Zwei kleine Geschichten.

Erste Geschichte:
Der Mann mit einer Mitteilung an den Generaldirektor.

Vor einigen Tagen, im zweiten Monat des Jahres 1900, besuchte mich nachmittags ein Freund hier in London. Wir sind beide in dem Alter, wo Männer, wenn sie ihre Pfeife rauchen und sich etwas erzählen, weniger von den Annehmlichkeiten des Lebens sprechen, als von dessen Widerwärtigkeiten, und allmählich fing mein Freund an, auf das Kriegsministerium zu schimpfen. Es stellte sich heraus, daß ein Freund von ihm etwas erfunden hatte, das für die Soldaten in Südafrika von großem Nutzen gewesen wäre. Es war ein leichter, sehr billiger Stiefel, der vollständig wasserdicht war und bei Regenwetter seine Form und Festigkeit behielt. Der Erfinder wünschte, die Aufmerksamkeit der Regierung hierauf zu lenken, aber er war ein unbekannter Mann und wußte, daß die hohen Beamten einer Mitteilung von ihm keine Beachtung schenken würden.

»Das beweist, daß Ihr Freund ein Esel war – wie wir’s ja alle sind,« sagte ich unterbrechend »Doch erzählen Sie nur weiter!«

»Aber wie kommen Sie zu dieser Bemerkung? Der Mann sprach die Wahrheit.«

»Der Mann hat gelogen. Machen Sie nur weiter.«

»Ich will Ihnen beweisen, daß er …«

»Sie können gar nichts beweisen. Ich bin sehr alt und sehr weise. Sie müssen nicht mit mir rechten wollen; das ist unehrerbietig und beleidigend. Fahren Sie, bitte, fort.«

»Nun gut, Sie werden ja sogleich sehen. Ich bin nicht unbekannt und doch war selbst ich nicht imstande, die Mitteilung meines Freundes beim Generaldirektor des Schuhleder-Departements anzubringen.«

»Das ist wieder eine Lüge. Erzählen Sie nur weiter.«

»Aber ich versichere Sie auf Ehrenwort, daß es mir nicht gelang.«

»O gewiß. Das wußte ich. Sie brauchten mir das gar nicht zu sagen.«

»Ja, worin besteht denn dann die Lüge?«

»Die Lüge liegt in Ihrer Behauptung, daß Sie nicht imstande waren, die sofortige Aufmerksamkeit des Generaldirektors auf die Mitteilung Ihres Freundes zu lenken. Das ist eine Lüge, denn Sie hätten seine sofortige Aufmerksamkeit auf die Sache erreichen können.«

»Ich sage Ihnen aber doch, daß ich’s nicht konnte. In Zeit von drei Monaten ist es mir nicht gelungen.«

»Ohne Zweifel. Das brauchten Sie mir gar nicht zu erzählen. Aber Sie hätten sofortige Beachtung gefunden, wenn Sie es auf eine vernünftige Weise angegriffen hätten; ebenso hätte es Ihr Freund können.«

»Ich habe es auf eine vernünftige Weise angegriffen.«

»Das haben Sie nicht.«

»Was wissen denn Sie? Was wissen Sie denn über die näheren Umstände?«

»Ueber die weiß ich rein gar nichts. Aber Sie haben die Sache nicht auf vernünftige Weise angefangen. Soviel ist sicher.«

»Wie können Sie das behaupten, wenn Sie nicht wissen, welche Methode ich anwandte?«

»Das sagt mir der Erfolg Ihrer Methode; der ist mir Beweis genug. Sie sind unvernünftigerweise vorgegangen. Ich bin sehr alt und sehr w …«

»Ja, ja, das weiß ich. Aber darf ich Ihnen erzählen, wie ich zu Werke ging? Ich glaube das wird entscheiden, ob es Unvernunft war oder nicht.«

»Nein; das ist schon entschieden. Aber wenn Ihnen so sehr daran liegt, sich zu blamieren, so erzählen Sie die Geschichte nur. Ich bin sehr alt …«

»Ja, gewiß, gewiß. Ich setzte mich hin und schrieb einen sehr höflichen Brief an den Generaldirektor des Schuhleder-Departements, in dem ich ihm auseinanders …«

»Kennen Sie ihn persönlich?«

»Nein.«

»Gibt einen Punkt auf meiner Seite. Sie haben unvernünftig angefangen. Bitte weiter.«

»In dem Brief legte ich den großen Wert und die große Billigkeit der Erfindung dar, und bot mich an …«

»Ihm einen Besuch zu machen? Natürlich! Ein zweiter Punkt gegen Sie. Ich bin s …«

»Drei Tage lang blieb ich ohne Antwort.«

»Na, das ist doch klar. Nur weiter.«

»Dann schrieb er mir drei elende Zeilen, dankte für meine Mühe und schlug mir …«

»Nichts vor.«

»Ganz richtig; er schlug mir – gar nichts vor. Dann schrieb ich ihm einen sorgsam ausgearbeiteten Brief und …«

»Punkt drei …«

»… bekam überhaupt keine Antwort. Nach Ablauf einer Woche bat ich dann schriftlich mit einem Anflug von ungehaltener Grobheit um Antwort auf den Brief.«

»Vier. Weiter.«

»Darauf kam Antwort, der fragliche Brief sei nicht angekommen, und man bitte um eine Abschrift desselben. Ich reklamierte bei der Post und es stellte sich heraus, daß der Brief tatsächlich doch angekommen war; aber ich sagte nichts und schickte eine Abschrift ab. Zwei Wochen verstrichen ohne weitere Nachricht für mich. Inzwischen hatte ich mich wieder abgekühlt, bis zur richtigen Temperatur für höfliche Briefe. Ich schrieb abermals und erbot mich, am folgenden Tag persönliche Rücksprache zu nehmen. Ich sagte, wenn ich keine Nachricht erhielte, so nehme ich das als stillschweigende Einwilligung.«

»Fünfter Punkt für mich.«

»Um zwölf Uhr erschien ich und bekam einen Stuhl angeboten mit der Weisung, zu warten. Ich wartete bis halb Zwei; dann ging ich weg, ärgerlich und beschämt. Ich wartete wieder eine Woche um mich abzukühlen; dann bat ich um eine Audienz für den nächsten Mittag.«

»Punkt sechs.«

»Er antwortete, zustimmend. Ich kam pünktlich und hielt bis halb Drei einen Stuhl warm. Dann ging ich fort und schüttelte den Staub dieses Direktorialgebäudes für immer von meinen Schuhen. Was Grobheit, Unfähigkeit, Indolenz, Gleichgültigkeit gegenüber den Interessen der Armee anbelangt, so ist der Generaldirektor des Schuhleder-Departements nach meiner Ans …«

»Still! Ich bin sehr alt und sehr weise und habe viele anscheinend gescheite Leute gesehen, die nicht genug gesunden Menschenverstand hatten, um eine so einfache und leichte Sache wie diese richtig anzufassen. Sie sind für mich nichts Neues; ich habe persönlich Millionen und Billionen von Menschen gekannt wie Sie. Sie haben ganz unnötig drei Monate Zeit verloren; der Erfinder hat drei Monate verloren, die Soldaten haben drei Monate verloren – macht zusammen neun Monate. Jetzt will ich Ihnen eine kleine Geschichte vorlesen, die ich gestern nacht geschrieben habe. Dann mögen Sie morgen mittag beim Generaldirektor vorsprechen, und Ihre Sache durchführen.«

»Famos! Kennen Sie ihn?«

»Nein; aber hören Sie jetzt meine Geschichte.«

Zweite Geschichte:
Wie sich der Kesselflicker beim Sultan Gehör verschaffte.