Die Verschwörung von Fort Trumbull.
Folgendes ist die Geschichte, die der Major mir erzählte; ich gebe sie wieder, so genau ich es vermag:
Im Winter 1862/63 war ich Kommandant von Fort Trumbull bei New London, Connecticut. Vielleicht war unser Leben dort nicht so munter wie das Leben ›vorm Feinde‹; immerhin war’s auf seine Art lebhaft genug – es war keine Gefahr, daß unsere Gehirnsubstanz zusammenbackte, denn es fehlte niemals an irgend etwas, um unsere Gedanken zu beschäftigen. So schwirrte damals – um nur eins anzuführen – im Norden die ganze Luft von geheimnisvollen Gerüchten: Rebellenspione sollten überall sich herumschleichen, um unsere Forts in die Luft zu sprengen, unsere Gasthöfe niederzubrennen, verpestete Kleidungsstücke in unsere Städte zu schicken und was dergleichen mehr war. Sie werden sich dessen erinnern. Dies alles war geeignet, uns wach zu halten und die herkömmliche Langeweile des Garnisonlebens nicht aufkommen zu lassen. Zudem hatten wir Rekruten auszubilden, und das bedeutet, daß wir kein bißchen Zeit hatten, um zu faulenzen, zu träumen oder Maulaffen feil zu halten. Indessen trotz all unserer Wachsamkeit entwischte uns von den Rekruten, die wir tagsüber einstellten, die Hälfte noch in derselben Nacht. Das Handgeld war so unmäßig hoch, daß der Rekrut einer Schildwache drei- oder vierhundert Dollars bezahlen konnte, damit sie ihn weglaufen lasse, und doch noch so viel übrig behielt, daß es für einen armen Mann ein Vermögen bedeutete. Also wie gesagt, auf der faulen Haut lagen wir nicht.
Eines Tages war ich allein in meinem Zimmer, wo ich irgend etwas zu schreiben hatte, als ein bleicher, zerlumpter Bursche von vierzehn oder fünfzehn Jahren eintrat, eine zierliche Verbeugung machte und mich ansprach:
»Ich glaube, hier werden Rekruten angenommen?«
»Ja.«
»Wollen Sie mich bitte einreihen, Herr Major?«
»Ach du lieber Gott, nein! Du bist zu jung und zu klein, mein Junge.«
Enttäuschung malte sich auf seinem Gesicht und ging sofort in einen Ausdruck von tiefster Verzagtheit über. Er drehte sich um, als wollte er gehen, dann zögerte er, wandte sich wieder zu mir und sagte in einem Ton, der mir zu Herzen ging:
»Ich habe kein Obdach und keinen Freund auf der Welt. Ach, wenn Sie mich doch einstellen könnten!«
Dies war natürlich ganz ausgeschlossen, wie ich ihm so freundlich wie möglich auseinandersetzte. Dann hieß ich ihn sich an den warmen Ofen setzen und fügte hinzu:
»Sofort sollst du etwas zu essen bekommen. Du bist doch wohl hungrig?«
Er antwortete nicht, aber das war auch nicht nötig; der dankbare Blick seiner großen sanften Augen sprach beredter als alle Worte es vermocht hätten. Er setzte sich an den Ofen, und ich schrieb weiter. Ab und zu warf ich einen verstohlenen Blick auf ihn. Ich bemerkte, daß seine Kleider und Schuhe, wenngleich schmutzig und zerlumpt, doch von gutem Schnitt und Stoff waren. Das gab zu denken. Zudem war seine Stimme leise und wohllautend, sein Auge tief und schwermütig, und sein ganzes Benehmen deutete auf gute Herkunft. Augenscheinlich war das arme Bürschchen in arger Bedrängnis. Kurz und gut, er flößte mir Teilnahme ein.
Indessen vertiefte ich mich nach und nach immer mehr in meine Arbeit und vergaß gänzlich, daß der Junge im Zimmer war. Ich weiß nicht, wie lange dies währte, aber schließlich sah ich zufällig einmal auf. Der Knabe hatte mir den Rücken zugedreht, aber er hielt den Kopf so, daß ich seine Wange sehen konnte – und über diese Wange rann ein Strom von stillen Tränen.
»Ach du lieber Gott!« sagte ich bei mir selbst. »Ich vergaß, daß der arme Bursch sterbenshungrig ist.« Und um meine Rücksichtslosigkeit wieder gut zu machen, rief ich ihm zu: »Komm her, mein Junge, du sollst mit mir speisen. Ich bin heute allein.«
Wieder sah er mich mit seinen dankbaren Augen an, und ein Freudenstrahl erhellte sein Gesicht. Bei Tisch blieb er stehen, die Hand auf die Stuhllehne gelegt, bis ich Platz genommen hatte; erst dann setzte er sich. Ich nahm Messer und Gabel zur Hand und – nun, ich behielt sie in der Hand und rührte mich nicht; denn der Knabe hatte sein Haupt geneigt und sprach leise ein Dankgebet. Tausend geheiligte Erinnerungen an Elternhaus und Kinderzeit drangen auf mich ein, und ich seufzte bei dem Gedanken, wie fremd mir Religion geworden war, und wie doch der Glaube ein Balsam für die wunde Seele, wie er Trost, Hort und Stütze ist.
Im Verlauf unserer Mahlzeit bemerkte ich, daß der junge Wicklow – Robert Wicklow hieß er mit vollem Namen – mit seiner Serviette umzugehen wußte, und mit einem Wort, ich merkte, daß er unerachtet seines Aussehens von guter Herkunft war. Dazu hatte er eine einfache Freimütigkeit, die mich für ihn einnahm. Wir sprachen hauptsächlich über ihn selbst, und ohne Schwierigkeit holte ich seine Geschichte aus ihm heraus. Als er erwähnte, daß er in Louisiana geboren und aufgewachsen sei, wurde ich warm, denn ich hatte selbst einige Zeit dort gelebt. Ich kannte den ganzen Küstenstrich am Mississippi; ich liebte die Gegend und hatte sie erst vor kurzem verlassen, sodaß mein Interesse dafür noch nicht verblaßt war. Ich freute mich schon, wenn ich nur die Namen jener Orte aus seinem Munde hörte, und ich brachte deshalb absichtlich das Gespräch auf jene Gegend. Baton Rouge, Plaquemine, Donaldsonville, Sixtymile-Point, Bonnet-Carré, Börsen-Landeplatz, Carollton, der Dampfboot-Landeplatz, der Dampfschiff-Landeplatz, New Orleans, Tchoupitchoulas Street, die Esplanade, die Rue des Bons Enfants, das St. Charles-Hotel, Tivoli Circle, Shell Road, der Pontechartrain-See – wie klang das alles vertraut! Und eine ganz besondere Wonne war es für mich, wieder einmal von ›R. E. Lee‹, ›Natchey‹, ›Eklipse‹, ›General Guitman‹ ›Duncan F. Kenner‹ und anderen altbekannten Dampfbooten zu hören. Es war mir fast als sei ich wieder dort, so lebhaft riefen diese Namen mir die Schiffe und Oertlichkeiten selbst ins Gedächtnis zurück. Kurz zusammengefaßt, war folgendes Klein-Wicklows Geschichte:
Als der Krieg ausbrach, lebte er bei seiner altersschwachen Tante und seinem Vater in der Nähe von Baton Rouge auf einer großen reichen Pflanzung, die schon seit fünfzig Jahren im Besitz der Familie gewesen war. Der Vater war ein Anhänger der Union. Er wurde darum auf alle mögliche Weise verfolgt, blieb aber standhaft bei seinen Grundsätzen. Endlich brannten eines Nachts maskierte Männer sein Haus nieder, und die Familie mußte fliehen, um das nackte Leben zu retten. Sie wurden von Ort zu Ort gehetzt und lernten Armut, Hunger und Elend gründlich kennen. Die alte Tante wurde schließlich erlöst: Hunger und Unbilden der Witterung töteten sie, sie starb auf freiem Felde wie ein Bettelweib unter dem strömenden Regen und dem krachenden Donner. Nicht lange darauf wurde der Vater von einer bewaffneten Bande gefangen genommen, und während der Sohn bat und flehte, vor dessen Augen aufgeknüpft. (Hier schoß ein haßerfüllter Blick aus des Knaben Augen, und er sagte, wie wenn er mit sich selber spräche: »Wenn ich nicht eingestellt werden kann – macht nichts! Ich werde einen Weg finden – ja, ich werde einen Weg finden.«) Nachdem die Leute festgestellt hatten, daß der Vater tot war, sagten sie dem Sohn, wenn er nicht binnen vierundzwanzig Stunden aus der Gegend verschwunden wäre, so würde es ihm übel ergehen. Er schlich sich während der Nacht zum Flußufer hinunter und verbarg sich dicht bei der Anlegestelle einer Pflanzung. Nach einiger Zeit hielt der ›Duncan F. Kenner‹ dort an, und er schwamm an den Dampfer heran und verbarg sich in dem Boot, das im Kielwasser des Schiffes schwamm. Vor Tagesanbruch war das Dampfboot in New Orleans bei der Börsen-Landungsbrücke, und er schlüpfte aus dem Kahn heraus und schwamm an Land. Er marschierte die drei Meilen von dieser Stelle bis zum Hause eines Onkels, der in Good-Childrenstreet in New Orleans wohnte, und dann war er für eine Zeit lang aus der Not. Aber sein Onkel hielt es ebenfalls mit der Union und kam sehr bald zur Ueberzeugung, daß er besser täte, den Süden zu verlassen. Er machte sich also mit dem jungen Wicklow heimlich davon und sie fuhren mit einem Segelschiff nach New York, wo sie im ›Astor House‹ abstiegen. Jung-Wicklow führte nun eine Zeit lang ein ganz angenehmes Leben, schlenderte auf dem Broadway herum und studierte das für ihn neue Leben im Norden. Schließlich aber kam eine Wendung – und zwar nicht zum Besseren. Der Onkel war zuerst guter Dinge gewesen, mit der Zeit aber fing er an, unmutig und kleinlaut dreinzuschauen, ja, er wurde verdrießlich und reizbar, sprach von den vielen Geldausgaben und den wenigen Einnahmen – ›nicht genug mehr für einen, geschweige denn für zwei.‹ Dann, eines Morgens, war er nicht da – kam nicht zum Frühstück. Der Junge erkundigte sich im Hotelbureau und erfuhr, sein Onkel habe den Abend vorher seine Wohnung bezahlt und sei abgereist – nach Boston, meinte man, wußte es aber nicht bestimmt.
Der Junge stand allein und ohne Freunde auf der Welt da. Er wußte nicht, was er anfangen sollte, aber es schien ihm das beste, wenn er versuchte, seinen Onkel wiederzufinden. Er ging zum Dampfschiff-Landeplatz und erfuhr, daß das bißchen Geld, das er in der Tasche hatte, für die Fahrt nach Boston nicht ausreichte, daß er dafür aber nach New London kommen könnte. Er fuhr also nach diesem Hafen, indem er darauf hoffte, daß die Vorsehung ihn die Mittel würde finden lassen, um den Rest der Reise zurückzulegen. Jetzt war er drei Tage und Nächte lang in den Straßen von New London herumgelaufen und hatte hier und da um der Barmherzigkeit willen einen Bissen bekommen oder ein Eckchen zum Schlafen angewiesen erhalten. Aber jetzt konnte er nicht mehr, Mut und Hoffnung waren entschwunden. Wenn er als Rekrut eintreten könnte, so würde er überaus dankbar sein; wenn er nicht Soldat werden könnte, wäre er dann nicht als Trommlerjunge zu brauchen? O, er würde so fleißig sein und so dankbar!
So lautete mit Weglassung einiger Kleinigkeiten die Geschichte des jungen Wicklow, genau wie er sie mir erzählte. Ich sagte:
»Junge, du bist jetzt unter Freunden – mach’ dir keine Sorgen mehr.« Wie glänzten da seine Augen! Ich rief den Sergeanten John Rayburn herein – er war aus Hartford und wohnt jetzt dort; vielleicht kennen Sie ihn – und sagte: »Rayburn, geben Sie dem Jungen hier Quartier bei den Musikern. Ich werde ihn als Trommlerjungen einstellen, und es ist mir lieb, wenn Sie ein Auge auf ihn haben und darauf sehen, daß er gut behandelt wird.«
Der Verkehr zwischen dem Festungskommandanten und dem Trommlerjungen hörte jetzt natürlich auf, aber die Gedanken an den freundlosen armen kleinen Burschen lagen mir trotzdem schwer auf der Seele. Ich behielt ihn im Auge, in der Hoffnung, er würde sich aufheitern und fröhlich und lustig werden. Aber nein! Ein Tag verging nach dem anderen, und er blieb wie er war. Er verkehrte mit keinem Menschen, war immer geistesabwesend und in Gedanken versunken, und sein Gesicht war immer traurig … Eines Morgens bat Rayburn mich um eine vertrauliche Unterredung.
»Ich hoffe, Sie nehmen’s nicht übel, Herr Major,« sagte er. »Aber die Sache steht so: die Musiker sind so außer sich, daß ja wohl einer sprechen muß.«
»Na, was ist denn los?«
»’s ist wegen des Jungen, des Wicklow, Herr Major. Die Musiker haben eine Wut auf ihn – Sie können sich’s gar nicht denken.«
»Nu, nu! Warum nicht gar. Was hat er denn angestellt?«
»Betet, Herr Major!«
»Er betet?«
»Jawohl, Herr Major. Die Musiker wissen ihrer Seele keine Ruhe mehr vor des Bengels Beten. Kaum ist er Morgens wach – betet er; Mittags – betet er; und Nachts – na Nachts, da ist er gerade als wäre er besessen mit seinem Beten. Schlafen? Ach herrje, sie können ja nicht schlafen. Er hat’s Wort, wie man zu sagen pflegt, und wenn er mal seine Gebetmühle in Bewegung gesetzt hat, da gibt’s kein Unterbrechen. Zunächst nimmt er den Kapellmeister vor und betet für den; dann kommt der erste Hornist dran, für den betet er auch; dann kriegt der Mann mit der großen Trommel sein Teil und so weiter, die ganze Kapelle hindurch, bis jeder sein Gebet hat, und das alles mit einer Inbrunst, als dächte der Junge, er hätte nur noch eine kurze Weile auf Erden zu leben und könnte im Himmel nicht glücklich sein, wenn er nicht seine Regimentsmusik für sich hätte, und man sollte meinen, er suchte sich seine Kapelle aus, um ihm da oben in einem der Oertlichkeit angemessenen Stil unsere Nationalhymne vorzuspielen. Schön und gut – Stiefel nach ihm schmeißen nützt ganz und gar nichts; es ist dunkel im Saal, und außerdem ist er bei seinem Beten auch noch niederträchtig, er kniet nämlich hinter der großen Trommel, und da macht es ihm nichts aus, wenn Stiefel auf ihn hageln; er muckt nicht ’mal dabei und plappert weiter, als wäre es bloß Beifallsklatschen. Und sie brüllen: ›Oho, Mund halten!‹ ›Laß uns in Frieden!‹ ›Schmeißt ihn ’naus!‹ ›O, scher’ dich zum Teufel!‹ u. s. w., u. s. w. Aber was nützt das alles? Ihn rührt es nicht. Er merkt es gar nicht.«
Und nach einer Pause fuhr Rayburn fort: »Dabei ist er ein gutmütiger kleiner Narr; steht frühmorgens eher auf und trägt alle Stiefel auf einen Haufen und sortiert sie und setzt jedem Mann sein Paar auf den richtigen Platz. Und sie sind so oft nach ihm geschmissen, daß er jetzt jeden Stiefel kennt – kann sie mit geschlossenen Augen sortieren.«
Wieder eine Pause, die ich natürlich nicht unterbrach; dann fuhr er fort: »Aber nun kommt noch das Allerschlimmste der Geschichte: Wenn er mit Beten fertig ist – wenn er endlich und endlich überhaupt mal damit fertig ist, dann legt er los und fängt an zu singen! Na, Sie wissen ja, was für ’ne honigsüße Stimme er schon hat, wenn er spricht, Sie wissen, er könnte damit einen gußeisernen Hund von der Schwelle locken, um ihm die Hand zu lecken. Nun, auf mein Wort, Herr Major, gegen sein Singen ist das noch gar nichts! Flötentöne sind rauh im Vergleich mit des Burschen Gesang. Es geht ihm so sanft und so süß und so lieblich aus der Gurgel, daß man denkt, man ist im Himmel.«
»Aber was ist denn da Schlimmes dabei?«
»O, das ist’s ja gerade, Herr Major! Man hört ihn singen:
So wie ich bin – unglücklich arm und blind –
ja, das hört man ihn bloß einmal singen, und da schaut man auf und ’s Wasser kommt einem in die Augen. Einerlei was er singt – es geht einem, hast du nicht gesehen!, an die Nieren – geht einem tief hinein, da wo’s Leben ist – und ’s packt einen jedesmal. Hören Sie ihn bloß ’mal singen:
Kind von Sünd’ und Sorgen,
Voll von Angst und Not,
Warte nicht bis morgen,
Folge heute Gott –
Stoß’ nicht fort die Vaterhand,
Die vom fernen Himmelsland …
und wie’s weiter geht. Man kommt sich dabei vor, wie der verruchteste, undankbarste Kerl, der auf der Erde ’rumläuft. Und wenn er dann die Lieder singt vom Elternhause, und von der Mutter und den Kindertagen und den alten Erinnerungen, und von längst entschwundenen Dingen und von alten Freunden, die tot oder fern sind – ach, das bringt einem alles vors Auge, was man je in seinem ganzen Leben geliebt und verloren hat – und ’s ist so wunderschön, ja, ’s ist göttlich, wenn man’s anhört, Sir – aber, ach du lieber gütiger Herrgott, wie herzbrechend ist’s auch! Die Kapelle – jawohl, alle heulen sie! Der größte Lump unter ihnen schluchzt dabei – und gibt sich nicht ’mal Mühe, es zu verbergen. Und dieselben Kerls, die vorher ihre Stiefel nach ihm geschmissen hatten – auf einmal springen sie alle von den Pritschen und laufen in der Finsternis zu ihm hin und herzen ihn und schlecken ihn ab – jawohl, das tun sie – und geben ihm Schmeichelworte und bitten ihn, er möge ihnen verzeihen. Und wenn in dem Augenblick ein Regiment käme, um dem Bürschchen ein Haar zu krümmen – wahrhaftig sie gingen gegen das Regiment, und wenn’s ein ganzes Armeekorps wäre!«
Wieder eine Pause. Dann fragte ich:
»Ist das alles?«
»Jawohl, Herr Major.«
»Nun, du lieber Gott, was gibt’s denn da zu klagen? Was wollen denn die Leute?«
»Was sie wollen!? Aber ich bitte Sie, Herr Major – sie möchten, daß Sie ihm das Singen verbieten.«
»Was für ein Einfall! Sie sagten ja selber, sein Gesang sei überirdisch schön.«
»Das ist’s ja eben. Er ist zu überirdisch. Kein gewöhnliches Menschenkind kann ihn vertragen. Es regt einen so fürchterlich auf, das Herz im Leibe dreht sich einem dabei um; es zerrt einem alle Gefühle zu Fetzen, man fühlt sich elend und verflucht und denkt, man sei bloß noch zum Sterben gut. Man ist dermaßen in einem ewigen Zustand von Zerknirschung, daß einem kein Essen mehr schmeckt und man am ganzen Leben keine Lust mehr hat. Und dann das Heulen – verstehen Sie, jeden Morgen schämen sie sich vor einander und können sich nicht ins Gesicht sehen.«
»Hm, das ist ja ein sonderbarer Fall und eine merkwürdige Beschwerde. Sie verlangen also wirklich, daß das Singen aufhört?«
»Ja, Herr Major, so denken sie. Sie möchten nicht um zu viel bitten; sie wären ja mächtig froh, wenn die Beterei aufhörte, oder wenn er wenigstens damit ein Haus weiter ginge. Aber die Hauptsache ist die Singerei. Wenn sie bloß das Singen los werden, so denken sie, das Beten können sie aushalten, wenn es gleich ein hartes Stück ist, in solcher Weise heruntergeputzt zu werden.«
Ich sagte dem Sergeanten, ich würde die Sache in Erwägung ziehen. In derselben Nacht schlich ich mich zu den Musikern ins Quartier und horchte. Der Sergeant hatte nicht übertrieben. Ich hörte die laute betende Stimme in der Dunkelheit; ich hörte die Flüche der ermüdeten Mannschaften; ich hörte den Stiefelregen durch die Luft sausen und die Geschosse rund um die große Trommel herum mit Gepolter niederfallen. Die Sache rührte mich, aber sie belustigte mich zugleich. Dann folgte eine eindrucksvolle Stille. Nach einer Weile begann das Singen. O Gott, diese Begeisterung, die darin lag, dieser bezaubernde Ausdruck! Niemals, so lange ich auf der Welt war, hörte ich etwas so Süßes, so Anmutiges, so Zartes, so Heiliges, so Rührendes. Ich ging sehr bald fort, denn ich begann eine Bewegung zu verspüren, wie sie sich für den Befehlshaber einer Festung nicht schickt.
Am nächsten Tag gab ich Befehle aus, die dem Beten und Singen ein Ende machten. Dann folgten drei Tage so voll vom Spektakel, wobei ausgelassene Rekruten ihr Werbegeld vertranken, daß ich gar nicht an meinen Trommlerjungen dachte. Aber eines Morgens kommt Sergeant Rayburn und sagt:
»Der neue Junge benimmt sich mächtig sonderbar, Herr Major.«
»Wieso?«
»Hm, er schreibt die ganze Zeit über.«
»Schreibt? Was schreibt er denn? Briefe?«
»Weiß ich nicht, Herr Major. Aber sobald er keinen Dienst hat, streicht er immer mutterseelenallein stöbernd und schnüffelnd im Fort herum – hol mich der …, wenn ich glaube, ’s gibt noch ’ne Ecke oder ’n Loch, wo er noch nicht hineingekrochen ist. Und alle paar Augenblicke bringt er Papier und Bleistift heraus und kritzelt was nieder.«
Dies erregte in mir ein höchst unangenehmes Gefühl. Ich hätte mich gerne darüber lustig gemacht, aber es war damals nicht die Zeit dazu, sich über das Geringste lustig zu machen, was irgendwie etwas Verdächtiges an sich hatte. Rund um uns herum, überall im Norden, gingen Dinge vor, die uns veranlassen mußten, immer auf dem Sprunge zu sein und immer guten Ausguck zu halten. Ich erinnerte mich an den Umstand – der viel zu denken gab – daß der Junge aus dem Süden stammte und sogar aus dem äußersten Süden, Louisiana, und dieser Gedanke war unter den obwaltenden Verhältnissen nicht gerade ermutigend. Immerhin kostete es mich innerlich einen Stoß, Rayburn die Befehle zu geben, die ich ihm erteilen mußte. Mir war zumute, wie einem Vater, der sich auf etwas einläßt, wodurch er sein eigenes Kind in Schimpf und Schande bringen kann. Ich befahl Rayburn, zu schweigen, seine Zeit abzuwarten und mir irgendwas von den Schreibereien zu verschaffen, wenn er’s tun könnte, ohne daß der Junge es merkte. Und vor allen Dingen sollte er nichts tun, wodurch der Knabe gewahr werden könnte, daß er beobachtet würde. Ich befahl ferner, dem Jungen seine gewohnten Freiheiten zu belassen, ihm aber in einiger Entfernung zu folgen, sobald er in die Stadt ginge.
Während der nächsten beiden Tage erstattete Rayburn mir mehrmals Bericht. Kein Erfolg. Der Junge schrieb zwar noch immer, aber er steckte jedesmal, wenn Rayburn in seiner Nähe erschien, mit einer unbefangenen Miene sein Papier in die Tasche. Zweimal war er in der Stadt in einen alten verlassenen Stall hineingegangen, war eine Minute oder zwei darin geblieben und dann wieder herausgekommen. Man konnte solche Dinge nicht auf die leichte Achsel nehmen – sie sahen sehr verdächtig aus. Nun muß ich selber eingestehen, daß ich anfing, mich unbehaglich zu fühlen. Ich begab mich in meine Privatwohnung und ließ den nächsthöheren Offizier holen – einen klugen Offizier von gesundem Urteil, Sohn des Generals James Watson Webb. Er war überrascht und beunruhigt. Wir besprachen die Angelegenheit des langen und breiten und kamen zu dem Schluß, es sei wohl angebracht, eine geheime Nachforschung anzustellen. Ich übernahm dies selber. So ließ ich mich denn um zwei Uhr morgens wecken und war einen Augenblick später im Schlafsaal der Musiker. Auf dem Bauch zwischen den schnarchenden Soldaten den Boden entlang kriechend, gelangte ich schließlich, ohne jemanden aufzuwecken, zur Pritsche meines schlummernden kleinen Vagabunden, erfaßte seine Kleider und seinen Tornister und kroch vorsichtig wieder zurück. In meiner Wohnung fand ich Webb, der in großer Erwartung des Ergebnisses harrte. Wir gingen sofort an die Untersuchung. Die Kleider enttäuschten uns; wir fanden in den Taschen unbeschriebenes Papier und einen Bleistift, sonst nichts außer einem Taschenmesser und allerhand nichtigem Tand, womit Knaben sich herumzuschleppen pflegen. Wir gingen hoffnungsvoll an den Tornister heran. Wieder bloß ein Fehlschlag. Eine kleine Bibel lag darin, und auf dem Vorsatzblatt stand geschrieben: ›Fremder, sei freundlich zu meinem Knaben, um seiner Mutter willen.‹
Ich sah Webb an – er schlug die Augen nieder; er sah mich an – ich schlug die meinigen nieder. Keiner von uns sprach ein Wort. Ich legte das Buch ehrfürchtig wieder auf seinen Platz. Plötzlich stand Webb auf und ging weg, ohne ein Wort zu sagen. Nach einer Weile nahm ich mich zusammen, um meine nicht gerade angenehme Aufgabe zu vollenden, und brachte den Plunder wieder an seinen Ort. Ich kroch dabei wieder wie vorher auf dem Bauch; das schien mir auch für eine solche Tätigkeit die einzig angemessene Haltung zu sein.
Ich war aufrichtig froh, als alles vorüber und fertig war.
Um die Mittagsstunde des nächsten Tages kam Rayburn wie gewöhnlich, um Meldung zu machen. Ich fuhr ihn an und sagte:
»Hören Sie jetzt auf mit diesem Unsinn! Wir machen einen Popanz aus einem armen kleinen Burschen, der so harmlos ist, wie ein Gesangbuch!«
Der Sergeant machte ein erstauntes Gesicht und sagte:
»Hm, Sie wissen doch, es war Ihr eigener Befehl, Herr Major, und ich habe etwas von seiner Schreiberei erwischt!«
»Und was soll’s damit? Wie bekamen Sie’s?«
»Ich guckte durch das Schlüsselloch und sah ihn schreiben. Als ich dachte, er wäre wohl ungefähr damit fertig, hustete ich ein bißchen, und da sah ich, wie er’s zusammenknäuelte und ins Feuer warf; dann guckte er sich nach allen Seiten um, ob jemand käme, und dann setzte er sich so bequem und harmlos wie nur irgend einer zurecht. Und dann kam ich herein und sagte ihm freundlich Guten Tag und schickte ihn mit einem Auftrag weg. Er sah durchaus nicht verlegen drein, sondern ging ohne weiteres. Im Kamin war eben ein Kohlenfeuer angemacht; das Geschreibsel lag hinter einem Kohlenblock verborgen; aber ich holte es heraus, und hier ist es; es ist, wie Sie sehen, kaum eben angesengt.«
Ich sah mir das Papier an und las einen oder zwei Sätze. Hieran schickte ich den Sergeanten fort und ließ durch ihn Webb sagen, er möchte zu mir kommen.
Der Zettel lautete wörtlich:
Fort Trumbull, den 8.
Herr Oberst! Ich war im Irrtum betreffs des Kalibers der drei Geschütze, die ich am Schluß meiner Liste aufführte. Es sind Achtzehnpfünder; im übrigen ist jedoch die Armierung so, wie ich angab. Die Garnison ist noch so, wie ich zuletzt berichtet; indessen bleiben die beiden Kompanien leichte Infanterie, die nach dem Kriegsschauplatz abgehen sollten, augenblicklich noch hier – für wie lange noch, das kann ich jetzt nicht sagen, werde es aber bald herausbekommen. Wir sind der Meinung, daß es in Anbetracht der ganzen Sachlage besser sei, es noch zu verschieben bis …
Hier brach das Schreiben ab – gerade an dieser Stelle hatte Rayburn gehustet und den Schreiber unterbrochen. Alle meine Zuneigung zu dem Knaben, all meine Achtung vor ihm und mein Mitleid wegen seiner trostlosen Lage schwanden augenblicklich angesichts dieser Schurkerei, die eine kaltblütige Niederträchtigkeit enthüllte.
Doch darum handelte es sich jetzt nicht. Hier gab es Arbeit – Arbeit, die eine tiefgehende Aufmerksamkeit erforderte, und zwar augenblicklich. Webb und ich betrachteten die Sachlage von allen Seiten und Gesichtspunkten, und Webb sagte:
»Wie jammerschade, daß er unterbrochen wurde! Irgend etwas soll verschoben werden, bis … bis wann? Und was ist das für ein ›es‹? Möglicherweise hätte er’s noch erwähnt, das heuchlerische kleine Reptil.«
»Ja,« sagte ich, »wir haben eine Gelegenheit verpaßt. Und was bedeutet das ›Wir‹ in dem Brief? Bezieht sich das auf Verschwörer innerhalb oder außerhalb des Forts?«
In dem ›Wir‹ lagen recht unbequeme Möglichkeiten angedeutet. Indessen es lohnte sich nicht, uns darüber in Vermutungen zu ergehen, und so gingen wir zu Sachen über, die eine praktischere Bedeutung hatten. Vor allen Dingen beschlossen wir die Schildwachen zu verdoppeln und die allerstrengste Wachsamkeit zu beobachten. Sodann dachten wir daran, uns Wicklow kommen zu lassen und ihn zum Sprechen zu bringen; das schien uns indessen doch nicht das Klügste zu sein, solange nicht alle anderen Methoden uns im Stich ließen. Wir mußten uns noch einiges mehr von seinen Schreibereien beschaffen; hierauf richteten wir also unsere Pläne. Und da hatten wir einen Einfall. Wicklow ging niemals zum Postamt – vielleicht war der leerstehende Stall sein Postbureau. Wir ließen meinen Privatsekretär kommen, einen jungen Deutschen, Namens Stern, der eine Art von geborenem Detektiv war. Wir machten ihn mit den näheren Umständen bekannt und sagten ihm, er möchte ans Werk gehen. Binnen einer Stunde bekamen wir Bescheid, daß Wicklow wieder etwas schreibe. Kurz darauf kam die Meldung, er habe um Stadturlaub gebeten. Er wurde eine kurze Weile hingehalten, und in der Zwischenzeit lief Stern in die Stadt und versteckte sich im Stall. Nach einiger Zeit sah der Deutsche, wie Wicklow hereingeschlendert kam, sich nach allen Seiten umsah, dann etwas unter einem Schutthaufen im Winkel versteckte und sich gemächlich wieder entfernte. Stern fiel über den versteckten Gegenstand her – es war ein Brief. Er brachte ihn uns. Das Schreiben hatte weder eine Adresse noch eine Unterschrift. Zunächst waren darin die Sätze wiederholt, die wir bereits gelesen hatten, dann hieß es weiter:
Wir halten es für das beste, es aufzuschieben bis die beiden Kompanien fort sind. Ich meine damit, daß die vier drinnen so denken; mit den anderen habe ich mich nicht in Verbindung setzen können – befürchte Aufmerksamkeit zu erregen. Ich sage ›vier‹, weil wir zwei verloren haben; sie waren kaum eben angeworben und ins Fort gekommen, als sie eingeschifft wurden, um zur Front abzugehen. Es wird unbedingt notwendig sein, an ihrer Stelle zwei andere hier zu haben. Die beiden Abgegangenen waren die Brüder von Thirtymile-Point. Ich habe etwas von der größten Wichtigkeit mitzuteilen, darf es aber diesem Verkehrsweg nicht anvertrauen. Werde es auf dem anderen versuchen.
»Der kleine Schuft!« rief Webb. »Wer hätte auch annehmen können, daß er ein Spion wäre? Indessen, lassen wir das! Wir wollen einmal die einzelnen Umstände, so wie sie sind, aufrechnen und sehen, wie die Angelegenheit in diesem Augenblick steht. Erstens: Wir haben in unserer Mitte einen Rebellenspion, den wir kennen. Zweitens: Wir haben in unserer Mitte noch drei andere, die wir nicht kennen. Drittens: Diese Spione sind durch das einfache und leichte Mittel, sich als Soldaten in die Unionsarmee einreihen zu lassen, in das Fort hineingeschmuggelt worden – und offenbar sind zwei von ihnen dabei angeführt worden, indem sie nach dem Kriegsschauplatz abrücken mußten. Viertens: Es sind noch verbündete Spione ›draußen‹ vorhanden; Zahl derselben unbestimmt. Fünftens: Wicklow ist im Besitz sehr wichtigen Materials, das er sich nicht getraut auf dem ›gewöhnlichen Wege‹ mitzuteilen – will’s ›auf dem anderen versuchen‹. So steht also der Fall zur Zeit. Sollen wir Wicklow beim Kragen packen und ihn zum Geständnis zwingen oder sollen wir die Person abfangen, die die Briefe aus dem Stall abholt, und sollen wir diese zum Sprechen bringen? Oder sollen wir uns ruhig verhalten, um noch mehr zu erfahren?«
Wir entschieden uns für das letztere. Es schien uns nicht nötig, schon jetzt zu durchgreifenden Maßregeln überzugehen, denn aller Wahrscheinlichkeit nach würden die Verschwörer warten, bis die beiden Kompanien leichte Infanterie ihnen nicht mehr im Wege wären. Wir gaben Stern ziemlich weitgehende Vollmachten und sagten ihm, er müsse sich die größte Mühe geben, um Wicklows anderes Verkehrsmittel ausfindig zu machen. Wir gedachten ein kühnes Spiel zu spielen und wollten zu dem Zweck die Spione so lange wie möglich nicht merken lassen, daß wir Verdacht geschöpft hatten. Wir befahlen daher Stern, sofort wieder nach dem Stall zu gehen und dort, wenn er die Luft rein fände, Wicklows Brief wieder an dem Ort zu verstecken wo er ihn hergenommen, und ihn dort zu lassen, damit die Verschwörer ihn finden möchten.
Die Nacht brach an, ohne daß sich etwas Weiteres ereignet hätte. Es war kalt und finster; ein rauher Wind blies und brachte Hagelschauer. Trotzdem verließ ich in dieser Nacht mehrere Male mein warmes Bett und machte in eigener Person die Runde, um nachzusehen, ob alles in Ordnung, und ob jede Schildwache auf dem Posten wäre. Ich fand sie stets wach und aufmerksam. Augenscheinlich war ein Gewisper von geheimnisvollen Gefahren umgegangen, und die Verdoppelung der Wachtposten hatte diesen Gerüchten einen gewissen Rückhalt verliehen. Gegen Morgen begegnete ich bei einer solchen Runde Webb, der sich dem schneidend kalten Wind entgegen seinen Weg bahnte; ich hörte von ihm, daß er ebenfalls mehreremale die Runde gemacht, um nach dem Rechten zu sehen.
Der nächste Tag brachte die Ereignisse in ziemlich lebhaften Schwung. Wicklow schrieb abermals einen Brief. Stern lief nach dem Stall voraus und sah, wie er ihn dort niederlegte; er nahm ihn an sich, sobald Wicklow wieder draußen war, dann schlich er sich ebenfalls hinaus und folgte dem kleinen Spion in einiger Entfernung. Ihm selber war ein Detektiv in Alltagskleidern unmittelbar auf den Fersen, denn wir hielten es für ratsam, für den Notfall gleich die Hilfe des Gesetzes zur Hand zu haben. Wicklow ging nach dem Bahnhof und lungerte dort herum, bis der Zug von New York einlief; dann musterte er scharfen Blickes die Gesichter der Passagiere, die den Wagen entströmten. Auf einmal kam ein alter Herr mit grüner Brille und einem Stock herangehinkt, blieb in Wicklows Nachbarschaft stehen und begann sich umzusehen, als ob er jemanden erwartete. Blitzschnell trat Wicklow vor, drückte ihm einen Briefumschlag in die Hand, glitt hinweg und verschwand im Gedränge. Im nächsten Augenblick hatte Stern den Brief erhascht; er eilte an dem Geheimpolizisten vorüber und flüsterte diesem zu: »Folgen Sie dem alten Herrn; verlieren Sie ihn nicht aus den Augen!« Dann entfernte er sich eiligst mit der Menge und begab sich geraden Weges nach dem Fort.
Wir berieten bei geschlossenen Türen und wiesen den Wachtposten draußen an, daß wir durchaus keine Störung haben wollten.
Zunächst öffneten wir den im Stall abgefangenen Brief. Er lautete:
Heilige Allianz! Fand in der gewöhnlichen Kanone Befehle vom Meister, die in der vergangenen Nacht dort hinterlassen waren; die Weisungen, die ich bisher vom untergeordneten Kommando empfing, sind dadurch umgestoßen. Ließ in der Kanone das gewöhnliche Zeichen, daß die Befehle in die richtige Hand gekommen sind …
Hier unterbrach Webb mich mit der Frage:
»Ist denn der Bursche jetzt nicht unter beständiger Beobachtung?«
Ich bejahte dies; er wäre seit der Beschlagnahme des vorigen Briefes unablässig streng bewacht worden.
»Wie konnte er dann irgendwas in eine Kanone stecken oder etwas herausnehmen, ohne dabei gefaßt zu werden?«
»Nun ja,« sagte ich, »dies gefällt mir ganz und gar nicht.«
»Mir erst recht nicht,« bemerkte Webb. »Es bedeutet ganz einfach, daß sogar unter den Schildwachen Verschwörer sind. Wenn diese nicht in der einen oder der anderen Weise mit im Einverständnis wären, so wäre die Sache nicht möglich gewesen.«
Ich ließ Rayburn kommen und befahl ihm, die Batterien zu durchsuchen und sich Mühe zu geben, etwas zu finden. Dann las ich den Brief weiter:
Die neuen Befehle lauten sehr bestimmt: die M.M.M.M. sollen morgen früh um 3 Uhr F.F.F.F.F. sein. Zweihundert werden in kleinen Trupps mit der Eisenbahn und auf anderen Wegen aus verschiedenen Richtungen ankommen und zur rechten Zeit am verabredeten Ort sein. Ich werde heute das Zeichen verteilen. Erfolg ist augenscheinlich sicher, obwohl irgend etwas ausgekommen sein muß, denn die Schildwachen sind verdoppelt worden und die höheren Offiziere machten letzte Nacht mehreremale die Runde. W.W. kommt heute von Süden her und wird heute geheime Befehle empfangen – auf dem andern Wege. Ihr müßt alle sechs genau um 2 Uhr morgens in 166 sein. Dort findet ihr B.B., der euch genaue Weisungen geben wird. Losungswort dasselbe wie letztesmal, nur umgekehrt – setzt erste Silbe hinten und letzte Silbe vorne an. Gedenket XXXX! Vergeßt das nicht! Seid guten Mutes; bevor wieder die Sonne aufgeht, werdet ihr Helden sein! Euer Ruhm wird ewig sein und ihr werdet der Weltgeschichte ein unvergängliches Blatt hinzugefügt haben. Amen.
»Donner und Mars!« rief Webb »Aber da kommen wir ja, wie mir scheint, in eine ganz brenzliche Geschichte hinein!«
Ich antwortete, es sei keine Frage, daß die Sache sehr ernst auszusehen anfinge.
»Ein verzweifeltes Unternehmen,« sagte ich, »ist im Gange, das ist ganz klar. Diese Nacht ist die dafür angesetzte Zeit – das ist ebenfalls klar. Die wahre Natur des Anschlags – ich meine die Art und Weise der Ausführung – ist durch diese Bündel von F und M verschleiert, aber das Endziel, scheint mir, ist die Ueberrumpelung des Forts. Jetzt gilt es scharf zu überlegen und schnell zu handeln. Ich glaube mit Fortsetzung der geheimen Ueberwachung Wicklows kann nichts mehr erreicht werden. Wir müssen wissen, und zwar so schnell wie möglich, wo ›166‹ gelegen ist, sodaß wir um zwei Uhr in der Frühe die Bande dort fangen können; die schnellste Methode, diese Kenntnis zu erlangen, besteht ohne Zweifel darin, daß wir den Burschen zum Geständnis zwingen. Aber vor allen Dingen muß ich, ehe wir irgend einen wichtigen Schritt vornehmen, den Sachverhalt dem Kriegsdepartement unterbreiten und um Vollmachten bitten.«
Es wurde ein chiffriertes Telegramm aufgesetzt; ich las und genehmigte es und sandte es sofort ab.
Damit schloß unsere Beratung in betreff des Spionenbriefes, und ich öffnete den anderen, welchen Stern dem lahmen Herrn aus der Hand gerissen hatte. Er enthielt nichts weiter, als zwei vollkommen unbeschriebene Blätter aus einem Notizbuch! Das war ein kalter Guß auf unsere hochgespannten heißen Erwartungen. Einen Augenblick lang kamen wir uns so leer vor wie das Papier, und zweimal so albern. Aber das dauerte nur einen Augenblick, denn natürlich dachten wir unmittelbar darauf an ›sympathetische Tinte‹. Wir hielten das Papier dicht übers Feuer und dachten, nun würden unter dem Einfluß der Hitze die Buchstaben gleich zum Vorschein kommen, aber es erschien nichts als ein paar schwache Striche, aus denen wir nicht klug werden konnten. Wir ließen darauf den Regimentsarzt rufen und beauftragten ihn, alle ihm bekannten chemischen Verfahren anzuwenden, bis er auf das richtige träfe. Sobald er die Schriftzeichen an die Oberfläche brächte, sollte er mir sofort den Inhalt des Briefes mitteilen. Der Fehlschlag war uns im höchsten Grade ärgerlich, und natürlich tobten wir über die Verzögerung; denn wir hatten steif und fest erwartet, durch den Brief einige von den wichtigsten Geheimnissen der Verschwörung zu erfahren.
Nun erschien Sergeant Rayburn. Er zog aus der Tasche ein etwa fußlanges Stück Bindfaden mit drei Knoten und hielt es in die Höhe.
»Ich fand es in einer Kanone an der Wasserseite,« sagte er. »Ich nahm die Mündungsdeckel von allen Geschützen ab und sah ganz genau nach; diese Schnur war das einzige, was in irgend einer Kanone war.«
Dies Endchen Bindfaden war also Wicklows Zeichen, wodurch er kundgab, daß des ›Meisters‹ Befehle nicht in falsche Hände gekommen waren. Ich befahl, jeden Mann, der während der letzten vierundzwanzig Stunden in der Nähe jenes Geschützes Schildwache gestanden war, sofort in Einzelgewahrsam zu setzen und mit keinem Menschen ohne meine ganz besondere Erlaubnis verkehren zu lassen.
Vom Staatssekretär des Kriegsdepartements kam ein Telegramm, welches folgendermaßen lautete:
Suspendieret Habeascorpus-Akte. Erkläret die Stadt in Belagerungszustand. Veranlaßt die notwendigen Verhaftungen. Handelt energisch und schnell. Haltet das Kriegsdepartement auf dem Laufenden.
Jetzt waren wir soweit, daß wir ans Werk gehen konnten. Ich schickte Leute aus, die ohne Aufsehen zu erregen den lahmen Herrn verhafteten und ihn ebenso unauffällig ins Fort brachten; ich gab ihm eine Schildwache und verbot, mit dem Mann zu sprechen oder ihn anzuhören. Anfangs hatte er Lust großen Lärm zu machen, aber das ließ er bald. Dann kam eine Meldung, es sei beobachtet worden, wie Wicklow zweien von unseren neuen Rekruten etwas zugesteckt habe; die Leute seien, so wie er den Rücken gedreht, festgenommen und in Haft gebracht worden. Bei jedem von ihnen fand man einen kleinen Papierzettel, worauf mit Bleistift geschrieben stand:
Adlers Dritter Flug.
Gedenke XXXX.
166.
Meinen Weisungen gemäß telegraphierte ich dem Departement in Chiffren, welche neuen Entdeckungen wir gemacht und beschrieb zugleich die neu gefundenen Zettel. Unsere Stellung schien jetzt stark genug zu sein, um Wicklow gegenüber die Maske fallen lassen zu können; ich ließ ihn also holen. Ferner ließ ich den mit sympathetischer Tinte geschriebenen Brief wieder einfordern; der Regimentsarzt sandte ihn zurück mit der Bemerkung, daß seine Bemühungen bisher vergeblich gewesen seien, es gebe aber noch andere Verfahren, die er anwenden könne, falls ich es wünschen sollte.
Wicklow trat ein. Es lag etwas Müdes und Erwartungsvolles in seinem Blick, aber er war gefaßt und unbefangen, und wenn er irgend einen Verdacht hegte, so trat dieser jedenfalls in seinen Gesichtszügen und in seinem Benehmen nicht zu Tage. Ich ließ ihn ein paar Augenblicke stehen; dann sagte ich freundlich:
»Na, mein Junge, warum gehst du denn so oft nach dem alten Stall?«
Er antwortete einfach und ohne Verlegenheit:
»Ja, Herr Major, das weiß ich selber nicht recht; es ist eigentlich kein besonderer Grund vorhanden, als daß ich gerne allein bin, und daß ich mich dort unterhalte.«
»Ach so, du unterhältst dich dort?«
»Jawohl, Herr Major,« antwortete er so einfach und unschuldig wie zuvor.
»Und weiter tust du da nichts?«
»Nein, Herr Major,« sagte er, und dabei sah er mich mit einem Ausdruck kindlicher Verwunderung in seinen großen sanften Augen an.
»Weißt du das auch ganz gewiß?«
»Jawohl, Herr Major, ganz gewiß.«
Nach einer Pause fragte ich weiter:
»Wicklow, warum schreibst du so viel?«
»Ich? Ich schreibe nicht viel, Herr Major.«
»Nicht?«
»Nein, Herr Major. O, wenn Sie ›kritzeln‹ meinen – kritzeln tue ich manchmal zu meiner Unterhaltung.«
»Was machst du denn mit deinem Gekritzel?«
»Nichts, Herr Major – ich werfe es weg.«
»Schickst du’s niemals an irgend jemand?«
»Nein.«
Plötzlich hielt ich ihm den Brief an den ›Oberst‹ vors Gesicht. Er fuhr leicht zusammen, faßte sich aber sofort wieder. Eine flüchtige Röte überzog seine Wangen.
»Wie kamst du dann aber dazu, dieses Gekritzel abzuschicken?«
»Ich dach … ich dachte mir gar nichts Böses dabei, Herr Major!«
»Nichts Böses dabei! Du verrätst die Armierung des Forts und die Stärke der Besatzung und denkst dir nichts Böses dabei?«
Er ließ den Kopf hängen und schwieg.
»Höre, sprich frei von der Leber weg und laß das Lügen sein! Für wen war dieser Brief bestimmt?«
Er verriet jetzt Zeichen von Angst; doch schnell hatte er sich wieder zusammengenommen und erwiderte im Tone tiefsten Ernstes:
»Ich will Ihnen die Wahrheit sagen, Herr Major – die ganze Wahrheit. Der Brief war überhaupt niemals für irgend einen Menschen bestimmt. Ich schrieb ihn bloß für mich selbst, um mir einen Spaß zu machen. Ich sehe jetzt ein, wie verkehrt und wie albern das war; aber das ist auch das einzige Anstößige dabei, Herr Major, bei meiner Ehre.«
»Ah, das freut mich. Es ist gefährlich, solche Briefe zu schreiben. Ich hoffe, du bist sicher, daß dies der einzige ist, den du schriebst.«
»Jawohl, Herr Major, vollkommen sicher.«
Diese Verstocktheit war verblüffend. Er sagte seine Lüge mit dem ehrbarsten Gesicht von der Welt. Ich wartete einen Augenblick, um den in mir aufsteigenden Aerger niederzuzwingen; dann sagte ich:
»Wicklow, rüttle jetzt mal ein bißchen dein Gedächtnis auf und sieh zu, ob du mir nicht bei zwei oder drei kleinen Sachen helfen kannst, die ich gerne wissen möchte.«
»Ich will mir die allergrößte Mühe geben, Herr Major.«
»Also, zunächst: Wer ist der ›Meister‹?«
Meine Frage hatte die Wirkung, daß er schnell einen unruhigen Blick über unsere Gesichter gleiten ließ. Aber das war auch alles. In einem Augenblick war er wieder heiter und antwortete ruhig:
»Ich weiß es nicht, Herr Major.«
»Du weißt es nicht?«
»Ich weiß es nicht.«
»Du weißt es ganz bestimmt nicht?«
Er bot alle Kraft auf, um mir fest in die Augen zu sehen; aber das war zu viel für ihn. Sein Kinn sank langsam auf die Brust nieder und er schwieg. Er stand da und drehte nervös an einem Knopf. Er sah kläglich aus, und ich fühlte unwillkürlich trotz seinen niederträchtigen Handlungen Mitleid mit ihm. Dann unterbrach ich plötzlich die Stille mit der Frage:
»Was ist die ›Heilige Allianz‹?«
Er zuckte sichtlich zusammen und machte eine halb unbewußte Bewegung mit den Händen, wie ein verzweifeltes Geschöpf, das um Mitleid fleht. Aber kein Laut kam über seine Lippen. Er hielt hartnäckig seine Augen auf den Fußboden geheftet. Wir sahen ihn an und warteten, daß er sprechen möchte, und da bemerkten wir, wie die dicken Tränen anfingen, ihm über die Backen zu rollen. Aber er blieb still. Nach einer kleinen Weile sagte ich:
»Du mußt mir antworten, mein Junge, und mußt mir die Wahrheit sagen. Wer ist die ›Heilige Allianz‹?«
Er weinte leise weiter. Schließlich sagte ich ziemlich scharf:
»Antworte auf die Frage!«
Er bemühte sich, seiner Stimme wieder Herr zu werden; dann sagte er mit einem flehenden Blick auf uns und die Worte mühsam zwischen seinem Schluchzen herauspressend:
»O haben Sie Erbarmen mit mir, Herr Major! Ich kann nicht antworten, denn ich weiß nichts!«
»Was?!«
»Gewiß, Herr Major, ich spreche die Wahrheit. Ich habe bis zu diesem Augenblick niemals was von der ›Heiligen Allianz‹ gehört. Bei meiner Ehre, Herr Major, so ist es!«
»Himmelherrgott … Sieh mal hier deinen zweiten Brief an. Da, siehst du hier die Worte: ›Heilige Allianz‹? Was sagst du jetzt?«
Er starrte mir ins Gesicht mit dem beleidigten Blick eines Menschen, dem man ein großes Unrecht angetan hat. Dann sagte er in empfindlichem Ton:
»Das ist irgend ein grausamer Scherz, Herr Major. Und wie konnte man mir so was antun – mir, der sich alle Mühe gab, das Rechte zu tun, und der niemals einem Menschen etwas zuleide getan hat! Irgend einer hat meine Handschrift nachgemacht; ich schrieb niemals eine Zeile davon; ich habe diesen Brief nie vorher gesehen.«
»O, du über alle Maßen frecher Lügner! Sieh her, was sagst du hierzu?« Und ich riß den Brief mit der sympathetischen Tinte aus meiner Tasche und hielt ihm denselben vor die Augen.
Sein Gesicht wurde weiß! – so weiß, wie wenn er ’ne Leiche gewesen wäre. Er schwankte auf den Füßen und faßte mit der Hand nach der Wand, um sich zu stützen. Einen Augenblick darauf fragte er mit so schwacher Stimme, daß man’s kaum hören konnte:
»Haben – Sie’s gelesen?«
Unsere Gesichter mußten die Wahrheit geantwortet haben, bevor meine Lippen das falsche »Ja!« hervorbringen konnten, denn ich sah deutlich, wie der Mut wieder in des Jungen Augen kam. Ich wartete darauf, daß er etwas sagen sollte, aber er blieb still. So sagte ich denn zuletzt:
»Nun, was hast du zu den Enthüllungen zu bemerken, die in diesem Brief enthalten sind?«
Er antwortete völlig gefaßt:
»Nichts – ausgenommen, daß ich gänzlich harmlos und unschuldig bin; sie können keinem Menschen Schaden tun.«
Ich war jetzt ein wenig in der Klemme, sintemalen ich seine Behauptung nicht Lügen strafen konnte. Ich wußte nicht recht, wie ich weiter vorgehen sollte. Es kam mir indessen zum Glück ein guter Gedanke und ich sagte:
»Du weißt ganz bestimmt nichts von dem ›Meister‹ und der ›Heiligen Allianz‹ und schriebst ganz bestimmt auch den Brief nicht, der, wie du sagst, eine Fälschung ist?«
»Nein, Herr Major – ganz bestimmt nicht!«
Ich zog langsam den geknoteten Bindfaden hervor und hielt ihm denselben hin ohne ein Wort zu sprechen. Er sah ihn gleichgültig an, dann wandte er sich mit einem fragenden Blick zu mir. Meine Geduld war jetzt an der Grenze angelangt. Ich bezwang indessen meinen Aerger und sagte in ruhigem Tone:
»Wicklow, siehst du dies?«
»Ja, Herr Major.«
»Was ist es?«
»Es scheint ein Stück Bindfaden zu sein.«
»Scheint? Es ist ein Stück Bindfaden. Erkennst du es?«
»Nein, Herr Major!« antwortete er auf die ruhigste Art von der Welt.
Seine Kaltblütigkeit war geradezu wunderbar! Ich machte jetzt eine Pause von mehreren Sekunden, um durch das Schweigen den Worten, die ich äußern wollte, einen größeren Nachdruck zu verleihen. Dann stand ich auf, legte meine Hand auf seine Schulter und sagte ernst:
»Dein Lügen, armer Junge, wird dir auf der ganzen Welt nicht gut tun. Dies Zeichen für den ›Meister‹, dieser geknotete Bindfaden, der in einer der Kanonen an der Wasserseite gefunden …«
»Gefunden in der Kanone?! O, nein, nein, nein! Sagen Sie nicht in der Kanone, sondern in einer Fuge des Mündungsdeckels – er muß in der Fuge gewesen sein!« Und er fiel auf die Kniee und faltete seine Hände und hob sein Antlitz zu uns empor, ein Antlitz so bleich und angstverzerrt, daß er einem Mitleid einflößte.
»Nein, er war in der Kanone.«
»O, dann ist etwas nicht in Ordnung! Mein Gott, ich bin verloren!« Und er sprang auf und strebte sich den Händen zu entwinden, die sich nach ihm ausstreckten. Er wollte durchaus entfliehen. Aber das war natürlich ganz undenkbar. Dann warf er sich wieder auf die Kniee, schrie aus Leibeskräften und umklammerte meine Beine, und ließ mich nicht los und bat und flehte und rief: »O, haben Sie Erbarmen mit mir! O, seien Sie gnädig mit mir! Verlassen Sie mich nicht; sie würden keinen Augenblick mein Leben verschonen. Beschützen Sie mich, retten Sie mich! Ich will alles gestehen!«
Wir brauchten ziemlich lange Zeit, um ihn zu beruhigen und ihm die Angst auszureden und ihn wieder in eine einigermaßen vernünftige Geistesverfassung zu bringen. Dann begann ich ihn auszufragen: Er antwortete demütig, mit niedergeschlagenen Augen, von Zeit zu Zeit die unablässig rinnenden Tränen abwischend.
»Du bist also in deinem Herzen ein Rebell?«
»Ja, Herr Major.«
»Und ein Spion?«
»Ja.«
»Und hast nach gemessenen Befehlen von außerhalb gehandelt?«
»Ja.«
»Mit Freuden, vielleicht?«
»Ja. Es hätte keinen Zweck, das zu leugnen. Der Süden ist mein Vaterland; mein Herz gehört der Sache des Südens – Herz und Leib und Seele!«
»Dann war also die Geschichte, die du mir von euren Leiden und den Verfolgungen gegen deine Familie erzähltest, reine Erfindung?«
»Sie – sie befahlen mir es zu sagen, Herr Major!«
»Und du wolltest also die Leute, die dir aus Mitleid Obdach gaben, verraten und vernichten? Begreifst du, wie gemein das ist, du armes, mißleitetes Geschöpf?«
Er erwiderte darauf nur mit einem Schluchzen.
»Nun, lassen wir das! Zur Sache! Wer ist der ›Oberst‹ und wo ist er?«
Er fing herzbrechend an zu weinen und bat himmelhoch, ihm die Antwort zu erlassen. Er sagte, man würde ihn töten, wenn er spräche. Ich drohte ihm, ich würde ihn in die dunkle Zelle einsperren lassen, wenn er nicht mit der Sprache herauskäme. Gleichzeitig versprach ich ihm, ihn gegen jede Gefahr zu beschützen, wenn er durch ein Geständnis sein Gewissen erleichterte. Er antwortete nicht, sondern preßte die Lippen zusammen und setzte eine verstockte Miene auf. Es war nichts mit ihm anzufangen. Schließlich nahm ich ihn mit nach der dunklen Zelle, und der bloße Blick in ihr Inneres brachte ihn herum. Er brach in ein leidenschaftliches Weinen und Flehen aus und erklärte, er wolle alles sagen.
Ich nahm ihn also wieder mit nach meinem Zimmer und er gab den Namen des ›Obersten‹ an und beschrieb dessen Erscheinung ganz genau. Er wäre im vornehmsten Gasthof der Stadt in bürgerlicher Kleidung zu finden. Dann mußte ich neue Drohungen anwenden, bis er mir endlich auch den ›Meister‹ mit Namen nannte und beschrieb. Er sagte, der Meister würde in New York, Bondstreet Nr. 15 zu finden sein; er wohnte dort unter dem Namen R. F. Gaylord. Ich telegraphierte Namen und Personalbeschreibung an den Polizeipräsidenten der Metropole und bat, Gaylord zu verhaften und festzuhalten, bis ich ihn abholen lassen könnte.
»Nun,« sagte ich, »befinden sich, wie es scheint, verschiedene von den Verschwörern ›außerhalb‹, vermutlich in New London. Nenne und beschreibe sie!«
Er nannte und beschrieb drei Männer und zwei Frauen – sämtlich im ersten Gasthof von New London wohnend. Ich schickte Leute in die Stadt und ließ sie nebst dem ›Oberst‹ in aller Ruhe verhaften; bald saßen sie auf dem Fort in sicherem Gewahrsam.
»Jetzt wünsche ich noch ganz genaue Auskunft über deine drei Mitverschwörer, die hier im Fort sind.«
Es kam mir vor, als wollte er mir wieder Lügen erzählen; ich brachte aber die beiden geheimnisvollen Papierschnitzel zum Vorschein, die bei den Rekruten gefunden worden waren, und dies übte eine heilsame Wirkung auf ihn aus. Ich sagte ihm, wir hätten zwei von den Leuten schon in unserer Gewalt, und er müßte uns noch den dritten bezeichnen. Dies jagte ihm einen fürchterlichen Schreck ein und er rief:
»O, bitte, erlassen Sie mir das; er würde mich auf der Stelle töten.«
Ich sagte ihm, das sei alles Unsinn. Ich würde ihm jemand zum Schutze mitgeben, außerdem würden die Mannschaften ohne Waffen antreten. Ich befahl, daß alle unausgebildeten Rekruten zum Appell kommen sollten; dann mußte der arme, zitternde, kleine Kerl herauskommen; er schritt die Front ab, wobei er sich bemühte, so gleichgültig wie möglich dreinzusehen. Schließlich sprach er zu einem von den Leuten ein einziges Wort, und ehe er fünf Schritte weiter war, war der Mann auch schon verhaftet.
Sobald Wicklow wieder bei uns war, ließ ich die drei Soldaten vorführen. Einer von ihnen mußte vortreten und ich sagte:
»Nun, Wicklow, denke dran: weiche nicht um eines Haares Breite von der strengsten Wahrheit ab. Wer ist der Mann, und was weißt du von ihm?«
Da er nun doch einmal ›festsaß‹, so setzte er alle Gedanken an etwaige Folgen beiseite, heftete seine Augen auf des Mannes Gesicht und sagte ohne jedes Zögern:
»Sein wahrer Name lautet: George Brichow. Er ist aus New Orleans; war vor zwei Jahren zweiter Steuermann auf dem Küstendampfer ›Capitol‹; ist ein verzweifelter Charakter und ist schon zweimal wegen Totschlags im Gefängnis gewesen: das einemal, weil er einen Matrosen Namens Hyde mit einer Handspake getötet hatte, das anderemal, weil er einen Schiffsarbeiter totschlug, der sich weigerte, das Lot zu heben, womit auch ein solcher Schiffsarbeiter nichts zu tun hat. Er ist ein Spion und wurde in dieser Eigenschaft vom Obersten hergeschickt Er war dritter Steuermann auf dem ›St. Nicholas‹, als dieser Dampfer in der Nähe von Memphis in die Luft flog, im Jahre 1858, und er wäre beinahe gelyncht worden, weil er die Toten und Verwundeten ausplünderte, während sie in einem leeren Holzboot an Land gebracht wurden.«
Und so weiter, und so weiter! Er lieferte eine vollständige Lebensbeschreibung des Mannes. Als er fertig war, sagte ich zu diesem:
»Was haben Sie dazu zu bemerken?«
»Nichts für ungut, Herr Major – aber das ist die teuflischste Lüge, die je gesprochen wurde!«
Ich schickte ihn wieder in Arrest und ließ die beiden anderen einzeln vortreten. Dasselbe Ergebnis. Der Junge gab über jeden von ihnen eine bis in die kleinsten Einzelheiten gehende Geschichte, ohne jemals sich auf ein Wort oder eine Tatsache besinnen zu müssen; aber alles, was ich aus den beiden Kerlen herauskriegen konnte, war die entrüstete Versicherung, es sei alles gelogen. Sie wollten nichts gestehen. Ich ließ sie wieder in Haft abführen und dann die übrigen Gefangenen, einen nach dem anderen, antreten. Wicklow gab die ausführlichste Auskunft über sie – aus welchen Städten im Süden sie waren, und schilderte mit allen Einzelheiten ihre Beteiligung an der Verschwörung.
Aber sie bestritten sämtlich seine Angabe und kein einziger von ihnen bekannte das Geringste. Die Männer tobten, die Weiber weinten. So wie sie es darstellten, waren sie alle unschuldige Leute aus dem Westen und liebten die Union über alles in der Welt. Voll Ekel ließ ich die Bande wieder einsperren und fuhr in Wicklows Verhör fort:
»Wo liegt Nr. 166 und wer ist B. B.?«
Aber hier war die Grenze, die er sich selber gesetzt hatte. Weder Schmeicheln noch Drohen übte irgend welche Wirkung auf ihn. Die Zeit flog dahin – es war unumgänglich nötig, zu scharfen Maßregeln zu greifen. Ich ließ ihn also an den Daumen gebunden hochziehen. Als die Schmerzen ärger wurden, stieß er ein herzzerreißendes Geschrei aus, das ich kaum anzuhören vermochte. Aber ich blieb fest, und sehr bald schrie er heraus:
»O, bitte, bitte, lassen Sie mich herunter; dann will ich sprechen!«
»Nein – du wirst sprechen, bevor ich dich herunterlasse.«
Jeder Augenblick bedeutete Todesqual für ihn. Und so kam’s heraus:
»Nr. 166, Adler-Gasthof!«
Dies war der Name einer verrufenen Wirtschaft drunten am Hafen, wo gewöhnliche Arbeiter, Küstenschiffer und zweifelhaftes Gesindel zu verkehren pflegten.
Ich ließ ihn also los und verlangte sodann Auskunft über den Zweck der Verschwörung.
»Das Fort heute nacht zu nehmen,« sagte er mürrisch und schluchzend.
»Habe ich alle Häupter der Verschwörung erwischt?«
»Nein. Sie haben sie alle mit Ausnahme derer, die sich bei 166 treffen sollten.«
»Was bedeutet: ›Gedenke XXXX!‹?«
Keine Antwort.
»Wie lautet das Losungswort für 166?«
Keine Antwort.
»Was bedeuten diese Haufen Buchstaben: FFFFF und MMMM? Antworte, oder du kriegst es noch einmal zu fühlen!«
»Ich werde niemals antworten. Lieber sterbe ich. Nun tun Sie, was Ihnen beliebt!«
»Ueberlege dir, was du sprichst, Wicklow! Ist das dein letztes Wort?«
Er antwortete standhaft und ohne ein Zittern in seiner Stimme:
»Es ist mein letztes Wort. So wahr ich meine mißhandelte Heimat liebe und so wahr ich alles hasse, was hier im Norden die Sonne bescheint: ich sterbe eher, als daß ich diese Dinge enthülle!«
Ich ließ ihn abermals an den Daumen hochziehen. Als er die furchtbarsten Schmerzen litt, da war es herzbrechend, des armen Wesens Schreie mit anzuhören – aber wir brachten nichts anderes aus ihm heraus. Auf jede Frage kreischte er dieselbe Antwort:
»Ich kann sterben und ich will sterben. Aber sprechen werde ich niemals!«
Nun, wir mußten es aufgeben. Wir waren überzeugt, daß er ganz bestimmt lieber sterben als gestehen würde. Wir ließen ihn daher herunter und setzten ihn unter strenger Bewachung in Haft.
Dann hatten wir ein paar Stunden lang alle Hände voll zu tun, um die telegraphischen Berichte an das Kriegsdepartement abzuschicken und alle Vorbereitungen für unseren Ueberfall von Nr. 166 zu treffen.
Es ging aufgeregt her in jener schwarzen bitterkalten Nacht. Es war allerlei durchgesickert, und die ganze Garnison war auf dem Posten. Die Schildwachen waren verdreifacht, und kein Mensch hätte sich drinnen oder draußen rühren können, ohne durch eine Gewehrmündung vor seinem Kopf zum Stehen gebracht zu werden. Webb und ich waren indes jetzt weniger in Sorgen als zuvor, weil die Verschwörung notwendigerweise in ziemlich krüppelhaftem Zustande sein mußte, seitdem so viele von den hervorragendsten Führern in unsere Klauen geraten waren.
Ich beschloß, beizeiten bei Nr. 166 zu sein, B. B. zu fesseln und zu knebeln und somit fertig zu sein, wenn die übrigen ankämen. Ungefähr ein viertel nach eins in der Frühe schlich ich mich an der Spitze von einem halben Dutzend kräftiger und beherzter altgedienter Soldaten aus der Festung heraus; bei uns hatten wir den Knaben Wicklow, dem die Hände auf den Rücken gebunden waren. Ich sagte ihm, wir wären auf dem Weg nach Nr. 166, und wenn ich fände, er hätte uns abermals belogen und uns auf eine falsche Fährte gebracht, so müsse er uns den richtigen Ort zeigen, oder er hätte die Folgen auf sich zu nehmen.
Wir erreichten verstohlen und unter Beobachtung aller Vorsichtsmaßregeln das Wirtshaus. In der kleinen Schänkstube brannte ein Licht; sonst war das ganze Haus dunkel. Ich versuchte die Haustür zu öffnen; sie gab nach, und wir traten leise ein, die Türe hinter uns schließend. Dann zogen wir unsere Stiefel aus, und ich ging voran nach der Schänkstube. Da saß der deutsche Wirt in seinem Lehnstuhl und schlief. Ich weckte ihn vorsichtig und sagte ihm, er solle seine Stiefel ausziehen und uns den Weg zeigen, dabei aber keinen Laut äußern. Er gehorchte ohne Widerrede, war aber augenscheinlich in fürchterlicher Angst. Ich befahl ihm, uns zum Zimmer Nr. 166 voranzugehen. Wir stiegen leise wie die Katzen zwei oder drei Treppen hinan und gingen einen großen Flur entlang bis fast zu seinem äußersten Ende. Dort war eine Tür, durch deren matte Glasscheibe wir bemerkten, daß drinnen ein trübes Licht brannte. Der Wirt tastete sich in der Dunkelheit zu mir heran und wisperte mir zu, es wäre 166. Ich faßte den Türgriff an – die Tür war von innen verschlossen. Dann flüsterte ich einem von meinen stärksten Soldaten einen Befehl zu; wir stemmten unsere breiten Schultern gegen die Tür und sprengten sie mit einem einzigen Druck aus ihren Angeln. Ein schneller Blick zeigte mir undeutlich eine Gestalt, die in einem Bett lag – ich sah wie der Kopf sich der Kerze näherte; aus ging das Licht, und wir standen in pechschwarzer Finsternis! Mit einem einzigen großen Satz war ich auf dem Bett und hielt den darin Liegenden mit meinen Knieen nieder. Mein Gefangener wehrte sich kräftig, aber ich kriegte seine Gurgel mit meiner linken Hand zu packen, und das war eine gute Hilfe für meine Kniee. Dann riß ich flugs meinen Revolver heraus, spannte ihn und legte den kalten Lauf zur Warnung gegen seine Wange. Dabei rief ich:
»Jetzt zünde schnell einer ein Licht an! Ich hab’ ihn sicher.«
Ein Streichholz flammte auf. Ich sah mir meinen Gefangenen an und – Himmeldonnerwetter! es war ein junges Frauenzimmer.
Ich ließ sie los und sprang vom Bett herunter. Ich kam mir ziemlich dämlich vor. Jeder von uns sah verdutzt seinen Nachbar an. Es war, als hätten wir alle die Vernunft verloren, so plötzlich und überwältigend wirkte die Ueberraschung. Das junge Frauenzimmer begann zu schreien und bedeckte sich das Gesicht mit dem Bettlaken. Der Wirt sagte in demütigem Ton:
»Meine Tochter hat wohl was getan, das nicht recht ist, nicht wahr?«
»Ihre Tochter? Ist das Ihre Tochter?«
»O ja, das ist meine Tochter. Die ist gerade heute abend von Cincinnati ein klein bißchen krank nach Hause gekommen.«
»Verflucht nochmal, der Bengel hat also wieder gelogen! Das ist nicht die richtige Nr. 166, das ist nicht B. B. Höre, Wicklow, jetzt wirst du uns die richtige Nr. 166 finden, sonst – hallo! wo ist denn der Junge?«
Fort war er – das war bombensicher. Und noch mehr, es gelang uns nicht, eine Spur von ihm zu finden. Das war eine eklige Klemme! Ich verwünschte meine Dummheit, daß ich ihn nicht an einen von den Leuten angebunden hatte; aber es hatte ja keinen Zweck, jetzt darüber zu fluchen. Was sollte ich unter den obwaltenden Umständen tun? – Das war die Frage. Das Mädchen konnte immerhin doch B. B. sein. Ich glaubte das allerdings nicht, aber es wäre ja nicht angängig gewesen, Zweifel für Gewißheit anzunehmen. Schließlich ließ ich meine Leute ein leeres Zimmer auf der anderen Seite des Flurs gegenüber von Nr. 166 beziehen und befahl ihnen, jeden, der sich des Mädchens Zimmer nähere, ohne Unterschied zu verhaften; den Wirt hatten sie bis auf weiteren Befehl unter strenger Bewachung zu halten. Dann eilte ich nach dem Fort zurück, um zu sehen, ob dort alles in Ordnung sei.
Ja, da war alles in Ordnung. Und alles blieb in Ordnung. Ich blieb die ganze Nacht auf, um sicher zu gehen. Es passierte nichts. Ich war unbeschreiblich froh, als ich den Morgen dämmern sah und an das Kriegsdepartement telegraphieren konnte, daß die Sterne und Streifen noch immer über Fort Trumbull wehten.
Ein ungeheurer Druck war mir vom Herzen genommen. Trotzdem ließ ich natürlich in meiner Wachsamkeit und Tätigkeit nicht nach; dazu lag der Fall zu ernst. Ich ließ die Verhafteten einen nach dem anderen vorführen und machte ihnen ganz gehörig die Hölle heiß, um sie zum Gestehen zu bringen – aber das nützte mir nichts. Sie knirschten bloß mit den Zähnen und rauften sich die Haare aus, aber sie verrieten nichts.
Gegen Mittag kamen Nachrichten über meinen verschwundenen Jungen. Man hatte ihn um sechs Uhr früh etwa acht Meilen von der Stadt auf der Landstraße gesehen. Er wanderte westwärts. Sofort schickte ich einen Kavallerieleutnant mit einem Gemeinen auf seine Spur. Zwanzig Meilen von der Stadt bekamen sie ihn zu Gesicht. Er war über einen Zaun geklettert und schleppte sich ermattet quer über eine morastige Wiese auf ein großes altmodisches Haus zu, das am Ende eines Dorfes lag. Sie ritten durch ein kleines Gehölz hindurch, machten einen Umweg und näherten sich dem Hause von der entgegengesetzten Seite. Dann stiegen sie ab und liefen schnell in die Küche. Da war niemand. Sie schlüpften in das nächste Zimmer, das ebenfalls leer war; die Tür nach dem Vorder- oder Wohnzimmer stand offen. Sie wollten gerade hineingehen, als sie eine leise Stimme hörten: irgend jemand sagte ein Gebet. Sie blieben daher ehrfurchtsvoll stehen, und der Leutnant streckte seinen Kopf vor und sah einen alten Mann und eine alte Frau, die in einer Ecke des Wohnzimmers auf den Knieen lagen. Der Betende war der alte Mann, und gerade als er mit seinem Gebet zu Ende war, machte Jung-Wicklow die Vordertür auf und trat ein. Die beiden alten Leute sprangen auf ihn zu und umarmten ihn voll Zärtlichkeit und riefen:
»Unser Junge! Unser Liebling! Gott sei gepriesen! Der Verlorene ist wiedergefunden. Der tot war, ist wieder am Leben!«
Nun, mein lieber Herr, was meinen Sie dazu: Die junge Kröte war da in dem Hause geboren und aufgewachsen und war sein ganzes Leben lang nicht weiter als fünf Meilen weg gewesen, bis er vor vierzehn Tagen in meine Wohnung gestrolcht kam und mich mit seiner rührseligen Räubergeschichte an der Nase herumführte! Das ist so wahr wies Evangelium. Der alte Mann war sein Vater – ein gelehrter alter Geistlicher, der sich zur Ruhe gesetzt hatte, und die alte Dame war seine Mutter.
Ich möchte mit ein paar Worten erklären, wie der Junge auf seine Streiche verfallen war. Er war, wie sich herausstellte, ein rasender Leser von Schauergeschichten und Sensationszeitungen – dunkle Geheimnisse und strahlende Heldentaten waren daher gerade so recht sein Fall. Er hatte in den Zeitungen gelesen, daß sich Rebellenspione fortwährend in unserer Mitte herumtrieben; die Geschichten von ihren grauslichen Absichten und von den zwei oder drei aufregenden Heldentaten, die sie wirklich ausführten, hatten auf seine Einbildungskraft gewirkt, bis sie schließlich in hellen Flammen stand. Mehrere Monate lang war sein beständiger Kamerad ein Yankeejüngling von großer Zungenbegabung und lebhafter Phantasie gewesen. Dieser hatte als ›Dreckschreiber‹ d. i. Unterzahlmeister, auf mehreren von den Dampfbooten gedient, die den Verkehr von New Orleans zwei- oder dreihundert Meilen den Mississippi aufwärts vermitteln – daher seine Gewandtheit in der Verwendung der Namen und gewisser Einzelheiten, die sich auf jene Gegend bezogen. Nun hatte ich selber in jenem Teil von Louisiana vor dem Ausbruch des Krieges zwei oder drei Monate zugebracht und ich wußte gerade genug, um mit Leichtigkeit auf die Geschichten des Burschen hineinzufallen, während hingegen ein geborener Louisianer ihn wahrscheinlich binnen fünfzehn Minuten bei seinem Schwindeln ertappt haben würde. Und wissen Sie, warum er sagte, er wollte lieber sterben, als gewisse Rätsel seiner Verschwörung erklären? Ganz einfach, weil er sie nicht erklären konnte. Sie hatten gar keine Bedeutung; er hatte sie ohne jeden Hinter- oder Vordergedanken reinweg aus seiner Einbildung geschöpft; als nun plötzlich von ihm verlangt wurde, eine Erklärung davon zu geben, da konnte er diese nicht so schnell erfinden. So z. B. konnte er das in dem mit ›sympathetischer Tinte‹ geschriebenen Brief verborgene Geheimnis nicht enthüllen – aus dem mehr als hinreichenden Grunde, weil darin überhaupt nichts verborgen war; es war bloß leeres Papier. Er hatte nichts in einer Kanone verborgen und hatte nie die Absicht gehabt, es zu tun – denn seine Briefe waren sämtlich an Personen geschrieben, die nur in seiner Phantasie existierten. Er wußte also auch nichts von dem geknoteten Bindfaden, denn er sah das Ding zum erstenmal, als ich es ihm zeigte. Sobald er aber von mir herausgebracht hatte, wo die Schnur gefunden war, machte er sich den Umstand in seinem romantischen Gemüt sofort zu Nutze und erzielte einige schöne Effekte damit. Er erfand Herrn ›Gaylord‹; es gab zufällig gerade damals gar keine Nr. 15 in Bondstreet – das Haus war drei Monate vorher abgebrochen worden. Er erfand den ›Oberst‹; er erfand die mit glatter Zunge erzählten Geschichten der unglückseligen Leute, die ich verhaftete und ihm gegenüberstellte. Er erfand ›B. B.‹; er erfand sogar, sozusagen, Nr. 166, denn er wußte nicht eher, daß es im Gasthof zum Adler diese Zimmernummer gab, als bis wir mit ihm hingingen. Er war bereit, alles und jedes zu erfinden, wie es gerade erforderlich war. Wenn ich nach Spionen ›außerhalb des Forts‹ fragte, nun da beschrieb er sofort Fremde, die er im Hotel gesehen und deren Namen er zufällig gehört hatte. Ah, er lebte in einer ungeheuerlichen, geheimnisvollen, romantischen Welt während dieser paar Tage, und ich glaube, für ihn war es Wirklichkeit und er hatte an ihr seine Lust bis in die tiefste Tiefe seiner Seele hinein.
Aber uns machte er Unannehmlichkeiten genug und wirklich endlose Scherereien. Sie begreifen: auf seine Veranlassung hin hatten wir fünfzehn oder zwanzig Leute aufs Fort gebracht und sie, mit einer Schildwache vor jeder Tür, in Einzelhaft gesetzt. Zum Teil waren die Verhafteten Soldaten und dergleichen Leute, und denen gegenüber brauchte ich mich nicht zu entschuldigen. Aber die übrigen waren Herrschaften erster Güte, aus allen Gegenden der Union, und so viele Entschuldigungen, wie die verlangten, konnte ich gar nicht zu stande bringen! Sie schäumten und tobten einfach vor Wut und machten einen unendlichen Lärm. Und dann die beiden Damen – die eine war die Gemahlin eines Kongreßmannes aus Ohio, die andere die Schwester eines Bischofs aus dem Westen – na, der verächtliche Hohn und die ärgerlichen Tränen, womit sie mich überschütteten! Ich dachte mir gleich, die Damen würde ich wohl recht lange im Gedächtnis behalten – und so ist’s wirklich eingetroffen und wird auch so bleiben. Der lahme alte Herr mit der grünen Brille war ein College-Vorsteher von der Universität Philadelphia, der nach New London gekommen war, um dem Begräbnis eines Neffen beizuwohnen. Er hatte natürlich Jung-Wicklow niemals vorher gesehen. Nun, er versäumte nicht nur die Beerdigung und wurde als Rebellenspion ins Loch gesteckt, sondern Wicklow war in meiner Wohnung vor ihn hingetreten und hatte ihn ganz kaltblütig als Urkundenfälscher, Niggerhändler, Pferdedieb und Brandstifter aus der verruchtesten Schurkenhöhle in Galveston bezeichnet, und das war etwas, was der arme alte Herr anscheinend durchaus nicht verdauen konnte.
Und das Kriegsdepartement! – Aber du lieber Gott, ziehen wir lieber den Vorhang darüber zu!
Anmerkung: Ich zeigte mein Manuskript dem Major, und er sagte: »Ihre geringe Vertrautheit mit militärischen Verhältnissen hat Sie zu einigen kleinen Mißverständnissen verleitet. Indessen, da sie der Geschichte sogar einen ganz hübschen Aufputz geben – lassen wir sie stehen. Militärs werden darüber lächeln, und andere Leser werden sie gar nicht bemerken. Sie haben die Hauptzüge der Geschichte richtig erfaßt und sie genau so wiedergegeben, wie sie sich zugetragen haben.«
M. T.
Aus den ›London Times‹ von 1904[8]
[8] Veröffentlicht wurde diese Phantasie im Jahre 1900.
I.
Bericht der ›London Times‹.
Chicago, den 5. April 1904.
Ich setze mittels Kabeltelephons den gestern abgebrochenen Bericht fort. Seit vielen Stunden hat jetzt die ungeheure Stadt – und mit ihr natürlich auch der übrige Teil des Erdballs – von nichts anderem gesprochen als von dem außerordentlichen Auftritt, den ich in meinem letzten Bericht erwähnte. Den Weisungen der Redaktion entsprechend will ich jetzt den Roman in seinem ganzen Verlauf schildern, vom Anfang bis zu dem Gipfelpunkt von gestern – oder heute; nennen Sie den Tag wie Sie wollen. Infolge eines eigentümlichen Zufalls war ich selber in einem Teil des Dramas persönlicher Mitwirkender. Die Eröffnungsszene spielt in Wien. Datum: ein Uhr morgens am 31. März 1898. Ich war den Abend zu Tisch eingeladen gewesen und hatte ungefähr um Mitternacht zusammen mit den Militärattachés der Britischen, der Italienischen und der Amerikanischen Botschaft die Gesellschaft verlassen, um zum Schluß noch eine späte Zigarre zu rauchen. Dies sollte im Hause des Leutnants Hillyer, des dritten von den oben genannten Attachés, vor sich gehen. Bei unsrer Ankunft fanden wir mehrere Besucher im Salon: den jungen Szczepanik; Herrn K., der Szczepaniks Projekte finanzierte; Herrn W., den Sekretär des Herrn K., und Leutnant Clayton von der Armee der Vereinigten Staaten. Der Krieg zwischen Spanien und den Vereinigten Staaten drohte damals gerade auszubrechen, und Leutnant Clayton war in militärischen Angelegenheiten nach Europa geschickt worden. Den jungen Szczepanik und seine beiden Freunde kannte ich recht gut, Clayton dagegen nur oberflächlich. Ich hatte ihn vor Jahren in West Point getroffen, als er dort Kadett war. Es war zur Zeit, als General Merritt Kommandeur der Militärschule war. Clayton galt für einen befähigten Offizier, zugleich aber für leicht erregbar und ziemlich gerade in seinen Worten.
Die Herren, die nunmehr im Rauchzimmer versammelt waren, waren zum Teil in geschäftlichen Angelegenheiten erschienen. Dieses Gespräch betraf eine Beratung über die Verwendbarkeit des elektrischen Fernsehers oder Telelektroskops für den militärischen Dienst. Es klingt jetzt sonderbar genug, ist aber trotzdem wahr, daß damals die Erfindung von keinem Menschen ernst genommen wurde, außer vom Erfinder selber. Sogar der Gönner, der das Geld hergab, betrachtete sie lediglich als ein merkwürdiges und interessantes Spielzeug. Er war sogar so überzeugt hievon, daß er einen Vertrag abgeschlossen hatte, durch welchen die Einführung des Fernsehers im Weltverkehr bis zum Ende des zur Rüste gehenden Jahrhunderts hinausgeschoben wurde; für zwei Jahre hatte er nämlich das Recht des ausschließlichen Betriebes einem Syndikat überlassen, das die Erfindung auf der Pariser Weltausstellung auszubeuten gedachte. Als wir das Rauchzimmer betraten, fanden wir Clayton und Szczepanik in einen in deutscher Sprache geführten hitzigen Disput über das Telelektroskop verwickelt. Clayton sagte gerade:
»Nun, Sie kennen jedenfalls meine Meinung darüber!« – und dabei schlug er nachdrucksvoll mit der Faust auf den Tisch.
»Und ich mache mir aus Ihrer Meinung nichts!« versetzte der junge Erfinder mit herausfordernder Ruhe in Ton und Haltung.
Clayton wandte sich zu Herrn K. und sagte:
»Ich kann einfach nicht begreifen, warum Sie Ihr Geld an eine solche Spielerei vergeuden. Ich bin überzeugt, niemals wird der Tag erscheinen, wo sie irgend einem menschlichen Wesen einen wirklichen Dienst leistet, der auch nur einen Farthing wert wäre.«
»Das kann sein; ja, das kann sein; trotzdem habe ich mein Geld da hineingesteckt, und ich bin zufrieden, daß ich’s getan habe. Ich glaube selber, daß es nur Spielerei ist; aber Szczepanik stellt seine Erfindung höher, und so wie ich ihn kenne, glaube ich, daß er weiter blickt als ich – und zwar sowohl mit seinem Telelektroskop als ohne dasselbe.«
Die freundliche Antwort kühlte Claytons Aerger nicht ab, sie schien ihn im Gegenteil nur noch mehr zu reizen, und er wiederholte in noch stärkeren Ausdrücken seine Versicherung, er sei überzeugt, daß die Erfindung keinem Menschen jemals für einen Farthing wirklichen Nutzen bringen werde. Diesmal sprach er sogar von einem ›kupfernen Farthing‹. Dann legte er einen englischen Farthing auf den Tisch und fuhr fort:
»Nehmen Sie ihn, Herr K., und stecken Sie ihn ein; und wenn der elektrische Fernseher jemals einem Menschen einen wirklichen Dienst leistet – ich betone: einen wirklichen Dienst – so schicken Sie ihn mir bitte als Erinnerungszeichen zu, und ich werde alsdann meine Worte zurücknehmen Wollen Sie?«
»Ich will’s,« sagte K. und steckte die Münze in die Tasche.
Clayton wandte sich nun zu Szczepanik und begann eine höhnische Bemerkung, die er aber nicht zu Ende brachte, denn Szczepanik unterbrach sie mit einem starken Ausdruck und schlug ihm unmittelbar darauf ins Gesicht. Ein paar Augenblicke lang schlugen die beiden Männer aus allen Kräften aufeinander los, dann wurden sie von den Attachés getrennt …
Jetzt wird die Szene nach Chicago verlegt. Zeit: Herbst 1901. Sobald der Vertrag für die Pariser Weltausstellung abgelaufen war, wurde der Fernseher dem öffentlichen Gebrauch übergeben, und es dauerte nicht lange, so war er an das Fernsprechernetz der ganzen Welt angeschlossen. Auf einmal wurde auch der verbesserte ›Fernsprecher für unbegrenzte Entfernungen‹ eingeführt, und die Tagesereignisse auf dem ganzen Erdball konnten jetzt von jedermann mit angesehen werden, und Augenzeugen, die unzählige Meilen von einander entfernt waren, konnten sich in bequem verständlicher Weise über die Geschehnisse unterhalten.
Nach einiger Zeit kam Szczepanik in Chicago an. Clayton, der inzwischen Hauptmann geworden war, stand dort in Garnison. Die beiden Männer nahmen ihren Wiener Streit vom Jahre 1898 wieder auf. Dreimal gerieten sie an verschiedenen Orten aneinander und mußten durch die Anwesenden getrennt werden. Dann verstrichen zwei Monate, während welcher Zeit Szczepanik von keinem seiner Bekannten gesehen wurde; anfangs nahm man an, er habe eine Vergnügungsreise angetreten und werde bald von sich hören lassen. Aber nein; es kam keine Nachricht von ihm. Darauf dachte man, er sei nach Europa zurückgekehrt. Wieder verging einige Zeit, und man hörte immer noch nichts von ihm. Indessen beunruhigte kein Mensch sich deswegen, denn er war wie die meisten Erfinder und andere Dichtersleute: er folgte in Kommen und Gehen seinen eigenen Launen und pflegte gewöhnlich seine Absichten nicht vorher anzukündigen.
Nun kommt die Tragödie. Am 29. Dezember wurde in einem finstern und unbenutzten Raum des Kellers unter Hauptmann Claytons Haus durch eins von Claytons Dienstmädchen ein Leichnam entdeckt. Bekannte Szczepaniks erklärten, es sei dieser. Der Mann war eines gewaltsamen Todes gestorben. Clayton wurde verhaftet, angeklagt und wegen dieses Mordes vor Gericht gestellt. Der Augenschein sprach in jeder Einzelheit und in völlig unanfechtbarer Weise gegen ihn. Clayton gab dieses selber zu. Er sagte, ein vernünftiger Mann, der alle Anzeichen mit leidenschaftslosem Sinn erwöge, müßte dadurch überzeugt werden – und würde trotzdem sich irren! Clayton schwor, er habe den Mord nicht begangen und sei in keiner Weise daran beteiligt gewesen.
Er wurde, wie Ihre Leser sich erinnern werden, zum Tode verurteilt. Er hatte zahlreiche und mächtige Freunde, und sie gaben sich große Mühe, ihn zu retten, denn keiner von ihnen bezweifelte die Wahrheit seiner Versicherung. Ich half nach meinen schwachen Kräften mit, denn ich war jetzt seit langer Zeit eng mit ihm befreundet und glaubte bestimmt zu wissen, daß es nicht in seinem Charakter lag, einen Feind in einen Winkel zu locken und dort zu ermorden. Während der Jahre 1902 und 1903 wurde ihm mehrere Male vom Gouverneur Aufschub der Strafe bewilligt; noch einmal wurde ihm zu Anfang des gegenwärtigen Jahres Frist gewährt und die Vollstreckung des Urteils bis zum 31. März verschoben.
Der Gouverneur befand sich vom Tage der Verurteilung an in einer peinlichen Lage – denn Claytons Gattin ist eine Nichte des Gouverneurs. Die Heirat fand im Jahre 1899 statt, als Clayton 34 und das Mädchen 23 Jahre alt war, und die Ehe war eine glückliche. Es ist ein Kind vorhanden, ein dreijähriges kleines Mädchen. Mitleid mit der armen Mutter und dem Kindchen schloß anfangs den Nörglern den Mund; aber dies konnte nicht immer so bleiben, denn in Amerika spricht bei allen Verhältnissen die Politik mit – und allmählich begannen des Gouverneurs politische Gegner die öffentliche Aufmerksamkeit darauf zu lenken, daß in diesem Fall dem Gesetz nicht ungehemmter Lauf gelassen werde. Diese Winke wurden in letzter Zeit immer häufiger und immer deutlicher. Natürlich wurden des Gouverneurs eigne Parteigenossen dadurch nervös gemacht. Die Führer der Partei fingen an sich in Springfield einzufinden und lange vertrauliche Besprechungen mit dem Gouverneur zu halten. Dieser befand sich jetzt zwischen zwei Feuern. Auf der einen Seite flehte seine Nichte ihn an, ihren Gatten zu begnadigen, auf der andern bestanden die Parteiführer darauf, er müsse seine klare Pflicht als erster Beamter des Staates erfüllen und dürfe Claytons Hinrichtung nicht länger aufhalten. Das Pflichtgefühl gewann in diesem Kampf die Oberhand, und der Gouverneur gab sein Wort, er werde dem Verurteilten keinen Aufschub mehr gewähren. Dies war vor zwei Wochen; Frau Clayton ging nun zum Gouverneur und sagte ihm:
»Jetzt, wo du dein Wort gegeben hast, ist meine letzte Hoffnung geschwunden, denn ich weiß, du wirst es niemals zurücknehmen. Aber du hast für John alles getan, was du konntest, und ich mache dir keinen Vorwurf. Du liebst ihn und liebst mich, und wir wissen, wenn du ihn in Ehren retten könntest, so würdest du es tun. Ich will jetzt zu ihm gehen, ihm beistehen, so gut ich kann, und ihm die paar Tage bis zu der grauenvollen Nacht, die für mich kein Ende haben wird, so angenehm wie möglich machen. Du wirst an jenem Tage bei mir sein? Du wirst mich’s nicht allein tragen lassen?«
»Ich will dich selber zu ihm bringen, armes Kind, und ich will bis zum letzten Augenblick dir zur Seite stehen.«
Auf des Gouverneurs Befehl wurde Clayton jetzt jede von ihm gewünschte Annehmlichkeit gewährt, die seinen Geist anregen und die Härten der Gefangenschaft ihm mildern konnte. Tagsüber waren Weib und Kind bei ihm; nachts leistete ich ihm Gesellschaft. Er wurde aus der engen Zelle herausgebracht, die er während einer so langen traurigen Zeit bewohnt hatte, und erhielt die geräumige und behaglich eingerichtete Wohnung des Oberaufsehers. Sein Geist beschäftigte sich fortwährend mit der Katastrophe seines Lebens und mit dem abgeschlachteten Erfinder, und so kam es ihm denn in den Sinn, er möchte gern das Telelektroskop haben und sich damit unterhalten. Sein Wunsch wurde erfüllt. Sein Zimmer wurde mit der internationalen Fernsprechstelle verbunden, und Tag für Tag und Nacht für Nacht rief er ein Erdenfleckchen nach dem andern an und betrachtete das Leben und die seltsamen Gewohnheiten und sprach mit den Leuten dort und begriff, daß er dank diesem wunderbaren Instrument fast so frei war wie ein Vogel in der Luft, ob er gleich als Gefangener hinter Schloß und Riegel saß. Selten sprach er mit mir, und ich unterbrach ihn niemals, wenn er mit seiner Lieblingsunterhaltung beschäftigt war. Ich saß in seinem Wohnzimmer und las und rauchte, und die Nächte waren sehr ruhig und verliefen friedlich und angenehm in seiner Gesellschaft. Ab und zu hörte ich ihn sagen: »Bitte Yeddo!«, und dann gleich darauf: »Bitte Hongkong!« und wieder: »Bitte Melbourne.« Und ich rauchte und las in aller Bequemlichkeit, während er fern in der Welt auf der andern Seite des Erdballs herumwanderte, wo die Sonne leuchtend am Himmel stand und die Menschen ihrem Tagwerk nachgingen. Zuweilen interessierte mich das Gespräch, das aus jenen fernen Gegenden kam und vermöge des mit dem Fernseher verbundenen Mikrophons in unsrem Zimmer vernehmbar war, und dann hörte ich zu.
Gestern – ich bleibe dabei, von ›gestern‹ zu sprechen, und zwar aus gewissen, ganz natürlichen, Gründen – gestern blieb das Instrument unbenutzt, und das war ebenfalls natürlich, denn es war der Tag vor der Hinrichtung. Er verging mit Weinen und Wehklagen und Abschiednehmen. Der Gouverneur und Claytons Weib und Kind blieben bis nachts um viertel nach elf, und die Auftritte, die ich miterlebte, schnitten einem ins Herz. Die Hinrichtung sollte um vier Uhr morgens stattfinden. Kurz nach elf tönte ein Schall von Hammerschlägen durch die stille Nacht, und draußen wurde es hell, und das Kind rief: »Was ist das, Papa?« und lief ans Fenster, ehe man es zurückhalten konnte, und klatschte in die Händchen und rief: »O komm doch, Mama, und sieh was für ein hübsches Ding sie da machen!« Die Mutter wußte, was sie machten – und sank in Ohnmacht. Es war der Galgen!
Sie wurde nach ihrer Wohnung fortgeschafft, die arme Frau, und Clayton und ich waren allein – allein und brüteten über unseren Gedanken und träumten. So bewegungslos und still saßen wir, daß man uns hätte für Bildsäulen halten können. Es war eine wilde Nacht draußen, denn der Winter war noch einmal zurückgekehrt zu einem kurzen Besuch, wie es in unserer Gegend in der ersten Frühjahrszeit meistens der Fall ist. Der Himmel war sternenlos und schwarz, und ein starker Wind blies vom See her. Das Schweigen im Zimmer war so tief, daß alle Laute von draußen infolge des Gegensatzes übertrieben stark erschienen. Diese Laute paßten zur Stunde, sie entsprachen der Lage und den Umständen; sausend und prasselnd fuhr der Sturm in plötzlichen Stößen über Dächer und Kamine, bis der Lärm an den Wasserrinnen und Häuserecken zu einem Pfeifen und Winseln erstarb; ab und zu schlug knatternd ein Hagelschauer an die Fensterscheiben – und dazu fortwährend die schauerlichen gedämpften Hammerschläge der Zimmerleute, die im Hofe den Galgen aufrichteten. Als dies fertig war, drang nach einer Ewigkeit ein anderer Ton zu uns – aus weiter Ferne und nur ganz schwach durch den Aufruhr des Sturmes hindurchklingend – eine Glocke schlug zwölf! Wieder eine Ewigkeit – dann schlug es abermals. Und dann – noch einmal. Dann folgte eine entsetzlich lange Pause und dann tönte wiederum der Geisterklang zu uns herüber: Eins! – Zwei! – Drei! – Und diesmal stockte uns der Atem dabei: Noch sechzig Minuten zu leben!
Clayton stand auf und trat ans Fenster. Er schaute hinaus in den schwarzen Himmel und horchte auf das Prasseln des Hagels und das Pfeifen des Windes. Dann sagte er: »Und das sollten eines Mannes letzte Augenblicke auf Erden sein?!« Und nach einer kurzen Weile: »Ich muß noch einmal die Sonne sehen – die Sonne!« Und im nächsten Augenblick rief er in fieberhafter Erregung: »China! Verbinden Sie mich mit China – Peking!«
Ich selber war in seltsamer Aufregung und dachte bei mir: »Wie unglaublich – ein gewöhnlicher Mensch vollbringt dieses unermeßliche Wunder: wandelt Winter in Sommer, Nacht in Tag, Sturm in Windstille, gibt einem Gefangenen in seiner Zelle freien Verkehr mit dem ganzen großen Erdball und läßt einen Mann, der in ägyptischer Finsternis stirbt, die Sonne in ihrem nackten Schönheitsglanz schauen!«
Ich hörte dem Gespräch zu:
»Was für ein Licht! welch ein Glanz! welche Strahlenfülle! … Das ist Peking?«
»Ja.«
»Welche Zeit?«
»Mitten am Nachmittag.«
»Was will die große Menge, was bedeuten die prachtvollen Kleider? Welche Massen und Massen von reicher Farbenpracht und barbarischem Glanz! Und wie sie blitzen und sprühen und glühen in dem flutenden Sonnenlicht! Was bedeutet denn das alles?«
»Die Krönung unseres neuen Kaisers – des Zaren.«
»Aber ich dachte, die hätte gestern stattfinden sollen.«
»Unser ›heute‹ ist für Sie – ›gestern‹.«
»Ach so, natürlich. Aber ich bin dieser Tage etwas verwirrt – aus guten Gründen … Ist dies der Beginn des Festzugs?«
»O nein; er fing schon vor einer Stunde an, sich in Bewegung zu setzen.«
»Wird noch mehr davon zu sehen sein?«
»Der Vorbeimarsch dauert noch zwei volle Stunden. Warum seufzen Sie?«
»Weil ich gerne alles gesehen hätte.«
»Und warum können Sie das nicht?«
»Ich muß gehen – gleich jetzt im Augenblick.«
»Sie haben eine Verpflichtung?«
Pause. Dann ein leises »Ja«. Wieder eine Pause. Dann: »Wer sind die Leute unter dem prachtvollen Zeltdach?«
»Die kaiserliche Familie und Fürstlichkeiten, die aus allen Gegenden der Welt als Gäste gekommen sind.«
»Und wer sind die anderen in den anstoßenden Zelten zur Rechten und zur Linken?«
»Unter dem Zeltdach rechts Gesandte mit Familien und Gefolge; zur Linken Fremde ohne amtlichen Charakter.«
»Wenn Sie so gut sein wollen, ich …«
Bumm! Wieder erscholl durch das Unwetter von Sturm und Hagel die ferne Glocke und meldete mit schwacher Stimme die halbe Stunde. Die Tür ging auf, und der Gouverneur trat ein; mit ihm Mutter und Kind – die Frau im Witwengewand! Mit leidenschaftlichen Tränen warf sie sich ihrem Gatten an die Brust und ich – ich mußte hinaus; ich konnte es nicht ertragen. Ich ging in das Schlafzimmer und schloß die Tür. Dort saß ich und wartete – wartete – wartete, und lauschte dem Hagelgeprassel und Sturmesgesause. Mir war’s, als verginge eine lange lange Zeit, dann hörte ich ein Geraschel und Hinundhergehen im Wohnzimmer, und ich wußte, jetzt waren der Geistliche, der Sheriff und der Gefängniswärter eingetreten. Dann wurde leise gesprochen; dann alles still; dann ein Gebet, mit Schluchzen untermischt; auf einmal der Klang von Schritten – der Aufbruch zum Schafott; und dann noch des Kindes glückliche Stimme: »Ach weine doch nicht mehr, Mama; jetzt haben wir da doch Papa wieder und nehmen ihn mit nach Hause!«
Die Tür fiel zu; sie waren fort. Ich schämte mich; ich war des zum Sterben Bestimmten einziger Freund, der keine geistige Kraft, keinen Mut hatte. Ich trat ins Wohnzimmer und sagte laut, ich wollte ein Mann sein und auch hingehen. Aber über uns selbst können wir nicht hinaus – können es mit dem besten Willen nicht. Ich ging nicht.
Aufgeregt lief ich im Zimmer herum; auf einmal ging ich ans Fenster, öffnete es leise – von dem fürchterlichen Bann erfaßt, den entsetzliche Ereignisse ausüben – und sah auf den Hof hinunter. Bei dem prahlerischen Licht der elektrischen Lampen sah ich die kleine Gruppe der eingeladenen Zeugen, die Frau, die an ihres Onkels Brust weinte, den Verurteilten, der auf dem Schafott stand. Schon hatte er den Strick um den Hals, seine Arme waren an den Leib gebunden, die schwarze Kappe bedeckte seinen Kopf. Der Sheriff an seiner Seite hielt die Hand am Fallbrett; ihm gegenüber stand der Geistliche barhäuptig und mit dem Buch in der Hand.
»Ich bin die Auferstehung und das Leben –«
Ich drehte mich um; ich konnte es nicht mit anhören, ich konnte es nicht mit ansehen. Ich wußte nicht, wohin ich ging und was ich tat. Mechanisch und unbewußt legte ich meine Augen an das merkwürdige Instrument, den elektrischen Fernseher – und da war Peking und der Krönungszug des Zaren.
Im nächsten Augenblick beugte ich mich aus dem Fenster hinaus – atemlos, nach Luft ringend. Ich versuchte zu sprechen, aber ich war gerade infolge der Notwendigkeit, ohne jeden Verzug zu sprechen, wie betäubt. Der Prediger konnte sprechen, aber ich, der ich so dringend Worte finden mußte …
»Und möge Gott Gnade haben mit deiner Seele. Amen.«
Der Sheriff zog die schwarze Kappe herunter und legte die Hand an den Hebel. Da fand ich meine Stimme wieder!
»Halt! Um Gottes willen halt! Der Mann ist unschuldig. Kommt her und seht Szczepanik von Angesicht zu Angesicht!«
Kaum drei Minuten darauf stand der Gouverneur an meiner Stelle am Fenster und rief:
»Nehmt ihm die Fesseln ab und laßt hin frei!«
Drei Minuten später waren alle wieder im Zimmer. Der Leser wird sich die Szene vorstellen können; ich brauche sie nicht zu beschreiben. Es war eine Art von wahnsinnigem Freudentaumel.
Ein Bote brachte Szczepanik Meldung nach dem Zuschauerzelt, und wir konnten sehen, wie ein angstvolles Erstaunen sein Antlitz überzog, als er die Geschichte vernahm. Dann begab er sich an den Apparat und sprach mit Clayton und dem Gouverneur und anderen. Und die Frau dankte ihm mit überströmendem Gefühl, daß er ihres Gatten Leben gerettet, und küßte ihn in ihrer tiefen Dankbarkeit über zwölftausend Meilen hinweg.
Die elektrischen Fernseher auf dem ganzen Erdball traten in Tätigkeit, und viele Stunden lang sprachen Könige und Königinnen – und ab und zu auch ein Reporter – mit Szczepanik und priesen ihn; und die wenigen wissenschaftlichen Gesellschaften, die ihn noch nicht zum Ehrenmitglied erhoben hatten, beglückten ihn jetzt mit dieser Gunst.
Wie war es zugegangen, daß er aus unserer Mitte verschwand? Dies war leicht erklärt. Er hatte noch nicht die Uebung erlangt, seinen Weltruhm zu tragen, und hatte nicht anders gekonnt als sich vor dem Glück, überall der Löwe des Tages zu sein, aus dem Staube zu machen; denn dieses ›Glück‹ machte jede Ruhe und Selbsteinkehr unmöglich. Er ließ sich also einen Bart wachsen, setzte eine blaue Brille auf, verkleidete sich auch selbst noch ein bißchen, nahm einen falschen Namen an und ging davon, um in Frieden die Welt zu durchwandern.
Das ist der Verlauf des Dramas, das im Frühling 1898 mit einem unbedeutenden Streit in Wien begann und im Frühling 1904 beinahe als Tragödie geendet hätte.
II.
Korrespondenz der ›London Times‹.
Chicago, den 1. April 1904.
Heute kam von der ›Electric Line‹ mit einem elektrischen Eilschiff und vom Hafen ab mit der elektrischen Eisenbahn befördert, ein Briefumschlag aus Wien an Hauptmann Clayton. Inhalt: ein englischer Farthing. Der Empfänger war recht gerührt. Er ließ sich mit Wien verbinden, begrüßte Herrn K’s wohlbekanntes Gesicht und sagte:
»Ich brauche nichts zu sagen; Sie können alles auf meinem Antlitz lesen. Meine Frau hat den Farthing. Seien Sie unbesorgt – sie wird ihn nicht wegwerfen.«
III.
Korrespondenz der ›London Times‹.
Chicago, den 23. April 1904.
Da jetzt die späteren Entwickelungen des ›Falls Clayton‹ ihren Lauf genommen – und beendigt haben, so will ich das Ganze kurz zusammenfassen. Claytons romantische Rettung vor einem schmachvollen Tode versetzte die ganze Gegend in einen Zaubertaumel von freudiger Ueberraschung. Er hielt die sprichwörtlichen neun Tage an. Dann folgte die Ernüchterung, und einige begannen nachzudenken und zu sagen: »Aber ein Mann wurde getötet – und Clayton tötete ihn.« Andere antworteten: »Das ist wahr; diesen wichtigen Umstand haben wir übersehen; wir haben uns von unserer Erregung zu weit fortreißen lassen.«
Bald hatte man allgemein das Gefühl, Clayton müsse noch einmal vor Gericht gestellt werden. Die nötigen Maßnahmen wurden getroffen und es wurden die erforderlichen Anträge in Washington gestellt; denn in Amerika gehören nach dem neuen Paragraphen, der im Jahre 1889 der Verfassung hinzugefügt wurde, Prozesse zweiter Instanz nicht in den Machtbereich der Einzelstaaten, sondern es sind Nationalangelegenheiten, und sie müssen vor die erhabene Körperschaft des Landes, den ›Höchsten Gerichtshof der Vereinigten Staaten‹ gebracht werden. Die Richter wurden also zur Tagung nach Chicago berufen. Die Sitzung fand vorgestern statt und wurde mit den üblichen eindrucksvollen Förmlichkeiten eröffnet: die neun Richter erschienen in ihren schwarzen Talaren und der neue Höchste Richter (Lemaître) führte den Vorsitz. Der letztere eröffnete die Verhandlung und sprach:
»Meiner Meinung nach ist die Sache ganz einfach: Der Angeklagte war beschuldigt, einen gewissen Szczepanik ermordet zu haben; er wurde wegen Ermordung des Szczepanik vor Gericht gestellt; er wurde wegen Ermordung des Szczepanik in aller Form Rechtens schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt. Es stellt sich heraus, daß der Szczepanik überhaupt nicht ermordet wurde. Nach der Entscheidung der französischen Gerichtshöfe im Fall Dreyfus steht es unbestreitbar fest, daß Entscheidungen von Gerichtshöfen ewig gelten und nicht nachgeprüft werden können. Wir sind gehalten, diesen Präzedenzfall zu achten und uns zu eigen zu machen. Auf Präzedenzfälle ist das ewige Gebäude der Rechtswissenschaft gegründet. Der Angeklagte ist in aller Form Rechtens wegen Ermordung des Szczepanik zu Tode verurteilt worden, und es gibt meiner Meinung nach in dieser Angelegenheit nur einen einzigen Weg, den wir einschlagen können: er muß gehängt werden!«
Richter Crawford sagte:
»Aber Exzellenz, er wurde wegen dieser Tat auf dem Schafott begnadigt!«
»Die Begnadigung ist nicht gültig und kann nicht gültig sein, denn er wurde begnadigt wegen der Ermordung Szczepaniks – eines Mannes, den er nicht getötet hatte. Niemand kann wegen eines Verbrechens begnadigt werden, das er nicht begangen hat; das wäre eine Abgeschmacktheit.«
»Aber Exzellenz, er tötete einen Menschen!«
»Das ist ein außerhalb der Sache liegender Umstand; wir haben damit nichts zu tun. Der Gerichtshof kann sich mit diesem Verbrechen nicht eher beschäftigen, als bis der Angeklagte das andere gesühnt hat.«
Richter Halleck bemerkte:
»Wenn wir seine Hinrichtung anordnen, Exzellenz, so werden wir damit nur einen Mißgriff der Justiz veranlassen, denn der Gouverneur wird ihn abermals begnadigen.«
»Dazu wird er nicht die Macht haben. Er kann keinen Menschen wegen eines Verbrechens begnadigen, das dieser nicht begangen hat. Dies würde, wie ich bereits bemerkte, eine Abgeschmacktheit sein.«
Nach einer Beratung mit seinen Kollegen sagte Richter Wadsworth:
»Mehrere von uns sind zum Schluß gekommen, Exzellenz, daß es ein Irrtum sein würde, den Angeklagten wegen des an Szczepanik begangenen Mordes zu henken anstatt wegen der Ermordung des anderen Mannes; denn es ist bewiesen, daß er Szczepanik nicht getötet hat.«
»Im Gegenteil, es ist bewiesen, daß er Szczepanik tötete. Aus dem französischen Präzedenzfall geht klar hervor, daß wir bei dem Spruch des Gerichtshofes verbleiben müssen.«
»Aber Szczepanik lebt ja noch.«
»Dreyfus auch.«
Kurz und gut, es wurde für unmöglich befunden, den französischen Präzedenzfall zu ignorieren oder ihn zu umgehen. Es war nur ein Ergebnis möglich: Clayton wurde dem Henker überantwortet. Dies bewirkte eine ungeheure Erregung; der Staat Illinois erhob sich wie ein Mann und verlangte Claytons Begnadigung und die Wiederaufnahme seines Prozesses. Der Gouverneur sprach die Begnadigung aus, aber der Höchste Gerichtshof mußte sie pflichtgemäß für ungültig erklären; er tat es, und der arme Clayton wurde gestern gehenkt.
Die Stadt trauert in Schwarz, und dies kann man in der Tat vom ganzen Staate sagen. Ganz Amerika hallt wider von verächtlichem Zorn gegen ›Französische Gerechtigkeit‹ und gegen die bösartigen Offizierchen, die dies Ding erfanden und andere Christenländer damit straften.
Das Todeslos.[9]
[9] Nach einer wahren Begebenheit, die Carlyle in seinen Letters and Speeches of Oliver Cromwell erwähnt.
M. T.
Es war zur Zeit Oliver Cromwells. Oberst Mayfar, der jüngste Offizier dieses Ranges im Heere des Protektors, war erst dreißig Jahre alt, aber trotz seiner Jugend doch ein Veteran, wetterfest und kriegsgewohnt, denn er hatte schon mit 17 Jahren seine militärische Laufbahn begonnen. In vielen Schlachten hatte er gefochten, war von Stufe zu Stufe gestiegen und hatte sich durch Verdienste im Feld nicht nur die allgemeine Achtung, in der er stand, sondern auch seine Stellung im Heere erworben. Aber jetzt bedrückte ihn große Sorge; ein Schatten war auf sein Glück gefallen.
Der Winterabend war hereingebrochen; draußen stürmte es in der Dunkelheit; drinnen ein melancholisches Schweigen. Der Oberst und sein junges Weib hatten über ihre Not und Sorge gesprochen, hatten ihr abendliches Bibelkapitel gelesen und das Abendgebet gesprochen. Jetzt blieb nichts mehr zu tun übrig, als Hand in Hand ins Feuer zu blicken und nachzudenken und – zu warten. Lange würden sie nicht zu warten haben; das wußten sie, und die Frau schauderte bei dem Gedanken.
Sie hatten ein Kind – Abby, 7 Jahre alt; es war ihr Abgott. Sie wußten, es würde sogleich zum Gute-Nacht-Kuß kommen, und der Oberst sagte:
»Trockne deine Tränen und laß uns glücklich scheinen – ihr zulieb. Wir müssen für den Augenblick vergessen, was uns bevorsteht.«
»Ja, ich will es versuchen. Ich will versuchen, ob ich den Gram in mein Herz verschließen kann, ohne daß es bricht.«
»Und wir wollen auf uns nehmen, was uns zu tragen bestimmt ist, mit Geduld, und nicht vergessen, daß alles, was Er tut, wohl getan ist und zu unserem Besten …«
»Sein Wille geschehe! Ja, ich kann es mit gläubiger Seele sprechen – ich wollte, ich könnte es auch von ganzem Herzen sagen. O, wenn ich das könnte! Aber der Gedanke, daß diese liebe Hand, die ich zum letztenmal drücke und küsse – – –«
»Still, mein Schatz, sie kommt.«
Eine kleine Gestalt mit lockigem Haar kam im Nachtkleid zur Tür herein und sprang auf den Vater zu, der das Kind an seine Brust drückte und leidenschaftlich küßte, ein, zwei, drei Mal.
»Halt, Papa, du darfst mich nicht so arg küssen; du zerzausest mir meine Haare.«
»Ach, das tut mir aber furchtbar leid; vergibst du mir, mein Liebling?«
»Ei natürlich, Papa. Aber ist’s dir wirklich leid? Tust du nicht bloß so, sondern bist du im Ernst traurig darüber?«
»Du wirst’s gleich selber sehen, Abby,« sagte der Oberst, bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen und tat als ob er schluchzte. Das Kind erschrak über diese tragische Wendung, die es verursacht hatte, fing selber an zu weinen, mühte sich, dem Vater die Hände von den Augen zu ziehen und rief:
»O, nicht weinen, lieber Papa! Abby hat es nicht bös gemeint; Abby will’s nie, nie wieder tun. Bitte, Papa!« Sie zog an den großen Händen und versuchte, sie auseinanderzuschieben. Dabei erspähte sie zufällig ein Auge hinter denselben und rief: »O, du böser Papa, du hast ja gar nicht geweint; du hast mir bloß ’was vorgemacht! Und Abby geht jetzt zur Mama; die behandelt Abby besser.«
Sie wollte von seinem Schoß klettern, aber ihr Vater schlang die Arme um sie und sagte: »Nein, liebes Kind, bleibe bei mir; Papa ist unartig gewesen, aber er gesteht es ein, und es tut ihm leid – komm, laß ihn deine Tränen wegküssen – und er bittet dich um Verzeihung, und will zur Strafe alles tun, was Abby sagt; so, jetzt sind sie alle weggeküßt und keine einzige Locke zerzaust – und was Abby befiehlt – –«
Sogleich trat wieder lachender Sonnenschein auf des Kindes Gesicht; es streichelte seinem Vater die Backen und nannte die Strafe: – »Eine Geschichte, eine Geschichte!«
Horch!
Die Eltern hielten den Atem an und lauschten. Schritte, kaum vernehmbar in dem Sausen des Windes, kamen näher, immer näher … wurden lauter … immer lauter, dann gingen sie vorbei und erstarben in der Ferne. Die beiden Eltern atmeten erleichtert auf, und der Vater sagte: »Also eine Geschichte? Eine lustige?«
»Nein, Papa, eine schreckliche.«
Papa versuchte, sie zu einer lustigen zu überreden, aber die Kleine bestand auf ihrem Recht, daß der Papa alles tun sollte, was sie befehlen würde. Er war ein guter puritanischer Soldat und hatte sein Wort gegeben – er sah, daß er es halten müsse. »Papa,« rief Abby, »wir müssen nicht immer lustige Geschichten haben. Meine Betty sagt, daß die Leute nicht lauter lustige Zeiten hätten. Ist das wahr, Papa? Sie sagt so.«
Die Mutter seufzte, und ihre Angst legte sich wieder schwer auf ihr Herz. Der Vater antwortete freundlich: »Ja, das ist wahr, mein Schatz. Die Sorgen bleiben nicht aus. Das ist leider so.«
»O, dann erzähle davon eine Geschichte, Papa, – eine recht schreckliche, so daß es uns allen gruselt, als ob wir es wären. Komm ganz dicht hierher, Mama, und nimm eines von Abbys Händchen. Weißt du, wenn’s dann zu schrecklich wird, können wir es leichter aushalten, wenn wir alle beieinander sitzen und du meine Hand hältst. So Papa, jetzt kannst du anfangen.«
»Nun also … es waren einmal drei Obersten …«
»O das ist fein! Ich weiß ganz gut was Obersten sind, weil du auch einer bist, und ich kenne ihren Anzug. Bitte weiter, Papa.«
»Und in einer Schlacht hatten sie sich gegen die Disziplin vergangen.«
Das fremde Wort gefiel dem Kind; voll Neugier und Staunen sah es auf und sagte:
»Ist das etwas Gutes zum Essen, Papa?«
Die Eltern lachten beinahe, und der Vater antwortete:
»Nein, Kind, das ist ganz etwas anderes. Sie überschritten ihre Befehle.«
»Ist das etwas – – –«
»Nein, das ist ebensowenig zu essen, wie das andere. Sie hatten den Befehl, in einer unglücklichen Schlacht einen Scheinangriff auf eine feste Stellung zu machen, um den Soldaten den Rückzug zu ermöglichen. Aber in ihrem Eifer überschritten sie ihre Befehle, denn sie machten einen wirklichen Angriff, nahmen die Stellung im Sturm und gewannen die Schlacht. Der Obergeneral war zwar ihres Lobes voll, aber sehr erbost über ihren Ungehorsam und schickte sie nach London, damit dort über ihr Leben vor Gericht entschieden würde.«
»Ist das er große General Cromwell, Papa?«
»Ja.«
»O, den habe ich gesehen, Papa! Wenn er so stolz auf seinem großen Pferd mit den Soldaten bei unserem Hause vorbeikommt, dann macht er ein Gesicht … so … ich weiß selbst nicht recht wie, aber er sieht aus, als ob er unzufrieden wäre, und man kann sehen, daß die Leute Angst vor ihm haben. Aber ich habe keine Angst vor ihm, denn mich hat er nicht so angesehen.«
»O du liebe kleine Plaudertasche! Also die Obersten wurden gefangen nach London gebracht und auf Ehrenwort entlassen, um ihre Familien noch zum letztenmal …«
Horch!
Sie horchten. Wieder Schritte; doch sie gingen abermals vorbei. Die Mutter lehnte ihren Kopf an des Gatten Schulter, um ihre Blässe zu verbergen.
»Sie sind heute morgen angekommen.«
Die Augen des Kindes öffneten sich weit.
»Sag’ mal, Papa, ist es denn eine wahre Geschichte?«
»Gewiß, Herzchen.«
»O, wie fein; das ist ja viel viel besser; bitte Papa, wie geht die Geschichte weiter? Ei Mama … liebe Mama, weinst du denn?«
»Komm, laß mich, Kind. Ich dachte nur an die … an die armen Familien.«
»Aber du mußt nicht weinen, liebe Mama; es wird noch alles gut werden, du wirst sehen; das ist immer so bei Geschichten. Bitte Papa, erzähle weiter, bis wo es heißt: Und sie lebten glücklich bis an ihr Ende. Nicht wahr, Mama, dann weinst du nicht mehr? Papa, bitte erzähle weiter.«
»Zuerst brachte man die Gefangenen in den Tower, ehe man sie nach Hause gehen ließ.«
»Ich kenne den Tower! Wir können ihn von hier aus sehen.«
»Im Tower saß das Kriegsgericht eine Stunde lang über sie zu Gericht und fand sie schuldig. Sie wurden verurteilt, erschossen zu werden.«
»Totgeschossen, Papa?«
»Ja.«
»O wie abscheulich! Liebe Mama, du weinst ja wieder; nicht weinen Mama! Die Geschichte wird gleich an die gute Stelle kommen, du wirst schon sehen. Mach’ schnell, Papa, der Mama zulieb; du erzählst nicht schnell genug.«
»Du hast ganz recht; das kommt wohl daher, daß ich mich so oft besinnen muß.«
»Aber du mußt dich nicht besinnen Papa, du mußt immer weiter erzählen.«
»Ja, mein Kind – diese drei Obersten …«
»Kennst du sie, Papa?«
»Ja, ich kenne sie.«
»O wenn ich sie nur auch kennen würde! Ich habe alle Obersten so gern. Glaubst du, daß sie sich von mir küssen ließen?« Des Obersten Stimme zitterte ein wenig, als er antwortete:
»Einer von ihnen sicher. Komm’, küsse mich statt seiner.«
»Da Papa – – und diese zwei sind für die beiden andern. Ich glaube doch, sie würden sich von mir küssen lassen; ich würde sagen: ›Mein Papa ist auch ein Oberst, und sehr tapfer; er würde ganz ebenso gehandelt haben wie ihr, und so kann es nichts Böses sein, mögen die Leute sagen, was sie wollen. Ihr braucht euch also nicht ein kleines bißchen zu schämen‹. Dann würden sie sich küssen lassen, nicht wahr Papa?«
»Mit Freuden, das weiß Gott, mein Kind!«
»Mama! O nicht weinen, gute Mama; jetzt kommt gleich die Stelle, wo sie alle glücklich werden. Papa, bitte erzähle weiter.«
»Dann waren einige von ihnen traurig – sie alle waren es; ich meine das Kriegsgericht. Und sie gingen zum Obergeneral, und sagten, sie hätten ihre Pflicht getan, – denn weißt du, es war ihre Pflicht – und jetzt bäten sie darum, daß zwei von den Obersten begnadigt würden, und bloß einer erschossen werden sollte. Das würde genügen, um bei der Armee ein Exempel zu statuieren. Aber der Obergeneral war sehr streng und lehnte ihre Bitten ab, denn wenn sie ihre Pflicht getan und nach ihrem Gewissen gehandelt hätten, so wolle er sich seiner Pflicht auch nicht entziehen und seine Soldatenehre nicht beflecken. Sie aber erwiderten, daß sie ihn um nichts gebeten hätten, was sie nicht auch tun würden, wenn sie an seiner Stelle stünden und das hohe Vorrecht hätten, Gnade zu üben. Das machte Eindruck auf ihn, er überlegte eine Weile und die Härte wich etwas aus seinen Zügen. Dann hieß er sie warten und zog sich in sein Zimmer zurück, um sich im Gebet bei Gott Rat zu erholen. Als er wiederkam, sagte er: ›Sie sollen das Los ziehen; einer muß sterben; zwei sollen leben‹.«
»Haben sie gelost, Papa? Und welcher muß sterben? Ach, der arme Mann!«
»Nein, sie haben sich geweigert.«
»Sie wollen es nicht tun, Papa?«
»Nein.«
»Weshalb nicht?«
»Sie sagten, daß derjenige, welcher das Todeslos zöge, sich durch seine eigene freiwillige Handlung zum Tod verurteilte und das sei nichts anderes als Selbstmord, man möge sagen was man wolle. Sie aber seien Christen, und die Bibel verböte ihnen, sich das Leben zu nehmen. Diese Antwort schickten sie dem Obergeneral und ließen ihm sagen, sie seien bereit, man solle das Urteil des Kriegsgerichts vollstrecken.«
»Was heißt denn das, Papa?«
»Daß sie … daß sie alle erschossen werden.«
Horch!
Der Wind? Nein. Trapp – trapp – trapp – r-r-rumbledibum, r-r-rumbledibum – – –
»Im Namen des Obergenerals, macht auf!«
»Papa, sieh’ nur, es sind Soldaten! Ich habe die Soldaten so gern! Darf ich ihnen aufmachen? Bitte, bitte, Papa!«
Sie sprang herunter, lief zur Tür und machte sie auf, indem sie vergnügt rief: »Kommt nur herein, kommt nur herein! Abby macht euch auf. Hier sind sie, Papa! Grenadiere! Die Grenadiere kenn’ ich zu gut!«
Die kleine Abteilung marschierte herein und stellte sich in Linie auf, Gewehr in Arm; ihr Offizier grüßte, der verurteilte Oberst stand aufrecht da und erwiderte den Gruß, sein Weib stand neben ihm, totenbleich und mit schmerzdurchwühlten Zügen – aber sonst verriet sie durch kein Zeichen ihren trostlosen Jammer. Das Kind sah auf die Szene mit leuchtenden Augen …
Eine lange Umarmung von Vater, Mutter und Kind; dann der Befehl »zum Tower – Marsch!« Mit fester Haltung und militärischem Schritt verließ der Oberst sein Haus, gefolgt von der Abteilung. Dann schloß sich die Tür.
»O Mama, war das nicht wunderschön! Ich habe dir’s ja immer gesagt, daß die Geschichte so ausgehen würde. Und jetzt gehen sie zum Tower, und da kann er die Obersten sehen. Er – – –«
»Komm in meine Arme, du armes unschuldiges Ding! …«
Am andern Morgen war die unglückliche Mutter nicht imstande, das Bett zu verlassen. Aerzte und barmherzige Schwestern saßen bei ihr und flüsterten ab und zu miteinander; Abby durfte nicht ins Zimmer kommen; man hatte ihr gesagt, sie solle auf die Straße gehen und spielen – Mama sei sehr krank. Ganz eingepackt in dicke Wintersachen ging das Kind vors Haus und spielte eine Weile; dann kam ihr der Gedanke, es sei doch sonderbar und eigentlich unrecht, daß Papa so lange im Tower bliebe, während Mama so krank war. Sie wollte mal nach Papa sehen.
Eine Stunde später trat das Kriegsgericht vor den Obergeneral. Aufrecht, mit finsterer Miene, die Fingerknöchel auf den Tisch gestützt, stand er da und bedeutete dem Wortführer durch eine Gebärde, zu sprechen. Dieser sagte: »Wir haben sie dringend ersucht, sich die Sache noch einmal zu überlegen; wir haben sie beschworen, allein sie bleiben bei ihrer Weigerung, das Los zu ziehen. Sie sind willens, zu sterben, aber nicht die Vorschriften ihrer Religion zu übertreten.«
Der Protektor machte ein finsteres Gesicht, jedoch er schwieg. Eine Zeitlang blieb er in Gedanken versunken, dann sprach er: »Sie sollen nicht alle sterben; das Los soll für sie gezogen werden.« Die Anwesenden vernahmen es voll Dankbarkeit. »Holt sie her! Führt sie in dieses Zimmer hier! Dort sollen sie sich aufstellen. Mit dem Gesicht nach der Wand, die Hände hinter sich gekreuzt. Meldet mir, wenn sie da sind.«
Als Cromwell wieder allein war, setzte er sich und gab einem Adjutanten den Befehl: »Bringen Sie mir das nächste beste kleine Kind herein, das draußen vorbei geht!«
Kaum hatte sich die Tür hinter dem jungen Offizier geschlossen, als er auch schon wieder zurückkam, mit Abby an der Hand, auf deren Kleidern der Schnee schimmerte. Die Kleine ging ohne Scheu auf das Staatsoberhaupt zu, bei dessen bloßem Namen Fürsten und Könige zitterten; sie kletterte ihm auf den Schoß und sagte:
»Dich kenne ich; du bist der Obergeneral; ich habe dich schon gesehen, als du einmal an meinem Haus vorbeigekommen bist. Alle hatten Furcht vor dir, aber ich nicht, weil du mich nicht so bös angesehen hast. Nicht wahr, das weißt du noch! Ich hatte mein rotes Kleid an – das mit den blauen Dingern vorne. Weißt du das nicht mehr?«
Ein Lächeln ging durch die harten Züge des Protektors, und er zögerte diplomatisch mit der Antwort.
»Ja, doch … ich muß mich besinnen, … es war …«
»Ich stand gerade vor dem Haus, vor meinem Haus, weißt du.«
»Hm! … du liebes kleines Ding, es ist ja eine Schande, aber ich weiß wirklich …«
Das Kind unterbrach ihn vorwurfsvoll:
»Ach, du hast es doch vergessen. Aber ich nicht.«
»Ich schäme mich auch wirklich darüber, aber jetzt will ich dich gewiß nicht mehr vergessen, auf mein Wort. Nicht wahr, du vergibst mir, und wir wollen von jetzt an immer gute Freunde sein?«
»O, natürlich, obgleich ich nicht verstehe, wie du mich hast vergessen können. Du mußt recht vergeßlich sein, aber das bin ich auch manchmal; meine Betty hat es mir gesagt. Doch, ich verzeihe dir, denn ich glaube, du bist doch gut, ebenso gut wie … aber du mußt mich besser auf deinen Schoß setzen, und in den Arm nehmen, so wie Papa – es ist kalt.«
»Komm’, schmieg dich nur ordentlich an, du kleine neue Freundin; von jetzt ab bist du dann meine alte Freundin, nicht wahr? Du erinnerst mich an mein kleines Mädchen – jetzt ist es freilich schon lange nicht mehr klein – aber es war ein liebes, süßes, zierliches kleines Dingelchen und hatte denselben Zauberreiz wie du, du kleine Fee. Mit deinem holdseligen Vertrauen zu jedermann, ob Freund oder Fremder, machst du alle zu willigen Sklaven, auf die dein Zauberbann fällt. So wie du jetzt, lag sie auch früher in meinen Armen, vertrieb mir die Müdigkeit und Sorge aus dem Herzen und gab ihm Frieden, gerade so, wie du jetzt. Und wir zwei waren Freunde und Spielkameraden. Es ist lange, lange her, daß dieser Himmel voller Freuden für mich verschwunden ist im Dunkel der Zeit, und du bringst ihn mir jetzt wieder; – nimm dafür den Segen eines Mühseligen und Beladenen, du kleines Ding, das mir Last und Sorge für England abnimmt, dieweil ich ruhe.«
»Hast du sie arg, arg, arg gerne gehabt?«
»Das kannst du daran sehen: Sie brauchte nur zu befehlen, und ich gehorchte!«
»Du bist so gut! Willst du mich küssen?«
»Von ganzem Herzen … ich bin sogar stolz darauf. Da – der ist für dich … und der ist für sie. Du hast mich darum gebeten, und du hättest es mir befehlen können, denn du vertrittst jetzt ihre Stelle, und was du mir befiehlst, muß ich ausführen.«
Das Kind klatschte in die Hände vor Freude über diese neue Machtstellung, dann schlug ein Geräusch an ihr Ohr: der gleichmäßige Schritt marschierender Männer.
»Soldaten! Soldaten! Abby möchte sie so gerne sehen.«
»Du sollst sie sehen, mein Kind; aber warte einen Augenblick, ich habe einen Auftrag für dich.«
Ein Offizier trat ein, grüßte und sprach: »Die Verurteilten sind zur Stelle, Sir.« Dann grüßte er wieder und ging.
Das Staatsoberhaupt gab Abby drei kleine Kugeln aus Siegelwachs. Zwei davon waren weiß und eine rot; diese sollte den Oberst, der sie erhielt, zum Tod verurteilen. »O, was für eine schöne rote! Sind die alle für mich?«
»Nein, Herzchen, sie sind für andere Leute. Die Türe dort, die der Vorhang verdeckt, ist offen, gehe hindurch in das anstoßende Zimmer; dort wirst du drei Männer in einer Reihe stehen sehen, mit den Händen auf dem Rücken, – so – und jeder hält eine Hand offen, wie eine Schale. In jede von den drei offenen Händen lege eine von diesen Kugeln und komme dann zurück zu mir.«
Abby verschwand hinter dem Vorhang und der Protektor blieb allein. Er sagte mit heiliger Ehrfurcht: »In meiner Verwirrung kam mir dieser Gedanke gewiß von Ihm, der eine allgegenwärtige Hilfe ist denen, die bedrängt sind und seinen Beistand suchen. Er weiß, auf wen die Wahl fallen soll, und hat mir diesen sündenreinen Boten geschickt, damit sein Wille geschehe. Wir Menschen können irren, aber Er irret nie. Wunderbar sind Seine Wege und unergründlich Seine Weisheit … gelobet sei sein heiliger Name!«
Als die kleine Elfe den Vorhang hinter sich fallen ließ, betrachtete sie einen Augenblick mit lebhafter Neugier das Zimmer, die unbeweglichen Gestalten der Soldaten und die drei Gefangenen. Dann glitt ein Leuchten über ihr Gesicht und sie dachte bei sich: »Einer davon ist Papa; ich kenne ihn von hinten. Er soll die schönste haben!« Vergnügt lief sie hinzu und legte die Wachskugel in die offenen Hände; dann wandte sie, unter dem Arm ihres Vaters hindurchguckend, diesem ihr lachendes Gesicht zu und rief:
»Papa, Papa! Sieh’ nur, was du bekommen hast. Ich habe es dir gegeben!«
Der Oberst warf einen Blick auf die unheilvolle Gabe, sank in die Kniee und drückte, überwältigt von Liebe und Leid, die unschuldige kleine Vollstreckerin seines Todesurteils an die Brust. Soldaten, Offiziere, die beiden begnadigten Obersten, alle standen einen Augenblick wie gelähmt von der Ungeheuerlichkeit dieser Tragödie, dann aber übermannte sie die Rührung über den jammervollen Auftritt; ihre Augen füllten sich mit Tränen, und sie schämten sich nicht zu weinen. Ein feierliches, tiefes Schweigen herrschte während der nächsten Minuten, dann ging der Offizier der Wache mit Widerstreben auf seinen Gefangenen zu, berührte ihn an der Schulter und sagte in sanftem Ton:
»So leid es mir tut, Sir … aber meine Pflicht gebietet mir.«
»Gebietet was?« fragte das Kind.
»Ich muß ihn wegführen …«
»Wegführen? Wohin denn?«
»Nach … nach … Gott stehe mir bei! … nach einem anderen Teil der Festung.«
»Aber das geht jetzt wirklich nicht. Meine Mama ist krank und ich hole ihn nach Haus.«
Sie wand sich los und kletterte ihrem Vater auf den Rücken, indem sie ihre Arme um seinen Hals schlang: »Komm, Papa, wir wollen jetzt gehen.«
»Mein ärmstes Kind, ich kann nicht. Ich muß mit ihm gehen.« Das Kind sprang zu Boden und sah verwundert um sich. Dann lief es auf den Offizier zu, stampfte mit dem kleinen Fuß ärgerlich auf den Boden und rief:
»Ich habe dir doch gesagt, daß meine Mama krank ist, und du hast es wohl gehört. Laß’ ihn gehen – du mußt!«
»Armes Kind, wollte Gott, ich könnte es, aber ich kann nicht anders, ich muß ihn wegführen. Achtung, Wache! … das Gewehr über! …«
Wie ein Blitz war Abby davongeschossen. Im nächsten Augenblick kam sie wieder, den Obergeneral an der Hand hinter sich herziehend. Bei dieser gefürchteten Erscheinung rafften sich alle zusammen, die Offiziere grüßten und die Wache salutierte.
»Befiehl du es ihnen! – Meine Mama ist krank und braucht meinen Papa; ich hab’s ihnen gesagt, aber sie hören gar nicht auf mich und wollen ihn fortführen.«
Der Obergeneral schien wie vom Schlag gerührt.
»Dein Papa, Kind? Ist das dein Papa?«
»Natürlich! Das war immer mein Papa. Würde ich wohl sonst die hübsche rote Kugel ihm und keinem andern gegeben haben, wenn ich ihn nicht so lieb hätte? Gewiß nicht!«
Bestürzung malte sich in des Protektors Zügen, und er sagte:
»Gott helfe mir! Durch des Satans Tücke habe ich das Grausamste begangen, das je ein Mensch tat – und keine Hilfe, keine Hilfe! Was soll ich, was kann ich tun?«
Ungeduldig und betrübt zugleich rief Abby: »Du kannst ihnen doch befehlen, daß sie ihn gehen lassen!« und sie begann zu schluchzen. »So sage es ihnen doch! Du hast mir versprochen, ich dürfe nur befehlen, und jetzt, das erste Mal, daß ich sage, du sollest etwas tun, tust du es doch nicht!«
Ein milder Schimmer breitete sich über das rauhe Gesicht des alten Kriegers. Er legte seine Hand auf das Haupt der kleinen Tyrannin und sprach: »Gott sei Lob und Dank für den rettenden Zufall dieses gedankenlosen Versprechens; und Heil dir, daß du, von Ihm geleitet, mich daran erinnert hast. Gottes Auge ruht auf dir, mein Kind! Wache! Gehorcht ihrem Befehl, – sie spricht durch meinen Mund. Der Gefangene ist begnadigt; gebt ihn frei!«