I.

Als ich vorigen Sommer nach meiner glücklichen Kur in der Appetitsanstalt[1] nach Wien zurückkehrte, machte ich einen Abstecher in die Berge. Dabei fiel ich im Dämmerlicht eine Felswand hinunter und brach mir einige Arme und Beine, sowie sonst noch dies und das. Zum guten Glück fanden mich einige Landleute, die einen verlorenen Esel suchten, und schafften mich in ihr Haus.

[1] Siehe Mark Twain, Humor. Schriften, Neue Folge Bd. 5.

Das nächste Dorf war etwa eine Viertelstunde entfernt; es wohnte dort ein Pferdedoktor, aber kein Chirurg. Dieser Umstand war nicht gerade trostverheißend für mich; denn ganz offenbar handelte es sich bei mir um einen chirurgischen Fall. Doch da fiel den guten Leuten ein, daß in jenem Dorf eine Bostoner Dame in der Sommerfrische weilte, und daß sie eine Doktorin der Christlichen Wissenschaft wäre und alles und jedes heilen könnte. Es wurde also nach ihr geschickt. Da inzwischen die Nacht angebrochen war, so konnte sie anständigerweise nicht gut mehr selber kommen; sie ließ mir aber Bescheid sagen: Das mache weiter nichts, die Sache hätte keine Eile; sie würde mir sofort ›Abwesenheitsbehandlung‹ verabfolgen und am anderen Morgen ihren Besuch machen; unterdessen möchte ich nur ruhig und guter Dinge sein und nicht vergessen, daß mit mir nichts weiter los wäre. Ich dachte, da müßte wohl irgend ein Mißverständnis vorliegen und fragte:

»Sagten Sie ihr nicht, daß ich eine fünfundsiebzig Fuß hohe Felswand heruntergefallen bin?«

»Ja.«

»Und daß ich unten auf einen Granitblock aufstieß und einen Purzelbaum schlug?«

»Ja.«

»Und daß ich nochmals aufschlug und einen zweiten Purzelbaum machte?«

»Ja.«

»Und daß ich zum dritten Male aufschlug und den dritten Purzelbaum machte?«

»Ja.«

»Und daß die Granitblöcke in Stücke gingen?«

»Ja.«

»Na, dann kann ich mir’s erklären; sie denkt, es handele sich um die Steinblöcke. Warum haben Sie ihr nicht gesagt, daß ich ebenfalls zu Schaden gekommen bin?«

»Das hab’ ich ja gesagt. Ich sagte ihr alles, was Sie mir aufgetragen hatten: daß Sie vom Haarschopf bis zu den Hacken bloß noch eine unzusammenhängende Reihenfolge von komplizierten Knochenbrüchen bildeten, und daß Sie infolge des Hervorragens der verschiedenen Knochenteile aussähen wie ein Kleiderriegel.«

»Und nachdem sie dies gehört hatte, meinte sie, ich sollte nicht vergessen, daß mit mir nichts weiter los wäre?«

»So sagte sie wörtlich.«

»Das versteh’ ich nicht. Ich glaube, sie hat der Diagnose des Falls nicht die gebührende Aufmerksamkeit gewidmet. Sah sie aus wie eine Person, die sich in Theorien ergeht, oder wie eine, die selbst schon mal in einen Abgrund gestürzt ist und ihre abstrakte Wissenschaft auf die Basis persönlicher Erfahrungen gründet?«

»Bitte?«

Meine letzten Ausdrücke standen augenscheinlich nicht in des Stubenmädchens Wörterbuch; sie gingen über ihren Horizont. Ich ließ daher die Sache auf sich beruhen und bestellte etwas zu essen und zu rauchen, dazu heißes Getränk, einen Korb, um meine Beine hineinzulegen, und einen Menschen, der dazu befähigt wäre, mir zum Zeitvertreib fluchen zu helfen. Aber nichts von alledem war zu haben.

»Warum nicht?« fragte ich.

»Sie sagte, Sie hätten dies alles nicht nötig.«

»Aber ich bin hungrig und durstig und habe scheußliche Schmerzen!«

»Sie sagte, Sie würden sich das einbilden, aber Sie dürften darauf nicht achten. Ganz besonders ersucht sie Sie, Sie möchten daran denken, daß es so etwas wie Hunger und Durst und Schmerz gar nicht gibt.«

»Ersucht sie mich? Das ist nett von ihr.«

»Sie sagte so.«

»Sieht sie aus, als ob sie im vollen Besitz eines normal funktionierenden Intellekts sei?«

»Bitte?«

»Läßt man sie frei herumlaufen, oder hat man sie angebunden?«

»Angebunden?«

»Na, gute Nacht; gehen Sie nur. Sie sind ein gutes Mädel, aber Ihr geistiges Geschirr ist nicht auf leichte und anregende Gespräche eingerichtet. Lassen Sie mich nur mit meinen ›Einbildungen‹ allein.«