V.
Man vergesse ja nicht – das große Hauptversprechen der Christlichen Wissenschaft lautet: Befreiung des Menschengeschlechts von Schmerz und Krankheit. Kann sie das? In weitem Umfange: ja! Wie viele von den Schmerzen und Krankheiten, die es auf der Welt gibt, werden durch die Einbildung der Leidenden hervorgerufen und bestehen durch dieselbe Einbildung weiter! Vier Fünftel? Ich glaube, viel wird nicht daran fehlen. Kann die Christliche Wissenschaft diese vier Fünftel verschwinden machen? Ich glaube, ja. Kann irgend eine andere (organisierte) Kraft dies? Mir ist keine bekannt. Würde unsere Welt nicht eine ganz neue Welt und eine viel fröhlichere sein – nicht nur für uns Gesunde, sondern auch für die Siechen und ächzenden Jammergestalten? Würde es uns nicht vorkommen, als hätte die Sonne niemals so hell geschienen? Ich glaube, ja!
Dabei würden aber wohl die Doktoren der Christlichen Wissenschaft eine tüchtige Menge Patienten ins Grab bringen? Ich glaube, ja. Mehr Patienten, als bei den jetzigen wissenschaftlich anerkannten Methoden dran glauben müssen? Dieser Frage werde ich mich sogleich zuwenden.
Zuvörderst aber möchte ich mich mit einigen Leistungen der Christlichen Wissenschaft beschäftigen, die in ihrer Zeitschrift ›The Christian Science Journal‹ vom Oktober 1898 mitgeteilt werden. Zunächst gibt uns ein baptistischer Geistlicher folgende getreue Schilderung ›eines rechtgläubigen Durchschnittsmenschen‹ – und er hätte hinzufügen können, es sei eine getreue Schilderung eines (zivilisierten) Durchschnittsmenschen.
»Er ist ein nervöser, aufgeregter, ängstlicher Mann; er hat Angst vor sich selber und seinen sündhaften Lüsten, er hat Angst vor Erkältung und Fieber, er hat Angst, er könnte auf eine Schlange treten oder irgend was Giftiges hinunterschlucken.«
Dann kommt das Gegenstück dazu:
»Der Anhänger der Christlichen Wissenschaft hat alle Angst und Aufregung unter die Füße getreten. Er steht da als Sieger über Furcht und Sorge – und das kann man von dem Durchschnittschristen nicht sagen!«
Er hat alle Angst und Aufregung unter die Füße getreten. Welchen Teil unseres Verdienstes oder Einkommens würden wir wohl mit Freuden hergeben, wenn wir jahraus, jahrein in solcher Gemütsverfassung lebten? Es wäre in der Tat kein Preis zu hoch dafür! Wo kann sie sich ein Mensch, und wäre er der reichste, kaufen? In welchem Laden oder in welcher Kirche? Nur bei der Christlichen Wissenschaft.
Nun ist es aber gerade die fortwährende Angst vor Erkältung und Fieber und Zugluft und schwer verdaulichen Speisen, die uns den Magen verderben könnten – gerade diese Angst, sage ich, ist es, die uns den Schnupfen und das Fieber und das Magendrücken und die meisten anderen Krankheiten in den Körper bringt. Und wenn die Christliche Wissenschaft diese Angst beseitigen kann, so glaube ich, sie kann damit vier Fünftel aller Krankheiten und Schmerzen aus der Welt bringen.
In der erwähnten Oktobernummer der Zeitschrift treten viele ›Erlöste‹ als Zeugen auf und bedanken sich; und zwar nicht etwa kühl und obenhin, sondern in leidenschaftlicher Dankbarkeit. Fast alle erscheinen wie trunken von der neu erlangten Gesundheit, von der Ueberraschung und Verwunderung, wie geblendet von dem unbeschreiblichen Glorienschein, der das Wunderbare umgibt, und der ihnen um so heller erscheint, nachdem sie eine so lange, trostlose Zeit hindurch nichts anderes getan haben, als sich eingebildete Krankheiten auszudenken und sich mit Arzneikram vollzustopfen. Der erste Zeuge erklärt, als ›diese wunderschöne Wahrheit ihm zuerst dämmerte‹, da hätte er ›beinahe alle Krankheiten gehabt, die des Fleisches Erbteil sind‹. Und die er nicht gehabt, die hätte er sich dazu gedacht. Was war die natürliche Folge gewesen? Natürlich wäre er ›eine Milchkuh für Doktoren und Apotheker gewesen und eine Abladestelle für alle Geheimmittel der ganzen Welt.‹ Die Christliche Wissenschaft kam ihm zu Hilfe, und alle die alten Krankheitszustände verschwanden. Und so war er jetzt gesund und fröhlich und – erstaunt.
Aber ich bin nicht erstaunt. Denn ich weiß ganz genau, wie’s dabei hergegangen ist. Ich vermute, daß seine ganze Methode darin bestand, fortwährend zu sagen: »Ich bin wohl! Ich bin gesund! Gesund und wohl! Wohl und gesund! Vollkommen gesund, vollkommen wohl! Ich habe keine Schmerzen; Schmerzen gibt’s überhaupt nicht. Ich habe keine Krankheit; Krankheiten gibt’s überhaupt nicht. Nichts ist wirklich als die Seele; alles ist Geist, All-Gott, Gott-Gott, Leben, Seele, Leber, Knochen u. s. w. u. s. w.«
Ich will nicht behaupten, daß dies genau die Formel war, die der Mann brauchte; aber zweifelsohne war es der Geist seiner Worte. Der Mann selber legte jedenfalls Wert auf die genaue Formel und auf die religiöse Bedeutung, die er mit ihrer Anwendung verband. Ich glaube, jede beliebige Formel hätte den meisten, wenn auch nicht allen, die gleichen Dienste getan. Für einen religiösen Mann aber war gewiß die Hinzufügung des religiösen Elements zu der Formel eine sehr bedeutsame Verstärkung ihrer Heilkraft.
Ein anderer Zeuge ist ein alter Kampfgenosse aus dem Sezessionskriege. Als die Christliche Wissenschaft ihn auffand, hatte er folgende Gebresten auf Lager: Verdauungsbeschwerden; Rheumatismus; Katarrh; kalkige Ablagerungen in den Schultergelenken, Ellbogengelenken, Handgelenken; Muskelschwund in Armen, Schultern; Steifheit aller dieser Gelenke; Schlaflosigkeit; fast unaufhörliche, fürchterliche Schmerzen.
Diese Gebresten sehen nicht nach Einbildung aus. Sie stammten von den Kriegsstrapazen. Die Aerzte taten alles, was sie konnten – aber das war nicht viel. Man versuchte es mit Gebeten – ›aber davon verspürte ich niemals auch nur die geringste Erleichterung.‹ Nach dreißigjähriger Marter wandte er sich an einen Doktor der Christlichen Wissenschaft, ließ sich eine Stunde lang behandeln und ging ohne Schmerzen heim. Zwei Tage darauf begann er zu essen ›wie ein Gesunder.‹ Dann ›verschwanden die Gebresten – einige sofort, andere nach und nach‹; schließlich ›sind sie beinahe gänzlich fort‹. Und jetzt – das ist nämlich das Allerwertvollste dabei – ist er ›zufrieden und glücklich‹. Diese letztere Wirkung ist, wie bereits bemerkt, die besondere Spezialität der Christlichen Wissenschaft. Die Methodistische Kirche hatte sich einunddreißig Jahre lang bemüht und hatte dieses Glück und diese Zufriedenheit dem geplagten Krieger nicht verschaffen können.
Und so geht die Litanei weiter: Zeugen auf Zeugen beschreiben ihre Leiden, erklären, daß sie sofort geheilt seien, und singen Frau Eddys Entdeckung Lob und Preis. Die schwersten Krankheiten verschwinden im Handumdrehen: Nervenschwäche wird geheilt, Schwindsucht wird geheilt, Veitstanz – ein Kinderspiel. Ab und zu finden wir in diesen Blättern eine interessante Bereicherung unserer Ausdrucksweise. Da haben wir zum Beispiel ›Demonstrationen über Frostbeulen‹ und dergleichen. Dies soll, wie es scheint, ein abgekürzter Ausdruck sein für ›Demonstrationen der Macht, welche die Wahrheit der Christlichen Wissenschaft über jene Phantasiegebilde ausübt, die sich unter dem Namen »Frostbeulen« maskieren.‹ Die Kinder nehmen ebensogut wie Erwachsene an den Segnungen der Wissenschaft teil. »Durch das Studium des ›Büchleins‹ lernen sie gesund, artig und vernünftig sein.« Manchmal werden sie von ihren kleinen Leiden durch berufsmäßige Vertreter dieser christlichen Heilkunst befreit; ältere Kinder aber sagen manchmal einfach die Formel auf und kurieren sich selber.
Aus dem fernen Westen schreibt ein kleines, neunjähriges Mädchen – das man seiner Ausdrucksweise nach für eine Erwachsene halten möchte – gibt sein Alter an und fährt fort: ›Ich dachte, ich wollte Ihnen eine Demonstration schreiben‹. Sie war von einem Pony abgeworfen, über dessen Kopf geflogen und auf einen Felsen aufgeschlagen. Sie rettete sich vor dem Unheil, indem sie, in den Lüften schwebend, daran dachte schnell zu sagen: ›Gott ist All‹. Ich hätte das nicht gekonnt. Ich würde nicht mal daran gedacht haben. Ich wäre zu aufgeregt dazu gewesen. Nur die Christliche Wissenschaft konnte das Kind in stand setzen, unter solchen Umständen so ruhig und vernünftig zu handeln. Sie schlug mit ihrem Kopf gegen den Felsen an und hätte sich, nach menschlichem Ermessen, unbedingt den Schädel zerschmettern müssen; aber durch die ›Formel‹ wurde das verhindert, und sie kam – buchstäblich – mit einem blauen Auge davon. Am Montag-Morgen war es immer noch geschwollen und ließ sich nicht öffnen. In der Schule ›tat es recht häßlich weh –‹ das heißt es schien so. Daher ›wurde ich als krank entschuldigt und ging in den Keller hinunter und sagte: »Bis jetzt vertraue ich auf Mama anstatt auf Gott, und ich will auf Gott Vertrauen anstatt auf Mama.«‹ Ohne Zweifel hätte dies Glaubensbekenntnis bereits völlig genügt; zur Sicherheit aber spannte sie auch noch Frau Eddy vor und sagte die ›Wissenschaftliche Darstellung des Seins‹ her – das ist wohl, wie ich vermute, eine ihrer vornehmsten Hymnen. Dann ›fühlte ich, wie mein Auge aufging.‹ Natürlich, eine Auster wäre ja aufgegangen! Ich glaube, es gibt kaum ein rührenderes Kinderbildchen: die kleine fromme Ratte da unten im Keller, wie sie die ›Wissenschaftliche Darstellung des Seins‹ herunterschnurrt!
In der Zeitschrift kommt auch noch ein anderes gutes Kind vor: Klein Gordon. Klein Gordon ›kam auf die Welt ohne Hinzuziehung eines Arztes und ohne Anwendung eines Schmerzbetäubungsmittels.‹ Er war ›eine Demonstration.‹ Und zwar eine schmerzlose; daher erweckte seine Ankunft: Freude und Dankbarkeit gegen Gott und die Entdeckerin der Christlichen Wissenschaft. Diese Zusammenstellung der beiden hohen Wesen ist überhaupt ein charakteristischer, immer wiederkehrender Zug; auch von den ›Beiden Bibeln‹ ist fortwährend die Rede.
»Als Klein Gordon zwei Jahre alt war, spielte er Pferdchen auf dem Bett, wo ich mein ›Büchlein‹ hatte liegen lassen. Ich bemerkte, wie er plötzlich sein Spiel unterbrach, das Buch behutsam in seine Händchen nahm, es zärtlich küßte und es dann auf den höchsten sicheren Platz legte, den seine Aermchen erreichen konnten.« So berichtet die Mutter.
Ein paar Tage darauf lag die Familienbibliothek – das heißt die Schriften der Christlichen Wissenschaft – auf einer Fensterbank. Das war wieder ’ne gute Gelegenheit für das heilige Kind. Der Junge verließ sein Spiel, ging an die Fensterbank und schob alle Bücher zur Seite – außer dem ›Anhang‹. Diesen nahm er in beide Hände und hob ihn langsam an seine Lippen; dann legte er das Büchlein sorgfältig wieder hin und setzte sich daneben in die Fensternische. Das erstemal war das Benehmen des Kindes der Mutter so wunderbar erschienen, daß sie kaum ihren Augen trauen wollte; nun aber war sie überzeugt, ›daß es keine Sinnestäuschung war, und daß auch kein Zufall irgend was damit zu tun hatte.‹ Später ließ Klein Gordon sich auch von dem Urheber seiner Tage bei seinem Tun beobachten. Von da an tat er’s oft; wahrscheinlich jedesmal, wenn einer zusah. Das Kind hätte ich lieber haben mögen als irgend einen Oelfarbendruck!
Unter den Zeuginnen tritt auch eine auf, die an ›springendem Zahnweh‹ litt, und zwar so stark, daß sie mehrmals in Versuchung kam zu glauben, die Materie sei doch von Gefühl belebt; doch trug jedesmal die Macht der Wahrheit den Sieg davon. Sie verbot dem Zahnarzt, Kokain anzuwenden, sondern setzte sich hin und ließ ihn bohren und raspeln und drehen und ziehen und den Nerv töten und Knochensplitter aus dem Kiefer herausgraben – und wollte nicht einmal zugeben, daß es weh täte. Und sie glaubt bis auf diesen Tag, es habe nicht weh getan, und ich bezweifle nicht im geringsten, daß sie zu neun Zehnteln recht hat, und daß ihre Christliche Wissenschaft ihr bessere Dienste leistete, als das Kokain es hätte tun können. Es wird auch von einem Knaben berichtet, der bei einem Unfall in lauter kleine Stücke zerbrochen wurde; er sagte ganz einfach die ›Wissenschaftliche Darstellung des Seins‹ auf und ein anderes derartiges Gebet und war gesund und munter, ohne irgend welchen wirklichen Schmerz gelitten zu haben, und ohne daß ein Doktor sich eingemischt hätte. Dies kann ich wohl glauben, denn mein eigener Fall war ja ziemlich ähnlich, wie sich aus den Eingangskapiteln ergibt.
Ferner wird mitgeteilt, daß durch Anwendung der Christlichen Wissenschaft ein schwer verunglücktes Pferd in einer einzigen Nacht vollkommen wiederhergestellt worden sei. Ich kann ziemlich viel vertragen, aber das scheint mir denn doch übers Bohnenlied zu gehen. Das Pferd hatte nicht weniger als fünfzig Beschädigungen: wie konnte nun das Pferd diese ›demonstrieren‹? Konnte es das: All-Gott, Gut-Gut, Gott-Gott, Leben, Knochen, Wahrheit u. s. w. hersagen? Konnte es die ›Wissenschaftliche Darstellung des Seins‹ anstimmen? Nein, bitte: konnte das Pferd das? Hätte es nicht einen Rückfall davon kriegen können?
Wir wollen doch lieber bei Pferden die Grenzlinie ziehen. Bei Pferden und bei Möbeln.
In der Zeitschrift werden noch eine Menge andere Zeugnisse angeführt; aber ich denke, die mitgeteilten Beispiele werden genügen. Sie erläutern den einen Teil des Geschäftsbetriebes der Christlichen Wissenschaft. Nun kommen wir auf die Frage zurück: Bringt sie hier und da und ab und zu einen Patienten um die Ecke? Wir müssen dies zugeben. Bietet sie dafür Ersatz? Wenn sie einen Menschen von jahrelangen Schmerzen befreit, so gibt sie ihm das Leben wieder. Denn beständige Schmerzen sind beständiges Sterben. Ich glaube, sie kann sich noch einen erklecklichen Posten an ihr Haben schreiben.