II.
Achmet war ein gescheiter Bursche von 16 Jahren, aber er gehörte nicht zur Gesellschaft; dazu war sein Rang zu niedrig und seine Beschäftigung zu gemein. Ja, es war überhaupt die niedrigste aller Beschäftigungen, denn er war bloß der Gehilfe seines Vaters, welcher Kotgruben leerte und nachts in einem Karren den Straßenkehricht wegschaffte. Achmets bester Freund war Ali, der Kesselflicker, ein schmächtiger kleiner Kerl von vierzehn Jahren, ehrbar, fleißig und von gutem Herzen, denn er unterstützte seine bettlägerige Mutter mit seiner Hände Arbeit.
Ungefähr einen Monat nachdem der Sultan erkrankt war, begegneten sich diese zwei Burschen eines Abends so gegen neun Uhr. Achmet war auf dem Weg zu seiner Nachtarbeit und natürlich nicht in seinen Festtagskleidern, sondern in seinem scheußlichen Arbeitsanzug, und roch nicht eben nach Rosenwasser. Ali war auf dem Heimweg zu seiner Mutter, mit rußigem Gesicht und Händen; er hatte seinen Lötofen bei sich und seinen Lötkolben nebst Hammer und Blechschere.
Sie hockten sich nieder und schwatzten und sprachen natürlich über das Unglück des Reiches und die Krankheit des Sultans. Niemand sprach ja von etwas anderem. Ali aber trug sich mit einem großen Plan und brannte darauf, ihn seinem Freund mitzuteilen. Er sprach:
»Achmet, ich kann den Sultan heilen. Ich weiß wie.«
Achmet war überrascht.
»Was! Du?«
»Ja, ich.«
»Du Narr, die besten Aerzte können’s ja nicht.«
»Ist mir einerlei; ich kann’s. In fünfzehn Minuten kann ich ihn heilen.«
Alis Miene war so ernst, daß Achmet an keinen Spaß glauben konnte. Deshalb sagte er:
»Ich glaube, dir ist es ernst, Ali; kannst du wirklich den Sultan heilen?«
»Ich gebe dir mein Wort.«
»Sage mir doch: wie willst du ihn denn heilen?«
»Ich will ihm sagen, er soll eine Schnitte von einer reifen Wassermelone essen.«
Das kam Achmet ziemlich unvermutet, und er lachte laut auf über die Absurdität dieses Gedankens, ehe er noch an sich halten konnte. Aber sein Lachen verstummte plötzlich, als er sah, daß er Ali damit gekränkt hatte. Er schlug ihn begütigend aufs Knie, und sagte:
»Es tut mir so leid, daß ich gelacht habe, Ali; es war gewiß nicht bös gemeint, und ich will’s nicht wieder tun. Weißt du, es schien mir so furchtbar spaßig, denn überall wo ein Soldatenlager ist und die Ruhr, da pflanzen die Aerzte ein Zeichen auf, welches besagt, daß jedermann, den man hier mit einer Wassermelone antrifft, mit der neunschwänzigen Katze zu Tode gepeitscht wird.«
»Ich weiß – diese Narren!« sagte Ali, Tränen und Aerger in der Stimme. »Es gibt so viele Wassermelonen und nicht ein einziger von all den Soldaten hätte es nötig gehabt, zu sterben.«
»Aber Ali, wie kommst du zu dieser Meinung?«
»Das ist keine Meinung, das ist eine Tatsache. Kennst du den alten grauköpfigen Neger? Der hat schon eine Menge von unsern Freunden geheilt; das hat meine Mutter selbst mit angesehen und ich auch. Man braucht nur eine oder zwei Scheiben Wassermelone zu essen und man ist kuriert, einerlei ob die Krankheit alt oder neu ist.«
»Komisch, so etwas. Aber wenn es wirklich so ist, so sollte man’s dem Sultan doch sagen.«
»Natürlich, und meine Mutter hat’s auch anderen Leuten gesagt, in der Hoffnung, sie könnten es ihm sagen. Aber es sind alles arme Leute und wissen nicht, wie sie es anfangen sollen, damit es der Sultan erfährt.«
»Das ist klar, daß es diese Dummköpfe nicht wissen,« sagte Achmet verächtlich. »Ich will es ihm sagen.«
»Du? du Mistfink?!« Und diesmal mußte Ali lachen. Aber Achmet erwiderte mit Ueberzeugung:
»Lache du nur; ich tu’s.«
Das klang so sicher, daß es einen Eindruck auf Ali machte und dieser frug:
»Kennst du den Sultan?«
»Ob ich ihn kenne? Wie du wieder redest! Ich kenne ihn freilich nicht.«
»Dann sage mir bloß, wie du es dem Sultan sagen willst?«
»Das ist sehr leicht und einfach. Wie würdest du es denn anfangen?«
»Ich ginge in den Bazar und ließe mir von einem Schreiber einen Brief schreiben. Den würde ich ihm schicken. Merkwürdig, daß ich bis jetzt nicht daran dachte. Ich wette, so willst du es auch machen.«
»Ich wette das Gegenteil. Jeder Narr im ganzen Reich macht es ebenso. Hast du denn daran gar nicht gedacht?«
»Wirklich nicht,« sagte Ali beschämt.
»Du hättest daran denken können, wenn du nicht so jung und unerfahren wärest. Weißt du, wenn irgend ein gewöhnlicher Pascha, oder ein Dichter, oder der Hofkoch oder sonstwer, der ein bißchen bekannt ist, krank wird, so empfehlen alle Narren ihre ›unfehlbaren‹ Quacksalbereien zur Anwendung. Und wenn es sich nun gar um den Sultan selber handelt …«
»So machen sie es natürlich noch ärger,« sagte Ali etwas verlegen.
»Selbstverständlich! Glaube mir, Ali, jede Nacht führen wir unsere fünf, sechs Karren voll solcher Briefe aus dem Hinterhofe des Palastes fort. Achtzigtausend Briefe in einer Nacht! Glaubst du denn, daß die überhaupt gelesen werden? Bah! Kein einziger! Mit deinem Brief würde es gerade so gehen. Aber es führt mehr als ein Weg nach Mekka, und den zu des Sultans Ohren kenne ich. Verlaß’ dich drauf.«
»Aber so sage mir nur, wie du es angreifen wirst,« bat Ali.
Achmet fühlte sich und hub an:
»Kennst du das zerlumpte arme Wesen, das sich einbildet, ein Schlächter zu sein, weil es mit einem Korb herumläuft und Katzenfleisch und halbverfaulte Lebern verkäuft? Dem werde ich es zunächst sagen.«
Ali war schwer enttäuscht und verdrossen.
»Das ist eine Schande, so zu reden, Achmet; das ist nicht schön von dir. Du weißt doch, daß mir die Sache am Herzen liegt.«
Achmet gab ihm einen liebevollen Klaps und sagte:
»Du brauchst dich nicht zu beunruhigen, Ali. Ich weiß, was ich will. Du wirst es schon sehen. Dieser Katzenfleischkrämer wird es dem alten Krüppel erzählen, der die Krapfen an der Straßenecke verkäuft – das ist sein bester Freund – wenn ich ihn darum bitte. Der wiederum wird es seinem reichen Onkel sagen, der im Bazar die Früchte verkauft, und der wieder seinem Busenfreund, dem Hammelschlächter; und der erzählt es seinem Freund von der Leibwache, und der seinem Hauptmann, und der dem Muezzin; dieser erzählt es dem Kadi, der Kadi dem Mudir, der Mudir dem Oberst von der Leibwache, der läuft zu seinem Freund, dem …«
»Bei Mohammed, das ist ein wundervoller Plan, Achmet. Wie kamst du nur auf …«
»… Kontre-Admiral und der Kontre-Admiral erzählt es dem Vize-Admiral, und der Vize-Admiral dem Admiral der Ruderflotte, und der sagt’s dem Admiral der Segelflotte, und dieser dem Ober-Admiral beider Flotten, und der dem Wesir, und der Wesir dem …«
»Weiter, Achmet, weiter!«
»… Scharfrichter, und der erzählt es dem Ober-Scharfrichter, und der dem Pascha, und der Pascha dem Mufti, und der Mufti dem Hofjagdmeister, und der Hofjagdmeister sagt es dem Hofmarschall, der Hofmarschall dem Ober-Stallmeister, der Ober-Stallmeister dem Ober-Küchenmeister, dieser erzählt es dem Zeremonienmeister des Harems, der dem Ober-Eunuchen, und der Ober-Eunuch sagt es dem kleinen jungen Lieblingssklaven des Sultans, der ihm die Fliegen vom Gesicht fächert, und der wird vor dem Sultan niederknieen und es ihm zuflüstern, – und das Spiel ist gewonnen.«
Ali war aufgesprungen.
»Das ist die größte Idee, die je ein Weiser hatte. Wie kamst du nur darauf?«
»Setze dich hier neben mich, und höre mir zu; ich will dir ein Körnlein Weisheit schenken, behalte es solange du lebst. Nun denn, wer ist dein bester Freund, dem du nie im Leben etwas abschlagen möchtest und könntest?«
»Der bist du, Achmet, das weißt du.«
»Angenommen, du hättest eine ziemlich große Gefälligkeit von dem Katzenfleisch-Händler zu erbitten. Nun kennst du ihn aber nicht, und er würde dir die Pest wünschen, wenn du ihn bitten wolltest, denn er ist nun mal so ein Kauz. Aber er ist mein bester Freund nach dir, und würde sich die Beine ablaufen, um mir einen Gefallen zu erweisen, – jeden Gefallen, ganz einerlei welchen. Jetzt frage ich dich: Was ist vernünftiger – wenn du zu ihm gehst und ihn bittest, er solle dem Krapfenmann von deiner Melonenkur erzählen, oder wenn du zu mir kommst, damit ich ihn für dich bitte?«
»Natürlich wenn ich zu dir gehe, damit du es für mich tust. Ich hätte wirklich nie daran gedacht, Achmet; es ist großartig!«
»Es ist eine Lebensweisheit. Sie beruht darauf: Jedermann auf dieser Welt, groß oder klein, mächtig oder nicht, hat einen speziellen Freund, einen Freund, dem er mit Vergnügen behilflich ist – nicht mit Widerwillen, sondern mit Vergnügen – mit Vergnügen bis ins Innerste. Und so, ganz einerlei von wo du ausgehst, kannst du bei jedem Gehör finden, stehe er noch so hoch und du noch so niedrig. Es ist ja so einfach: Du brauchst nur den ersten Freund zu finden, das ist alles; damit ist dein Teil an der Arbeit schon geleistet. Er findet dann den nächsten Freund schon von selbst, und dieser findet den dritten, und so fort, Freund nach Freund, Glied nach Glied, wie bei einer Kette; diese führt dich hinauf oder hinunter, so hoch wie du willst oder so tief wie du willst.«
»Das ist herrlich, Achmet!«
»Es ist so leicht und einfach, wie einen Esel zu prügeln; aber hast du je gehört, daß jemand danach gehandelt hätte? Nein; ein jeder ist ein Narr. Er geht zu einem Fremden, ohne irgendwelche Einführung, oder schickt ihm einen Brief, und erreicht natürlich nichts, – und das geschieht ihm gerade recht. Der Sultan kennt mich nicht, aber das verschlägt mir nichts. Morgen wird er seine Wassermelone essen; du wirst sehen. Hallo! Halt! Es ist der Katzenfleischkrämer, ich will ihn einholen. Allah beschütze dich, Ali!«
Er holte ihn ein und sagte:
»Bitte, willst du mir einen Gefallen tun?«
»Habe ich es je nicht getan, wenn du mich darum batest? Sage mir, was ich tun soll und ich werde eilen, wie der Wind.«
»Geh’ zu dem Krapfenverkäufer; er soll alles stehen und liegen lassen und seinem besten Freund mitteilen, daß der Sultan geheilt werden kann, wenn er zwei Scheiben einer reifen Wassermelone ißt. Und dieser Freund soll es seinem besten Freund weitersagen und so fort, – bis zum Sultan.« Der Katzenfleischverkäufer flog davon.
In diesem Augenblick war die frohe Botschaft des kleinen Kesselflickers an den Sultan unterwegs.