XII.
Noxcombe Castle, Buckinghamshire.
Liebe Eltern!
Hier bin ich seit vorgestern bei Sir Arthur und Lady Ascard, dem jungen Ehepaar, mit welchem ich in Tarasp so viel verkehrte und das mich so freundlich nach England einlud.
Sie müssen verboten reich sein, und zwar stammt das Vermögen von ihr, der Erbin eines großen Fabrikherrn, welcher in der Gesellschaft sehr bekannt war und, wenn er noch lebte, sicherlich Pair des Reiches sein würde. Sir Arthur ist der jüngere Sohn einer guten, alten Buckinghamshire-Familie und wurde kürzlich vom conservativen Ministerium durch den Baronetstitel für seine Bemühungen und Geldopfer während der Wahlen belohnt.
Das von seinem Schwiegervater hinterlassene Noxcombe Castle ist äußerst anspruchsvoll, feudal und luxuriös. Von einer Anhöhe herunter beherrscht es, im ungeheuren Park stehend, die ganze Grafschaft; selbstverständlich ist es gothisch, und zwar in der Gothik der sechziger Jahre gebaut. Wenn man etwas näher zusieht, unterscheidet man in England etwa ein halbes Dutzend imitirt gothischer Stilepochen des neunzehnten Jahrhunderts. Hier und da reißt schon diese Generation die jetzt theaterdecorativ erscheinenden Thürme und Burgen der Großväter nieder. Was wird sich erst das zwanzigste Jahrhundert an diesen Similistilen erfreuen! Häßlich sind die Gebäude aber ganz und gar nicht, sondern haben meistens einen entschieden malerischen, flotten Zug und bekommen in diesem Klima eine feine Patina, welche sich harmonisch mit dem Epheu verbindet. Die Einrichtung ist selbst für hiesige Begriffe ganz ungewöhnlich prächtig, die kostbarsten Gemälde, Bücher und Raritäten aller Art füllen die schönen, großen Wohnräume und fluthen in die Gänge und Schlafzimmer über.
Die anwesenden Gäste bestehen aus vier verhältnißmäßig jungen Ehepaaren, einer im ungewissen Alter stehenden schönen Strohwittwe mit unverheiratheter Schwester und drei bis vier Herren. Alle sind sehr elegant, sehr ungezwungen, sehr lustig und ziemlich laut. Sie gehören anscheinend zu den Kreisen innerhalb der Londoner Gesellschaft, die bei Newmarket am meisten wetten, in denen eine gewisse hochgestellte Persönlichkeit sich besonders wohl fühlt und welche für die Erhaltung der nationalen altenglischen Ehescheidungs-Scandalprocesse sorgen.
Gleich nach unserer Ankunft fuhren wir im vierspännigen Coach und zwei Landauern in das nächste Städtchen zu einer landwirthschaftlichen Ausstellung, wo Sir Arthur Vorsitzender ist und Lady Ascard die Preise vertheilte. Obgleich viele Familien der Umgegend dort waren, hielt unsere entschieden auffällige Gesellschaft fest zusammen und trug vermuthlich lebhaft zur Unterhaltung der Mitmenschen bei. Die Ascards geben der Nachbarschaft alljährlich einige „Abmachungsfeste“, pflegen eigentlichen Umgang aber nur mit ihrer ins Haus geladenen Londoner Clique, welche vielleicht etwas „gemischt“, aber äußerst Chic ist und dieselben Interessen, respective denselben Interessenmangel bekundet.
Gestern früh meinte einer der älteren Gäste, man müsse mir doch Richbourne Cathedral oder Stradford-on-Avon zeigen; aber sofort hieß es einstimmig, Sehenswürdigkeiten seien schaurig stumpfsinnig, in Wirklichkeit möge sie auch Niemand, höchstens thäten Amerikaner und Spießbürger so, als ob es sie interessire. Natürlich winkte ich ab, und man unternahm ein großes Wettschwimmen im See. In winzigen Booten saßen je ein Herr im Tennisanzug und eine Dame im kurzen Badekleid und rothen Strümpfen; auf ein gegebenes Zeichen wurden die Boote umgekippt, und man schwamm so gut man konnte nach der Landungsbrücke, wo die übrige Gesellschaft sich auf die Planken lagerte. Der Spectakel war colossal, vermuthlich hörte man uns meilenweit. Meine Partnerin, die berühmt schöne Mrs. Simpkinson, Strohwittwe von Beruf, verlor den Athem oder den Kopf, und ich hatte die Ehre, ihre nasse Gestalt in meinen Armen an das Ufer zu tragen. Nachher waren wir Alle etwas kalt, und so schlug man Sacklaufen vor. Dieses hatte einen ungeheueren Erfolg, wahrscheinlich auch bei den in der Nähe arbeitenden Gärtnern und den ernsten, reich betreßten Dienern, welche im Hintergrunde auf der Terrasse den Theetisch deckten. Wir stolperten und purzelten, erreichten aber schließlich Alle das Ziel, wo Preise vertheilt wurden; wir Herren erhielten Photographien von Lady Ascard im Odaliskencostüm, und für die Damen hatte man alte silberne Nadeln und Spangen aus den Bric-à-Brac-Sammlungen des Hauses geholt.
Als wir so schön in der Stimmung waren, erschien in der Ferne auf der hinteren Allee ein Fleischerwagen, der mit Begeisterung herangerufen wurde. Der blaubekittelte Geselle mußte aussteigen; wir kletterten hinauf, zwängten uns knäuelartig in die Bänke, wippten auf den Rädern oder ritten zu Dreien auf dem überraschten Gaul. Sir Arthur schleppte seinen photographischen Apparat heran und ermahnte uns pathetisch zur Einkehr und Sammlung. Das Resultat wird aber die bei Dilettantenbildern übliche Gruppe ältlicher, grinsender Mulatten sein, und Ihr müßt mir auf mein Ehrenwort glauben, wie niedlich wir uns machten. Auf dem vordersten Sitz ist Lady Ascard, welche sich an Colonel Fitzstuart’s Schulter klammert, von Charlie Israels (Sohn des bekannten Sir Abraham Israels), der im kritischen Augenblick rücklings in den Wagen sank, erblickt man nur die gen Himmel gestreckten Beine.
Abends wurden Roulettetische hereingetragen, man setzte bedenklich hoch, und anfänglich ging es mir schlimm. Schon drohte meinem englischen Aufenthalte eine vorzeitige Kürzung, da klärte sich die Lage, und ich kam mit einem blauen Auge davon. Mrs. Simpkinson spielte wie eine Besessene, hatte natürlich keinen Heller bei sich, was dem neben ihr sitzenden jungen Lord Caldoun theuer zu stehen kam und ihm später im Rauchzimmer einige lieblose Aeußerungen entlockte. Sir Arthur hielt die Bank und gewann, wie ebenfalls nachher bei der Cigarre berechnet wurde, genug, um die Unkosten der heutigen Bewirthung zu decken....
So weit hatte ich gestern Abend geschrieben; jetzt beim Ueberlesen berührt mich, und vielleicht auch Euch, ein gewisser Mangel an Pietät gegen meine Gastgeber. Aber man muß auch nicht allzu „geschwollen“ thun; in Tarasp war ich zufällig der einzig „mögliche“ Verkehr für Lady Ascard, welche ohne Herrengesellschaft einfach umkommen würde. Nun, da sie das Haus voll Gäste hatten, war ich ganz gut zu gebrauchen, sie luden mich ein, und ich bin ihnen aufrichtig dankbar für die erwiesene Freundlichkeit, ohne mich deswegen in zu patriarchal gefühlvollen Gesinnungen zu ergehen. Seitenstücke zu dieser „fast London set“ gibt es in jedem Lande; unsere guten Massenstein’s und Bornekow’s z. B. würden sich hier außerordentlich gefallen, und wenn das Treiben mir nicht so recht zusagen will, ist das eine ganz persönliche Geschmacksverirrung.
Hoffentlich geht es Euch Allen und auch Eurer Gesundheit so gut wie mir, dank Mama’s geliebten Matteimitteln, die, unberührt im Koffer liegend, mich wahrscheinlich vor manchem Uebel bewahrt haben. Ich küsse ihr die Hand und bin herzlichst
Euer
Udo.