5.
Die ersten Tage nach Monikas Rückkehr konnte sich Frau von Birken nicht dem großen Einfluß entziehen, den ihre Tochter auf sie ausübte. Keines ihrer anderen Kinder war von so strahlender Lebenslust erfüllt wie Monika, keines der anderen hatte eine so amüsante Art.
Trotzdem stand in den Gefühlen der Mutter Heinrich unbedingt obenan.
Monika erhielt den zweiten Platz, in weitem Abstande folgte Karl und in unmeßbarer Distanz Alfred.
Die Lieblingskinder hatten Vorrechte, die den anderen nie zuteil wurden. Frau von Birken machte da die merkwürdigsten Unterschiede: Heinzemännchen bekam ein gutes Frühstück ans Bett, Monika ein weniger reichhaltiges auch ans Bett, Karl mußte aufstehen, bevor er frühstückte, und für Alfred wurden überhaupt keine Umstände gemacht.
Seitdem jetzt Monika zurückgekehrt, hatte die Mutter viel Zeit für sie. Wenn die Jungen vormittags im Gymnasium waren, setzte sich Frau von Birken oft zu ihrer Tochter ans Bett. Monika war im Gegensatze zu ihrer Mutter, die sich schon um sieben Uhr früh im Haushalt beschäftigte, nur schwer zum Aufstehen zu bewegen. Arbeit im Haushalt war ihr vollends verhaßt.
Frau von Birken hielt ihr diese beiden Punkte ihres Betragens täglich in tadelnder Weise vor, aber sie erreichte nicht das mindeste damit; sie wußte auch eigentlich ganz genau, daß das alles in den Wind gesprochen war. Aber das hielt sie nicht davon ab, Monika jeden Morgen dieselben Vorwürfe zu machen.
„Was soll bloß aus Dir werden?! Wenn ich ein so großes Mädchen wäre, ich würde mich schämen, faul im Bette zu liegen, wenn meine Mutter arbeitet. Ich kann mir überhaupt gar nicht vorstellen, was aus Dir werden soll. Mit der Schule bist Du jetzt fertig, — heiraten wirst Du nicht, — heutzutage heiratet man kein armes Mädchen. Mehr als eine ganz kleine Rente das Jahr kann ich Dir nicht mitgeben. Der Papa hat so wenig hinterlassen; wenn er nicht so hoch versichert gewesen wäre, könnten wir jetzt Hunger leiden. Und mit dem winzigen Zuschuß, den ich Dir geben kann, findest Du keinen Mann. Hübsch bist Du auch nicht besonders — —“
„Ohh — — —,“ flehte Monika, „ohh —“
„Nein, wenn ich denke, wie ich aussah, als ich in Deinem Alter war, — Du bist gar nicht schlank genug für ein junges Mädchen, — ich habe heute noch zehn Zentimeter Taillenweite weniger als Du, und Du bist auch nicht bescheiden genug für ein junges Mädchen. Nein, ein wirklich hübsches junges Mädchen muß ganz anders aussehen: große, fragende Kinderaugen muß es haben.“
„Na, groß sind doch meine Augen genug!“
„Ja, aber keine fragenden Kinderaugen! — Und ein kleines, kleines Mündchen muß ein schönes junges Mädchen haben und eine schlanke Taille und einen bescheidenen Gesichtsausdruck.“
„Nur die Lumpe sind bescheiden!“
„Mone, wende den Goethe bloß nicht immer so entsetzlich falsch an. Also: hübsch bist Du nicht. Klug, — ja, das will ich nicht leugnen. Du bist sehr begabt, Du mußt das Hauptgewicht auf Deine geistige Ausbildung legen, — zur Hausfrau hast Du auch kein Talent.“
„Ich möchte Schriftstellerin werden.“
„Kind, Du hast doch einen förmlichen Größenwahn. Sieh mich an: ich bin doch Deine Mutter, — na, und bin zwanzig Jahre älter als Du, und mir ist es nicht einmal gelungen, gedruckt zu werden. Vierzehnmal habe ich Manuskripte abgeschickt — und alle, alle habe ich sie zurückbekommen. Das einzige, was je von mir gedruckt worden ist, ist ein Küchenrezept, — — und da willst Du Schriftstellerin werden?! Wo ich so viel mehr Gemüt habe als Du —“
„Gemüt ist literarisch gar nicht mehr modern,“ versicherte Monika.
„Ach, man weiß wirklich nicht, was man mit Dir anfangen soll,“ klagte die Mutter weiter, „um die Jungen ist mir ja nicht angst, das hat der Papa auch schon immer gesagt: „um meine Söhne ist es mir nicht angst, aber um Monika.“ — Ja, mit Mädchen hat man seine liebe Not. Am besten wäre es vielleicht, Du würdest studieren.“
„Aha, Tante Kläres Prinzipien,“ bemerkte die Tochter.
„Ich will gar nicht leugnen, daß Kläre Einfluß auf mich hat. Sie ist riesig klug, die klügste von uns Schwestern. Sie weiß ganz genau, was sie tut, wenn sie ihre eigene Tochter studieren läßt. Und so begabt wie Bertha bist Du noch lange. Ich bin sogar überzeugt, daß Du noch leichter lernst.“
„Liebe Mama, soll ich studieren, um zu beweisen, daß ich leichter lerne als Bertha? Oder hast Du noch einen anderen Grund, um mir zum Studieren zu raten?“
„Aber, Kind, ich habe Dir doch eben alles lang und breit auseinandergesetzt: Du hast mehr geistige als körperliche Vorzüge, Du hast wenig Chance, Dich zu verheiraten. Das Studium sichert Dir eine geachtete gesellschaftliche Position. ‚Fräulein Doktor‘ ist doch ganz was anderes, als wenn Du womöglich simple Gouvernante wirst. Irgend was wirst Du doch tun müssen. Der Papa hätte es ja natürlich nicht gewollt, — er hätte es „unstandesgemäß“ gefunden, — aber ich habe solche Vorurteile nicht. Ich bin eine moderne Frau! Ich gehe mit der Zeit mit.“
„Und mit Tante Kläre — —,“ sagte Monika ironisch.
Die Anregung der Mutter ging ihr lebhaft im Kopf herum.
Zunächst einmal war sie tief gekränkt, daß die Mutter ihr Aeußeres so ungünstig beurteilt; die anderen Leute fanden sie doch hübsch, sagten ihr das in unverblümter Weise. Was das Studieren anbetraf, so war sie nicht etwa abgeneigt, die Wünsche ihrer Mutter zu erfüllen. Bei ihrem lebhaften Wissensdurst, ihrer Freude am Lernen wäre ihr das Studienprojekt geradezu ideal erschienen, wenn sie nicht eine lebhafte Abneigung gegen den Begriff der „Studentin“ gehabt hätte. Sie selbst kannte gar keine studierende Frau, sondern hatte sich aus Witzblättern und aus Redensarten, die sie gehört, eine Art Zerrbild der Studentin geschaffen, die sie sich mit kurz geschnittenen Haaren, männlichen Allüren und in uneleganter Kleidung vorstellte. Immerhin hatte sie keine Einrede, als sie eines Tages von ihrer Mutter ersucht wurde, mit ihr zu Fräulein Doktor Stark zu kommen.
Fräulein Doktor Stark war die Begründerin und Leiterin der Mädchen-Gymnasial-Kurse, in denen Damen zum Abiturienten-Examen vorbereitet wurden.
Monika war unsympathisch berührt von dem scharfen Blick der grauen Augen. Dazu kam der schneidende Tonfall, in welchem das Fräulein Doktor ihre knappen Fragen stellte.
„Ihr Name?“
„Freiin Monika von Birken.“
„Alter?“
„Sechzehn.“
„Bisheriger Bildungsgang?“
„Ich habe die Töchterschule von Fräulein von Zieritz absolviert.“
„Als prima omnium,“ fiel Frau von Birken ein, mit liebenswürdig verlegenem Lächeln; sie hatte vor dem gestrengen Fräulein Doktor viel mehr Angst als Monika.
Fräulein Doktor Stark würdigte die Baronin nicht einmal eines Seitenblicks.
„Wie denken Sie über die Stellung der Frau im gegenwärtigen Leben?“ inquirierte sie Monika weiter.
Die Angeredete war etwas verblüfft; ihre sonstige Schlagfertigkeit schien sie im Stiche lassen zu wollen.
„Hm, wir haben es doch schließlich eigentlich in den meisten Sachen bequemer als die Männer,“ sagte sie.
Fräulein Doktor zuckte empört die Achseln und sagte:
„Eine bedauerliche Unreife! Aber sonst spricht nichts gegen Ihre Aufnahme in meine Gymnasial-Kurse. Ihre Ansichten werden Sie bei uns schon ändern.“
Diese Ueberzeugung der Gestrengen erwies sich als nicht stichhaltig.
Nachdem Monika eine Zeitlang an den Kursen teilgenommen, war ihre Lebensauffassung immer noch die gleiche.
Infolge ihrer eminent leichten Auffassungsgabe gehörte sie nach kurzer Zeit zu den besten Schülerinnen, ausgenommen in Mathematik, einer Wissenschaft, von der sie nie auch nur das geringste verstand.
Alles in allem machten ihr diese Kurse sehr viel weniger Eindruck, als sie erwartet. Es war eigentlich wie in der Schule von Fräulein von Zieritz, nur daß man hier mit dem Vatersnamen aufgerufen wurde, statt wie dort mit dem Vornamen, und daß die Schülerinnen hier nicht einheitlichen Alters waren, sondern in den verschiedensten „Jahrgängen“. Und die Damen stammten aus den verschiedensten Milieus.
Neben Fräulein von Roch, der Tochter eines aktiven Generals, mit den korrekten Manieren der preußischen Offizierstochter, saß Olga Iwanowna Safiro, eine Russin von vager Herkunft und recht asiatischem Benehmen.
Neben Frau Kramer, einer Frau mit ergrauenden Schläfenhaaren, die zu Hause zwei halbwüchsige Kinder hatte, saß ein kaum sechzehnjähriges Mädel, das vor wenigen Wochen noch die Schule besucht.
Neben dem abgerissen gekleideten Mädchen, das sich nicht satt aß, um Geld für die Kurse aufzubringen, saß die Tochter eines Kommerzienrats, die einen wahren Juwelierladen zur Schau trug.
Uebrigens waren so ziemlich alle in dieser aus allen Windrichtungen zusammengewehten Schar von ehrlichem Lerneifer erfüllt. Und fast alle waren sie durchdrungen von der Idee, daß nun eine neue Zeit für die Frau hereinbreche.
Vielleicht war Monika die einzige, die das ganze Studieren als eine Art Spiel auffaßte, die die „Mission“ nicht sehr ernst nahm.
Bei vielen der ernst strebenden Mitschülerinnen erregte ihre Art direkt Unwillen, um so mehr, als sie hier, wie auch früher in der Schule, einen ganzen Troß von Verehrerinnen und Anhängerinnen hatte, die jeden ihrer Witze dankbarst belachten.
Ihre erbittertste Feindin war Magda Kirchstett, ein schlankes, brünettes Mädchen von sechsundzwanzig Jahren. Von allen in der Klasse war sie wohl am meisten von der Wichtigkeit dessen, was man hier tat, durchdrungen. Oft hielt sie flammende Agitationsreden.
„Pioniere sind wir einer neuen Kultur, Schrittmacher für die Tausende von anderen, die nach uns kommen werden. Wir alle müssen durchdrungen sein von dem stolzen Gefühl: mit zu den Ersten zu gehören, die sich frei machen von jahrtausendelanger, alter Schmach. Der Mann hat uns schlimmer behandelt, als man Tiere behandelt. Er hat uns körperlich und geistig gemißhandelt und hat uns ausgebeutet in jeder Beziehung, er hat uns rechtlos gemacht, uns tausendfach gekreuzigt!
Aber der neue Morgen bricht an für unser Geschlecht. Noch sind wir wenige, aber mit brennendem Eifer schmieden wir die Waffen, mit denen wir uns befreien werden. Und diese Waffen sind: Fleiß, unermüdliche Arbeitskraft! Lernen müssen wir — Wissen erlangen, um unserem mächtigen Feinde entgegentreten zu können. Waffen brauchen wir! Und die mächtigste Waffe im Kampfe gegen den Mann ist...“
„Das Küssen!“ schrie Monika.
Magda Kirchstett tat den Mund auf, schnappte nach Atem, aber ehe sie diese Lähmung der Entrüstung überwunden, war Monika auf die Bank gestiegen.
„Meine Damen!“ rief sie mit ihrer hellen Kinderstimme, „die besten Waffen im Kampfe gegen den Mann sind die ältesten Waffen — dieselben, die schon unsere verehrten, gänzlich unmodernen und stupiden Großmütter gebraucht haben: ein bißchen schmeicheln — nein! — sehr viel schmeicheln und lieb sein und küssen! Sie sind ja auch nicht so schlimm, die Männer, wie Fräulein Kirchstett glaubt. Es gibt doch viele riesig nette, und es wäre doch gar zu langweilig, wenn es nur Damen auf der Welt gäbe! Jede von Ihnen, die mal einen Damenkaffee mitgemacht hat, wird mir beipflichten. Darum schlage ich Ihnen einen Toast auf die Männer vor. Wir wollen sie leben lassen. Was? Leben lassen — dreimal hoch! Hoch! und zum zweitenmale...“
Die Tür öffnete sich.
Herein schnaufte Professor Hermann, der dicke Mathematiklehrer.
„Was ist denn hier los?“
Monika warf ihm einen koketten Blick zu und sagte kindlich-liebenswürdig:
„Es ist meine Schuld, Herr Professor, ich hatte vor den Damen einige Theorien erörtert, die allgemeinen Anklang fanden.“
Magda Kirchstett stieß einen Zorneslaut aus; auch viele andere schienen lebhaft indigniert.
Andere lachten, und der Professor sagte wohlwollend: „Na, wenn es so allgemein gefallen hat, wird es wohl was sehr Nettes gewesen sein, Fräulein von Birken.“
Monika setzte sich strahlend, denn so freundlich war der Mathematiklehrer zu seiner schlechtesten Schülerin selten.
„Es war eben mein steinerweichender Blick, der ihn so liebenswürdig machte,“ triumphierte Monika nach der Stunde.
Aber sie sollte nicht so billigen Kaufes davonkommen.
Fräulein Kirchstett war nun wieder im Vollbesitz ihres Sprechorgans und ihrer geistigen Fähigkeiten, und so ergoß sich nun ein Niagara von Vorwürfen über Monikas schuldiges Haupt.
„Birken, die von Ihnen geäußerten Ansichten decken eine sittliche Unreife auf, wie man sie bei einer Hörerin unserer Kurse nicht für möglich halten sollte! Leider bin ich genötigt, Fräulein Doktor Stark mitzuteilen, daß wir alle Sie für ungeeignet halten, mit uns zu kämpfen und zu streben. Ja, wir alle...“
Protestierende Zurufe wurden laut.
„Von mir aus kann sie ruhig mitkämpfen,“ sagte die Kommerzienratstochter friedlich.
„Birken ist überhaupt ein riesig netter Kerl,“ rief eine andere.
Frau Kramer sagte melancholisch: „Ihr Loblied auf die Männer war wirklich von keiner Sachkenntnis getrübt, Birken.“
Und im Hintergrunde schrie eine: „Birken ist ein ganz naseweiser Fratz.“
Monika packte ihre Mappe zusammen und sagte: „Kinder, tobt Euch allein aus. Ich gehe mich ein bißchen erholen, in den Tiergarten. Kommt jemand mit? Entschuldigt mich, bitte, bei Professor Mellenthin. Es tut mir sehr leid, die griechische Stunde zu versäumen, aber das Wetter ist zu schön, und im Tiergarten fängt der Flieder schon an zu blühen.“
Kaltblütig ging sie hinaus, während die drinnen wie ein aufgescheuchter Spatzenschwarm durcheinander lärmten.
Monika schlenderte durch den Tiergarten, ließ den Zauber der erblühenden Büsche auf sich wirken, musterte Pferde und Reiter, die vorüberkamen, und dachte über sich selbst nach.
Sie fühlte sich sehr allein. „Ich bin doch eigentlich ein unglückliches Zwittergeschöpf,“ philosophierte sie und pfiff betrübt einen Schmachtwalzer vor sich hin. „Bin ich nun eigentlich ein Kind meiner Zeit? Dieser Zeit, in der die Frau die engumhegten Bahnen verläßt, in denen sie jahrtausendelang gewandelt, in der sie kühn hinausstürmt in die Weite, den Kopf noch ein bißchen benommen von dem grellen Licht, das so plötzlich auf sie einströmt.
Oder wäre ich auch in jedem anderen Zeitalter möglich?
Diese zwei Naturen in mir, die sich gegenseitig bekämpfen... wie sagt doch Doktor Rodenberg? Aphrodite und Pallas vertragen sich schlecht miteinander ...
Die süße Aphrodite lächelt so spöttisch, wenn ich mich zu der eulentragenden, gelehrten Göttin flüchte, und die stolze Pallas grinst geradezu, wenn mich all mein Sein zur schönsten Göttin zieht. Schrecklich, schrecklich!“
So sann Monika vor sich hin, ging aus dem gepfiffenen Walzer in eine Polka über und hopste nach dem Takt derselben den sonnenbeschienenen Fußpfad entlang, von den wohlwollenden Blicken zweier alter Herren gefolgt.
Am nächsten Tage hatte Fräulein Doktor Stark eine private Unterhaltung mit Monika.
„Mir haben Damen Ihrer Klasse mitgeteilt, daß Sie Ihrer ganzen Auffassung nach vielleicht nicht geeignet sind...“
Monika unterbrach.
„Fräulein Doktor, ich habe mir einen harmlosen Scherz gemacht.“
„So? — Nun, jedenfalls interessiert es mich, zu erfahren, welchen Standpunkt Sie mit Bezug auf Ihre Studien einnehmen. Wie denken Sie sich Ihren Lebensgang überhaupt?“
„Zunächst will ich hier das Abiturientenexamen machen und dann...“
Monika stockte.
„Welchem Studium wollen Sie sich widmen? Medizin?“
„O pfui!“ schrie Monika los, „Leichen zerschneiden!“
Ihr Gesicht zeigte den Ausdruck höchsten Entsetzens.
„O pfui!“
„Beherrschen Sie sich. Das ist kindisch. Also Philologie?“
„Nein.“
„Jura?“
„Nein.“
Monika besah ihre Fingernägel, und plötzlich kam ihr eine Eingebung.
„Nationalökonomie,“ sagte sie entschlossen.
„So, so,“ die Gestrenge schien besänftigt, „und in welcher Weise gedenken Sie diese Studien zum Wohle der Frauenwelt anzuwenden?“
„Nationalökonomie,“ sagte Monika noch einmal bedeutungsschwer; sie ließ diese rettende Planke nicht mehr los.
Daß sie etwas unklare Begriffe über die Bedeutung dieses Wortes hegte, brauchte Fräulein Doktor ja nicht zu erfahren.
So endete die Unterredung weniger schlimm, als Monika es sich vorgestellt.
Wochen und Monate gingen dahin.
Die Baronin Birken erzählte stolz allen ihren Bekannten, daß Monika studieren solle; sie schrieb es ihren sämtlichen Verwandten.
Frau von Holtz äußerte sich recht mißbilligend über das Studienprojekt. Sie erwähnte, daß ihre Tochter Marie sie auch schon um die Erlaubnis zum Studieren gebeten. Dieser „moderne Unsinn“ schien förmlich eine ansteckende Krankheit zu sein. Sie habe natürlich empört die Erlaubnis verweigert. Die Ungebundenheit der Studienjahre sei mit der Würde und dem Anstand eines jungen Mädchens unvereinbar. —
Marie maulte jetzt die ganze Zeit, daß sie ihren Willen nicht durchsetzen dürfe; sie aber würde unbeirrt ihrer Mutterpflicht genügen und hoffe, den Verwandten schon in nächster Zeit die Verlobung Mariechens mitteilen zu können.
„Ach, eine Verlobung!“ Frau von Birken war Feuer und Flamme. „Wer es wohl sein mag? Und ob es eine gute Partie ist? Nun, wahrscheinlich doch. Marie als Erbtochter von Sarkow kann Ansprüche machen.“
Die Baronin sprach in den nächsten Tagen nur von dieser Verlobung und erging sich in den verschiedensten Vermutungen.
Ihr Interesse wurde erst abgelenkt, als sie einen Brief ihrer Schwester Kläre empfing. Auch dieser Brief war eine Antwort auf Malis Mitteilung, daß ihre Tochter studieren solle.
Kläre schrieb, sie freue sich, daß nun doch Monikas bessere Instinkte zum Durchbruch kämen. Das Studium würde ein unübertreffliches Mittel sein, um Monikas Hang zum Leichtsinn entgegenzuarbeiten.
Was ihre eigene Tochter Bertha anbeträfe, so sei es für die nun auch höchste Zeit, sich auf das Abiturienten-Examen vorzubereiten, und zwar in ernsthafterer Weise als bisher. Der Unterricht durch den Vater zeitigte leider nicht die Früchte, die man berechtigt gewesen wäre, zu erwarten. Und so sähe sie sich denn genötigt, Bertha nach Berlin zu schicken, wo dieselbe auch den Gymnasialkursen von Fräulein Doktor Stark eingereiht werden solle. Sie hoffe dringend, daß sich Berthas Charakter dort von Grund auf ändere. Leider sei sie einstweilen ein durchaus unmodernes Mädchen, interessiere sich mehr für den Haushalt als für die Wissenschaft. Natürlich aber werde sie — Kläre — ihren Mutterpflichten getreulich nachkommen und es zu verhindern wissen, daß Bertha ein Schablonendasein führe.
„Ach, Berthchen kommt zu uns,“ rief Frau von Birken, indem sie plötzlich die Lektüre des Briefes unterbrach. „Wie nett! Bertha ist ein reizendes Mädchen. Ich muß doch gleich mal sehen, ob das gelbe Fremdenbettstell in Ordnung ist. Martha, schnell den Schlüssel zum Boden.“
„Rege Dich gar nicht erst auf, Mamachen,“ sagte Monika, die den von ihrer Mutter achtlos weggeschleuderten Brief inzwischen zu Ende gelesen. „Bertha kommt nicht zu uns.“
„Ach, warum denn nicht?“
„Hier steht es: sie kommt zum Bruder ihres Vaters, dem Professor Reckling.“
Frau von Birken war empört.
„Komische Idee von Kläre. Ich als Schwester wäre wohl doch die nächste dazu, ihre Tochter aufzunehmen. Bertha ist ein nettes Mädchen, ich hätte sie so verwöhnt...“
„Mehr als mich,“ brummte Monika. „Fremde Kinder behandelst Du immer besser als uns, Mama.“
„Die ärgern mich auch weniger als Ihr! Nicht ein einziger von Euch ist gehorsam.“
„Das hat Tante Kläre wohl auch gedacht und unseren Einfluß auf Bertha gefürchtet,“ sagte Monika. „Mir wird doch immer gesagt, daß ich so demoralisierend wirke — de — mo — ra — li — sie — rend...,“ sang sie im Walzertakt und schwang die Mutter in die Runde.
Nach Berthas erstem Besuch bei Birkens war Mali von ihrer Nichte entzückt. Das machte aber niemandem einen großen Eindruck, da sie sich für unendlich viele Leute begeisterte.
In diesem Falle hatte sie wirklich keine genügende Ursache, entzückt zu sein. Bertha besaß nichts irgendwie Hervorragendes.
Sie war ein schlankes, blondes Mädchen mit schmalen Schultern und ziemlich ausdruckslosen Augen. Ihre geistige Befähigung war knappes Mittelmaß, ihr Charakter war harmlos freundlich, nur momentan war ihre Stimmung verbittert durch den Zwang, den die Mutter auf sie ausübte. Bertha wäre so froh gewesen, wenn man sie das Leben hätte führen lassen, wie es alle ihre Freundinnen führten: in der Wirtschaft helfen, ein bißchen Klavier spielen, ein bißchen malen, hübsche Handarbeiten machen, Bälle besuchen, die Eisbahn, den Tennisklub.
Und dann sich verloben — ach, himmlisch! — heiraten, hübsche Kinder haben mit schön frisierten Haaren und weißen Spitzenkleidern.
Und da kam Mama nun mit der unglücklichen Idee des Studiums.
So oft sie ihrer Tochter auch vorhielt, in welch begnadeter Zeit sie lebe, daß es ihr gestattet sei, all ihre Geisteskräfte voll zu entfalten, indes ihre Mutter seinerzeit durch die herrschenden Anschauungen gezwungen gewesen, dem herrlichen Plane: ganz im Dienste der Wissenschaft aufzugehen, zu entsagen — Bertha ließ sich nicht überzeugen.
Sie gehorchte zwar dem Gebot der Mutter, aber ohne jede innere Freudigkeit.
In den Kursen — sie war in denselben Zötus eingereiht worden wie Monika — fiel sie durch nichts auf. Eine knappe Mittelmäßigkeit war die Signatur ihres äußeren und inneren Menschen. Für keines der Fächer, in denen man Unterricht empfing, hegte sie besonderes Interesse.
Im Gegenteil! Sie mokierte sich geradezu über Monika, die, als man im Latein und Griechischen die langweiligen Anfangsgründe überwunden, sich für das klassische Altertum zu begeistern begann. Die Glut, die sie in Kindertagen entfaltet, wenn Doktor Rodenberg ihr Sagen erzählt, lebte wieder auf; schattenhafte Träume erwachten zu neuem Leben.
Und nicht nur wie einst sah sie nur die männermordenden Helden, die erzgeschienten Völkerfürsten, nicht nur wie früher verfolgte sie mit heißer Freude am Kampfe das Auf- und Niederwogen der Feldschlacht — jetzt wurde ihr auch die schöne Sklavin lebendig, die blühende Briseïs, die sich zitternd willig dem Peliden gibt. Jetzt schwirrten ihre Gedanken auch um die Götterschönheit der Helena, um die so viel Tausende starben.
Die toten, heidnischen Sprachen, die Monika anfangs so langweilig gedünkt, waren ihr nun Zauberschlüssel — Zauberschlüssel, welche die Pforten zu märchenschönen Gärten öffneten.
Mit einer wahren Gier stürzte sie sich jetzt aufs Lernen.
Und wie immer bei ihr: wenn sie erst angefangen, sich einer Sache zu widmen, so tat sie das ungeteilt; sie richtete all ihre Kräfte, all ihr Sinnen darauf.
Ihre Geisteskräfte schienen zu wachsen in dem scharfen Training, das sie ihnen zumutete, und sie spornte sich selbst immer mehr an.
Weltgeschichte, Chemie, Physik — je mehr, je besser! Mit einem wahren Heißhunger nahm sie alles Gebotene in sich auf und tat weit mehr, als das Pensum erforderte. Ihre Neigung zu Vergnügungen, zum Flirt, trat nun völlig zurück.
Sie wollte nichts weiter, als möglichst ungestört über ihren Büchern brüten. Allein an der Art, wie sie ein Buch aufschlug, wie sie den Einband mit liebkosenden Fingerspitzen umspannte, als sei es eine kostbare Frucht, sah man die Wonne, die es ihr bereitete, sich in den Inhalt zu versenken.
Die Brüder, denen besonders die alten Sprachen unangenehmer Zwang waren, spotteten, wenn sie Monika über den Homer gebeugt sahen.
„Du wirst noch ’ne richtige verdrehte alte Schachtel werden,“ sagte ihr Alfred.
Heinrich erklärte ihr Lernen für „im höchsten Grade unweiblich“.
Karl enthielt sich jeder gesprochenen Meinungsäußerung, aber oft sah er, Butterbrote kauend, seiner Schwester mit entgeistertem Kopfschütteln zu. Wie es Menschen geben konnte, die gern lernten, war ihm ein unheimliches Rätsel.
Frau von Birken zeigte sich von Monikas Lerneifer sehr befriedigt, aber bald trat ein Ereignis ein, das sie verhinderte, auch nur noch einen Gedanken für Monika zu haben: das geliebte Heinzemännchen wurde krank.
Er litt an sehr schmerzhaften Magenkrämpfen. Was es eigentlich war, war nicht mit voller Sicherheit zu ermitteln.
Monika behauptete, daß Heinrichs Mostrichkur wahrscheinlich eine gewisse Rolle spiele. Er hatte nämlich vor einigen Wochen erklärt, daß als Hauptnahrungsmittel für ihn nur Mostrich in Betracht käme.
Die Baronin, der es völlig unmöglich war, ihrem Lieblingssohne irgend etwas abzuschlagen, hatte ihn gewähren lassen, und so hatte Heinrich viele Wochen lang unglaubliche Quantitäten Mostrich vertilgt.
Möglich, daß ihm diese selbsterfundene „Stärkungskur“ schlecht bekommen.
Jedenfalls waren die von Zeit zu Zeit bei ihm auftretenden Magenkrisen so unsäglich schmerzhaft, daß der Arzt Morphiuminjektionen verordnete.
Frau von Birken überließ sich lauten Verzweiflungsausbrüchen.
Ihr Mann hatte in den letzten Monaten seines Lebens Morphium bekommen, und diese Tatsache genügte ihr, um Heinzemännchen einem nahen Tode verfallen zu sehen.
„Aber das sage ich Euch, wenn Heinzemännchen stirbt, dann lege ich mich gleich mit dazu!“
Sie ließ ihn völlig von der Schule dispensieren und verbrachte ihr Leben damit, ihm jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Sie leistete gastronomisch geradezu Wunderbares. Die einfache, reizlose Diät, die der Doktor ihrem Sohne verordnet, leuchtete ihr nicht ein.
„Das ist doch gar nichts Kräftiges! Das sind alles so übermoderne Anschauungen: Gemüse und Obstsaft! — Früher hat jeder Doktor Ungarwein und Beefsteak verordnet — da kann man sich doch denken, daß das Kraft gibt. Man muß den Appetit reizen — das ist die Hauptsache! — Heinzemännchen, Du bekommst heute ein Rumsteak mit geschabtem Meerrettich und Kräuterbutter und einen Sherry — na, Du wirst ja sehen.“
Heinrich war mit seiner Krankheit ganz zufrieden.
Er brauchte nicht in die Schule, lebte wie ein Pascha.
Es wurde aufopfernd für ihn gesorgt. Die ganze Zeit gab es Festmenüs.
Seiner geistigen Unterhaltung diente das Leihbibliotheks-Abonnement, das seine Mutter ihm genommen.
Er las täglich zwei bis drei Bände. Und wenn er zum Lesen keine Lust hatte, mußten seine Mutter und Alfred Skat mit ihm spielen.
Wenn er wirklich mal Schmerzen hatte, beruhigte ihn das Morphium bald, und er verfiel dann in einen traumhaften Dusel, der viel Angenehmes hatte.
Der Hausarzt hatte Frau von Birken eine kleine Quantität Morphium und eine Pravazspritze dagelassen, um Heinrich, dessen Anfälle sehr plötzlich eintraten, nicht unnötig lange Schmerzen leiden zu lassen.
Es war jedesmal ein Ereignis, wenn Frau von Birken sich dazu entschloß, die spitze Nadel in Heinrichs Fleisch zu versenken.
„Heinzemännchen, ich kann es nicht. Es bricht mir das Herz, diese ganze, lange Nadel hineinzubohren — das muß Dir ja zu weh tun!“
„Aber mach’ doch endlich,“ stöhnte dann der von Schmerzen gefolterte Kranke unruhig, „schnell! Ich halte es nicht mehr aus!“
Dann hob ein zitternder Seufzer Frau von Birkens Brust; sie schloß die Augen, indes ihre wenig geschickten Finger die blanke Spitze in ihres Sohnes Fleisch bohrten.
An einem Frühherbsttage bekam Heinrich wieder einen sehr heftigen Anfall.
„Gewiß kommt das von dem Witterungsumschlag!“ tröstete Frau von Birken.
„Ach, Unsinn — Unsinn,“ murrte der Kranke.
„Vielleicht doch, Liebling. Die ganze Zeit hatten wir so schönes Wetter, und jetzt auf einmal die Kälte.“
Sie sah durchs Fenster hinaus auf die die Straße flankierenden Bäume, die der Wind zauste.
Die Blätter wirbelten durch die Luft.
Frau von Birken fröstelte, teils infolge des suggestiven Anblicks, teils, weil sie, um ihre Schlankheit ins rechte Licht zu setzen, immer zu dünne Kleidung trug.
Aber auch Monika, die eben aus ihrem Kursus gekommen, protestierte:
„Mama, Du verstehst die Heilkunde wie so’n alter Schäfer! Das kommt doch nicht von der Witterung! Heinz wird sich eben wieder den Magen verdorben haben!“
„Geh’, Du bist herzlos! Heinzemännchen ißt wie ein Vögelchen.“
„Wird’s denn nun endlich mit meinem Morphium?“ rief der Kranke ungeduldig.
„Ja, mein Geliebtes, ja, so schwer wie es mir wird,“ jammerte die Mutter.
Sie entnahm dem kleinen Etui die auf blauem Samt gebettete Spritze.
Monika verließ das Zimmer. Sie hörte von nebenan, wie ihre Mutter das Schicksal anklagte, das sie verurteilte, ihrem geliebten Herzenskind weh zu tun.
Frau von Birken war ganz blaß, als sie einige Augenblicke später aus dem Zimmer kam.
„Ach, es ist zu schrecklich, der arme, liebe, süße Junge. Gewiß so ein unglückseliges Erbteil vom Papa. O, mein Heinzemännchen, mein süßes! Na, jetzt hat er Gott sei Dank wieder vierundzwanzig Stunden Ruhe.“
Aber Frau von Birken irrte sich.
Als sie nach einer Weile Heinrichs Zimmer von neuem betrat, waren seine Schmerzen kaum gelindert.
„Schnell, Mama, noch mehr Morphium.“
„Ausgeschlossen, mein Liebling. Du weißt doch, daß es ein gefährliches Gift ist. Eine einzige Spritze, hat der Doktor gesagt.“
Heinrich wendete sich stöhnend auf die Seite und schwieg.
Aber nach einer halben Stunde forderte er energisch noch eine Spritze.
„Gewiß hast Du bei der ersten alles vorbeigeplempert, Mama. Es tut so rasend weh. Das Morphium hat heute gar nicht gewirkt.“
„Liebling, das geht doch nicht.“
Frau von Birken stockte das Wort auf der Zunge. Ein unartikulierter Schrei brach von ihres Sohnes Lippen. Sein junger Körper wand sich in Qualen. Eine neue Krise schien einzusetzen.
„Mama...,“ würgte er hervor. Eine flehende Gebärde... Seine tastende Hand wies auf die Marmorplatte des Nachttisches, auf dem die kleine Flasche stand mit der farblos hellen Flüssigkeit.
Da hielt der Mutter Bedenken nicht stand. In fliegender Hast griff sie von neuem nach dem kleinen Etui.
Noch eine kurze Zeitspanne — dann schien die gewünschte Wirkung einzutreten. Die schmerzhafte Spannung aller Glieder ließ nach, die qualdurchfurchten Gesichtszüge glätteten sich.
Dankbar nickte Heinrich seiner Mutter zu. Zum Sprechen war er zu müde.
Auf Zehenspitzen schlich Frau von Birken ins Nebenzimmer.
„Gott sei Dank, Mone, endlich hat’s gewirkt, das Morphium. Ich habe ihm noch eine Spritze gegeben, dem armen Liebling. Jetzt hat er wenigstens Ruhe.“ Dann ging die Baronin in die Küche und unterhielt sich mit Martha, die, seitdem der junge Herr leidend war, in der Erzählung von merkwürdigen Krankheitsfällen schwelgte.
Monika, die über einer Mathematik-Aufgabe brütete, wurde aus ihrer Arbeit gestört durch einen sonderbar röchelnden Ton, der aus dem Nebenzimmer drang.
Sie ging zu Heinrich hinein. „Laß doch bloß dieses gräßliche Schnarchen, man kann überhaupt nicht arbeiten dabei.“
Ihr Bruder antwortete nicht.
Und wieder der röchelnde Ton, der sich aus seinem halboffenen Munde rang.
Monika rüttelte ihn am Arm: „Heinrich!“
Und plötzlich durchzuckte sie ein fassungsloser Schreck. Eiskalt rieselte ihr das Entsetzen den Rücken hinunter. Dieses regungslos starre Gesicht, in welchem kein Muskel gezuckt, als sie „Heinrich“ gerufen, diese nur halbgeschlossenen Augenlider, die das Weiß der nach oben gedrehten Augäpfel erkennen ließen, das war kein Schlaf, das war Bewußtlosigkeit!
Sie rannte in die Küche, stammelte ein angstbebendes: „Mama, komm schnell!“ und zog die Mutter mit sich fort.
Frau von Birken stürzte auf ihren Sohn zu.
„Heinrich!“
Aber trotz der heftigen Berührung gab er kein Lebenszeichen von sich. Die weißen Augäpfel stierten gespenstisch unter den Lidern hervor.
Die Mutter schrie auf, ein herzzerreißend gellender Schrei:
„Heinrich!“
„Aber er lebt ja noch,“ beruhigte Martha, die neugierig aus der Küche herzugelaufen war, „er ist noch ganz warm.“
„Martha, pfui, um Gottes willen, reden Sie nicht so!“ schrie die Baronin.
Und Monika sagte:
„Halten Sie den Mund, und bleiben Sie hier im Zimmer — ich gehe den Arzt holen.“
Sie eilte die Treppe hinunter.
Die Adern schlugen ihr wie Hämmer, eine wahnsinnige Angst um den Bruder hatte sie erfaßt. Sie eilte, als hinge Heinrichs Leben an Sekunden. Keuchend langte sie bei ihrem Hausarzt an; das öffnende Mädchen sagte, daß er nicht zu Hause sei, erst spät abends zurückerwartet werde.
Ohne ein Wort der Erwiderung machte Monika Kehrt, eilte die Treppen hinunter und die Straße entlang. Fieberhaft forschte sie nach dem Schilde eines Arztes.
Bei noch zweien klingelte sie umsonst. Der dritte, ein jugendlicher, elend aussehender junger Mann war auf ihr inständiges Bitten bereit, gleich mit ihr zu gehen.
Frau von Birken empfing den Arzt wie einen Heilsbringer.
„Schnell, Doktor, erwecken Sie meinen Sohn, schnell, um Gottes willen,“ flehte sie.
„Ja, nun lassen Sie mich doch erst mal sehen,“ wehrte der Arzt ab, indem er seinen Ueberzieher auszog.
Dann trat er zu Heinrichs Bett, hob die Augenlider des Bewußtlosen empor.
Die Pupillen waren zu winzigen Pünktchen verengert, reagierten überhaupt nicht auf das Einfallen des Lichts.
Das erstaunte Gesicht des Arztes ließ Monika zu einer Erklärung schreiten:
„Mein Bruder hat zu viel Morphium bekommen, Herr Doktor.“
„Ah, also eine Vergiftung.“
„Was? Eine Vergiftung? Herr Doktor, wie können Sie sowas sagen,“ jammerte in den höchsten Tönen des Entsetzens die Baronin, „wie sollte denn Heinrich zu einer Vergiftung gekommen sein?“
Der Arzt wandte sich ohne weiteres zu Monika, die so kurz wie möglich von Heinrichs Leiden sprach, von dem Morphium, das der Arzt verordnet.
„Und das hat er in Ihren Händen gelassen?“ verwunderte sich der kleine Arzt.
Er ließ sich die Flasche zeigen, betrachtete sie kopfschüttelnd.
„Aber, Herr Doktor, eilen Sie sich, mein Kind stirbt!“ schrie die Mutter.
„Ich muß mich doch erst informieren,“ sagte der junge Mann mürrisch, immer noch über die Flasche gebeugt.
Dann zog er seinen Notizblock hervor und schrieb mit einer Langsamkeit, welche Frau von Birken dem Wahnsinn nahe brachte, mehrere Medikamente auf, die Martha sofort aus der Apotheke holen sollte.
Das Mädchen eilte weg, und Karl, der eben aus der Nachmittagsschule gekommen war, begleitete sie; ihm war es zu unheimlich, im Hause zu bleiben.
Die Minuten dehnten sich zu Ewigkeiten.
Ein atemraubendes Schweigen herrschte in dem Zimmer, nur von Zeit zu Zeit unterbrochen durch das furchtbare Röcheln, das sich aus Heinrichs Munde rang.
Frau von Birken hatte den Kopf des Bewußtlosen an ihre Brust gebetet und bedeckte seine bläulichen Lippen, seine fühllosen Hände mit heißen Küssen.
„Mein Glück, mein geliebtes Kind, sprich doch nur ein Wort, ein einziges, einziges Wort. Liebling ... Heinrich...“
In ihren sonst so heiter liebenswürdigen Augen flammte ein tragisches Feuer.
Dann versank sie in verzweifeltes Schweigen.
Monikas Nerven hielten das nicht mehr aus. Jede Faser in ihr war zum Zerreißen gespannt; eine Jagd von Gedanken stürzte durch ihren Kopf, wirr, zusammenhanglos.
Sie schritt taumelnd hinaus, öffnete die Korridortür, um die Treppe hinabzuspähen.
Kam denn Martha immer noch nicht?
Es war, als ob die Zeit stille stände, als ob Bleigewichte an den Minuten hingen.
Monika verlor vollkommen den Begriff der Zeit.
Als das Dienstmädchen kam, Karl ängstlich dicht neben ihr, wußte sie nicht, ob Minuten oder Stunden verflossen waren.
Sie nahm Martha die Sachen aus der Hand und eilte mit diesen ins Krankenzimmer.
„Herr Doktor, tun Sie ihm nicht weh,“ jammerte die Mutter, als der Arzt Heinrich eine Koffein-Einspritzung machte.
Der Angeredete zuckte ungeduldig die Achseln und setzte sich dann wieder in seinen Sessel.
„Aber er wacht ja immer noch nicht auf!“ rief die Mutter.
„Warten Sie’s doch ab.“
„Aber tun Sie doch was, Herr Doktor, tun Sie doch etwas,“ rief Frau von Birken.
„Wir können jetzt die Senfpflaster auflegen,“ wandte sich der Arzt an Monika. Diese griff nach einem Paket, das man aus der Apotheke geholt. Der Doktor legte Heinrich vier Senfpflaster auf.
„O Gott, das muß ihn ja brennen. Heinz verträgt Senfpflaster überhaupt nicht,“ klagte Frau von Birken. „Heinrich..!“ brach sie dann plötzlich wieder los. In ihrer sonst so unbedeutenden, kleinen Stimme war ein tiefer Unterton, ein tierischer Schmerzensschrei, der Wehlaut der Mutter um ihr sterbendes Junges.
„Herr Doktor, er will sprechen. Er will sprechen! Ich sehe es... es läuft wie ein Zucken über sein Gesicht... Er will sprechen, will klagen... und er kann es nicht... oh.. wie er leidet... er hört und fühlt alles... er will sprechen und kann es nicht...“
Sie brüllte laut auf.
Monika, die blaß bis in die Lippen geworden war, trat auf den Arzt zu.
„Können Sie der Mama nicht ein Mittel geben, um...“
„Ach, Unsinn, das ist alles ganz nebensächlich. Erst müssen wir den jungen Mann da mal aufkriegen.“
Er trat von neuem zu dem Kranken, nahm ihm die Senfpflaster ab.
„Merkwürdig, keine Spur von Rötung.“
Die Mutter schrie auf.
„Frau Baronin, er ist noch ganz warm,“ tröstete Martha, die unaufgefordert wieder ins Zimmer gekommen war.
„Geben Sie jetzt mal den Kampferspiritus.“
Und wieder begann der Arzt die Brust des Regungslosen zu reiben.
Aber immer noch kein Lebenszeichen.
Der Doktor machte nun ein bedenkliches Gesicht.
„Wir werden nochmal Koffein nehmen,“ sagte er kopfschüttelnd.
Und wieder bohrte er die scharfe Nadel in das blasse Fleisch.
Atemraubende Minuten der Erwartung.
Sie alle waren so nervös geworden, daß sie zusammenschreckten, als die Zimmertür sich öffnete.
Alfred trat ins Zimmer. Er richtete ein paar Fragen an den Doktor, die dieser kaum beantwortete. Dann nahm er Monika am Arm und ging mit ihr ins Nebenzimmer.
„Karl hat mir alles erzählt,“ sagte er seiner Schwester, „nun paß gut auf: wenn mit Heinrich irgend etwas passiert, dann weißt Du nichts davon, daß Mama noch ein zweitesmal Morphium gegeben hat. Das Dienstmädchen muß auch instruiert werden.“
Monika starrte den Bruder ganz verständnislos an. „Was?“
„Na, ganz einfach, weil Mama dann wegen fahrlässiger Tötung rankommt...“
Monika schrie auf: „Alfred, wie kannst Du!“
„Na, das ist doch ganz klar. Im Falle Heinrich stirbt...“
Monika stieß den Bruder heftig vor die Brust und rannte ins Nebenzimmer; sie klammerte sich mit beiden Händen an das Fußende des Gitterbettes, betrachtete mit irren Augen den Bewußtlosen und die Frau, die da am Bette kniete, die Mutter, die vielleicht sein Leben auf dem Gewissen hatte... aus Liebe... aus Liebe...
Und plötzlich strömte es Monika siedendheiß durch die Adern: ein wilder Trotz packte sie gegen diese dunkle und furchtbare Macht, die über dem blassen Jünglingshaupt schwebte, ein wütendes Sichauflehnen gegen das Schicksal, das blind und täppisch und erbarmungslos ein Uebermaß von Mutterliebe so entsetzlich ahnden zu wollen schien.
Ihre Hände krampften sich um des Bettes schmale Stäbe; mit weit aufgerissenen Augen starrte sie in den Tod... Es war ein sonderbares Klingen in ihren Ohren. Wohl hörte sie, daß die Mutter auf den Arzt einsprach, aber sie verstand nicht mehr, was sie sagte.
Der kleine Arzt wehrte die Baronin ab.
„Nein, noch eine Koffein-Einspritzung ist unmöglich.“
Dann setzte er zögernd hinzu:
„Vielleicht lassen Sie jetzt nochmal fragen, ob Ihr Hausarzt zu Hause ist?“
Von neuem eilte Martha davon.
Und von neuem ging Frau von Birken durch alle Phasen der Hoffnung, der Verzweiflung, der Enttäuschung, neuer Hoffnung...
„Er bewegt die Lippen, er will sprechen — ich sehe es... Heinrich, ein Wort, ein einziges...“
Sie war so fassungslos in die martervollen Abgründe ihres Schmerzes versenkt, daß sie nichts von dem sah, was sich nun begab.
Der Doktor verkündete mit seiner mürrischen Stimme: „Er schlägt die Augen auf.“
Sie faßte es nicht, begriff es nicht, als Heinrich nun zu sprechen versuchte; als er sprach mit deutlicher, ein wenig traumschwerer Stimme:
„Was... ist... denn...“
Bis endlich das gemarterte Mutterhirn die selige Wirklichkeit erfaßte. Mit einem erschütternden Freudenschrei warf sich die Mutter über den Geretteten:
„Mein Glück... mein einziges...“