6.

Dieses Ereignis klang in Monika nach mit einer bedeutungsvollen Schwere, die es für keinen der anderen gehabt.

Schon der Tod ihres Vaters hatte ihr einen erschütternden Eindruck gemacht.

Aber jener Tod war nichts Ueberraschendes, war nur die Folge einer langen Kette gewesen, geschmiedet aus leidensvollen Tagen und schlaflosen Nächten.

Des Vaters mächtiger Körper war nicht zusammengebrochen wie ein Baum, den der Blitzstrahl trifft, nein! Die Krankheit hatte langsam ihr Werk getan; alle die vielen Tage und Nächte waren wie Ameisen gewesen, die fleißig und hastig Stück um Stück Gesundheit und Leben davontrugen.

Monikas Vater war ein alter Mann gewesen, als seine Augen brachen; alt, trotzdem er kaum fünfundvierzig erreicht.

Seine Haare waren wie Schnee.

Seine Augen waren wie verblaßt — ganz stumpf. Man hatte den Tod kommen sehen, wochenlang — viele Monate lang. —

Jetzt aber war es anders gewesen.

Jetzt war der Tod heruntergestürzt — wie ein Habicht aus blauer Höhe niederstößt auf sein Opfer. Wohl hatte man ihm seine Beute im letzten Moment noch abgejagt, aber allzunahe hatte man das Schwirren seiner starken Flügel gehört. —

Monika sah jetzt im Wachen und im Traum ihres Bruders regungsloses Gesicht, das starre Weiß der Augäpfel unter halbgeschlossenen Lidern.

Wie oft hatte sie gehört von Leuten, die jung gestorben waren. Aber das hatte ihr nie Eindruck gemacht. Was sie von anderen hörte, blieb ihr immer ganz gleichgültig. Sie erfaßte eine Sache erst dann, wenn sie sie erlebte.

Und nun hatte sie gesehen, schaudernd mitgefühlt: das Ende! —

Das brennende Mitleid, das sie für den Bruder gefühlt, verschwand, sobald sie sah, daß Heinrich mit einem Tage Kopfschmerzen davonkam.

Aber der Eindruck blieb. Es blieb die wahnsinnige Angst: nicht sterben, ehe ich gelebt, ehe ich alles Süße gekostet, was das Leben zu schenken hat.

Und es kam der Zweifel, der nagende Zweifel: tue ich recht, wenn ich mich vergrabe in tote Gelehrsamkeit — wenn ich mein Leben verstreichen lasse mit dem Erlernen von Systemen, von Theorien?

Mein Gehirn arbeitet — meine Geisteskräfte werden stärker durch Uebung und Erziehung, aber abstrakte Wissenschaft ist nicht das Leben.

Manchmal war es ihr, als ob sie ihr Gehirn haßte, das alle anderen Regungen zu verschlingen drohte.

Sie bemühte sich nun, nicht mehr an all die Themata zu denken, die sie in den letzten Monaten so sehr absorbiert hatten.

Mit kindischem Trotze suchte sie alle streng geistigen Regungen in sich zu ertöten.

Dafür ließ sie jetzt ihrer Phantasie die Zügel schießen. Und es war, als ob diese Phantasie, die während der Lernperiode geschlummert, nun mit doppelten Kräften aufwachte; lächelnd nahm die Phantasie Monika bei der Hand und führte sie vielgestaltige Irrwege, auf denen viele schöne Giftblüten wucherten, wildflammende Blüten, die berauschend und betäubend dufteten.

Und Monika spann sich in ihre Phantasien wie die fleißige Seidenraupe, die sich mit ihrem Köpfchen in ein silberschimmerndes, dichtes Gewebe einspinnt.

Der Tadel der Lehrer — die Ermahnungen der Mutter blieben umsonst.

Monika nahm am täglichen Leben wenig Anteil, war zerstreut und faul.

Niemand konnte ergründen, was für Gedanken hinter der niedrigen, weißen Stirn rege waren. Mit der gleichen, fast unheimlichen Konzentration, mit der sie sich erst auf das Lernen gestürzt, widmete sie sich jetzt ihren uferlosen Phantasien. Kein fremder Einfluß vermochte sie dieser Manie zu entreißen — nur sie sich selbst.

Und diese Stunde kam.

Ein Gedanke — sie wußte nicht woher — eine schaudernde Selbsterkenntnis: auch das ist nicht Leben! Nicht nur die Wissenschaft stahl mir die Wirklichkeit, auch meine Träumereien haben nichts mit Wirklichkeit zu tun. Diese Träumereien, die sich alle darum drehen, wie das wohl sein könnte, nicht, wie es wirklich ist!

Ich aber möchte das Leben, wie es ist!

Aber was sehe ich denn vom Leben, was weiß ich denn davon? Wir Töchter aus guter Familie werden gehalten wie die Kanarienvögel im Käfig. — Ach... Leben...

Oft wünschte sie sich jemand, der ihr hätte raten, ihr hätte helfen können in dem brausenden Zwiespalt von Gefühlen.

Aber es war niemand da. Sie blieb ganz allein. Allein in der frühen Reife des Körpers und des Geistes.

Und ihr Trotz erstarkte in dieser Einsamkeit, ihr Trotz: allein dazustehen und allein zu bleiben. —

In den Unterrichtsstunden verschlechterte sie sich sehr. Und das wurde noch schlimmer, als der Winter begann und sich ihr hier und da Gelegenheit bot, Tanzfestlichkeiten mitzumachen.

Die Baronin jammerte zwar gottsjämmerlich, wie schrecklich das sei, daß sie in ihrem jugendlichen Alter schon als Ballmutter figurieren müsse — außerdem seien die Kosten für diese Vergnügungen gar nicht zu erschwingen — aber im Grunde genommen ging sie gern hin.

Der Verlauf war jedesmal derselbe: wenn so eine Einladung ins Haus kam, erklärte Frau von Birken feierlich, daß man sie unter keinen Umständen annehmen würde.

Monika begann sich dann zu entrüsten:

„Du gehst ja doch.“

„Ich denke nicht daran! Wir können das gar nicht bei unseren Mitteln. Außerdem müßte ich ein neues Kleid haben.“

„Ach, es geht ja noch mit dem alten, Mamachen, bitte, bitte, wir wollen doch hingehen.“

„Unter keinen Umständen!“ sagte Frau von Birken streng. Sie genoß dann förmlich die Situation. Sie erschien sich in diesen Augenblicken bedeutender als sonst, in dem Bewußtsein, daß Monika von ihr abhängig war, daß sie bitten mußte mit kleinen, schmeichelnden Worten.

„Nein, Du hast so eine Freude gar nicht verdient.“

„Mama!“ — Die weißen Zähne gruben sich tief in die schwellende Unterlippe. Heiß flammte der Trotz in den dunkeln Augen auf. Nein, sie würde kein Wort mehr sagen, nicht mehr bitten — nicht mehr bitten!

Und dann schwirrte vor ihren Augen des Ballsaals blendendes Gewoge, dann klang in ihren Ohren die Tanzmusik, unwiderstehlich süß, unerträglich lockend...

Und langsam quoll es ihr von den widerstrebenden Lippen: „Bitte... bitte...“

Ich denke ja gar nicht daran — ich bin Mutter, ich habe zu bestimmen — wir gehen nicht hin!“

Dann kam es wohl vor, daß Monika sich in einem maßlosen Wutausbruch auf der Erde wand und sich die Haare raufte; lange ließ Frau von Birken ihre Tochter nicht in dieser Verfassung; sie besänftigte sie in den zärtlichsten Schmeicheltönen:

„Monchen, ich bitte Dich, das war ja nicht so ernst gemeint — natürlich gehen wir hin! Und ich schenke Dir mein blaues Emaille-Medaillon mit den kleinen Brillanten. Beruhige Dich doch bloß, Liebling. Wir gehen ja zu dem Balle. Ja, gewiß...“

Und Monika, noch Tränen in den Augen, lächelte matt und glücklich wie eine Rekonvaleszentin.

So trieb Monikas ungezähmter Wille weiter seine wuchernden Triebe, von keines verständigen Gärtners Hand gepflegt, bald gezaust und bald gestreichelt von Mutterhänden, die unverständiger waren, als es manche Kinderhände sind.

Und man ging zum Balle...

Und wenn man nach Hause kam, lag Monika mit schlagenden Pulsen schlaflos im Bett mit wirrem Hirn und irritierten Nerven.

Wohl hatte ihr der Ball all die Freude gebracht, die sie von ihm erwartet. Aber es war ein Augenblicksrausch gewesen; beim Nachdenken hielt er nicht stand. Was war’s denn auch schließlich: ein bißchen Musik und Licht und gute Tänzer...

In diesem unbefriedigten Dasein, das ihr weder Ziel noch Zweck zu haben schien, glaubte sie dann plötzlich einen Leitstern zu entdecken: die Kunst! Mit glühender Begeisterung dichtete sie. Die Worte, die Verse strömten ihr zu mit einer Leichtigkeit, über die sie selbst verwundert war. Oft war ihr, als sei es gar nicht sie selbst, die das alles dächte, sondern als schwebe über ihr ein Unsichtbarer, der ihr ins Ohr sprach, was sie schreiben sollte. Alles war dann wie verändert: die Teppiche, auf denen sie ging, waren weicher als sonst, die Bäume auf der Straße waren riesenhaft gewachsen — die eine Rose, die in einem Glase vor ihr stand, war ein Rosenfeld von Millionen Blüten.

Sie war dann selig. Selig bis in die Fingerspitzen hinein. So lange, bis sie begeisterungsbebend ihrer Mutter und Heinzemännchen die Verse vorlas.

Frau von Birken fand die Gedichte teilweise sehr schön, aber furchtbar unpassend — ein junges Mädchen dürfe überhaupt keine Liebesgedichte machen.

Und Heinzemännchen rang die Hände und beschwor Monika, über den Frühling zu dichten und über den Sommer, oder über den Herbst, oder über den Winter — andere Themata seien für Lyrik unmöglich.

Monika aber faßte eines Tages einen kühnen Entschluß: sie wollte der Welt die Proben ihres Talentes nicht länger vorenthalten.

Und — die Kunstgeschichtsstunde schwänzend — begab sie sich eines Tages mit ängstlichem Herzklopfen in die Redaktion des „Leuchtturms“, einer neu erscheinenden Zeitschrift, in der sich junge Lyriker verschiedener Schattierungen tummelten.

Der „Leuchtturm“ war kein phantastisch prunkender Bau, wie Monika ihn sich vorgestellt. Drei Zimmer im Parterre eines Berliner Hinterhauses bildeten den Leuchtturm. Der Kontorist, der im Vorraum zum Allerheiligsten auf einem Drehschemel saß und trübsinnig vor sich hinstarrte, wurde durch Monikas Eintritt angenehm gestört. Eine so junge Dame hatte er in diesen Räumen noch nicht gesehen.

„Ist der Herr Redakteur zu sprechen?“

„Doktor Waldmann kommt erst in einer Stunde.“

„Ach, so lange kann ich nicht warten: wollen Sie ihm, bitte, dieses geben...“

Monika legte hastig ein Kuvert auf den Tisch.

„Steht Ihr Name und Ihre Adresse auch drin?“ fragte der Kontorist.

„Nein — ich komme wieder.“

Monika rannte davon wie gejagt.

Sie konnte sich viele Tage lang nicht entschließen, nach dem Schicksal ihrer Geisteskinder zu fragen. Aber endlich faßte sie Mut.

Es war ein gar unangenehmes Gefühl, so vor den prüfenden, pincenezbewehrten Augen des Doktor Waldmann dazustehen.

„Mit wem habe ich die Ehre?“ fragte er.

„Ach, der Name tut ja nichts zur Sache,“ sagte Monika heiß errötend. „Ich wollte nur wissen, ob mein Gedichtzyklus ‚Libellen‘ zu brauchen ist?“

„Sehr talentvoll, mein gnädiges Fräulein,“ sagte der Redakteur wohlwollend, „wir wollen in der nächsten Nummer mit der Veröffentlichung anfangen.“

„O...“ Monika schrie beinahe vor Freude.

„Und wohin soll ich das Honorar senden lassen?“

„Auch Honorar?“ Ihre Begeisterung erreichte jetzt den höchstmöglichen Grad.

„Bitte, schicken Sie mir gar nichts,“ sagte sie stotternd. „Ich komme es mir gelegentlich selbst abholen.“

„Soll mich freuen. Zwischen vier und sechs Uhr finden Sie mich meistens hier.“

Ein Händedruck, und sie eilte fort.

Kaum war sie zu Hause angelangt, als sie ihr sorgsam gehütetes Geheimnis verkündete.

Ihre Mutter war eine Beute der widerstrebendsten Empfindungen. Einerseits fand sie es maßlos unpassend, daß Monika allein auf eine Redaktion gegangen, andererseits imponierte ihr die Tatsache, daß ihre Tochter wirklich „gedruckt werden sollte“, kolossal. Hatte doch Frau von Birken mit vierzehn Manuskripten vergebens darum gekämpft.

Monikas Brüder erklärten die Neuigkeit für Schwindel: „Monika will bloß bemänteln, daß sie über eine Stunde zu spät aus dem Kursus kommt.“

Aber der nächste Leuchtturm brachte tatsächlich die „Libellen“, und Monika stürzte daraufhin in die Redaktion, allwo sie fünfzehn Mark Honorar empfing. Sie benutzte sie schleunigst dazu, sich lauter Sachen anzuschaffen, die ihr verboten waren: eine Schachtel Zigaretten, den neuen Roman eines naturalistischen Schriftstellers und eine Flasche Chypre-Parfum.

Sie hatte auf der Redaktion wieder ihren Namen nicht genannt und tat es auch weiterhin nicht. Sie versäumte jetzt manchmal ein oder zwei Stunden in den Gymnasialkursen, war während dieser Zeit heimlich auf der Redaktion des Leuchtturms; da war immer der eine oder andere Zeichner, Schriftsteller oder Redakteur, mit dem sie aufs angeregteste plauderte.

Der ihr bisher unbekannte freie Ton der Unterhaltung begeisterte sie. Sie lauschte gespannt, wenn die Herren sich gegenseitig neckten oder ihre Abenteuer zum besten gaben; sie genierten sich nicht in Gegenwart dieses netten, „anonymen“ Mädchens.

Die Komplimente, die sie Monika machten, waren anderer Art als die, die sie bisher von den Leutnants gehört. Aber es waren doch Komplimente! Das genügte ihr.

Frau von Birken ahnte nichts von den kleinen Eskapaden ihrer Tochter. Sie gebärdete sich oft trostlos, wenn wieder ein neues Gedicht von Monika im Leuchtturm erschien.

„Ich würde die Verse entzückend finden, wenn sie nicht von meiner eigenen Tochter wären,“ sagte sie. „O Gott, daß ich so etwas Unpassendes an Dir erleben muß!“

Aber alles in allem war Monika doch in ihrer Achtung gestiegen, seitdem sie sich zur „Schriftstellerin“ entfaltete.

Das hinderte aber nicht, daß eine Verlobung doch Frau von Birken bedeutend mehr impressionierte. Sie sprach tagelang von nichts anderem als von der goldumränderten Karte, die ins Haus gekommen:

„Die Verlobung ihrer einzigen Tochter Marie mit dem Leutnant der Reserve im Dragoner-Regiment Kronprinz, Gutsbesitzer Wilhelm von Hammerhof auf Hammerhof beehren sich ergebenst anzuzeigen

von Holtz-Sarkow und Frau,
geborene Freiin von Birken.“

„Nein, was die Marie für ein Glück macht!“ rief Frau von Birken ein über das anderemal.

„Du weißt doch noch gar nicht, ob das ein Glück wird.“

„Aber, Mone — das wird es schon! Ein so reizendes Mädchen wie Marie! Und er ist doch ein vornehmer, tadelloser Mann.“

„Kennst Du ihn?“

„Nein, aber ich bin sicher, daß er eine glänzende Partie ist. Du kannst nicht darüber urteilen, Mone, denn Du wirst sicher nie heiraten. Für ein Mädchen, das studiert und außerdem schriftstellert, paßt das ja auch gar nicht.“

Monika zog ein Gesicht: sie schien nicht sehr damit einverstanden zu sein.

Einige Wochen nachher kam Frau von Holtz mit dem Brautpaare nach Berlin, um Einkäufe zu machen.

Der Bräutigam war ein gut aussehender Mensch, höflich und freundlich, Geist und Bildung gesunder Durchschnitt.

„Eine so passende Partie!“ Die zukünftige Schwiegermutter strahlte, war viel entzückter als Marie selbst. Sie erzählte ihrer Schwägerin: „Denke Dir, Marie wollte eigentlich noch gar nicht heiraten, kam auf ihr verrücktes Studierprojekt zurück, erklärte mir, vorläufig triebe sie nichts gebieterisch zu einer Heirat, und so wolle sie einstweilen warten, wolle ihre Freiheit nicht verlieren. — Na, ich habe ihr den neumodischen Unsinn schon ausgetrieben! — Es wäre doch auch zu unsinnig gewesen, Hammerhof auszuschlagen. Unsere Güter grenzen aneinander, Marie ist zwanzig Jahre alt, gerade das richtige Alter zum Heiraten! Wenn die Mädchen nicht früh heiraten, bekommen sie alle so sonderbare Ideen bei den überspannten Zeitströmungen, die jetzt herrschen.“

„Ja, aber wenn sie ihren Bräutigam nicht glühend liebt?“ sagte die Baronin Birken bedenklich.

„Mein Gott, Mali, Du wirst schon wieder romantisch. Was soll das vorstellen: ‚glühend liebt‘? Ich habe meinen Mann, als wir verlobt waren, auch nicht glühend geliebt, und wir führen die harmonischste Ehe, die man sich vorstellen kann. Ich finde: ein Mädchen aus unseren Kreisen hat überhaupt nicht glühend zu lieben! Wirst Du Dir denn Deine Romantik nie abgewöhnen, Mali?“

„Ich hoffe, nein!“ sagte die Baronin stolz. „Ich bin froh, daß ich meine jugendliche Begeisterung habe, und ein echtes Gemüt bleibt ewig jung!“ —

Was Begeisterung anbetraf, so entfaltete Frau von Birken ein vollgemessenes Quantum in den nächsten Tagen; sie fand alles begeisternd: die Theatervorstellungen, die Einkäufe und Bestellungen, alles...

Die Einkäufe waren übrigens ein Zankapfel zwischen Marie und ihrer Mutter. Frau von Holtz versuchte — autoritativ wie immer — ihren ganz persönlichen Geschmack zur Geltung zu bringen, und Marie fand mitunter ein scharfes Wort: „Schließlich, ich soll doch die Sachen haben und nicht Du, Mama. Da ist doch mein Geschmack eigentlich wichtiger.“

Frau von Holtz klagte dann über die schreckliche, neue Zeit, in der die Töchter gar nicht mehr den richtigen Respekt entfalteten und sich anmaßten, eigene Meinungen zu haben. Hatte sie selbst einst ihrer Mutter Vorschriften zu machen gewagt, als diese ihr die Aussteuer gekauft? Mit ehrfurchtsvollem Danke hatte sie alles entgegengenommen — und dabei sei der gelbe Salon mehr als unpraktisch ausgesucht gewesen!

Auch Monika fand Maries Benehmen als Braut zu tadeln.

„Ich würde mich anders benehmen, wenn ich verlobt wäre,“ sagte sie zu ihrer Mutter. „Der Marie merkt man gar nicht an, daß sie glücklich ist. Ich glaube, die paßt gar nicht für die Ehe!“

„Was, die Marie soll nicht für die Ehe passen?“ entrüstete sich Frau von Birken, „so ein reizendes Mädchen! Und die schönen Handarbeiten, die sie macht, und kocht tadellos; sogar Früchte einkochen kann sie ganz allein.“

Am tiefsten berührt von der ganzen Verlobung war unstreitig Bertha, die das Brautpaar bei Birkens kennen gelernt hatte: sie fand Monika gegenüber nicht Worte genug, um Maries Glück zu rühmen.

„Denke doch, verlobt sein mit solch nettem Menschen, lauter schöne Sachen bekommen und sich küssen dürfen... und dann nachher die Trauung, so im weißen Schleppkleide, schleierumwogt vor Gottes Altar — ach, entzückend! Und dann nachher junge Frau! Es gibt doch wohl nichts Schöneres als jung verheiratet zu sein. Und süße Kinder haben... Und nun zu denken, daß mir das alles nicht blühen wird — nein, sprich nicht dagegen! Wer soll denn eine Frau heiraten, die studiert? Ich sage Dir: wenn ich die Person wüßte, die das Frauenstudium erfunden hat, die brauchte sich nicht zu gratulieren!“

Monika lachte. „Ach, die studierten Frauen können doch gerade so gut heiraten wie die anderen!“

Aber Bertha war nicht zu überzeugen.

Nach zehntägigem Aufenthalt reiste Frau von Holtz mit dem Brautpaar zurück.

Die Hochzeit sollte in wenigen Monaten stattfinden, und die angehende Schwiegermutter fühlte sich ganz in ihrem Element bei all den Vorbereitungen, die nun Platz griffen. Mine Petermann verließ Sarkow überhaupt nicht mehr; die schwarze Taille über dem mächtigen Busen dick mit Stecknadeln gespickt, brütete sie unermüdlich über den Modeblättern, probierte und verwarf, probierte von neuem und begeisterte sich — und begeisterte Frau von Holtz mit den glühenden Schilderungen der Meisterstücke von Toiletten, die sie im Begriff war, anzufertigen.

Zwischen Mutter und Tochter entbrannten dieselben Meinungsverschiedenheiten wie bei der Auswahl der Möbel; jede suchte ihren eigenen Geschmack durchzusetzen. Die Mutter siegte auf der ganzen Linie, aber die Folge davon war, daß Marie nun ohne Freude die Anproben über sich ergehen ließ.

Es war überhaupt nichts von strahlendem Glück an ihr zu merken. Zu ihren Freundinnen aus Neustadt und Hahndorf sagte sie zwar mit einer gewissen Wichtigkeit: „Mein Bräutigam...“, aber wenn dieser kam, so empfing ihn kein übermäßig freundliches Gesicht.

Er machte sich übrigens nicht viel Gedanken darüber, zumal er selbst keine leidenschaftliche Verliebtheit für seine Braut entfaltete.

Sie war eben eine „so passende Partie“, paßte, was Familie, Alter, Vermögen anbetraf, vortrefflich zu ihm; ihre äußere Erscheinung genügte den Ansprüchen, die er an seine zukünftige Gattin stellte. Die Reserviertheit, die sie zur Schau trug, störte ihn nicht. Marie war mit Gefühlsäußerungen immer so zurückhaltend gewesen, daß Frau von Holtz ganz entsetzt war, als sie sie eines Tages in heißen Tränen fand.

Sie war in ihrer Tochter Wohnzimmer gekommen, um ihr eine eben eingetroffene Auswahlsendung von weißen Seidenstoffen zu zeigen.

Da fand sie Marie mit dem Oberkörper auf der Tischplatte liegend, die Hände vor die Augen gepreßt. Ein krampfhaftes Weinen ließ die schmalen Schultern erzittern.

„Marie!“

Das tränenüberströmte Gesicht hob sich empor:

„Mama, laß mich Dir sagen, ich will Wilhelm nicht heiraten, ich will nicht.“

„Was? — Was ist denn? — Warum...“

„Ich liebe ihn nicht.“

„Liebstes Kind, das kommt in der Ehe. Vernunftheiraten werden immer die glücklichsten Ehen.“

„Mama, ich will nicht heiraten, noch nicht! Es ist langweilig hier so allein mit Euch, aber ich will gern hierbleiben, tausendmal lieber hierbleiben, als mit einem fremden Manne fortgehen. Er ist mir ja so fremd! In meinem Innern spricht nichts für ihn. Und nun soll ich Tag und Nacht mit einem Fremden sein, soll ihm mein ganzes Leben schenken...“

Frau von Holtz war erblaßt vor Erregung.

„Ich erkenne Dich nicht mehr wieder, Marie. Du wirst hysterisch. Was ist das nur auf einmal? Dich hat niemand zu der Verlobung gezwungen!“

„Nein, gezwungen nicht. Nur zugeredet habt Ihr mir. Und ich war zuerst ja ganz einverstanden. Aber jetzt, wo der Hochzeitstag näher und näher rückt, habe ich mich zu der Ueberzeugung durchgerungen: Ich kann ihn nicht heiraten!“

„Marie, besinne Dich auf Dich selbst! Du kannst doch jetzt Deinen Entschluß nicht ändern. Du hast Wilhelm Dein Wort gegeben — Du kannst ihm das nicht antun, Dein Wort zu brechen, so ohne jede Ursache, ohne jeden Grund! — Und wie stehst Du nachher da? Ein Mädchen, dessen Verlobung zurückgeht, wird immer scheel angesehen. Nein, was würden die Leute nur sagen, jetzt, wo schon die ganze Aussteuer fast fertig ist!“

„Ich will nicht,“ schluchzte Marie, „ich will nicht.“

Und die Mutter redete weiter, abwechselnd drohend und bittend; sie wendete ihre ganze Kraft auf, um das, was sie als eine nervöse Laune ihrer Tochter empfand, zu besiegen; sie bat und beschwor, drohte und befahl.

Dann schwieg sie erschöpft und starrte angstvoll auf Marie, die immer noch das Gesicht in den Händen verbarg.

Und endlich hob die Tochter das Haupt.

Und mit einem Zucken ihrer schmalen Schultern, dieser Bewegung, die sie immer machte, wenn der Mutter Willen den ihren besiegte, sagte sie müde:

„Also ja — ich werde mein Wort halten. Aber vergiß diese Stunde hier nicht... vergiß sie nie, Mama...“