XI.
Trinity Lodge, Cambridge.
Liebe Eltern!
Willy Hoyen ist wirklich ein rührender Mensch; jetzt hat er mir wieder für Cambridge eine famose Einführung verschafft. Dank ihm bin ich der Gast des Master of Trinity, der ein äußerst liebenswürdiger Mensch und das größte hiesige Thier ist.
Jetzt schreibe ich aus einem getäfelten Gemach mit eingefaßten, epheuumrankten Bogenfenstern und einem riesigen, rothen, damastnen, catafalkartigen Himmelbett, welches zum Andenken an die einstigen erlauchten Insassen das „Queen’s bed“ genannt wird und mit güldenen Kronen bedeckt ist. Außerdem spukt es noch in diesem durchaus hochherrschaftlichen Gemach in der beglaubigtsten Weise. Allnächtlich hört man dumpfe Töne und tiefe, langgezogene Seufzer, während von Zeit zu Zeit schwere Gegenstände (doch wohl Särge) geschleppt werden. Dies Alles habe ich auch wirklich gehört, war aber dermaßen von meinen Cambridger Wanderungen erschöpft, daß ich nach einer gruseligen halben Stunde wieder einschlief. Feinfühlendere Seelen nehmen das „Queen’s-Room-Gespenst“ weniger leicht, und als vor einigen Jahren ein ehrwürdiger Bischof hier zu Gast war, entdeckte ihn Morgens das Hausmädchen, wie er mit wild umhergeworfenen Bettsachen da lag, in den Händen eine große Feuerzange wehrhaft umklammernd!
Von diesem anregenden Zimmer aus sieht man den ummauerten Garten, den träge vorbeiziehenden Strom, die endlose Reihe schattiger Parks und alte, sich im Wasser spiegelnde College-Gebäude. Die Empfangsräume haben monumentale, geschnitzte Kamine, eichene Paneele und vergilbte, lebensgroße Bilder vergangener Könige, Staatsmänner und Gottesgelehrten. Von den Erkerfenstern blickt man auf Trinity-Square mit seinem steinernen, plätschernden Brunnen und großen gothischen Portalen; gerade gegenüber vom Lodge liegt Newton’s einstiges Zimmerchen, dicht daneben die von Byron und Tennyson und Macaulay und Thackeray.
In freundlichster Weise hat man mich herumgeführt; ich wohnte einer Uebung der Ruderer bei, einem Football Match, ließ mir den Studiengang, die Examina erklären und trank Thee im künstlerisch raffinirt eingerichteten Zimmer eines Studenten. Recht deutlich scheint mir hier der Typus des modernen Englands entgegenzutreten, auf der einen Hand eine alte, verfeinerte Cultur mit ihrem Ballast von verzopften, von keinen Katastrophen je unterbrochenen Traditionen; auf der andern Hand die unangekränkelte, naturwüchsige Kraft, welche vor den Consequenzen der Gegenwart nicht zurückschreckt. Dieses englische Universitätsleben hat eine ganz eigene Luft; ebenso ausgesprochen wie bei uns, ist sie doch radical verschieden, und der Contrast gibt ernstlich zu denken. Ganz gewiß möchte ich das Heimathliche nicht heruntersetzen, ganz gewiß hänge ich mit ungetrübter Liebe an meinen Heidelberger und Leipziger Erinnerungen; male ich mir aber — von äußerlichen Umständen ganz abgesehen — die idealste, wünschenswertheste Existenz für meinen (eventuellen) Herrn Sohn aus, so könnte nicht unmöglicher Weise die Wahl auch auf Cambridge oder Oxford fallen!
Vorläufig ist das ja aber eine akademische Erörterung!
Uebrigens habe ich den besonderen Anlaß meines hiesigen Besuches noch nicht erwähnt: jetzt, zum Semesterschluß, findet die „Commemoration“-Feier statt, Eltern, Schwestern und Cousinen sind von weit und breit hergeströmt, das ehrwürdige Cambridge ist ganz frivol.
Gestern Nachmittag zog Alles stromaufwärts; ein dunkler Himmel, sattgrüne Wiesen, weit ausladende Bäume, ein grauschimmernder, spiegelglatter Fluß und ein Schwarm von weiß oder bunt gekleideten Jünglingen. An diesen kräftigen Gestalten in den — äußerst — kurzen, die Farben ihrer Colleges tragenden Rudercostümen, haftete weder Bücherstaub noch Lampengeruch. Sie erschienen heiter, aber immerhin der ernsten Bedeutung der Stunde gewahr. Dann ertönten zwei Schüsse, darauf anschwellendes Jubelgeschrei und die unheimlich langen, dünn und zerbrechlich aussehenden Rennboote flogen heran. Heiser erklangen die Befehle und Warnungen des Steuermanns, fast krampfhaft spannten sich die Züge der Ruderer und mit dem wildesten Freudengeheul ermuthigten die zu beiden Seiten entlang stürzenden Mitglieder eines jeden College ihr Boot. Wegen der Schmalheit des Flußbettes ist das Cambridger Wettrudern ein sogenannter „bumping race“.... offengestanden laß ich mich lieber nicht in weitere Erläuterungen ein. Dazu bin ich auch wahrscheinlich zu alt. Neben mir prallten zwei kleine zehnjährige Mädchen in rosa und weißen Kate Greenaway-Kleidchen aneinander. „Cain’s has bumped King’s,“ rief vor Aufregung stotternd die eine. „Das dacht’ ich mir, es ist entschieden das bessere Boot,“ lautete die triumphierende Antwort. So muß man anfangen.
Heute früh gab es die feierliche Einführung des neuen Kanzlers, des bekannten Herzogs von Devonshire. Durch das nur dem Monarchen und dem Kanzler geöffnete steinerne, mit alten Bildwerken geschmückte Portal fuhr der Herzog in den malerischen Hof von Trinity ein. Es ist das wichtigste und stattlichste aller Cambridger Colleges und von Heinrich dem Achten gegründet. An des Kanzlers Seite saß der Herzog von Edinburg, der zweite Sohn der Königin, welcher jedoch hier in der Universitätsstadt dem Kanzler den Ehrensitz einräumen muß. Im großen Saal der Wohnung des Master of Trinity erfolgte dann, was man auf gut deutsch eine Defilir-Cour, auf gut englisch aber eine Levée benennt. Vor dem mächtigen Renaissance-Kamin, umgeben von lebensgroßen nachgedunkelten Bildern vergangener Könige, Königinnen und Gottesgelehrten stand der neue Kanzler im schleppenden golden und schwarzen Ornat. Der eigene Vater, seinerzeit der beste Mathematiker in Cambridge, war sein Vorgänger in dieser Würde, welche nur den bedeutendsten Mitgliedern des höchsten Adels verliehen wird. Wohl nie vorher hat sich dieses Ehrenamt vererbt und, da so wie so das englische Volk seine Herzöge über alles verehrt, wurde in diesen Tagen das Lob des Hauses Cavendish in allen Tonarten, gereimt und ungereimt, auf englisch wie auf lateinisch gesprochen und gesungen. Der große, schlanke, Ende der Fünfziger stehende Mann nahm die Verbeugungen der in ihren rothen und schwarzen Talaren vorbeiziehenden Doctoren und Honoratioren mit gewohnter Gelassenheit entgegen. Vor langen Jahren, bei seiner Jungfernrede im Parlament, hatte er halbwegs innegehalten und vernehmlich gegähnt. Als seine Freunde ihm dies nachher vorhielten, meinte er, das Ganze wäre ja doch auch schauerlich langweilig gewesen — und greise Politiker weissagten dem Jüngling eine glänzende Zukunft.
Bald wurde mir aber dieser Akt etwas eintönig und ich schlenderte nach dem Senatsgebäude, wo die Feierlichkeit stattfinden sollte. Hier drängte sich bereits eine Menschenmenge auf Tribünen, auf Dächern, und da mir ein guter Platz im Innern gesichert war, blieb ich draußen, um das Herannahen des Zuges nicht zu versäumen. Er war auch recht malerisch: Kanzler, Ehrengäste und Professoren, alle in ihren schweren Talaren und sammtenen Barretten. Den Schluß bildeten die berühmten Pedelle, die „Bulldoggen“, in dunkelblauen, goldbetreßten Mänteln, jeder mit einem schweren, alten Bibelbuch an einer Kette in der Hand. Nun schlüpfte ich schnell herein. Auf dem Podium die Honoratioren, unten alle Gattinnen, Mütter, Schwestern und Cousinen, anscheinend besonders viele dieser letzteren, alle hell und hübsch angezogen und einige allerliebst. Auf den Gallerien waren die Studenten zusammengepfercht und diese sorgen nach uraltem Herkommen für Abwechslung und Zerstreuung. Jede bekannte oder irgendwie auffallende Persönlichkeit wird mit lautem Beifall oder Jodeln begrüßt. So nötigte ein minutenlanges Getöse und „Hutab“-Rufen einen hereingeschneiten indischen Prinzen, in blausammtenem Rock und goldbesticktem Turban, sich in die entlegenste Ecke des Saales zu verziehen, hingegen verursachte eine schlanke, weißgekleidete, ungewöhnlich hübsche Erscheinung „three cheers for the young lady in white“.
Nun aber begann der Festredner mit seiner lateinischen Begrüßung des Herzogs von Edinburg, des ersten der heute zu promovirenden Ehrendoctoren. Nach seiner Ansprache geleitete er den Prinzen zu dem in der Mitte thronenden Kanzler, welcher ihm mit einer lateinischen Formel die Hand zum Willkommen reichte. Dieses wiederholte sich über ein Dutzend Mal, aber die Würdenträger beherrschten keineswegs die Situation; trotz des Kanzlers und der Pedellen, trotz aller scharlachgewandeten Honoratioren, trotz des tönenden Schwunges dieser vollen lateinischen Sentenzen — den Ton gaben die Gallerien an. Besonders dornig ist das Amt des Redners. Alle Augenblicke hieß es: „Grade stehn — Lauter sprechen — Haben wir bereits mehrfach gehört — Nur gemüthlich bleiben“; bei einem etwaigen Versprechen kann sich die Freude all dieser Studenten mit den knabenhaften, frischen Gesichtern und ihren ehrbaren Talaren kaum halten. Der königliche Prinz wird mit loyalem, minutenlang anhaltendem Beifall begrüßt, aber auch bei Chamberlain’s Auftreten ertönt ein Freudengeheul. Nachdrücklichst bittet die Gallerie den Festredner zu schweigen und „unserem Joe“ das Wort zu überlassen, als die Schwäche des Staatsmanns für seltene Orchideen erwähnt wird, erneut sich der Jubel. Sein fortschrittlicher Nebenbuhler, John Morley, wird ebenfalls freundlich begrüßt, nur scheint sein Auftreten die Herren Studenten humoristisch zu berühren. „Wackle nicht — Ruhig stehn — Vergnügter aussehn“ ertönt es von oben; als er sich vor dem Kanzler verbeugt, hört man ein lautes „Küß ihn doch“, wobei unwillkürlich die hohe Gestalt des Herzogs sich emporreckt. Schließlich wurden die preisgekrönten Gedichte von den sorgfältig angezogenen, reingewaschenen Dichtern höchsteigen vorgetragen. Es war jedoch dermaßen wohlgesetzt und selbstverständlich, daß sogar der Eifer der Gallerien erlahmte. Die — recht lange — lateinische Ode wurde mit den allerneuesten Witzchen ausgesprochen, nicht nur „Kikero“ sondern „uictoria“. Dies ist ein unerhörter Bruch mit der Vergangenheit, denn im Allgemeinen wird hierzulande griechisch und lateinisch, als wäre es das biederste Englisch gesprochen.
Nachmittags traf man sich wieder in einem der großen, schattigen College-Gärten. Mit gewohnter Königstreue hingen die Blicke Vieler an jeder Bewegung des Prinzen; andere Menschen lustwandelten zwischen den blühenden Sträuchern oder bewunderten die vielen hübschen Erscheinungen, deren helle Kleider selbst gegen die imposante Pracht der blutrothen Talare aufkommen konnte. Zwei einheimische Damen wurden viel bemerkt. Die eine war meine gütige Wirthin, die Gattin des Master of Trinity; aus vornehmer schottischer Familie stammend, hatte sie unlängst, als einundzwanzigjähriges junges Mädchen, im großen philologischen Examen, an welches sich immer nur Wenige heranwagen, ihre sämmtlichen männlichen Nebenbuhler geschlagen, und zwar dergestalt, daß sie sich als Einzige in der ersten Abteilung befand. So war plötzlich ihr Name in Jedermanns Mund, die „Times“ brachte einen Leitartikel und die Königin schenkte ihr ein Armband. Aehnliches Aufsehen erregte vor kurzem die zweite junge Dame, welche, weißgekleidet, sich mit Bekannten unterhielt. Das Ergebniß der Examina wurde öffentlich verlesen, die Liste der Männer war beendet, nun begann die der Frauen, und unter stürmischem Beifall wurde verkündet, daß Miß Fawcelt sich die erste Stelle in Mathematik erobert habe, der „Senior Wrangler“ des Jahres sei. Jetzt unterrichtet sie an einem der beiden Cambridger Frauen-Colleges.
Unlogischerweise nahmen jedoch auch die berühmtesten weiblichen Leuchten der Universität an dem abendlichen Festessen keinen Theil! Sonst war es ja ein sehr schöner Anblick. In der mittelalterlichen Halle von Trinity saßen die echten, wie die neugebackenen Doctoren an langen eichenen Tischen. Ueber den Häuptern tief nachgedunkeltes Gebälk; rings herum alte Bilder der berühmten Vorgänger. Durch Spitzbogenfenster sah man auf den großen historischen Hof und jenseits vom plätschernden, mattbeleuchteten Springbrunnen wies man mir ein Fenster, dort hatten ihrerzeit Sir Isaac Newton, Macaulay und Thackeray als Studenten gewohnt.
Ich weiß nie recht, ob mir England fortschrittlich modern oder traditionsvoll uralt erscheinen soll. Es ist Beides in so hervorragendem Maß!
Herzliche Grüße an Alle — treulichst
Euer
Udo.