IV.
Nehmen wir einmal als feststehend an, daß wir alle teilweise geisteskrank sind. Dadurch werden wir uns gegenseitig besser verstehen, manches Rätsel wird sich lösen und gar vieles, was uns jetzt verworren und dunkel erscheint, wird sich als klar und einfach herausstellen.
Auch die von uns, die sich nicht in einer Irrenanstalt befinden oder nicht in eine solche hineingehören, sind ohne Zweifel in einer oder zwei Einzelheiten verrückt – ich glaube, dies müssen wir alle zugeben; aber ich glaube zugleich auch, daß wir dabei in allem übrigen geistig gesund sind. Wenn wir alle von einem Ding die gleiche Meinung haben, so steht es meines Erachtens unwiderleglich fest, daß, soweit dieses eine Ding in Betracht kommt, unser Verstand vollkommen gesund ist. Nun gibt es ja etliches, worüber wir alle einer Meinung sind; wir nehmen die Tatsachen als feststehend hin und streiten uns nicht darüber. So zum Beispiel lassen wir alle, die wir nicht in einer Anstalt sind, folgende Sätze gelten: Wasser bemüht sich stets, eine wagerechte Oberfläche anzunehmen Die Sonne gibt Licht und Wärme. Feuer verzehrt brennbare Stoffe. Nebel ist feucht. Sechs mal sechs ist sechsunddreißig. Zwei von zehn gibt acht. Acht und sieben gibt fünfzehn.
Diese Sätze sind vielleicht die einzigen, worüber wir einig sind. Aber wenn es auch so wenig sind, so sind sie doch von unschätzbarem Wert, denn sie bieten einen untrüglichen Maßstab für geistige Gesundheit. Wer diese Sätze anerkennt, der ist für uns hinreichend zurechnungsfähig, er ist in allem Wesentlichen geistig gesund. Wer auch nur einen einzigen von diesen Sätzen bestreitet, von dem wissen wir, daß er völlig geisteskrank ist – reif fürs Irrenhaus.
Schön. Dem Menschen, der keinen von diesen Sätzen bestreitet, erkennen wir das Recht zu, frei umhergehen zu dürfen – aber mehr können wir ihm auch nicht einräumen. Denn wir wissen, daß in allen Dingen, wo es sich um eine bloße Meinung handelt, der Mann geisteskrank ist – gerade so geisteskrank wie wir selbst, gerade so geisteskrank wie Shakespeare war, wie’s der Papst ist. Und wir können genau, sozusagen mit dem Finger, die Stelle seiner Geisteskrankheit bezeichnen: geisteskrank ist er in allem, worin seine Meinung von der unsrigen abweicht.
Das ist eine einfache Regel, die sich sehr leicht behalten läßt. Wenn ich, als denkender und vorurteilsfreier Presbyterianer, den Koran prüfe, so weiß ich, daß ohne jede Frage jeder Mohammedaner geisteskrank ist. Wenn ein denkender und vorurteilsfreier Mohammedaner den Westminsterschen Katechismus prüft, so weiß er, daß ohne jede Frage Mark Twain geisteskrank ist. Ich kann ihm nicht beweisen, daß er geisteskrank ist, denn einem Wahnsinnigen kann man überhaupt niemals etwas beweisen, – das gehört eben zu seiner Geisteskrankheit und beweist auf das schlagendste das Vorhandensein derselben. Er kann auch mir nicht beweisen, daß ich geisteskrank bin, denn mein Verstand leidet an denselben Mängeln wie der seinige. In Amerika sind alle Demokraten verrückt, aber keiner von ihnen merkt es; nur die Republikaner und die Mugwumps wissen’s. Alle Republikaner sind verrückt, aber nur die Demokraten und Mugwumps sind im stande, es zu bemerken. Die Regel trifft immer zu: in allen Ansichtssachen sind unsere Gegner verrückt. Wenn ich um mich blicke, so erfüllt es mich oft mit großem Bedauern, so viele Geisteskranke sehen zu müssen!
Diese Erkenntnis sollte uns nun veranlassen, duldsam gegen die Verrücktheiten unseres Nächsten zu sein. Ich sehe, daß in seinem besonderen Glauben der Anhänger der Christlichen Wissenschaft geisteskrank ist, denn er glaubt ja nicht dasselbe wie ich; trotzdem aber begrüße ich ihn als Bruder und Genossen, weil ich ebenso verrückt bin, wie er – verrückt von seinem Standpunkt aus, und sein Standpunkt hat ebensoviel Berechtigung wie der meinige und ist ebensoviel wert. Nämlich einen roten Heller. In Fragen der Religion oder Politik ist die Meinung des blödesten Schwachkopfes soviel wert wie die des erleuchtetsten Geistes – einen roten Heller. Warum? Sehr einfach: Die positive Meinung eines Schwachkopfes wird aufgehoben durch die negative Meinung eines anderen Schwachkopfes, seines Nachbarn – es kommt also zu keinem Ergebnis. Die positive Meinung des Geistesriesen Gladstone wird aufgehoben durch die negative Meinung des Geistesriesen Kardinal Newman – es kommt also ebenfalls zu keinem Ergebnis. Meinungen, die nichts beweisen, sind natürlich wertlos. Wir müssen daher die freilich wenig schmackhafte Wahrheit zugeben, daß in Streitfragen über Politik und Religion die Meinung eines Menschen nicht mehr wert ist als die seinesgleichen; und daraus folgt, daß keines Menschen Meinung irgend welchen tatsächlichen Wert besitzt. Der Gedanke ist demütigend, aber man kommt nicht darum herum: es ist eine ganz einfache Tatsache – so klar und einfach, wie 7 + 8 = 15.
Nachdem ich dies vorausgesetzt habe, darf ich wohl, ohne jemanden damit zu beleidigen, wiederholen, daß die Anhänger der Christlichen Wissenschaft verrückt sind. Darin soll keine Unhöflichkeit liegen; ich bilde mir nicht ein und werfe ihnen noch viel weniger vor, daß sie verrückter seien als die anderen Menschen. Aber ich glaube, ihre Verrücktheit ist grotesker als viele andere gangbare Verrücktheiten.
Zugleich aber bin ich fest überzeugt, daß sie in einer sehr wichtigen und sehr wertvollen Einzelheit vernünftiger sind als die große Mehrzahl ihrer Mitmenschen.
Warum sind sie verrückt? Ich sagte es bereits: weil ihre Meinungen nicht die unsrigen sind. Einen anderen Grund kenne ich nicht – und ich brauche auch keinen. Ihre Verrücktheit ist nur dadurch interessanter als deine oder meine, weil sie so grotesk ist. Da ist zum Beispiel das ›Büchlein‹, wovon ich vorhin sprach. – Dieses ›Büchlein‹, das vor achtzehn Jahrhunderten der flammende Engel der Offenbarung hoch oben am Himmel zeigte, und das jetzt in unseren Tagen der Frau Mary Baker G. Eddy aus Newhampshire eingehändigt und von ihr Wort für Wort – mit etlicher Nachhilfe – ins Englische übertragen wurde. Sie hat’s veröffentlicht und in Hunderten von Auflagen abgesetzt, und sie hat an jedem Exemplar einen Reingewinn von 700 Prozent! Dieser Profit gehört offenbar eigentlich dem apokalyptischen Engel – mag er nur versuchen, ihn einzukassieren. Das Büchlein wird von den Anhängern der Christlichen Wissenschaft sehr häufig einfach als ›das Büchlein‹ bezeichnet – die Gänsefüßchen dürfen ja nicht vergessen werden – um sich stets frohlockend seinen erhabenen Ursprung zu vergegenwärtigen. Das ›Büchlein‹ führt das Bibelgebäude ganz neu wieder auf und malt und schmückt es frisch aus und setzt ein neues Dach oben drauf mit Mansarden und Blitzableitern und allen ›Bequemlichkeiten der Neuzeit‹. Das Büchlein zieht jetzt anscheinend an einer Deichsel und Seite an Seite mit der Bibel, aber in einem halben Jahrhundert wird’s mit ihr Tandem fahren, und zwar wird dann das Büchlein vorn ziehen.
Vielleicht verlege ich diese Tandemfahrt in eine zu ferne Zukunft. Vielleicht stimmt es besser, wenn ich statt fünfzig Jahre deren fünf annehme, denn eine Wiener Dame erzählte mir neulich abends von einigen Beobachtungen, die sie in der Bostoner Moschee der Christlichen Wissenschaft gemacht habe, und wonach es allerdings den Anschein hat, als ob wir kein halbes Jahrhundert mehr auf das vorhin in Aussicht gestellte Schauspiel zu warten brauchen. An der einen Wand bemerkte sie eine Anzahl Sprüche aus dem Neuen Testament; diese waren unterzeichnet mit des Heilands Initialen: J. C. An der gegenüberstehenden Wand waren Sprüche aus dem ›Büchlein‹. Diese waren ebenfalls unterzeichnet – wohl ebenfalls mit den Initialen der Verfasserin? fragt man mich. O nein – mit dem voll ausgeschriebenen Namen Mary Baker G. Eddy. Vielleicht hat der Engel der Offenbarung seine Freude an solcher Freibeuterei. Ich sprach darüber ganz leichthin mit einem Bekenner der Christlichen Wissenschaft, aber er nahm meine Bemerkung gar nicht leichthin auf, sondern sagte, ich triebe meinen Spott mit heiligen Dingen. Er sagte, von Freibeuterei wäre nicht die Rede, denn der Engel hätte das Buch nicht verfaßt, sondern es nur auf die Erde gebracht – »Gott verfaßte es«. Ich hätte darauf erwidern können, daß es trotzdem Freibeuterei bliebe; die betreffenden Sprüche müßten mit des Verfassers Initialen unterzeichnet sein, und wenn statt dessen der voll ausgeschriebene Namenszug der Uebersetzerin darunter stände, so hieße gerade dies ›seinen Spott mit heiligen Dingen treiben‹. Das hätte ich erwidern können – aber ich tat es nicht; denn jener Bekenner der Christlichen Wissenschaft ist ein großer und breitschulteriger Mann, und ich wußte, daß er mir einen imaginären Faustschlag versetzen könnte, an dessen imaginären Schmerzen ich eine volle Woche genug haben würde. Die Dame erzählte mir ferner, in der Moschee seien zwei Kanzeln; auf der einen stehe ein Mann mit der alten Bibel, auf der anderen eine Frau mit Frau Eddys apokalyptischem Anhang, und aus diesen Büchern werde von dem Mann und von der Frau abwechselnd Vers um Vers vorgelesen.
Ist das grotesk?
Die Wiener Dame erzählte mir noch, in einer Seitenkapelle der Moschee sei ein Porträt oder ein Standbild der Frau Eddy, und es brenne davor eine ewige Lampe.
Ist das grotesk?
Wie lange wird es wohl dauern, bis die von der Christlichen Wissenschaft vor diesem Bilde anbetend knieen werden? Wie lange wird es wohl dauern, bis sie verkünden daß Frau Eddy ein Heiland wie Christus und Christi Gleichen sei? Schon spricht die Heerschar ihrer Jünger ehrfurchtsvoll von ihr als ›Unserer Mutter‹. Wie lange wird’s dauern bis sie sie auf die Stufen des Thrones stellen – neben die Jungfrau, und bald eine Stufe höher. Zuerst heißt es: die Jungfrau Maria und die Mutter Maria; nachher wird mit dem Vortritt gewechselt und es heißt: die Mutter Maria und die Jungfrau Maria. Aus Mary Baker G. Eddy wird Maria – was kann es einfacheres geben?
Mögen nur die Künstler Leinwand und Pinsel bereit halten: die neue Renaissance ist im Anzug, und mit Altarbildern wird viel Geld zu verdienen sein – tausendmal so viel als die Päpste und ihre Kirche je den klassischen Meistern zufließen ließen –, denn deren Reichtümer waren armselig im Vergleich mit den Schätzen, die so ganz allmählich in die Geldschränke der Eddyschen Päpsterei zusammenströmen. Darüber wollen wir uns keinen Täuschungen hingeben.
Der ›Boom‹ der Christlichen Wissenschaft ist noch keine fünf Jahre alt; und doch hat sie in Amerika bereits 500 Kirchen und eine Million Mitglieder …
Nun, das ist ein Anfang – und zwar ein phänomenaler! Dabei schwillt in der letzten Zeit die Bewegung lawinenartig an. Und sie hat bessere Aussichten nicht nur auf Ausbreitung, sondern auch auf Dauer, als irgend ein anderer ›Ismus‹ – denn sie hat ›mehr zu bieten‹. Die Geschichte lehrt uns, daß eine derartige Bewegung, wenn sie Erfolg haben soll, keine bloße philosophische, sondern daß sie eine religiöse sein muß; daß sie ferner keinen Anspruch auf vollkommene Originalität machen, sondern sich damit begnügen muß, nur als Verbesserung einer bereits vorhandenen Religion gelten zu wollen; nachher, wenn sie stark und blühend ist, kann sie selbständig auftreten. Beispiel: Der Mohammedanismus.
Ferner muß Geld da sein – und zwar viel Geld.
Ferner muß Macht und Autorität und Kapital ausschließlich in den Händen einer kleinen und unverantwortlichen Klique vereinigt sein, und kein Draußenstehender darf an den Maßnahmen herumnörgeln oder unbequeme Fragen stellen.
Endlich muß die Angel – wie bereits vorher erwähnt – mit einem neuen und leckeren Köder versehen sein, wie ihn andere Religionen nicht bieten können.
Verfügt eine neue Bewegung über eins oder mehrere von diesen Erfordernissen – wie zum Beispiel der Spiritismus – so kann sie auf einen bedeutenden Erfolg rechnen; erfüllt sie die wesentlichen Vorbedingungen – wie zum Beispiel der Mohammedanismus – so ist sie sicher, ihren Eroberungszug über weite Länder ausdehnen zu können. Der Mormonismus verfügte über alle Erfordernisse außer einem: sein Köder bot nichts Neues und nichts Wertvolles; außerdem wandte er sich nur an die Dummen und Unwissenden. Dem Spiritismus fehlte die sehr wichtige Vereinigung von Geld und Autorität in den Händen einer unverantwortlichen Klique.
Eine Vereinigung der oben genannten Erfordernisse ist etwas Ausgezeichnetes, Bewundernswertes, Gewaltiges; aber es ist noch nicht die Vollkommenheit. Es fehlt noch eins, das ebensoviel und mehr wert ist als andere zusammengenommen: eine neue Persönlichkeit zum Anbeten. Das Christentum hatte den Heiland, aber im Anfang und noch auf Generationen hinaus fehlte ihm Geld und konzentrierte Macht. In Frau Eddy besitzt die Christliche Wissenschaft die neue Persönlichkeit zum Anbeten; außerdem aber hat sie – schon jetzt in den ersten Anfängen – einen tadellos wirkenden Apparat zur Ausbreitung ihrer Lehre. Die mohammedanische Religion hatte anfangs kein Geld; und sie hat ihren Anhängern niemals anderes zu bieten gehabt als den Himmel – hienieden gewährt sie nichts von Wert. Die Christliche Wissenschaft verheißt ebenfalls den Himmel nach dem Tode, außerdem aber bietet sie – gegen Barzahlung – hier auf Erden Gesundheit und fröhliches Gemüt, und im Vergleich mit diesem Köder sind alle anderen Köder unserer Erdenwelt armselig und jämmerlich.
Reich und arm, hoch und niedrig, der Gebildete und der Unwissende, der Kluge und der Dumme, der Bescheidene und der Eitle, der Weise und der Narr, der Krieger und der Bürger, der Held und der Feigling, der Faulenzer und der Arbeiter, der Fromme und der Gottlose, der Freie und der Knecht, der Erwachsene und das Kind, der Kranke und der Gesunde, der kranke Freunde hat – sie alle folgen dem Ruf. Mit einem Wort: ihre Gefolgschaft ist die Menschheit.
Wird die Christliche Wissenschaft sich ausbreiten?
Ich fürchte, ja!