XIV.

Richbourne.

Liebe Eltern!

Von den Farringham’s erhielt ich ein liebenswürdiges Telegramm; sie waren auf einige Tage verreist, kehren aber heute nach Harting Hall zurück, wo ich denn Abends auch eintreffen werde.

Gestern war ich am Bahnhof, um nach einem verlornen Gepäckstück zu forschen, und stieß unvermuthet auf Lord Caldoun, der in der schlechtesten Laune den arg verspäteten Londoner Zug erwartete. In Noxcombe Castle hatte er mir von Allen am besten gefallen; leichtsinnig ist er zwar gehörig, doch läßt sich seine Vorliebe für Theaterdamen und verheirathete Frauen vielleicht durch die raffinirten Nachstellungen sämmtlicher Mütter und Töchter der Londoner Gesellschaft entschuldigen. Mit Sir Arthur ist er nahe befreundet und blieb nach dem Abzug aller übrigen Gäste zurück. Wir gingen einträchtig auf und ab, schließlich fragte ich ihn ganz direct: „Sie wissen, daß ich es gut mit den armen Ascard’s meine; sagen Sie mir aufrichtig, was wird nun daraus. Ist ein Duell denn gänzlich ausgeschlossen?“ Ueberrascht sah er mich an und antwortete nach einigen Secunden: „Ich glaube es Ihnen sagen zu können. Nein, ein Duell ist rein undenkbar, das kommt Niemandem in den Sinn; käme aber Jemand auf eine uns so theatralisch erscheinende Idee, so würde die Gesellschaft ihn nicht nur verdammen, sondern ins Lächerliche ziehen. Was ich aber befürchte, ist eine Ehescheidungsklage, und das wäre haarsträubend. Um Gottes Willen, was könnte man nicht Alles ans Licht ziehen! Ich, alle übrigen Hausfreunde, die ganze Dienerschaft würden eidlich verhört werden; bis an die Shetlandinseln, bis Melbourne, bis San Francisco würde sich jeder Gassenjunge an den wortgetreuen, spaltenlangen Zeitungsberichten erbauen! Sie kommen ja glücklicherweise keineswegs in Betracht, überhaupt ahne ich nicht, woher Ihre Sachkenntniß stammt?“ Wohlweislich hüllte ich mich in diplomatisches Schweigen, und zu tactvoll, um näher zu fragen, erzählte er mir weiter: „Ich habe mein Möglichstes gethan, um ihn zu einer gutwilligen Trennung zu bewegen, habe an beiderseitige Verwandte telegraphirt und soll Lady Ascard morgen in London sprechen; ein schlimmer Gang! Die arme, kleine Nelly, wie fidel war sie noch gestern! Arthur Ascard würde natürlich die Kinder behalten, für die Frau mit ihrem großen Vermögen bleibt dann immerhin noch Florenz oder Homburg oder Monte Carlo. Der Fitzstuart wird in Noxcombe Castle noch mindestens drei Wochen in Gips und Gewissensbissen liegen, und wenn er auch selbstverständlich auf das Beste verpflegt wird, wäre ihm ein Armenspital wahrscheinlich sympathischer.“ Dann trank Caldoun, vom ungewohnt langen Sprechen ermüdet, einen Brandy and Soda, kaufte sich acht verschiedene Zeitungen, illustrirte Blätter und Wochenschriften, um die dreistündige Reise nach London zu ertragen, schimpfte auf die verrottete Eisenbahngesellschaft und bestieg dann mit herzlichem Händedruck und der Einladung, nächstes Jahr mit ihm Elkhirsche in Canada zu jagen, den Pullmancar des endlich angelangten Zuges.

Ich verlebte einen einsamen, tristen Abend im kleinen Gasthof — so schroff es klingen mag, eine englische Provinzialstadt ist factisch noch um Mehreres langweiliger als anderswo. Allerdings entschädigten mich heute einige Stunden in und um die wahrhaft einzig stimmungsvolle, ehrwürdige Cathedrale, und meine Camera und meine Gedanken leisteten mir Gesellschaft. Doch freue ich mich herzlichst, von hier fortzukommen, freue mich auf heute Abend und den Familienkreis im gemüthlichen Harting Hall. Von dort das Weitere; an alles Grüßbare Grüße von

Euer treuer
Udo.