1

Mein Frauenhimmel zerstürzt,

Mein Freundeswille erstickt,

Unnatur ist der Kampf.

Und war doch einst ein Fließen

Und Händereichen

Und Hingeben.

Meine Tage verstreut,

Mein Blut zu Ende,

Meine Zärtlichkeit tot.

Schwäche besteigt das Haupt,

Darauf ruht keine Hand.

2

Die Nächte stehen leer von Tanz,

Die höchsten Feste sind versäumt,

Die Kette der Freundschaft ist einender Haß,

Der macht unseliger noch verloren.

Die Männer sind vor Scham verwüstet,

Sie wagen nicht, sich zu erkennen,

Überall sind Freunde einzeln

Ohne Frau, Gewalt und Inbrunst.

Der Mensch ist entzweigeteilt!

Er will Erniedrigung,

Aber ich lasse den Himmel nicht los.

Ein hohes Feuer ist meine Not,

Es hüllt die Erde ein

In edle Trunkenheit!

Hohler Spalt, offner Schlaf

Hört den Wind der Reise,

Wo er Traumeskreise traf

Rauschen Ähren leise.

Meine Hand führt Deine Hand

Feuerfluß der Sterne,

Rings ist still ein Wellenland

Lockung in die Ferne.

Stadtgesicht schwillt wüst empor

Maul bis zu den Ohren,

Fürchterlich erdröhnt ein Chor:

Du auch bist verloren.

In der schweren gelben Luft

Hängt ein Meer von Armen,

Steine fallen, Stimme ruft

Gellend um Erbarmen.

Welche Reise muß ich tun?

Selig sei Du, weine,

Traum zerreiße, Nacht will ruhn,

Weiße Sonne, scheine!

Beim Tode einer alten Frau

Wir werden uns leise

Um sie versammeln,

Zu Häupten zwei graue

Zu Füßen zwei weiße,

Einer wird mitten zur Hülle gesunken

In Händen halten Haut wie Laub. —

Schön sind Blumen

Rings gelegt.

Wir hörten Worte toll Sturm durch die Straßen rollen,

Die sind auf einmal still geworden.

Wir müssen uns ganz nah begeben,

Sonst trägt, was kommen wird, uns weit.

Kannst du laut lachen einmal,

Zerteilen mein’ Angst,

Ich glaube — wir sind nicht mehr.

Wir wandern alle schon im Herbst,

Auch was so neu und kühn: ist Herbst;

Wir werden bald uns wechseln müssen,

Schon löst die Krone sich vom Haupt.

Ich bin schon alt wie hundert Jahr,

Mein Blut ist früh so schwer geworden,

Alte Frau, ich bin Dir nah.

Sind Deine Augen immer zu,

Ich bin aus Dir ein Blätterbaum,

Viel Zweige werden von mir gehn,

Blitz fällt mich kaum.

Ich bin geschehn

Stark dazustehn,

Doch Du brauchst Ruh.

Abendgang

Zu doppelt Teil zerfällt der Kern,

Wenn die anschwellende Grauenfrucht

Durchstieß die Narbe, verschlang die Hütten:

Entsetzen — Gelächter.

Gegen die Augen Stoß der Dächer,

Und die Erde will in den Mund,

Musik und Ruf durchstechen das Ohr,

In mich flüchtet der ganze Lärm

Aber wenn ich ins Weite will

Versagt ein jedes und ist am Ende.

Verheißungslos in mein Fleisch zurück:

In kahler Kammer bin ich da.

Zuviel dies Land zerfurcht von Blut,

Mord regungsloser Turm darin.

Hier kann mir keine Heimat sein,

Hilf suchen doch mein fernes Land.

Wenn sich die Nacht nun an mich hängt,

Die treibt durch Straße, Park, Café,

Erst lachen wir, dann weinen wir,

Dann schließt uns Wahn die Augen zu.

1

Ich liege wie ein Unheil auf der Stadt,

Ich liege ganz berauscht von Stadt,

Meine Worte sind Gift.

Jetzt kommen alle, wollen kosten,

Geschlagen sein, zu nichte sein,

Von mir das Sterben erfahren.

Die Schwachen wollen sich zügeln lassen,

Ich kann ihre wunden Augen nicht sehn,

Sie sind, Verachtete, feige im Licht.

Kinderhände ringen um Führung,

Hände auch verkrüppeln vor Angst,

Hände können die Tränen nicht halten.

Durch mich, in mich stürzt alles zurück,

Ich singe hart, grausam laut:

Ich liege wie ein Unheil auf der Stadt.

2

Ihr Gotterfüllten in der Zeit

Von jeher Euer Erbe Inbrunst:

Des Gottes Ehre ist mißbraucht.

Sein Tempel ist ein offnes Haus,

Sein heilig Blut tropft schwer dahin:

Des Gottes Ehre ist mißbraucht.

Schreit auf, da Euch Gebet versagt,

Ihr wart die Hüter, Ihr das Tor:

Des Gottes Ehre ist mißbraucht.

Ihr seid der Welt Verderber,

Des großen Sterbens seid Ihr schuld:

Des Gottes Ehre ist mißbraucht.

Sein hehrer Leib klagt krank und wund,

Ein Grauenvolles starrt sein Mund,

O, meines Gottes Ehre ist zerstört!

3

Tragt seinen Fluch in Euren Tod,

Es soll ein neuer Glanz geschehn,

Ein Fest wird sein, ein strahlend Rot

Soll über Euren Häuptern stehn

Und Wirklichkeit, die furchtbar droht,

Aus leeren Augen auf Euch sehn.

Uns komme Licht, uns sei das Wort,

Ein Gang auf Wellen, Hand in Hand,

Gesang, an dem die Kraft verdorrt,

Die heute nicht Erlösung fand.

O erster Morgen, letzter Mord,

Rauchender Welt entsteigt mein Land!

Loslösung

Während ich mit Euch bin, mit Euch teile

Trennt sich schon tastend die suchende Saat,

Einheit versagt sich zu jagender Meile,

Heilige Forderung wird der Verrat.

Sind wir mit waltenden Waffen Bescherte,

Trifft uns vereinsamt gemeinsames Ziel,

Nur wer den Geist seines Gottes versehrte,

Bröckelt verlodernd am eignen Gefühl.

Gestern im Tempel der treuste der Wächter,

Heute der Schänder am heiligsten Gut,

Dennoch gewertet als Harter, Gerechter,

Wehrlos gewappnet der Wut nur durch Blut,

Das schon vom donnernden Schalle durchrauscht

Keinen vermag der Gestürzten zu schonen,

Entrückt dem rasenden Trommelklang lauscht

Kommender Revolutionen.

Eroberte Stadt

Die ganze Stadt ist eine große Kirche

Voll Andacht, Inbrunst, Reue und Gebet,

Vom Gipfelsturm der Glocken überweht.

Der Tag erbraust in Tätigkeit und Kraft,

Doch nirgends ist ein emsig Herz am Werke,

Die Seelen alle sind zu Gott erschlafft,

Die Augen ruhn, in sich dahingerafft.

Nur in den Glocken rast noch Sinn und Stärke.

Da fällt ein Beben auf die Stadt herab

Und ein Erzittern und ein Fliehenwollen,

Die Mauern stöhnen qualvoll, und ein Grollen

Hebt an und alle Tore spreizen sich

Und aus den übervollen

Jammergetränkten Wänden birst ein Schrei

Und Schreien,

Von Flammen, Steinen überschüttet

Steigt das Grauen

Steil in die Luft:

„Wir taten nichts,

Wir nahten

Uns Dir in Blöße,

Wir ahnten Deines Angesichts

Endlose Größe,

Doch Du spiest Granaten.“

1916

Zersprengte Jugend!

Uns die Zeit

Zerbiß die Stirn,

Es schreit, schreit,

Kann nicht ruhn,

Lauert bereit

Ohne zu tun.

Abendgang,

Nacht in Straßen,

Zwang zu hassen

Hilflos, krank, —

Verflucht solche Jugend,

O Alter und Ende,

Pack fort das Grauen,

Zerhauen

Sind unsere Hände,

Die schaffen sollen!

Durchlöchert, zerfressen

Rinnen wir aus,

Wir wollen

Hinaus!

Sonst Mord! Sonst Mord!

Raserei

Laßt uns frei!

Laßt uns fort!

Totes Europa

Ist ohne Jugend,

Ach erschlagen

Ist die Jugend.

Offnes Grab,

Kalt und hart,

Narren, Helden,

Entflammte Juden,

Überreste

Erreichen die Wüste!

Im dritten Jahr ist der Gruß Geschrei,

Mattes Ächzen, gestöhnte Qual

Hebt an, stimmt ein!

Im Genick die modernde Faust verhöhnt.

Meiner Freunde zerfressene Augen,

Die zerbrachen im ersten Sturm,

Sind gewandert in jedes Gesicht.

Beinhaus Erde! Es wandeln die Toten.

Du bist mir fremd, da Du noch bist,

Es quillt noch Blut, wenn man Dich sticht,

Wer lebt, ist Mörder, Euch liebe ich nicht.

Du warst mein Freund? So stürze ein,

Geschleift, gestoßen vor ein Gericht

Wollen wir Feindschaft in uns schrein!

Haß, den vereint wir schufen

Als letzten Feind,

Aus Nacht, aus Bett gerufen

Krumm und verweint.

Fremder, mit dem ich ging,

Soll ich Dich schlagen,

Qual, die Dich rings umhing,

Muß ich nun tragen.

Alles liegt da zerdrückt

Kraft, Weichheit, Wut,

Haß, auf den Sinn gezückt,

Haß, Du bist gut.

Auge

Was soll die Furcht vor diesen fremden Augen!

Komisches Grauen wirft mich rücklings hin,

Sie schleppen schwarzes Feuer in den Brauen,

Asche wie Blut betropft das Kinn.

Gehöhlt gezackte Landschaft, hoch zu schauen,

Bergkreuz der Augen: der durchbohrte Sinn,

Er will sich wütend in die Sonne bauen,

Dort steht auf Mauern, brausend, der ich bin.

Jed’ Wesen ist nur Käfig für sein Leid,

Gefüllt mit Tränen, ausgebrannte Kehle,

Nur noch ein Wimmern, weinend, unbefreit.

Faust, brich hernieder in die Augenhöhle,

Spreize die Finger, zerreiße die Seele,

Rasende Faust meiner „herrlichen“ Zeit.

Komme über alle

Starre Wut,

Totes Auge

Und der Glieder Besessenheit.

Dumpf versunken

In der Not Anblick,

Stumm für Zuruf,

Unfähig der Tat.

Nicht sich verlieren

Nur stierend sagen

Hassend kalt sagen:

Da — ist — Mord

Da — ist — Schande

Da — ist — Mord.

Ich weiß nicht mehr

Wie Morgen ist

Und Tag beginnt.

Sind noch die Wasser

Und das Tal,

Mond, dem die Nacht erliegt?

Niemehr kommt Sommer,

Ganz gefangen

Starrt mein Gesicht,

Lauert grausam

Und erwürgt

Die kleine Hoffnung.

Schon tänzelt um mich

Die Dirne

Im Kreis,

Heißer Atem,

Ein Fetzen

Zur Haut.

Werft doch alle

Euch hin

Wo Ihr seid,

Stoßt doch alle

Heraus!

Euer Leid

Im Schrei

Erdrosselt

Die Zeit.

Jungfrau