XIII.

Richbourne.

Liebe Eltern!

Um Gotteswillen laßt diesen Brief nicht herumliegen, für Thilda ist er auch nicht bestimmt, doch muß ich mir die gestrigen Ereignisse von der Seele herunterschaffen.

Heiterer und ungebundener als je war es zugegangen. Erst spielten Lady Ascard, Mrs. Simpkinson und Charlie Israel einen ebenso witzigen wie gewagten Einacter auf der kleinen Bühne, nachher sang Lady Ascard einige recht freimüthige Yvette Guilbert’sche Lieder. Sie hat wenig Stimme, aber einen kecken, geistvollen Vortrag, und „ma p’tit sœur“ mußte sie später, auf dem Billardtisch stehend, wiederholen. Ihr Gatte begleitete sie auf seiner Banjoguitarre; frenetisch war der Beifall der Herren, nur Colonel Fitzstuart lächelte verlegen — mir wurde es schwül.

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GRÖSSERES BILD]

Als wir gegen zwei Uhr Morgens in unser Zimmer gelangten, konnte und konnte ich nicht einschlafen, blätterte vergebens in den herumliegenden Büchern nach etwas Lesbarem und wollte schließlich hinuntergehen, um mir aus der Bibliothek ein angefangenes Heft der Nineteenth Century zu holen. Auf dem oberen Treppenflur angelangt, hörte ich plötzlich in der dunkeln Einsamkeit des nächtlichen Hauses heftige Stimmen, einen Aufschrei — dann wieder lautlose Stille. Verdutzt blieb ich stehen; es schellte — nach einer langen Minute eilten Tritte über die Halle, Thüren wurden geöffnet und eine Stimme gab Befehle. Dann unterschied ich die Schritte mehrerer Menschen, schwere, regelmäßige Schritte, als schleppe man eine Last; die Treppe besteigend, näherten sie sich, zwei Diener trugen den Colonel Fitzstuart, sein Gesicht war blaß und verzogen, bei der Wendung der Treppe zuckte er mit leisem Aufschrei zusammen. „Langsam, langsam, so seid doch vorsichtig,“ mahnte der den Zug beschließende Sir Arthur; aber im nächsten Augenblick fiel ein haßerfüllter Blick auf den Colonel — ich sah es wohl. Unschlüssig blieb ich stehen, jetzt erkannte mich der Hausherr und fuhr etwas zurück. Mit möglichst harmloser Stimme erklärte ich meine Absicht, ein Buch von unten zu holen und bot meine Hülfe an. „Es ist weiter nichts,“ erwiderte er trocken, „nur ein Fehltritt im Dunkeln gegen die Stufen im Erkerzimmer.“ Fitzstuart sah mich feindselig an und fluchte ganz leise vor sich hin. Ich wünschte verlegen recht baldige Besserung und ging die Treppe hinunter, nach der Bibliothek zu, um meine vorigen Worte nicht Lügen zu strafen. Als ich zurückkehrte, war die Thür des Erkerzimmers halb geöffnet; da stand Lady Ascard im ausgeschnittenen Spitzenkleid mit all’ ihren funkelnden Diamanten und starrte aschgrau und verstört nach der Treppe hinauf.

Meine Nachtruhe war recht mäßig, und zwar keineswegs nur wegen der oftmals vernehmbaren Schritte und Stimmen im Flur. Um sieben Uhr hielt ich meine Ungeduld nicht länger zurück und klingelte. Nachdem ich mir heißes Wasser erbeten, fragte ich ganz unschuldig, ob Jemand heute Nacht über erkrankt wäre und hörte, daß der Colonel im Dunkeln gestürzt sei, und daß der herbeigezogene Doctor einen langwierigen, aber ungefährlichen Schenkelbruch constatire. Ich zog mich an, um frische Luft im Garten zu schöpfen. Auf dem Flur überhörte ich, wie ein Dienstmädchen dem anderen erzählte, Sir Arthur hätte im rothen Thurmzimmer geschlafen und ließe sich seine Sachen dorthin und nicht ins Ankleidezimmer bringen; vor den Ställen bemerkte ich Gruppen von Reitknechten und Dienern im lebhaften Gespräch.

Als ich durch die Rosenbeete schlendernd nach der Vorderseite des Schlosses herumkam, fuhr ein Jagdwagen mit Gepäck und einer Jungfer an mir vorüber, und vor der Hausthür erblickte ich Lady Ascard’s schimmelbespannte Victoria. Instinctiv wußte ich, wer jetzt — auf immer — ihr Heim verließ. Am Dienerschaftsflügel erschienen erschrockene Frauengesichter an den Fenstern, durch die offene Hallenthür erkannte ich den Haushofmeister und die Wirthschafterin, welche augenscheinlich mit ihrer Herrin sprachen — sie hat eine sehr freundliche Art und Weise mit ihren Leuten. Dann trat sie hastig und sicher über die Schwelle, bestieg den Wagen und lehnte sich in die Kissen zurück. Die Pferde zogen an, da erschien am offenen Fenster die Nurse mit den drei kleinen Kindern; einen Augenblick sah Lady Ascard hinauf — wie sie an mir vorüber fuhr, starrte sie leichenblaß vor sich hin; ich grüßte, aber sie erkannte mich nicht. Die Kinder klatschten in die Hände und kreischten vor Freude: „Mama, Mama!“ Ich will offen gestehen, daß ich mich hastig wegwandte.

Um halb zehn läutete es zur Hausandacht, welche Sir Arthur mechanisch verlas; alle Gäste hatten sich schon vorher eingefunden, während man sonst erst zwischen zehn und elf allmälig zum Frühstück nachgezügelt erschien. In den Fenstervertiefungen standen kleine Gruppen mit möglichst nichtssagenden Gesichtern und unterhielten sich leise. Beim Frühstück erstrebte man einen denkbarst harmlosen Ton und besprach auffallend eingehend das Wetter. Der Sturz des armen, guten Colonel wurde lebhaft beklagt, wie auch die plötzliche Abberufung der lieben Lady Ascard nach London, und Alle, ohne Ausnahme, brachten ihre einleuchtenden Gründe hervor, weshalb es ihnen ganz besonders bequem wäre, gerade heute Noxcombe Castle zu verlassen. Auch ich erwähnte Freunde, die mich eigentlich jetzt bereits dringend erwarteten, telegraphirte den Farringham’s, ob sie mich empfangen würden und bleibe hier in Richbourne, bis ich ihre Antwort erhalte; paßt mein Besuch ihnen jetzt nicht, so reise ich weiter nach London.

Wenn ich aber noch viel länger schreibe, könnte ich am Ende in sittenpredigende Gemeinplätze verfallen und höre besser auf.

Euer treuer
Udo.