II.

Natürlich gab es für mich eine qualvolle Nacht – wenigstens hielt ich sie dafür, denn es waren alle Symptome vorhanden –, doch schließlich nahm auch sie ein Ende, und die Doktorin der Christlichen Wissenschaft kam, und ich war froh darüber.

Sie stand in mittleren Jahren, war breit, knochig und hoch gewachsen, hatte ein strenges Gesicht, eine auf Entschlossenheit deutende Kinnlade und eine römische Adlernase, war eine Witwe in der dritten Potenz und hieß Fuller. Ich wünschte sehr dringend, daß sie sofort ans Werk ginge, damit ich Erleichterung fände, aber sie war von einer Umständlichkeit, die mich beinahe zur Verzweiflung brachte. Zunächst hatte sie Nadeln auszuziehen, Knöpfe aufzumachen und Schleifen zu lösen; nachdem sie dies – immer hübsch eins nach dem anderen – getan, nahm sie ihre Sachen ab, strich mit der Hand etliche Falten glatt und hängte die Artikel auf. Dann streifte sie die Handschuhe ab und verwahrte sie, zog ein Buch aus ihrer Handtasche, schob einen Stuhl neben mein Bett, ließ sich – aber ohne jede Uebereilung – auf diesen nieder, und ich – ließ meine Zunge heraushängen. Darauf sagte sie mitleidig, ober ohne jede Aufregung:

»Ziehen Sie sie in ihr Behältnis zurück. Wir haben’s mit der Seele zu tun und nicht mit deren unbelebten Werkzeugen.«

Nach meinem Puls zu fühlen, konnte ich ihr nicht anbieten, da das Handgelenk gebrochen war; aber sie merkte, daß ich mich dieserhalb entschuldigen wollte, ehe ich auch nur Worte dafür gefunden hatte, und deutete mir durch eine abwinkende Kopfbewegung an, daß der Puls ebenfalls zu den unbelebten Werkzeugen gehörte, wofür sie keine Verwendung hätte. Ich dachte nun, es wäre am besten, wenn ich ihr sagte, wie mir zumute wäre, damit sie danach meinen Fall beurteilen könnte; aber das war wiederum ein Irrtum von mir: sie brauchte so etwas nicht zu wissen. Ja, meine Bemerkung darüber, wie ich mich fühlte, war sogar eine ganz falsche Ausdrucksweise.

»Man fühlt nicht,« sagte sie verweisend; »Gefühl gibt’s überhaupt nicht; wenn Sie also etwas nicht Vorhandenes als vorhanden bezeichnen, so ist das ein Widerspruch. Materie existiert nicht; existieren tut nur die Seele; die Seele aber kann keinen Schmerz fühlen, sie kann ihn sich nur vorstellen.«

»Aber wenn’s trotzdem weh tut, so ist das doch …«

»Es tut nicht weh. Etwas Unwirkliches kann nicht als Wirklichkeit sich äußern. Schmerz ist unwirklich; also kann Schmerz nicht weh tun.«

Sie machte eine Handbewegung, um zu veranschaulichen, wie sie den eingebildeten Schmerz aus dem Gebiet der Seele herausscheuchte; dabei ritzte sie sich die Hand an einer in ihrem Kleid versteckt sitzenden Stecknadel, sagte »Autsch!« und fuhr ruhig fort:

»Sie sollten niemals davon sprechen, wie Sie sich fühlen, und sollten auch anderen nicht erlauben, eine derartige Frage an Sie zu richten; Sie sollten niemals zugeben, daß Sie krank sind und sollten auch andere Leute nicht in Ihrer Gegenwart von Krankheit oder Tod oder derartigen Nichtwirklichkeiten sprechen lassen. Solcherlei Gerede ermutigt nur die Seele, sich noch weiterhin ihren inhaltlosen Einbildungen hinzugeben.«

Gerade in diesem Augenblick trat das Stubenmädchen der Katze auf den Schwanz, und das Tier schrie in wahnsinnigem Schmerz auf, wie es eben eine Katze tut, die nichts von höheren Dingen versteht. Ich fragte mit möglichst unschuldigem Gesicht:

»Ist die Meinung, die eine Katze über Schmerzen hat, von irgend welchem Wert?«

»Eine Katze hat keine Meinung; Meinungen kommen nur aus der Seele; die niederen Tiere, die in alle Ewigkeit der Vergänglichkeit geweiht sind, haben keine Seele erhalten; ohne Seele aber ist eine Meinung unmöglich.«

»Das ist eigentümlich und interessant. Ich möchte wohl wissen, was eigentlich mit der Katze los war. Denn da es wirklichen Schmerz nicht gibt, und da die Katze nicht im stande ist, sich einen nur in der Einbildung vorhandenen Schmerz vorzustellen, so hat allem Anscheine nach Gott in seinem Erbarmen die Katze zum Ausgleich mit irgend einer geheimnisvollen Gemütsbewegung ausgerüstet, die sich in dem Augenblick bemerkbar macht, wo das Tier auf den Schwanz getreten wird. In dieser Gemütsbewegung stimmen dann Katze und Christenmensch gewissermaßen überein, indem …«

Aber sie fiel mir ärgerlich ins Wort. »Genug davon! Die Katze fühlt nichts, der Christenmensch fühlt nichts. Ihre eitlen und törichten Vorstellungen sind ruchlose Gotteslästerung, die Ihnen schlecht bekommen könnte. Es ist klüger und besser und frömmer, wenn Sie anerkennen und offen zugeben, daß Krankheit oder Schmerz oder Tod nicht existieren.«

»Ich bin voll von eingebildeten qualvollen Schmerzen,« antwortete ich, »aber mir könnte nicht elender zumute sein, wenn es wirkliche Schmerzen wären. Was muß ich tun, um sie los zu werden?«

»Es handelt sich nicht darum, sie loszuwerden; denn sie existieren ja gar nicht. Es sind nur Sinnestäuschungen, die durch die Materie weiter verbreitet werden, und Materie existiert nicht. Es gibt gar keine Materie.«

»Das klingt ganz richtig und klar, trotzdem aber doch außerordentlich unbestimmt; es schlüpft einem durch die Finger, wenn man gerade eben denkt, man halte es gepackt.«

»Wieso?«

»Na, zum Beispiel: wenn Materie gar nicht existiert, wie kann Materie was weiterverbreiten?«

In ihrem Mitleid lächelte sie beinahe. Sie würde sogar wirklich gelächelt haben, wenn es so was wie Lächeln überhaupt gäbe.

»Es ist ganz einfach,« sagte sie; »die Grundlehren der Christlichen Wissenschaft beweisen es, und diese sind in den folgenden vier keines Beweises bedürftigen Lehrsätzen zusammengefaßt:

1. Gott ist alles in allem.

2. Gott ist gut. Gott ist Seele.

3. Gott, Geist ist alles, also nichts ist Materie.

4. Leben, Gott, allmächtiger Guter: unmöglich Tod, Uebel, Sünde, Krankheit.

»Da – da haben Sie’s!«

Mir kam es etwas nebelhaft vor; es schien mir mit der von mir aufgeworfenen Schwierigkeit, nämlich wie nicht vorhandene Materie Wahnvorstellungen weiter verbreiten kann, nicht das allergeringste zu tun zu haben. Ich sagte daher etwas zögernd:

»Be … beweist das wirklich etwas?«

»Na, etwa nicht? Es stimmt ja sogar, wenn’s rückwärts gelesen wird!«

Mit neu aufkeimender Hoffnung bat ich sie darum.

»Sehr gern: Krankheit Sünde Uebel Tod unmöglich Gott allmächtiger Guter Leben Materie ist nichts also alles ist Geist Gott Seele ist Gott Gut ist Gott alles in allem ist Gott. So – verstehen Sie’s jetzt?«

»Es … es … hm, es ist klarer als vorher; indessen …«

»Na?«

»Könnten Sie es vielleicht noch auf andere Arten versuchen?«

»Auf so viele Arten, wie Sie nur wünschen: die Bedeutung bleibt immer dieselbe. Sagen Sie die Worte kreuz oder quer wie Sie wünschen: es kann niemals eine andere Bedeutung ergeben. Weil es nämlich vollkommen ist! Machen Sie einen Kuddelmuddel daraus: ganz einerlei – es kommt immer dasselbe heraus, wie es beim ersten Mal da war. Nur aus einem wunderbaren Geist konnten diese Lehrsätze hervorgehen. Als eine geistige Kraftleistung haben sie nicht ihresgleichen; sie sind gleichzeitig einfach, faßbar und unergründlich tief.«

»Ja, ich fühle mich ganz brägenklüterig davon.«

»Wie fühlen Sie sich?«

»Ich meine – die Leitsätze sind ein wunderbares Gewebe – eine Zusammenstellung, sozusagen, von tiefem Gedanken – von unausdenkbaren Gedanken – von …«

»Das stimmt. Lesen Sie sie rückwärts oder vorwärts oder senkrecht oder in irgend einer Diagonale – stets werden Sie finden, daß unsere vier Leitsätze in Behauptung und Beweis zusammenstimmen.«

»Ah – Beweis! Nun kommen wir dazu! Die Behauptungen stimmen; sie stimmen zu … zu … na, jedenfalls stimmen sie; das habe ich gemerkt. Aber was beweisen sie denn nun eigentlich – ich meine: im Besonderen?«

»I, mein Gott, es kann ja nichts Klareres geben! Sie beweisen:

»1. Gott – Grundsatz, Leben, Wahrheit, Liebe, Seele, Geist, Vernunft. Begreifen Sie das?«

»Ich – hm, ja, es kommt mir so vor. Bitte, weiter!«

»2. Mensch – Gottes Weltidee, individuell, vollkommen, ewig. Ist das klar?«

»Es – ich glaube, ja. Fahren Sie fort.«

»3. Idee – eine geistige Vorstellung. Der unmittelbare Gegenstand des Erkennens. Da haben Sie’s – das ganze erhabene Geheimnis Christlicher Wissenschaft in einer Nuß. Finden Sie irgendwo eine schwache Stelle daran?«

»Hm – nein; es sieht stark aus.«

»Ganz recht. Aber noch weiter: diese drei Begriffe bilden die Wissenschaftliche Definition der unsterblichen Seele. Dann haben wir zunächst noch die Wissenschaftliche Definition der menschlichen Seele. Nämlich so: Erster Grad: Entartung: 1. Physisch: Leidenschaften und Begierden, Furcht, verkümmerter Wille, Stolz, Neid, Vorstellung, Haß, Rachsucht, Sünde, Krankheit, Tod.«

»Phantasmen, meine Gnädige, Unwirklichkeiten, wenn ich Sie recht verstehe!«

»Ja, alle ohne Ausnahme! Zweiter Grad: Das Uebel auf dem Abzuge. 1. Moralisch; Ehrenhaftigkeit, Zuneigung, Mitleid, Hoffnung, Glaube, Sanftmut, Enthaltsamkeit. Ist das klar?«

»Wie Kristall!«

»Dritter Grad: Geistige Erlösung. 1. Geistig: Glaube, Weisheit, Kraft, Reinheit, Erkenntnis, Gesundheit, Liebe. Sie sehen, wie fein ausgeklügelt, wie koordiniert, von einander abhängend, wie anthropomorph das alles ist. In diesem dritten Stadium – das wissen wir durch die Offenbarungen der Christlichen Wissenschaft – verschwindet die menschliche, nicht unsterbliche Seele.«

»Nicht früher?«

»Nein, nicht eher, als bis die Unterweisung und die Vorbereitung auf die dritte Stufe vollendet ist.«

»Also erst auf dieser Stufe ist der Mensch im stande, sich die Christliche Wissenschaft in wirksamer Weise und mit richtigem Verständnis für die Seelenverwandtschaft zu eigen zu machen, wenn ich Sie recht verstehe. Das heißt also: während der im zweiten Stadium sich vollziehenden Vorgänge ließe sich ein solcher Erfolg nicht erreichen, weil da noch einige Reste von gemeiner Vernunft[2] vorhanden sein würden; und deshalb – aber ich habe Sie unterbrochen. Sie wollten des näheren auf die guten Ergebnisse eingehen, die bei der scharfen Seelenbearbeitung des dritten Grades bemerkbar werden. Es ist sehr interessant; fahren Sie, bitte, fort!«

[2] In der Uebersetzung läßt sich Mark Twains boshaftes Jonglieren mit den Phrasen der ›Christlichen Wissenschaft‹ nicht in allen Feinheiten wiedergeben. So hat z. B. das Wort mind die Bedeutungen: Gemüt, Sinn, Seele, Absicht, Wille, Geist, Verstand und noch viele andere. Der Uebersetzer hat es für richtig gehalten, in der Wiedergabe auf den Gleichklang der Worte zu verzichten und dafür, wo es nur irgend anging, die spöttische Absicht des Humoristen erkennbar werden zu lassen.

»Ja, wie ich eben sagte, in diesem dritten Stadium verschwindet die menschliche, nicht unsterbliche Seele. Unsere Wissenschaft stellt das, was den körperlichen, menschlichen Sinnen für Augenschein gilt, vollständig auf den Kopf, und wir erkennen in unseren Herzen die Wahrheit des Bibelwortes: ›Die Letzten sollen die Ersten sein, und die Ersten sollen die Letzten sein.‹ Von nun an kann Gott und sein Begriff für uns allumfassend sein – worin ja eben Göttlichkeit besteht und, ihrem Wesen nach, notwendigerweise bestehen muß.«

»Prachtvoll! Mit welch erschöpfender Genauigkeit bekräftigen Ihre so sorgfältig gewählten Worte den unumstößlichen Beweis von der machtvollen Wirkung des dritten Grades! Der zweite Grad könnte wahrscheinlich nur eine zeitlich beschränkte Geistesabwesenheit hervorrufen, dem dritten ist es vorbehalten, sie zu einer dauernden zu machen. Ein Lehrsatz der in der Atmosphäre des zweiten Stadiums gemodelt wäre, könnte noch eine gewisse Bedeutung an sich haben – ich meine, er könnte trügerischer Weise den Anschein erwecken, daß mit ihm ein bestimmter Begriff zu verbinden wäre – und nur unter dem magischen Einfluß des dritten Grades kann dieser Mangel verschwinden. Es ist daher ohne Zweifel der dritte Grad, dem die Christliche Wissenschaft eine weitere, sehr bemerkenswerte Eigenschaft verdankt: nämlich leichtes Gleiten klingenden Wortschwalls und Rhythmus und Schwung und Glätte! Dies muß doch wohl auf einer ganz besonderen Ursache beruhen?«

»Ja – Gott-All, All-Gott, Guter Gott, Nichtmaterie, Materialisation, Geist, Knochen, Wahrheit.«

»Das erklärt die Sache!«

»Nichts gibt es in der Christlichen Wissenschaft, was unerklärlich wäre; denn Gott ist Eins, Zeit ist Eins, Individualität ist Eins; diese letztere aber kann Eins in einer Serie sein, Eins unter Vielen, wie zum Beispiel ein individueller Mensch, ein individuelles Pferd. Gott dagegen ist Eins – nicht Eins in einer Serie, sondern Eins für sich allein und ohne seinesgleichen.«

»Das sind edle Gedanken! Sie erwecken in einem den brennenden Wunsch, mehr zu erfahren. Wie erklärt die Christliche Wissenschaft die geistige Beziehung zwischen systematischer Dualität und accidentieller Deflektion?«

»Die Christliche Wissenschaft kehrt die scheinbaren Beziehungen zwischen Seele und Körper völlig um – sie macht den Körper der Seele tributpflichtig. In gleicher Weise hat die Astronomie die menschlichen Vorstellungen von der Bewegung des Sonnensystems umgekehrt. Die Erde bewegt sich, die Sonne dagegen steht still – obwohl der Mensch, wenn er die Sonne aufgehen sieht, unwillkürlich denkt, es sei doch unmöglich, daß die Sonne sich nicht bewege. So ist auch der Leib nur der niedrige Diener der unbewegten Seele, obwohl es den beschränkten Sinnen anders erscheint. Aber dies werden wir niemals begreifen, so lange wir glauben, daß die Seele sich im Körper befinde, oder daß die Materie belebt sei und daß im Unbegreiflichen der Mensch Ereignis werde. Seele ist Gott, unveränderlich und ewig; und der Mensch existiert neben der Seele und bietet ein Spiegelbild von ihr: denn das Alles-in-Allem bedeutet das Allzusammen und das Allzusammen umfaßt das All-Eins, Seelengeist, Geistseele, Liebe, Geist, Knochen, Leber – Eins von einer Serie, allein und ohnegleichen.«

Es ist sehr eigentümlich, zu beobachten, wie bei der Christlichen Wissenschaft die Worte hervorschießen. Besonders im dritten Stadium; da prasselt’s, daß man an Cholera denken möchte. Aber diesen Gedanken behielt ich für mich.

»Welchen Ursprung hat die Christliche Wissenschaft? Ist sie ein Geschenk Gottes, oder kam sie nur zufällig zum Vorschein?«

»Gewissermaßen ist sie ein Geschenk Gottes. Das will sagen: ihre wirkungsvollen Eigenschaften stammen von ihm; der Ruhm dagegen, diese Eigenschaften und ihre Verwendbarkeit entdeckt zu haben – dieser Ruhm gebührt einer Amerikanerin.«

»Ah! Wann fand denn das Ereignis statt?«

»Im Jahre 1866. Ja, das ist das ewig denkwürdige Jahr, in welchem Schmerz und Krankheit und Tod auf Nimmerwiederkehr von der Erde verschwanden. Das heißt: es verschwanden die Einbildungen, die man mit diesen Ausdrücken bezeichnet. Die Dinge selber hatten überhaupt niemals existiert; man brauchte daher nur zu bemerken, daß es solche Dinge nicht gäbe, um auch die Einbildungen schnell los zu werden. Die Geschichte und Natur der großen Entdeckung sind in diesem Buch hier niedergelegt und …«

»Schrieb die Dame das Buch?«

»Ja, sie schrieb es von Anfang bis zu Ende, eigenhändig. Der Titel lautet:

Wissenschaft und Gesundheit
mit Schlüssel zur Heiligen Schrift

– denn sie erklärt die Bibel, die zuvor kein Mensch begriffen hat. Nicht mal die zwölf Apostel. Sie beginnt folgendermaßen – ich will’s Ihnen vorlesen.«

Aber sie hatte ihre Brille vergessen.

»Nun, das macht nichts,« sagte sie; »ich habe die Worte im Gedächtnis – wie überhaupt alle in die Christliche Wissenschaft Eingeweihten das Buch auswendig können; das ist sogar für unsere Praxis unbedingt notwendig. Sonst könnten wir Versehen machen und Schaden anrichten. Sie beginnt also: ›Im Jahre 1866 entdeckte ich die Wissenschaft der metaphysischen Heilung und nannte sie Christliche Wissenschaft.‹

»Und sie sagt weiter – meiner Meinung nach sind das herrliche Worte: ›Durch die Christliche Wissenschaft ist der Religion und der Medizin eine göttlichere Natur, ein lebendiger Geist eingehaucht; Glaube und Erkenntnis erhalten neue Schwingen, vereinigen sich verständnisvoll mit Gott.‹ Das sind ihre eigenen Worte.«

»Sie sind elegant. Und auch der Gedanke ist schön – Medizin mit Religion zu vermählen statt nach der alten Mode mit dem Totengräber. Denn Religion und Medizin gehören so recht eigentlich zusammen, sie bilden ja die Grundlage aller geistigen und körperlichen Gesundheit … Was für Medizin geben Sie für die gewöhnlichen Krankheiten, wie zum Beispiel …«

»Wir geben überhaupt niemals und unter keinen Umständen Medizin. Wir …«

»Aber, meine Gnädige, es lautet doch …«

»Wie es lautet, ist mir völlig einerlei, und ich wünsche nicht darüber zu sprechen.«

»Es tut mir leid, wenn ich Ihnen zu nahe getreten bin; aber es schien doch in dem Angeführten eine gewisse Inkonsequenz zu liegen, und …«

»Es gibt keine Inkonsequenzen in der Christlichen Wissenschaft. Das ist ganz ausgeschlossen, denn unsere Wissenschaft ist absolut. Anders kann es auch gar nicht sein, denn sie stammt unmittelbar von dem Alles-in-Allem und dem Allzusammen: Seele, Knochen, Glaube, Eins in einer Serie, allein und ohnegleichen. Unsere Wissenschaft ist Mathematik, die von materiellen Schlacken gereinigt und vergeistigt ist.«

»Das sehe ich wohl, aber …«

»Sie beruht auf der unverrückbaren Grundlage eines apodiktischen Prinzips.«

Dieses Wort wollte nicht in mein Gehirn hinein, und ich kam dadurch ein bißchen in Verwirrung; doch bevor ich mich nach der Bedeutung erkundigen konnte, verbreitete sie schon das nötige Licht über die Dunkelheit, indem sie fortfuhr:

»Dieses apodiktische Prinzip ist das absolute Prinzip unserer Wissenschaftlichen Geistesheilkunst, die unumschränkte Omnipotenz, die uns Menschenkinder von Schmerz, Krankheit, Kräfteverfall befreit und überhaupt von jedem Uebel, das des Fleisches Erbteil ist.«

»Aber doch gewiß nicht von jeder Krankheit, von jedem Kräfteverfall?«

»Von allem und jedem! Ausnahmen gibt’s nicht; Kräfteverfall existiert nicht; dieser Begriff ist eine Unwirklichkeit.«

»Aber wenn Sie Ihre Brille nicht bei sich haben, können Sie mit Ihrer geschwächten Sehkraft nicht …«

»Meine Sehkraft kann nicht geschwächt sein; keine einzige unserer Fähigkeiten kann schwächer werden; die Seele ist Meister, und die Seele kennt keinen Rückschritt!«

Sie stand unter dem begeisternden Einfluß des dritten Stadiums; es konnte daher keinen Zweck haben, die Unterhaltung in dieser Richtung fortzusetzen. Ich verließ also dieses Gebiet und wandte mich mit meinen Fragen wieder der Entdeckerin der Christlichen Wissenschaft zu:

»Kam die Entdeckung plötzlich, wie Klondike, oder war sie das Ergebnis einer langen sorgfältigen Berechnung, wie Amerika?«

»Ihre Vergleiche sind nicht respektvoll, denn sie ziehen nichtige Dinge heran, aber darüber wollen wir hinweg sehen. Ich will Ihnen mit der Entdeckerin eigenen Worten antworten: ›Gott hat mich gnädiglich viele Jahre lang vorbereitet, die Offenbarung des absoluten Prinzips Wissenschaftlicher Geistesheilkunst zu empfangen.‹«

»Viele Jahre lang. Wie viele?«

»Achtzehnhundert.«

»All-Gott, Gott-All, Wahrheit, Knochen, Leber, Eins in einer Serie, allein und ohnegleichen – das ist erstaunlich!«

»Ja, das mögen Sie wohl sagen, mein Herr. Aber es ist nichts als die reine Wahrheit. Diese amerikanische Dame, unsere verehrte und heilige Religionsgründerin, ist klar und deutlich bezeichnet und angekündigt im zwölften Kapitel der Offenbarung Johannis. Sankt Johannes hätte sie gar nicht deutlicher beschreiben können, selbst wenn er ihren Namen genannt hätte.«

»Wie seltsam, wie wunderbar!«

»Ich will aus dem ›Schlüssel zur Heiligen Schrift‹ ihre eigenen Worte anführen: ›Das zwölfte Kapitel der Offenbarung enthält eine ganz besondere Hindeutung auf unser neunzehntes Jahrhundert.‹ Beachten Sie ja diese wichtigen Worte!«

»Ja … aber … was bedeuten sie?«

»Hören Sie zu – und Sie werden den Sinn verstehen! Ich zitiere abermals die ihr von Gott eingegebenen Worte: ›Bei der Eröffnung des sechsten Siegels‹ – ein Sinnbild für das sechste Jahrtausend, das seit Adams Tagen verflossen – findet sich eine ganz eigentümliche Einzelheit, die in besonderem Maße auf unser gegenwärtiges Zeitalter zu beziehen ist. Nämlich:

»›Offenbarung XII, 1. Und es erschien ein groß Zeichen am Himmel, ein Weib mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen, und auf ihrem Haupt eine Krone mit zwölf Sternen.‹

»Das ist unser Oberhaupt, unsere Entdeckerin der Christlichen Wissenschaft – nichts kann einfacher und gewissenhafter sein! Und bemerken Sie ferner:

»›Offenbarung XII, 6. Und das Weib entfloh in die Wüste, da sie hatte einen Ort bereitet von Gott.‹ – Das ist Boston.«

»Ich erkenn’ es, gnädige Frau. Dies sind erhabene Dinge, die einen tiefen Eindruck machen. Ich habe diese Bibelstellen früher niemals richtig verstanden; bitte, fahren Sie fort mit den … mit den … Beweisen.«

»Sehr gern. Hören Sie:

»›Offenbarung X, 1, 2. Und ich sahe einen anderen starken Engel vom Himmel herab kommen, der war mit einer Wolke bekleidet, und ein Regenbogen auf seinem Haupte, und sein Antlitz wie die Sonne, und seine Füße wie die Feuerpfeiler.

»›Und er hatte in seiner Hand ein Büchlein aufgetan …‹

»Ein Büchlein, ganz einfach ein Büchlein –, können Worte sich bescheidener ausdrücken? Und doch von welch überwältigender Bedeutung ist diese Stelle! Wissen Sie, was für ein Buch das war? Ich hab’ es hier in meiner Hand – die ›Christliche Wissenschaft.‹«

»Liebe, Lebern, Licht, Knochen, Wahrheit, Nieren, Eins von ’ner Serie, allein und ohnegleichen – es ist ein Wunder, das alle menschliche Einbildungskraft übersteigt!«

»Hören Sie unserer Gründerin beredte Worte: ›Dann wird eine Stimme aus der Himmelsharmonie rufen: – Gehe hin und nimm das Büchlein; nimm’s und iß es; es wird deinen Magen bitter machen, in deinem Munde aber wird es sein wie Honig. – Sterblicher, gehorche der himmlischen Botschaft. Nimm das Buch von der göttlichen Wissenschaft. Lies es von Anfang bis zum Ende. Studiere es mit heißem Bemühen! Ja, der erste Geschmack wird dir süß vorkommen, wenn du Heilung darin findest; aber murre nicht gegen die Wahrheit, wenn du die Verdauung bitter findest!‹ Sie kennen jetzt, mein Herr, diese Geschichte unserer geliebten und geheimen Wissenschaft; Sie wissen nun, daß nicht ihr Ursprung, sondern nur ihre Entdeckung von dieser Welt ist. Ich will Ihnen das Buch hier lassen und will jetzt gehen, aber machen Sie sich darum keine Sorgen – ich werde Ihnen von jetzt bis zum Schlafengehen die Abwesenheitsbehandlung verabfolgen.«