III.
Unter dem machtvollen Einfluß der Nah- und der Fernbehandlung begannen meine Knochen sich allmählich wieder nach innen zu ziehen und von der Oberfläche zu verschwinden. Nachdem die Sache erst mal ordentlich in Schuß gekommen war, ging es sogar sehr schnell. Mein Körper reckte und streckte sich emsiglich, bald nach der einen, bald nach der anderen Seite, je nachdem, wie’s gerade der Heilungsprozeß erforderte, und alle paar Minuten hörte ich inwendig einen dumpfen Knax; dann wußte ich, daß wieder die zwei Enden einer Bruchstelle sich glücklich zusammengefunden hatten. Dieses gedämpfte Knaxen und Reiben und Schieben dauerte ununterbrochen die nächsten drei Stunden hindurch; dann hörte es auf – alles hatte sich wieder zurechtgeschoben. Das heißt: die Verrenkungen blieben noch; indessen diese waren nur sieben an der Zahl, nämlich in je zwei Hüft-, Schulter- und Kniegelenken und außerdem noch im Genick. Diese kleinen Schäden waren also bald behoben; eins nach dem anderen glitten die Glieder in ihre richtige Lage hinein; das gab jedesmal einen Ton, wie wenn in der Ferne ein Pfropfen ausgezogen wird. Dann sprang ich auf; mein Knochengestell war wieder so gut wie neu, und ich ließ den Pferdedoktor holen.
Hierzu war ich genötigt, weil ich Magendrücken und schweres Kopfweh hatte; ich wollte aber diese Sachen nicht länger in den Händen einer mir unbekannten Frauensperson lassen, zu deren Fähigkeiten in Bezug auf die Behandlung gewöhnlicher Krankheiten ich jedes Vertrauen verloren hatte. Und das mit Recht; denn sie hatte ja den Kopfschmerz und das Leibschneiden von Anfang an gleichzeitig mit den Knochenbrüchen in ihre Behandlung genommen, und es hatte sich nicht ein bißchen damit gebessert. Das Leibschneiden wurde sogar immer heftiger, wahrscheinlich, weil ich so lange Zeit gar nichts gegessen und getrunken hatte.
Der Pferdedoktor kam; ein netter Mann, der seinen Beruf ernst nahm und ein hoffnungsvolles Interesse für meinen Fall bezeigte. Er roch sehr aromatisch, man merkte ihm den Umgang mit Pferden an, und ich versuchte daher, ihn zu einer Fernbehandlung zu bereden; indessen darauf war er nicht eingerichtet, und so bestand ich aus Zartgefühl nicht weiter darauf. Er besah sich meine Zähne und befühlte meine Knieflechsen und sagte, mein Alter und Allgemeinbefinden wären einer tatkräftigen Behandlung günstig; er wollte mir daher etwas eingeben, um aus dem Magendrücken eine Kolik und aus dem Kopfweh die Drehsucht zu machen; dann wäre er auf seinem heimischen Gebiet und wüßte, was er zu tun hätte. Er machte einen Eimer voll Kleienmengfutter zurecht und sagte, davon sollte ich alle zwei Stunden eine Schöpfkelle voll und abwechselnd damit ein gleiches Quantum von einer Pferdemedizin einnehmen, als deren Hauptbestandteile ich Terpentin und Wagenschmiere erkannte; er sagte, diese beiden Mittel zusammen würden mir binnen vierundzwanzig Stunden jedes Unwohlsein aus dem Körper treiben oder mich in anderer Weise dermaßen interessieren, daß ich darüber die augenblicklich vorhandenen Leiden vergessen würde. Die erste Dosis verabreichte er mir selber und empfahl sich dann, indem er noch sagte, ich könnte essen und trinken, was ich möchte, und so viel ich möchte. Aber ich war nicht im geringsten mehr hungrig, und machte mir nichts aus dem Essen.
Ich nahm das Büchlein von der Christlichen Wissenschaft und las die erste Hälfte davon, dann nahm ich eine Kelle voll Medizin und las die andere Hälfte. Die Erfahrungen, die ich dabei machte, waren recht interessant und voll Abwechselung. Während es infolge der Verwandlung des Leibwehs zur Kolik und des Kopfwehs zur Drehsucht in meinem Inneren knurrte und rummelte, konnte ich den edlen Streit beobachten, den das Mengfutter und der Terpentintrank und die Literatur um die Oberherrschaft führten. Schließlich nahm der Kampf ein Ende, und es war ein schöner Sieg; aber ich glaube, der Erfolg hätte sich mit Aufgebot geringerer Mittel erreichen lassen. Ich bin überzeugt, daß das Kleiengemengsel nötig war, um aus dem Magendrücken eine richtige Kolik zu machen, aber zur Erzeugung der Drehsucht hätte wohl die Literatur allein genügt. Ich glaube ferner, daß eine auf diesem Wege zu stande gebrachte Drehsucht von besserer Qualität und dauerhafter wäre, als ein Pferdedoktor sie jemals mit seinen gekünstelten Prozessen erzielen könnte.
Denn von allen seltsamen, verrückten, unbegreiflichen und jeder Erläuterung spottenden Büchern, die die menschliche Phantasie gezeitigt hat, ist dieses Buch ganz gewiß die Krone. Es ist mit einer grenzenlosen Selbstzuversicht geschrieben und mit einer stürmischen, ernsthaften Leidenschaft, die oft den Eindruck von Beredsamkeit macht, selbst wenn die Worte anscheinend gar keinen Sinn und Verstand haben. Es gibt viele Leute, die sich einbilden, sie verständen dieses Buch – das weiß ich sehr wohl, denn ich habe mit solchen Leuten gesprochen; aber das waren ausnahmslos zugleich auch solche, die sich einbildeten, Schmerz, Krankheit und Tod gäbe es nicht, und Wirklichkeiten wären überhaupt nicht auf der Welt vorhanden. Dadurch scheint mir der Wert ihres Zeugnisses geschmälert zu werden. Wenn diese Herrschaften von der Christlichen Wissenschaft reden, so machen sie’s wie Frau Fuller, sie sprechen nicht ihre eigene Sprache, sondern die des Buches; sie sprudeln die prunkvollen Ungereimtheiten des Buches hervor, und überlassen es dem Hörer, selber herauszufinden, daß sie keine eigenen Gedanken äußerten, sondern nur fremde zitierten; sie scheinen den Band auswendig zu wissen und ihn zu verehren, als wär’s eine Bibel – eine zweite Bibel, sollte ich vielleicht sagen.
Keinem Menschen – mir jedenfalls nicht! – ist es zweifelhaft, daß der Geist einen mächtigen Einfluß auf den Körper ausübt. So lange die Welt steht, haben der Zauberer, der Traumdeuter, der Wahrsager, der Charlatan, der Quacksalber, der Kurpfuscher, der wissenschaftlich gebildete Arzt, der Mesmerist und der Hypnotist sich des Klienten Einbildung zu nutze gemacht. Sie alle haben die Bedeutung und Verwendbarkeit dieser Kraft erkannt. Aerzte heilen manchen Patienten mit einer Pille von Brotkrume; sie wissen, daß in Fällen, wo die Krankheit nur auf Einbildung beruht, des Patienten Vertrauen zum Doktor die Brotpille wirksam macht.
Glaube an den Arzt. Vielleicht ist das das Ganze. Wenigstens sieht es so aus. In alten Zeiten heilte der König den Kropf[3] durch die Berührung mit seiner königlichen Hand. Er machte oft ganz erstaunliche Kuren. Hätte sein Lakai das fertig bringen können? Nein – nicht in seinen eigenen Kleidern. Hätte er’s gekonnt, wenn er als König verkleidet gewesen wäre? Ich glaube, wir dürfen daran nicht zweifeln. Ich glaube, wir können als sicher annehmen, daß in allen diesen Fällen nicht des Königs Berührung die Heilung bewirkte, sondern des Kranken Glaube an die Wirksamkeit des königlichen Handauflegens. Sehr bemerkenswerte unanzweifelbare Heilungen sind durch Berühren mit den Reliquien von Heiligen erfolgt. Würde nicht höchstwahrscheinlich irgend ein anderer Knochen denselben Erfolg bewirkt haben, wenn dem Kranken die Unterschiebung unbekannt geblieben wäre? In meiner Knabenzeit stand eine Bauernfrau, die nicht weit von unserem Dorfe wohnte, in großem Ruf als ›Glaubensdoktorin‹ – so nannte sie sich selber. Aus der ganzen Gegend kamen Leidende zu ihr, sie legte ihre Hand auf sie und sprach: »Glaubet – weiter ist nichts nötig!« Und die Leute gingen von dannen und waren ihre Schmerzen los. Sie war nicht religiös und machte keinen Anspruch darauf, über geheime Kräfte zu verfügen. Sie sagte, nur des Patienten Glaube an sie bringe die Wirkung hervor. Mehrmals sah ich selbst, wie sie heftige Zahnschmerzen auf der Stelle kurierte. Die Leidende war meine eigene Mutter. Aehnliche Beispiele ließen sich aus fast allen Ländern der Welt anführen. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts sind in Amerika verschiedene Sekten aufgetaucht, die sich mit der Behandlung von Krankheiten befassen. Sie haben mit ihrem arzneilosen Heilverfahren beträchtliche Erfolge aufzuweisen. Ich nenne hier nur die Glaubenskur, die Gebetskur, die Christliche Wissenschaft. Offenbar vollbringen sie alle ihre Wunder mit Hilfe desselben alten erprobten Werkzeuges: der Einbildung ihrer Kranken. Ihre Namen sind verschieden, aber ihr Verfahren ist überall das gleiche. Nur wollen sie dies nicht zugeben; jede Sekte behauptet, daß ihr Vorgehen ein nur ihr allein eigentümliches sei.
[3] Der Kropf heißt englisch the kings evil.
Sie alle haben gewisse Heilerfolge aufzuweisen – darüber kann kein Zweifel obwalten. Und die Glaubenskur und die Gebetskur richten wahrscheinlich keinen Schaden an, selbst wenn sie nichts Gutes leisten sollten. Denn sie verbieten dem Patienten nicht, der Kur mit ärztlicher Behandlung zu Hilfe zu kommen, wenn er das Bedürfnis danach empfindet. Die anderen aber wollen von Medizinen nichts wissen und behaupten, jede erdenkliche menschliche Krankheit durch die bloße Anwendung ihrer geistigen Kräfte heilen zu können. Sie behaupten, sie könnten Krebs beseitigen, auch andere Leiden, die sich, seitdem Menschen auf der Erde sind, als unheilbar erwiesen haben. So etwas scheint mir nicht ganz gefahrlos zu sein. Die Leute versprechen wohl etwas zu viel. Das Publikum würde wahrscheinlich mehr Vertrauen haben, wenn weniger versprochen würde.
Alle anderen Sekten bekennen, daß sie nicht Gottes Gleichen seien; nur die Christliche Wissenschaft erhebt öffentlich den Anspruch, Gleiches zu leisten wie die Gottheit; ja nach der verbesserten Bibel der Christlichen Wissenschaft halten die Herrschaften sich sogar für mehr. In der gewöhnlichen Bibel werden Schmerz, Krankheit und Tod als Tatsachen hingestellt; aber die von der Christlichen Wissenschaft wissen’s besser. Wissen’s besser und sagen’s ohne Zaudern frei heraus.
Frau Fuller war nicht im stande, mein Magendrücken und mein Kopfweh zu kurieren; aber der Pferdedoktor that’s. Dies bringt mich zu der Ueberzeugung, daß die Christliche Wissenschaft zu viel verspricht. Meiner Meinung nach sollte sie sich mit inneren Krankheiten nicht abgeben, sondern sich auf Knochenbrüche und Wunden beschränken. Jedem das Seine.
Der Pferdedoktor verlangte mir dreißig Kreuzer ab, ich gab ihm das Doppelte. Frau Fuller schickte mir eine spezifierte Rechnung über die Heilung von 234 Knochenbrüchen – für jeden Bruch einen Dollar!
»Nichts existiert als die Seele?«
»Nichts!« antwortete sie. »Alles andere ist substanzlos, alles andere ist imaginär.«
Ich gab ihr einen imaginären Check, und jetzt hat sie mich auf substantielle Dollars verklagt. Das scheint inkonsequent zu sein.