich um eine Stellung als Versicherungsinspektor bewarb? —

Was halfen ihm seine tadellosen Manieren, als er dem Chef, der den Posten eines Disponenten zu vergeben hatte, gestehen mußte, daß er von Buchführung keine Ahnung hatte? —

Was half ihm seine Gentleman-Gesinnung, als er nach „Branchekenntnis“ gefragt wurde bei dem Schuhwarenfabrikanten, der einen gut bezahlten Vertrauensposten zu vergeben hatte? —

Die blanken Waffen des Barons Birken waren Kinderspielzeug, als die Not ihn rief. Und er ergab sich, war besiegt, ohne sich gewehrt zu haben, — ein gebrochener Mann!

Seine schönen Hände mit den rosigen, manikürten Fingerspitzen waren nicht von jenen, die zupacken mit tödlich sicherem Griff, waren nicht von jenen, die sich zu trotzig willensstarken Fäusten ballen. Schöne Hände waren es, schöne, nutzlose Hände, nur gemacht, um einen Pferdezügel zwischen den Fingern zu fühlen, ein paar Kartenblätter zu halten, Goldstücke zu verstreuen.

Und diese schönen Hände lernten es, sich zusammenzukrampfen in Not, in tatenloser Verzweiflung.

Es stand schlecht um die Familie.

Mali jammerte von früh bis spät. Was sie aber nicht verhinderte, oft recht glücklich zu sein. Oft trug sie ihr Leichtsinn über Abgründe hinweg, in denen andere schaudernd versinken.

Wohl strengte sie oft ihre Lungen in geradezu übermäßiger Weise an, um ihren Mann an seine Pflicht zu erinnern: „Du mußt aufstehn, Johann. Glaubst Du, Du bekommst eine Stellung, wenn Du jeden Tag bis ein Uhr im Bett liegst?! Du mußt doch für uns sorgen!! Ich laufe immer noch mit dem Kleid vom Frühjahr herum, und Alfred und Heinzemännchen klagen, der Lehrer hätte sie schon zum zweiten Male nach dem Schulgeld gefragt...... O Gott, wie soll das alles noch enden?“

Eine Antwort war ihr auf diese Frage nicht zuteil geworden. Herr von Birken war weniger expansiv als seine Frau. Was er gelitten haben mochte in der ihn demütigenden Rolle des Bittstellers, das wußte niemand. Das Leben, das er führte, hatte ihn bald mürbe gemacht: sein willensschwacher Charakter hielt nicht stand, — sein Charakter verkümmerte wie ein Baum, den man der Heimatserde entrissen.

Dann kam eine Lebensperiode, die Frau Mali als Aufschwung bezeichnete: der Baron Johann von Birken-Sarkow hatte eine Stellung als Sektreisender gefunden. Er war blaß wie Kalk, als er seiner Frau diese Neuigkeit mitteilte. Seine Zähne waren so fest zusammengekrampft, daß sich die Worte nur mit Mühe zwischen ihnen Bahn brachen.

Aber das hatte Frau Mali nicht bemerkt. Sie war ganz begeistert, — eine so berühmte Firma — — ein so reichliches Gehalt! —

Gott sei Dank, nun würden die bösen Tage vorüber sein. Mit der kleinen Rente, die man aus dem Schiffbruch gerettet, ließ es sich doch auch gar zu schlecht leben.

Aber Mali war, wie so oft, zu hoffnungsfreudig gewesen. Ihr Mann, der früher immer ärgerlich jeden solchen „Sektfritzen“ abgewiesen, ohne ihn zu Worte kommen zu lassen, war nicht die geeignete Persönlichkeit, um nun selber die andern zum Kaufen anzuregen.

Die Firma hielt ihn einige Zeit wegen seines klingenden Namens, seiner vornehmen Erscheinung, aber schließlich kam der Tag, an welchem sein Chef ihn darauf aufmerksam machte, daß seine Gesundheit vielleicht diesem Reiseleben nicht gewachsen sei. Herr von Birken bat darauf um seine Entlassung.

Und dann ging es schnell abwärts. Eine schwere Nierenkrankheit ruinierte diesen mächtigen Körper.

Mali entfaltete in der Leidenszeit ihre besten Eigenschaften, mit aufopfernder Sorgfalt und unermüdlicher Hingabe pflegte sie den Schwerkranken.

Wieder trat ihre seltsame Charaktereigenschaft zutage: hauptsächlich die Leute gut zu behandeln, denen es recht schlecht ging.

Ueber den Ernst der Krankheit war sie sich nie ganz klar; sie jammerte zwar über ihr schweres Los, aber an eine Lebensgefahr dachte sie nicht.

Die Kinder wurden in dieser Zeit etwas vernachlässigt; es blieb wirklich keine Zeit, um sich mit ihnen zu beschäftigen. Alfred wurde aus dem Kadettenkorps, in dem er nur wenige Monate zuvor aufgenommen worden war, zurückgeschickt. Sein störrischer Charakter, sein Mangel an Autoritätsglauben hatten es den Erziehern ratsam erscheinen lassen, ihn aus dem Korps zu entfernen.

Zu Hause zeigte er sich verschlossen und seltsam wie immer, dazu unbotmäßig gegen die Mutter, die ihm ja nie weder Liebe noch Respekt eingeflößt hatte.

Monika, die bis dahin ein sehr herzliches Verhältnis zur Mutter gehabt, in regstem Gedankenaustausch mit ihr gestanden, begann nun geistig eigene Wege zu gehen, schwelgte in Gedankengängen, deren heiße Phantastik ihrer Entwicklung Gefahren bot.

Heinrich wurde noch verschlossener, als er es schon gewesen, und Karl bildete seine hervorragende Begabung fürs Lügen noch weiter aus. Er „schwänzte“ oft mehrmals wöchentlich die Schule, fand immer neue Entschuldigungsgründe dem Lehrer sowie der Mutter gegenüber, und blickte bei seinen haarsträubendsten Lügen mit so taubenhaft unschuldigen Augen und so gleichmäßig rosigen Wangen in die Welt, daß man ihm immer wieder glaubte.

In dieser Atmosphäre von Krankenstubenluft und wirtschaftlichem Rückgang begann eine böse Saat aufzukeimen in den vier jungen Seelen. Zwischen diesem langsam sterbenden Vater, dessen tiefe Apathie mitunter durch aufflackernde Wutanfälle unterbrochen wurde, und der fahrigen Mutter mit den ewig mädchenhaften Bewegungen und dem Mangel an Selbstdisziplin wuchsen diese vier Kinder empor, schossen in Blüte wie Unkraut.

Es war keine Faust über ihnen, die mit sicherem Griff ihr Leben in gebahnte Gleise gelenkt hätte. Sie gingen ihre eigenen Wege. Ihre Wünsche durchsetzend um jeden Preis, begannen sie ihr Leben zu leben einfach und brutal, jung und genußsüchtig...